NZZ profitiert von SRG-Millionen!

Schade, haben wir unser NZZ-Abo bereits vor zwei Jah­ren gekün­digt. Aus Pro­test gegen die Schlies­sung der NZZ Drucke­rei. Weil wir diese Geschäfts­po­li­tik mit unse­rem Abo-Geld nicht wei­ter unter­stüt­zen woll­ten. Seit­her hätte es wie­der­holt Anlass gege­ben, die­sen Schritt zu wie­der­ho­len. Auch, um gegen die inhalt­li­che und publi­zi­sti­sche Aus­dün­nung und zuneh­mend rechts­po­pu­li­sti­sche Aus­rich­tung der NZZ zu protestieren.

Ein letz­ter, ulti­ma­ti­ver Anlass zur Kün­di­gung des Zei­tungs-Abos wäre der Leit­ar­ti­kel von NZZ-Chef­re­dak­tor Eric Gujer vom letz­ten Sams­tag. Wobei das Mach­werk mit dem Titel «Die Schweiz braucht keine Staats­me­dien» eigent­lich nicht als «Leit­ar­ti­kel» zu bezeich­nen ist. Es han­delt sich viel­mehr um ein Pam­phlet bil­lig­ster Mach­art, SRG-Bas­hing der pri­mi­ti­ven Sorte.

Pro­pa­ganda aus der unter­sten Schub­lade und fak­ten­fern, wie etwa Mat­thias Zehn­der in sei­ner Replik auf den Gujer-Text schreibt: «Die SRG ist so wenig Staats­me­dium wie eine Stras­sen­bau­firma, die im Auf­trag des Staa­tes eine Strasse baut, eine Staats­ab­tei­lung ist.» Punkt für Punkt ent­larvt Zehn­der in der Folge Gujers Behauptungen.

Was Chef­re­dak­tor Gujer in sei­nem Mach­werk tun­lichst ver­schweigt: Die NZZ – und Gujer per­sön­lich – pro­fi­tie­ren seit Jah­ren von der SRG! Basie­rend auf einem Koope­ra­ti­ons­ver­trag, den die Schwei­zer Ver­le­ger 1995 mit der SRG abge­schlos­sen haben, kas­siert die NZZ seit Jah­ren Kon­zes­si­ons­gel­der in Mil­lio­nen­höhe und erhält dafür die Mög­lich­keit, im Schwei­zer Fern­se­hen mit eige­nen Sen­dun­gen prä­sent zu sein.

Ohne SRG und ohne «Zwangs­ge­büh­ren» hätte es nie eine Sen­dung «NZZ For­mat» gege­ben. Ein teu­res, auf­wän­di­ges Sen­de­for­mat, das trotz beschei­de­ner Quo­ten bis heute auf­recht­erhal­ten wird und nur dank Kon­zes­si­ons­gel­dern finan­zier­bar ist. Und: Ohne «Zwangs­ge­büh­ren» und «Staats­fern­se­hen» könnte sich Chef­re­dak­tor Eric Gujer nicht all­mo­nat­lich im TV-Schein­wer­fer­licht sonnen.

Wie er dies auch gestern wie­der tat: Am Tag, nach­dem er in der NZZ seine Breit­seite gegen die SRG publi­ziert hat, setzte sich Chef­re­dak­tor Gujer in der Sen­dung «NZZ Stand­punkte» auf SRF 1 in Szene. Und bediente im Gespräch mit dem Münch­ner Theo­lo­gen Fried­rich Wil­helm Graf ein wei­te­res sei­ner rechts­po­pu­li­sti­schen Stecken­pferde. Bezug neh­mend auf den Islam will er vom Wis­sen­schaft­ler etwa wis­sen, wie eine «tole­rante Gesell­schaft» damit umge­hen könne, dass in ihrer Mitte «Ver­tre­ter einer Reli­gion leben, die sehr häu­fig into­le­rant ist.»

Mit ande­ren Wor­ten: Gujer beschimpft und ver­un­glimpft die SRG, wäh­rend er sie gleich­zei­tig als Platt­form und zusätz­li­chen Kanal zur Wei­ter­ver­brei­tung des aktu­el­len rechts­po­pu­li­sti­schen Kur­ses der NZZ nutzt. Wohl­ge­merkt: Dafür kas­siert die NZZ sogar noch Konzessionsgelder!

