Hin und zurück an der Gren­ze

Zen­tral­ame­ri­ka. Der Grenz­über­gang von Corin­to: Am Schal­ter Nr. 1 gibt es den Exit-Stem­pel für die Aus­rei­se aus Gua­te­ma­la – Schal­ter Nr. 4 ist zustän­dig für die Ein­rei­se nach Hon­du­ras. Dar­über spannt sich ein rie­si­ges, schat­ten­spen­den­des Dach. Von hier aus lässt sich, Tag für Tag, ein Stück Welt­thea­ter beob­ach­ten.

Es ist Frei­tag­mit­tag. Von Hon­du­ras her­kom­mend bewegt sich eine nicht endend wol­len­de Schlan­ge schwe­rer Last­wa­gen mit der Auf­schrift «Tro­pi­gas – Gas Pro­pa­no» Rich­tung Gua­te­ma­la. Sie ver­sor­gen die Regi­on jen­seits der Gren­ze mit dem begehr­ten Brenn­stoff. Die immensen Ener­gie­trans­por­te sind für die Regi­on über­le­bens­wich­tig – ohne Gas, Ben­zin und Die­sel geht auch hier gar nichts.

Vier Män­nern war­ten und unter­hal­ten sich ange­regt. Der eine hat sein T-Shirt hoch­ge­scho­ben, dar­un­ter quillt ein dicker wab­be­li­ger Bauch her­vor und lässt sich von der Son­ne kit­zeln. Vor den WCs steht ein Geträn­ke- und Snack­stand. Der Ver­käu­fer ist gleich­zei­tig WC-Wart – wenn einer nicht das nöti­ge Klein­geld für das drän­gen­de Geschäft mit­bringt, drückt er auch mal ein Auge zu. Zwei Poli­zis­ten in Uni­form drü­cken gelang­weilt auf ihren Han­dys her­um. Ein Lini­en­bus hält quiet­schend und spuckt eine Hand­voll Pas­sa­gie­re aus. Kur­zer Stau vor den Ein- und Aus­rei­se­schal­tern – doch die Abfer­ti­gung geht rasch vor­an – schon sit­zen sie wie­der auf ihren Plät­zen und fah­ren wei­ter, Rich­tung Gua­te­ma­la.

Auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te des Ter­mi­nals fährt – von Gua­te­ma­la her­kom­mend — ein weis­ser Klein­bus vor. Eine Frau mit einem Sta­pel Doku­men­te in der Hand und einem Badge um den Hals steigt aus. Ihr fol­gen sie­ben Jugend­li­che im Gän­se­marsch, und eine zwei­te Frau in bei­gem Gilet, und eben­falls mit einem Badge, der sie als Offi­zi­el­le aus­weist. Die jun­gen Män­ner – Chi­cos, zwi­schen 14 und 20 Jah­re alt – haben Tages­ruck­sä­cke geschul­tert. In der Hand tra­gen sie Plas­tik­sä­cke – einer davon ist durch­sich­tig: Zu erken­nen sind ein paar Klei­dungs­stü­cke, Turn­schu­he und eine Rol­le WC-Papier.

In Emp­fang genom­men wer­den sie von zwei jun­gen Män­nern, die eben­falls mit bei­gen Gilets und Bad­ges einer Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on aus­ge­rüs­tet sind. All­tag an der Gren­ze: Die Jugend­li­chen waren unter­wegs in die USA und wer­den nun zurück nach Hau­se ver­frach­tet. Weil man sie im rei­chen Nor­den nicht will. Eine Geschich­te, die sich seit Jahr­zehn­ten wie­der­holt. In den euro­päi­schen Medi­en wie­der prä­sen­ter als auch schon, wegen der soge­nann­ten Cara­va­nas aus Zen­tral­ame­ri­ka – Men­schen, die sich gemein­sam auf den Weg machen, um der Armut, Per­spek­ti­ven­lo­sig­keit und zuwei­len oft auch der Gewalt im eige­nen Land zu ent­flie­hen. Meist kom­men sie nicht bis an ihr Ziel, im Gegen­satz zu den tou­ris­ti­schen Men­schen­strö­men, für die die Gren­zen als Hin­der­nis nicht der Rede wert sind – weil sie ihnen in der Regel offen ste­hen.

Aus der Fer­ne macht die klei­ne Grup­pe Jugend­li­cher unter dem gros­sen Dach einen ent­spann­ten Ein­druck: Sie lachen, knuf­fen und sind guter Din­ge. Sie pen­deln von einem Schal­ter zum nächs­ten, immer ange­führt von den Ver­tre­te­rIn­nen der Behör­den. Die­se haben sie wohl bereits die letz­ten Tage beglei­tet – der Umgang ist locker, fast schon ver­traut, wie eine Sport­grup­pe.

