Denk mal Berlin – und fahr nach Paris

In den letz­ten 14 Jahren hat sich Berlin mäch­tig ver­än­dert. Als die Architektin Regula Lüscher im März 2007 ihre Stelle als Senatsbaudirektorin antrat, waren die Flughäfen Tempelhof und Tegel noch in Betrieb. Im Zentrum der Stadt, wo man Mitte Juli 2021 das Humboldt Forum, eine frag­wür­di­ge Vintagekopie des eins­ti­gen Berliner Schlosses, ein­ge­weiht hat, wur­den gera­de die letz­ten Gerippe des Palasts der Republik abgetragen.

Und hin­ter dem Hauptbahnhof, wo heu­te ein Panorama von archi­tek­to­ni­schem Einerlei aus Glas und Beton den Horizont beschränkt (die Investoren-getrie­be­ne «Europa-City»), lag eine wun­der­ba­re wei­te Brache. Als wir dort mit der frisch gewähl­ten Senatsbaudirektorin die ers­ten Sequenzen unse­res Films über Stadtplanung in Berlin dreh­ten, konn­te der Blick noch in die Weite schwei­fen und Regula Lüscher schwärm­te von der Möglichkeit, angren­zend an den Bahnhof der deut­schen Hauptstadt einen neu­en Stadtteil zu ent­wi­ckeln – öko­lo­gisch, zukunfts­wei­send, visionär.

«Wenn ich eine Aussage machen soll­te, wohin sich Berlin ent­wi­ckeln soll, als Ganzes, als Gesamtes, dann wür­de ich mal sagen, Berlin könn­te sich in eine Stadt wei­ter­ent­wi­ckeln, deren Label Freiräume, Grünräume, Spielräume sind», sag­te sie uns damals ins Mikrofon.

Leider ging die Entwicklung wäh­rend ihrer 14jährigen Amtszeit dann genau in die ent­ge­gen­ge­setz­te Richtung: Brache um Brache wur­de an Investoren ver­kli­ckert und zuge­baut. Ältere Bauten muss­ten ren­ta­ble­ren Liegenschaften wei­chen, für wel­che die Bauparzellen bis zum letz­ten gesetz­lich erlaub­ten Quadratzentimeter aus­ge­nutzt wur­den. Grünräume in Hinterhöfen und Quartieren opfer­te man all­zu bereit­wil­lig der «Verdichtung» – Bodenpreise und Mieten schos­sen in die Höhe, was die Bauwut nur noch wei­ter befeuerte.

Eine fata­le Entwicklung, in Zeiten des Klimawandels. In Berlin, so scheint es, ist die Dringlichkeit einer öko­lo­gi­schen Wende noch nicht ins Bewusstsein von PolitikerInnen und PlanerInnen vor­ge­drun­gen. Wie anders ist zu erklä­ren, dass das für das Stadtklima so wich­ti­ge Tempelhofer Feld nur dank einer Bürgerinitiative bis­her vor einer teil­wei­sen Überbauung ver­schont geblie­ben ist?

Was man in Berlin wäh­rend der Amtszeit von Senatsbaudirektorin Lüscher nicht geschafft hat, ist in einer ande­ren euro­päi­schen Hauptstadt voll im Gang: In Paris hat man die Zeichen der Zeit erkannt und arbei­tet dar­an, die Stadt für eine men­schen- und kli­ma­freund­li­che Zukunft fit zu machen.

Nachdem unter der Federführung der inno­va­ti­ven Bürgermeisterin Anne Hidalgo bereits wei­te Strecken der eins­ti­gen Stadtautobahn ent­lang dem Seine-Ufer in Fussgänger- und Grünzonen ver­wan­delt wur­den, soll die berühm­tes­te Strasse von Paris – die Champs-Elysées – die heu­te von Lärm und Autos domi­niert wird, bis 2030 in einen «aus­ser­ge­wöhn­li­chen Garten» ver­wan­delt werden.

Dies hat nicht in ers­ter Linie ästhe­ti­sche Gründe, son­dern ent­spricht vor allem einer drin­gen­den Notwendigkeit, wie Philippe Chiambaretta, der mit der Umgestaltung der Champs-Elysées beauf­trag­te Architekt, betont. Grund dafür ist die Erderwärmung, die er als «slow cata­stro­phy» bezeich­net, und die uns zum Handeln zwingt.