Wäh­rend die «NZZ Stand­punkte» sowohl auf der Web­site der SRG wie bei der NZZ auf­ge­schal­tet sind, hat die NZZ bis heute zu ver­hin­dern gewusst, dass die Doku­men­ta­tio­nen der Reihe NZZ For­mat einer brei­te­ren Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht wer­den. Im Gegen­satz zu allen ande­ren SRG-Kopro­duk­tio­nen, kön­nen die Sen­dun­gen von NZZ For­mat nicht ein­mal zeit­lich limi­tiert auf der SRF-Platt­form nach­ge­schaut wer­den. Dies, weil die NZZ die mass­geb­lich mit öffent­li­chen Kon­zes­si­ons­gel­dern finan­zier­ten Filme auf DVD oder über Pay TV ver­kau­fen will. Der Erlös aus die­sem Geschäft fliesst selbst­ver­ständ­lich in die Kasse der alten Tante.

Der Koope­ra­ti­ons­ver­trag läuft 2018 aus. Die SRG wäre gut bera­ten, die­sen nicht wie­der zu erneu­ern. Man sollte die Gift­schlange, die einer leben­di­gen öffent­lich-recht­li­chen Infor­ma­ti­ons­kul­tur den Gar­aus machen will, nicht noch am eige­nen Busen näh­ren. Mit Kon­zes­si­ons­gel­dern aus «Zwangs­ge­büh­ren»!

Vorweihnachtslust

Sams­tag­vor­mit­tag, halb zehn. Auf dem Bahn­steig in Schaff­hau­sen eisi­ger Wind. End­lich fährt der rote Regio­nal­zug der Deut­schen Bahn ein. Er ist knall­voll. Wir ste­hen zwi­schen Abteil­tür und Toi­lette, auf den zwei Sit­zen im Gang hockt ein jun­ger Glatz­kopf, dane­ben eine bereits sehr ange­hei­terte Dame mit einem vol­len Pla­stik­sekt­glas in der Hand. Die Schaum­wein­fla­sche reicht sie zwi­schen den dicht an dicht ste­hen­den Pas­sa­gie­rIn­nen hin­durch zu einer Kollegin.

In Sin­gen füllt sich der bereits über­füllte Zug wei­ter. Zwei Freun­din­nen mit Kin­dern drän­gen sich durch den Mit­tel­gang, sagt die eine: «Des­halb fahre ich das näch­ste Mal wie­der mit dem Auto» wäh­rend ihre Freun­din schimpft: «Die wis­sen doch, dass heute Weih­nachts­markt ist, da müss­ten sie doch län­gere Züge bereitstellen.»

Die ange­hei­ter­ten Damen mit der Sekt­fla­sche stei­gen in Radolf­zell aus. Sie sind nicht die ein­zi­gen. Das Städt­chen Radolf­zell am Boden­see wirbt mit «einem der schön­sten Christ­kind­le­märkte der Region.» Doch wer gedacht hätte, dass es nun rich­tig Platz geben würde im Zug, hat sich getäuscht. Unter dem Strich stei­gen in Radolf­zell mehr Leute ein als aus…

Unter ihnen eine alte Frau, der ich den soeben von der beschwip­sten Dame geerb­ten Sitz­platz im Gang gleich wie­der über­lasse. Die Glatze auf dem Neben­sitz trak­tiert unge­rührt ihr Smart­phone wei­ter. Die Jun­gen heute, sagt die alte Frau begei­stert, seien so hilfs­be­reit und danke für den Platz! Sie fährt nur eine Sta­tion weit, bis Über­lin­gen. Will sich den dor­ti­gen Weih­nachts­markt anschauen, der soll beson­ders schön sein… Sind wir eigent­lich die Ein­zi­gen, die nicht «zum Weih­nachts­markt» wollen?

Aller­dings scheint der «gemüt­li­che Weih­nachts­markt» von Über­lin­gen die Ein­hei­mi­schen wenig zu rei­zen: Gleich mas­sen­weise stei­gen sie hier zu, inklu­sive Kin­der­wa­gen und Rei­se­pro­vi­ant. Nun muss man sogar um sei­nen Steh­platz kämp­fen. Zu guter Letzt drängt sich noch eine Aus­flugs­grup­pen von erwach­se­nen Behin­der­ten samt Betreue­rIn­nen in den Zug. «Wol­len die alle nach Ulm?» ärgert sich ein ath­le­tisch gebau­ter jun­ger Mann, wäh­rend seine Beglei­te­rIn­nen rät­seln, ob man sich nicht mit dem Weih­nachts­markt in Ravens­burg begnü­gen sollte. Statt ein­ein­halb Stun­den dau­erte die Fahrt dort­hin nur gut dreis­sig Minuten.

