Muttersein – weder Gütesiegel noch politisches Programm!

Die SP wurde mit dem Rück­tritt von Bun­des­rä­tin Simo­netta Som­ma­ruga vor einem Monat sicht­lich auf dem fal­schen Fuss erwischt. Trotz­dem reagierte die Par­tei­lei­tung schnell und prä­gnant: Sofort gab sie die Order durch, für die Nach­folge komme nur eine Frau infrage. Dabei liess sie nichts ver­lau­ten über deren poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung, Erfah­rung und Zukunfts­vi­sion: im Moment unwich­tig, zweit­ran­gig. Das Pro­fil der Wunsch­kan­di­da­tin lau­tete schlicht und ein­fach: eine junge Mutter.

Damit wollte die SP-Spitze wohl zei­gen, wie auf­ge­schlos­sen und à jour sie ist. Und merkte nicht, dass sie aus­ge­rech­net mit die­ser Fokus­sie­rung ein­mal mehr alte Cli­chés bedient und sich in die trü­ben Fahr­was­ser der Gen­der-Dis­kri­mi­nie­rung ver­irrt hat.

Die mei­sten Men­schen hier­zu­lande wür­den den Vor­wurf, Frauen auf ihre Klei­dung, Fri­sur oder das Mut­ter­sein zu redu­zie­ren weit von sich wei­sen. Zu recht. Gleich­zei­tig ist es aber eine Tat­sa­che, dass diese Attri­bute je nach Gen­der-Sta­tus einer Per­son unter­schied­lich gewich­tet werden.

Oder kann sich jemand erin­nern, dass je ein männ­li­cher Poli­ti­ker zum Bun­des­rats­kan­di­da­ten gekürt wurde, weil er «ein jun­ger Vater» war? – Was wis­sen wir über­haupt über das Vater­sein unse­rer Bun­des­räte? Müs­sen wir dar­über etwas wis­sen? Und: Wel­che Rolle darf – oder soll – der Fami­li­en­sta­tus eines Poli­ti­kers, einer Poli­ti­ke­rin spielen?

Bei der Suche nach einer «jun­gen Mut­ter» für den Bun­des­rat durfte natür­lich der Hin­weis auf Vor­bil­der im Aus­land nicht feh­len. Dazu gehört etwa die Pre­mier­mi­ni­ste­rin von Neu­see­land, Jac­inda Ardern. Die pro­fi­lierte Poli­ti­ke­rin, die sich ins­be­son­dere für soziale Gerech­tig­keit und Umwelt­schutz enga­giert, wurde 2017 zur Pre­mier­mi­ni­ste­rin gewählt – wegen ihres Par­tei­pro­gramms. Die­ses dürfte sich mit der Geburt ihrer Toch­ter 2018 kaum ver­än­dert haben. Zumin­dest nicht, wegen dem Kind.

Obschon uns die SP und die Medien in den letz­ten Wochen das Gegen­teil weis­ma­chen woll­ten: Mut­ter­sein ist weder ein Güte­sie­gel noch ein Pro­gramm. Aber sehr wohl ein Uni­que Sel­ling Point im heu­ti­gen Poli­tik­ge­schäft. Nach­dem eine Mut­ter­po­li­ti­ke­rin nach der ande­ren abge­wun­ken hatte, blieb schliess­lich Evi Alle­mann als ein­zige «junge Mut­ter» übrig.

Die Ber­ner Regie­rungs­rä­tin ist 44 Jahre alt und hat zwei schul­pflich­tige Kin­der im Alter von 7 und 11 Jah­ren. Eine junge Mut­ter? Echt jetzt? — Ob diese Eti­kette ein Eti­ket­ten­schwin­del war, spielt aber letzt­end­lich keine Rolle. Fakt ist: Evi Alle­mann wurde wäh­rend der gesam­ten Kan­di­da­tin­nen­kür auf ihr Mut­ter­sein redu­ziert. Das hat sie nicht ver­dient – auch wenn sie am rech­ten Rand der SP poli­ti­siert und für mich nie und nim­mer eine Wunsch­kan­di­da­tin gewe­sen wäre. Kin­der hin oder her.

Forschen statt handeln

Fast zehn Jahre sind es, dass wir für die Wis­sen­schafts­sen­dun­gen auf 3sat und im Schwei­zer Fern­se­hen einen Film­bei­trag über das Lei­den von Lege­hen­nen dreh­ten. Damals stell­ten Wissenschaftler:innen am Geflü­gel­for­schungs­zen­trum Avi­fo­rum in Zol­li­kofen fest, dass rund die Hälfte aller unter­such­ten Hüh­ner unter Brust­bein­brü­chen litten.

Dies, obschon in der Schweiz die Käfig­hal­tung von Hüh­nern seit Jah­ren ver­bo­ten ist und Voliè­ren eigent­lich als tier­ge­rech­ter gel­ten. Auf­grund von ersten Tests ver­mu­te­ten die For­schen­den damals, dass sich die Tiere mög­li­cher­weise an den har­ten Eisen­stan­gen ver­letz­ten und mit dem Ein­satz von wei­che­ren Mate­ria­lien das Pro­blem ent­schärft wer­den könnte.

Aller­dings stellte For­schungs­lei­ter Hanno Wür­bel, der ein­zige Pro­fes­sor für Tier­schutz hier­zu­lande, schon damals klar: «Mög­li­cher­weise liegt es nicht am Hal­tungs­sy­stem, son­dern an der Lei­stungs­zucht, die uns Vögel beschert hat, bei wel­chen auf­grund ihrer hohen Lege­lei­stung die Kno­chen der­art aus­ge­zehrt wer­den, dass es zu Osteo­po­rose kommt und das Pro­blem gar nicht zu ver­hin­dern ist, mit den Lege­hy­bri­den, mit wel­chen wir heute arbeiten.»

Neu­ste Zah­len zei­gen noch erschrecken­dere Resul­tate: Im Rah­men eines wei­te­ren For­schungs­pro­jekts der Uni Bern wur­den 150 Lege­hen­nen wäh­rend zehn Mona­ten regel­mäs­sig geröntgt. Dabei zeigte sich, dass nicht nur die Hälfte, son­dern 97% der Tiere ein gebro­che­nes Brust­bein hat­ten – bei vie­len gab es gar mehr­fa­che Frakturen.

«Brü­che ver­ur­sa­chen Schmer­zen – auch das Tier emp­fin­det Schmer­zen, es gibt keine Hin­weise dar­auf, dass Vögel in die­ser Hin­sicht anders reagie­ren als Men­schen», kom­men­tierte die Bio­lo­gin Sabine Geb­hardt bereits anno 2013. «Sie sind dar­auf gezüch­tet, Eier zu legen, und die legen sie halt, egal ob sie Schmer­zen haben oder nicht, inso­fern ist die Lege­rate kein Mass dafür, wie gut es den Tie­ren geht.»

Die Wis­sen­schaft hat auch dies­be­züg­lich wei­ter geforscht – Michael Tos­cano, Lei­ter des Zen­trums für tier­ge­rechte Hal­tung an der Uni­ver­si­tät Bern, bestä­tigte gegen­über dem K‑Tipp die Fest­stel­lun­gen von Sabine Geb­hardt auf­grund neuer For­schungs­re­sul­tate: «Hen­nen mit gebro­che­nen Kno­chen bewe­gen sich weni­ger. Sie brau­chen län­ger beim Abstei­gen von ihren Sitz­stan­gen. Und sie wäh­len zum Trin­ken häu­fi­ger Was­ser, das Schmerz­mit­tel enthält.»

Das Pro­blem ist längst erkannt. Mitt­ler­weile bestä­ti­gen auch For­schende in Deutsch­land und Däne­mark, dass die welt­weit enorm häu­fi­gen Brust­bein­brü­che bei Hüh­nern Fol­gen einer glo­ba­len auf Hoch­lei­stung getrimm­ten Zucht sind – unab­hän­gig von Bio‑, Freiland‑, Boden‑, Käfig– oder Volièrenhaltung.

Eine Henne legt in den heute gän­gi­gen Pro­duk­ti­ons­be­trie­ben pro Jahr im Schnitt 323 Eier – also fast täg­lich ein Ei. Dafür braucht sie enorme Men­gen an Kal­zium, das dann in den Kno­chen fehlt. Meist ist das Brust­bein an der Spitze gebro­chen – dies könnte laut einer däni­schen Stu­die auf den Druck beim Eier­le­gen zurück­zu­füh­ren sein. Lars Schr­a­der vom Deut­schen Insti­tut für Tier­schutz und Tier­hal­tung ITT spricht in die­sem Zusam­men­hang von einer «Soll­bruch­stelle» – sein Fazit: «Wir sind an der Grenze der Lei­stungs­fä­hig­keit der Tiere angelangt.»

Tat­sa­che ist: Die Grenze ist längst über­schrit­ten. Oder, wie es der For­scher Hanno Wür­bel for­mu­liert: «Mit der heu­ti­gen Hal­tung und der Zucht von Hüh­nern sind Schmerz und Lei­den für viele Tiere unver­meid­bar. Und das ist ein­fach nicht haltbar.»

Und was tut der Mensch?

Wäh­rend täg­lich Mil­li­ar­den gene­tisch ver­krüp­pel­ter Lege­hen­nen wei­ter unter Schmer­zen für uns Eier legen, wird ein­mal mehr geforscht. Statt solch tier­feind­li­chen Pro­duk­ti­ons­me­tho­den ein für alle­mal zu ver­bie­ten und dem Lei­den end­lich ein Ende zu set­zen, but­tert z.B. die ame­ri­ka­ni­sche Wohl­tä­tig­keits­stif­tung Open Phil­an­thropy 2,7 Mil­lio­nen US-Dol­lar in ein For­schungs­pro­jekt für die Zucht von Hüh­nern «mit gesün­de­rer Gene­tik» – bei gleich­blei­ben­der Produktivität. 

Dabei arbei­ten die For­schen­den aus­ge­rech­net mit jenen zusam­men, wel­che die Haupt­ver­ant­wor­tung für das Lei­den der Tiere tra­gen: Zusam­men mit den bei­den Welt­markt­füh­rern für Zucht­hen­nen, der deut­schen EW Group und der hol­län­di­schen Hen­drix Gene­tics, soll die Basis gelegt wer­den, um mit geziel­ter gene­ti­scher Selek­tion neue Hoch­lei­stungs­hy­bri­den zu züch­ten, die weni­ger anfäl­lig sind für Knochenbrüche. 

Ob das über­haupt gelin­gen kann, und zu wel­chem Preis für die Tiere, weiss man erst in fünf Jah­ren. Min­de­stens bis dahin müs­sen wir beim unbe­dach­ten Eier­kon­sum das Lei­den der Hen­nen ver­drän­gen und den Gedan­ken daran halt schnell herunterschlucken.

PS:

Ein kleine Aus­wahl wei­ter­füh­ren­der Links zum Thema Agro­busi­ness und indu­stri­elle Hühnerzucht:

https://​kri​ti​scher​-agrar​be​richt​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​D​a​t​e​n​-​K​A​B​/​K​A​B​-​2​0​1​5​/​K​A​B​2​0​1​5​_​2​2​7​_​2​3​1_Gura.pdf

https://​en​.avia​gen​.com/​n​e​w​s​-​r​o​o​m​/​v​i​d​e​o​s​/​g​o​o​d​-​w​e​l​f​a​r​e​-​i​s​-​g​o​o​d​-business/

Für immer verstummt

Mitte Novem­ber. In den Läden türmt sich Advents- und Weih­nachts­krims­krams ohne Ende, als ob die Welt in Ord­nung wäre und es weder Krieg noch Kli­ma­wan­del gäbe. Gleich neben dem Ein­gang Lindt-Pra­li­nen­packun­gen in allen Grös­sen und For­men. Der Anblick der roten Advents­ka­len­der, wo hin­ter jedem Tür­chen eine ver­füh­re­ri­sche Schoggi-Über­ra­schung steckt, weckt Erinnerungen…

Genau ein Jahr ist es her, dass wir einen sol­chen Kalen­der gekauft und mit einer Weih­nachts­karte ver­se­hen auf die Reise nach Ber­lin geschickt haben. Damit er recht­zei­tig ankommt und die Emp­fän­ge­rin nicht noch Gebüh­ren bezah­len muss, bevor sie das Geschenk in Emp­fang neh­men darf, haben wir das Paket über die Lan­des­grenze gebracht und in Jestet­ten der Deut­schen Post übergeben.

Weil wir sicher waren, dass unsere über 90jährige Freun­din, Frau Oell­rich, die Tür nur noch öff­nete, wenn sie genau wusste, wer klin­gelt, rief ich sie am fol­gen­den Tag an, um ihr unsere Post­sen­dung anzu­kün­di­gen. Oder bes­ser gesagt: Ich ver­suchte, sie anzu­ru­fen. Das Tele­fon klin­gelte, aber nie­mand ging ran.

Das Glei­che wie­der­holte sich am näch­sten und über­näch­sten Tag. Lang­sam wurde ich unru­hig, was war los? Das Tele­fon klin­gelte ganz nor­mal – also musste der Anschluss noch in Betrieb sein, fol­gerte ich. Viel­leicht war unsere Ber­li­ner Bekannt­schaft im Kran­ken­haus? Oder musste kürz­lich in ein Heim ein­ge­wie­sen wer­den? Schliess­lich war sie in einem Alter, wo das Allein­le­ben immer beschwer­li­cher wurde. Davon hatte sie mir auch bei mei­nem letz­ten Anruf erzählt. Ohne jedoch zu kla­gen, wie es eben ihre Art war.

Unser letz­tes Gespräch lag nun aller­dings auch schon ein paar Monate zurück. Ich glaube, es war im Früh­jahr 2021, als wir uns das letzte Mal am Tele­fon aus­ge­tauscht hat­ten. Damals klin­gelte es bei ihr nur drei- oder vier­mal, und schon mel­dete sich ihre warme, auf­ge­stellte Stimme. Wie immer hatte sie auf dem Dis­play gese­hen, dass der Anruf aus der Schweiz kam. So musste ich nicht ein­mal mei­nen Namen nen­nen, schon fragte sie mich nach unse­rem Wohl­erge­hen und wollte alles wis­sen, über unsere Gesund­heit und was wir so trieben.

Dabei blieb es jedoch nie. Frau Oell­rich ver­liess zwar kaum mehr ihre Woh­nung, hatte wenig Besuch und lebte ein ein­sa­mes, zurück­ge­zo­ge­nes Leben. Gleich­zei­tig nahm sie inner­lich teil am aktu­el­len Welt­ge­sche­hen. Wir spra­chen damals über Corona, den Kli­ma­wan­del, die poli­ti­schen Ver­wer­fun­gen. Sie war bestens infor­miert, schaute in ihren oft schlaf­lo­sen Näch­ten Doku­men­tar­filme und brannte dar­auf, meine Ein­schät­zun­gen zu den Din­gen zu hören. In der Regel dau­er­ten unsere Tele­fon­ge­sprä­che eine Stunde und mehr.

Und nun? Etwas stimmte nicht, auch wenn ich es mir nicht ein­ge­ste­hen wollte. Nach unzäh­li­gen wei­te­ren erfolg­lo­sen Anruf­ver­su­chen suchte ich in mei­nem Archiv nach der Mail­adresse ihrer ehe­ma­li­gen Nach­ba­rin. Wir hat­ten die bei­den vor 14 Jah­ren anläss­lich der Dreh­ar­bei­ten zu unse­rem Doku­men­tar­film «Denk mal Ber­lin» ken­nen­ge­lernt. Sie kämpf­ten damals gemein­sam mit ande­ren Mieter:innen für den Erhalt ihrer Wohn­sied­lung am Lüt­zow­platz. Vergeblich.

Alle Mieter:innen wur­den damals aus ihren schö­nen, preis­gün­sti­gen Woh­nun­gen ver­trie­ben, die Nach­bar­schaft aus­ein­an­der­ge­ris­sen, die Häu­ser ent­mie­tet, wie man auf Immo­bi­li­en­deutsch sagt. Trotz­dem blie­ben die ehe­ma­li­gen Nach­ba­rin­nen wei­ter­hin in Kon­takt. Die jün­gere der bei­den, Frau Acker­mann, schaute regel­mäs­sig bei Frau Oell­rich vor­bei – meist nach einem Ter­min bei ihrem Fri­seur, der sein Geschäft ganz in der Nähe hatte.

Meine besorgte Mail­an­frage erreicht die ehe­ma­lige Nach­ba­rin jedoch kurz nach deren Rück­kehr von einer aus­ge­dehn­ten Ita­li­en­reise, wes­halb auch sie län­gere Zeit nichts von Frau Oell­rich gehört hatte. Sie weiss ein­zig, dass das Tele­fon defekt gewe­sen sei und stellt in Aus­sicht, bald­mög­lichst bei der alten Dame vorbeizuschauen.

Schon am näch­sten Tag folgt eine wei­tere Mail: «Nun war ich da, und nach Aus­sage der Nach­barn im 1. Stock, soll sie ver­stor­ben sein.» Die Nach­ba­rin vom 5. Stock jedoch, deren Mann kürz­lich gestor­ben sei, und die mit Frau Oell­rich ab und zu ein paar Worte wech­selte, habe von nichts gewusst. Der Brief­ka­sten sei noch ange­schrie­ben, und bei mei­nen erneu­ten Tele­fon­ver­su­chen klin­gelte es in der Lei­tung wie eh und je. Es könnte dem­nach genauso gut sein, dass sich der eine Nach­bar getäuscht hat, und Frau Oell­rich in einem Kran­ken­haus liegt, mach­ten wir uns gegen­sei­tig Hoffnung.

Drei Tage spä­ter dann die trau­rige Gewiss­heit: «Frau Oell­rich ist tot! Sie wurde auf­ge­fun­den Ende Okto­ber von ihrer Haus­halt­hilfe Jana», so die Nach­richt aus Ber­lin. Wie lange sie im Wohn­zim­mer lag, und wie sie gestor­ben ist, wisse man nicht.

Man habe die Ange­le­gen­heit an das Nach­lass­ge­richt wei­ter­ge­lei­tet, hiess es bei der Haus­ver­wal­tung. Mehr war nicht zu erfah­ren. Schluss, fer­tig. Frau Oell­rich wird sich nie mehr mit ihrer mun­te­ren Stimme am Tele­fon mel­den, wir wer­den uns nie mehr über den Lauf der Welt unter­hal­ten – ihre Gedan­ken und Geschich­ten, die mich immer so berührt haben – für immer vor­bei. Ich bedaure, dass ich sie den gan­zen Som­mer über nie ange­ru­fen hatte. Jetzt ist sie gestor­ben, ein­sam und allein, wie sie in den letz­ten Jah­ren gelebt hat…

Anfang Januar 2022 dann noch ein­mal eine Nach­richt aus Ber­lin: «Am Mitt­woch war ich beim Fri­seur – das hatte ich immer mit einem Besuch bei Frau Oell­rich ver­bun­den – ist dies­mal natür­lich aus­ge­fal­len. Konnte es jedoch nicht las­sen, an ihrem Haus vor­bei zu schauen. Wie es aus­schaut sind neue Mie­ter ein­ge­zo­gen, die Gar­di­nen kamen mir fremd vor.

Habe dann mit ihrer Freun­din in Essen, die wir auch vom Lüt­zow­platz kann­ten, gespro­chen. Sie hat lei­der auch nichts gehört. Man muss es wohl so hin­neh­men, obwohl ich es sehr trau­rig finde, dass von der Ver­wandt­schaft sich nie­mand mal mel­det… Auch vom Nach­lass­ge­richt und der Haus­ver­wal­tung nichts.…»

Was bleibt? Die Erin­ne­rung an eine leb­hafte, her­zens­gute Frau. Und Freund­schaf­ten, die andau­ern, wie ihre ehe­ma­lige Nach­ba­rin vom Lüt­zow­platz zum Schluss noch fest­hält: «Es ist der Ver­dienst von Frau Oell­rich, dass die Nach­barn immer noch Kon­takt haben, denn sie war eine Insti­tu­tion, behaupte ich mal!»

Hauert Dünger – zurück zu den Wurzeln!

Ob in Gär­ten, auf Sport­plät­zen oder auf dem Feld: Die Zugabe von Dün­ger aller Art zur För­de­rung von Pflan­zen­wachs­tum und Ern­te­er­trag ist all­ge­gen­wär­tig. Das Geschäft mit den Gra­nu­la­ten und Flüs­sig­kei­ten für bun­tere Blu­men, robu­stere Rasen und ertrag­rei­chere Ern­ten flo­riert, auch in Zei­ten von Bio­boom und Trinkwasserinitiative…

Trotz­dem ste­hen beim gröss­ten Schwei­zer Dün­ger­her­stel­ler momen­tan die Zei­chen auf Sturm: Lie­fer­eng­pässe und Preis­stei­ge­run­gen bei Ener­gie und Roh­stof­fen machen der Hau­ert HBG Dün­ger AG im Ber­ner See­land zu schaf­fen. Wie­der­holt hat sie in den letz­ten Mona­ten die Preise für ihre Pro­dukte erhöht, um die Her­stel­lungs­ko­sten decken zu können.

«Für viele Roh­stoffe zah­len wir im Moment etwa das Drei­fa­che der frü­he­ren Preise», klagt Geschäfts­füh­rer Phil­ipp Hau­ert im Bie­ler Tag­blatt vom 27. Okto­ber. Er lei­tet das (laut Eco­no­mie Suisse) älte­ste Fami­li­en­un­ter­neh­men der Schweiz in 12. Gene­ra­tion. Wie er 2016 in einem Inter­view mit dem Wirt­schafts­ver­band ver­riet, lau­tet sein Motto: «Wir pfle­gen die Tra­di­tion, Ver­än­de­run­gen nicht zu scheuen.»

Ange­fan­gen hatte alles vor bald 360 Jah­ren – anno 1663. Als die Ger­be­rei sei­ner Vor­fah­ren mit der Kon­kur­renz in der Leder­pro­duk­tion nicht mehr mit­hal­ten konnte, spe­zia­li­sierte man sich auf die Ver­wer­tung eines ande­ren Neben­pro­dukts aus der Tier­schlach­tung und pro­du­zierte fortan Pflan­zen­dün­ger aus Kno­chen­mehl. Ein klu­ger Schach­zug, wie sich her­aus­stel­len sollte.

Ob Gülle, Mist, Horn‑, Feder- oder Kno­chen­mehl – tie­ri­sche Pro­dukte sind seit jeher wich­tige Hel­fer im Gemü­se­gar­ten und auf dem Acker. Ent­spre­chend erfolg­reich war das neue Busi­ness­mo­dell von Hau­ert. Irgend­wann begnügte man sich jedoch nicht mehr mit Kno­chen­mehl. Neue Rezep­tu­ren wur­den ent­wickelt, mit neuen, auch mine­ra­li­schen und syn­the­tisch her­ge­stell­ten Stof­fen, die das Pflan­zen­wachs­tum noch stär­ker und auf kurze Frist sti­mu­lie­ren soll­ten. Nach dem 2. Welt­krieg kamen die ersten Lang­zeit­dün­ger auf den Markt, das Ange­bot wurde immer wei­ter aus­ge­baut: Heute umfasst das Hau­ert-Sor­ti­ment nicht nur mass­ge­schnei­derte Dün­ge­mit­tel für jede Rasen‑, Rosen- oder Gemü­se­sorte, son­dern auch gezielt für jede Wachs­tums­phase – diese Dün­gung im Früh­jahr, eine andere im Som­mer, eine dritte im Herbst…

