Die Ver­mes­sung der See­le

Abge­wählt! Auch eine Woche und hun­dert Wahl­ana­ly­sen spä­ter kann ich es nicht fas­sen: Kaum habe ich mein Glück ent­deckt, ist es wie­der weg.

Noch kei­ne zwei Wochen sind es her, dass ich mich an einem küh­len Herbst­abend durch die 75 Fra­gen des smart­vo­te delu­xe-Kata­logs gekämpft habe. Mei­ne Wahl­zet­tel waren längst aus­ge­füllt und abge­schickt, mich trieb ein­zig und allein die Neu­gier­de: Hat­te ich rich­tig gewählt? – Oder anders gefragt: Stimmt die Selbst­wahr­neh­mung mit dem Resul­tat einer pro­fes­sio­nell erfolg­ten Ver­mes­sung mei­ner Gesin­nung über­ein?

Der Test war schwie­ri­ger, als ich gedacht hat­te. Obschon ich mir ein­bil­de, kla­re poli­ti­sche Posi­tio­nen zu ver­tre­ten, wuss­te ich bei man­chen Fra­gen nicht, ob und wo ich nun kli­cken soll­te. Und tat es dann doch – genau wie vor Jah­ren bei Par­ship. Auch dies war ein Selbst­ver­such, damals unter jour­na­lis­ti­schem Vor­wand.

Vor zehn Jah­ren galt Par­ship als bahn­bre­chen­de neue Metho­de für die Part­ner­su­che – smart­vo­te, der Ver­dacht ist nicht von der Hand zu wei­sen, dürf­te beim Ver­kup­pe­lungs­dienst abge­kup­fert haben. Nahe­lie­gend wäre es auf alle Fäl­le.

Nicht nur das Vor­ge­hen, auch die Ziel­set­zung ist ja die Glei­che: Sowohl bei Par­ship wie bei smart­vo­te geht es um die best­mög­li­che Wahl. Nur, dass bei der Online-Part­ner­schafts­su­che weni­ger poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen abge­fragt wer­den. Beim Part­ner­schafts­test muss sich die Pro­ban­din viel­mehr mit sich sel­ber dar­auf eini­gen, ob sie ein extro­ver­tier­ter Typ oder doch eher intro­ver­tiert sei. Wie sie es mit (Un)Tugenden wie Eifer­sucht oder Gross­zü­gig­keit hält, und ob sie des Nachts lie­ber bei offe­nem oder geschlos­se­nem Fens­ter schla­fe.

Mit psy­cho­lo­gisch aus­ge­klü­gel­ten Fra­gen, mehr­fach ver­schlüs­selt gegen Selbst­be­trug und TÜV-zer­ti­fi­ziert, wird in einem viel­schich­ti­gen Fra­gen­ka­ta­log die See­le nach allen Sei­ten hin ver­mes­sen. Als Beloh­nung winkt ein kla­res Resul­tat, das ein- und zuteilt. Und eine wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Part­ner­wahl ver­spricht.

Genau so die Online-Wahl­hil­fe­tools der Poli­to­lo­gen: Die stan­dar­di­sier­ten Fra­gen ver­mit­teln den Ein­druck einer kla­ren und neu­tra­len Bewer­tung. Poli­ti­sche Hal­tun­gen und Stel­lung­nah­men von Par­tei­en und Kan­di­da­tIn­nen wer­den in ein­gän­gi­ge Sche­ma­ta gezwängt, aus der akri­bisch genau berech­ne­ten Posi­ti­on im Spin­nen­netz gibt es kein Ent­rin­nen. Dabei kann durch­aus gesche­hen, dass vor­der­grün­dig wis­sen­schaft­li­che Ein­tei­lun­gen wie kon­ser­va­tiv, libe­ral oder links und rechts auch ein­mal durch­ein­an­der gera­ten. Was nicht wei­ter schlimm ist, schliess­lich wuss­te ja bereits Ernst Jandl: man­che mei­nen lechts und rinks kann man nicht vel­wech­sern. Werch ein ill­t­um!

