16 Tote und über 40 Verletzte – dies die aktuelle, traurige Bilanz des Anschlags von gestern Sonntag am weltberühmten Bondi-Beach in Australien. Noch bevor Klarheit herrschte über die Täter, ging in Windeseile die Schlagzeile um die Welt, es handle sich um einen islamistisch motivierten, antisemitischen Terrorangriff.
Dies aufgrund des Umstands, dass es die Angreifer ganz offensichtlich auf die Besucher:innen einer Strandparty abgesehen hatten, an der Hunderte von Menschen den Auftakt zum jüdischen Lichterfest Chanukka feierten.
Ein Steilpass für den israelischen Präsidenten und Kriegsverbrecher Netanyahu, der keine Sekunde zögerte, den Anschlag für seine Zwecke zu nutzen: Mit scharfen Worten beklagte er den wachsenden Antisemitismus und bezichtigte die australische Regierung der Mitschuld, weil diese seit dem Sommer 2025 zu jenen Ländern gehört, die Palästina als Staat anerkennen. Ein Vorwurf, den der australische Regierungspräsident Anthony Albanese umgehend und zu Recht von sich gewiesen hat.
Bald folgte das übliche Prozedere in solchen Fällen: Regierungschefs aus aller Welt kondolierten und verurteilten, was das Zeug hielt. Sogar die Schweizer Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter tauchte aus ihrer wochenlangen Versenkung auf und liess über ihren X‑Kanal verlauten, die Schweiz bekunde Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen und wende sich «entschieden gegen jede Form von Gewalt, Antisemitismus und Hass.»
Worte, die nie falsch, und doch völlig daneben sind. Insbesondere angesichts des hartnäckigen Schweigens der Schweiz, wenn es um den von Israel verübten Terror an palästinensischen Menschen in Gaza oder im Westjordanland geht. Und auch gegen das selektive Säen von Hass scheint man hierzulande nichts einzuwenden zu haben: Es muss einfach von Israel-Lobby:istinnen kommen, die mit wüsten Worten und Kampagnen jedwelchen kritischen Stimmen, die das israelische Unrechtsregime anprangern, Hassparolen und Etikettierungen entgegenschleudern – zum Teil wortwörtlich, wie wir sie aus Nazideutschland kennen.
Der Anschlag im fernen Australien dominierte schon den ganzen Sonntag sämtliche News-Kanäle, die laufend über die neusten Erkenntnisse und Opferzahlen berichteten. Am Montag dann die Fortsetzung auch in den gedruckten Zeitungen, wo das Attentat und Mutmassungen über die Hintergründe sowie der weltweit kolportierte «zunehmende Antisemitismus» seitenweise abgearbeitet und multipliziert wurden.
In der SRF-Tagesschau vom Sonntagabend gab es, nach der Zusammenfassung der Ereignisse, eine Direktschaltung zum langjährigen Australien-Korrespondenten Urs Wälterlin. Dieser schilderte kenntnisreich, dass der Anschlag am Bondi-Beach die Aussies tief ins Mark getroffen habe – in Australien sei der Ort «eine Ikone, er verkörpert australische Kultur, Lebensfreude, Unbeschwertheit – aber auch Multikulturalität». Besonders verängstigt sei jetzt wohl die jüdische Bevölkerung, die in und um Bondi lebe, so Wälterlin weiter. Er fürchte aber, dass die Tat «auch antimuslimischen Kräften Auftrieb geben wird, die in den letzten Jahren deutlich lauter und aggressiver geworden sind.»
Ein Aspekt, der sonst nirgends zu lesen oder zu hören war – im Gegenteil: Einmal mehr war und ist in unseren Medien praktisch nur von Antisemitismus die Rede, der die Jüdinnen und Juden weltweit immer stärker bedrohe. In die gleiche Kerbe hieb – im Anschluss an Wälterlins differenzierte Einschätzung – auch Daniel Glaus, der sogenannte «Fachexperte Extremismus» von SRF. Hemdsärmlig wie gewohnt, stellte er einmal mehr jegliche Israel- und Zionismus-Kritik unbesehen in die Antisemitismus-Ecke. Keine Spur von journalistisch recherchierter Evidenz oder Fachexpertise.
