REPOR­TA­GEN

Geld, Gier und Geschäft

Eine Ber­li­ner Repor­ta­ge von Gabrie­la Neu­haus

 

Um die einst hoch gelob­te und von Archi­tek­ten aus aller Welt beach­te­te Wohn­an­la­ge am Lüt­zow­platz, mit­ten in Ber­lin, ist es längst still gewor­den. Der Post­bo­te been­det sei­ne Run­de hier immer schnel­ler: die Mehr­zahl der Brief­käs­ten ist zuge­klebt, die Häu­ser­zei­le im Hof bereits platt gemacht und vom Erd­bo­den ver­schwun­den. Kei­ne dreis­sig Jah­re nach dem Ein­zug der ers­ten Mie­ter. Wo einst Kin­der in den Gär­ten und auf dem Spiel­platz der Sied­lung her­um­tob­ten, steht jetzt ein Bau­zaun. Dahin­ter wuchert Unkraut.

Dass die Front­rei­he der eins­ti­gen Vor­zei­ge­häu­ser zum Lüt­zow­platz hin über­haupt noch steht, ist ein­zig ihren Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­nern zu ver­dan­ken. Über zehn Jah­re kämpf­ten sie für die Erhal­tung ihrer inner­städ­ti­schen Wohn­oa­se und gegen die Zer­mür­bungs­tak­tik eines mil­li­ar­den­schwe­ren Inves­tors aus dem fer­nen Bay­ern.

Das war ein­mal eine gute Gemein­schaft hier“, seufzt Doro­thea Oell­rich und schüt­telt trau­rig den Kopf. In ihrer Wohn­kü­che duf­tet es nach Kaf­fee und Kuchen. Sie liebt es, Gäs­te zu ver­wöh­nen. Auch für ihre gefie­der­ten Freun­de, die Kohl­mei­sen und Spat­zen, hält sie stets klei­ne Lecke­rei­en bereit, wenn sie zur Bal­kon­tür her­ein­flat­tern.

Draus­sen, auf der gros­sen Ter­ras­se im drit­ten Stock, grünt und blüht es sogar jetzt, im Spät­herbst noch. „So üppig wie in die­sem Jahr, haben die Engel­strom­pe­ten noch nie geblüht“, schwärmt die 85jährige Rent­ne­rin. Die ban­ge Fra­ge, was im kom­men­den Jahr aus ihren Pflan­zen wird, lässt sie gar nicht erst auf­kom­men. Lie­ber erzählt sie von damals.

Wie sie 1985 mit ihrem Karl in die nagel­neue Woh­nung ein­ge­zo­gen ist und er ihr ver­spro­chen hat, dass sie hier nun für immer blei­ben kön­ne. Nur zwei Jah­re spä­ter war Karl tot. Erst da habe sie den wirk­li­chen Wert ihres Daheims ken­nen gelernt: „Wir Nach­barn waren wie eine Fami­lie und haben uns gut ver­stan­den, ohne dass wir stän­dig zusam­men­g­luck­ten. Bald kamen die ers­ten Kin­der und die jun­gen Eltern freu­ten sich, wenn sie die Klei­nen bei mir abge­ge­ben konn­ten.“

Es sind aber nicht nur Erin­ne­run­gen, die Doro­thea Oell­rich dazu bewo­gen haben, bis zuletzt zu blei­ben und zu kämp­fen. Ihr, die wäh­rend des Kriegs in zer­bomb­ten und halb zer­stör­ten Häu­sern gelebt hat, will nicht in den Kopf, dass ihre mit viel Lie­be ein­ge­rich­te­te Woh­nung aus purer Pro­fit­gier zer­stört wer­den soll.

Dar­an, dass es wirk­lich soweit kom­men wür­de, moch­te auch der Rent­ner Sieg­fried Pio­trz­kow­ski lan­ge nicht glau­ben. Er ver­trau­te auf Recht und Gerech­tig­keit. Zumal er Tau­sen­de von Euros in den Innen­aus­bau sei­ner Woh­nung inves­tiert hat, in der Annah­me, dass er hier auf Dau­er blei­ben wür­de. Schliess­lich ist er nicht mehr der Jüngs­te, die Zei­ten sei­nes Noma­den­le­bens längst vor­bei. Nie wäre er auf die Idee gekom­men, dass man ihn, den ordent­li­chen und stets pünkt­lich zah­len­den Mie­ter, ein­mal ver­trei­ben könn­te. Doch mitt­ler­wei­le sind sein Glau­be an Poli­tik und Behör­den, zu guter Letzt sogar an die Unab­hän­gig­keit der Jus­tiz, völ­lig dahin. Was bleibt sind Bit­ter­keit und Ohn­macht.

Als Bür­ge­rin fühlt man sich völ­lig aus­ge­lie­fert“, klagt auch Ange­li­ka Sauer­mann, die in ihrer Par­terre­woh­nung am Lüt­zow­platz zwan­zig Jah­re lang als Tages­mut­ter Kin­der betreut hat. Ihre Nach­ba­rin, Gise­la Eck­stein fasst zusam­men: „Eine ver­gleich­ba­re Wohn­qua­li­tät, mit­ten in der Stadt und für uns Nor­mal­ver­die­nen­de erschwing­lich, fin­det man nie wie­der. — So etwas könn­te heu­te auch gar nicht mehr gebaut wer­den, weil es sich für den Inves­tor nicht rech­net.“

Für die dama­li­ge Archi­tek­tur­stu­den­tin war es Lie­be auf den ers­ten Blick. Als sie Mit­te der 1980er Jah­re die Ent­wür­fe für das Pro­jekt des Star­ar­chi­tek­ten Mathi­as O. Ungers am Lüt­zow­platz erst­mals zu Gesicht bekam, wuss­te Gise­la Eck­stein sofort: „Dort will ich ein­mal woh­nen.“ Vor allem die gross­zü­gi­gen, unkon­ven­tio­nel­len Woh­nungs­grund­ris­se und Ter­ras­sen hat­ten es ihr ange­tan. Als Fach­frau schätz­te sie aber auch weni­ger augen­fäl­li­ge Qua­li­tä­ten wie den für dama­li­ge Ver­hält­nis­se aus­ge­zeich­ne­ten Schall­schutz und die Wär­me­däm­mung in den Häu­sern.

Die beson­de­re Qua­li­tät der Sied­lung am Lüt­zow­platz weist aber weit über die ein­zel­nen Woh­nun­gen hin­aus: Wäh­rend kur­zer Zeit leb­te hier, an einer der meist befah­re­nen Stras­sen der Stadt und doch im Grü­nen, eine sozi­al durch­misch­te und mul­ti­kul­tu­rel­le Gemein­schaft. Mög­lich gewor­den war dies dank einer beson­de­ren Kon­stel­la­ti­on in den 1980er Jah­ren, als die West­ber­li­ner Stadt­be­hör­den die IBA 1984–87 lan­cier­ten: Von die­ser Inter­na­tio­na­len Bau­aus­stel­lung erhoff­te man sich neue Impul­se für inner­städ­ti­sches Woh­nen, um dem dama­li­gen Exo­dus aus der Stadt Gegen­steu­er zu geben.

Zu den visio­nä­ren Wohn­ide­en, die im Rah­men der IBA umge­setzt wur­den, gehör­te auch die 86 Woh­nun­gen umfas­sen­de Anla­ge am Lüt­zow­platz. Die Stadt stell­te dafür auf einer Kriegs­bra­che in Sicht­wei­te der Mau­er ein 11’500 Qua­drat­me­ter gros­ses Grund­stück zur Ver­fü­gung sowie Sub­ven­tio­nen in der Höhe von 22 Mil­lio­nen D-Mark.

Das war eine statt­li­che Sum­me, reich­te aber nicht, um den ursprüng­li­chen Ent­wurf von Mathi­as O. Ungers eins zu eins umzu­set­zen. Ange­sichts des knap­pen Bud­gets ent­schied sich die Bau­herr­schaft für die Bei­be­hal­tung der ein­ma­li­gen Grund­ris­se und Grün­räu­me, spar­te dafür aber andern­orts, wie etwa bei der Fas­sa­den­ge­stal­tung. Dies führ­te dazu, dass sich der Star­ar­chi­tekt spä­ter auch kri­tisch über die bau­tech­ni­sche Umset­zung sei­nes Vor­zei­ge­pro­jekts äus­ser­te.