Dies wäre ja alles hin­zu­neh­men, inklu­si­ve das geschwät­zi­ge Zurecht­bie­gen von Fehl­ge­wich­tun­gen und Pro­gno­sen nach erfolg­ten Wah­len. Behaup­ten und schön­re­den gehö­ren nun mal zum Kern­ge­schäft der Poli­to­lo­gen. Damit ver­die­nen sie schliess­lich gutes Geld.

Was aber wirk­lich geschmerzt hat und bis heu­te weh tut, ist das rea­le Wahl­re­sul­tat, frei von allen vir­tu­el­len Berech­nun­gen. Dies nur weni­ge Tage, nach­dem mir smart­vo­te die Augen geöff­net und gezeigt hat­te, dass ich in Bern mei­ne ganz per­sön­li­che Ver­tre­tung habe. Dank jener Natio­nal­rä­tin, deren Ant­wor­ten im delu­xe-Fra­ge­bo­gen zu 84% mit den mei­ni­gen über­ein­stimm­ten!

Umso grös­ser der Schock, als klar wur­de: Sie ist – wir wur­den abge­wählt.

Mora­les lenkt ein

Das The­ma für mei­nen 50. Blog war schon gesetzt: Ein Wahl­kom­men­tar soll­te es wer­den. Einer der beson­de­ren Art. Noch bevor die ers­ten Hoch­rech­nun­gen und hand­fes­ten Zah­len dem Hof­fen ein jähes Ende berei­ten, woll­te ich über ein bahn­bre­chen­des Resul­tat schrei­ben:

Erst­mals in der über 150jährigen Geschich­te der Schweiz, muss­te das bür­ger­li­che Lager eine schwe­re Nie­der­la­ge ein­ste­cken. Im neu­en Par­la­ment ver­fü­gen Grü­ne und Sozi­al­de­mo­kra­ten fort­an über eine soli­de Mehrt­heit. Damit hat­te nie­mand gerech­net.

Ein­zig die gros­sen Ver­lus­te der FDP ent­spre­chen den Vor­aus­sa­gen der Wahl­pro­gnos­ti­ker. Der mas­si­ve Ein­bruch der SVP hin­ge­gen, die gera­de noch auf einen Stim­men­an­teil von 9 Pro­zent kommt, traf alle poli­ti­schen Dia­gnos­ti­ker und Kaf­fee­satz­le­ser völ­lig unvor­be­rei­tet. Dass auch CVP und Grün­li­be­ra­le nur mäs­sig abschnei­den zeigt, dass eine über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Wäh­le­rIn­nen den kapi­ta­lis­ti­schen Losun­gen nicht mehr traut, und sich für die Schweiz eine gerech­te­re und zukunfts­ori­en­tier­te Poli­tik wünscht.

Wei­ter hät­te ich aus­füh­ren kön­nen, dass auch die SP ihre Denk­zet­tel erhal­ten hat. So etwa im Kan­ton Bern, wo Ricar­do Lumen­go die Wie­der­wahl in den Natio­nal­rat schaff­te. Dies, nach­dem er wegen angeb­li­chen Wahl­be­trugs, von dem er schliess­lich frei­ge­spro­chen wur­de, von sei­nen Genos­sin­nen und Genos­sen fal­len gelas­sen wor­den ist. Ange­sichts der neu­en Mehr­heits­ver­hält­nis­se steht nun sogar sei­ne Wahl in den Bun­des­rat zur Dis­kus­si­on – er gilt als pro­fi­lier­ter Anwär­ter für das Depar­te­ment „Kul­tu­rel­le Kom­mu­ni­ka­ti­on“, wel­ches anstel­le des bis­he­ri­gen VBS für die Schwei­ze­ri­sche Sicher­heits­po­li­tik zustän­dig sein wird.

