Ver­kauf­te Demokratie

Der Abstim­mungs­kampf rund um die Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve (KVI) zei­tigt immer unge­heur­li­che­re Blü­ten. Nament­lich die Geg­ner der Initia­ti­ve zie­hen noch­mal alle Regis­ter. Ohne Rück­sicht auf Fak­ten, schre­cken sie auch vor Dif­fa­mie­run­gen und Ver­leum­dung nicht zurück. Tat­kräf­tig unter­stützt von den gros­sen Medi­en­kon­zer­nen hierzulande.

Das jüngs­te Mach­werk prang­te heu­te auf der Front­sei­te ver­schie­de­ner Tame­dia-Blät­ter (neu TX Group AG). Es befasst sich – ein­mal mehr – mit der Fra­ge nach den Kam­pa­gnen­kos­ten. Auf­grund von fak­ten­frei­en, aben­teu­er­li­chen Hoch­rech­nun­gen und Ver­mu­tun­gen kommt der ehe­ma­li­ge BAZ-Jour­na­list und heu­ti­ge TA-Wirt­schafts­re­dak­tor Domi­nik Feu­si zum Schluss, die KVI-Befür­wor­ter hät­ten mehr als das Dop­pel­te der Geg­ne­rIn­nen inves­tiert und «rund 13 Mil­lio­nen für ein Ja» ausgegeben.

Und wenn dem nun tat­säch­lich so wäre? Wo wäre dann das Problem?

Ist es nicht viel­mehr ein ermu­ti­gen­des Zeug­nis für unser Land und unse­re Demo­kra­tie, dass so vie­le Spen­den zusam­men­ge­kom­men sind? Dass sich so vie­le Men­schen für die berech­tig­ten Anlie­gen der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve engagieren?

Wäh­rend die Kam­pa­gne der Geg­ner, dar­un­ter mäch­ti­ge Lob­by­ver­bän­de wie eco­no­mie­su­is­se oder Swiss­hol­dings aus der Por­to­kas­se der mil­li­ar­den­schwe­ren Kon­zer­ne bezahlt wird, finan­zie­ren sich die NGOs, wel­che die KVI lan­ciert haben, mehr­heit­lich über Spen­den­gel­der von Bür­ge­rin­nen und Bürgern. 

Auch ich habe wie­der­holt einen Bei­trag an die Kam­pa­gnen­kos­ten geleis­tet. Genau­so, wie ich jene NGOs mit Spen­den unter­stützt habe und wei­ter­hin unter­stüt­zen wer­de, die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und Umwelt­zer­stö­run­gen im In- und Aus­land bekämpfen.

So oder so ist die Fra­ge der Kam­pa­gnen­fi­nan­zie­rung ein abstru­ser Neben­schau­platz, der an Stamm­ti­schen und in den Medi­en hoch­ge­spielt wird. Dem­ge­gen­über gebär­den sich die gros­sen Medi­en­kon­zer­ne hier­zu­lan­de erstaun­lich zurück­hal­tend, wenn es um die wirk­lich wich­ti­gen, inhalt­li­chen Fra­gen im Zusam­men­hang mit der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve geht.

Der Grund dafür heisst – genau wie bei den Rohstoff‑, Nah­rungs­mit­tel- oder Agrar­kon­zer­nen – Gewinn­ma­xi­mie­rung: Recher­chen über Geschäfts­me­tho­den inter­na­tio­nal täti­ger Kon­zer­ne, wie sie in der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve zur Debat­te ste­hen, sind auf­wän­dig und teu­er. Sol­che Inves­ti­tio­nen in einen guten Jour­na­lis­mus leis­ten sich gewinn­ori­en­tier­te Medi­en­kon­zer­ne wie TX Group AG heut­zu­ta­ge nur noch sel­ten. Viel lie­ber über­lässt man ent­spre­chen­de Recher­chen den auf Men­schen­rech­te und Umwelt­fra­gen spe­zia­li­sier­ten NGOs. Oder man greift auf Mate­ri­al zurück, das von den PR-Abtei­lun­gen der Kon­zer­ne pro­du­ziert und den Medi­en gra­tis zur Ver­fü­gung gestellt wird.