«Geht nicht, die Kol­le­gen aus Ingol­stadt sind bereits unter­wegs nach Ulm», wirft einer ein. Die Mut­ter schält das Kind aus dem Wagen und ergat­tert für sich und den stäm­mi­gen Ath­le­ten einen Sitz­platz. Der leere Kin­der­wa­gen bleibt vor der Toi­lette ste­hen. Er dient nun als Tisch für das erste Gelage des Tages: Mit­ge­brachte Bret­zeln wer­den her­um­ge­reicht, dazu Rot­käpp­chen Sekt aus Plastikbechern.

In Ravens­burg dann der erste grosse Exodus. Auf­at­men im Zug. Doch auch hier stei­gen wie­der zahl­rei­che Markt­gän­ge­rIn­nen ein, die sich nicht mit dem loka­len Christ­kind­le­markt begnü­gen und für den ulti­ma­ti­ven Weih­nachts­markt-Kick nach Ulm fah­ren wollen.

Wäh­rend die Mas­sen am Bahn­hof Ulm Rich­tung Alt­stadt aus­schwär­men, stei­gen wir noch ein­mal um, Rich­tung Augs­burg. Und wel­che Über­ra­schung! Auch dort ist der Rat­haus­platz von Markt­stän­den über­stellt, in der Luft ein Gemisch aus Glühwein‑, Brat­wurst und Sau­er­kraut­ge­rü­chen. Auch hier drän­gen sich Mas­sen auf eng­stem Raum. Sie kom­men nicht nur aus den Nach­bar­städ­ten, auch aus Ita­lien und Öster­reich sind sie ange­reist, mit dem Rei­se­bus auf Weih­nachts­markt­rund­reise durch Deutsch­land: Gestern Stutt­gart, heute Augs­burg, mor­gen Nürn­berg… Was für eine Lust, Stadt für Stadt die immer und über­all sich glei­chen­den Stände abzuschreiten!

Wir leben in merk­wür­di­gen Zei­ten: Einst rei­sten die Händ­le­rIn­nen von Markt­platz zu Markt­platz. Der Jahr­markt war ein regio­na­les Gross­ereig­nis und wich­tig für die Ver­sor­gung der ansäs­si­gen Bevöl­ke­rung. Die Errun­gen­schaf­ten von Mobi­li­tät und Über­fluss haben das Ganze völ­lig per­ver­tiert: Weih­nachts­märkte glei­chen sich wie ein Ei dem andern. Trotz­dem rei­sen Men­schen stun­den­lang, weil der Glüh­wein in der Ferne offen­bar bes­ser schmeckt, als jener auf dem eige­nen Weihnachtsmarkt…

Muy complicado

Aus­schrei­tun­gen, bren­nende Autos, Plün­de­run­gen und Stras­sen­blocka­den – erschreckende Bil­der. Die Wah­len in Hon­du­ras zei­gen ein­mal mehr, in welch deso­la­tem Zustand sich die­ses Land befin­det. Bis heute ist das Wahl­re­sul­tat unklar: Nach­dem die ersten Aus­zäh­lun­gen auf einen Sieg des Her­aus­for­de­rers Sal­va­dor Nas­ralla hin­deu­te­ten, kam es plötz­lich zu Ver­zö­ge­run­gen, gefolgt von einer wun­der­sa­men Umkehr der Mehr­heits­ver­hält­nisse. Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass der bis­he­rige Prä­si­dent Juan Orlando Hernán­dez – kurz Joh – und seine Entou­rage getrickst haben.

Als der noch amtie­rende Prä­si­dent zehn Tage nach den Wah­len den Aus­nah­me­zu­stand mit nächt­li­cher Aus­gangs­sperre über das ganze Land ver­hängte, ver­wei­gerte die Poli­zei ihre Unter­stüt­zung. Sie seien Teil des Vol­kes und wür­den nicht gegen Kund­ge­bun­gen ihrer Mit­bür­ge­rin­nen und –bür­ger vor­ge­hen, ver­kün­dete ein Poli­zei­spre­cher. Die Poli­ti­ker müss­ten ihren Streit unter­ein­an­der aus­ma­chen. Damit ern­tete er viel Zustim­mung und Begei­ste­rungs­stürme der Bevölkerung.