So und ähn­lich hät­te ich geschrie­ben und mich mei­nen Fan­ta­si­en dar­über hin­ge­ge­ben, wie es her­aus­kom­men könn­te, wenn es ein­mal anders her­aus­kä­me…

Die Mel­dung, die mei­ne ursprüng­li­che The­men­wahl umge­stos­sen hat, war eben­so über­ra­schend, wie der Wahl­sieg der sozia­len Kräf­te in der Schweiz. Im Gegen­satz zu mei­ner bloss hin­ge­blogg­ten Träu­me­rei ist sie aber real: Der boli­via­ni­sche Prä­si­dent Evo Mora­les hat bekannt gege­ben, dass die geplan­te Schnell­stras­se durch den Ama­zo­nas nicht gebaut wird.

Dies, nach­dem der Pro­test der direkt betrof­fe­nen Men­schen, die ihren Lebens­raum durch das Stras­sen­bau­pro­jekt akut bedroht sahen, lan­ge auf tau­be Ohren gestos­sen ist. Noch im Juni sag­te Mora­les: „Wir wer­den die­se Stras­se bau­en – ob es den Leu­ten dort passt oder nicht.“ Sol­che Infra­struk­tur­bau­ten brau­che es für die Ent­wick­lung des Lan­des — dies die Argu­men­ta­ti­on des Prä­si­den­ten.

Die von Bra­si­li­en finan­zier­te Schnell­stras­se hät­te mit­ten durch einen Natio­nal­park geführt. Die dort leben­den Indi­os befürch­te­ten zu Recht, dass die­ses Bau­werk nicht nur eine Schnei­se durch ihr Gebiet schla­gen wür­de, son­dern auch neue Sied­ler und damit die Zer­stö­rung wei­te­rer Wald­ge­bie­te des Ama­zo­nas und ihrer Kul­tur nach sich zöge.

Um sich gegen das Pro­jekt zur Wehr zu set­zen, bra­chen sie zu einem mehr­wö­chi­gen Marsch Rich­tung Haupt­stadt auf. Die Regie­rung ging zunächst mit bru­ta­ler Här­te gegen die Demons­trie­ren­den vor, was zur Fol­ge hat­te, dass sich in ganz Boli­vi­en Men­schen mit den Anlie­gen der Pro­tes­tie­ren­den soli­da­ri­sier­ten.

Als der Pro­test­zug letz­ten Mitt­woch in La Paz ein­traf, wur­de er von Tau­sen­den freu­dig begrüsst. Am Frei­tag dann, noch vor einem Tref­fen mit 2000 Ver­tre­te­rIn­nen der direkt Betrof­fe­nen, lenk­te Evo Mora­les ein, trug den sozia­len und öko­lo­gi­schen For­de­run­gen der Bevöl­ke­rung Rech­nung und gab den Ver­zicht auf die Schnell­stras­se durch das Ama­zo­nas­ge­biet bekannt. — Ein Prä­si­dent, der auf sein Volk hört — kein Traum, son­dern für ein­mal wirk­li­che und wahr­haf­ti­ge Rea­li­tät.

Koh­le aus der Mon­go­lei

Im Juni 2011 ging die Mel­dung um die Welt, dass die För­der­li­zen­zen für die Koh­le­vor­kom­men von Tavan Tol­goi in der Mon­go­lei, an drei inter­na­tio­na­le Bie­ter ver­ge­ben wor­den sei­en: Mit 40 Pro­zent des Ter­rains fiel der gröss­te Bro­cken dem chi­ne­si­schen Koh­le­gi­gan­ten Shen­hua zu, 24 Pro­zent gin­gen an den US-ame­ri­ka­ni­schen Kon­zern Peabo­dy Ener­gy und die rest­li­chen 36 Pro­zent an ein mon­go­lisch-rus­si­sches Kon­sor­ti­um.