Hin­zu kom­men wei­te­re für die Medi­en­kon­zer­ne kos­ten­güns­ti­ge For­ma­te, die ins­be­son­de­re in den letz­ten Wochen ein­ge­setzt wur­den: In ganz- oder mehr­sei­ti­gen Inter­views durf­ten die CEOs der gros­sen Kon­zer­ne ihre eige­nen Geschäfts­ge­ba­ren loben und die Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve in Grund und Boden reden. Genau­so, wie der (auf wes­sen Kos­ten?) aus Bur­ki­na Faso ein­ge­flo­ge­ne Han­dels­mi­nis­ter. Jour­na­lis­ti­sche Ein­ord­nung? Geschenkt. Genau­so bei den Dut­zen­den von Mei­nungs­ar­ti­keln, in wel­chen Befür­wor­te­rIn­nen und Geg­ne­rIn­nen der Initia­ti­ve ihre Paro­len end­los wiederholen.

Und wenn dann doch mal hier oder dort ein Arti­kel mit einer jour­na­lis­tisch inter­es­san­ten Eigen­leis­tung zu fin­den ist, wird er direkt kon­kur­ren­ziert von markt­schreie­ri­schen Wer­be­bot­schaf­ten. Inse­ra­te – für oder gegen die Kon­zern­in­itia­ti­ve – buh­len sowohl in den gedruck­ten Zei­tun­gen wie online um die Auf­merk­sam­keit der Lese­rIn­nen. Damit lässt sich effi­zi­en­ter Geld ver­die­nen als mit Qualitätsjournalismus.

Die Tren­nung zwi­schen redak­tio­nel­len Leis­tun­gen und Wer­be­bot­schaf­ten? – Längst Geschich­te. So schal­tet etwa die TX Group AG bereits seit Anfang Jahr Anzei­gen der PR-Agen­tur fur­r­er­hu­gi, die als jour­na­lis­ti­sche Bei­trä­ge getarnt ten­den­ziö­se Behaup­tun­gen der Initia­tiv-Geg­ner als «Fak­ten» verbreiten.

Der Pres­se­rat rüg­te die­se Machen­schaf­ten: Damit wür­de der Jour­na­lis­ten­ko­dex ver­letzt. Das Ver­wi­schen der Gren­zen zwi­schen redak­tio­nel­len Inhal­ten und poli­ti­scher Wer­bung sei demo­kra­tie­po­li­tisch bedenk­lich: «Die man­geln­de Trans­pa­renz scha­det nicht nur der Glaub­wür­dig­keit des Medi­ums, son­dern auch der demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung der Bür­ge­rin­nen und Bürger.»

Weder die TX Group AG noch fur­r­er­hu­gi oder deren Auf­trag­ge­ber (eco­no­mie­su­is­se + Co) lies­sen sich von die­ser Rüge beein­dru­cken: Laut Recher­chen des Online­ma­ga­zins Repu­blik haben sich die Initiativ­gegnerInnen min­des­tens für die letz­ten drei Mona­te der Kam­pa­gne bei sämt­li­chen Titeln der TX Group AG das Exklusiv­recht gesi­chert, Popup-Inse­ra­te zu allen Online­artikeln zu schal­ten, die die Initia­ti­ve betreffen.

Aus einer Kor­re­spon­denz mit den Initi­an­tIn­nen, die eben­falls Inse­ra­te beim Medi­en­kon­zern TX Group AG buchen woll­ten, gehe her­vor, dass fur­r­er­hu­gi basie­rend auf einer Lis­te sämt­li­che Arti­kel defi­nie­ren kann, wel­che die PR-Agen­tur exklu­siv bewer­ben will. «Ihr Kon­kur­rent», heisst es in der Kor­re­spon­denz, die der Repu­blik vor­lie­ge, «ope­riert mit einem mas­siv höhe­ren Budget.»

Ob Wirt­schafts­re­dak­tor Feu­si die­se Aus­ga­ben der Initia­tiv-Geg­ner­schaft in sei­ne Rech­nung mit­ein­be­zo­gen hat? Zumin­dest in die­sem Fall müss­te er ja auf Fran­ken und Rap­pen genau her­aus­fin­den kön­nen, wie­viel sein Arbeit­ge­ber für den Ver­kauf die­ser kost­ba­ren Wer­be­plät­ze kassiert.

Im Zusam­men­hang mit der Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve zeigt sich ein­mal mehr, dass die Behaup­tung der Medi­en­häu­ser, sie sei­en für die Demo­kra­tie sys­tem­re­le­vant, völ­li­ger Non­sens ist. Wer poli­ti­sche Wer­bung ein­fach an den Meist­bie­ten­den ver­kauft, ver­hält sich bezüg­lich der Demo­kra­tie genau­so fahr­läs­sig, wie dies eini­ge Kon­zer­ne im Süden bezüg­lich Men­schen­rech­te und Umwelt tun.

Zu hof­fen ist, dass die Kon­zern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­ti­ve am 29. Novem­ber trotz­dem ange­nom­men wird. Als nächs­ten Schritt müss­te man sich anschlies­send die Lan­cie­rung einer Medi­en­kon­zern­ver­ant­wor­tungs-Initia­ti­ve über­le­gen. Zum Schutz von Demo­kra­tie und Journalismus.

 

 

Zer­stö­re­ri­scher Verdichtungswahn

Seit einem Monat kün­di­gen erneut Bau­pro­fi­le auf einem Nach­bar­grund­stück Ungu­tes an. Sie ragen beson­ders hoch in den Him­mel, weil das neue Bau­re­gle­ment der Stadt Zürich zuguns­ten von Ver­dich­tung auch in unse­rem Quar­tier die maxi­ma­le Gebäu­de­hö­he um ein Geschoss her­auf­ge­setzt hat. Zum Nach­teil aller umlie­gen­den, bereits bestehen­den Liegenschaften.

In den letz­ten zehn Jah­ren muss­te zuerst die statt­li­che Tan­ne vor unse­rem Schlaf­zim­mer­fens­ter einem Neu­bau wei­chen. Im Wes­ten, wo ein Nach­kriegs-Mehr­fa­mi­li­en­haus durch ein vier­stö­cki­ges Ren­di­te-Objekt ersetzt wur­de, hat man uns die Abend­son­ne gestoh­len. Der Blick von unse­rer Woh­nung im obers­ten Stock über eine einst leben­di­ge Dächer­land­schaft ist längst Geschich­te. Alte Back­stein­bau­ten, ehe­ma­li­ge Gewer­be­lie­gen­schaf­ten – kurz­um, die eins­ti­ge Gebäu­de­viel­falt eines gewach­se­nen Quar­tiers, wur­de durch Varia­tio­nen von immer­glei­chen Beton­klöt­zen ersetzt, mit wel­chen man aus jedem Grund­stück das Maxi­mum an Pro­fit her­aus­zu­ho­len sucht.

Das dürf­te auch das Ziel der 3A Immo­bi­li­en AG sein, die das Nach­bar­grund­stück erwor­ben hat. Hin­ter einer mäch­ti­gen Trau­er­wei­de ver­steckt, über­ragt von einer hohen Tan­ne mit aus­la­den­den Ästen steht ein zwei­stö­cki­ges Holz­haus mit 7 Zim­mern mit­ten in einem wun­der­schö­nen, üppi­gen Gar­ten – in bes­tem Zustand.

Es ist das letz­te einer Rei­he von Cha­lets, die einst hier stan­den – bewohnt von Ange­stell­ten der gros­sen Fabri­ken in Oer­li­kon. Die Cha­lets ver­brei­te­ten einen Hauch von Roman­tik und präg­ten das Gesicht der Stras­se, die nach ihnen benannt wur­de, so wie auch die nahe­ge­le­ge­ne Bushaltestelle.

Das Haus am Cha­let­weg 3 ist einer der letz­ten Zeu­gen his­to­ri­scher Archi­tek­tur im Quar­tier. In unmit­tel­ba­rer Nähe wur­de bereits vor einem Jahr ein wun­der­schö­nes Arbei­ter-Back­stein­häus­chen zer­stört, um einem Beton-Ver­dich­tungs­pro­jekt Platz zu machen.

Die Zer­stö­rung die­ser Zeu­gen der Ver­gan­gen­heit tut mir per­sön­lich weh. Noch viel schwe­rer wiegt hin­ge­gen der mit der über­mäs­si­gen Ver­dich­tung ein­her­ge­hen­de Ver­lust von grü­nen Oasen im Quar­tier. Dach­be­grü­nun­gen sind kein Ersatz für die Grün­räu­me, die ver­schwin­den, wenn Grund­stü­cke bis an den Rand bebaut und die Gär­ten mini­ma­li­siert wer­den, so dass sie gera­de noch so gross sind wie der Rand einer Briefmarke.