Die Men­schen schwan­ken zwi­schen Hoff­nung und Ver­zweif­lung. Das Land war schon zuvor am Abgrund, man wird den Ein­druck nicht los, dass es immer schlim­mer wird. «Mir gefällt Nas­ralla auch nicht», schreibt eine Freun­din aus Puerto Cor­tés via Whats­app. «Aber Joh wol­len wir nicht. Er miss­ach­tet die Gesetze.» Und wei­ter: «Es wurde mani­pu­liert, ich habe es mit eige­nen Augen gesehen.»

Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gehö­ren zur Tages­ord­nung, Dro­hun­gen, Repres­sio­nen – bis hin zur Ermor­dung von Umwelt­ak­ti­vi­stIn­nen, Regime­kri­ti­ke­rIn­nen, Jour­na­li­stIn­nen. In den ver­gan­ge­nen Tagen wur­den immer wie­der Rufe nach inter­na­tio­na­ler Unter­stüt­zung gegen Unrecht, Gewalt und Kor­rup­tion in Hon­du­ras laut. Diese ver­hal­len meist unge­hört. Aus­län­di­sche Jour­na­li­stIn­nen wur­den von den Schau­plät­zen ver­bannt und aus­ge­wie­sen. Kommt dazu, dass das Schick­sal der Hon­du­ra­ne­rIn­nen die Mäch­ti­gen die­ser Welt kaum inter­es­siert. Die USA unter­stüt­zen den aktu­el­len Prä­si­den­ten. Mit­ten in den gröss­ten Unru­hen haben sie ihm letzte Woche gar das Hilfs­bud­get auf­ge­stockt. Für Trump ist Joh ein wert­vol­ler Vasall im Kampf gegen die Dro­gen­kar­telle, vor allem aber für den Grenzschutz.

Erin­ne­run­gen wer­den wach, an eine Repor­ta­ge­reise im Früh­jahr 2013, vor den letz­ten Wah­len. Auch damals lagen Span­nun­gen in der Luft; Kor­rup­tion, Miss­wirt­schaft und Angst domi­nier­ten die Stim­mung. «Es un poco com­pli­cado», war die gän­gige Ant­wort auf Fra­gen der Jour­na­li­stin. Umso ein­drück­li­cher die Kraft und Hoff­nung, die Jugend­li­che in noch so schwie­ri­gen Situa­tio­nen ausstrahlten.

«Ich will Ärz­tin wer­den», sagte etwa die 14jährige Saidy. Auf die Frage wes­halb, ant­wor­tete sie: «Damit in Hon­du­ras nie mehr ein Kind…» – dann ver­sagte ihr die Stimme. Trä­nen und unter­drück­tes Schluch­zen. Ihr Kol­lege Kel­vin nahm den Faden auf. Sein Berufs­wunsch: Archi­tekt – er wolle wür­dige Unter­künfte für Kin­der und Alte bauen. Ein schier uner­reich­ba­rer Traum für einen wie ihn, das wusste Kel­vin sehr genau. Gerade des­halb wollte er daran festhalten.

Spä­ter fasste sich auch Saidy wie­der und ergänzte ihre Ant­wort: «Ich will Ärz­tin wer­den, damit in die­sem Land nie mehr ein Kind und auch kein Erwach­se­ner ster­ben muss, weil er arm ist.» Die Jugend­li­chen der Gari­funa-Volks­gruppe im Nor­den von Hon­du­ras wis­sen nur zu gut, was arm sein bedeu­tet. Sie alle stam­men aus pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen. Saidy lebte mit ihrer Mut­ter und vier Geschwi­stern in einer Hütte, hatte nicht ein­mal ein eige­nes Bett. Die Schule im Dorf war eine Ruine, der Unter­richt fand unter Pal­men und auf der Veranda einer ver­fal­len­den Villa statt.

Vier Jahre sind ver­gan­gen, seit die­sem Tref­fen. Trotz der schwie­ri­gen Rah­men­be­din­gun­gen, haben einige der Jugend­li­chen mitt­ler­weile den Schul­ab­schluss geschafft. Auch Saidy, als eine der besten ihres Jahr­gangs. Sie freute sich dar­auf, an der Uni­ver­si­tät von San Pedro Sula dem­nächst ihr Medi­zin­stu­dium in Angriff zu nehmen.

Dafür musste sie For­mu­lare aus­fül­len und eine Prü­fung absol­vie­ren. Nach lan­gem War­ten kam end­lich die erlö­sende Mit­tei­lung, sie sei zuge­las­sen. Wenig spä­ter folgte die Prä­zi­sie­rung: Auf­grund ihres Prü­fungs­re­sul­tats habe man ihr einen Aus­bil­dungs­platz in der Abtei­lung für Kran­ken­pfle­ge­rIn­nen zugewiesen.

Keine Über­ra­schung für meine Freun­din in Puerto Cor­tés: Die Sozi­al­ar­bei­te­rin, die sel­ber aus armen Ver­hält­nis­sen stammt und sich mit viel Élan und Aus­dauer das Jus-Stu­dium erkämpft hatte, sagt: «In Hon­du­ras sind auch die Uni­ver­si­tä­ten kor­rupt.» Als Alter­na­tive stünde Saidy noch die pri­vate Uni­ver­si­dad Cató­lica offen. Doch die ist teuer, sehr teuer. Zudem sei die Aus­bil­dung schlecht.

Wie wei­ter? Viel­leicht gibt es die Mög­lich­keit, in Kuba zu stu­die­ren. Noch hat Saidy ihren Traum nicht begra­ben. Die Situa­tion in Hon­du­ras habe sich wie­der etwas beru­higt, dar­über sei man froh, schreibt sie. Die bei­den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten schei­nen sich dar­auf geei­nigt zu haben, sämt­li­che Stim­men noch ein­mal aus­zu­zäh­len. Was danach geschieht, ist offen. Längst haben die mei­sten Men­schen in Hon­du­ras die Hoff­nung auf eine Ver­bes­se­rung der Ver­hält­nisse nach den Wah­len auf­ge­ge­ben. Sie sind schon froh, wenn es zu kei­nen wei­te­ren Gewalt-Eska­la­tio­nen kommt.

Offline

Plötz­lich bleibt der Cur­sor ste­hen, tut kei­nen Wank mehr. Nicht ganz über­ra­schend, schon vor einer hal­ben Stunde blinkte die War­nung auf: Maus­la­dung schwach. Vor lau­ter Recher­ché- und Surf­fie­ber nicht dar­auf geach­tet. Doch nun ist end­gül­tig Schluss. Die Maus muss ans Lade­ge­rät – und Frau Online-Jun­kie raus ins rich­tige Leben.

Spä­ter Sams­tag­nach­mit­tag, das Tages­licht schwin­det bereits. Umso beschau­li­cher der Weih­nachts­markt auf dem Max Bill-Platz in Oer­li­kon. Mit allem Drum und Dran: Ker­zen­zie­hen und Gschänkli­fi­schen für die Klei­nen. Brat­wür­ste, Zucker­man­deln und Glüh­wein, aber auch Exo­ti­sches. Schutz und Ret­tung Zürich im Sami­ch­lau­sen-Kostüm schenkt Kür­bis­suppe aus. Und natür­lich unzäh­lige Stände mit Weih­nachts­ge­schen­ken und Guezli-Ange­bo­ten für einen guten Zweck. Alle Jahre wie­der – und doch gibt es immer etwas zu entdecken.

Die fröh­li­che Truppe vom Leo-Club, zum Bei­spiel. Das Ange­bot, in die Guezli-Büchse zu grei­fen und zu pro­bie­ren, kann gar nicht aus­ge­schla­gen wer­den. Und schon ergibt ein Wort das andere. Wes­halb ich hier sei, will eine junge Frau wis­sen und fügt an, dass sie den Markt in Oer­li­kon viel schö­ner finde als jenen auf dem Sech­se­läu­ten-Platz, wo man vor lau­ter Gedränge die Stände gar nicht mehr bewun­dern könne, geschweige denn, mit ein­an­der ins Gespräch kommen.

