Sehn­sucht

Ende Juli. Som­mer­hit­ze, Tro­cken­heit im Mit­tel­land. In den Nach­rich­ten nur noch Hiobs­bot­schaf­ten. Wohin treibt Euro­pa, die Welt? Die­ser Rechts­drall über­all. Ego­is­mus und Macht statt Soli­da­ri­tät, Ethik und Ver­nunft. Das Gefühl, gegen Wind­müh­len zu kämp­fen. Die Gewiss­heit, dass da gera­de etwas her­an­wächst von dem man glaub­te, es sei für immer vor­bei. Ohn­macht, Wut und Trau­er.

Mit dem Mor­gen­zug in die Ber­ge. Gleis­sen­des Licht, strah­len­des Wet­ter. Das letz­te Stück mit dem Post­au­to. Im Dorf­la­den von Sufers noch Pro­vi­ant ein­ge­kauft – freund­li­che Wor­te aus­ge­tauscht und gelacht, dann geht es los. Der Wald­weg glit­zert, über­all ist alles tau­nass. Es ist ange­nehm warm und feucht. Die Natur spriesst üppig, das Atmen tut gut.

Vom gegen­über­lie­gen­den Ufer des Sees aller­dings, dringt ohren­be­täu­ben­der Lärm. Stei­ne wer­den gebro­chen, Repa­ra­tur­ar­bei­ten an der Pass­stras­se. Dazwi­schen auf­heu­len­de Motor­rä­der, Autos, Last­wa­gen. Der Weg biegt in ein Sei­ten­tal, folgt einem spru­deln­den Bach. Noch immer häm­mert und rat­tert es von unten. Frem­de Geräu­sche domi­nie­ren im wil­den Berg­wald.

Es geht steil hin­auf. Auch hier, Grä­ser und Blü­ten vol­ler Was­ser­per­len. Die Stei­ne unter den Füs­sen sind mit­un­ter glit­schig. Das Gelän­de for­dert sei­nen Tri­but. Dem All­tag zu ent­kom­men, hat sei­nen Preis. Der anspruchs­vol­le Weg leert den Kopf und füllt das Herz.

Am spä­te­ren Nach­mit­tag Abstieg ins Avers-Tal. Über­nach­tung in Inner-Fer­re­ra. Ein klei­nes Dorf umge­ben von stei­len Fels­wän­den. Die Schu­le ist längst geschlos­sen, die Bevöl­ke­rungs­kur­ve zeigt steil nach unten. Ein Bota­ni­ker­paar sowie ein paar Feri­en­gäs­te im ein­zi­gen Hotel des Orts. Vor ein paar Jah­ren wur­de es, mit Unter­stüt­zung der Gemein­de, wie­der in Betrieb genom­men. Das unga­ri­sche Wir­te­paar scheint gut inte­griert und orga­ni­siert für den 1. August ein Boc­cia-Tour­nier.

Nach einem reich­hal­ti­gen Früh­stück auf der alten Aver­s­er­stras­se zu Fuss wei­ter das Tal hin­auf. Grün­lich schim­mern­der Ande­er­gra­nit säumt ihren Rand – Stein um Stein wur­de von Hand gehau­en und gesetzt. Vier Mil­lio­nen habe die Restau­ra­ti­on und Siche­rung der alten schon Stras­se gekos­tet. Inves­ti­tio­nen in einen sanf­ten Tou­ris­mus. – Der roman­ti­sche Weg führt durch den Wald, der steil abfal­len­den Berg­flan­ke ent­lang – tief unten in der Schlucht der Rhein.

Dann öff­net sich das Tal. Wo der Fluss durch die Wie­sen mäan­dert, haben sich vor Jahr­hun­der­ten schon Men­schen nie­der­ge­las­sen. Ober­halb von Camp­sut recht ein Mann das gemäh­te Gras zusam­men. Ein Gruss – und die Fra­ge nach der Ern­te. Im Unter­land fehlt es wegen der Tro­cken­heit an Tier­fut­ter. Der Bau­er kommt ein paar Schrit­te näher, lässt die Arbeit ruhen und lacht: «Die­ses Jahr haben wir gar nichts zu kla­gen – ein Som­mer, wie man ihn nur wün­schen kann. Alles ist per­fekt!»