Die Mie­te­rin­nen und Mie­ter jedoch erkann­ten sehr bald die Beson­der­hei­ten der Über­bau­ung und schät­zen die Lebens­qua­li­tät, für die der Archi­tekt mit sei­nem Sied­lungs­kon­zept die Grund­la­ge geschaf­fen hat­te. Von Anfang an waren die neu­en Woh­nun­gen am Lüt­zow­platz äus­serst begehrt.

Anläss­lich der letz­ten Gerichts­ver­hand­lung, in der die Mie­ter noch ein­mal um ihr Blei­be­recht kämpf­ten, erin­ner­te sich einer der letz­ten noch geblie­be­nen Bewoh­ner: „Über zehn Jah­re lang haben wir uns damals dar­um bemüht, in die­ser Sied­lung unter­zu­kom­men. Als wir end­lich ein­zie­hen konn­ten, ging ein Traum in Erfül­lung.“

Ursprüng­lich wur­de nur ein Drit­tel der Woh­nun­gen auf dem frei­en Markt ange­bo­ten. Den Rest ver­mit­tel­te die Stadt als Sozi­al­woh­nun­gen. „Das war per­fekt und führ­te zu einer tol­len Mischung,“ sagt Gise­la Eck­stein, die damals als Stu­den­tin eben­falls in den Genuss einer Miet­re­duk­ti­on kam. „Jeder zahl­te soviel er konn­te. Pro­ble­me hat das nie gege­ben, im Gegen­teil. Wir waren schon mul­ti-kul­ti, als es den Begriff noch gar nicht gab. Da wohn­ten Tür­ken, Ita­lie­ner, Ara­ber, Per­ser, Ame­ri­ka­ner – und als Ende der 1980er Jah­re immer mehr Aus­sied­ler in den Wes­ten zogen, brach­te die Stadt hier Fami­li­en aus Bul­ga­ri­en, Rumä­ni­en und Russ­land unter.“

Auch die vier­köp­fi­ge Fami­lie Schwarz aus St. Peters­burg zog 1987 in eine Duplex-Gar­ten­woh­nung am Lüt­zow­platz. „Deutsch lernt man nicht auf der Stras­se,“ erin­nert sich Mar­ge­ri­ta Schwarz. „Hier in der Sied­lung konn­ten wir unse­re Sprach­kennt­nis­se im direk­ten Kon­takt mit den Nach­barn ver­bes­sern.“ Die archi­tek­to­ni­sche Gestal­tung der inein­an­der ver­schach­tel­ten Häu­ser und Gär­ten för­der­te das gegen­sei­ti­ge Ken­nen­ler­nen. „Wir haben 1000 Sachen zusam­men gemacht. Wenn ich spät von der Arbeit kam, brauch­te ich mich nicht zu sor­gen. Ich wuss­te, dass mei­ne Kin­der nie allein draus­sen ste­hen.“

Mar­ge­ri­ta Schwarz ist kaum zu brem­sen, wenn sie von ihrer eins­ti­gen Nach­bar­schaft schwärmt. „In Ber­lin kämpft man jetzt vie­ler­orts gegen die Bil­dung von Migran­ten-Ghet­tos“, fährt sie fort. „Hier hat­ten wir die Lösung. Wenn wir gemein­sam Fes­te fei­er­ten, sass die gan­ze Welt am Tisch. Jeder brach­te sei­ne eige­nen Spe­zia­li­tä­ten mit. Wir hät­ten jedem Fünf­ster­ne-Koch Kon­kur­renz gemacht.“

Natür­lich gab es auch Streit. Wo über 80 Miet­par­tei­en in Sicht- und Hör­wei­te von­ein­an­der leben, gehö­ren Kon­flik­te zum All­tag. „Die haben wir gemein­sam gelöst“, sagt Leo Schwarz und fügt bei: „Für die Kin­der war das eine wun­der­ba­re Lebens­schu­le, in der sie gelernt haben, Pro­ble­me zu lösen und mit­ein­an­der umzu­ge­hen.“ Dass dies nun alles vor­bei sein soll und sie aus ihrer Woh­nung ver­trie­ben wer­den, ist für das Ehe­paar Schwarz ein schwe­rer Schlag. Nach ihrer Flucht aus Russ­land glaub­ten sie, in Deutsch­land end­lich in einem Rechts­staat ange­kom­men zu sein, der sei­ne Bür­ge­rin­nen und Bür­ger schützt.

Gut mög­lich, dass die letz­ten Bewoh­ner, die geblie­ben sind, die Ver­gan­gen­heit ein Stück weit ver­klä­ren. Unbe­strit­ten ist und bleibt aber, dass Ungers mit sei­ner Sied­lung am Lüt­zow­platz ein Wurf gelun­gen war, der dem Ide­al von geleb­ter Nach­bar­schaft und Inte­gra­ti­on sehr nahe gekom­men ist.

Einen Nega­tiv­punkt hat­te die Sied­lung aller­dings, den lang­jäh­ri­ge Mie­te­rin­nen und Mie­ter immer wie­der erwäh­nen: Bis zur Wen­de lag der Lüt­zow­platz im Mau­er­rand­ge­biet, in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft von Auto­im­biss und Stras­sen­strich. „Auf dem Schul­weg muss­ten die Kin­der stets beglei­tet wer­den,“ erin­nert sich Gise­la Eck­stein, deren Töch­ter heu­te längst erwach­sen sind. „Was haben wir nicht alles für Aktio­nen initi­iert, um die­ses Rot­licht­vier­tel weg­zu­be­kom­men und die Gegend siche­rer zu machen!“ Unab­läs­sig hät­ten sie für die Auf­wer­tung des Quar­tiers gekämpft. Da sei­en sie Pio­nie­re gewe­sen.

Der Durch­bruch gelang jedoch erst nach dem Fall der Mau­er, als der Lüt­zow­platz sozu­sa­gen über Nacht ins Zen­trum der Stadt gerückt und zu einer soge­nannt guten Adres­se gewor­den war. Dar­über soll­ten sich die Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner der Ungers-Bau­ten aller­dings nicht lan­ge freu­en kön­nen: Aus­ge­rech­net die lang ersehn­te Ver­bes­se­rung, für die sie sich so ein­ge­setzt hat­ten, führ­te bald zu ihrer Ver­drän­gung.

Mit­te der 1990er Jah­re ging die dama­li­ge Eigen­tü­me­rin der Wohn­an­la­ge Kon­kurs, die Lie­gen­schaf­ten kamen unter Zwangs­ver­wal­tung. Gleich­zei­tig ver­schwand ein Bebau­ungs­plan­ver­fah­ren, das bereits 1988 zur lang­fris­ti­gen Siche­rung der IBA-Sied­lung ein­ge­lei­tet wor­den war, in den Schub­la­den der Stadt­pla­ner. Es bestehe kein Hand­lungs­be­darf, hiess es damals von­sei­ten der Ver­wal­tung. Eine fata­le Fehl­ein­schät­zung, wie sich spä­ter her­aus­stel­len soll­te.

Natür­lich lies­sen die Tur­bu­len­zen um die Besitz­ver­hält­nis­se die Mie­ter am Lüt­zow­platz nicht kalt. Als ihre Woh­nun­gen 1998 unter den Ham­mer kamen, ver­folg­te Uwe Acker­mann die Ver­stei­ge­rung vor Ort. Drei­zehn Jah­re spä­ter wird er vor Gericht zu Pro­to­koll geben: „Der klei­ne Mann fiel sofort auf – der war völ­lig ver­bis­sen und hat allen erklärt, er müs­se die Häu­ser unbe­dingt haben. Er liess nicht locker, bis er den Zuschlag hat­te.“

Mit dem Ver­kauf der Ungers-Lie­gen­schaf­ten an den „klei­nen Mann“ Alfons Dob­lin­ger, bzw. sei­ne Immo­bi­li­en­fir­ma DIBAG aus Mün­chen, war das Ende der Idyl­le am Lüt­zow­platz besie­gelt. Schon damals gehör­te der Immo­bi­li­en­spe­ku­lant in Deutsch­land zu den erfolg­reichs­ten sei­ner Zunft, aller­dings mit zwei­fel­haf­tem Ruf: Mit ..….….….….….….….….…… .….….….….….….….….….….….….…. .….. .….….….….….….….….. (*) An- und Ver­käu­fen von Lie­gen­schaf­ten und Fir­men hat­te sich der Self­made­man aus Bay­ern laut dem For­bes-Maga­zin bereits Ende der 1980er Jah­re ein Pri­vat­ver­mö­gen von 270 Mil­lio­nen DM erwirt­schaf­tet. Deutsch­land­weit erst­mals in die Schlag­zei­len gera­ten ist er mit dem Kauf von 33’000 Woh­nun­gen der Neu­en Hei­mat Bay­ern, für die Dob­lin­ger 1990 eine Mil­li­ar­de Mark hin­ge­blät­tert hat.