Ich werde auf­ge­klärt, dass der Leo-Club die jun­gen Lyons seien. Ein Ser­vice-Club, der Gutes tue. Der Erlös aus dem Weih­nachts­guezli-Ver­kauf gehe dies­mal an die Stif­tung Theodora. Eine tolle Sache! Dage­gen lässt sich nichts ein­wen­den, und schon habe ich ein Säck­lein Guezli gekauft. Wir reden wei­ter und fin­den bald schon gemein­same Inter­es­sen und gar gemein­same Bekannte…

Ein paar Schritte wei­ter, stellt sich mir ein jun­ger Mann in den Weg. Ob er mir etwas zei­gen dürfe, fragt er und legt, ohne eine Ant­wort abzu­war­ten, gleich los. Auf dem Sachet, das er mir ente­ge­gen­streckt, die Auf­schrift «Sweet Temp­t­ation». Ein ganz beson­de­rer Tee, erklärt er: Mit hand­ver­le­se­ner Ana­nas, die sie sel­ber getrock­net und mit Schwarz­tee und Gewür­zen ver­mischt hät­ten. Es gebe auch noch zwei wei­tere Sor­ten: Den Klas­si­ker mit Apfel und Zimt sowie Cho­co­Coco – sein Favorit.

Ein paar Minu­ten spä­ter weiss ich, dass Jonas – so heisst der junge Mann – costa­ri­ca­ni­sche Wur­zeln hat, in Zürich Nord das Wirt­schafts­gym­na­sium besucht und die Tee-Pro­duk­tion und ‑Ver­mark­tung ein Schul­pro­jekt ist. Zusam­men mit sie­ben Mit­schü­le­rIn­nen betreibt er das Mini-Startup Dis­f­ru­tee. Er sei für’s Mar­ke­ting zustän­dig, sagt Jonas und stellt mir seine Kol­le­gen am Stand vor: Pira­veen Pre­ma­see­lan ist der Admi­ni­stra­tor, Tim Ant­ha­mat­ten CPO. Das Geschäft laufe zu gut, lachen sie. Nach­dem am Frei­tag bereits ein Gross­teil der für den Markt pro­du­zier­ten Tee­sa­chets ver­kauft war, muss­ten sie in der Nacht auf Sams­tag eine Son­der­schicht fah­ren, um Nach­schub zu produzieren.

Natür­lich muss man sol­ches Enga­ge­ment beloh­nen. Ich kaufe von jeder Tee­sorte ein Sachet und lasse mir die Visi­ten­karte geben. – Kaum haben wir uns ver­ab­schie­det, steht der näch­ste junge Mann vor mir. Auch er sei vom Gymer, sagt er. Aller­dings nur Wahl­fach Wirt­schaft, wes­halb ihr Pro­jekt weni­ger umfas­send sei, erklärt er und will mir einen «Grit­ti­bonz» ver­kau­fen. Sie wür­den damit eine Bäcke­rei unter­stüt­zen, sagt seine Kol­le­gin, und ja, auf dem Bauch trage der Grit­ti­bonz ech­tes ess­ba­res Blatt­gold – des­halb sei er eben ein Bonz und kein Benz. Und des­halb auch der stolze Preis. Eine typi­sche Zür­cher-Geschäfts­idee – die nicht unbe­dingt meine Unter­stüt­zung braucht.

Seine Kol­le­gin am näch­sten Stand erlöst mich: Auch sie vom Gymer, auch sie mit einer Geschäfts­idee: Mit Bast­schnur umwickelte Kon­ser­ven­do­sen wer­den zu Pflan­zen­kist­chen für Kak­teen. Ori­gi­nell: Kleine Able­ger in aus­ge­höhl­ten Kork­zap­fen, mit einem Magne­ten bestückt, um den Kühl­schrank zu schmücken. Auch hier beschränke ich mich auf die nette Unterhaltung…

Höch­ste Zeit für einen Glüh­wein! Rundum ist es mitt­ler­weile Nacht gewor­den. Am Stand des Orts­ver­eins Oer­li­kon noch schnell einen Blick in den histo­ri­schen Kalen­der wer­fen – und schon ist man in ein wei­te­res Gespräch ver­wickelt. Ich ver­su­che zu erklä­ren, dass wir Jahr für Jahr quasi in einer Kalen­der­flut ertrin­ken, wes­halb ich nur en pas­sant einen Blick in das Oer­li­ker-Werk wer­fen wollte. Ein Wort ergibt das andere – und schon wenige Minu­ten spä­ter gesellt sich der histo­ri­sche Kalen­der zum Tee und zu den Leo-Guezli.

Nun aber nichts wie nach­hause. Nach einer inten­si­ven Stunde Off­line-Leben, reich beschenkt (und mit soge­nannt unnüt­zen Ein­käu­fen) zurück in die warme Stube, wo die Maus mitt­ler­weile wie­der auf­ge­la­den ist. 

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