Längst basiert der Hau­ert-Erfolg nicht mehr auf Kno­chen­mehl. Heute ver­braucht die Firma für ihre Dün­ger­pro­duk­tion vor allem grosse Men­gen von Stick­stoff, Phos­phor, Kali – und sehr viel Ener­gie. Was jah­re­lang ein flo­rie­ren­des Geschäft war, wird jetzt zum Pro­blem: Bereits im April 2022 habe das Unter­neh­men mehr für Gas und Strom aus­ge­ge­ben als im gesam­ten letz­ten Jahr – die Mehr­ko­sten wür­den pro Betriebs­stunde im Moment stolze 500 Fran­ken betra­gen, hat Hau­ert ausgerechnet.

Am stärk­sten sind die Preise beim Stick­stoff gestie­gen, für des­sen Her­stel­lung sehr viel Erd­gas benö­tigt wird. Die mas­sive Teue­rung beim Gas hat laut Hau­ert dazu geführt, dass die euro­päi­schen Stick­stoff­her­stel­ler nicht mehr kon­kur­renz­fä­hig sind. Diese hät­ten ihre Pro­duk­tion stark gedros­selt oder gar ein­ge­stellt, wes­halb Hau­ert neue Lie­fe­ran­ten suchen musste. Jetzt impor­tiert der Dün­ger­pro­du­zent sei­nen Stick­stoff statt aus Bel­gien aus Ägyp­ten und Nordamerika.

Auch die Beschaf­fung von Kali und Phos­phor ist kom­pli­ziert und teuer gewor­den: Kali wurde bis vor kur­zem vor allem aus Russ­land impor­tiert, was mit der Ver­hän­gung der Sank­tio­nen nun nicht mehr geht. Und Haupt­lie­fe­rant für Phos­phor ist China, das zwi­schen­zeit­lich wegen hohem Eigen­be­darf den Export auch mal gestoppt hatte.

«Die Situa­tion für uns als Firma ist aktu­ell unge­müt­lich», gab denn auch Phil­ipp Hau­ert gegen­über dem Bie­ler Tag­blatt zu Pro­to­koll. Er befürch­tet, dass der Dün­ger­ver­kauf wegen der Teue­rung, von der auch seine Pro­dukte betrof­fen sind, ein­bre­chen könnte.

Für die Natur, das Klima und die Bio­di­ver­si­tät ist das eine gute Nach­richt. Die res­sour­cen-ver­schleis­sende Pro­duk­tion von Dün­ge­mit­teln aus impor­tier­ten Roh­stof­fen hat keine Zukunft. Je eher sie ein­ge­stellt wird, umso besser.

Es geht näm­lich auch anders, auch bei der Firma Hau­ert: Unter dem Label Bio­gra hat sie eine bio­lo­gi­sche Pro­dukt­e­li­nie geschaf­fen, die laut Eigen­wer­bung «wo immer mög­lich auf Basis loka­ler, nach­wach­sen­der Roh­stoffe» her­ge­stellt wird. So ent­hält der Bio­gra-Stick­stoff­dün­ger etwa «Feder­mehl, Horn­späne, Tier­hör­ner, Fleisch­kno­chen­mehl» – die Roh­stoffe also, mit denen die Hau­ert-Erfolgs­ge­schichte begon­nen hat.

Höch­ste Zeit, dass sich Phil­ipp Hau­ert auf die Anfänge des Fami­li­en­un­ter­neh­mens zurück­be­sinnt. Statt den Markt mit immer neuen und immer auf­wän­di­ger pro­du­zier­ten Pro­duk­ten zu über­schwem­men, ist jetzt der Moment, sich auf eine nach­hal­tige Pro­duk­tion von umwelt­ver­träg­li­chem, bio­lo­gisch und regio­nal pro­du­zier­tem Dün­ger zu beschränken.

Ganz nach dem Motto: «Wir pfle­gen die Tra­di­tion, Ver­än­de­run­gen nicht zu scheuen.»

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