.… .….….….….….….…. .….….….….. .….. .… .….… .….…. .….….….….. .….….….….. .….. .….….…… .….….….….…. .…..  (*). Mit sei­nem Fir­men­im­pe­ri­um ver­folgt er ein ein­zi­ges Ziel: höchst­mög­li­che Ren­di­te und rück­sichts­lo­se Ver­meh­rung sei­nes Reich­tums. Dies alles schien jedoch in Ber­lin nie­man­den zu küm­mern.

Ein Blick auf den Stadt­plan genügt, um zu ver­ste­hen, wes­halb der umtrie­bi­ge Alfons Dob­lin­ger die wenig lukra­ti­ven Woh­nun­gen am Lüt­zow­platz auf Teu­fel komm raus haben woll­te: Sein Inter­es­se galt nicht den viel gelob­ten Lie­gen­schaf­ten, son­dern ein­zig und allein dem Grund­stück. Die Wen­de hat­te den Lüt­zow­platz mit einem Schlag vom Mau­er­rand­ge­biet ins Stadt­zen­trum kata­pul­tiert und das einst unat­trak­ti­ve Gebiet zur begehr­ten Adres­se im Zen­trum Ber­lins gemacht.

So krieg­te die Ungers-Sied­lung gleich rei­hen­wei­se pro­mi­nen­te Nach­barn: Zuerst das Kon­rad-Ade­nau­er-Haus, die künf­ti­ge CDU-Par­tei­zen­tra­le. Dann rund­her­um, auf ehe­ma­li­gem Brach­land, das Diplo­ma­ten- und Nobel­vier­tel Köbis-Drei­eck. Und etwas wei­ter, aber immer noch in Geh­di­stanz, schos­sen die neu­en Hoch­häu­ser am Pots­da­mer-Platz in die Höhe.

Der cle­ve­re Inves­tor aus Mün­chen hat­te das Ren­di­te-Poten­zi­al, das sich mit der Ver­stei­ge­rung der Lüt­zow­platz-Häu­ser abzeich­ne­te, schnell erkannt und sich die Immo­bi­lie gesi­chert. Als alter Fuchs in der Bran­che mach­te er sich kei­ne all­zu gros­sen Sor­gen über die für die Ver­wirk­li­chung sei­ner Immo­bi­li­en­träu­me not­wen­di­ge Ent­mie­tung.

Als ihm zwei Jah­re spä­ter der Ber­li­ner Lie­gen­schafts­fonds auch noch das Grund­stück zu einem Schnäpp­chen­preis über­liess, muss er sich bereits am Ziel gewähnt haben: Noch bevor der Kauf­ver­trag defi­ni­tiv unter­zeich­net war, reich­te die DIBAG im März 2001 beim Bezirks­amt Mit­te einen Abbruch­an­trag für die IBA-Häu­ser ein, um an deren Stel­le unter maxi­ma­ler Aus­nüt­zung der Grund­stück­flä­che einen Ren­di­te ver­spre­chen­den Gewer­be und Büro­kom­plex hoch­zu­zie­hen.

Da waren die inter­na­tio­nal gefei­er­ten Ungers-Bau­ten gera­de mal 17 Jah­re alt. Bei der Stadt reagier­te man ent­spre­chend kon­ster­niert und rieb sich die Augen. „Nie hät­te ich auch nur in Erwä­gung gezo­gen, dass so etwas im Wes­ten mög­lich ist“, sagt Doro­thee Dubrau, die damals als Bau­stadt­rä­tin des Bezirks Mit­te für das Geschäft zustän­dig war. Sofort ver­such­te die in Ost­ber­lin auf­ge­wach­se­ne grü­ne Poli­ti­ke­rin und Archi­tek­tin, ein Abbruch­ver­bot zu erwir­ken.

Unter­stützt wur­de ihr Vor­stoss vom ein­fluss­rei­chen dama­li­gen Senats­bau­di­rek­tor Hans Stimmann. In einem Schrei­ben an den Lie­gen­schafts­fonds hielt er unmiss­ver­ständ­lich fest, dass ein Abriss geför­der­ter Woh­nun­gen zuguns­ten eines Büro­neu­baus „die Bemü­hun­gen unter­lau­fen wür­den, die Ber­li­ner Innen­stadt für brei­te Bevöl­ke­rungs­schich­ten attrak­tiv zu gestal­ten“.

Dar­auf kon­ter­te der Lie­gen­schafts­fonds, dass ein Abbruch­ver­bot den Inves­tor dazu ver­an­las­sen könn­te, vom Kauf­ver­trag für das Grund­stück zurück­zu­tre­ten. Dies wie­der­um woll­te man bei der Stadt nicht ris­kie­ren und ver­zich­te­te des­halb auf eine ent­spre­chen­de Ver­trags­klau­sel. „Die Stadt woll­te preis­wer­tes Woh­nen ermög­li­chen, gleich­zei­tig brauch­te sie Geld. Die­ser gene­rel­le Wider­spruch war immer da – und meist schlug das Pen­del in sol­chen Fäl­len Rich­tung Geld“, fasst Doro­thee Dubrau rück­bli­ckend zusam­men.

Hin­ter den Kulis­sen war das Seil­zie­hen um ein Abbruch­ver­bot seit Mona­ten im Gang, als end­lich auch die direkt Betrof­fe­nen von Alfons Dob­lin­gers Absich­ten erfuh­ren. Ein Fly­er, ver­fasst von Mit­glie­dern des Bünd­nis 90/Die Grü­nen, infor­mier­te die Mie­te­rin­nen und Mie­ter über die Abriss­ge­lüs­te ihres Haus­herrn und bot Unter­stüt­zung.

Ein Schock sei das gewe­sen, erin­nert sich Doro­thea Oell­rich. Obschon man bereits seit eini­ger Zeit ungu­te Ent­wick­lun­gen regis­triert hat­te. So wur­de bei­spiels­wei­se der Unter­halt der Lie­gen­schaf­ten seit der Über­nah­me durch die DIBAG noto­risch ver­nach­läs­sigt. Wer die Ver­wal­tung auf not­wen­di­ge Repa­ra­tur­ar­bei­ten hin­zu­wei­sen wag­te, wur­de mit dem Hin­weis, es hand­le sich um „Baga­tel­len“, abge­wim­melt.

Ein kla­res Signal erhielt Fami­lie Sauer­mann, die gleich nach dem Hand­wech­sel von 1998 das Gespräch mit der neu­en Haus­be­sit­ze­rin gesucht hat­te. „Wir woll­ten die Woh­nung kau­fen, um sicher zu gehen, dass wir blei­ben kön­nen“, erin­nert sich Ange­li­ka Sauer­mann. „Die DIBAG hat unser Vor­ha­ben aber rund­um abge­lehnt und uns durch die Blu­me klar gemacht, dass die Häu­ser leer gemie­tet wür­den.“

Als die laten­te Bedro­hung nun hand­fest wur­de, reagier­ten die Mie­ter vom Lüt­zow­platz ent­schlos­sen und soli­da­risch: Am 9. Sep­tem­ber 2001, am Tag der Anschlä­ge aufs Worldtra­de Cen­ter in New York, grün­de­ten sie eine Inter­es­sen­ge­mein­schaft, um gemein­sam für die Erhal­tung ihrer Oase zu kämp­fen. An deren Spit­ze stell­ten sich Peter Nitsch und Clau­dia Klei­ner, bei­des Mie­ter der ers­ten Stun­de. Über Jah­re hin­weg setz­ten sie sich von da weg mit uner­müd­li­chem Enga­ge­ment für die Erhal­tung der Stadtu­to­pie am Lüt­zow­platz ein.