Das üppi­ge Grün, wel­ches das letz­te Cha­let umgibt, ist nicht nur eine Augen­wei­de, es ist ein klei­nes Para­dies der Bio­di­ver­si­tät, mit­ten in einer Beton­land­schaft. Els­tern ver­sam­meln sich in der Trau­er­wei­de, vom Wip­fel der Tan­ne singt die Amsel, abwech­selnd mit den Rot­kehl­chen, die sich etwas wei­ter unten im Geäst ein­ge­rich­tet haben… Das alles soll nun einem vier­stö­cki­gen Beton­klotz mit zehn wei­te­ren Woh­nun­gen weichen?

Das darf nicht sein! Gera­de heu­te, in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels muss städ­ti­schen Grün­räu­men Sor­ge getra­gen wer­den. Bäu­me haben viel­fäl­ti­ge Funk­tio­nen – und ein leben­di­ges Quar­tier braucht viel­fäl­ti­ge For­men des Woh­nens und des Lebens. Was am Cha­let­weg 3 droht, ist genau das Gegen­teil: Ver­dich­ten im Namen des Pro­fits heisst Zer­stö­rung. Sinn­vol­le Ver­dich­tung geht anders: Sie nimmt Rück­sicht auf eine über Jahr­zehn­te gewach­se­ne Umge­bung und ermög­licht inno­va­ti­ve For­men des Tei­lens und Zusam­men­le­bens bei gleich­zei­ti­gem Erhalt oder sogar Aus­deh­nung bestehen­der Grün­flä­chen im Quartier.

 

 

Pein­li­che Poli­tik im Bundeshaus

Ein Bra­vo an die Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten in Bern! Der tol­le Über­ra­schungs­coup mit dem Kli­ma­camp auf dem Bun­des­platz ist die rich­ti­ge Ant­wort auf das viel zu zah­me CO2-Gesetz, das die Poli­ti­ke­rIn­nen vor zwei Wochen im Bun­des­haus ver­ab­schie­det haben.

Mit ihrer Akti­on for­dern die Kli­ma­ak­ti­vis­tIn­nen des­halb bal­di­ge und wir­kungs­vol­len Mass­nah­men, um die Treib­haus­gas­emis­sio­nen in unse­rem Land dras­tisch zu redu­zie­ren. Nur so kön­nen wir den Kli­ma­wan­del brem­sen – dies ihre Botschaft.

Lei­der ver­steht jedoch ein Gross­teil der Poli­ti­ke­rIn­nen im Bun­des­haus (und nicht nur dort) bis heu­te nicht, um was es geht. Stän­de­rats­prä­si­dent Stöck­li (SP!) stellt sich mit mar­ki­gen Sprü­chen gegen die «ille­ga­le Akti­on» und for­dert eine umge­hen­de Räu­mung – damit die heh­ren Volks­ver­tre­te­rIn­nen nicht län­ger der Beläs­ti­gung durch ihre jun­ge, enga­gier­te Bevöl­ke­rung aus­ge­setzt sind, wenn sie ins Bun­des­haus wandeln.

Ille­gal sei die Akti­on in der Tat, räumt auch der Ber­ner Stadt­prä­si­dent Alec von Graf­fen­ried ein. Immer­hin attes­tiert er der Akti­on aber Legi­ti­mi­tät – ange­sichts der Dring­lich­keit, die das The­ma Kli­ma­wan­del erfor­de­re. So lässt er die Akti­vis­tIn­nen erst ein­mal gewäh­ren. Das kommt im Bun­des­haus jedoch gar nicht gut an.

Sofort reicht SVP-Tur­bo Aeschi im Natio­nal­rat einen Ord­nungs­an­trag ein, der ver­langt, dass die Stadt Bern die «ille­ga­le Kund­ge­bung» auf dem Bun­des­platz bis am Diens­tag­mor­gen um acht Uhr räumt. Ille­gal sei das Kli­ma­camp, weil ein Gesetz wäh­rend der Ses­si­on der eid­ge­nös­si­schen Räte Mani­fes­ta­tio­nen auf dem Bun­des­platz verbietet.

Voll­kom­men legal hin­ge­gen war die Ampu­tie­rung des CO2-Geset­zes durch die lob­by­is­ten­be­ein­fluss­ten Par­la­men­ta­rie­rIn­nen, genau­so wie die Mil­li­ar­den für die Unter­stüt­zung der Swiss. Legal nach wie vor auch der Ein­bau von Ölhei­zun­gen, all die unnö­ti­gen Auto­fahr­ten oder die minu­ten­lan­gen Loo­ps und Sturz­flü­ge, die ein lär­men­der Pri­vat­flie­ger kürz­lich über dem Bie­ler­see zum Bes­ten gab – beglei­tet von schwar­zen Abgas­schwa­den im blau­en Himmel.

Das alles stört und küm­mert die Mehr­heit unse­rer Volks­ver­tre­te­rIn­nen nicht. Ein Kli­ma­camp besorg­ter Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auf dem Bun­des­platz hin­ge­gen schon. Des­halb stimmt der Natio­nal­rat am spä­ten Mon­tag­abend Aeschis Ord­nungs­an­trag mit 109 Ja gegen 83 Nein zu.

Die Ver­ur­sa­che­rIn­nen des lah­men CO2-Geset­zes, wel­che die Akti­on auf dem Bun­des­platz über­haupt nötig mach­ten –  Gös­si, Fia­la und Co. von der FDP – unter­stüt­zen den Ord­nungs­an­trag genau­so wie Hum­bel und ihre CVP-Kol­le­gin­nen… Das gesam­te bür­ger­li­che Lager schart sich hin­ter die SVP.

Ein wei­te­rer Beweis dafür, wie drin­gend not­wen­dig die Kli­ma­be­we­gung ist – und wie wich­tig ihre Aktio­nen sind. Wei­ter so, Rise Up for Change!

Beschä­mend

Zuge­ge­ben: Der all­jähr­lich am 1. August zele­brier­te Patrio­tis­mus mit pathe­ti­schen Reden, Brat­wurst­duft und Rake­ten-Geknal­le bis tief in die Nacht war noch nie mein Ding. Das heisst aber noch lan­ge nicht, dass die­ses Fest nicht auch sei­ne guten Sei­ten haben kann. Es gibt auch am 1. August immer wie­der Red­ne­rin­nen und Red­ner, die ihrem Publi­kum Geschei­tes, Auf­mun­tern­des und sogar Zukunfts­wei­sen­des mit auf den Weg geben.

Bun­des­prä­si­den­tin Simo­net­ta Som­ma­ru­ga gehör­te die­ses Jahr defi­ni­tiv nicht zu die­ser Kate­go­rie der 1. August-Red­ne­rIn­nen. Im Gegen­teil: Was sie in ihrer TV-Anspra­che und anschlies­send auf dem Rüt­li insze­nier­te, ist beschä­mend und peinlich.

So wur­den auf Wunsch der Bun­des­prä­si­den­tin 54 «Hel­din­nen und Hel­den des All­tags» aufs Rüt­li ein­ge­la­den. Aus­ge­wählt von der Gemein­nüt­zi­gen Gesell­schaft der Schweiz, wur­den aus jedem Kan­ton der Schweiz sowie von der Aus­land­schwei­zer-Gemein­schaft je ein Mann und eine Frau aufs Rüt­li geschickt und dort als Hel­din­nen und Hel­den geehrt. Stell­ver­tre­tend, so die Mode­ra­to­rin des Anlas­ses, «für alle Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer, die in irgend­ei­ner Form dazu bei­getra­gen haben, die­se schwie­ri­ge Zeit zu bewältigen.»

Gegen Dank und Aner­ken­nung für all jene, die in Hei­men, Spi­tä­lern, Läden oder ande­ren unent­behr­li­chen Dienst­leis­tungs­bran­chen Son­der­leis­tun­gen erbracht haben, ist nichts ein­zu­wen­den. Im Gegen­teil. Doch die von der Bun­des­prä­si­den­tin ange­zet­tel­te Hel­den­ver­eh­rung ist unbe­hol­fen und verkehrt.

Die Heroi­sie­rung von gesell­schaft­li­chem Enga­ge­ment steht in kras­sem Wider­spruch zu den aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen. Gera­de in Bezug auf die Coro­na-Kri­se, wo gegen­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me und Soli­da­ri­tät das Gebot der Stun­de sind, wer­den mit dem Küren von Hel­dIn­nen fal­sche Signa­le gesen­det. Der Kul­tur­so­zio­lo­ge Ulrich Bröck­ling bringt es in sei­nem Essay «Nach­ruf auf die Coro­na-Hel­den» auf den Punkt: «Hel­den­ge­schich­ten sol­len anspor­nen, es den Vor­bil­dern gleich zu tun; die respekt­vol­le Ver­nei­gung vor ihren Gross­ta­ten ent­las­tet aber auch davon, selbst die Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen. Und selbst­ver­ständ­lich ist es bil­li­ger, Hero­en des All­tags zu küren als für ihre ange­mes­se­ne Bezah­lung zu sorgen.»

Die Wahl der auf der Rüt­li­wie­se geehr­ten Coro­na-Hel­dIn­nen trieb zudem teils absur­de Blü­ten: So war der Kan­ton Bern etwa durch einen Leh­rer und eine sei­ner Schü­le­rIn­nen ver­tre­ten – weil sie «mit Freu­de und Enga­ge­ment» Fern­un­ter­richt betrie­ben hät­ten. Wahr­lich hel­den­haft. Ein  Teil der Hel­dIn­nen wur­de wegen Son­der­ef­forts im Rah­men ihrer beruf­li­chen Tätig­keit aus­ge­zeich­net, ande­re enga­gier­ten sich im Rah­men von Frei­wil­li­gen­ar­beit. So wur­den etwa die Initi­an­tin einer Ver­teil­platt­form aus­ge­zeich­net, ver­schie­de­ne Ange­stell­te von Lebens­mit­tel­ge­schäf­ten sowie Spi­tal- und Pfle­ge­hei­men, ein Schrei­ner der Ple­xi­glas­schei­ben mon­tier­te oder ein Aus­land­schwei­zer, der in Frank­reich lebt und «unter stren­gem Aus­geh­ver­bot» gelit­ten habe. Fehlt eigent­lich nur noch die Hel­din, die sich hero­isch der Mas­ken­trag­pflicht im ÖV unterwirft.

Ob die gekür­ten Hel­din­nen und Hel­den im Besitz eines Schwei­zer Pas­ses sein muss­ten, ist unklar. Jeden­falls scheint es unter den Aus­län­de­rIn­nen – gemes­sen am Bevöl­ke­rungs­an­teil – erschre­ckend weni­ge Hel­den und Hel­din­nen zu geben, die es auf die Ein­la­dungs­lis­te der Bun­des­prä­si­den­tin geschafft haben. Wir kön­nen — man­gels Trans­pa­renz — nur ver­mu­ten, dass es eine ein­zi­ge Per­son (aus dem Kan­ton VD) geschafft haben dürfte…

Fest steht aber: Gera­de in Pfle­ge­be­ru­fen und im Ver­kauf ist der Anteil an soge­nann­ten Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­dern beson­ders gross. Sie gehö­ren zur Schweiz, dür­fen sich abra­ckern, auf glei­che Rech­te in allen Berei­chen müs­sen sie aber bekannt­lich verzichten.

Trotz­dem war Som­ma­ru­gas Anspra­che eine rei­ne Lob­hu­de­lei auf die Schweiz, auf die sie stolz sei: «Die Schweiz ver­häbt, wenn es dar­auf ankommt, sind wir mehr als 26 Kan­to­ne und 8,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner – die Schweiz, das sind wir.»  Die­se selt­sa­me Logik pre­digt ein WIR, das von Fall zu Fall mehr oder weni­ger eng defi­niert wird – wenn man bedenkt, wie­vie­le Men­schen in die­sem Land in gewis­sen Berei­chen NICHT­WIR sind. Zum Bei­spiel alle Sans Schwei­zer­pass, Rand­stän­di­ge, Heim­be­woh­ne­rIn­nen, Alleinerziehende…

Die Bun­des­prä­si­den­tin schwärm­te wei­ter von einer Schweiz, die zusam­men­hal­te, Soli­da­ri­tät prak­ti­zie­re… Ver­ges­sen schei­nen die Hams­ter­käu­fe, kein Wort vom mas­si­ven Druck der Wirt­schafts- und Sport­lob­by, die mas­si­ven Druck aus­üb­te, um das urei­ge­ne Busi­ness schnellst­mög­lich wie­der hochzufahren.

