Bit­te­rer Abschied

Offe­ner Brief
an die Lei­tung der Domic­il Bern AG und
die Heim­lei­tung der Vil­la Sut­ter in Nidau

Heu­te ist es genau ein Monat her, dass unser Vater gestor­ben ist. In Ihrer Obhut und unter Ihrer Ver­ant­wor­tung. Plötz­lich, uner­war­tet, unter bit­te­ren Umstän­den – und wahr­schein­lich nicht direkt am Pan­de­mie-Virus. Das Pfle­ge­per­so­nal an der Front hat bis zum Schluss sein Bes­tes gege­ben und ist mit den fol­gen­den Aus­füh­run­gen in keins­ter Wei­se gemeint. Im Gegen­teil: Den Pfle­ge­rin­nen und Pfle­gern sowie dem Ser­vice­per­so­nal gebührt ein war­mer Dank für alles, was sie geleis­tet und für unse­ren Vater getan haben.

Die bit­te­ren Umstän­de sind unse­res Erach­tens nicht allein dem Coro­na­vi­rus anzu­las­ten, son­dern dem Regime, das vom Manage­ment der Domic­il­grup­pe in unver­hält­nis­mäs­si­ger Wei­se ange­ord­net und von der Lei­tung der Vil­la Sut­ter gehor­samst durch­ge­setzt wur­de. Die Ope­ra­ti­on «Ein­schlep­pung Coro­na­vi­rus ver­hin­dern» scheint in der Vil­la Sut­ter bis­her gelun­gen. Aber zu wel­chem Preis für die Ihnen anver­trau­ten Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner?

Wir erach­ten es als zwin­gend, dass die Stim­men der Bewoh­ne­rIn­nen und ihrer Ange­hö­ri­gen zu Pro­to­koll gege­ben und gehört wer­den – in der Hoff­nung, dass die ver­ant­wort­li­chen Lei­tungs­per­so­nen ihre Lek­tio­nen aus der drin­gend not­wen­di­gen Manö­ver­kri­tik ler­nen.

Des­halb wol­len wir die Situa­ti­on, unter der unser Vater in sei­nen letz­ten Wochen und Mona­ten zuneh­mend gelit­ten hat und die er mit aller Kraft zu ver­bes­sern such­te, noch ein­mal zusam­men­fas­sen und beim Namen nen­nen.

Wir haben in die­ser Zeit fast täg­lich mit ihm über die Mass­nah­men und Vor­komm­nis­se in der Vil­la gespro­chen, zudem haben wir auf sei­nem Com­pu­ter auch einen Text gefun­den, den er in den letz­ten Tagen und Stun­den vor sei­nem Tod ver­fasst hat und des­sen Inhalt er an der nächs­ten Bewoh­ner­rats­ver­samm­lung vor­brin­gen woll­te.

Die Domic­il-Hei­me wur­den bereits Anfang März dicht gemacht. Eine Art Not­fall­mass­nah­me, die anfäng­lich auch von unse­rem Vater akzep­tiert, ja gar will­kom­men geheis­sen wur­de. Nicht zuletzt, weil sie (damals) zeit­lich begrenzt war.

Wir nah­men zur Kennt­nis, wie die Domic­il-Mana­ge­rin Andrea Hor­nung Ende März im Regio­nal­jour­nal Bern selbst­be­wusst über ihre erfolg­rei­che Coro­na-Bekämp­fung berich­te­te. Was dabei nicht zur Spra­che kam: Es hät­te schon damals drin­gend Krea­ti­vi­tät, Fle­xi­bi­li­tät und Enga­ge­ment sei­tens der Heim­lei­tung gebraucht, um den alten Men­schen und ihren Angehörigen/FreundInnen bald­mög­lichst wie­der zu ermög­li­chen, ihre Bezie­hun­gen zu pfle­gen. Mit ange­mes­se­nen Sicher­heits­mass­nah­men. So, wie man es für die Coif­feur­sa­lons, Tatoo-Stu­di­os und Super­märk­te schon bald in die Wege gelei­tet hat.

Nicht so in der Vil­la Sut­ter und in vie­len ande­ren Hei­men. Dort wur­de der Lock­down vor­erst auf unbe­stimm­te Zeit aus­ge­dehnt, strikt und ohne das not­wen­di­ge prag­ma­ti­sche Gespür für beson­de­re Bedürf­nis­se und Ein­zel­fäl­le. Alle Bewoh­ne­rIn­nen soll­ten über den glei­chen Kamm gescho­ren wer­den.