Anfäng­lich mit beacht­li­chem Erfolg: Alle Ber­li­ner Tages­zei­tun­gen, aber auch Rund­funk und Fern­se­hen berich­te­ten pro­mi­nent über die Grün­dung der IG Lüt­zow­platz und deren Anlie­gen. Die Abend­schau zeig­te Bil­der von Mie­te­rin­nen und Mie­tern mit Trans­pa­ren­ten, die vor dem Bezirks­amt für die Fer­tig­stel­lung des lie­gen geblie­be­nen Bebau­ungs­plans demons­trier­ten.

Stadt­rä­tin Dubrau und Senats­bau­di­rek­tor Stimmann äus­ser­ten im TV-Bei­trag erneut ihr Befrem­den über das Ansin­nen des Inves­tors. Und Clau­dia Klei­ner, mitt­ler­wei­le offi­zi­el­le Spre­che­rin der IG Lüt­zow­platz, bezich­tig­te die DIBAG der Lüge, weil sie unre­pa­rier­ba­re Bau­män­gel als Grund für den Abriss vor­schie­be.

In der Tat hat­te der „klei­ne Mann“ Alfons Dob­lin­ger bald gemerkt, dass sein Antrag auf Abriss der inter­na­to­nal bekann­ten IBA-Bau­ten chan­cen­los blei­ben wür­de, wenn er nicht eine stich­hal­ti­ge Begrün­dung lie­fer­te. Des­halb liess er von der renom­mier­ten Ber­li­ner CRP Inge­nieur­ge­mein­schaft Czie­siel­ski, Ruh­nau und Part­ner GmbH eine Stu­die erstel­len, wel­che die Wirt­schaft­lich­keit einer all­fäl­li­gen Sanie­rung abklä­ren soll­te.

Zwei Jah­re spä­ter, als sich das Geran­gel um eine Abbruch­be­wil­li­gung immer noch hin­zog, ging ein wei­te­rer Auf­trag für eine Mach­bar­keits­stu­die an Mathi­as O. Ungers, den Erbau­er der Anla­ge. Ganz im Sin­ne des Auf­trag­ge­bers kamen bei­de Gut­ach­ten zum Schluss, dass die Sanie­rung der Anla­ge immense Kos­ten ver­ur­sa­chen wür­de, die sich für den Inves­tor nie­mals rech­ne­ten.

Damit glaub­te die DIBAG, die rich­ti­gen Argu­men­te für den Abbruch der Lie­gen­schaf­ten in der Hand zu haben. Bei der Stadt war man jedoch nicht bereit, bedin­gungs­los dar­auf ein­zu­tre­ten. Bau­stadt­rä­tin Doro­thee Dubrau konn­te gegen­über dem Inves­tor schliess­lich durch­set­zen, dass ein Teil des Are­als auch bei einer künf­ti­gen Neu­be­bau­ung für Woh­nun­gen reser­viert wer­den müs­se. Die­ser For­de­rung, die zu einem spä­te­ren Zeit­punkt in einem Bebau­ungs­plan noch kon­kre­ti­siert wer­den soll­te, kam die DIBAG bei der Aus­schrei­bung eines Wett­be­werbs für die Neu­be­bau­ung des Grund­stücks nach.

Des­sen ers­ter Preis ging an das Pro­jekt der Ber­li­ner Archi­tek­ten Moder­sohn & Frei­es­le­ben: Eine Über­bau­ung, auf Misch­nut­zung der geho­be­nen Preis­klas­se aus­ge­rich­tet, mit wel­cher der Inves­tor auf den Markt reagie­ren kann. Im hin­te­ren Teil Luxus­woh­nun­gen, gegen die Stras­se hin Raum für Büros, Gewer­be und ein Hotel. Ein Aller­welts-Ren­di­te­ob­jekt, wie sie heu­te zu Dut­zen­den gebaut wer­den — ohne Gesicht und Visi­on.

Mit die­sem Ent­wurf in der Hand, erach­te­te die DIBAG den Moment für gekom­men, nun auch die direkt Betrof­fe­nen aus ers­ter Hand zu infor­mie­ren. Vier­ein­halb Jah­re nach dem ers­ten Abbruch­ge­such stand, als Fol­ge der kon­se­quen­ten Ent­mie­tungs­po­li­tik, bereits über die Hälf­te der Woh­nun­gen leer. Der Zustand der Lie­gen­schaf­ten ver­schlech­ter­te sich lau­fend. Trotz­dem kämpf­ten die ver­blie­be­nen Mie­ter wei­ter für die Ret­tung ihres mitt­ler­wei­le stark ram­po­nier­ten Para­die­ses. Noch immer hoff­ten sie auf eine ver­söhn­li­che Lösung.

Statt­des­sen lag eines Tages, kurz vor Weih­nach­ten 2006, die Kün­di­gung im Brief­kas­ten. Inklu­si­ve der Auf­for­de­rung, die­se inner­halb von acht Wochen, schrift­lich zu akzep­tie­ren. Wer sich nicht dar­an hal­te, droh­te die DIBAG, müs­se „damit rech­nen, dass eine Räu­mungs­kla­ge bereits vor dem 1.7.2007 erho­ben wird.“ Dies führ­te zu einem wei­te­ren Exo­dus aus der Sied­lung. Zurück blieb eine klei­ne Grup­pe von zuneh­mend ver­zwei­fel­ten Idea­lis­ten, die wei­ter­hin mit allen ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln für die Modell­sied­lung am Lüt­zow­platz kämpf­ten.

Zuerst mit einem Appell an die Mensch­lich­keit. Clau­dia Klei­ner und Peter Nitsch tra­fen Alfons Dob­lin­ger per­sön­lich. Anfäng­lich waren sie beein­druckt vom Gespräch. Ein umgäng­li­cher Mann, auf­ge­stie­gen aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen und in baye­risch-katho­li­schen Wer­ten ver­haf­tet, sagt Clau­dia Klei­ner. Mit dem man gut habe reden kön­nen, von Mensch zu Mensch. Gebracht hat das aller­dings nichts:  Die DIBAG ver­such­te unver­min­dert wei­ter, die Häu­ser am Lüt­zow­platz end­lich leer zu krie­gen. 

Sieg­fried Pio­trz­kow­ski recher­chier­te tage- und näch­te­lang im Inter­net und ver­fass­te juris­tisch fun­dier­te Abhand­lun­gen, in denen er auf­zeigt, wie die IBA-Wohn­an­la­ge geschützt wer­den könn­te. Mit sei­nen Erwä­gun­gen blitz­te der ehe­ma­li­ge Beam­te jedoch sowohl beim Denk­mal­schutz, wie beim Bund der Steu­er­zah­ler und beim Rech­nungs­hof von Ber­lin ab.

Bau­fach­frau Gise­la Eck­stein ver­such­te, gemein­sam mit ihrem Nach­barn, dem per­si­schen Bau­in­ge­nieur Bar­fi, die ori­gi­na­len Bau­do­ku­men­te aus den 1980er Jah­ren zu kon­sul­tie­ren. Bis heu­te ist sie über­zeugt, dass damit Dob­lin­gers Behaup­tung, beim Bau sei gepfuscht wor­den, ein für alle mal hät­ten wider­legt wer­den kön­nen. Doch bei der Inves­ti­ti­ons­bank Ber­lin, wo die Akten lagern, ver­wei­ger­te man den Mie­tern die Ein­sicht. Weil Bau­un­ter­la­gen nur mit Ein­ver­ständ­nis des Haus­be­sit­zers her­aus­ge­rückt wer­den dür­fen – wor­auf sich der klei­ne Mann aus Mün­chen natür­lich nicht ein­liess.

Auch die Bemü­hun­gen, Behör­den­ver­tre­ter, Poli­ti­ker, Rechts­an­wäl­te und Rich­ter zu einem Augen­schein ein­zu­la­den, blie­ben ohne Erfolg. Meist ern­te­ten die Mie­ter auf ihre Ein­la­dun­gen bloss ein müdes Lächeln. Zu gross der Auf­wand, beschie­den die Viel­be­schäf­tig­ten, die ihr Urteil über den Zustand und die Zukunft der Lie­gen­schaf­ten lie­ber gestützt auf Gut­ach­ten, Para­gra­fen und Kon­ven­tio­nen fäll­ten, als sich der Emo­tio­na­li­tät der Betrof­fe­nen vor Ort aus­zu­set­zen.

Gemein­schaf­ten wer­den aus­ein­an­der­ge­ris­sen und Fami­li­en irgend­wo­hin ver­setzt, ohne dass sich jemand dafür inter­es­siert, was dabei zer­stört wird,“ sagt eine empör­te und ent­täusch­te Ange­li­ka Sauer­mann. „ Nicht ein­mal jene, die wir gewählt haben, neh­men unse­re Anlie­gen ernst.“

Dass der Regie­ren­de Bür­ger­meis­ter Klaus Wowe­reit ange­sichts sei­ner unzäh­li­gen Reprä­sen­ta­ti­ons­pflich­ten kei­ne Zeit fin­den wür­de, sich der bedroh­ten Sied­lung am Lüt­zow­platz anzu­neh­men, war schnell ein­mal klar. Doch auch Bau­se­na­to­rin Inge­borg Jun­ge-Rey­er stell­te sich taub und ver­wei­ger­te trotz mehr­ma­li­gem Nach­ha­ken die Ent­ge­gen­nah­me einer Peti­ti­on mit über 1000 Unter­schrif­ten, wel­che die Mie­ter nach Erhalt der Kün­di­gung in kür­zes­ter Zeit gesam­melt hat­ten.

Ihrem Ärger über die Arro­ganz der poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen mach­ten die Bewoh­ner mit Pla­ka­ten Luft, die sie in ihre Fens­ter häng­ten. So wur­den zumin­dest eini­ge der Pas­san­ten, die täg­lich zu Tau­sen­den den Lüt­zow­platz über­que­ren, auf den dro­hen­den Abriss der Ungers-Sied­lung auf­merk­sam.

Die Hil­fe­ru­fe sta­chen im Früh­jahr 2007 auch der frisch gewähl­ten und aus der Schweiz zuge­zo­ge­nen Senats­bau­di­rek­to­rin Regu­la Lüscher ins Auge. „Was ist hier los? Bei uns zeich­net man sol­che Bau­ten mit Archi­tek­tur­prei­sen aus!“ war ihre spon­ta­ne Reak­ti­on, als sie auf einer Erkun­di­gungs­fahrt durch ihr neu­es Wir­kungs­ge­biet die Pla­ka­te sah. Der Fah­rer ihres Dienst­wa­gens, der bereits im Dienst von Vor­gän­ger Hans Stimmann gestan­den hat­te, konn­te sie aus ers­ter Hand infor­mie­ren.

Das Gan­ze sei ein heis­ses Eisen, die Stadt kön­ne aber nichts mehr aus­rich­ten, sag­te er. Spä­ter leg­te man ihr auch auf dem Amt nahe, die Hän­de von die­ser Geschich­te zu las­sen. Was sie denn auch tat, ange­sichts der hohen Arbeits­be­las­tung und der Aus­sicht auf eine künf­ti­ge IBA des 21. Jahr­hun­derts, mit neu­en städ­te­bau­li­chen Visio­nen und Bau­pro­jek­ten, für deren Lan­cie­rung sie sich fort­an enga­gier­te.

Wäh­rend­des­sen ging der Kampf um den Erhalt der mitt­ler­wei­le 23jährigen IBA-Sied­lung am Lüt­zow­platz wei­ter. Im Som­mer 2007 kam es zu den ers­ten Gerichts­ver­hand­lun­gen, nach­dem die DIBAG gegen die ver­blie­be­nen Miet­par­tei­en Räu­mungs­kla­gen ein­ge­reicht hat­te. Aller­dings hat­te der Inves­tor zu die­sem Zeit­punkt immer noch kei­ne Abriss­ge­neh­mi­gung, wes­halb das Ber­li­ner Land­ge­richt die Kla­gen abwies. Zudem kamen die Rich­ter zum Schluss, dass es sich bei den von der DIBAG vor­ge­brach­ten Bau­män­geln um einen „Repa­ra­tur­stau hand­le, der die Klä­ge­rin nicht zur Kün­di­gung berech­tigt.“

Deren Behaup­tung, die Schä­den hät­ten schon zum Zeit­punkt der Erstei­ge­rung bestan­den, kon­ter­te das Gericht mit einem kla­ren Ver­dikt: „Wer eine Bau­rui­ne erwirbt, erlangt dadurch nicht zusätz­li­che Kün­di­gungs­be­fug­nis­se.“ Damit hat­ten die Mie­ter einen ers­ten Sieg gegen den Inves­tor errun­gen und die Zuver­sicht wuchs, dass sich das Blatt doch noch zu ihren Guns­ten wen­den könn­te.

Auf poli­ti­scher Ebe­ne aller­dings hat­te der Wind defi­ni­tiv gedreht: Wäh­rend der geplan­te Abbruch der öffent­lich geför­der­ten Wohn­an­la­ge anfäng­lich von allen Par­tei­en kri­ti­siert wor­den war, setz­te sich nun die von der DIBAG ver­brei­te­te Ansicht durch, die bestehen­de Anla­ge sei nicht mehr zu ret­ten. Der SPD-Poli­ti­ker Ephraim Gothe, der im Früh­jahr 2006 als Bau­stadt­rat die Nach­fol­ge von Doro­thee Dubrau ange­tre­ten hat­te, ent­pupp­te sich bald als vehe­men­ter Ver­fech­ter eines Neu­bau­pro­jekts, das grös­se­re Ver­dich­tung und damit eine bes­se­re Aus­nut­zung des Grund­stücks ver­sprach. Die IBA-Gebäu­de, so Gothe, sei­en nicht mehr zeit­ge­mäss, wür­den zuwe­nig Ren­di­te brin­gen und müss­ten ersetzt wer­den.

Der neue Bebau­ungs­plan, der nach jah­re­lan­gen Ver­hand­lun­gen im August 2008 end­lich ver­ab­schie­det wur­de, schrieb als ein­zi­gen Tri­but an die bestehen­de Situa­ti­on fest, dass 75% der bis­he­ri­gen Wohn­flä­che auch in einer neu­en Über­bau­ung für Woh­nun­gen reser­viert wer­den müss­ten. „Poli­tisch sind alle Mit­tel aus­ge­schöpft — die ein­zi­ge Hoff­nung für den Erhalt die­ser ein­ma­li­gen Anla­ge liegt nun in den Hän­den der muti­gen Mie­te­rin­nen und Mie­ter, die vor Gericht wei­ter kämp­fen,“ sag­te damals ein resi­gnier­ter Frank Ber­ter­mann. Der grü­ne Abge­ord­ne­te hat­te sich wäh­rend Jah­ren für den Erhalt der Anla­ge ein­ge­setzt und gehör­te nebst Doro­thee Dubrau zu den weni­gen Poli­ti­kern, die die Men­schen vom Lüt­zow­platz direkt und enga­giert unter­stütz­ten.

Schon Wochen vor der Ver­ab­schie­dung des Bebau­ungs­plans, hat­te der klei­ne Mann aus Mün­chen anfangs Juni am Lüt­zow­platz die Bag­ger auf­fah­ren las­sen, um neue Tat­sa­chen zu schaf­fen: Die vier bereits leer gemie­te­ten Häu­ser im Innen­hof soll­ten ver­schwin­den. Dank einer Ände­rung in der Ber­li­ner Bau­ver­ord­nung brauch­te er dafür nicht ein­mal mehr eine Geneh­mi­gung. Die Akti­on war völ­lig legal .

So ver­sank die eins­ti­ge Idyl­le in einer Wol­ke von Lärm und Staub. Vor den Augen der ver­blie­be­nen Mie­te­rin­nen und Mie­ter wur­de Haus um Haus zer­trüm­mert und zer­stört. „Wie schön weiss die Wän­de noch sind!“ ent­fährt es Doro­thea Oell­rich, als eine her­aus­bre­chen­de Mau­er den Blick in den Innen­raum des Nach­bar­hau­ses frei­gibt.

