Bit­te­rer Abschied

Offe­ner Brief
an die Lei­tung der Domic­il Bern AG und
die Heim­lei­tung der Vil­la Sut­ter in Nidau

Heu­te ist es genau ein Monat her, dass unser Vater gestor­ben ist. In Ihrer Obhut und unter Ihrer Ver­ant­wor­tung. Plötz­lich, uner­war­tet, unter bit­te­ren Umstän­den – und wahr­schein­lich nicht direkt am Pan­de­mie-Virus. Das Pfle­ge­per­so­nal an der Front hat bis zum Schluss sein Bes­tes gege­ben und ist mit den fol­gen­den Aus­füh­run­gen in keins­ter Wei­se gemeint. Im Gegen­teil: Den Pfle­ge­rin­nen und Pfle­gern sowie dem Ser­vice­per­so­nal gebührt ein war­mer Dank für alles, was sie geleis­tet und für unse­ren Vater getan haben.

Die bit­te­ren Umstän­de sind unse­res Erach­tens nicht allein dem Coro­na­vi­rus anzu­las­ten, son­dern dem Regime, das vom Manage­ment der Domic­il­grup­pe in unver­hält­nis­mäs­si­ger Wei­se ange­ord­net und von der Lei­tung der Vil­la Sut­ter gehor­samst durch­ge­setzt wur­de. Die Ope­ra­ti­on «Ein­schlep­pung Coro­na­vi­rus ver­hin­dern» scheint in der Vil­la Sut­ter bis­her gelun­gen. Aber zu wel­chem Preis für die Ihnen anver­trau­ten Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner?

Wir erach­ten es als zwin­gend, dass die Stim­men der Bewoh­ne­rIn­nen und ihrer Ange­hö­ri­gen zu Pro­to­koll gege­ben und gehört wer­den – in der Hoff­nung, dass die ver­ant­wort­li­chen Lei­tungs­per­so­nen ihre Lek­tio­nen aus der drin­gend not­wen­di­gen Manö­ver­kri­tik ler­nen.

Des­halb wol­len wir die Situa­ti­on, unter der unser Vater in sei­nen letz­ten Wochen und Mona­ten zuneh­mend gelit­ten hat und die er mit aller Kraft zu ver­bes­sern such­te, noch ein­mal zusam­men­fas­sen und beim Namen nen­nen.

Wir haben in die­ser Zeit fast täg­lich mit ihm über die Mass­nah­men und Vor­komm­nis­se in der Vil­la gespro­chen, zudem haben wir auf sei­nem Com­pu­ter auch einen Text gefun­den, den er in den letz­ten Tagen und Stun­den vor sei­nem Tod ver­fasst hat und des­sen Inhalt er an der nächs­ten Bewoh­ner­rats­ver­samm­lung vor­brin­gen woll­te.

Die Domic­il-Hei­me wur­den bereits Anfang März dicht gemacht. Eine Art Not­fall­mass­nah­me, die anfäng­lich auch von unse­rem Vater akzep­tiert, ja gar will­kom­men geheis­sen wur­de. Nicht zuletzt, weil sie (damals) zeit­lich begrenzt war.

Wir nah­men zur Kennt­nis, wie die Domic­il-Mana­ge­rin Andrea Hor­nung Ende März im Regio­nal­jour­nal Bern selbst­be­wusst über ihre erfolg­rei­che Coro­na-Bekämp­fung berich­te­te. Was dabei nicht zur Spra­che kam: Es hät­te schon damals drin­gend Krea­ti­vi­tät, Fle­xi­bi­li­tät und Enga­ge­ment sei­tens der Heim­lei­tung gebraucht, um den alten Men­schen und ihren Angehörigen/FreundInnen bald­mög­lichst wie­der zu ermög­li­chen, ihre Bezie­hun­gen zu pfle­gen. Mit ange­mes­se­nen Sicher­heits­mass­nah­men. So, wie man es für die Coif­feur­sa­lons, Tatoo-Stu­di­os und Super­märk­te schon bald in die Wege gelei­tet hat.

Nicht so in der Vil­la Sut­ter und in vie­len ande­ren Hei­men. Dort wur­de der Lock­down vor­erst auf unbe­stimm­te Zeit aus­ge­dehnt, strikt und ohne das not­wen­di­ge prag­ma­ti­sche Gespür für beson­de­re Bedürf­nis­se und Ein­zel­fäl­le. Alle Bewoh­ne­rIn­nen soll­ten über den glei­chen Kamm gescho­ren wer­den.

Nicht unbe­rech­tigt die Kla­ge einer Heim­mit­be­woh­ne­rin unse­res Vaters, ihre Situa­ti­on küm­me­re nie­man­den, es sei wohl ein­fa­cher, die Alten ein­fach ein­ge­sperrt zu las­sen. Es ist uns nicht bekannt, dass die Domic­il-Grup­pe mit ihrem nicht uner­heb­li­chen Gewicht beim Kan­ton für eine Locke­rung inter­ve­niert hät­te, wie es Ver­tre­ter ver­schie­de­ner Wirt­schafts­ver­bän­de sofort, mit gros­ser Ein­dring­lich­keit und ent­spre­chen­dem Erfolg getan haben.

Eine unhalt­ba­re Situa­ti­on, zumal ande­re Insti­tu­tio­nen vor­mach­ten, dass es auch anders gegan­gen wäre. In der Vil­la Sut­ter hin­ge­gen fehl­te es von Anbe­ginn an der not­wen­di­gen Empa­thie und Fle­xi­bi­li­tät. Statt sich mutig für die Bedürf­nis­se der ihnen anver­trau­ten Men­schen ein­zu­set­zen, ver­steck­te sich die Heim­lei­tung hin­ter «Wei­sun­gen von oben», die so gar nicht exis­tier­ten oder abso­lut unsin­nig waren. Unser Vater, der über die aktu­el­le Coro­na-Situa­ti­on im In- und Aus­land immer bes­tens infor­miert war, klag­te zuneh­mend dar­über, dass er von der Heim­lei­tung nicht ernst genom­men wer­de, und dass er auf sei­ne Fra­gen und Argu­men­te kei­ne Ant­wor­ten, son­dern bloss Ver­trös­tun­gen erhal­te.