Nicht unbe­rech­tigt die Kla­ge einer Heim­mit­be­woh­ne­rin unse­res Vaters, ihre Situa­ti­on küm­me­re nie­man­den, es sei wohl ein­fa­cher, die Alten ein­fach ein­ge­sperrt zu las­sen. Es ist uns nicht bekannt, dass die Domic­il-Grup­pe mit ihrem nicht uner­heb­li­chen Gewicht beim Kan­ton für eine Locke­rung inter­ve­niert hät­te, wie es Ver­tre­ter ver­schie­de­ner Wirt­schafts­ver­bän­de sofort, mit gros­ser Ein­dring­lich­keit und ent­spre­chen­dem Erfolg getan haben.

Eine unhalt­ba­re Situa­ti­on, zumal ande­re Insti­tu­tio­nen vor­mach­ten, dass es auch anders gegan­gen wäre. In der Vil­la Sut­ter hin­ge­gen fehl­te es von Anbe­ginn an der not­wen­di­gen Empa­thie und Fle­xi­bi­li­tät. Statt sich mutig für die Bedürf­nis­se der ihnen anver­trau­ten Men­schen ein­zu­set­zen, ver­steck­te sich die Heim­lei­tung hin­ter «Wei­sun­gen von oben», die so gar nicht exis­tier­ten oder abso­lut unsin­nig waren. Unser Vater, der über die aktu­el­le Coro­na-Situa­ti­on im In- und Aus­land immer bes­tens infor­miert war, klag­te zuneh­mend dar­über, dass er von der Heim­lei­tung nicht ernst genom­men wer­de, und dass er auf sei­ne Fra­gen und Argu­men­te kei­ne Ant­wor­ten, son­dern bloss Ver­trös­tun­gen erhal­te.

Er berich­te­te auch von absur­den Vor­komm­nis­sen: So durf­ten sich die Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner zwar im Gar­ten der Vil­la auf­hal­ten, es wur­de ihnen aber unter­sagt, über den Gar­ten­zaun mit Bekann­ten ein Gespräch auf Distanz zu füh­ren. Wäh­rend die Heim­lei­tung dar­auf poch­te, dass alle Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner sich den Mass­nah­men zu beu­gen hät­ten, wur­de bald bekannt, dass die­se Wei­sung halt doch nicht für alle galt. Ob sich der pri­vi­le­gier­te Ehe­mann, der sei­ne in der Vil­la Sut­ter unter­ge­brach­te Frau trotz «Ver­bot» immer wie­der besuch­te, den Zugang zur Vil­la mit sei­ner Unver­schämt­heit oder auch noch auf ande­ren Wegen ver­schaff­te, bleibt sein Geheim­nis – und jenes der Heim­lei­tung, die über die­se Besu­che Bescheid wuss­te und sie tole­rier­te.

Alle ande­ren Heim­be­woh­ne­rin­nen und ‑bewoh­ner muss­ten bis Mit­te Mai war­ten, bis Besu­che wie­der mög­lich wur­den — aller­dings auch dann nur unter restrik­tivs­ten Bedin­gun­gen: Ein Besuch von einer hal­ben Stun­de pro Woche, maxi­mal zwei Per­so­nen, mit Mund­schutz und Hand­schu­hen, hin­ter einer Ple­xi­glas­wand… Auf die Fra­ge nach dem Sinn und Zweck die­ser schi­ka­nö­sen Mass­nah­men erhiel­ten sowohl unser Vater wie wir immer die glei­che ste­reo­ty­pe Ant­wort: Befehl aus Bern.

Womit die Domic­il-Lei­tung gemeint sein dürf­te, denn das BAG hat stets expli­zit vom Hand­schuh­tra­gen, aus­ser bei bestimm­ten beruf­li­chen Hand­lun­gen, abge­ra­ten! Auf unse­re dies­be­züg­li­che Mail vom 25. Mai an Frau Hor­nung erhiel­ten wir drei Tage spä­ter eine nichts­sa­gen­de Stan­dard-Ant­wort von der Mar­ke­ting-Direk­to­rin der Domic­il-Ket­te, die uns auf wei­te­re Öff­nun­gen per 6. Juni ver­trös­te­te.