Die Gebäu­de sind zäh, die Abriss-Arbei­ten dau­ern län­ger als erwar­tet. Erst im Dezem­ber soll­te wie­der Ruhe ein­keh­ren. „Dies ist ein wei­te­rer Beweis dafür, dass hier nicht schlecht gebaut wor­den ist und unse­re Häu­ser nicht maro­de sind“, sagt Gise­la Eck­stein. Fort­an wird sie die war­men Lich­ter aus den Nach­bar­häu­sern im Hin­ter­hof ver­mis­sen. Wo einst Freun­de wohn­ten, gähnt nun nichts als Lee­re. Der Platz, wo man im Som­mer zusam­men grill­te, wo die Kin­der spiel­ten, bleibt abge­sperrt: Ein hoher Bau­zaun ver­wehrt den Zurück­ge­blie­be­nen den direk­ten Zutritt zu ihren Park­plät­zen und Müll­ton­nen. Dies ist nur eine von zahl­rei­chen Schi­ka­nen, mit denen die DIBAG in den fol­gen­den Mona­ten ver­such­te, die noch bestehen­den Häu­ser leer zu krie­gen.

Denn in der Kon­zern­zen­tra­le in Mün­chen wuchs die Unge­duld. Bereits zehn Jah­re waren seit dem Kauf der Lie­gen­schaf­ten ver­gan­gen. „Die Bau­kos­ten sind in die­ser Zeit enorm gestie­gen“, klagt im Herbst 2008 Wolf­gang Kas­per, Dob­lin­gers rech­te Hand und zustän­dig für den Pro­blem­fall in Ber­lin. Was er ver­schweigt, ist die Tat­sa­che, dass sich in der glei­chen Zeit der Wert des Grund­stücks mas­siv erhöht hat. Für die Anlie­gen und Nöte der Mie­ter hat der christ­li­che Unter­neh­mer Dob­lin­ger wenig Ver­ständ­nis. .….. .….….….….. .… .….…. .….….. .….… .….….….… .…. .….….….. .….….….… .….….…. .….….….…. .…… .….….….… .….….….….…… .….….….… .…. .….. … .…. .… .….…. .…. .…… .… .….….. .….….… .….….…..  (*).

Es gibt einen Ren­di­te­satz, den wir errei­chen müs­sen. Des­halb ist die Tat­sa­che, dass am Lüt­zow­platz etwas Neu­es hin muss, das Ergeb­nis von Mathe­ma­tik und hat nichts mit Welt­an­schau­ung zu tun,“ erklärt dazu Wolf­gang Kas­per und macht unmiss­ver­ständ­lich klar, dass er damit nicht bloss eine bes­se­re Aus­nut­zung des Grund­stücks durch höhe­re Dich­te, son­dern auch mehr Luxus meint. Anfäng­lich hat­ten eini­ge Mie­ter, unter ihnen das Aus­sied­ler­paar Schwarz, dar­auf gehofft, sich in der neu­en Über­bau­ung eine Woh­nung sichern zu kön­nen, falls die alten Häu­ser nicht zu ret­ten wären.

Auf eine sol­che Abma­chung hat sich die DIBAG nie ein­ge­las­sen. Wohl wis­send, dass sich die bis­he­ri­gen Bewoh­ner die künf­ti­gen Miet­zin­se nie­mals wür­den leis­ten kön­nen. Die soge­nannt „klei­nen Leu­te“ sind in der geplan­ten Neu-Über­bau­ung nicht vor­ge­se­hen. Für sie wird es am Lüt­zow­platz künf­tig kei­nen Platz mehr geben.

Auch wenn dies in Ber­lin nie so deut­lich for­mu­liert wur­de, wie am DIBAG-Haupt­sitz in Mün­chen, herrsch­te in die­ser Hin­sicht längst Einig­keit zwi­schen den Stadt­be­hör­den und dem Inves­tor. Mit der Pro­pa­gie­rung soge­nannt „guter Adres­sen“ will die Ber­li­ner Poli­tik und Stadt­pla­nung attrak­ti­ve Lagen am Was­ser und in der Innen­stadt für die Unter­brin­gung einer zah­lungs­kräf­ti­gen Kli­en­tel nut­zen. Stadt und Bezirk pushen Inves­ti­tio­nen in teu­re Town Houses, Luxus­woh­nun­gen und ande­re Ren­di­te­ob­jek­te der geho­be­nen Preis­klas­se.

Finanz­kräf­ti­ge Inves­to­ren tref­fen auf offe­ne Türen, wäh­rend Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit ihren Anlie­gen kein Gehör fin­den. Sieg­fried Pio­trz­kow­ski brach­te es im Dezem­ber 2006 in einem Leser­brief auf den Punkt: „Wenn Herr Gothe beab­sich­tigt, sich von DIBAG-Ver­tre­tern über das Neu­bau­vor­ha­ben infor­mie­ren zu las­sen, die Mie­ter aber nicht hören will, kann das nur bedeu­ten, dass er par­tei­isch ist und die Mie­ter ihm völ­lig egal sind.“

Nach­dem der Bebau­ungs­plan im Tro­cke­nen und die Hof­häu­ser am Lüt­zow­platz dem Erd­bo­den gleich gemacht wor­den waren, blieb den Mie­tern als ein­zi­ge Hoff­nung die Jus­tiz. Im Früh­jahr 2009 war es wie­der soweit: Vor der Ver­hand­lung tra­fen sich die klei­ne Grup­pe der ver­blie­be­nen Bewoh­ner und ihre Anwäl­te vor dem Amts­ge­richt an der Lit­ten­stras­se, um den schwe­ren Gang gemein­sam anzu­tre­ten.

Die Anwäl­te der DIBAG hat­ten zur Stüt­zung ihrer Kla­ge zwei Akten­ord­ner mit neu­em Mate­ri­al ein­ge­reicht. Ver­geb­lich: Schon bald nach Ver­hand­lungs­be­ginn zeich­ne­te sich ab, dass die rein wirt­schaft­li­che, aber wenig kon­kre­te Argu­men­ta­ti­on des Inves­tors auf töner­nen Füs­sen stand. Ein Auf­at­men ging durch die Rei­hen, als Rich­te­rin Regi­na Pasch­ke den Anwäl­ten der DIBAG vor­hielt, dass vage Ren­di­te­vor­stel­lun­gen eines Inves­tors kei­ne Kün­di­gung von Wohn- und Lebens­raum recht­fer­ti­ge.

Trotz des uner­war­te­ten Sie­ges woll­te bei den Betrof­fe­nen kei­ne rech­te Freu­de auf­kom­men: Da war einer­seits das ungu­te Gefühl, dass ein Teil des Erfolgs der unge­schick­ten Ver­hand­lungs­füh­rung der DIBAG-Anwäl­te zu ver­dan­ken sei. Vor allem aber das Bewusst­sein, dass man damit zwar erneut eine Frist­ver­län­ge­rung erreicht hat, eine Ret­tung der Gebäu­de aber immer unwahr­schein­li­cher wur­de.

Nach über zehn Jah­ren ohne Unter­halt ver­schlech­ter­te sich der Zustand der Lie­gen­schaf­ten zuse­hends. „Wenn nicht saniert wird, ver­fällt so ein Haus immer mehr,“ klag­te Gise­la Eck­stein nach der Ver­hand­lung. „Hät­te ich gewusst, dass es so schlimm wird, wäre ich längst gegan­gen. Aber jetzt, nach allem, was wir schon durch­ge­macht haben — da bricht man ein­fach nicht ab.“

Der klei­ne Mann in Mün­chen muss getobt haben. Die DIBAG ver­such­te, den Ent­scheid des Ber­li­ner Gerichts beim Bun­des­ge­richts­hof anzu­fech­ten, wur­de aber abge­wie­sen. Par­al­lel dazu ver­such­te sie es mit neu­en Kün­di­gun­gen, auf die bald erneu­te Räu­mungs­kla­gen folg­ten.

Dies­mal lau­te­te die Begrün­dung des Klä­gers auf „Hin­de­rung an wirt­schaft­li­cher Ver­wer­tung“: Weil die Mie­ter durch ihr Ver­blei­ben den Abbruch der Lie­gen­schaf­ten ver­hin­der­ten, kön­ne der „dem Grund­stück inne­woh­nen­de Wert nicht aus­ge­nützt“ wer­den. Obschon just in die­ser Zeit der Bun­des­ge­richts­hof mit sei­ner lang­jäh­ri­gen mie­ter­freund­li­chen Pra­xis gebro­chen hat­te und in zwei neu­en Urtei­len das Recht auf Woh­nen gegen­über wirt­schaft­li­chen Argu­men­ten zurück­stuf­te, ent­schied das Ber­li­ner Amts­ge­richt 2010 noch ein­mal zu Guns­ten der Miet­par­tei­en vom Lüt­zow­platz. Die DIBAG ver­such­te dar­auf­hin erneut, den Fall vor das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu zie­hen, wur­de aber wie­der­um abge­wie­sen.