Er berich­te­te auch von absur­den Vor­komm­nis­sen: So durf­ten sich die Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner zwar im Gar­ten der Vil­la auf­hal­ten, es wur­de ihnen aber unter­sagt, über den Gar­ten­zaun mit Bekann­ten ein Gespräch auf Distanz zu füh­ren. Wäh­rend die Heim­lei­tung dar­auf poch­te, dass alle Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner sich den Mass­nah­men zu beu­gen hät­ten, wur­de bald bekannt, dass die­se Wei­sung halt doch nicht für alle galt. Ob sich der pri­vi­le­gier­te Ehe­mann, der sei­ne in der Vil­la Sut­ter unter­ge­brach­te Frau trotz «Ver­bot» immer wie­der besuch­te, den Zugang zur Vil­la mit sei­ner Unver­schämt­heit oder auch noch auf ande­ren Wegen ver­schaff­te, bleibt sein Geheim­nis – und jenes der Heim­lei­tung, die über die­se Besu­che Bescheid wuss­te und sie tole­rier­te.

Alle ande­ren Heim­be­woh­ne­rin­nen und ‑bewoh­ner muss­ten bis Mit­te Mai war­ten, bis Besu­che wie­der mög­lich wur­den — aller­dings auch dann nur unter restrik­tivs­ten Bedin­gun­gen: Ein Besuch von einer hal­ben Stun­de pro Woche, maxi­mal zwei Per­so­nen, mit Mund­schutz und Hand­schu­hen, hin­ter einer Ple­xi­glas­wand… Auf die Fra­ge nach dem Sinn und Zweck die­ser schi­ka­nö­sen Mass­nah­men erhiel­ten sowohl unser Vater wie wir immer die glei­che ste­reo­ty­pe Ant­wort: Befehl aus Bern.

Womit die Domic­il-Lei­tung gemeint sein dürf­te, denn das BAG hat stets expli­zit vom Hand­schuh­tra­gen, aus­ser bei bestimm­ten beruf­li­chen Hand­lun­gen, abge­ra­ten! Auf unse­re dies­be­züg­li­che Mail vom 25. Mai an Frau Hor­nung erhiel­ten wir drei Tage spä­ter eine nichts­sa­gen­de Stan­dard-Ant­wort von der Mar­ke­ting-Direk­to­rin der Domic­il-Ket­te, die uns auf wei­te­re Öff­nun­gen per 6. Juni ver­trös­te­te.

Gegen­über Heim­lei­ter Mül­ler hat­ten wir bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass die alten Men­schen in den Hei­men nicht mehr viel Lebens­zeit hät­ten und es drin­gend not­wen­dig sei, ihnen bald­mög­lichst wie­der Begeg­nun­gen mit ihren Liebs­ten zu ermög­li­chen. Die­ser Appell ver­hall­te unge­hört. – Noch am Frei­tag, 29. Mai, einen Tag vor sei­nem Tod, muss­te unser Vater von Heim­lei­ter Mül­ler hören, er sol­le sich gedul­den — «wir wol­len einen ruhi­gen Kopf bewah­ren und nichts über­stür­zen.»

Das ein­zi­ge Ziel der Heim­lei­tung war, «coro­nafrei» über die Run­den zu kom­men. Wie sehr die Men­schen unter die­sem Regime lit­ten, war von unter­ge­ord­ne­tem Inter­es­se. Die Tat­sa­che, dass in die­ser Zeit im Heim Men­schen gestor­ben sind, die ihre Ange­hö­ri­gen wäh­rend Wochen weder sehen noch spü­ren oder mit ihnen einen Kaf­fee trin­ken konn­ten, wird in kei­ner Coro­na-Sta­tis­tik auf­ge­führt und scheint des­halb für die Ver­wal­te­rIn­nen der Alten­pfle­ge nicht von Belang. Weil sie nicht direkt «an oder mit Coro­na» gestor­ben sind…

Statt den Bewoh­ne­rIn­nen und ihren Ange­hö­ri­gen die ange­kün­dig­te wei­te­re Locke­rung für Ende Mai in einem posi­ti­ven, opti­mis­ti­schen Ton zu kom­mu­ni­zie­ren, ver­teil­te Heim­lei­ter Mül­ler am Don­ners­tag, 28. Mai den Bewoh­ne­rIn­nen der Vil­la Sut­ter ein Schrei­ben, das mit Fug und Recht als Droh­brief bezeich­net wer­den kann.

Unser ansons­ten so ruhi­ger und beson­ne­ner Vater war ganz aus­ser sich, als er uns kurz nach des­sen Erhalt anrief. Für den Inhalt die­ses Schrei­bens, sag­te er, gebe es nur ein Wort: «Frei­heits­be­rau­bung.»

Trotz­dem freu­te er sich auf den Spa­zier­gang mit sei­ner Toch­ter, die sich für Frei­tag ange­mel­det hat­te. Er infor­mier­te die Heim­lei­tung dar­über, dass er ger­ne mit ihr auch einen Kaf­fee trin­ken möch­te – nicht in einem Restau­rant, aber im Gar­ten der Vil­la. Was ja aus BAG-Sicht völ­lig unpro­ble­ma­tisch gewe­sen wäre.

Heim­lei­ter Mül­ler nahm in sei­ner Ant­wort das Stich­wort Restau­rant auf und teil­te mei­nem Vater und allen Anwe­sen­den mit, dass es in der Tat nicht rat­sam sei, zum aktu­el­len Zeit­punkt ein Restau­rant zu besu­chen. Er hät­te dies in den ver­gan­ge­nen Tagen getan – und rate allen ande­ren drin­gend davon ab, weil der Ser­vice im betref­fen­den Restau­rant ohne Mas­ke gear­bei­tet habe.

Ein Affront, nicht nur gegen­über den Heim­be­woh­nen­den, son­dern ins­be­son­de­re auch gegen­über dem übri­gen Heim­per­so­nal, das seit Wochen dazu ange­hal­ten wur­de, kei­ne öffent­li­chen Orte und Restau­rants zu besu­chen, um das Risi­ko einer Anste­ckung zu mini­mie­ren. Aber es kam noch schlim­mer.

Als unser Vater glei­chen­tags vom Spa­zier­gang mit sei­ner Toch­ter zurück­kehr­te, wur­de ihnen der lang ersehn­te ers­te gemein­sa­me Kaf­fee nach über zwei Mona­ten im Gar­ten (mit Sicher­heits­ab­stand) ver­wei­gert. Ver­bo­ten. Von oben. Punkt. Kei­ne Dis­kus­si­on. Es wäre der letz­te Kaf­fee mit einem sei­ner Kin­der gewe­sen…

Dies sind Vor­fäl­le, die unser Vater in einem Schrei­ben an die Heim­lei­tung, das er über Pfings­ten ver­fas­sen woll­te, beschrie­ben hät­te. Sein Ziel war stets, einen mass­vol­len, ver­nünf­ti­gen und gerech­ten Umgang mit der für alle schwie­ri­gen Situa­ti­on zu fin­den. Er hat­te lau­fend Vor­schlä­ge gemacht, auf Unge­rech­tig­kei­ten hin­ge­wie­sen, für Ver­bes­se­run­gen gekämpft…

Dass er von der Heim­lei­tung immer wie­der abge­wim­melt und ver­trös­tet wur­de, hat ihn sehr gekränkt. Zu Recht fühl­te er sich nicht ernst genom­men, ent­mün­digt und ent­rech­tet. Dar­un­ter hat er sehr gelit­ten. Er, der als 13jähriger Bub in Deutsch­land hat erle­ben müs­sen, wie sein Vater nach der Kris­tall­nacht von den Nazis in «Schutz­haft» genom­men wur­de und nach zehn Tagen im KZ als gebro­che­ner Mann heim­ge­kehrt ist.

Unser Vater hin­ge­gen war alles ande­re als ein gebro­che­ner Mann. Mit sei­nen fast 95 Jah­ren konn­te er auf sei­ne gros­se Lebens­er­fah­rung zurück­grei­fen und blieb bis zuletzt äus­serst wach und krea­tiv, wenn es dar­um ging, nach Lösun­gen und Ver­bes­se­run­gen zu suchen. Damit pass­te er wohl nicht ins Bild, das sich die Domic­il Bern AG von ihrer betag­ten, «schutz­be­dürf­ti­gen» Kli­en­tel macht…

Nie hät­ten wir uns vor­stel­len kön­nen, dass unser Vater am Ende sei­nes enga­gier­ten, umsich­ti­gen Lebens der­mas­sen ent­rech­tet wür­de, dass er – «zu sei­nem Schutz» – von sei­nen Liebs­ten weg- und in der Vil­la Sut­ter ein­ge­sperrt wer­den könn­te…

Wir wis­sen, dass wir mit unse­rem Leid nicht allei­ne sind. Vie­len ande­ren Heim­be­woh­ne­rIn­nen und Ange­hö­ri­gen ist es ähn­lich ergan­gen – ergeht es viel­leicht immer noch so. Des­halb kla­gen wir die­se Miss­stän­de, die­se feh­len­de Empa­thie der Lei­tungs­per­so­nen an. Seit dem Tod unse­res Vaters haben wir von der Domic­il Bern AG nichts mehr ver­nom­men. Wir war­ten noch auf eine letz­te Rech­nung. Damit dürf­te für sie der Fall erle­digt sein. Das Busi­ness as usu­al muss wei­ter gehen…

Gabrie­la, Peter und Mari­an­ne Neu­haus

 

19. Juli 2020 – Nach­trag:

Mitt­ler­wei­le ist die erwar­te­te Rech­nung von der Domic­il Bern AG ein­ge­trof­fen. Im stol­zen Betrag von ins­ge­samt CHF 8’435.40 ent­hal­ten sind – nebst den Miet­kos­ten für das Zim­mer bis und mit dem letz­ten laut Ver­trag ver­re­chen­ba­ren Ter­min – tat­säch­lich auch die Geträn­ke, die man uns am Abend, als unser Vater gestor­ben ist sowie anläss­lich der Ein­sar­gung, in der Vil­la «offe­riert» hat­te…

Die­se Rech­nung war die ein­zi­ge «Ant­wort» von Heim­lei­ter Heinz W. Mül­ler auf unse­ren offe­nen Brief. Ansons­ten kein Lebens­zei­chen aus der Vil­la Sut­ter in Nidau. Eine Ant­wort-Mail erhiel­ten wir hin­ge­gen weni­ge Tage nach unse­rem Schrei­ben von Andrea Hor­nung, CEO der Domic­il Bern AG. Sie recht­fer­tigt dar­in in gewohnt selbst­si­che­rer und beleh­ren­der Art und Wei­se die Coro­na-Mass­nah­men in ihren Betrie­ben.

Dem­ge­gen­über haben wir unzäh­li­ge Reak­tio­nen weit über den Freun­des- und Fami­li­en­kreis hin­aus erhal­ten, die zei­gen, wie bren­nend aktu­ell das The­ma ist, weil vie­ler­orts ähn­li­che Miss­stän­de herrsch(t)en. Aber auch, dass es durch­aus ande­re Wege und Mög­lich­kei­ten gege­ben hät­te, mit der Situa­ti­on umzu­ge­hen.

So über­nah­men etwa die Pal­lia­ti­ve-Cair-News unse­ren offe­nen Brief und publi­zier­ten den Link auf ihrer Lan­ding­pa­ge — mit dem Kom­men­tar: «Ein herz­zer­reis­sen­der Blog­ein­trag belegt, wie krass ein­zel­ne Pfle­ge­hei­me auf die Coro­na-Kri­se reagier­ten und wie ent­wür­di­gend ein­zel­ne, nicht alle Heim­lei­tun­gen die Bewoh­nen­den und deren Ange­hö­ri­ge behan­del­ten.»

Eine Aus­wahl wei­te­rer Kom­men­ta­re, die uns erreicht haben:

«Mein Vater, noch sehr rüs­tig, jedoch etwas dement, ver­starb 98 jäh­rig Ende Mai im Alters­heim, weil er ver­such­te, aus­zu­bre­chen. In der Nacht dar­auf wur­de er sediert, stürz­te, hat­te eine gra­vie­ren­de Kopf­ver­let­zung und starb 5 Tage spä­ter. (…) Da ich kei­ne Blog­ge­rin bin, schrei­be ich Ihnen per Mail, sie spre­chen mir aus dem Her­zen. Toll, haben Sie einen offe­nen Brief geschrie­ben. Ich hät­te mei­nen Brief an Dani­el Koch auch öffent­lich machen müs­sen.»


«Das kal­te Geschäft, die Poli­tik der “Schuld­lo­sig­keit”, ist so grau­sam und in so gros­sem Kon­trast zur Ver­ant­wor­tung, Mensch­lich­keit und Lie­be, mit der eure Eltern mir und auch mei­nen Kin­dern ein gros­ses Vor­bild waren.»


«Ich fra­ge mich, wann end­lich ange­setzt wird zu Lösun­gen, die uns als Gesell­schaft tra­gen und uns struk­tu­rell vor­an­brin­gen. Welt­weit. Ein Armuts­zeug­nis.»


«Dan­ke, dass Ihr das öffent­lich macht.»


«Gibt mir lei­der nur zyni­sches Den­ken, die­ser CEO-las­ti­ge Indus­trie­zweig. Das braucht eine tat­kräf­ti­ge Auf­sichts­be­hör­de und Cou­ra­ge wie Sie sie haben…»


« (…) Unse­re Mut­ter war 10 Jah­re in einem Pfle­ge­heim. Habe mich oft gefragt, wes­halb es nor­mal ist, dass wir an jeder Schu­le einen Eltern­rat haben, wo die Eltern der Kin­der etwas zu sagen haben, und dass wir unse­re Eltern in Insti­tu­tio­nen geben müs­sen, die hier­ar­chisch geführt wer­den, in denen die Bewoh­ne­rIn­nen und Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge nichts zu sagen haben.»


«Ich bin Pfle­ge­fach­per­son und arbei­te in einem Alters- und Pfle­ge­heim. Ich habe seit März eini­ge sehr beun­ru­hi­gen­de und bedenk­li­che Beob­ach­tun­gen gemacht, einer­seits in mei­nem Betrieb, aber auch gene­rell in der Gesell­schaft (v.a. im Bezug auf älte­re Men­schen). Bei uns ist eben­falls im März mehr oder weni­ger Schlag auf Fall das Heim geschlos­sen wor­den. Die Bewoh­ner und Bewoh­ne­rin­nen durf­ten nicht mal mehr das Gebäu­de ver­las­sen, kei­nen Besuch emp­fan­gen und nicht bei­ein­an­der sit­zen. Zudem wur­de die Cafe­te­ria geschlos­sen.

Ver­stös­se“ gegen die­se Rege­lun­gen wur­den mit Sank­tio­nen bestraft, z.B. 10-tägi­ge Zim­mer­iso­la­ti­on. Wir Mit­ar­bei­ten­de müs­sen rund um die Uhr Mas­ken tra­gen und Abstand hal­ten, was eine enor­me (emo­tio­na­le) Distanz zu unse­ren Bewoh­nern und Bewoh­ne­rin­nen schafft. Natür­lich ver­ste­he ich den Sinn und Zweck die­ser Mass­nah­men. Ich ver­su­che mir vor­zu­stel­len, wie es den Bewoh­nern und Bewoh­ne­rin­nen dabei geht. Ich arbei­te auf der geschütz­ten Wohn­grup­pe mit Men­schen mit Demenz, die prak­tisch nur noch emo­tio­nal kom­mu­ni­zie­ren. Eine sol­che Distanz kön­nen Sie oft nicht ein­ord­nen, neh­men Sie zum Teil auch per­sön­lich und zie­hen sich zurück. Oder wer­den aggres­siv und gewalt­tä­tig, weil Sie über­for­dert sind und in Ihren emo­tio­na­len Bedürf­nis­sen zu kurz kom­men.

Dann kom­men Men­schen mit Hör­pro­ble­men dazu, die dar­auf ange­wie­sen sind Mimik/Gestik und die Lip­pen zu lesen. Es erschwert die Kom­mu­ni­ka­ti­on unge­mein. Vor eini­gen Wochen hat die Heim­lei­tung Locke­run­gen ange­wie­sen, ziem­lich spät und lang­sam nach mei­ner Ein­schät­zung. Es gab ein Besu­cher­zelt, wo man sich mit 2m Abstand und Mas­ken für 30 Minu­ten tref­fen durf­te. Und eine Wei­le eine Ple­xi­glas­schei­be. Seit Kur­zem sind wie­der etwas län­ge­re Besu­che erlaubt und die Cafe­te­ria ist wie­der offen, unter Ein­hal­tung der Hygie­ne­mass­nah­men.

Regeln, Mass­nah­men, Sank­tio­nen etc. wur­den uns per Mail  zuge­schickt, es fand nie ein per­sön­li­cher Aus­tausch zwi­schen Per­so­nal und Kader statt (es gab regel­mäs­si­ge Coro­na-Sit­zun­gen, die nur unter dem Kader statt­fan­den). Ich haben eini­ge Male dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass ein Aus­tausch erwünscht wäre, die Psy­che unse­rer Bewoh­ner und Bewoh­ne­rin­nen lei­det und gewis­se Mass­nah­men zwei­fel­haft sind. Ich habe nie eine Ant­wort erhal­ten. Ich mache mei­nen Job sehr ger­ne, aber ich ver­mis­se in letz­ter Zeit etwas die Mensch­lich­keit…»


usw. usf.

 

Pein­li­che Poli­tik im Bun­des­haus

Ein Bra­vo an die Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten in Bern! Der tol­le Über­ra­schungs­coup mit dem Kli­ma­camp auf dem Bun­des­platz ist die rich­ti­ge Ant­wort auf das viel zu zah­me CO2-Gesetz, das die Poli­ti­ke­rIn­nen vor zwei Wochen im Bun­des­haus ver­ab­schie­det haben.

Mit ihrer Akti­on for­dern die Kli­ma­ak­ti­vis­tIn­nen des­halb bal­di­ge und wir­kungs­vol­len Mass­nah­men, um die Treib­haus­gas­emis­sio­nen in unse­rem Land dras­tisch zu redu­zie­ren. Nur so kön­nen wir den Kli­ma­wan­del brem­sen – dies ihre Bot­schaft.

Lei­der ver­steht jedoch ein Gross­teil der Poli­ti­ke­rIn­nen im Bun­des­haus (und nicht nur dort) bis heu­te nicht, um was es geht. Stän­de­rats­prä­si­dent Stöck­li (SP!) stellt sich mit mar­ki­gen Sprü­chen gegen die «ille­ga­le Akti­on» und for­dert eine umge­hen­de Räu­mung – damit die heh­ren Volks­ver­tre­te­rIn­nen nicht län­ger der Beläs­ti­gung durch ihre jun­ge, enga­gier­te Bevöl­ke­rung aus­ge­setzt sind, wenn sie ins Bun­des­haus wan­deln.

Ille­gal sei die Akti­on in der Tat, räumt auch der Ber­ner Stadt­prä­si­dent Alec von Graf­fen­ried ein. Immer­hin attes­tiert er der Akti­on aber Legi­ti­mi­tät – ange­sichts der Dring­lich­keit, die das The­ma Kli­ma­wan­del erfor­de­re. So lässt er die Akti­vis­tIn­nen erst ein­mal gewäh­ren. Das kommt im Bun­des­haus jedoch gar nicht gut an.

Sofort reicht SVP-Tur­bo Aeschi im Natio­nal­rat einen Ord­nungs­an­trag ein, der ver­langt, dass die Stadt Bern die «ille­ga­le Kund­ge­bung» auf dem Bun­des­platz bis am Diens­tag­mor­gen um acht Uhr räumt. Ille­gal sei das Kli­ma­camp, weil ein Gesetz wäh­rend der Ses­si­on der eid­ge­nös­si­schen Räte Mani­fes­ta­tio­nen auf dem Bun­des­platz ver­bie­tet.

Voll­kom­men legal hin­ge­gen war die Ampu­tie­rung des CO2-Geset­zes durch die lob­by­is­ten­be­ein­fluss­ten Par­la­men­ta­rie­rIn­nen, genau­so wie die Mil­li­ar­den für die Unter­stüt­zung der Swiss. Legal nach wie vor auch der Ein­bau von Ölhei­zun­gen, all die unnö­ti­gen Auto­fahr­ten oder die minu­ten­lan­gen Loo­ps und Sturz­flü­ge, die ein lär­men­der Pri­vat­flie­ger kürz­lich über dem Bie­ler­see zum Bes­ten gab – beglei­tet von schwar­zen Abgas­schwa­den im blau­en Him­mel.

Das alles stört und küm­mert die Mehr­heit unse­rer Volks­ver­tre­te­rIn­nen nicht. Ein Kli­ma­camp besorg­ter Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auf dem Bun­des­platz hin­ge­gen schon. Des­halb stimmt der Natio­nal­rat am spä­ten Mon­tag­abend Aeschis Ord­nungs­an­trag mit 109 Ja gegen 83 Nein zu.

Die Ver­ur­sa­che­rIn­nen des lah­men CO2-Geset­zes, wel­che die Akti­on auf dem Bun­des­platz über­haupt nötig mach­ten –  Gös­si, Fia­la und Co. von der FDP – unter­stüt­zen den Ord­nungs­an­trag genau­so wie Hum­bel und ihre CVP-Kol­le­gin­nen… Das gesam­te bür­ger­li­che Lager schart sich hin­ter die SVP.

Ein wei­te­rer Beweis dafür, wie drin­gend not­wen­dig die Kli­ma­be­we­gung ist – und wie wich­tig ihre Aktio­nen sind. Wei­ter so, Rise Up for Chan­ge!

Beschä­mend

Zuge­ge­ben: Der all­jähr­lich am 1. August zele­brier­te Patrio­tis­mus mit pathe­ti­schen Reden, Brat­wurst­duft und Rake­ten-Geknal­le bis tief in die Nacht war noch nie mein Ding. Das heisst aber noch lan­ge nicht, dass die­ses Fest nicht auch sei­ne guten Sei­ten haben kann. Es gibt auch am 1. August immer wie­der Red­ne­rin­nen und Red­ner, die ihrem Publi­kum Geschei­tes, Auf­mun­tern­des und sogar Zukunfts­wei­sen­des mit auf den Weg geben.

Bun­des­prä­si­den­tin Simo­net­ta Som­ma­ru­ga gehör­te die­ses Jahr defi­ni­tiv nicht zu die­ser Kate­go­rie der 1. August-Red­ne­rIn­nen. Im Gegen­teil: Was sie in ihrer TV-Anspra­che und anschlies­send auf dem Rüt­li insze­nier­te, ist beschä­mend und pein­lich.

So wur­den auf Wunsch der Bun­des­prä­si­den­tin 54 «Hel­din­nen und Hel­den des All­tags» aufs Rüt­li ein­ge­la­den. Aus­ge­wählt von der Gemein­nüt­zi­gen Gesell­schaft der Schweiz, wur­den aus jedem Kan­ton der Schweiz sowie von der Aus­land­schwei­zer-Gemein­schaft je ein Mann und eine Frau aufs Rüt­li geschickt und dort als Hel­din­nen und Hel­den geehrt. Stell­ver­tre­tend, so die Mode­ra­to­rin des Anlas­ses, «für alle Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer, die in irgend­ei­ner Form dazu bei­getra­gen haben, die­se schwie­ri­ge Zeit zu bewäl­ti­gen.»

Gegen Dank und Aner­ken­nung für all jene, die in Hei­men, Spi­tä­lern, Läden oder ande­ren unent­behr­li­chen Dienst­leis­tungs­bran­chen Son­der­leis­tun­gen erbracht haben, ist nichts ein­zu­wen­den. Im Gegen­teil. Doch die von der Bun­des­prä­si­den­tin ange­zet­tel­te Hel­den­ver­eh­rung ist unbe­hol­fen und ver­kehrt.

Die Heroi­sie­rung von gesell­schaft­li­chem Enga­ge­ment steht in kras­sem Wider­spruch zu den aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen. Gera­de in Bezug auf die Coro­na-Kri­se, wo gegen­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me und Soli­da­ri­tät das Gebot der Stun­de sind, wer­den mit dem Küren von Hel­dIn­nen fal­sche Signa­le gesen­det. Der Kul­tur­so­zio­lo­ge Ulrich Bröck­ling bringt es in sei­nem Essay «Nach­ruf auf die Coro­na-Hel­den» auf den Punkt: «Hel­den­ge­schich­ten sol­len anspor­nen, es den Vor­bil­dern gleich zu tun; die respekt­vol­le Ver­nei­gung vor ihren Gross­ta­ten ent­las­tet aber auch davon, selbst die Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen. Und selbst­ver­ständ­lich ist es bil­li­ger, Hero­en des All­tags zu küren als für ihre ange­mes­se­ne Bezah­lung zu sor­gen.»

Die Wahl der auf der Rüt­li­wie­se geehr­ten Coro­na-Hel­dIn­nen trieb zudem teils absur­de Blü­ten: So war der Kan­ton Bern etwa durch einen Leh­rer und eine sei­ner Schü­le­rIn­nen ver­tre­ten – weil sie «mit Freu­de und Enga­ge­ment» Fern­un­ter­richt betrie­ben hät­ten. Wahr­lich hel­den­haft. Ein  Teil der Hel­dIn­nen wur­de wegen Son­der­ef­forts im Rah­men ihrer beruf­li­chen Tätig­keit aus­ge­zeich­net, ande­re enga­gier­ten sich im Rah­men von Frei­wil­li­gen­ar­beit. So wur­den etwa die Initi­an­tin einer Ver­teil­platt­form aus­ge­zeich­net, ver­schie­de­ne Ange­stell­te von Lebens­mit­tel­ge­schäf­ten sowie Spi­tal- und Pfle­ge­hei­men, ein Schrei­ner der Ple­xi­glas­schei­ben mon­tier­te oder ein Aus­land­schwei­zer, der in Frank­reich lebt und «unter stren­gem Aus­geh­ver­bot» gelit­ten habe. Fehlt eigent­lich nur noch die Hel­din, die sich hero­isch der Mas­ken­trag­pflicht im ÖV unter­wirft.

Ob die gekür­ten Hel­din­nen und Hel­den im Besitz eines Schwei­zer Pas­ses sein muss­ten, ist unklar. Jeden­falls scheint es unter den Aus­län­de­rIn­nen – gemes­sen am Bevöl­ke­rungs­an­teil – erschre­ckend weni­ge Hel­den und Hel­din­nen zu geben, die es auf die Ein­la­dungs­lis­te der Bun­des­prä­si­den­tin geschafft haben. Wir kön­nen — man­gels Trans­pa­renz — nur ver­mu­ten, dass es eine ein­zi­ge Per­son (aus dem Kan­ton VD) geschafft haben dürf­te…

Fest steht aber: Gera­de in Pfle­ge­be­ru­fen und im Ver­kauf ist der Anteil an soge­nann­ten Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­dern beson­ders gross. Sie gehö­ren zur Schweiz, dür­fen sich abra­ckern, auf glei­che Rech­te in allen Berei­chen müs­sen sie aber bekannt­lich ver­zich­ten.

Trotz­dem war Som­ma­ru­gas Anspra­che eine rei­ne Lob­hu­de­lei auf die Schweiz, auf die sie stolz sei: «Die Schweiz ver­häbt, wenn es dar­auf ankommt, sind wir mehr als 26 Kan­to­ne und 8,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner – die Schweiz, das sind wir.»  Die­se selt­sa­me Logik pre­digt ein WIR, das von Fall zu Fall mehr oder weni­ger eng defi­niert wird – wenn man bedenkt, wie­vie­le Men­schen in die­sem Land in gewis­sen Berei­chen NICHT­WIR sind. Zum Bei­spiel alle Sans Schwei­zer­pass, Rand­stän­di­ge, Heim­be­woh­ne­rIn­nen, Allein­er­zie­hen­de…

Die Bun­des­prä­si­den­tin schwärm­te wei­ter von einer Schweiz, die zusam­men­hal­te, Soli­da­ri­tät prak­ti­zie­re… Ver­ges­sen schei­nen die Hams­ter­käu­fe, kein Wort vom mas­si­ven Druck der Wirt­schafts- und Sport­lob­by, die mas­si­ven Druck aus­üb­te, um das urei­ge­ne Busi­ness schnellst­mög­lich wie­der hoch­zu­fah­ren.

Schliess­lich behaup­te­te Simo­net­ta Som­ma­ru­ga in ihrer TV-Anspra­che zum ers­ten August sogar, unser Land funk­tio­nie­re so gut, dass es wäh­rend der Coro­na-Kri­se nie­mals zu Lie­fer­eng­päs­sen gekom­men sei. Eine mehr als gewag­te Aus­sa­ge zu einem Zeit­punkt, da immer mehr Details über die Mas­ken-Schum­me­lei hier­zu­lan­de bekannt wer­den.

Fakt ist: Die Schweiz kam (bis­lang) in der Coro­na­kri­se glimpf­lich davon. Nicht, weil die Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer soli­da­ri­sche­re, bes­se­re Men­schen – ja Hel­den und Hel­din­nen – sind. Son­dern weil die Schweiz ein sehr rei­ches Land mit einer star­ken Infra­struk­tur ist.

Dies wäre eigent­lich eine gute Basis, sich Gedan­ken dar­über zu machen, wie wir die­se kom­for­ta­ble Situa­ti­on dafür nut­zen kön­nen, unser Land und unser Leben nach­hal­tig und men­schen­freund­lich zu ent­wi­ckeln. Mutig und vor­aus­schau­end. Da gäbe es aus der Coro­na-Kri­se die eine oder ande­re Leh­re zu zie­hen. Selbst­kri­tisch, aber kon­struk­tiv. Auf die­se Rede war­ten wir noch.

Die Welt spinnt

Seit nun­mehr einem hal­ben Jahr domi­niert ein ein­zi­ges The­ma die Schlag­zei­len: Coro­na. Was die­ses Virus aus­löst und bewirkt, ist kaum zu glau­ben. Und macht deut­lich, wie absurd so vie­les auf die­ser Welt schon vor­her war.

Letz­tes Jahr gin­gen wir noch auf die Stras­se, demons­trier­ten dicht an dicht für wir­kungs­vol­len Kli­ma­schutz. Trotz Gre­ta Thun­berg und welt­wei­tem Ruf nach dras­ti­schen Mass­nah­men, die es drin­gend braucht, um die Kli­ma­er­wär­mung zu brem­sen, geschah nichts.

Bis das neu­ar­ti­ge Coro­na-Virus die Welt­büh­ne betrat. Zuerst schüt­tel­ten wir in Euro­pa den Kopf über die dras­ti­schen Mass­nah­men in Chi­na: Haus­ar­rest für Mil­lio­nen­städ­te – das mag in einer Dik­ta­tur gehen, nicht aber bei uns, im Frei­heit lie­ben­den Wes­ten…

Nur weni­ge Wochen spä­ter war es auch bei uns soweit: Von einem Tag auf den ande­ren wur­den gros­se Tei­le der Wirt­schaft in einen künst­li­chen Tief­schlaf ver­setzt, die Men­schen in ihre Häu­ser und Woh­nun­gen ver­bannt. Die Men­schen füg­ten sich ohne Mur­ren: Die Angst um das eige­ne Wohl­erge­hen mach­te mög­lich, was bis anhin undenk­bar war.

Hier­zu­lan­de setz­te der Bun­des­rat zum Glück auf Eigen­ver­ant­wor­tung und gesun­den Men­schen­ver­stand. Genau das, was man von einer mün­di­gen Gesell­schaft erwar­ten darf. Er ver­häng­te kei­nen Haus­ar­rest, obschon die Medi­en und ande­re Panik­ma­cher schär­fe­re Mass­nah­men for­der­ten.

Der Lock­down funk­tio­nier­te. Doch lan­ge konn­te das nicht gut gehen. Schon bald wur­de von Sei­ten der Unter­neh­mer und Bran­chen­ver­bän­de der Ruf nach einer «neu­en Nor­ma­li­tät» laut, die doch bes­ser nicht all­zu viel Neu­es beinhal­ten soll­te…

Ganz im Gegen­teil: Wirk­li­che Ver­än­de­run­gen, wie etwa die Ein­füh­rung eines bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens in der aktu­el­len Situa­ti­on, wo Neu­ori­en­tie­run­gen gefragt wären, wur­den schnell unter­bun­den und blie­ben blos­se Gedan­ken­spie­le. Alles soll­te mög­lichst sein wie zuvor. Auch wenn offen­sicht­lich nichts mehr ist, wie es war.

Fin­di­ge Köp­fe suchen des­halb eif­rig nach Lösun­gen für die Bedürf­nis­se des frü­he­ren Lebens im künf­ti­gen. Viel Auf­merk­sam­keit erlang­ten die Coif­feu­re  und die Tatoos­techer mit ihren Schutz­kon­zep­ten, dank wel­chen bei­de Bran­chen Ende April ihre Salons wie­der öff­nen konn­ten.

Aber auch in All­täg­lich­kei­ten, die auf den ers­ten Blick unpro­ble­ma­tisch erschei­nen, gilt es, Coro­na-ange­passt zu han­deln. So drän­gen Mit­ar­bei­ten­de eines Betriebs zum Bei­spiel dar­auf, den still­ge­leg­ten Tög­ge­li­kas­ten wie­der in Betrieb zu neh­men. Seit März steht er nutz­los in einer Ecke, weil die Geschäfts­lei­tung das Spie­len in Coro­na­zei­ten als zu gefähr­lich erach­tet und ver­bo­ten hat.

Auch hier heisst die Lösung:  Schutz­kon­zept. Bereits Anfang April leg­te die Swiss Tabel­soc­cer Fede­ra­ti­on ein zehn­sei­ti­ges Papier für’s Tög­ge­len in Coro­na-Zei­ten vor. Dar­in wird drin­gend emp­foh­len, aufs Hän­de­schüt­teln zu ver­zich­ten, kei­ne Dop­pel zu spie­len sowie in der Mit­te des Tischs eine Plas­tik- oder Ple­xi­glas­schei­be auf­zu­stel­len. Alter­na­tiv kön­nen die Spie­le­rIn­nen auch eine Mas­ke tra­gen, um die Anste­ckungs­ge­fahr zu mini­mie­ren.

Aus der der deut­schen Stadt Offen­bach ver­neh­men wir von einem wei­te­ren ver­zwei­fel­ten Ver­such an die frü­he­re Rea­li­tät anzu­knüp­fen: Die Lieb­ha­be­rIn­nen roman­ti­scher Som­mer­nachts­kon­zer­te sol­len auch im Jahr 2020 auf ihre Rech­nung kom­men. Coro­na-bedingt nach dem «Auto­ki­no-Prin­zip»: «Das Publi­kum sitzt im eige­nen Auto und kann über das Auto­ra­dio die Musik von Orches­ter und Solis­ten genies­sen.»

Beson­ders erfreu­lich: Trotz stren­gem Schutz­kon­zept dür­fen Cabrio-Ver­de­cke und Auto­fens­ter geöff­net sein. Wer aufs WC muss, darf das Auto ver­las­sen – muss auf der Toi­let­te aber eine Mas­ke tra­gen.

Nicht gere­gelt ist, wie­vie­le Per­so­nen pro Auto zuge­las­sen sind und ob Ver­lieb­te (nach Schwei­zer Grenz­mo­dell) sich mit (nota­ri­ell beglau­big­ten?)  Lie­bes­brie­fen über die Dau­er ihrer Bezie­hung aus­wei­sen müs­sen. Was geschieht nun aber, wenn an einer solch roman­tisch sinn­li­chen Ver­an­stal­tung Amor plötz­lich zuschlägt und es zum ers­ten Kuss kommt?

So gau­keln wir uns vor, dass wir mit­hil­fe unse­rer Schutz­kon­zep­te das Virus in Schach u n d gleich­zei­tig unse­ren Lebens­stil auf­recht erhal­ten kön­nen. Wir ver­ste­cken uns hin­ter Mas­ken und wie­gen uns in fal­scher Sicher­heit. Beim Ein­pa­cken an der Kas­se im Super­markt gera­ten wir mit Unbe­kann­ten in drän­geln­den Kör­per­kon­takt,  wie vor dem Aus­bruch der Pan­de­mie. Und wenn man sich umhört, wol­len sich vie­le bald wie­der in ein eng bestuhl­tes  Flug­zeug set­zen, um in die Feri­en zu jet­ten. Obschon wei­ter­ma­chen wie bis­her eigent­lich kei­ne Opti­on ist. Doch nie­mand will es wahr­ha­ben  – und schon gar nicht laut sagen.

Obrig­keit­lich ver­ord­ne­tes Pla­ce­bo

Eigent­lich hat­ten wir das im Früh­jahr ganz gut hin­ge­kriegt: Die emp­foh­le­nen Hygie­ne­re­geln wur­den weit­ge­hend beach­tet, man hat Distanz gehal­ten – um dem neu­ar­ti­gen Coro­na-Virus so die Aus­brei­tung zu erschwe­ren.

Auch wir haben uns selbst­ver­ständ­lich an die­se Regeln gehal­ten. Weil Covid-19 eine Krank­heit ist, vor der man in der Tat lie­ber ver­schont blei­ben möch­te. Und wir hal­ten wei­ter­hin Distanz, wenn wir im Büro mit unse­ren Kol­le­gIn­nen dis­ku­tie­ren. Wir mei­den gros­se Men­schen­an­samm­lun­gen und beschrän­ken Umar­mun­gen und kör­per­li­che Nähe auf einen über­schau­ba­ren Kreis uns nahe­ste­hen­der Men­schen.

Die im März ver­ord­ne­ten Mass­nah­men zeig­ten Wir­kung, die Fall­zah­len sind dras­tisch gesun­ken. Ohne Aus­geh­ver­bo­te, ohne Mas­kenzwang. Natür­lich half der Lock­down. Kei­ne Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen, kei­ne Club-Orgi­en, kein inter­na­tio­na­ler Rei­se­ver­kehr – ins­be­son­de­re auch kei­ne Flü­ge – und Home­of­fice. Die Men­schen waren, wenn über­haupt, zu Fuss und mit dem Velo unter­wegs – die Züge fuh­ren fast leer durchs Land.

Vie­le haben die­se Zeit posi­tiv erlebt. Weni­ger Stress, weni­ger Zwän­ge – mehr Zeit für sich, die Fami­lie. Damit ist längst Schluss. Der Druck von Sei­ten der Wirt­schaft und aus poli­ti­schen Krei­sen war enorm – und hat lei­der all­zu schnell Wir­kung gezeigt. Zurück in eine «neue Nor­ma­li­tät» hiess: So schnell als mög­lich wie­der «Busi­ness as usu­al».

Statt die posi­ti­ven Erfah­run­gen aus der Lock­down-Zeit zu nut­zen, um unse­re Gesell­schaft, unser Zusam­men­le­ben nach­hal­tig in gesün­de­re Bah­nen zu len­ken, ver­sucht man jetzt, dem Virus mit rei­ner Sym­ptom­be­kämp­fung bei­zu­kom­men.

Ers­tes Opfer sind der öffent­li­che Ver­kehr und sei­ne Nut­ze­rIn­nen. Offen­bar ertra­gen es gewis­se Krei­se in die­sem Land nicht, dass Men­schen selbst­ver­ant­wort­lich han­deln. Und eine Mas­ke fach­ge­recht auf­set­zen, wenn es ange­zeigt ist. Näm­lich dann, wenn Distanz­hal­ten nicht mög­lich ist.

Also sol­len sich nun alle Zug‑, Bus- und Tram­rei­sen­den hin­ter einer Mas­ken ver­ste­cken. Ange­sichts der aktu­ell beschei­de­nen Bele­gung eines Gross­teils der öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel ist das schlicht unver­hält­nis­mäs­sig. Als regel­mäs­si­ge ÖV-Nut­ze­rin und GA-Inha­be­rin weiss ich, wovon ich schrei­be. Und wer­de den Ver­dacht nicht los, dass vie­le der jetzt in den sozia­len Medi­en laut nach der Mas­ken­pflicht schrei­en­den Selbst­dar­stel­le­rIn­nen öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel nur von aus­sen oder vom Hören­sa­gen ken­nen.

Wer hin­ge­gen jetzt mit dem ÖV unter­wegs ist, erlebt ein rie­sen­gros­ses Mas­ken­thea­ter, des­sen Wirk­sam­keit höchs­tens psy­cho­lo­gi­scher Art sein dürf­te. Kei­ne Spur von fach­ge­rech­tem Umgang mit Gesichts­mas­ken. Man trägt sie am Kinn, unter der Nase, steckt sie in die Hosen­ta­sche, sobald man aus dem Zug aus­steigt oder trägt sie am Hand­ge­lenk. Nicht weni­ge bin­den sich zudem eine selbst­ge­näh­te Stoff­mas­ke vors Gesicht. Obschon all­ge­mein bekannt ist, dass deren Nut­zen noch beschränk­ter ist.

Das obrig­keit­lich ver­ord­ne­te Pla­ce­bo schützt denn auch höchs­tens indi­rekt gegen das Virus. Weil uns die mas­kier­ten Mit­men­schen auf Schritt und Tritt dar­an erin­nern, dass das Virus nicht aus­ge­rot­tet ist. Im Gegen­satz zu Pla­ce­bos aus Milch­zu­cker könn­te die­se Mas­ken­pflicht aber böse Neben­wir­kun­gen zei­ti­gen.

Wenn man sich zum gegen­sei­ti­gen Schutz vor­ein­an­der hin­ter Mas­ken ver­steckt, wer­den alle Mit­men­schen in unse­rer Wahr­neh­mung zur poten­zi­el­len Gefahr. Der sinn­lo­se Mas­ken­ver­schleiss führt zu neu­en Abfall­ber­gen – Spu­ren davon sind jetzt schon im öffent­li­chen Raum wahr­nehm­bar.

Und last but not least stei­gen jetzt vie­le Leu­te wie­der aufs Auto um. Umwelt, Kli­ma – über­le­bens­wich­ti­ge The­men, blei­ben seit Coro­na ver­mehrt auf der Stre­cke. So, dass wir eines Tages tat­säch­lich Mas­ken tra­gen müs­sen, um wie in asia­ti­schen Städ­ten, unse­re Lun­gen vor der Luft­ver­schmut­zung zu schüt­zen.