Ein Wort ergibt das ande­re. Er hat sei­nen Betrieb an einen Jün­ge­ren ver­pach­tet und sei jetzt Hilfs­ar­bei­ter auf sei­nem eige­nen Land. Nun arbei­te er ohne Sor­gen, aus Lust. Noch 12 Bau­ern­be­trie­be gebe es im Tal. Im Übri­gen mang­le es an Arbeits­plät­zen. Die Säge­rei wur­de vor eini­gen Jah­ren still­ge­legt, obschon die Holz­wirt­schaft eigent­lich flo­rie­ren könn­te. Kürz­lich habe jemand für einen Bau im Tal Arven­holz gesucht. Schliess­lich fand man das Gewünsch­te in Bivio, zu einem stol­zen Preis. Das Holz stamm­te aus Avers – und wur­de schliess­lich reimpor­tiert.

Dann kommt das Gespräch auf die Gren­ze: Schmug­gel war einst die Lebens­ader im Tal. «Mein Vater war der Schmugg­ler­kö­nig» erzählt der Mann mit einem schel­mi­schen Lachen. Wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs habe man im Aver­ser­tal mehr Reis gege­ges­sen, als je zuvor oder danach. Alle hät­ten mit­ge­macht, auch der Gemein­de­prä­si­dent. So konn­te man sicher gehen, dass einem nie­mand ver­pfeift.

Wei­ter geht es, an der still­ge­leg­ten Säge­rei vor­bei, den Hang hin­auf und wie­der über die alte Aver­s­er­stras­se, nach Avers Cres­ta. Eine alte Walser­sied­lung – ein grös­se­res Hotel, ein Dorf­la­den – Bau­ern­hö­fe. Hin­ter der Kir­che öff­net sich das Tal. Streu­sied­lun­gen, eine wei­te Land­schaft. Kühe und Scha­fe auf den Wei­den. Bäu­me wer­den rar.

Ein­la­den­de wei­te Sei­ten­tä­ler locken gen Süden. Es ist zu spät, und ein Gewit­ter zieht sich zusam­men. Das Hoch­tal bleibt ein Ver­spre­chen für ein nächs­tes Mal!

Der Weg nach Juf zeigt in die ande­re Rich­tung. Don­ner­grol­len in der Fer­ne, ein paar Regen­trop­fen – bald klart es wie­der auf. Die laut Sta­tis­tik höchst­ge­le­ge­ne ganz­jäh­rig bewohn­te Sied­lung der Schweiz – mit­ten in einer kah­len, aber lieb­li­chen Land­schaft. Der Blick schweift über die umlie­gen­den Mat­ten, wo Kühe wei­den. Eine Kin­der­schar spielt auf der Stras­se. Im Dorf­la­den gibt’s Gla­cé und Sou­ve­nirs.

Die Kin­der holen Stö­cke im Stall – es ist Zeit, die Kühe von der Wei­de zu trei­ben. Glo­cken­ge­läut und fröh­li­che Auf­re­gung. Dann legt sich wie­der Stil­le übers Dorf.

Beschau­lich­keit, Ruhe. Wie es wohl wäre, hier zu blei­ben. Nicht bloss ein paar Momen­te oder eine Nacht. Lan­ge, län­ger – für immer? Was für ein Lebens­ge­fühl hat man, hier oben? Hier, wo sich das Auge in der Wei­te ver­liert und gleich­zei­tig Klein­räu­mig­keit domi­niert? In die­sem Tal, wo jeder jede kennt?

Los- und zurück­las­sen, was einem in der Stadt umtreibt. Ein­fach ein­mal aus­pro­bie­ren, was die­se Ber­ge, die Natur mit einem machen. Teil­ha­ben, an die­ser klei­nen, zusam­men­ge­wür­fel­ten Gemein­schaft hier oben, über der Baum­gren­ze…

Gedan­ken­spie­le. Träu­me­rei­en, Sehn­sucht. – Kurz vor Sechs fährt das letz­te Post­au­to des Tages. Durch den Regen kurvt es zurück. Drei­ein­halb Stun­den spä­ter, Ankunft in Zürich.  

SRG-Spit­ze auf dem Holz­weg

Der SRG-Ver­wal­tungs­rat hat ent­schie­den. Das öffent­lich-recht­li­che  Radio und Fern­se­hen (SRF) wird sei­ne Infor­ma­ti­ons-Pro­duk­ti­on künf­tig am Leut­schen­bach in Zürich kon­zen­trie­ren, in einer zen­tral gesteu­er­ten News- und Infor­ma­ti­ons­fa­brik mit Aus­sen­stel­len in den Regio­nen.

Dies ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich im Vor­feld der No-Bil­lag-Initia­ti­ve für eine föde­ra­le SRG und einen Ser­vice Public, der die­sen Namen ver­dient, ein­ge­setzt haben.

Nicht, dass ich der Mei­nung bin, gute Radio-Infor­ma­ti­on kön­ne nur in Bern gemacht wer­den. Es geht auch nicht dar­um, ob Jour­na­lis­tIn­nen künf­tig pen­deln müs­sen – das tun vie­le schon heu­te. Aber die beschlos­se­ne Kon­zen­tra­ti­on der Infor­ma­ti­ons­re­dak­tio­nen am Leut­schen­bach steht in dia­me­tra­lem Wider­spruch zum Auf­trag der SRG. Aber auch zu dem, was die SRG in der Ver­gan­gen­heit ver­kör­pert und was sie im Vor­feld der Abstim­mung ver­spro­chen hat.

Als Vor­wand dien­ten Spar­übun­gen. Man wol­le bei der Infra­struk­tur kür­zer tre­ten, statt bei den Löh­nen, liess Radio-Chef­re­dak­to­rin Lis Bor­ner ver­lau­ten. Aller­dings muss­ten die Initi­an­ten des Umzugs­pro­jekts die erwar­te­ten Ein­spa­run­gen in der Fol­ge rela­ti­vie­ren. Zudem hat man bis heu­te kei­nen Nach­mie­ter für die teu­ren Räum­lich­kei­ten an der Gia­co­met­ti­stras­se gefun­den. Die Gene­ral­di­rek­ti­on der SRG möch­te bekannt­lich in die Räum­lich­kei­ten des Radio­stu­di­os Bern zie­hen, des­sen Mit­ar­bei­te­rIn­nen nach Zürich ver­jagt wer­den.

Auch wenn es in Fran­ken und Rap­pen schwie­rig bezif­fer­bar ist: Ein rie­si­ger Ver­lust ist bereits gesche­hen. Das Ver­hält­nis zwi­schen den Vor­ge­setz­ten, die den Umzug vor­an­trie­ben und den Mit­ar­bei­te­rIn­nen an der Basis ist nach­hal­tig beschä­digt. Nicht nur im Radio Stu­dio Bern. Das ist kei­ne gute Vor­aus­set­zung für künf­ti­ge Qua­li­täts­ar­beit.

Fakt ist: SRG-Direk­tor Mar­chand und die Kader­leu­te um Rue­di Mat­ter und Lis Bor­ner haben sich mit dik­ta­to­ri­schen Allü­ren über alle und alles hin­weg­ge­setzt. Dro­hun­gen statt Dis­kus­sio­nen – Power­play statt Argu­men­te. Maul­kör­be wur­den ver­passt – wer nicht parier­te, muss­te mit Sank­tio­nen rech­nen.

Für die Chefs ist das Game auf­ge­gan­gen: Nun hat sich auch der neun­köp­fi­ge Ver­wal­tungs­rat taub und unsen­si­bel gezeigt, gegen­über allen berech­tig­ten Ein­wän­den und Inter­ven­tio­nen. Das Ende der bis­he­ri­gen SRG-Infor­ma­ti­ons­struk­tur am Stand­ort Bern ist beschlos­se­ne Sache. Doch damit nicht genug:

Ein ähn­li­ches Trau­er­spiel zeich­net sich in der West­schweiz ab, wo TV und Radio an einem neu­en Stand­ort in Lau­sanne kon­zen­triert wer­den sol­len. Pro­zes­se, wie wir sie in den letz­ten Jah­ren bei den pri­va­ten Medi­en­an­bie­tern noch und noch erlebt und immer wie­der kri­ti­siert haben. Der Unter­schied: Wenn ich mit dem Geschäfts­ge­ba­ren von Tame­dia oder der NZZ nicht ein­ver­stan­den bin, kann ich mein Zei­tungs­abon­ne­ment kün­di­gen. Bei der SRG geht das nicht.

Umso wüten­der macht das selbst­herr­li­che Geba­ren der SRG-Füh­rung: Mut­wil­lig zer­stört sie, wofür die SRG in der Ver­gan­gen­heit stand – und wofür der Ser­vice Public eigent­lich ste­hen müss­te.

Eine brei­te Ver­an­ke­rung der SRG in der Gesell­schaft und Qua­li­täts­ar­beit aus allen Tei­len des Lan­des sind unver­zicht­bar für das Funk­tio­nie­ren unse­rer Demo­kra­tie – so lau­te­te die Selbst­dar­stel­lung, so lau­te­te das Cre­do für den Erhalt eines star­ken Ser­vice Public.

Das ist mit dem Ent­scheid der SRG-Füh­rung mehr als in Fra­ge gestellt. Bei einer nächs­ten Abstim­mung dürf­ten die Gebüh­ren für den SRG-Kon­zern nicht län­ger geschont wer­den. Zu Recht. Denn eine SRG nach dem Gus­to von Mat­ter, Bor­ner und Co brau­chen und wol­len wir nicht.

Äpfel im Som­mer

Die Rega­le bei den Gross­ver­tei­lern sind gefüllt. Mit Äpfeln aus Neu­see­land, Chi­le und Süd­afri­ka sowie ein paar Gol­den Deli­cious und pin­ke Ladies aus Schwei­zer Kühl­häu­sern. Dies mit­ten im Som­mer, wo es zuhauf fri­sche ein­hei­mi­sche Früch­te und Bee­ren gibt!

Der Apfel-Import folgt nicht einem Natur­ge­setz, son­dern hat sein eige­nes Sys­tem: Bereits im Febru­ar 2018 bewil­lig­te der Bund ein Kon­tin­gent von 8000 Ton­nen Import-Äpfeln. Die Begrün­dung: 2017 fiel die Apfel­ern­te hier­zu­lan­de infol­ge Früh­jahrs­frost mager aus. Also öff­ne­te man die Gren­zen für Äpfel aus Über­see, zum einen, damit die ein­hei­mi­schen Apfel­vor­rä­te län­ger reich­ten, vor allem aber, damit es kei­ne «Ver­sor­gungs­lü­cken» bis zur neu­en Ern­te gebe. Es sei, so der Ver­band des Schwei­ze­ri­schen Früch­te- Gemü­se- und Kar­tof­fel­han­dels «Swiss­co­fel», den Kon­su­men­tIn­nen hier­zu­lan­de nicht zuzu­mu­ten, für ein paar Wochen auf «des Schwei­zers liebs­te Frucht» zu ver­zich­ten.

Lie­ber lässt man Braeburn, Gala und Co. vom ande­ren Ende der Welt ein­flie­gen. Und zwar laut Bran­chen­ver­band min­des­tens noch bis Mit­te August, um die Zeit bis die ein­hei­mi­schen Kom­merz­sor­ten reif sind, zu über­brü­cken. Eine Unsit­te, die seit Jah­ren von Coop, Migros etc. geför­dert und gepflegt wird: Mög­lichst alle Pro­duk­te – von Spar­geln über Erd­bee­ren bis zu Äpfeln soll alles immer und für alle ver­füg­bar sein.

Ein öko­lo­gi­scher Unsinn, der abge­stellt gehört! Zumal das Ange­bot an loka­len Pro­duk­ten gera­de im Som­mer mehr als genügt – und beson­ders reich­hal­tig ist. Sogar Äpfel gibt es bereits frisch vom Baum! Zum Bei­spiel Kla­ra-Äpfel. Eine tra­di­tio­nel­le, ein­hei­mi­sche Sor­te, deren Ern­te die­ses Jahr beson­ders reich­hal­tig aus­fällt. In den Obst­gär­ten bie­gen sich die Äste unter der köst­li­chen Last.

Doch das inter­es­siert die Gross­ver­tei­ler nicht. Kla­ra-Äpfel sind nicht Teil ihres Sor­ti­ments, denn die alte Apfel­sor­te mit dem weiss­li­chen Frucht­fleisch ist sehr druck­emp­find­lich und kann nur zwei bis drei Wochen gela­gert wer­den. Damit erfül­len sie die heu­ti­gen Min­dest­an­for­de­run­gen nicht, betref­fend Halt­bar­keit und Trans­port­fä­hig­keit. Der Gross­han­del ver­langt heu­te nach stan­dar­di­sier­ten «Natur­pro­duk­ten» – auch wenn er die­se vom andern Ende der Welt impor­tie­ren muss.

Es gibt aber einen Aus­weg: Wer wirk­lich fri­sches Obst schätzt und ger­ne in einen Apfel beisst, der nicht nur nach Apfel schmeckt, son­dern sogar noch duf­tet, kauft auf dem Markt ein. Ein sams­täg­li­cher Rund­gang auf dem Oer­li­ker Markt zeigt: Nebst Kla­ra-Äpfeln bie­ten Bäue­rin­nen und Bau­ern bereits jetzt auch wei­te­re Früh­sor­ten an, die köst­lich duf­ten und schme­cken!

Aber auf­ge­passt: Auch auf den Wochen­märk­ten wer­den Braeburn und ande­re Stan­dard-Sor­ten aus Neu­see­land und Süd­afri­ka ange­bo­ten! Für Kon­su­men­tIn­nen, die jahr­ein, jahr­aus immer das Glei­che wol­len. Gegen Kon­sum­stur­heit gibt es offen­bar kei­ne Glo­bu­li. Wer immer alles zur Ver­fü­gung hat, ver­passt jedoch die Vor­freu­de auf die sai­so­na­len Beson­der­hei­ten, die uns die Natur beschert.

Fazit: Wer direkt bei den Pro­du­zen­tIn­nen ein­kauft, setzt nicht nur ein Zei­chen gegen den öko­lo­gi­schen Unsinn der Apfel­im­por­te. Gleich­zei­tig unter­stützt man so den Erhalt der ein­hei­mi­schen Sor­ten­viel­falt – und wird mit wun­der­ba­rem Ter­ro­ir-Geschmack belohnt, wie ihn kein blank­po­lier­ter Indus­trie-Ein­heits-Apfel je auf die Zun­ge brin­gen kann.

Öko ja! – Aber do not touch mei­nen Feri­en­flie­ger

Seit Wochen andau­ernd wun­der­ba­res Som­mer­wet­ter! Kaum Regen. Seen und Flüs­se laden zum Baden. Vor­aus­ge­setzt, sie haben noch genü­gend Was­ser. Im Thur­gau etwa gibt es bereits zahl­rei­che aus­ge­trock­ne­te Bach­bet­ten. Die Bewäs­se­rung der Fel­der wur­de ratio­niert. Um die Fische zu ret­ten, wer­den sie vom Fische­rei­auf­se­her ein­ge­fan­gen und in grös­se­re Gewäs­ser umge­sie­delt. Das funk­tio­niert, solan­ge die­se nicht eben­falls der Tro­cken­heit zum Opfer fal­len. Für die Fach­leu­te, die in der Natur arbei­ten, ist der Fall klar: Der Kli­ma­wan­del ist im Gang. Ohne Fra­ge­zei­chen.

Noch viel schlim­mer sieht es in Bran­den­burg und Ost­deutsch­land aus: Dort bedroht eine der ver­hee­rends­ten Tro­cken­pe­ri­oden seit Beginn der regel­äs­si­gen Auf­zeich­nun­gen vor 55 Jah­ren die Exis­tenz von Bau­ern­be­trie­ben. Wald­brän­de und mas­si­ve Ern­te­aus­fäl­le sind Fol­gen der aktu­el­len Dür­re.

Ernst Rauch, Kli­ma­ex­per­te beim Rück­ver­si­che­rer Munich Re, rät in einem Inter­view mit dem Tages­spie­gel den Bran­den­bur­ger Bau­ern, künf­tig Oli­ven­bäu­me zu pflan­zen. «Die Kli­ma- und Vege­ta­ti­ons­zo­nen rücken von Süden nach Nor­den vor», fasst er zusam­men und fährt fort: «Wenn die Ent­wick­lung so wei­ter geht, wer­den wir in Deutsch­land eine Vege­ta­ti­on haben wie in Nord­ita­li­en. Die Land­wirt­schaft muss sich anpas­sen.»

Heis­se, tro­cke­ne Som­mer und wär­me­re Win­ter – das mag für man­che Ohren hier­zu­lan­de sogar ver­lo­ckend klin­gen. Wenn man aus­ser Acht lässt, dass damit auch das Schmel­zen der Glet­scher, unse­rer Was­ser­re­ser­voirs, ver­bun­den ist. Die nega­ti­ven Fol­gen des Kli­ma­wan­dels wer­den auch wir noch dras­ti­scher zu spü­ren bekom­men. Die gros­sen Rück­ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten rech­nen bereits mit ent­spre­chen­den Sze­na­ri­en.

Vie­le Betrof­fe­ne, ins­be­son­de­re in armen Län­dern, kön­nen sich kaum gegen die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels schüt­zen. Bereits heu­te sind Mil­lio­nen von Men­schen auf der Flucht, weil sich ihre Lebens­grund­la­ge infol­ge der Kli­ma­ver­än­de­run­gen dras­tisch ver­schlech­tert haben.

Und was tun wir? Euro­pa, inklu­si­ve die Schweiz, schliesst sei­ne Gren­zen. Aller­dings nur für Men­schen auf der Flucht. Denn sel­ber ver­reist man ja ger­ne – heu­te mehr und wei­ter denn je…

Der Flug­ha­fen Zürich ver­kün­det Jahr für Jahr neue Rekord­zah­len. Som­mer­fe­ri­en heisst Hoch­be­trieb. An sol­chen Tagen wer­den am Flug­ha­fen in Klo­ten täg­lich weit über 100’000 Per­so­nen abge­fer­tigt. Flie­gen ist spott­bil­lig, also ist blöd, wer nicht fliegt. Face­book und Insta­gram quel­len über von Sel­fies unse­rer Nach­barn und Freun­din­nen, je wei­ter weg, des­to bes­ser. Schö­nes Som­mer­wet­ter daheim hin oder her. Öko­lo­gi­scher Fuss­ab­druck? Kein The­ma.

Ande­re ver­rei­sen nach wie vor ger­ne mit dem Auto. In den Süden, was etwa am Gott­hard aktu­ell zu den sai­so­nal obli­ga­ten lan­gen Staus führt. Aber auch für Aus­flü­ge in die Regi­on, sogar für das Ein­kau­fen in der Stadt oder das Ablie­fern der Kin­der in der Kita ist das Auto bei einem Gross­teil hier­zu­lan­de immer noch das Mit­tel ers­ter Wahl.

Erstaun­lich, eigent­lich. Gera­de Eltern und Gross­el­tern jener Genera­ti­on, wel­che die mas­si­ven Fol­gen des Kli­ma­wan­dels der­einst voll zu spü­ren bekommt, müss­ten sich doch eines bes­se­ren besin­nen. Weil sie doch immer das Bes­te für ihre Kin­der und Enkel wol­len. Denn wer nichts ande­res kennt, als per Flug­zeug in die Feri­en und mit dem Auto in die Ber­ge, in die Kita oder ins Trai­ning trans­por­tiert zu wer­den,  bleibt in genau die­sen Ver­hal­tens­mus­tern hocken. Es sei denn, äus­se­re Ent­wick­lun­gen wür­den sie zu Neu­em zwin­gen. So, wie die Getrei­de­bau­ern in Bran­den­burg, die künf­tig Oli­ven­bäu­me pflan­zen müs­sen.

Die SRG und das Zeit­al­ter der indus­tri­el­len Infor­ma­ti­on

Tau­sen­de haben im letz­ten Früh­jahr ihre Stim­me gegen die No-Bil­lag-Initia­ti­ve ein­ge­legt. Obwohl nicht per­fekt und in vie­len Tei­len mit Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al: Die SRG gilt Vie­len als Garan­tin für einen unver­zicht­ba­ren Ser­vice Publi­que in Sachen Infor­ma­ti­on – als wich­ti­ger Gegen­pol zur neo­li­be­ral ange­feu­er­ten Medi­en­kon­zen­tra­ti­on in der Schweiz.

Oder müss­te es viel eher heis­sen galt? Denn was die SRG-feind­li­chen No-Bil­lag-Initi­an­tIn­nen nicht geschafft haben, nimmt die SRG nun tat­kräf­tig sel­ber an die Hand. Als wäre ihr der gute Ruf pein­lich, sägt sie – tat­kräf­tig an ihren bis­he­ri­gen Qua­li­tä­ten und Beson­der­hei­ten und setzt alles dar­an, ihr dezen­tral funk­tio­nie­ren­des und viel­fäl­ti­ges Ange­bot zu zer­stö­ren.

Die neus­ten Mel­dun­gen betref­fen die Abtei­lung Infor­ma­ti­on: Ab Novem­ber 2018 wird im SRF-Zen­trum Leut­schen­bach ein Gross­raum-News­room in Betrieb genom­men. Ziel ist es, laut NZZ, «schnel­ler und bes­ser Ereig­nis­se zu ver­mit­teln und ein­zu­ord­nen» — des­halb müss­ten die Kräf­te der bis­he­ri­gen Redak­tio­nen gebün­delt und die Ent­schei­dun­gen zen­tra­li­siert wer­den. Um dies zu errei­chen, soll künf­tig von einer Kom­man­do­zen­tra­le aus über die Inhal­te und Ver­brei­tung der News­sen­dun­gen ent­schie­den wer­den.

Aus­sa­gen, die unter Medi­en­pro­fis Kopf­schüt­teln pro­vo­zie­ren: Qua­li­täts-Jour­na­lis­mus kann nicht immer noch schnel­ler wer­den. Die Glei­chung, je schnel­ler, des­to bes­ser geht im Infor­ma­ti­ons­ge­schäft nicht auf. Aus­ser, man ver­steht unter «bes­ser» Klicks und Klacks, ohne Rück­sicht auf über­prüf­ten Wahr­heits­ge­halt und unter Inkauf­nah­me von andau­ern­dem Hin und Her zwi­schen der Ver­brei­tung von Fake-News und anschlies­sen­der Berich­ti­gung (letz­te­res nach Lust und Lau­ne).  

Jour­na­lis­mus, der die­sen Namen ver­dient, braucht Zeit: Quel­len müs­sen über­prüft, Fak­ten mit­ein­an­der in Bezie­hung gesetzt und Zusam­men­hän­ge auf­ge­deckt wer­den. Nebst dem Sam­meln von Fak­ten und der Recher­che braucht das auch Raum für Krea­ti­vi­tät.

Wenn Inhal­te top-down befoh­len, und Redak­tio­nen zu blos­sen Con­tent-Ver­ar­bei­tern degra­diert wer­den, ist es sowohl um die Viel­falt wie um die Qua­li­tät gesche­hen. Natür­lich sol­len sich Redak­tio­nen unter­ein­an­der abspre­chen, sich gegen­sei­tig unter­stüt­zen und aus­tau­schen. Doch das gehört längst zum All­tag in der SRG.

Dabei zeigt sich immer wie­der: Der krea­ti­ve Pro­zess fin­det an der Basis statt und nicht an irgend einem Pro­du­zen­ten­desk. Des­halb ist die Ver­laut­ba­rung von SRF, man wol­le künf­tig ver­mehrt «auf Autoren und Fach­wis­sen» set­zen ein Hohn: Zen­tra­lis­mus, von Pro­du­zen­ten ein­ge­for­der­te The­sen­be­richt­erstat­tung und Kon­tent-Dik­tat kil­len erfah­rungs­ge­mäss Eigen­in­itia­ti­ven und per­sön­li­che Hand­schrif­ten von AutorIn­nen. Radi­ka­ler als jeder Mon­s­an­to­spray es könn­te.

Man muss sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen, was Rai­ner Stad­ler über die schö­ne neue SRG-Infor­ma­ti­on 03-Welt in Erfah­rung gebracht hat: «Über vier Stock­wer­ke ver­teilt will man eine netz­werk­ar­ti­ge Pro­duk­ti­ons­struk­tur ein­füh­ren, die den der­zeit übli­chen medi­en­in­dus­tri­el­len Kon­zep­ten der digi­ta­len Ära ent­spricht.»

Will­kom­men im Zeit­al­ter der indus­tri­el­len Infor­ma­ti­on! Nun hat man also auch bei der SRG gemerkt, was etwa NZZ-Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Jor­nod bereits vor Jah­ren ver­kün­det hat und in sei­nem Wir­kungs­feld plan­mäs­sig umsetzt: Das Ver­mark­ten von Infor­ma­tio­nen funk­tio­niert nicht anders als das Geschäft mit Phar­ma­pro­duk­ten.

Wei­ter heisst es über die künf­ti­gen Arbeits­ab­läu­fe im Leut­schen­bach: «Die zen­tra­le Steue­rung erfolgt am Decisi­on-Desk, dar­um her­um glie­dern sich Pla­ner, Fach­re­dak­tio­nen, Sto­ry­tel­ler, das Soci­al-Media-Desk und wei­te­re Spe­zi­al­be­rei­che.» Dass es in die­sem Fabrik­saal kei­ne per­sön­li­chen Arbeits­plät­ze mehr geben wird, ver­steht sich von selbst.

«Das Gross­raum­bü­ro killt die Kom­mu­ni­ka­ti­on» heisst es ein paar Klicks wei­ter in der glei­chen NZZ. Ver­schie­de­ne Stu­di­en zei­gen, dass die viel­ge­prie­se­ne Effi­zi­enz und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur im Gross­raum­bü­ro bloss ein Mythos sei. Dies, weil krank­heits­be­ding­te Absen­zen in die­sen unper­sön­lich gehal­te­nen Struk­tu­ren häu­fi­ger vor­kom­men, und weil sich die­se nega­tiv auf den direk­ten Aus­tausch zwi­schen Mit­ar­bei­tern und Mit­ar­bei­te­rin­nen aus­wir­ken.

Die schö­ne, neue News­fa­brik beim Fern­se­hen ist erst der Anfang. 2024 wird das Radio­stu­dio Zürich auf­ge­ge­ben und eini­ge der ver­blie­be­nen Mit­ar­bei­te­rIn­nen ins Medi­en­zen­trum Leut­schen­bach ver­legt. Und in den nächs­ten Wochen wird der Ver­wal­tungs­rat auf Anra­ten sei­ner bera­ten­den Infor­ma­ti­ons-Tech­no­kra­ten ver­kün­den, dass auch die Infor­ma­ti­ons­ab­tei­lung von Radio SRF in Bern in den «Cam­pus Leut­schen­bach» ver­scho­ben wird. Ein Trüpp­lein Bun­des­haus- und Regio­nal­jour­na­lis­tIn­nen wer­den logi­scher­wei­se in Bern blei­ben und auf den Tages­be­fehl von der Kom­man­do­brü­cke Leut­schen­bach war­ten. .

Das war nicht unser Ziel, beim Kampf gegen die No-Bil­lag-Initia­ti­ve!