Gegen­über Heim­lei­ter Mül­ler hat­ten wir bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass die alten Men­schen in den Hei­men nicht mehr viel Lebens­zeit hät­ten und es drin­gend not­wen­dig sei, ihnen bald­mög­lichst wie­der Begeg­nun­gen mit ihren Liebs­ten zu ermög­li­chen. Die­ser Appell ver­hall­te unge­hört. – Noch am Frei­tag, 29. Mai, einen Tag vor sei­nem Tod, muss­te unser Vater von Heim­lei­ter Mül­ler hören, er sol­le sich gedul­den — «wir wol­len einen ruhi­gen Kopf bewah­ren und nichts über­stür­zen.»

Das ein­zi­ge Ziel der Heim­lei­tung war, «coro­nafrei» über die Run­den zu kom­men. Wie sehr die Men­schen unter die­sem Regime lit­ten, war von unter­ge­ord­ne­tem Inter­es­se. Die Tat­sa­che, dass in die­ser Zeit im Heim Men­schen gestor­ben sind, die ihre Ange­hö­ri­gen wäh­rend Wochen weder sehen noch spü­ren oder mit ihnen einen Kaf­fee trin­ken konn­ten, wird in kei­ner Coro­na-Sta­tis­tik auf­ge­führt und scheint des­halb für die Ver­wal­te­rIn­nen der Alten­pfle­ge nicht von Belang. Weil sie nicht direkt «an oder mit Coro­na» gestor­ben sind…

Statt den Bewoh­ne­rIn­nen und ihren Ange­hö­ri­gen die ange­kün­dig­te wei­te­re Locke­rung für Ende Mai in einem posi­ti­ven, opti­mis­ti­schen Ton zu kom­mu­ni­zie­ren, ver­teil­te Heim­lei­ter Mül­ler am Don­ners­tag, 28. Mai den Bewoh­ne­rIn­nen der Vil­la Sut­ter ein Schrei­ben, das mit Fug und Recht als Droh­brief bezeich­net wer­den kann.

Unser ansons­ten so ruhi­ger und beson­ne­ner Vater war ganz aus­ser sich, als er uns kurz nach des­sen Erhalt anrief. Für den Inhalt die­ses Schrei­bens, sag­te er, gebe es nur ein Wort: «Frei­heits­be­rau­bung.»

Trotz­dem freu­te er sich auf den Spa­zier­gang mit sei­ner Toch­ter, die sich für Frei­tag ange­mel­det hat­te. Er infor­mier­te die Heim­lei­tung dar­über, dass er ger­ne mit ihr auch einen Kaf­fee trin­ken möch­te – nicht in einem Restau­rant, aber im Gar­ten der Vil­la. Was ja aus BAG-Sicht völ­lig unpro­ble­ma­tisch gewe­sen wäre.

Heim­lei­ter Mül­ler nahm in sei­ner Ant­wort das Stich­wort Restau­rant auf und teil­te mei­nem Vater und allen Anwe­sen­den mit, dass es in der Tat nicht rat­sam sei, zum aktu­el­len Zeit­punkt ein Restau­rant zu besu­chen. Er hät­te dies in den ver­gan­ge­nen Tagen getan – und rate allen ande­ren drin­gend davon ab, weil der Ser­vice im betref­fen­den Restau­rant ohne Mas­ke gear­bei­tet habe.

Ein Affront, nicht nur gegen­über den Heim­be­woh­nen­den, son­dern ins­be­son­de­re auch gegen­über dem übri­gen Heim­per­so­nal, das seit Wochen dazu ange­hal­ten wur­de, kei­ne öffent­li­chen Orte und Restau­rants zu besu­chen, um das Risi­ko einer Anste­ckung zu mini­mie­ren. Aber es kam noch schlim­mer.

Als unser Vater glei­chen­tags vom Spa­zier­gang mit sei­ner Toch­ter zurück­kehr­te, wur­de ihnen der lang ersehn­te ers­te gemein­sa­me Kaf­fee nach über zwei Mona­ten im Gar­ten (mit Sicher­heits­ab­stand) ver­wei­gert. Ver­bo­ten. Von oben. Punkt. Kei­ne Dis­kus­si­on. Es wäre der letz­te Kaf­fee mit einem sei­ner Kin­der gewe­sen…

Dies sind Vor­fäl­le, die unser Vater in einem Schrei­ben an die Heim­lei­tung, das er über Pfings­ten ver­fas­sen woll­te, beschrie­ben hät­te. Sein Ziel war stets, einen mass­vol­len, ver­nünf­ti­gen und gerech­ten Umgang mit der für alle schwie­ri­gen Situa­ti­on zu fin­den. Er hat­te lau­fend Vor­schlä­ge gemacht, auf Unge­rech­tig­kei­ten hin­ge­wie­sen, für Ver­bes­se­run­gen gekämpft…

Dass er von der Heim­lei­tung immer wie­der abge­wim­melt und ver­trös­tet wur­de, hat ihn sehr gekränkt. Zu Recht fühl­te er sich nicht ernst genom­men, ent­mün­digt und ent­rech­tet. Dar­un­ter hat er sehr gelit­ten. Er, der als 13jähriger Bub in Deutsch­land hat erle­ben müs­sen, wie sein Vater nach der Kris­tall­nacht von den Nazis in «Schutz­haft» genom­men wur­de und nach zehn Tagen im KZ als gebro­che­ner Mann heim­ge­kehrt ist.

Unser Vater hin­ge­gen war alles ande­re als ein gebro­che­ner Mann. Mit sei­nen fast 95 Jah­ren konn­te er auf sei­ne gros­se Lebens­er­fah­rung zurück­grei­fen und blieb bis zuletzt äus­serst wach und krea­tiv, wenn es dar­um ging, nach Lösun­gen und Ver­bes­se­run­gen zu suchen. Damit pass­te er wohl nicht ins Bild, das sich die Domic­il Bern AG von ihrer betag­ten, «schutz­be­dürf­ti­gen» Kli­en­tel macht…

Nie hät­ten wir uns vor­stel­len kön­nen, dass unser Vater am Ende sei­nes enga­gier­ten, umsich­ti­gen Lebens der­mas­sen ent­rech­tet wür­de, dass er – «zu sei­nem Schutz» – von sei­nen Liebs­ten weg- und in der Vil­la Sut­ter ein­ge­sperrt wer­den könn­te…

Wir wis­sen, dass wir mit unse­rem Leid nicht allei­ne sind. Vie­len ande­ren Heim­be­woh­ne­rIn­nen und Ange­hö­ri­gen ist es ähn­lich ergan­gen – ergeht es viel­leicht immer noch so. Des­halb kla­gen wir die­se Miss­stän­de, die­se feh­len­de Empa­thie der Lei­tungs­per­so­nen an. Seit dem Tod unse­res Vaters haben wir von der Domic­il Bern AG nichts mehr ver­nom­men. Wir war­ten noch auf eine letz­te Rech­nung. Damit dürf­te für sie der Fall erle­digt sein. Das Busi­ness as usu­al muss wei­ter gehen…

Gabrie­la, Peter und Mari­an­ne Neu­haus

 

 

Weg­ge­sperrt und ver­ges­sen

War­te­schlan­gen vor Bau­märk­ten und Gar­ten­cen­tern am Mon­tag­mor­gen. Sel­fies und Repor­ta­gen aus Coif­feur­sa­lons und Nagel­stu­di­os, wohin man schaut – in den Bezahl­me­di­en wie auf den Social-Media-Kanä­len oder in pri­va­ten Whats­ap­p­grup­pen.

Kurz nach den ers­ten Locke­rungs­mass­nah­men nach dem Coro­na-Lock­down staunt man, für wie vie­le Men­schen hier­zu­lan­de es offen­bar nichts Dring­li­che­res gibt als Haa­re schnei­den und Gera­ni­en pflan­zen.

Oder will man uns ein­fach weis­ma­chen, dass es jen­seits des Kon­su­mie­rens kein Glück, kei­ne Zufrie­den­heit geben darf? Plötz­lich wird eine neue Nor­ma­li­tät ver­kün­det: die amt­lich ver­ord­ne­ten Zei­ten von Ent­schleu­ni­gung sind schon wie­der vor­bei. Alle wie­der zurück ins Hams­ter­rad – genug der Zeit für­ein­an­der, mit den Kin­dern, fer­tig mit aus­ge­dehn­ten Quar­tier- und Wald­spa­zier­gän­gen. Nach Wochen der Geduld, Vor­sicht und Zurück­hal­tung ist der Bann gebro­chen. Die viel­be­schwo­re­ne Soli­da­ri­tät löst sich in Luft auf. Nach­dem SVP-Rechts­aus­sen-Mil­li­ar­dä­rin Mar­tullo-Blo­cher in der Sonn­tags­pres­se bereits Mit­te April unwi­der­spro­chen vor­ge­prescht ist: Tote sei­en in Kauf zu neh­men, zuguns­ten der Wirt­schaft.

Ins glei­che Horn stösst jetzt auch Mil­li­ar­där Samih Sawiris. «Es gehen Mil­li­ar­den ver­lo­ren für ein paar weni­ger Tote», kri­ti­siert der Ägyp­ter die Coro­na-Mass­nah­men in der Schweiz – eben­falls in der Sonn­tags­pres­se…

Der Ruf nach einer schnel­len Wie­der-Öff­nung von Restau­rants und Bars, der Ankur­be­lung des Tou­ris­mus sowie der Unter­stüt­zung von Air­lines wird immer lau­ter. Und scheint im Bun­des­rat auf Wohl­wol­len zu stos­sen.

Dies wird sich kaum ändern, wenn ab dem 4. Mai das eid­ge­nös­si­sche Par­la­ment wie­der tagt. Wer dort das Sagen hat, ist alt­be­kannt. Bereits in den letz­ten Tagen hat sich gezeigt: Die nim­mer­mü­den Wirt­schafts-Lob­by­is­ten haben wie­der Ober­hand – und leis­ten vol­le Arbeit.

Wei­te­re viel dis­ku­tier­te The­men der letz­ten Tage sind die Umar­mung von Enke­lIn­nen durch Gross­el­tern, die Wie­der­eröff­nung der Schu­len, das Hoch­fah­ren des öffent­li­chen Ver­kehrs sowie die Fra­ge Schutz­mas­ken ja oder nein.

Völ­lig ver­ges­sen hin­ge­gen sind all jene Men­schen, die seit Wochen iso­liert von ihren Liebs­ten leben müs­sen. Ein­ge­sperrt in Hei­men, zu ihrem Schutz, wie es heisst. Weil sie als alte Men­schen, Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen und Vor­er­kran­kun­gen zur «Risi­ko­grup­pe» gehör­ten.

Auch wenn die Pfle­gen­den in die­sen Hei­men ihr Bes­tes geben und sich in die­ser schwie­ri­gen Zeit beson­ders enga­gie­ren: Die Iso­la­ti­on, die man­cher­orts bereits über zwei Mona­te andau­ert, ist nicht län­ger zu recht­fer­ti­gen. Ein­sam­keit macht krank.

In Pfle­ge­hei­men gibt es durch­aus Mit­tel und Wege, sorg­fäl­tig mit der Situa­ti­on umzu­ge­hen und Anste­ckun­gen zu ver­hin­dern. Sicher­heits­kon­zep­te, die für Coif­feur­sa­lons, Schu­len und Bei­zen gel­ten, kön­nen auch in sol­chen Insti­tu­tio­nen orga­ni­siert wer­den.

War­um nur ist dies in die­sen Tagen kaum ein The­ma? Wenn irgend­wo die Zeit drängt, für die Wie­der­auf­nah­me einer «Nor­ma­li­tät», ist es in den Alten­hei­men: Hier leben Men­schen, die nicht mehr viel Lebens­zeit haben. Ihre Lebens­qua­li­tät beschränkt sich oft auf die Nähe, die Besu­che ihrer Part­ne­rIn­nen, Freun­dIn­nen, Kin­der und Enkel­kin­der.

Auf eine ent­spre­chen­de Jour­na­lis­ten­fra­ge an der Medi­en­kon­fe­renz vom 29. April wies Bun­des­rat Ber­set ein­mal mehr dar­auf hin, dass dies Sache der Kan­to­ne sei. Der Bund hat­te Mit­te März zwar eine Emp­feh­lung betref­fend Besuchs­ver­bot in Spi­tä­lern und Hei­men aus­ge­spro­chen – seit­her ist aus dem Bun­des­haus in die­ser Hin­sicht nichts mehr zu hören.

Immer­hin: Der Kan­ton Zürich hat sei­ne Ver­ant­wor­tung wahr­ge­nom­men und letz­te Woche Besu­che in den Pfle­ge- und Alters­hei­men wie­der zuge­las­sen. Ande­re Kan­to­ne wie etwa Appen­zell Inner­rho­den oder Thur­gau ermög­li­chen seit Anfang Mai eben­falls wie­der Heim­be­su­che.

Im Kan­ton Bern hin­ge­gen, herrscht dies­be­züg­lich Schwei­gen. Kein Wort, wann mit einer Öff­nung gerech­net wer­den darf, kein Hin­weis dar­auf, wie der Aus­stieg aus dem tota­len Besuchs­ver­bot geplant ist.

Es ist eine Schan­de: Im all­ge­mei­nen Ankur­be­lungs- und Wie­der­eröff­nungs­fie­ber wird für jeg­li­ches Busi­ness offe­ne Türen gefor­dert und ermög­licht. Nur jene in den Alters- und Pfle­ge­hei­men blei­ben wei­ter­hin ver­schlos­sen. Die Men­schen, die uns am meis­ten brau­chen, blei­ben weg­ge­sperrt, ver­ges­sen.

Jetzt oder nie

Dras­ti­sche Mass­nah­men sind mög­lich. Dies haben uns die letz­ten Wochen gezeigt. Wenn es um die eige­ne Gesund­heit geht, sind wir Men­schen bereit, auf eini­ges, das uns lieb ist, zu ver­zich­ten, unse­ren Lebens­stil zu ver­än­dern.

Das ist eine gute Nach­richt. Denn Ver­än­de­run­gen tun Not – mehr denn je. Zuoberst auf der Agen­da ste­hen (immer noch) Mass­nah­men gegen den Kli­ma­wan­del. Hier müs­sen wir jetzt end­lich durch­grei­fen – und zwar mit der glei­chen Kon­se­quenz und Ent­schlos­sen­heit, mit der wir uns vor einer Anste­ckung mit dem Coro­na Virus zu schüt­zen ver­su­chen.

Dabei kön­nen wir auf den Coro­na-Mass­nah­men auf­bau­en. So ergrei­fen zum Bei­spiel zahl­rei­che Städ­te in Euro­pa die Chan­ce und gestal­ten ihre Innen­städ­te weit­räu­mig und sofort fuss­gän­ger- und velo­freund­li­cher: In Mai­land oder Ber­lin etwa, erhält der «Lang­sam­ver­kehr» mehr Raum und deut­lich brei­te­re Spu­ren. Dies, damit die Men­schen zu Fuss und auf dem Fahr­rad die Distanz­re­geln ein­hal­ten kön­nen.

Gleich­zei­tig beschrän­ken die­se Städ­te den Platz für den moto­ri­sier­ten Ver­kehr, auch mit Blick in die Zukunft. Damit der Auto­ver­kehr nicht wie­der zu- son­dern abnimmt, heben sie Fahr­spu­ren und Park­plät­ze auf. Das ver­bes­sert die Lebens­qua­li­tät in den Städ­ten und belas­tet das Kli­ma weni­ger.

Auch beim Flug­ver­kehr könn­te die Coro­na-Erfah­rung hel­fen, das auf uner­sätt­li­chem Wachs­tum basie­ren­de Flug­ge­schäft zu redi­men­sio­nie­ren. Dies zumin­dest die Hoff­nung, nach­dem das Avia­tik Busi­ness welt­weit fast zum Still­stand gekom­men ist. Eine Bran­che nota­be­ne, die das Kli­ma extrem schä­digt, und die sich bis heu­te erfolg­reich gegen grif­fi­ge Umwelt­mass­nah­men gewehrt hat.

Dafür for­der­te Swiss-Chef Tho­mas Klühr bereits Mit­te März, als einer der ers­ten Fir­men­bos­se, Staats­hil­fe für sei­ne Air­line, deren fet­te Gewin­ne der letz­ten Jah­re offen­bar der Luft­han­sa-Kon­zern­rech­nung zuge­führt wor­den sind. Zeit­gleich mit dem dreis­ten Vor­stoss von Klühr lan­cier­te der Ver­ein umver­kehR eine Peti­ti­on «gegen Staats­hil­fe für den Flug­ver­kehr ohne Kli­ma­zie­le», die am 28. April mit 11’440 Unter­schrif­ten ein­ge­reicht wor­den ist.

Ohne Erfolg: Nur einen Tag spä­ter, am 29. April, gibt der Bun­des­rat bekannt, dass er die Bürg­schaft für Kre­di­te in der Höhe von knapp zwei Mil­li­ar­den CHF für die Luft­han­sa-Töch­ter Swiss und Edel­weiss über­neh­me. Dies, obschon die Swiss Anfang April schon für ihre gesam­te Beleg­schaft von 9500 Ange­stell­ten Kurz­ar­beit ange­mel­det hat. Somit pro­fi­tiert sie nun von dop­pel­ter Unter­stüt­zung durch den Bund.

Die Begrün­dung von Bun­des­prä­si­den­tin Simo­net­ta Som­ma­ru­ga: «Die Luft­fahrt gehört zu den kri­ti­schen Indus­trien der Schweiz, sie trägt dazu bei, die inter­na­tio­na­le Anbin­dung sicher­zu­stel­len, die Schweiz ist dar­auf ange­wie­sen: Mehr als ein Drit­tel unse­rer Expor­te ver­las­sen per Flug­zeug das Land, und rund ein Sechs­tel der Impor­te gelangt via Luft­fracht zu uns. Das heisst, dar­an hän­gen dann auch vie­le Fir­men, Lie­fer­ket­ten und Arbeits­plät­ze.»