«Die Frage, wie die Welt im 21. Jahrhundert zu bebau­en, zu bewoh­nen und zu den­ken ist, drängt mehr denn je und macht ein neu­es Verständnis von Architektur erfor­der­lich», schreibt er in der jüngs­ten Ausgabe der Zeitschrift «Lettre International». 

Man kom­me nicht umhin, so Chiambaretta wei­ter, sich «von drei Jahrhunderte gel­ten­den Gewissheiten der west­li­chen Moderne frei­zu­ma­chen.» Gefordert sei­en hier­bei ins­be­son­de­re auch ArchitektInnen und PlanerInnen, als zen­tra­le AkteurInnen des urba­nen Zusammenhangs. Bei ihnen müs­se der Sinn für ein fort­schritt­li­ches und poli­ti­sches Engagement geweckt wer­den «um der zyni­schen – und teil­wei­se mut­wil­li­gen – Instrumentalisierung der Stadt durch den welt­wei­ten Kapitalismus und die Ökonomie des Spektakels Einhalt zu gebieten.»

Eine über­le­bens­wich­ti­ge Botschaft aus Paris, von glo­ba­ler Bedeutung. Leider ist sie bis­her weder in der Politik noch bei den Planenden rich­tig ange­kom­men – weder in Berlin noch in ande­ren Städten, wo wei­ter­hin auf kurz­fris­ti­ges Renditedenken und in Beton zemen­tier­tes Wachstum gesetzt wird. Wie gefähr­lich und falsch das ist, zei­gen die aktu­el­len Unwetterereignisse und ‑schä­den…

Der Anfang vom Ende

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli feg­te ein hef­ti­ger Sturm über die Stadt Zürich, dem Hunderte von Bäumen zum Opfer fie­len. Ein trau­ri­ges Bild der Zerstörung – etwa am Waldrand des Käferbergs, wo rei­hen­wei­se statt­li­che Bäume der Wucht des Windes nicht stand­hal­ten konn­ten und ein­fach umge­ris­sen wur­den. Wurzelstöcke rag­ten in die Luft, mäch­ti­ge Baumstämme und dicke Äste lagen quer über die Strassen – auch im Wald war kein Durchkommen mehr.

Die Gärtnerinnen und Gärtner von GrünStadt Zürich hat­ten in die­sen Tagen alle Hände voll zu tun, um ent­wur­zel­te Bäume zu ber­gen, geknick­te Baumstämme und abge­ris­se­ne Äste zu zer­sä­gen, Wege zu sichern und den Schaden an Menschen, Gebäuden und Fahrzeugen mög­lichst in Grenzen zu halten.

Wie durch ein Wunder blie­ben die Gärten und Häuser in unse­re Nachbarschaft in der Sturmnacht weit­ge­hend ver­schont. Auch die stol­ze Tanne am Chaletweg 3, in deren Wipfel die Amsel so ger­ne ihr Morgenlied sang, trotz­te den Kräften der Natur. Sie war denn auch früh­mor­gens wie­der zur Stelle und zwit­scher­te aus der wun­der­ba­ren Gartenoase rund um das his­to­ri­sche Chalet wie eh – und je und liess die Schrecken der Nacht ver­ges­sen. Auch das Haus, des­sen BewohnerInnen bereits vor Monaten die Kündigung erhal­ten hat­ten und aus­zie­hen muss­ten, stand am Morgen danach unbe­scha­det im Schatten von Ahorn, Weide und Tanne.

Allerdings war die Freude dar­über, dass die statt­li­chen Bäume im Nachbargarten den Sturm über­stan­den hat­ten, von kur­zer Dauer. Während rund­um in Gärten und im Wald Arbeiterinnen und Arbeiter ver­such­ten, zu ret­ten, was noch zu ret­ten war, fuh­ren am Chaletweg 3 die Holzfäller auf. In Vollmontur, mit Kettensäge, Kran und Transportcontainer.

Als wir uns am Morgen auf den Weg zum Märit mach­ten, stand die alt­ehr­wür­di­ge, weit­her­um sicht­ba­re Tanne noch. Als wir eine Stunde spä­ter zurück­kehr­ten, klaff­te eine gros­se Lücke in der Silhouette unse­res Quartiers.

Ohrenbetäubend das jau­len­de Kreischen der Motorsäge, wel­che dem wäh­rend Jahren gewach­se­nen Stamm die Äste abtrenn­te und den eben noch statt­li­chen Baum in trans­por­tier­ba­re Holzstücke zer­leg­te. Emotionslos besei­tig­te ein Arbeiter mit dicken Lärmschutz-Polstern auf den Ohren auch die üppi­ge Hecke, die das Chalet und sei­ne BewohnerInnen in der Vergangenheit vor neu­gie­ri­gen Blicken geschützt hat­te. Der höl­zer­ne Gartenzaun ist umge­kippt – das passt zum trost­lo­sen Bild, das die Grünbeseitiger bei ihrer Wegfahrt hin­ter­las­sen haben.

Jetzt erst zeigt sich, dass sie nicht die ers­ten waren, die mit der defi­ni­ti­ven Zerstörung des letz­ten Chalets am Chaletweg begon­nen haben: Die grü­nen Fensterläden sind ver­schwun­den, und auch die Fensterscheiben sind abmon­tiert. Ob die frü­he­ren Besitzer, die die Liegenschaft dem ren­dite­hung­ri­gen Investor ver­kauft hat­ten, hier noch ein­mal Hand ange­legt haben? – Im Verkaufsvertrag hat­ten sie sich näm­lich aus­be­dun­gen, dass sie – bevor das Chalet, Baujahr 1926, dem Erdboden gleich­ge­macht wird – noch her­aus­ho­len dür­fen, was ihnen nüt­zen könnte…

Die Besitzerin des Grundstücks, eine Collofundo AG, will end­lich vor­wärts machen. Trotz wei­ter stei­gen­der Baukosten und der Tatsache, dass auf­grund der aktu­el­len kli­ma­ti­schen und öko­no­mi­schen Entwicklungen das Projekt für einen Wohnturm mit 14 Kleinstwohnungen frag­wür­dig erscheint, liess sie sich nicht von ihrem unse­li­gen Vorhaben abbringen.

Dies bestä­tig­te Mitinhaber und Geschäftsführer Andreas Friedli in einer Mail vom 8. Juli auf unse­re Anfrage, ob er als Investor mög­li­cher­wei­se auf die Umsetzung des Projekts ver­zich­ten und das Grundstück ver­kau­fen würde…

Die Antwort war kurz und bün­dig und lau­te­te: «Danke für Ihre Anfrage. Das Bauvorhaben wird wie geplant aus­ge­führt. Baubeginn im September 2021.»

Der Anfang vom Ende ist voll­bracht: Die Augen des Chalets wur­den her­aus­ge­ris­sen, der üppi­ge Garten ram­po­niert – die stol­ze Tanne ist nicht mehr. Die Amsel muss sich einen neu­en Aussichtswipfel suchen. Allerdings wird das immer schwie­ri­ger: Die gros­sen Bäume sind rar gewor­den, in unse­rem Quartier. Das Dach mit dem Abluftrohr von 14 Küchen dürf­te kaum als val­ab­ler Ersatz in Frage kommen…

Und im September 2021: 
DAS ENDE VOM ENDE

 

Gute Nachrichten

«Jetzt dro­hen Baustopps!», titel­te der Blick am Samstag, 12. Juni. Weil es durch die Corona-Krise zu Verzögerungen in den Lieferketten kommt und ins­be­son­de­re Bauholz wegen der rie­si­gen Nachfrage immer knap­per wird, sind die Preise für ver­schie­de­ne Baumaterialien stark gestie­gen. Laut Medienberichten könn­te dies dazu füh­ren, dass gewis­se Bauvorhaben auf­ge­scho­ben oder gestoppt werden.

Aus Sicht der Nachhaltigkeit und auch einer gesun­den Stadt- und Regionalentwicklung, ist das eine gute Botschaft: Wenn Bauen teu­rer wird, besteht die Hoffnung, dass sich zumin­dest ein Teil jener Investoren, die mit dem Bau und Besitz von Liegenschaften einen mög­lichst hohen Profit erzie­len wol­len, aus dem Geschäft zurückziehen.

Die Bauwirtschaft gehört welt­weit zu den schlimms­ten Klimatreibern. Ein Rückgang die­ser über­hitz­ten Branche und deren Umstrukturierung, im Sinne einer men­schen- statt pro­fit­freund­li­chen Entwicklung, wäre alles ande­re als bedauernswert.

Das gilt ins­be­son­de­re auch für die Holzbranche. Laut NZZ am Sonntag klagt die­se aktu­ell über die «aku­tes­ten Lieferprobleme, die sie je erlebt hat.» Sowohl die Preise für Massivholz und ver­leim­te Hölzer wie auch jene für Span- und Massivholzplatten hät­ten sich um bis zu 35 Prozent ver­teu­ert. Manche Produkte sei­en kaum mehr erhältlich.

Der Grund: Die Schweiz baut vor allem mit Importholz. Da Bauen mit Holz gegen­wär­tig nicht nur hier­zu­lan­de, son­dern welt­weit boomt, über­steigt die Nachfrage das Angebot. Laut dem Branchenverband Holzbau Schweiz kau­fen ins­be­son­de­re die USA und China den Weltmarkt leer.

Dabei gäbe es in der Schweiz genü­gend ein­hei­mi­sches Holz. Weil es aber immer güns­ti­ger wur­de, vor­ver­ar­bei­te­tes Holz aus dem Ausland zu impor­tie­ren, gibt es hier­zu­lan­de kaum mehr Sägereien, die unser Holz bear­bei­ten kön­nen. Hunderte klei­ner und mit­tel­stän­di­scher Betriebe muss­ten in den letz­ten Jahren Konkurs anmel­den. Sie sind ein­ge­gan­gen, weil sie mit den Billig-Angeboten der Gross-Sägereien im Ausland nicht mehr mit­hal­ten konnten.

So ist es heu­te gang und gäbe, dass Rohholz aus Schweizer Wäldern zur Verarbeitung über Hunderte von Kilometern trans­por­tiert, im Ausland ver­ar­bei­tet, und dann wie­der in die Schweiz ein­ge­führt wird. Auch das ein öko­lo­gi­scher Blödsinn.

Umso bes­ser, wenn stei­gen­de Preise jetzt die mass­lo­se Bauwirtschaft brem­sen. Wer weiss, viel­leicht rech­net sich dank der dras­ti­schen Holzverteuerung auch die geplan­te Rendite-Holzimmobilie am Chaletweg 3 für die Investmentgesellschaft 3A Immobilien nicht mehr? Das wäre eine wirk­lich gute Nachricht.

Im Gegensatz zu ande­ren Bauherrschaften, ist die­ser Investor ja schon glück­li­cher Besitzer eines Holzhauses. Statt das alt­ehr­wür­di­ge Chalet – garan­tiert aus Schweizerholz – zu zer­stö­ren, könn­te er es instand­set­zen. Das wäre nicht nur kos­ten­güns­ti­ger, er wür­de damit auch einen wesent­lich wert­vol­le­ren Beitrag an die Bau- und Wohnkultur der Stadt Zürich leis­ten als mit den 14 geplan­ten Kleinstwohnung auf der his­to­ri­schen Parzelle.

Wagen sie es, Herr Friedli von 3A Immobilien – das ist Ihre Chance, sich einen Namen als Erhalter von Baukultur und Pionier einer nach­hal­ti­gen und öko­lo­gi­schen Quartierentwicklung zu machen!

Missachtete Kinderrechte

Mein Bruder war zwölf oder drei­zehn Jahre alt, als es geschah: Ein Schulkamerad hat­te mit Kreide eine Karikatur des Klassenlehrers an die Wandtafel gemalt. Gemeinsam ergänz­ten sie, zur Freude der rest­li­chen Klasse, das Bild mit einem Galgen.

Gar kei­ne Freude hat­te der Klassenlehrer. Als er das von Kinderhand an die Tafel gemal­te Werk sah, reagier­te er panisch. Er wit­ter­te ein Mordkomplott und mel­de­te den Vorfall der Schulleitung. Er unter­stell­te den bei­den Buben per­ver­ses Verhalten, stem­pel­te sie zu poten­zi­el­len Gewalttäterin und Gefährder der Sicherheit an der Schule.

Die Eltern wur­den zitiert, die Übeltäter muss­ten zum Schulpsychiater. Dort wur­de schnell klar: Das war ein harm­lo­ser Bubenstreich, der Lehrer hat­te überreagiert.

Diese längst ver­ges­sen geglaub­te Geschichte kam mir wie­der in den Sinn, als ich die Vorlage für das neue Polizeigesetz (PMT) stu­dier­te. Dieses sieht näm­lich vor, dass Kinder und Jugendliche bereits ab 12 Jahren als «ter­ro­ris­ti­sche Gefährderin oder ter­ro­ris­ti­scher Gefährder» gel­ten kön­nen. Mir ging durch den Kopf: Was, wenn das Gesetz damals schon in Kraft gewe­sen wäre und der Lehrer Anzeige erstat­tet hätte?

Mit dem neu­en Gesetz kann die Polizei auch für Minderjährige eigen­mäch­tig Massnahmen wie Melde- und Gesprächsteilnahmepflicht, Kontaktverbote, Ausreiseverbote, elek­tro­ni­sche Überwachung oder Mobilfunklokalisierungen ver­fü­gen und Jugendliche ab dem voll­ende­ten 15. Altersjahr sogar unter Hausarrest stellen.

All die­se Massnahmen sind Eingriffe in die Grundrechte von uns Bürgerinnen und Bürgern, die nicht ohne rich­ter­li­che Kontrolle umge­setzt wer­den soll­ten. Weder für Jugendlichen noch für Erwachsene! Deshalb kei­ne Frage: Das PMT gehört am 13. Juni abgelehnt!

Wenn es um Kinder und Jugendliche geht, kommt näm­lich sogar noch ein wei­te­rer Kritikpunkt hin­zu: Das neue Gesetz steht im Widerspruch zur Kinderrechtskonvention, an die auch die Schweiz gebun­den ist.

So schrie­ben etwa die bei­den inter­na­tio­nal renom­mier­ten Kinderrechtsspezialisten Jean Zermatten und Philipp D. Jaffé bereits im Rahmen der Vernehmlassung zum neu­en Gesetz in einem Brief, der von zahl­rei­chen Rechtsexpertinnen und ‑exper­ten unter­zeich­net wur­de: «Die dem PMT zugrun­de lie­gen­de prä­ven­tiv-repres­si­ve, auf den Ausschluss aus­ge­rich­te­te Philosophie steht im Widerspruch zur UN-Kinderrechtskonvention, da die­se Massnahmen nur schwer mit dem über­ge­ord­ne­ten Interesse des Kindeswohls in Einklang zu brin­gen sind.»

Jean Zermatten, wäh­rend 25 Jahren Jugendrichter im Wallis und Mitbegründer des Internationalen Instituts für Kinderrechte (IDE), war von 2005–2013 Mitglied des UNO-Ausschuss für die Rechte des Kindes, den er von 2011 bis 2013 prä­si­dier­te. Der Genfer Rechtsprofessor Philipp D. Jaffé wur­de 2018 als zwei­ter Schweizer in die­ses Gremium gewählt, das die Umsetzung der Kinderrechtskonvention welt­weit überwacht.

Die 1989 von der inter­na­tio­na­len Staatengemeinschaft ver­ab­schie­de­te UNO-Konvention über die Rechte des Kindes wur­de von der Schweiz 1997 rati­fi­ziert. Das Übereinkommen for­mu­liert welt­weit gül­ti­ge Grundwerte im Umgang mit Kindern und Jugendlichen bis zum voll­ende­ten 18. Lebensjahr, an die sich die Mitgliedstaaten zu hal­ten haben. Unter ande­rem wird ver­langt, dass Kinder und Jugendliche einer auf sie zuge­schnit­te­nen Gerichtsbarkeit unter­stellt wer­den müs­sen, weil sie auf­grund ihres Alters, ihrer Verletzlichkeit und ihrer beson­de­ren Bedürfnisse anders zu behan­deln sind als Erwachsene. 

Gegen die­sen zen­tra­len Grundsatz ver­stösst das PMT. Dazu noch ein­mal Zermatten und Jaffé: «Unser Land ist auch an die Konvention über die Rechte des Kindes von 1989 gebun­den, in der die Verpflichtungen der Staaten in Bezug auf die Jugendgerichtsbarkeit sehr klar fest­ge­legt sind. Der Polizei zu erlau­ben, Zwangsmassnahmen gegen 12-jäh­ri­ge Kinder zu ergrei­fen, ist eine Verletzung die­ser Verpflichtungen.» Eine wirk­sa­me Strategie zur Terrorismusbekämpfung müs­se die Menschenrechte respek­tie­ren und die beson­de­ren Bedürfnisse der Jugendlichen, ihre Integration und Bildung berücksichtigen.

Nächstenliebe – Made in Switzerland

Während sich die Menschen in der Schweiz um Impftermine drän­geln, errei­chen uns Tag für Tag erschüt­tern­de Covid-Nachrichten aus Indien. Viele Regierungen reagier­ten mit der Lieferung von medi­zi­ni­schem Material auf die Schreckensbilder. Auch die Schweiz.

Anfang Mai wur­den erst­mals 13 Tonnen medi­zi­ni­sche Hilfsgüter von Zürich nach Neu-Delhi geflo­gen. Nebst Sauerstoff-Konzentratoren und Schutzkleidung hat­te das Frachtflugzeug auch 50 Hamilton-Beatmungsgeräte an Bord.

«Die Beatmungsgeräte wur­den vom Bundesamt für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) gra­tis zur Verfügung gestellt. Sie stam­men aus der Armeeapotheke und wer­den zur­zeit in der Schweiz nicht benö­tigt», ver­mel­de­te die SDA.

Zur Erinnerung: Das VBS kauf­te im letz­ten Frühjahr und Sommer vom Schweizer Hersteller Hamilton AG 1550 Beatmungsgeräte. Zu einem stol­zen Preis, wie Recherchen der SonntagsZeitung damals zeigten.

Geplant war deren Einsatz in den Kantonen, wel­che die­se dem Bund abkau­fen und in ihren Spitälern ein­set­zen soll­ten. Die Nachfrage hielt sich jedoch in Grenzen. In der Hektik der ers­ten Pandemiewelle geäus­ser­te Bestell-Absichten wur­den wie­der zurück­ge­zo­gen, eini­ge Kantone sol­len gar vom Bund gelie­fer­te Geräte wie­der zurück­ge­schickt haben, weil sie dafür kei­ne Verwendung fanden.

Offenbar waren die qua­li­ta­tiv hoch­ste­hen­den Schweizer Geräte für Schweizer Spitäler nicht nur zu teu­er, son­dern auch nicht pra­xis­taug­lich, wie Recherchen des SonntagsBlicks zeig­ten. So begrün­de­te etwa der Kanton Aargau sei­ne Rückweisung damit, dass das Gerät unge­eig­net für den Spitaleinsatz unge­eig­net sei und man auf dem Markt zu wesent­lich güns­ti­ge­ren Preisen adäqua­te­re Maschinen fin­den wür­de. Ähnlich lau­te­te die Stellungnahme des Kantons Thurgau: «Bei einem so kom­ple­xen Gerät und der Anwendung auf der Intensivmedizin ist es essen­zi­ell, dass sich das Personal auf eine gesi­cher­te, geschul­te Handhabung ver­las­sen kann. Ein Mix von Gerätemodellen ist daher zu ver­mei­den und nur in einer Notlage zu vertreten.»

Kurzum: Das VBS blieb so auf über zwei Dritteln sei­ner Hamilton-Geräte sit­zen, die in der Armeeapotheke ein­ge­la­gert wer­den muss­ten. – Bis zum Tag, als die Welt beschloss, Indien mit medi­zi­ni­scher Nothilfe bei der Corona-Bekämpfung unter die Arme zu greifen…

Flugs wur­den 50 der in der Schweiz her­um­ste­hen­den Hamilton-Geräte in ein Frachtflugzeug gela­den und nach Indien ent­sorgt. Mit dop­pel­tem Gewinn: Im Armeelager wur­de wie­der etwas Platz geschaf­fen, und ein Teil der 45 Millionen Franken, die das VBS für die ein­ge­la­ger­ten Geräte bezahlt hat­te, kön­nen nun über das Nothilfe-Budget des Bundes abge­bucht werden.

Das wäre ja alles schön und gut, wenn die Beatmungsgeräte nun wenigs­tens in Indien ihren Zweck erfül­len und einen Beitrag zur Minderung der Not leis­ten wür­den. Allerdings muss allen an die­sem Deal betei­lig­ten klar gewe­sen sein, dass die­se kom­ple­xen Geräte auch in indi­schen Spitälern kaum zum Einsatz kom­men wür­den. Aus Mangel an qua­li­fi­zier­tem Personal, wie die Erfahrungen in der Schweiz zeigten.

So kam es, wie es kom­men muss­te: «In vie­len Staaten ste­hen Beatmungsgeräte unge­nutzt her­um», titel­te etwa The Times of India Anfang Woche. Zahlreiche wei­te­re indi­sche Zeitungen berich­ten dar­über, dass die Spitäler mit den aus aller Welt ein­ge­flo­ge­nen Beatmungsmaschinen über­for­dert sei­en und die­se meist unge­nutzt her­um­ste­hen wür­den. Konkrete Hinweise dar­über, ob die 50 Hamilton-Geräte in der Schweiz in Betrieb sei­en oder nicht, konn­ten in den kon­sul­tier­ten Quellen kei­ne gefun­den werden.

Es ist aber davon aus­zu­ge­hen, dass Geräte, die von Schweizer Spitälern zurück­ge­wie­sen wur­den, auch in Indien nicht zu gebrau­chen sind. Somit ist die gross­zü­gi­ge «Nothilfe» der Schweizer Regierung nichts ande­res als eine im wahrs­ten Sinn des Wortes «bil­li­ge» PR-Aktion. Medial laut­hals ver­kün­det, bei­spiel­haft für die tra­di­tio­nel­le Solidarität mit der Welt – made in Switzerland.

So sind die Reichen eben: Geben gross­zü­gig an Ärmere ab, was sie nicht mehr brau­chen kön­nen und ihnen nur Entsorgungsprobleme berei­tet. Weitere «Nothilfeaktionen» sind denk­bar, denn es ste­hen ja noch hun­der­te von Beatmungsgeräten in der Armeeapotheke herum.

Nachtrag — ein paar Tage später

Covid-19 in Nepal: Die Schweiz schickt 30 Tonnen humanitäre Hilfsgüter

Bern, 21.05.2021 — Die Schweiz unter­stützt Nepal, wo eine äus­serst pre­kä­re Gesundheitssituation im Zusammenhang mit Covid-19 herrscht. Die Humanitäre Hilfe des Bundes schickt am Freitag, 21. Mai 2021, 1,1 Millionen Antigentests, 40 Beatmungsgeräte, 10 Sauerstoffkonzentratoren sowie Schutzmaterial nach Kathmandu. Die Gesamtkosten die­ser huma­ni­tä­ren Hilfsaktion betra­gen rund 7,5 Millionen Franken.

 

Nachtrag — ein paar Wochen später

(20Minuten – 13.06.2021)

Die Schweiz sei reich­lich ver­sorgt mit Impfstoffen, sie erhal­te Vakzine von Pfizer/Biontech und Moderna im Wochenrhythmus und kön­ne gar nicht viel mehr ver­imp­fen, heisst es. Deshalb sol­len nun sämt­li­che bestell­te Dosen des umstrit­te­nen Impfstoffs des bri­tisch-schwe­di­schen Herstellers AstraZeneca ver­schenkt wer­den. Der Bundesrat will kom­men­de oder über­nächs­te Woche dar­über entscheiden.

(..)

Viele Länder und auch die EU wol­len nun kei­ne wei­te­ren Dosen von AstraZeneca mehr bestellen.

Es wird des­halb ver­mu­tet, dass sich das BAG eben­falls vor wach­sen­der Impfskepsis fürch­tet und dar­um den umstrit­te­nen Impfstoff gar nicht erst in der Schweiz ein­set­zen will. Die inter­na­tio­na­le Solidarität wäre dem­nach nur ein Motiv, war­um die Schweiz Millionen Impfdosen verschenkt.