Schliess­lich behaup­te­te Simo­net­ta Som­ma­ru­ga in ihrer TV-Anspra­che zum ers­ten August sogar, unser Land funk­tio­nie­re so gut, dass es wäh­rend der Coro­na-Kri­se nie­mals zu Lie­fer­eng­päs­sen gekom­men sei. Eine mehr als gewag­te Aus­sa­ge zu einem Zeit­punkt, da immer mehr Details über die Mas­ken-Schum­me­lei hier­zu­lan­de bekannt werden.

Fakt ist: Die Schweiz kam (bis­lang) in der Coro­na­kri­se glimpf­lich davon. Nicht, weil die Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer soli­da­ri­sche­re, bes­se­re Men­schen – ja Hel­den und Hel­din­nen – sind. Son­dern weil die Schweiz ein sehr rei­ches Land mit einer star­ken Infra­struk­tur ist.

Dies wäre eigent­lich eine gute Basis, sich Gedan­ken dar­über zu machen, wie wir die­se kom­for­ta­ble Situa­ti­on dafür nut­zen kön­nen, unser Land und unser Leben nach­hal­tig und men­schen­freund­lich zu ent­wi­ckeln. Mutig und vor­aus­schau­end. Da gäbe es aus der Coro­na-Kri­se die eine oder ande­re Leh­re zu zie­hen. Selbst­kri­tisch, aber kon­struk­tiv. Auf die­se Rede war­ten wir noch.

Die Welt spinnt

Seit nun­mehr einem hal­ben Jahr domi­niert ein ein­zi­ges The­ma die Schlag­zei­len: Coro­na. Was die­ses Virus aus­löst und bewirkt, ist kaum zu glau­ben. Und macht deut­lich, wie absurd so vie­les auf die­ser Welt schon vor­her war.

Letz­tes Jahr gin­gen wir noch auf die Stras­se, demons­trier­ten dicht an dicht für wir­kungs­vol­len Kli­ma­schutz. Trotz Gre­ta Thun­berg und welt­wei­tem Ruf nach dras­ti­schen Mass­nah­men, die es drin­gend braucht, um die Kli­ma­er­wär­mung zu brem­sen, geschah nichts.

Bis das neu­ar­ti­ge Coro­na-Virus die Welt­büh­ne betrat. Zuerst schüt­tel­ten wir in Euro­pa den Kopf über die dras­ti­schen Mass­nah­men in Chi­na: Haus­ar­rest für Mil­lio­nen­städ­te – das mag in einer Dik­ta­tur gehen, nicht aber bei uns, im Frei­heit lie­ben­den Westen…

Nur weni­ge Wochen spä­ter war es auch bei uns soweit: Von einem Tag auf den ande­ren wur­den gros­se Tei­le der Wirt­schaft in einen künst­li­chen Tief­schlaf ver­setzt, die Men­schen in ihre Häu­ser und Woh­nun­gen ver­bannt. Die Men­schen füg­ten sich ohne Mur­ren: Die Angst um das eige­ne Wohl­erge­hen mach­te mög­lich, was bis anhin undenk­bar war.

Hier­zu­lan­de setz­te der Bun­des­rat zum Glück auf Eigen­ver­ant­wor­tung und gesun­den Men­schen­ver­stand. Genau das, was man von einer mün­di­gen Gesell­schaft erwar­ten darf. Er ver­häng­te kei­nen Haus­ar­rest, obschon die Medi­en und ande­re Panik­ma­cher schär­fe­re Mass­nah­men forderten.

Der Lock­down funk­tio­nier­te. Doch lan­ge konn­te das nicht gut gehen. Schon bald wur­de von Sei­ten der Unter­neh­mer und Bran­chen­ver­bän­de der Ruf nach einer «neu­en Nor­ma­li­tät» laut, die doch bes­ser nicht all­zu viel Neu­es beinhal­ten sollte…

Ganz im Gegen­teil: Wirk­li­che Ver­än­de­run­gen, wie etwa die Ein­füh­rung eines bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens in der aktu­el­len Situa­ti­on, wo Neu­ori­en­tie­run­gen gefragt wären, wur­den schnell unter­bun­den und blie­ben blos­se Gedan­ken­spie­le. Alles soll­te mög­lichst sein wie zuvor. Auch wenn offen­sicht­lich nichts mehr ist, wie es war.