Ist das nach­hal­tig und zukunfts­fä­hig? Coro­na hat uns gezeigt, dass es sinn­voll und mit­un­ter sogar über­le­bens­wich­tig ist, wenn gewis­se Waren weder ein- noch aus­ge­flo­gen, son­dern an Ort und Stel­le pro­du­ziert wer­den. Die hie­si­gen Spar­geln sind  fri­scher und bes­ser als jene aus Peru. Wir brau­chen auch weder Rosen aus Kenia noch fri­sche Fei­gen aus Süd­afri­ka  oder Trau­ben aus Indi­en.

Für Hin­ter­grund­in­fo: click the pic

Der Ver­zicht auf sol­che Flug­fracht und die Rück­be­sin­nung auf sai­so­na­le, regio­na­le Pro­duk­te ver­schlech­tert unse­re Lebens­qua­li­tät um kein Biss­chen. Im Gegen­teil. Viel­mehr wer­den dadurch regio­na­le Wirt­schaf­ten auf eine nach­hal­ti­ge Basis gestellt, im Süden wie im Nor­den.

Das erfor­dert aller­dings muti­ge, kla­re Ent­schei­dun­gen. Die Mil­li­ar­den für die Air­lines sind hin­ge­gen ein voll­kom­men fal­sches Signal: zurück in die Ver­gan­gen­heit, statt vor­wärts in die Zukunft.

Offe­ner Brief an Blick-Chef­re­dak­tor AD:

Lie­ber Andre­as

Jah­re ist es her, seit wir bei­de als freie Mit­ar­bei­ten­de beim «Bund» die ers­ten Jour­na­lis­mus-Spo­ren abver­dient und uns gemein­sam in der Gewerk­schaft enga­giert haben.

Heu­te bist du Blick-Chef­re­dak­tor – und somit qua­si der Bou­le­vard-Diri­gent in die­sem Land.

Der Bou­le­vard-Jour­na­lis­mus hat sei­ne eige­nen Regeln. Du beherrschst und bedienst sie genau­so sou­ve­rän, wie du das mit allen ande­ren jour­na­lis­ti­schen For­ma­ten zu tun pfleg­test.

In Kri­sen­zei­ten, wie wir sie aktu­ell erle­ben, spie­len die Medi­en eine zen­tra­le Rol­le. Natür­lich ver­ste­he ich, dass man da beim Blick die Gunst der Stun­de nutzt – und dem Klicks gene­rie­ren­den Kam­pa­gnen­jour­na­lis­mus frönt.

Da wird Panik geschürt, wo Fak­ten und Mäs­si­gung Not täten. Was macht der Kam­pa­gnen­jour­na­lis­mus?: Er pro­du­ziert innert Tagen aus  eini­gen lee­ren WC-Papier­re­ga­len einen natio­na­len WC-Papier­not­stand. Bra­vo! Infor­ma­ti­ons­wert: kei­ner. Mas­sen­hys­te­rie: wie beab­sich­tigt.

Da wer­den Bevöl­ke­rungs­grup­pen gegen­ein­an­der auf­ge­hetzt, wo drin­gend Soli­da­ri­tät ange­sagt ist: Eure aktu­el­le Kam­pa­gne gegen die Genera­ti­on 65+ ist schlicht unver­ant­wort­lich!

Wenn das Bou­le­vard­me­di­um Blick meint, als Tät­sch­meis­ter der Nati­on auf­tre­ten zu müs­sen, ist das eine kom­plet­te Fehl­ein­schät­zung sei­ner Funk­ti­on.

Statt poli­ti­sche Schnell­schüs­se, wie das Aus­geh­ver­bot für über 65jährige im Kan­ton Uri, kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, wird vom BLICK Stim­mung gemacht, auf dass man die Mit­sech­zi­ger und auf­wärts lan­des­weit weg­sper­ren sol­le.

Was soll das?

Weil ich dich als hel­len, wachen Kopf in Erin­ne­rung habe, hier mein ein­dring­li­cher Appell: Hal­tet euch an die Fak­ten. Hin­ter­fragt das Geschrei nach Aus­gangs­sper­re, anstatt es wei­ter zu schü­ren – und zeigt zum Bei­spiel auch und vor allem, wie sich die gros­se Mehr­heit in die­sem Land abso­lut ver­nünf­tig ver­hält.

Ich weiss, das ist in «nor­ma­len Zei­ten» kein Stoff für ein Bou­le­vard­blatt.

Aber auch ihr tragt Ver­ant­wor­tung.

Dan­ke für Euer Ein­se­hen – dei­ne Ex-Kol­le­gin

Gabrie­la Neu­haus

 

Huma­ni­tä­re Schweiz — ein Aus­lauf­mo­dell?

Aus der tür­kisch-grie­chi­schen Grenz­re­gi­on errei­chen uns erschüt­tern­de Mel­dun­gen über den Ein­satz von schar­fer Muni­ti­on und aggres­si­vem Trä­nen­gas gegen ver­zwei­fel­te Men­schen. Bil­der zei­gen, wie Flüch­ten­de in ihren klei­nen Boo­ten aufs offe­ne Meer zurück­ge­stos­sen wer­den.

Das Timing hät­te per­fek­ter nicht sein kön­nen: Just in der Woche, als die «Fes­tung Euro­pa» ein­mal mehr auf bru­tals­te Art und Wei­se gegen Men­schen auf der Flucht mobil macht, erscheint das neue DEZA-Maga­zin «Eine Welt».

Auf dem Cover zwei Grenz­wäch­ter in gel­ber Wes­te, die einen Güter­zug nach ver­steck­ten Flücht­lin­gen absu­chen. Dazu in gros­sen Let­tern der Titel «Sicher­heit in Ost­eu­ro­pa. Wich­tig für Euro­pa, wich­tig für die Schweiz».

Wohl­ge­merkt, bei «Eine Welt» han­delt es sich um eine Publi­ka­ti­on der Direk­ti­on für Ent­wick­lung und Zusam­men­ar­beit, auf deren Web­site steht: «Eine Welt ohne Armut und in Frie­den, für eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung: Das ist das Ziel der IZA der Schweiz, wel­che ein fes­ter Bestand­teil der Aus­sen­po­li­tik des Bun­des­rats ist.»

Schwei­zer Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit als Enga­ge­ment im Kampf gegen Armut, die Men­schen in pre­kä­ren Situa­tio­nen hilft und für die Schwa­chen Par­tei ergreift. Aus­ga­ben für Not­lei­den­de, ohne dass die rei­che Schweiz direkt pro­fi­tiert  – das war ein­mal. Seit Igna­zio Cas­sis Aus­sen­mi­nis­ter ist, gilt auch bei der Deza die unmiss­ver­ständ­li­che Devi­se: «Switz­er­land first».

Getreu die­sem Leit­spruch pro­pa­giert das aktu­el­le Deza-Maga­zin auf nicht weni­ger als 14 Sei­ten den Ein­satz von Ent­wick­lungs­gel­dern für Sicher­heits- und Grenz­schutz­mass­nah­men in Ost­eu­ro­pa. Die Pro­jekt­bei­spie­le rei­chen von der Aus­stat­tung pol­ni­scher Grenz­pos­ten über Hoch­was­ser­schutz­mass­nah­men in Ungarn bis zur Unter­stüt­zung von Poli­zei­re­for­men in Rumä­ni­en und Bul­ga­ri­en. Alles finan­ziert mit Gel­dern aus dem Erwei­te­rungs­bei­trag der Schweiz an die neu­en Mit­glied­staa­ten der EU.

Bezeich­nend für die zyni­sche Hal­tung der Deza-Obe­ren und ihrer Sprach­roh­re ist, dass bei der Bewer­tung der oben genann­ten Pro­jek­te nicht die Ver­bes­se­run­gen für die Men­schen vor Ort im Zen­trum steht, son­dern der Nut­zen für die Schweiz und deren «Sicher­heit».

Ein wei­te­rer  Arti­kel im glei­chen Heft bläst noch­mals ins glei­che Horn: Bei der Fra­ge nach den Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Migra­ti­on und Ent­wick­lung beschreibt die Autorin, wel­che Art von «Ent­wick­lungs­hil­fe» dazu bei­tra­gen kann, Migra­ti­ons­be­we­gun­gen «ein­zu­däm­men».

Will da ein Bun­des­rat sein gros­ses Vor­bild, den US-Prä­si­den­ten Trump kopie­ren? Die­ser kürz­te die Unter­stüt­zung an die Zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten, um mehr Mit­tel in den Mau­er­bau und Grenz­schutz zu pum­pen. Zyni­scher geht’s nim­mer.