Nun änder­te Alfons Dob­lin­ger sei­ne Stra­te­gie: Im Früh­jahr 2011 such­te er über Clau­dia Klei­ner und Peter Nitsch das Gespräch mit den Mie­tern – und lud sie auf ein nobles Essen nach Pots­dam ein. Die Ein­la­dung erstaun­te und stiess auf Skep­sis. „Wir alle gemein­sam in einem Bus nach Pots­dam – eine merk­wür­di­ge Idee“, erin­nert sich eine der Ein­ge­la­de­nen. „Da kommt einem schnell der Gedan­ke, ob sich da einer mit einem klei­nen Unfall eines Pro­blems ent­le­di­gen wol­le…“

Schliess­lich beschloss man ein Tref­fen im Hotel Ber­lin, das am Lüt­zow­platz, gleich gegen­über den Ungers-Häu­sern liegt. In sei­ner schrift­li­chen Ein­la­dung zu einem „Ver­stän­di­gungs­ge­spräch“ gab der klei­ne Mann aus Mün­chen der Hoff­nung Aus­druck, dass „eine auf­rich­ti­ge und gute Aus­spra­che mög­lich wird, so dass jeder sein Inter­es­se anspre­chen kann und es dann zu einer sach­ge­rech­ten Infor­ma­ti­on kommt.“ Für die meis­ten war es die ers­te per­sön­li­che Begeg­nung mit ihrem Haus­be­sit­zer. Die Ver­an­stal­tung ver­fehl­te ihre Wir­kung nicht, zumal der 68jährige Alfons Dob­lin­ger plötz­lich Emo­tio­nen zeig­te und im Ver­lauf des Nach­mit­tags gar ein paar Trä­nen ver­drück­te.

Das ist ja ein Mensch, der hat ein Herz – mit dem kann man reden“, erin­nert sich Doro­thea Oell­rich an ihre dama­li­gen Gefüh­le. Ihr sei ganz leicht gewe­sen und sie hät­te Hoff­nung geschöpft, dass alles doch noch gut wer­de.

Vol­ler Ener­gie und Opti­mis­mus habe sie ein paar Tage spä­ter gera­de den ver­nach­läs­sig­ten Haus­ein­gang auf Hoch­glanz geschrubbt, als ihr Nach­bar Peter Nitsch vor­bei gekom­men sei und sie auf das Schrei­ben der DIBAG in ihrem Brief­kas­ten auf­merk­sam mach­te. Dar­in stand in dür­ren Wor­ten der end­gül­ti­ge Ent­scheid des Herrn Dob­lin­ger: Abbruch sei die ein­zi­ge Lösung.

Da sich die Geschich­te wegen immer noch hän­gi­ger Räu­mungs­kla­gen  wei­ter in die Län­ge zu zie­hen droh­te, zeig­te sich die DIBAG nun aber ver­hand­lungs­be­reit. Zwar hat­te sie schon frü­her mit aus­zugs­wil­li­gen Miet­par­tei­en immer wie­der über finan­zi­el­le Ent­schä­di­gun­gen ver­han­delt und die­se in begrenz­tem Rah­men auch zuge­bil­ligt. Regel­mäs­sig hat­te der Inves­tor aber die Unter­zeich­nung von bereits aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­run­gen im letz­ten Moment ver­wei­gert, wohl weil er hoff­te, bei einem all­fäl­li­gen Sieg vor Gericht bil­li­ger weg­zu­kom­men.

Ein ähn­li­ches Spiel setz­te nach dem „Ver­stän­di­gungs­ge­spräch“ im Hotel Ber­lin wie­der ein: Dob­lin­ger bot ein­zel­nen Miet­par­tei­en im Fal­le eines bal­di­gen Aus­zugs beacht­li­che Sum­men an. Aller­dings geknüpft an die Auf­la­gen, dass alle Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner inner­halb einer vor­ge­ge­be­nen Frist aus­zu­zie­hen und die ein­zel­nen Par­tei­en über die Höhe der Ent­schä­di­gung Still­schwei­gen zu gelo­ben hät­ten.

Müde gewor­den vom lang­jäh­ri­gen Abnüt­zungs­kampf, wil­lig­ten auch Clau­dia Klei­ner, die lang­jäh­ri­ge Spre­che­rin der IG Lüt­zow­platz und ihr Part­ner Peter Nitsch in Ent­schä­di­gungs-Ver­hand­lun­gen ein. Dies, nach­dem sie wäh­rend Jah­ren immer wie­der beteu­ert hat­ten, ein Aus­zug käme für sie nicht in Fra­ge, sie wür­den die Letz­ten sein, die gin­gen. „Das Gan­ze hat uns immer mehr zuge­setzt, auch gesund­heit­lich. Und schliess­lich sahen wir recht­lich kei­ne Chan­ce mehr“, begrün­den sie ihr Auf­ge­ben.

Die stei­gen­den Mie­ten in Ber­lin und die Angst, bei einem nächs­ten Gerichts­ter­min nicht mehr Recht zu bekom­men und damit alles zu ver­lie­ren, hät­ten sie zu die­sem Schritt ver­an­lasst. Ihre Ver­hand­lun­gen mit dem Inves­tor waren von Erfolg gekrönt – aller­dings erst nach einem ernied­ri­gen­den Besuch von Peter Nitsch in Mün­chen, wie er im Abschieds­brief an sei­ne Mit­kämp­fer schreibt. Dort habe er mit Dob­lin­ger „die ver­trag­li­chen Grund­la­gen wei­test­ge­hend geklärt und dann die Basis für einen Ver­gleich gemein­sam gefun­den und auch beid­sei­tig unter­schrie­ben.“ Über die Höhe der Abfin­dung schweigt Nitsch – man darf aber davon aus­ge­hen, dass sich die DIBAG den Weg­zug der lang­jäh­ri­gen Rädels­füh­rer eini­ges kos­ten liess.

Doch sie waren nicht die ein­zi­gen, die im Som­mer 2011 mit der DIBAG ver­han­del­ten. Bei zwei wei­te­ren Miet­par­tei­en tauch­te Alfons Dob­lin­ger sogar per­sön­lich auf, um ihnen gross­zü­gi­ge Ent­schä­di­gun­gen im Fal­le eines bal­di­gen Aus­zugs anzu­bie­ten. Mit einer Par­tei einig­te er sich auf statt­li­che 65’000 Euro. Den fer­tig aus­ge­han­del­ten Ver­trag, in dem ver­schie­de­ne Punk­te auf Ver­lan­gen der DIBAG noch nach­ge­bes­sert wor­den waren, hat Alfons Dob­lin­ger aller­dings nie unter­zeich­net. Auch mehr­ma­li­ges Nach­ha­ken des Mie­ter-Anwalts blieb ohne Erfolg: Im ent­schei­den­den Moment war der Inves­tor nicht mehr zu errei­chen.

Dafür betrat auf Sei­ten der DIBAG ein neu­er Anwalt die Büh­ne: Der Köl­ner Jurist Klaus Lüt­zen­kir­chen, Fach­mann für Miet­recht und bekannt für sei­nen skru­pel­lo­sen Metho­den. Im Früh­som­mer liess er den ver­blie­be­nen Bewoh­nern am Lüt­zow­platz denn auch gleich ein Schrei­ben zukom­men, in dem er – völ­lig wider­recht­lich, gestützt auf eine von ihm zitier­te „orts­üb­li­che Ver­gleichs­mie­te“ — Miet­nach­zah­lun­gen ein­for­der­te sowie mit Scha­den­er­satz­for­de­run­gen droh­te. „Wir sind mit dem Brief gleich zu unse­rem Rechts­an­walt, der hat uns dann beru­higt“, sagt Gise­la Eck­stein.

Auch Doro­thea Oell­rich geriet in Panik. Sie hat­te seit der bit­te­ren Ent­täu­schung nach dem Tref­fen im Hotel Ber­lin inten­siv Woh­nungs­an­non­cen stu­diert, sich auch ein paar Ange­bo­te ange­schaut. Doch das meis­te war zu teu­er, mit ihrer beschei­de­nen Ren­te kann sie sich nicht viel leis­ten. Dazu kommt ihr Alter: „Kürz­lich frag­te mich ein Mak­ler am Tele­fon, wie alt ich sei“, erzählt sie. „Als ich es ihm sag­te, häng­te er gruss­los auf.“

Trotz ihrer schwie­ri­gen Situa­ti­on betei­lig­te sich Doro­thea Oell­rich an der Finan­zie­rung von zwei Gegen­gut­ach­ten, die von den zehn noch ver­blie­be­nen Miet­par­tei­en gemein­sam in Auf­trag gege­ben wor­den waren. Die Beklag­ten hoff­ten, damit die bis­he­ri­ge Argu­men­ta­ti­ons­li­nie der DIBAG in Fra­ge zu stel­len: Die vom Inves­tor behaup­te­ten irrepa­ra­blen Schä­den an den Häu­sern wur­den von der Gut­ach­te­rin, die zu die­sem Zweck vor Ort recher­chiert hat­te, nicht bestä­tigt. Die Über­prü­fung des von der DIBAG bei Ungers bestell­ten Berichts zeig­te zudem, dass das Büro des Star­ar­chi­tek­ten völ­lig über­ris­se­ne Sanie­rungs­kos­ten errech­net hat­te. Statt einer sinn­vol­len Restau­rie­rung des Bestehen­den, ziel­ten sei­ne Berech­nun­gen auf die Her­stel­lung des ursprüng­lich von ihm geplan­ten teu­ren Pro­jekts.

Anläss­lich der nächs­ten Gerichts­ver­hand­lung zeig­te sich aber bald, dass sich nun auch die Jus­tiz auf die Sei­te des Inves­tors geschla­gen hat­te. Der Vor­sit­zen­de Rich­ter Man­fred Hoff­mann stell­te von Anfang an klar, dass für ihn nur die längst bekann­ten Stu­di­en zähl­ten: „Wol­len Sie etwa Herrn Pro­fes­sor Czie­siel­ski unter­stel­len, er habe das Gut­ach­ten gefälscht?“ hielt Hoff­mann dem Ein­wand der Mie­ter­an­wäl­te ent­ge­gen, die dar­auf auf­merk­sam mach­ten, dass die­se Unter­su­chun­gen von der DIBAG in Auf­trag gege­ben wor­den und ent­spre­chend par­tei­isch sei­en.

Damit waren die eige­nen Gegen­gut­ach­ten, auf wel­che die Mie­ter ihre Ver­tei­di­gung auf­ge­baut hat­ten, unbe­ach­tet vom Tisch gefegt. Ein­zig der Nach­weis von Unstim­mig­kei­ten in einem wei­te­ren, vom Gericht in Auf­trag gege­be­nen, Bericht ver­hin­der­te ein sofor­ti­ges Urteil zuguns­ten der DIBAG. Rich­ter Hoff­mann setz­te dafür einen neu­en Gerichts­ter­min für Mai 2012 in Aus­sicht, leg­te den Beklag­ten aber gleich­zei­tig nahe, mit der DIBAG vor­her zu einem Ver­gleich zu kom­men.

Schon zu Ver­hand­lungs­be­ginn hat­te DIBAG-Anwalt Lüt­zen­kir­chen, im Ein­ver­neh­men mit dem Gerichts­vor­sit­zen­den, den Par­tei­en im Fal­le eines bal­di­gen Aus­zugs aus den Woh­nun­gen eine Ent­schä­di­gung von 35’000 Euro pro Par­tei in Aus­sicht gestellt. Die Beklag­ten ver­mu­te­ten dahin­ter eine neue Fin­te des Inves­tors und gin­gen auf das münd­li­che Ange­bot gar nicht erst ein. Viel­mehr lies­sen sie in ihren Voten die sozia­le, grü­ne Wohn­an­la­ge aus IBA-Zei­ten noch ein­mal auf­le­ben. Ihr Uto­pia, das von einem geld­gie­ri­gen Inves­tor mut­wil­lig und gezielt zer­stört wor­den ist.

Für den Inves­tor ist mei­ne Woh­nung bloss ein Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt. Für uns ist sie aber der Lebens­mit­tel­punkt“, fass­te ein Ver­tre­ter der Mie­ter zusam­men, was sie alle fühl­ten. Ein ande­rer brach­te das Dilem­ma auf den Punkt: „Hier geht es um Men­schen und Grund­rech­te.“

Die­sen Argu­men­ten konn­te sich Rich­ter Hoff­mann nur schwer ent­zie­hen und räum­te ein, hier stün­den in der Tat zwei Grund­rech­te in Kon­kur­renz zuein­an­der. Aller­dings sei­en in die­sem Fall, so der Rich­ter, die wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen des Immo­bi­li­en­kon­zerns höher zu gewich­ten, als das Recht der Mie­te­rin­nen und Mie­ter auf Erhal­tung ihres Wohn­raums. Weil es dem Eigen­tü­mer frei ste­he, in wel­cher Art und Wei­se er mit sei­nen Lie­gen­schaf­ten ver­fah­ren wol­le. Und Anwalt Lüt­zen­kir­chen dop­pel­te nach: „Es ist nicht ver­bo­ten, in die­sem Land Geld zu ver­die­nen.“

Die Macht­de­mons­tra­ti­on der ver­ein­ten Kräf­te von Gericht und Inves­tor blieb nicht ohne Wir­kung: Im ers­ten Augen­blick sträub­ten sich die Mie­ter noch ein­mal gegen das dro­hen­de Ende. „Was sol­len wir mit dem Geld? Wir las­sen uns nicht aus unse­rem Para­dies raus­kau­fen“, lau­te­te der Tenor. Gise­la Eck­stein griff zu einem Brecht-Zitat: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Wider­stand zur Pflicht“ und Sieg­fried Pio­trz­kow­ski zog den Wei­ter­zug des Falls nach Karls­ru­he an den Bun­des­ge­richts­hof in Erwä­gung. Doch eigent­lich wuss­ten sie alle: Der Kampf war zu Ende. Der Mil­li­ar­där mit dem Kon­zern im Rücken und der Poli­tik auf sei­ner Sei­te, der sich renom­mier­te Gut­ach­ter und Star­an­wäl­te ohne Ende leis­ten kann, hat­te sein Ziel erreicht.

Ende Janu­ar 2012 – bit­ter kal­te Tage in Ber­lin. Doro­thea Oell­rich ist am Packen. Weni­ge Wochen sind es noch, dann müs­sen sie und ihre Nach­barn aus dem gelieb­ten Nest am Lüt­zow­platz aus­zie­hen. Sie hat ein paar Stras­sen wei­ter, nicht mehr so zen­tral, aber immer­hin im glei­chen Quar­tier, eine Woh­nung gefun­den. Mit Win­ter­gar­ten, des­halb hat sie gleich zuge­grif­fen. So kann sie zumin­dest einen Teil ihrer Pflan­zen mit­neh­men. Aller­dings wird sie eini­ges mehr an Mie­te bezah­len müs­sen. „Ich habe lan­ge gerech­net: Mit der Abfin­dung, die ich von der DIBAG erhal­te, müss­te ich die nächs­ten Jah­re über die Run­den kom­men,“ sagt die 85jährige Frau. „Ich darf ein­fach nicht mehr lan­ge leben, sonst reicht es nicht.“

© Gabrie­la Neu­haus, Zürich/Berlin 2012

(*)  geschwärzt, auf­grund Urteil 9 O 6586/17  Land­ge­richt Mün­chen I, vom 28.03.2018, i.S.  Dob­lin­ger Alfons und DIBAG AG vs. OFF­ROAD REPORTS GmbH


 

Mehr zu den Ungers-Häu­sern am Lüt­zow­platz:

www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1687206

www.baunetz.de/meldungen/Meldungen_Abriss_fuer_Ungers-Bauten_in_Berlin_219518.html

www.urbanophil.net/staedtebau-architektur/ein-letzter-blick-auf-ein-stuck-gebaute-utopie

www.berliner-woche.de/ nach­rich­ten/­be­zirk-mit­te/­tier­gar­ten­/ar­ti­kel­/11835-neu­bau-am-luet­zow­platz-soll-ab-jah­res­en­de-ent­ste­hen

www.denkmalberlinfilm.ch

 

… und zum Ren­di­te­ob­jekt, das nun an deren Stel­le steht:

www.lützowcarre.berlin