Fin­di­ge Köp­fe suchen des­halb eif­rig nach Lösun­gen für die Bedürf­nis­se des frü­he­ren Lebens im künf­ti­gen. Viel Auf­merk­sam­keit erlang­ten die Coif­feu­re  und die Tatoos­techer mit ihren Schutz­kon­zep­ten, dank wel­chen bei­de Bran­chen Ende April ihre Salons wie­der öff­nen konnten.

Aber auch in All­täg­lich­kei­ten, die auf den ers­ten Blick unpro­ble­ma­tisch erschei­nen, gilt es, Coro­na-ange­passt zu han­deln. So drän­gen Mit­ar­bei­ten­de eines Betriebs zum Bei­spiel dar­auf, den still­ge­leg­ten Tög­ge­li­kas­ten wie­der in Betrieb zu neh­men. Seit März steht er nutz­los in einer Ecke, weil die Geschäfts­lei­tung das Spie­len in Coro­na­zei­ten als zu gefähr­lich erach­tet und ver­bo­ten hat.

Auch hier heisst die Lösung:  Schutz­kon­zept. Bereits Anfang April leg­te die Swiss Tabel­soc­cer Fede­ra­ti­on ein zehn­sei­ti­ges Papier für’s Tög­ge­len in Coro­na-Zei­ten vor. Dar­in wird drin­gend emp­foh­len, aufs Hän­de­schüt­teln zu ver­zich­ten, kei­ne Dop­pel zu spie­len sowie in der Mit­te des Tischs eine Plas­tik- oder Ple­xi­glas­schei­be auf­zu­stel­len. Alter­na­tiv kön­nen die Spie­le­rIn­nen auch eine Mas­ke tra­gen, um die Anste­ckungs­ge­fahr zu minimieren.

Aus der der deut­schen Stadt Offen­bach ver­neh­men wir von einem wei­te­ren ver­zwei­fel­ten Ver­such an die frü­he­re Rea­li­tät anzu­knüp­fen: Die Lieb­ha­be­rIn­nen roman­ti­scher Som­mer­nachts­kon­zer­te sol­len auch im Jahr 2020 auf ihre Rech­nung kom­men. Coro­na-bedingt nach dem «Auto­ki­no-Prin­zip»: «Das Publi­kum sitzt im eige­nen Auto und kann über das Auto­ra­dio die Musik von Orches­ter und Solis­ten geniessen.»

Beson­ders erfreu­lich: Trotz stren­gem Schutz­kon­zept dür­fen Cabrio-Ver­de­cke und Auto­fens­ter geöff­net sein. Wer aufs WC muss, darf das Auto ver­las­sen – muss auf der Toi­let­te aber eine Mas­ke tragen.

Nicht gere­gelt ist, wie­vie­le Per­so­nen pro Auto zuge­las­sen sind und ob Ver­lieb­te (nach Schwei­zer Grenz­mo­dell) sich mit (nota­ri­ell beglau­big­ten?)  Lie­bes­brie­fen über die Dau­er ihrer Bezie­hung aus­wei­sen müs­sen. Was geschieht nun aber, wenn an einer solch roman­tisch sinn­li­chen Ver­an­stal­tung Amor plötz­lich zuschlägt und es zum ers­ten Kuss kommt?

So gau­keln wir uns vor, dass wir mit­hil­fe unse­rer Schutz­kon­zep­te das Virus in Schach u n d gleich­zei­tig unse­ren Lebens­stil auf­recht erhal­ten kön­nen. Wir ver­ste­cken uns hin­ter Mas­ken und wie­gen uns in fal­scher Sicher­heit. Beim Ein­pa­cken an der Kas­se im Super­markt gera­ten wir mit Unbe­kann­ten in drän­geln­den Kör­per­kon­takt,  wie vor dem Aus­bruch der Pan­de­mie. Und wenn man sich umhört, wol­len sich vie­le bald wie­der in ein eng bestuhl­tes  Flug­zeug set­zen, um in die Feri­en zu jet­ten. Obschon wei­ter­ma­chen wie bis­her eigent­lich kei­ne Opti­on ist. Doch nie­mand will es wahr­ha­ben  – und schon gar nicht laut sagen.