Was zudem in unseren Medien kaum thematisiert wird: Die Party am Bondi-Beach war vom australischen Zweig der Chabad-Mission veranstaltet worden – eine orthodoxe jüdische Sekte, die weltweit aktiv ist – auch in der Schweiz. Und die Israels Genozidpolitik aktiv unterstützt.
Eli Schlanger, der Organisator des Strand-Events vom letzten Sonntag und bekannt als der «Bondi Rabbi», hatte Israel und den IDF-Soldaten vor zwei Jahren zusammen mit anderen international aktiven Rabbinern einen Besuch abgestattet. Schon bald nach Bekanntwerden seines Todes, kursierten im Internet Bilder, die ihn beim Essen und Feiern mit israelischen Soldaten zeigen…
Eine spannende Analyse zu möglichen Hintergründen für den Anschlag und die Reaktionen (insbesondere jene von Netanyahu) liefert auch die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost:
«Seit dem 7. Oktober ist Australien ein Einwanderungsziel für viele Israelis, und das ist auch aus Sicht der israelischen Behörden nicht erwünscht, vor allem nicht, wenn sie gegen Israels Politik sprechen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese von Chabad organisierte Feier auch dazu diente, deren Bindung an das Judentum und Israel zu stärken…»
Unter den Verletzten gab es ein weiteres Opfer, das enge Beziehungen zu Israel pflegt: Der israelische «Menschenrechtsanwalt» Arsen Ostrowsky postete umgehend ein Bild von sich mit blutverschmiertem Gesicht. Nur wenige Tage vor dem Attentat hatte er auf seiner Linkedin-Seite mit viel Pathos über seine Mission, die er als Neuzuzüger in Australien zu erfüllen habe, berichtet: «Ich sehe es als meine Aufgabe, mich für Israel einzusetzen und für die Wahrheit zu kämpfen – das habe ich schon immer getan, und jetzt ist es an der Zeit, diesen Kampf an einer neuen Front fortzusetzen.»
Was, wenn die Täter von Sydney nicht einfach wahllos umhergeschossen, sondern gezielt Verfechter und Unterstützer des israelischen Genozids ins Visier genommen haben? Nach gängigem israelischem Muster: Auge um Auge – Zielpersonen eliminieren, ohne Rücksicht auf «Kollateralschäden»… Dies ist keine Entschuldigung für die Horrortat. Für Gewalt, Mord und Terror gibt es keine Entschuldigung – niemals und unter keinen Umständen.
Wer aber den israelischen Völkermord aktiv unterstützt und gar noch propagiert, muss mit Vergeltung rechnen. Gewalt erzeugt Gegengewalt – wer Terror sät, wird auch Terror ernten. Oder, wie es die Vertreter:innen der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost auf den Punkt gebracht haben: «Israel hat es nicht nur geschafft, der unsicherste Ort der Welt für Juden und Jüdinnen zu sein, es gefährdet Juden auf der ganzen Welt.»
Die Israel-Lobbyist:innen und Antisemitismus-Keulen-Schwinger:innen hierzulande täten gut daran, sich diese Worte zu Herzen zu nehmen. Der Weg zu mehr Sicherheit für uns alle – egal welcher Religion oder Couleur – führt einzig allein über die Einhaltung der Menschenrechte, gegenseitigen Respekt und Toleranz. Das schliesst jedoch die Ausübung von Hetze und eigener Gewalttaten ebenso aus wie die billige Rechtfertigung von Israels Genozid und Terroratacken als «Selbstverteidigung».
Bericht zu Eli Schlanger und sein Engagement in Gaza – Bericht von Times of India, 14.12.2025:













