Muti­ge Frau­en

Die Ober­bür­ger­meis­te­rin von Eisen­ach, Kat­ja Wolf, sorg­te die­se Woche in der deut­schen Pres­se für Schlag­zei­len. Weil sie an der ers­ten Sit­zung des neu gewähl­ten Eisen­acher Stadt­par­la­ments den vier Stadt­rä­ten der rechts­ex­tre­men NPD den Hand­schlag ver­wei­ger­te. Ein Akt von zivi­lem Unge­hor­sam sei­tens eines Stadt­re­gie­rungs­mit­glieds.

Sie hat­te dies bereits 2014 getan und wur­de vom Thü­rin­ger Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des­we­gen in zwei­ter Instanz ver­ur­teilt. Die Begrün­dung: Bür­ger­meis­te­rIn­nen sei­en ver­pflich­tet, neue Stadt­rats­mit­glie­der durch einen Hand­schlag zu bestä­ti­gen.

Der Vor­sit­zen­de der NPD-Frak­ti­on im Eisen­acher Stadt­rat ist ein mehr­fach vor­be­straf­ter Gewalt­tä­ter. Er wur­de unter ande­rem als Rädels­füh­rer eines Spreng­stoff­an­schlags auf einen tür­ki­schen Imbiss, Kör­per­ver­let­zung und Volks­ver­het­zung ver­ur­teilt. «Mit so einem Men­schen und einer Frak­ti­on, die ihn zum Vor­sit­zen­den wählt, kann man kei­ne Nor­ma­li­tät her­stel­len», stellt Kat­ja Wolf klar.

Des­halb hat sie den vier Rechts­ex­tre­men die Hand erneut nicht gereicht. «Es geht um eine Frak­ti­on, die dem schwer rechts­ra­di­ka­len Milieu zuzu­ord­nen ist – sich in all ihren Ver­laut­ba­run­gen, in allen Äus­se­run­gen in Eisen­ach und dar­über hin­aus weit aus­ser­halb der Gren­zen der Ver­fas­sungs­mäs­sig­keit bewegt», begrün­det die Ober­bür­ger­meis­te­rin ihr Ver­hal­ten im Inter­view mit der taz.

Mit ihrer ent­schie­de­nen Hal­tung ris­kiert sie ihr Leben. Der Mord am hes­si­schen Regie­rungs­prä­si­den­ten Lüb­cke hat uns in den letz­ten Wochen ein­mal mehr klar und deut­lich vor Augen geführt, dass Rechts­ex­tre­me vor nichts zurück­schre­cken. Lüb­ckes Mör­der ist eben­falls ein bekann­ter Neo­na­zi mit Ver­bin­dun­gen zur NPD. Auch er war schon in der Ver­gan­gen­heit straf­fäl­lig gewor­den.

Im Fall des Eisen­acher NPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den stellt sich zusätz­lich die Fra­ge, wes­halb ein Straf­tä­ter, der Recht und Ver­fas­sung gezielt und wie­der­holt mit Füs­sen tritt, über­haupt zu Wah­len zuge­las­sen wird.

Immer deut­li­cher zeigt sich, dass das viel­ge­prie­se­ne Sys­tem «Demo­kra­tie» an Gren­zen stösst. Volks­ab­stim­mun­gen und Wah­len dür­fen nicht zu einem Jeka­mi ver­kom­men, das auch schwe­ren Rechts­bre­chern, ver­ur­teil­ten Ras­sis­ten und Volks­ver­het­zern offen steht.

Ähn­li­che Pro­ble­me haben wir mit der Mei­nungs­frei­heit, die von Rechts­ex­tre­men für ihre Zwe­cke aus­ge­nutzt wird.  Sie gilt bei uns als unan­tast­bar und soll nur dann ein­ge­schränkt wer­den, wenn sie z. B. in straf­recht­lich rele­van­ter Auf­het­zung aus­ar­tet.

Es gibt aber auch Situa­tio­nen, wo es zivi­len Unge­hor­sam von unten braucht. Wenn z. B. demo­kra­tisch gewähl­te Regie­rungs­mit­glie­der  wie der ita­lie­ni­schen Innen­mi­nis­ter Matteo Sal­vi­ni sich über Ver­ein­ba­run­gen der inter­na­tio­na­len See­fahrt hin­weg­set­zen, kann «Demo­kra­tie» nicht hel­fen.  Es braucht  eine muti­ge Kapi­tä­nin, die unnach­gie­big auf Ein­hal­tung der Regeln pocht.  

Um die erschöpf­ten Men­schen an Bord der Sea­Watch 3 in Sicher­heit zu brin­gen, wider­setzt sich die Kapi­tä­nin Caro­la Racke­te den Anord­nun­gen der ita­lie­ni­schen Behör­den, nach­dem sie tage­lang ver­han­delt und ver­geb­lich auf eine Ein­fahrts­er­laub­nis gewar­tet hat­te. Sal­vi­ni ver­wei­gert hart­nä­ckig die Ein­fahrt, sogar als Brüs­sel Hand bie­tet, Lösun­gen für die Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge auf dem Schiff zu orga­ni­sie­ren.

Bei der Ankunft im Hafen von Lam­pe­du­sa wird Caro­la Racke­te fest­ge­nom­men. «Mein Ziel war nur, die erschöpf­ten und ver­zwei­fel­ten Men­schen an Land zu brin­gen», erklärt sie gegen­über den Medi­en. Die Men­schen an Bord, wel­che die Sea­Watch aus pre­kä­rer Lage im Mit­tel­meer geret­tet hat­ten, sei­en erschöpft und ver­zwei­felt gewe­sen.

Ihre Moti­va­ti­on, sich für See­not­ret­tun­gen zu enga­gie­ren, hat­te die aus Nord­deutsch­land stam­men­de Kapi­tä­nin der ita­lie­ni­schen Zei­tung La Repu­blic­ca wie folgt umris­sen: «Ich habe eine weis­se Haut­far­be, ich bin in ein rei­ches Land gebo­ren wor­den, ich habe den rich­ti­gen Rei­se­pass, ich durf­te drei Uni­ver­si­tä­ten besu­chen und hat­te mit 23 Jah­ren mei­nen Abschluss. Ich spü­re eine mora­li­sche Ver­pflich­tung, den­je­ni­gen Men­schen zu hel­fen, die nicht mei­ne Vor­aus­set­zun­gen haben.» Auch wenn sie mit straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen rech­nen muss.

Zwei muti­ge Frau­en, die nicht gezö­gert, son­dern gehan­delt haben. Unge­ach­tet juris­ti­scher Dro­hun­gen und mas­si­ver Anfein­dun­gen. Jetzt wären zwei Män­ner an der Rei­he…

Über­flüs­si­ge Feri­en­flü­ge

«Schwei­zer blei­ben am Boden fürs Kli­ma», behaup­te­te letz­te Woche der WWF Schweiz. Grund für die flot­te Behaup­tung ist eine reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge: 40 Pro­zent der Befrag­ten hät­ten gesagt, sie wür­den aus Rück­sicht aufs Kli­ma weni­ger oder gar nicht mehr flie­gen.

Solch ein Bekennt­nis anläss­lich einer Umfra­ge ist ein­fach, macht sich gut und kos­tet nichts. Des­halb hät­te ich eigent­lich ein wesent­lich höhe­res Resul­tat zuguns­ten des Flug­ver­zichts erwar­tet. Zumal es aktu­ell bei vie­len zum guten Ton gehört, nicht mehr flie­gen zu wol­len.

Und ja, ich ken­ne Men­schen, die das auch leben! Nicht erst, seit Gre­ta Thun­berg und dem Kli­ma­st­reik. Sie ver­zich­ten schon seit Jah­ren aus Grün­den des Umwelt­schut­zes auf Flug­rei­sen, man­che flie­gen über­haupt nicht mehr.

Ganz anders aber die gros­se Mehr­heit hier­zu­lan­de: Zwar ist es nicht mehr so sexy wie auch schon, Flug­mei­len zu hams­tern und zu Schnäpp­chen­prei­sen mal hier- mal dort­hin zu flie­gen. Wer für ein ver­län­ger­tes Wochen­en­de nach Ams­ter­dam oder Lon­don jet­tet oder für Feri­en gar nach Über­see, sieht sich bemüs­sigt, dafür gleich eine Erklä­rung nach­zu­schie­ben: Es sei wirk­lich unum­gäng­lich. Die Rei­se mit dem Zug zu lang, zu teu­er, man lebe ja sonst vegan, pro­du­zie­re nur einen klei­nen Fuss­ab­druck, habe kei­ne Kin­der… Und dann gibt es auch sol­che, die gera­de wegen der Kin­der halt noch flie­gen müs­sen.

Wie jene Freun­din, der die Ant­wort auf mei­ne Fra­ge, ob sie in den Som­mer­fe­ri­en im Land sei, sicht­bar pein­lich ist. «Wir flie­gen nach Grie­chen­land», gesteht sie und klingt eini­ger­mas­sen zer­knirscht. «Noch ein­mal. Ich weiss… Aber viel­leicht kann man das ja eh bald nicht mehr.» Ent­schul­di­gend schiebt sie nach: «Wir haben ja kein Auto…»

Also jet­tet die vier­köp­fi­ge Fami­lie im Juli, wie vie­le ande­re, nach Grie­chen­land. Strand­fe­ri­en – den Kin­dern zulie­be. Wie es die Eltern ger­ne dar­stel­len. Weil die Gspänd­li in der Schu­le ja schliess­lich auch, und da sol­len die eige­nen Klei­nen nicht Gefahr lau­fen, aus­ge­grenzt zu wer­den. Sie müs­sen sich mit adäqua­ten Strand­ge­schich­ten brüs­ten kön­nen…

Nur, müs­sen sie das wirk­lich? Und wol­len die Kin­der das über­haupt? 

Ges­tern in der S-Bahn: Ein auf­ge­weck­ter Viert­kläss­ler, unter­wegs mit einer befreun­de­ten Fami­lie. «Noch vier Wochen Schu­le, dann sind Som­mer­fe­ri­en!», freut er sich. Wor­auf der Beglei­ter fragt: «Was machst du in den Feri­en?» — «Zuerst Tes­sin, dann Mal­lor­ca», lau­tet kurz und bün­dig die Ant­wort.

Nach kur­zem Zögern dann die Fort­set­zung: «Eigent­lich wür­de ich viel lie­ber hier blei­ben… In der letz­ten Feri­en­wo­che macht mein Fuss­ball­club ein Trai­nings­la­ger – da kann ich jetzt halt nicht teil­neh­men. Das ist scha­de.»

Oops. Da drängt es offen­bar die Erwach­se­nen stär­ker an den Mee­res­strand und nach Mal­lor­ca als die eige­nen Kin­der. Und die Kin­der ler­nen von den Eltern, dass Feri­en ohne Flug­rei­se gar kei­ne rich­ti­gen Feri­en sind sind.

Dabei wäre der Ver­zicht auf die Fami­li­en­fe­ri­en in Mal­lor­ca für unse­ren Viert­kläss­ler kei­ne Kata­stro­phe, im Gegen­teil: Er könn­te an der Trai­nings­wo­che im Fuss­ball­club mit dabei sein und hät­te dar­über hin­aus auch Zeit, mit sei­nen Gspänd­li in der Badi zu spie­len; er könn­te mit Eltern und Freun­dIn­nen Aus­flü­ge in der Regi­on machen und dabei ent­de­cken, dass man gar nicht in die Fer­ne flie­gen muss, um Feri­en — wie sie ihm eigent­lich gefal­len — zu genies­sen. Und das erst noch ziem­lich CO2-frei.

Das ver­schlos­se­ne Tor

Wir fol­gen dem Weg­wei­ser, unter der dröh­nen­den Auto­bahn hin­durch. Nach links, 900 Meter bis zum rus­si­schen Sol­da­ten­fried­hof. Das Sträss­chen führt steil berg­an, es ist schwül warm. Dies­mal sind wir zu Fuss unter­wegs. Im Novem­ber waren wir mit dem ehe­ma­li­gen Bür­ger­meis­ter von Her­le­shau­sen schon ein­mal hier. Mit dem Auto. Damals war es kalt und unfreund­lich.

Jetzt scheint die Son­ne. Am Weg­rand ein Raps­feld, schon fast ver­blüht. Vom Wald­rand sind es nur noch weni­ge Schrit­te, schon ste­hen wir vor dem Schild mit der rus­si­schen Schrift. Jemand hat dar­un­ter einen Topf mit Stief­müt­ter­chen plat­ziert. Auch auf dem weit­läu­fi­gen Grä­ber­feld gibt es ver­ein­zel­te Blu­men­töp­fe. Zwi­schen den Tafeln mit den Namen der Begra­be­nen saf­ti­ges Grün und weis­se Mar­ge­ri­ten.

Hier lie­gen über 2000 rus­si­sche Sol­da­ten. Gestor­ben wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs im Feld­la­za­rett von Her­le­shau­sen. Die meis­ten an Man­gel­er­näh­rung und Tuber­ku­lo­se. Wir gehen dar­an vor­bei – denn unser Ziel lieg hin­ter der Mau­er die­ses ein­drück­li­chen Fried­hofs.

Ein schma­ler Fuss­weg führt wei­ter in den Eichen­wald, unter uns rauscht unauf­hör­lich die Auto­bahn. Ein Bau­werk aus der Nazi­zeit. Zwangs­ar­bei­ter hat man dafür ein­ge­setzt. Fer­tig­ge­stellt wur­de sie erst in den 1980er Jah­ren, weil Her­le­shau­sen im west­deut­schen Bun­des­land Hes­sen nach dem 2. Welt­krieg plötz­lich hart an der Gren­ze zur DDR zu lie­gen kam. Heu­te ist die A4 eine wich­ti­ge Tran­sit­ach­se zwi­schen dem Osten und dem Wes­ten Deutsch­lands.

Ich samm­le am Weg­rand ein paar Stei­ne. Ich will sie, nach alter jüdi­scher Sit­te, mei­nen Vor­fah­ren aufs Grab legen. Zwi­schen den Bäu­men ein manns­ho­her grü­ner Metall­zaun mit schar­fen Spit­zen, dahin­ter eine Ansamm­lung alter Grab­stei­ne. Der jüdi­sche Fried­hof von Her­le­shau­sen. Einen Weg­wei­ser vom Dorf hier­her gibt es nicht. Wir gehen auf das Tor zu. «Shab­bat» steht in gros­sen Let­tern. Dar­un­ter erklä­rend: Am Sams­tag und an den jüdi­schen Fei­er­ta­gen sei der Besuch des Fried­hofs nicht gestat­tet. Wir haben Glück: Es ist erst Frei­tag­nach­mit­tag.

Trotz­dem ist das Tor ver­schlos­sen. Es gibt kein Wei­ter­kom­men. Über den Zaun klet­tern? Wer weiss, viel­leicht hat es irgend­wo eine Video­ka­me­ra? Auf einem wei­te­ren Schild ist zu lesen, dass der Schlüs­sel bei der Gemein­de­ver­wal­tung von Her­le­shau­sen geholt wer­den kön­ne.

Noch ein­mal zurück und wie­der hoch­kom­men? – Die Chan­ce ist gross, dass die Büros der Gemein­de am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag bereits zu sind. Ich wer­fe einen letz­ten Blick in Rich­tung Grä­ber. Ganz hin­ten, in der letz­ten Rei­he lie­gen mein Urur­gross­va­ter Call­mann Neu­haus und sei­ne bei­den Kin­der Peritz und Rosa­lie. Das weiss ich, anläss­lich unse­res Besuchs im Novem­ber haben wir die Grab­stei­ne gefun­den. Der ehe­ma­li­ge Bür­ger­meis­ter hat­te natür­lich einen Schlüs­sel dabei. Er setzt sich seit lan­gem für die Auf­ar­bei­tung der Geschich­te der Juden in sei­nem Dorf ein, die ver­trie­ben und in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ermor­det wor­den sind.

Im Novem­ber war uns gar nicht auf­ge­fal­len, dass die­ser Fried­hof nicht wie ein «nor­ma­ler» Fried­hof tags­über betre­ten wer­den darf. War­um nur? Ist die Aus­rot­tung des brau­nen Virus nicht gelun­gen, trotz aller Impf­kam­pa­gnen in deut­schen Schul­häu­sern und Medi­en? Sind die Toten an die­sem abge­schie­de­nen Ort mehr als 70 Jah­re nach Kriegs­en­de immer noch ein Angriffs­ziel? In Hes­sen, im 21. Jahr­hun­dert?

Ich lege mei­ne Stei­ne an den Weg­rand zurück, wir keh­ren um. Auf dem Rück­weg noch ein­mal einen Blick über den rus­si­schen Fried­hof. Auch hier gibt es ein Tor – die­ses hin­ge­gen lässt sich ohne Schlüs­sel öff­nen. Es dient ein­zig und allein dazu, das Wild von der Anla­ge fern­zu­hal­ten, wie auf einem Schild zu lesen ist.

 

Soli­da­ri­tät – einst und jetzt

Abstim­mungs­wo­chen­en­de im Mai 2019. Der äus­serst frag­wür­di­ge AHV-Unter­neh­mens­steu­er-Deal wird deut­lich ange­nom­men. Ein Sieg der poli­ti­schen Kuh­händ­le­rIn­nen, die ein Paket geschnürt haben, das ver­fas­sungs­recht­lich höchst bedenk­lich ist.

Ein­mal mehr ein fau­ler Kom­pro­miss, den wir den Schwarz­ma­le­rIn­nen und Mut­lo­sen zu ver­dan­ken haben: Statt eine kohä­ren­te, nach­hal­ti­ge Lösung für die Ren­ten­fra­ge zu erar­bei­ten, was Zeit, Mut und vor allem ein Bekennt­nis zur Soli­da­ri­tät in unse­rem Land erfor­dert hät­te. Doch Soli­da­ri­tät hat augen­schein­lich kei­ne Kon­junk­tur im aktu­el­len neo­li­be­ra­len Welt­bild. Jeder und jede für sich, und ich first.

Im Kan­ton Bern ging man noch einen Schritt wei­ter: Hier stand als wei­te­re Abstim­mungs­vor­la­ge nichts weni­ger als die Demon­ta­ge der sozia­le Soli­da­ri­tät zur Dis­po­si­ti­on: Wäre es nach dem Wil­len der Regie­rung und der Mehr­heit des Gros­sen Rates gegan­gen, hät­ten die Leis­tun­gen an die Sozi­al­hil­fe­be­zü­ge­rIn­nen um 8 bis 30 Pro­zent gekürzt wer­den sol­len.

Wäh­rend Mona­ten hat SVP-Regie­rungs­rad Pierre Alain Schnegg, sei­nes Zei­chens Gesund­heits- und Für­sor­ge­di­rek­tor des Kan­tons Bern, für die­se men­schen­ver­ach­ten­de Vor­la­ge gekämpft. Obschon Sozi­al­hil­fe­be­zü­ge­rIn­nen bereits heu­te mit ihren beschei­de­nen Bud­gets oft kaum durch­kom­men.

Zur­zeit rich­tet sich die Sozi­al­hil­fe nach den Richt­li­ni­en der Schwei­ze­ri­schen Kon­fe­renz für Sozi­al­hil­fe Skos, die in guteid­ge­nös­si­scher Manier ver­sucht, schweiz­weit eine gewis­se Gerech­tig­keit im Bereich der Sozi­al­hil­fe her­zu­stel­len. Das woll­te Regie­rungs­rat Schnegg, nota­be­ne ein prak­ti­zie­ren­der Christ, nun mit sei­nem Geset­zes­vor­schlag unter­lau­fen. Wäre die Vor­la­ge im Kan­ton Bern ange­nom­men wor­den, hät­te dies in der gan­zen Schweiz wei­te­ren Sozi­al­ab­bau-Initia­ti­ven Auf­trieb gege­ben.

Soweit ist es zum Glück nicht gekom­men: Mit 52,6 Pro­zent sag­ten die Stimm­bür­ge­rIn­nen NEIN zum Sozi­al­ab­bau. Mit 56% Nein-Stim­men wur­de auch der Gegen­vor­schlag ver­wor­fen, der mehr Enga­ge­ment für die Reinte­gra­ti­on von Sozi­al­hil­fe­be­zü­ge­rIn­nen gebracht hät­te. Mit ande­ren Wor­ten: Alles bleibt beim ver­nünf­ti­gen Alten, im Kan­ton Bern.

Auf­at­men, könn­te man mei­nen. Doch eine genaue­re Ana­ly­se des Abstim­mungs­re­sul­tats zeigt Bedenk­li­ches: Fast im gan­zen Kan­ton, aus­ser in den Städ­ten und Agglo­me­ra­tio­nen von Bern und Biel, stimm­te eine Mehr­heit für den Abbau der Sozi­al­hil­fe. Beson­ders stark sind die Befür­wor­te­rIn­nen der Ent­so­li­da­ri­sie­rung etwa im Ber­ner Ober­land oder im Emmen­tal.

Aber auch im Ber­ner See­land befür­wor­tet eine Mehr­heit der Gemein­den den Soli­da­ri­täts­ab­bau. Die­se Resul­ta­te haben einen beson­ders scha­len Bei­geschmack, wo Bäue­rin­nen und Bau­ern, die sel­ber von beträcht­li­chen Sub­ven­tio­nen pro­fi­tie­ren, der Soli­da­ri­tät mit ande­ren Men­schen eine Absa­ge ertei­len.

Auch das längst nicht mehr bäu­er­li­che Port – eine Vor­orts­ge­mein­de von Biel, wo seit Jah­ren der Eigen­heim­bau boomt, hat mit ein­deu­ti­gen 57,6 Pro­zent das Sozi­al­ab­bau-Gesetz ange­nom­men.

Was hät­te wohl mein Urgross­va­ter, der lang­jäh­ri­ge Gemein­de­prä­si­dent Ernst Jakob, zu die­sem Abstim­mungs­re­sul­tat gesagt? Er, der sich ein Leben lang für die Ärms­ten der Gesell­schaft und für den Sozi­al­staat enga­giert hat? Wäh­rend mehr als dreis­sig Jah­ren war der SP-Poli­ti­ker und Gewerk­schaf­ter Gemein­de­prä­si­dent von Port. Und stolz dar­auf, dass Soli­da­ri­tät und die Unter­stüt­zung der Ärms­ten in sei­nem Dorf kei­ne lee­ren Wor­te waren.

Dafür wur­de ihm im Janu­ar 1946 das Ehren­bür­ger­recht ver­lie­hen. Der Zufall will es, dass mir just an die­sem Abstim­mungs­sonn­tag die gerahm­te Urkun­de in die Hän­de fällt, die Ernst Jakob damals sicher vol­ler Freu­de und Stolz in sei­nem Arbeits­zim­mer auf­ge­hängt hat.

Über 70 Jah­re sind seit­her ver­gan­gen, Ernst Jakob ist schon lan­ge tot. Kaum jemand erin­nert sich an ihn und sei­ne Ver­diens­te für das Dorf. Ein­zig eine Sack­gas­se beim Schul­haus trägt sei­nen Namen.

Das Dorf Port hat sich seit­her grund­le­gend ver­än­dert. Armut ist im Speck­gür­tel der Stadt Biel – anders als wäh­rend der Amts­zeit von Ernst Jakob – kaum mehr ein The­ma. Im Gegen­satz zur  Stadt Biel, wo Arme und Rei­che zusam­men woh­nen. In Port hin­ge­gen hat die eine soli­de Mehr­heit der Bevöl­ke­rung die Kür­zung der Sozi­al­hil­fe abge­lehnt. – Port ist ein sat­tes Dorf gewor­den, wo sich der soge­nann­te Mit­tel­stand in sei­ne Hüüs­li­schwyz zurück­ge­zo­gen hat und von Soli­da­ri­tät kei­ne Rede mehr ist. Allen­falls noch als Schimpf­wort.  

 

Drei­mal Post

Mon­tag­mor­gen. Im Brief­kas­ten drei A5-Fens­ter­cou­verts. Links oben jeweils der Absen­der mit Logo: Ein­mal «Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft», ein­mal «Ärz­te ohne Gren­zen» und schliess­lich «geba­na» mit dem Slo­gan «Welt­weit ab Hof».

Bunt und ver­lo­ckend der mehr­fach gefal­te­te Pro­spekt, den ich aus dem geba­na-Cou­vert fische. Dazu die schier end­lo­se Bestell­lis­te «Früh­som­mer 2019». Aktu­ell kann man sich zum Bei­spiel fri­sche Spar­geln, Chia-Samen, Man­del­pas­te aus Paki­stan, Mües­li­mi­schun­gen, Qui­no­akör­ner oder Ing­wer und Kur­ku­ma aus Peru ins Haus lie­fern las­sen. Und noch viel mehr.

Im bei­geleg­ten News­let­ter preist San­dra Düt­sch­ler, Lei­te­rin Kom­mu­ni­ka­ti­on bei der geba­na AG, die fri­schen Bio-Man­gos aus West­afri­ka an und wirbt mit einer «revo­lu­tio­nä­ren Neue­rung»: Künf­tig sol­len die Bäue­rin­nen und Bau­ern in Bur­ki­na Faso für ihre Man­gos und Cas­hew-Nüs­se zusätz­lich zum Roh­wa­ren­preis eine Erfolgs­be­tei­li­gung in der Höhe von 10% des Ver­kaufs­prei­ses erhal­ten.

Das bes­te an der Geschich­te: Die geba­na-Kun­dIn­nen müs­sen trotz­dem kaum tie­fer in die Tasche grei­fen. Dank sin­ken­der Welt­markt­prei­se und weil geba­na auf einen Teil sei­ner Mar­ge ver­zich­tet.

Also nichts wie los: Die Bestell­kar­te aus­fül­len und mög­lichst viel Ware kau­fen! Ab einem Bestell­wert von 150 Fran­ken muss man kein Por­to zah­len, ab 300 Fran­ken gibt es fünf Pro­zent Rabatt­ab­zug, ab 500 sogar zehn Pro­zent! Mitt­ler­wei­le ist die Orga­ni­sa­ti­on, die einst im Kampf gegen die Gross­ver­tei­ler für gerech­te­re Bana­nen­prei­se gekämpft hat, sel­ber zum Super­markt ver­kom­men.

Ich fra­ge mich, wes­halb wir geba­na-Spar­geln aus Deutsch­land essen sol­len, wer hier­zu­lan­de im Som­mer geba­na-Man­gos aus Afri­ka braucht und wie sinn­voll es ist, geba­na-Qui­noa nach Euro­pa zu expor­tie­ren, wäh­rend sich die Armen in Latein­ame­ri­ka das dort ein­hei­mi­sche Getrei­de nicht mehr leis­ten kön­nen. – Weil das Label einen Win-Win-Han­del ver­spricht? Wer bei geba­na kauft, tut und erhält gleich­zei­tig Gutes…

Beim zwei­ten Cou­vert gibt es nichts zu kau­fen. Es ent­hält eine acht­sei­ti­ge Bro­schü­re, die Ein­la­dung zur tra­di­tio­nel­len Jah­res­kon­fe­renz der Direk­ti­on für Ent­wick­lung und Zusam­men­ar­beit DEZA. Aller­dings erin­nert ein­zig noch das Cover an die ursprüng­li­che Auf­ga­be der DEZA: Zwei jun­ge Frau­en, bei­de dun­kel­häu­tig, die eine Kopf­tuch­trä­ge­rin, posie­ren lächelnd mit einem Lap­top. Wie zu Zei­ten, als EZA noch Ent­wick­lungs­hil­fe hiess und die besag­te Jah­res­kon­fe­renz ein Klas­sen­tref­fen der schwei­ze­ri­schen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit war. Mit Refe­ren­tIn­nen aus Afri­ka, Latein­ame­ri­ka oder Asi­en, die über die schwie­ri­gen Lebens­be­din­gun­gen in ihren Hei­mat­län­dern berich­te­ten.  

2019 hin­ge­gen setzt man kon­se­quent auf hel­ve­ti­sches Schaf­fen: Ange­sagt sind Podi­en über «Neue Finanz­lö­sun­gen für eine nach­hal­ti­ge Zukunft» oder «Sta­bi­li­tät für eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung» sowie eine Dis­kus­si­on mit «Jung­po­li­ti­ke­rIn­nen und Jung­po­li­ti­kern». Alles Swiss made. Ganz auf Kurs gemäss dem neo­li­be­ra­len Slo­gan von Depar­te­ments­chef Igna­zio Cas­sis: Die Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit muss in ers­ter Linie uns sel­ber nüt­zen!

Das drit­te Cou­vert, jenes von Méde­cins sans Fron­tiè­res, ist das dünns­te. Es ent­hält ledig­lich ein beid­sei­tig bedruck­tes A4-Blatt und einen Ein­zah­lungs­schein. Der Spen­den­auf­ruf, per­sön­lich geschrie­ben von Andrea Isen­eg­ger, Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin von MSF im Liba­non, ver­spricht kei­ne Welt­ver­bes­se­rung dank bio­lo­gisch pro­du­zier­ter Kolo­ni­al­wa­ren oder der För­de­rung von Schwei­zer Start-ups. Doch was die Gesund­heits­fach­frau über die Situa­ti­on der rund 1,5 Mil­lio­nen syri­schen Flücht­lin­ge im Liba­non beschreibt, geht unter die Haut:

«Die­sen Fami­li­en feh­len die Mit­tel, um sich medi­zi­nisch behan­deln zu las­sen. Das ist bedenk­lich, denn auch sie sind von chro­ni­schen Krank­hei­ten wie Dia­be­tes, Blut­hoch­druck oder Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen betrof­fen und die Lebens­be­din­gun­gen in den Lagern ver­schlech­tern die­se Krank­hei­ten zusätz­lich. Wir bie­ten Geflüch­te­ten kos­ten­lo­se medi­zi­ni­sche Betreu­ung, Behand­lun­gen und auch psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung, damit sie die trau­ma­ti­schen Erleb­nis­se im Zusam­men­hang mit den Kon­flik­ten, die sie in die Flucht gezwun­gen haben, ver­ar­bei­ten kön­nen.»

Im letz­ten Jahr konn­te das Team von Andrea Isen­eg­ger über 3300 Sprech­stun­den für Kin­der und Erwach­se­ne im Bereich psy­chi­sche Gesund­heit durch­füh­ren, schreibt die gelern­te Phar­ma­zeu­tin wei­ter. «Nicht zuletzt möch­te ich erwäh­nen, wie sehr mich Ihre Unter­stüt­zung und Ihre Treue berührt. Sie geben uns die Mög­lich­keit, unab­hän­gig zu han­deln, und das ist ein enor­mes Pri­vi­leg. Da ich auch für die Finan­zen des Pro­jekts zustän­dig bin, weiss ich aus dem All­tag, dass Ihre Spen­de vor Ort wirk­lich etwas bewirkt!»

Das klingt gar nicht nach Win-Win – aber über­zeu­gend nach dring­li­cher Not­wen­dig­keit. Wäh­rend die bei­den ers­ten Cou­verts samt Inhalt längst im Alt­pa­pier gelan­det sind, liegt der Ein­zah­lungs­schein zuoberst auf mei­nem Schreib­tisch­sta­pel.