Tavan Tol­goi liegt im Süden der Mon­go­lei, in der Wüs­te Gobi, nahe der chi­ne­si­schen Gren­ze. Eine Gegend, die bis vor kur­zem weit­ge­hend unbe­rührt blieb. Sie gehör­te nie­man­dem, aus­ser den wild leben­den Tie­ren. Und den Noma­den, die mit ihren Her­den durch die schier end­lo­sen Wei­ten zogen.

Damit ist es nun vor­bei: Unter dem Boden von Tavan Tol­goi wer­den die gröss­ten noch unge­ho­be­nen Koh­le­schät­ze der Welt ver­mu­tet. Rund 6,4 Mil­li­ar­den Ton­nen sol­len hier lagern, min­des­tens ein Drit­tel davon hoch­wer­ti­ge Stein­koh­le. Das bedeu­tet für die Inves­to­ren: bes­te Aus­sicht auf fet­te Gewin­ne — Kli­ma­wan­del hin oder her.

Der Abbau und die Umwäl­zung der Land­schaft sind bereits in vol­lem Gan­ge. Nicht nur in Tavan Tol­goi. In der Mon­go­lei, einem der roh­stoff­reichs­ten Län­der der Welt, herrscht Gold­grä­ber­stim­mung: Die stei­gen­den Prei­se für Roh­stof­fe wie Koh­le, Kup­fer, Gold und Sil­ber haben zur Fol­ge, dass über­all im Land Berg­wer­ke aus dem Boden schies­sen – mit ver­hee­ren­den Fol­gen für das fra­gi­le Öko­sys­tem. Und für die Noma­den, deren Wei­de­grün­de der wil­den Jagd nach Geld und Pro­fit unwie­der­bring­lich zum Opfer fal­len.

Dass in der Mon­go­lei rei­che Boden­schät­ze schlum­mer­ten, wuss­te man bereits zu Sowjet­zei­ten. Damals ver­zich­te­te man aber auf einen Abbau im gros­sem Stil. Zu abge­le­gen waren die Step­pen, Ber­ge und Wüs­ten im Süden von Sibi­ri­en, zu lang die Trans­port­we­ge nach Russ­land.

So konn­ten die Noma­den ihre tra­di­tio­nel­le Lebens­wei­se und Kul­tur bis in die heu­ti­ge Zeit hin­über­ret­ten. Die Schön­heit der mon­go­li­schen Wei­ten blieb erhal­ten. Und war auch noch intakt, als ich das Land 1992, anläss­lich der ers­ten demo­kra­ti­schen Wah­len, besuch­te.

Damals, so kurz nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on, war die Mon­go­lei wirt­schaft­lich am Boden: Jah­re­lang waren reich­lich Mit­tel aus Mos­kau ins Vor­zei­ge-Ent­wick­lungs­land des Ost­blocks geflos­sen. Nun fehl­te es plötz­lich an allem. Nahe­lie­gend, dass bald die Fra­ge im Zen­trum stand, wie Staat und Gesell­schaft künf­tig die not­wen­di­gen Mit­tel beschaf­fen könn­ten, um in einer zuneh­mend glo­ba­li­sier­ten Welt zu über­le­ben. Und wei­ter zu kom­men.

Wir haben Glück, weil wir die Feh­ler der bereits ent­wi­ckel­ten Län­der sehen: Zuerst haben sie die Natur kaputt gemacht, und erst im Nach­hin­ein an die Öko­lo­gie gedacht“, sag­te damals Gasan­dasch, ein Ver­tre­ter der neu gegrün­de­ten Grü­nen Par­tei. „Wir Mon­go­len lie­ben die Natur über alles – wir wol­len eine par­al­le­le Ent­wick­lung.“

Eine ver­we­ge­ne Zukunfts­vi­sio­nen hat­te der Chef­re­dak­tor einer gros­sen Zeit­schrift: “Die Sehn­sucht nach Frei­heit und Noma­den­tum ver­bin­det alle Men­schen welt­weit. Nir­gend­wo gibt es die­se Kul­tur noch so unver­sehrt, wie in der Mon­go­lei. Die ande­ren Staa­ten müss­ten uns finan­zi­ell unter­stüt­zen, damit wir — wie in einem Muse­um — die­ses Erbe erhal­ten kön­nen.”

Zwan­zig Jah­re nach die­sem Inter­view flies­sen end­lich, wie erhofft, finan­zi­el­le Mit­tel in die Mon­go­lei. Aller­dings die­nen sie einem ganz ande­ren Zweck und wer­den dem Noma­den­tum den end­gül­ti­gen Todes­stoss ver­set­zen. — Denn was die­se Inves­to­ren inter­es­siert, ist ein­zig und allein: Koh­le aus der Mon­go­lei.

Aus­län­der­wahl­recht in Wald (Appen­zell Inner­rho­den)

Es gibt tat­säch­lich Momen­te, da wünscht’ ich mir Roger Köp­pels Sicht auf die Welt. Gera­de in die­sen har­schen Zei­ten von Wahl­kampf und Kri­se sehnt sich mei­ne See­le danach, und sei es nur für einen ein­zi­gen Tag, die vom Welt­wo­che-Chef­re­dak­tor gebets­müh­len­ar­tig monier­te links domi­nier­te Medi­en­be­richt­erstat­tung zu orten.

Was ich lese, höre und vor allem sehe, ist das Gegen­teil von dem, was von den ein­schlä­gi­gen poli­ti­schen Krei­sen in die­ser Sache immer wie­der behaup­tet wird. Läge nicht jeden Don­ners­tag die WOZ in mei­nem Brief­kas­ten, ich hät­te den Glau­ben an die Medi­en in die­sem Land längst ver­lo­ren…

Auch das Schwei­zer Fern­se­hen scheint alles dar­an zu set­zen, sein längst nicht mehr den Rea­li­tä­ten ent­spre­chen­des lin­kes Image ins Gegen­teil zu ver­keh­ren. Wie sonst ist zu erklä­ren, dass in der Are­na vom letz­ten Frei­tag, wo drei Chef­re­dak­to­ren und Rin­gier-Publi­zist Han­nes Britsch­gi über den Wahl­kampf debat­tier­ten, das SVP-Revol­ver­blatt Welt­wo­che ver­tre­ten war, nie­mand aber vom Tame­dia-Kon­zern? Nebst Köp­pel stand mit NZZ-Chef­re­dak­tor Mar­kus Spill­mann ein zwei­ter Rechts­aus­sen im Ring, der in sei­nem Blatt die Wahl von Chris­toph Blo­cher in den Stän­de­rat pro­pa­giert.

Am Sonn­tag­abend dann, ist der selbst­ver­lieb­te Welt­wo­che-Mann schon wie­der auf Sen­dung. Nicht zum ers­ten Mal, und immer mit der glei­chen Plat­te darf er sich bei Gia­cob­bo und Mül­ler ins Zeug legen. Laut­hals schnö­det er über das öffent­lich-recht­li­che Fern­se­hen und sei­ne fau­len Ange­stell­ten und nutzt gleich­zei­tig die­se TV-Platt­form bis zum Geht-nicht-mehr. Inklu­si­ve geschickt plat­zier­ter Wer­bung für die neu­es­ten Bücher von zwei Welt­wo­che-Leu­ten. War­um läu­ten da beim SF nicht alle Alarm­glo­cken!

Aber nein, im Gegen­teil. Am Mitt­woch, eine hal­be Woche vor den Wah­len, beglei­tet die Rund­schau in einem Bei­trag Aus­land­kor­re­spon­den­ten bei ihrer Wahl­kampf­be­richt­erstat­tung. Auch hier domi­niert ein ein­zi­ges The­ma: die SVP. Im gan­zen Bei­trag kom­men nur bür­ger­li­che Poli­ti­ker vor – ins­be­son­de­re natür­lich Ver­tre­ter der SVP und ihre Pla­ka­te.

Wäh­rend sich der Kor­re­spon­dent für die Golf­re­gi­on dar­über wun­dert, dass die FDP weni­ger Geld für den Wahl­kampf zur Ver­fü­gung hat als ihre Kon­kur­ren­tin rechts aus­sen, besucht die hol­län­di­sche Bericht­erstat­te­rin eine Wahl­ver­an­stal­tung der SVP, an der Chris­toph Blo­cher spricht. Natür­lich kommt sei­ne Rede so auch im Bei­trag aus­gie­big zum Zug. Als wäre dies nicht schon des Schlech­ten genug, wird die Kor­re­spon­den­tin fürs Inter­view auch noch vor ein Blo­cher-Pla­kat gezerrt, so dass er ihr wäh­rend des gan­zen Inter­views über die Schul­ter und mir direkt in die Stu­be glotzt.

Dabei hät­te es durch­aus ande­re Bericht­erstat­ter gege­ben, die man anders­wo­hin hät­te beglei­ten kön­nen. In der Ber­li­ner Zei­tung, zum Bei­spiel, war vor weni­gen Tagen eine span­nen­de Geschich­te zu lesen — unter ande­rem über das Aus­län­der­stimm­recht in der Appen­zel­ler Gemein­de Wald.

Auch der Kor­re­spon­dent der Ber­li­ner Zei­tung hat für sei­ne Bericht­erstat­tung das The­ma SVP und deren Aus­län­der­feind­lich­keit gewählt. Aller­dings lässt er die Rechts­aus­sen nicht ein­fach pol­tern, son­dern recher­chiert und fährt unter ande­rem auch nach Appen­zell. In jenes Dorf, das 1999 als ers­te deutsch­schwei­zer Gemein­de das Aus­län­der­stimm- und wahl­recht ein­ge­führt hat.

In sei­ner fein­füh­li­gen Repor­ta­ge kom­men Men­schen aus allen poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Lagern zu Wort. Vor allem aber jene aus die­sem klei­nen Dorf auf dem Land, wo Frem­de inte­griert sind, unter­stützt wer­den und mit­re­den dür­fen.

Eine Geschich­te, die auch dem Schwei­zer Fern­se­hen gut ange­stan­den hät­te. — Wenn schon Tritt­brett fah­ren, lie­be Leu­te von der Rund­schau, dann bit­te bei den rich­ti­gen Kol­le­gIn­nen!

Rasen, Joints und Kli­ma

Ab 2012 wird im Sta­de de Suis­se, sechs Jah­re nach der Ver­le­gung von Kunst­ra­sen im neu gebau­ten Sta­di­on, wie­der auf „Natur­ra­sen“ gekickt. Eine gute Nach­richt für den Sta­di­on­be­trei­ber, den Fuss­ball­club und sei­ne Fans – eine schlech­te hin­ge­gen für’s glo­ba­le Kli­ma.

Der Begriff „Natur“ muss im Zusam­men­hang mit dem neu­en Rasen gross­zü­gig aus­ge­legt wer­den und ist nicht mit natür­lich zu ver­wech­seln: Pro­du­ziert wird er von einem auf Roll­ra­sen spe­zia­li­sier­ten Gross­be­trieb in Deutsch­land. Die­ser zieht sei­ne Gras­pflan­zen in gros­sem Stil auf labor­über­wach­ten Sand­bö­den und Rasen­trag­schich­ten. Ihr Gedei­hen wird durch „orga­nisch-mine­ra­li­sche Dün­gung, Ver­wen­dung hoch­en­er­ge­ti­scher Vita­li­sie­rungs­gra­nu­la­te, Ein­satz effek­ti­ver Mikro­or­ga­nis­men, sowie rechts­dre­hen­dem und vor­ge­wärm­tem Bereg­nungs­was­ser“ opti­miert.

Nach einer Wachs­tums­zeit von ein­ein­halb Jah­ren kommt der so gezo­ge­ne „Natur­ra­sen“ nach Bern, wo er über den unge­lieb­ten Plas­tikra­sen gelegt, den Spie­lern als bes­se­re Unter­la­ge die­nen soll. Der fuss­bal­le­ri­schen Tor­tur ein­mal aus­ge­setzt, wird der ech­te Rasen­tep­pich laut Schät­zun­gen der Ver­ant­wort­li­chen gera­de mal vier Mona­te durch­hal­ten, danach muss er ersetzt wer­den.

Mit ande­ren Wor­ten: Drei- bis vier­mal im Jahr erhält das Sta­de de Suis­se künf­tig eine neue Lie­fe­rung „Natur­ras­sen“ aus Deutsch­land. Das sind jedes­mal 30 Sat­tel­schlep­per, die rund 240 Rasen­rol­len aus Ingol­stadt her­an­kar­ren.

Die Rech­nung ist schnell gemacht: Auch wenn die Mil­lio­nen klei­ner, fleis­si­ger Gras­pflänz­chen auf dem Fuss­ball­platz noch so emsi­gen CO2-Abbau betrei­ben — in ihrem kur­zen Leben wer­den sie es nie­mals schaf­fen, den Ener­gie­auf­wand, der mit ihrer Exis­tenz ver­bun­den ist, auch nur annä­hernd zu kom­pen­sie­ren.

Noch ärger dürf­te die Öko­bi­lanz eines ande­ren „Natur­pro­dukts“ aus­fal­len: Der US-ame­ri­ka­ni­sche Wis­sen­schaft­ler Evan Mills hat in einer Stu­die den Ener­gie­ver­brauch bei der Pro­duk­ti­on von Can­na­bis unter­sucht und ist dabei zu haar­sträu­ben­den Ergeb­nis­sen gekom­men: Hanf­plan­ta­gen wer­den (nicht nur) in den USA vor­wie­gend in Innen­räu­men ange­legt, um die vom Staat für ille­gal erklär­ten Pflan­zun­gen vor poli­zei­li­chen Ein­grif­fen und Dieb­stäh­len zu schüt­zen.

Die­se Indoor-Anla­gen benö­ti­gen für Beleuch­tung, Kli­ma­ti­sie­rung, Bewäs­se­rung und Ent­lüf­tung extrem viel Ener­gie. Nicht zuletzt, so Mil­ler, weil durch die Kri­mi­na­li­sie­rung der Anbau ver­steckt erfolgt, was oft eine beson­ders inef­fi­zi­en­te Ener­gie­ver­sor­gung nach sich zieht.

Laut Mil­ler ver­schlin­gen die Indoor-Hanf­plan­ta­gen in den USA ein Pro­zent des gesam­ten US-Strom­ver­brauchs, dies ent­spricht 2 Pro­zent des von pri­va­ten Haus­hal­ten kon­su­mier­ten Stroms. Die Stu­die rech­net vor, dass der öko­lo­gi­sche Fuss­ab­druck der US-Hanf­pro­duk­ti­on etwa gleich gross ist wie der jähr­li­che CO2-Aus­stoss von drei Mil­lio­nen Autos. Bricht man die­se Rech­nung auf einen ein­zel­nen Joint her­un­ter, ver­braucht die­ser gleich viel Ener­gie wie eine 100-Watt-Glüh­bir­ne, die 17 Stun­den lang brennt.

Egal ob Fuss­ball oder Can­na­bis. Bei­spie­le die­ser Art gibt es zu Hun­der­ten. Sie zei­gen, dass die Bot­schaft vom Ener­gie­spa­ren, obschon lau­fend laut pro­pa­giert, vie­ler­orts (noch) nicht ange­kom­men ist. Allein mit dem Ver­zicht auf Absur­di­tä­ten wie Roll­ra­sen oder Indoor-Can­na­bis, könn­ten Ton­nen von CO2 ein­ge­spart wer­den. Ohne den gerings­ten Ver­lust.