Mitt­ler­wei­le sind vier wei­te­re, dies­mal gros­se Rei­se­bus­se am Grenz­ter­mi­nal ein­ge­trof­fen. Sie sind mit «Pull­mann de Chiap­pas» und «Turis­mo» ange­schrie­ben. Doch bald wird klar: Ihre Auch die­se jun­gen Män­ner und Frau­en sind kei­ne Tou­ris­tIn­nen auf Ver­gnü­gungs­fahrt. Im Gegen­teil: Kaum einer der min­der­jäh­ri­gen Fahr­gäs­te dürf­te die Rück­fahrt gen Süden frei­wil­lig ange­tre­ten haben…

Hin­ter der Front­schei­be der voll­be­setz­ten Bus­se leuch­tet ein Schild mit der Auf­schrift «al Ser­vicio de INM». INM steht für das mexi­ka­ni­sche Insti­tu­to Nacio­nal de Migra­ci­on. Die Bus­chauf­feu­re tra­gen weis­se Hem­den, auf dem Kra­gen leuch­ten grün-weiss-rot die Far­ben der mexi­ka­ni­schen Flag­ge.

Aus jedem der Bus­se stei­gen zwei schwarz uni­for­mier­te Poli­zis­ten. Auf dem Rücken ihrer Uni­form leuch­tet in weis­sen Let­tern die Abkür­zung PNC – Poli­cia Nacio­nal Civil de Gua­te­ma­la. Für sie ist hier Ende der Dienst­fahrt. Kaum sind sie draus­sen, schlies­sen sich die Bus­tü­ren erneut. Nie­mand sonst darf hin­aus.

Ein Geld­wechs­ler wird geholt und in den nächst­ste­hen­den Bus hin­ein­ge­las­sen. Durch die Front­schei­be erkennt man, wie ein Jugend­li­cher ein paar Mün­zen aus der Hosen­ta­sche kramt, wei­te­re drän­gen sich von hin­ten her­an. Mehr ist auf die Distanz nicht zu erken­nen. Ver­mut­lich sind es nur kleins­te Beträ­ge, die hier von Pesos oder Quetzales in hon­du­ra­ni­sche Lam­pi­ras umge­wech­selt wer­den.

Die­se Pas­sa­gie­re müs­sen für die Migra­ti­ons­for­ma­li­tä­ten im Bus blei­ben. Ver­mut­lich aus Angst, dass sie Reiss­aus neh­men und sich gleich wie­der auf den Weg gen Nor­den machen könn­ten. So wie die drei jun­gen Män­ner auf der ande­ren Sei­te des Zoll­ge­bäu­des, die mit ihren Tages­ruck­sä­cken zu Fuss Rich­tung Gua­te­ma­la unter­wegs sind. Und wei­ter Rich­tung USA?

All­täg­li­che Sze­nen unter dem Dach der Grenz­sta­ti­on zwi­schen Hon­du­ras und Gua­te­ma­la. Ein ewi­ges Katz-und-Maus­spiel: Men­schen ver­su­chen ihr Glück im Nor­den, wer­den auf­ge­grif­fen, zurück­spe­diert. Im hon­du­ra­ni­schen San Pedro Sula unter­hält die UN-Migra­ti­ons­or­ga­ni­sa­ti­on IOM ein Auf­fang­la­ger für jugend­li­che Migran­tIn­nen. Ziel ist es, die­se wie­der mit ihren Fami­li­en zusam­men­zu­füh­ren, zu «reinte­grie­ren».

Die Bus­se star­ten ihre Moto­ren, die Aus­puff­roh­re stos­sen schwar­ze Abgas­wol­ken aus, die letz­te Etap­pe der Rück­fahrt beginnt. Was die Rück­keh­re­rIn­nen daheim wohl erwar­tet? Wann wer­den sie den nächs­ten Ver­such wagen und wie­der die Gren­ze Rich­tung Nor­den pas­sie­ren?

(Dass es bei Migra­ti­on nicht bloss um ein Katz- und-Maus-Spiel geht, son­dern oft um Leben und Tod, beschreibt ein aktu­el­ler Bericht des GUAR­DI­AN aus Mexi­co  – https://www.theguardian.com/world/2019/feb/16/tijuana-migrant-child-murders-mexico-us-asylum)   

Neu­lich im Muse­um oder Das musea­le Stief­kind

Eine tol­le Aus­stel­lung in den ehe­ma­li­gen Stal­lun­gen des Cas­tel­lo Vis­con­teo in Pavia – eine Werk­schau der Fotos von Elliott Erwitt – man taucht von einem Bild ins nächs­te. Gran­di­os!

Der Meis­ter sel­ber hat die «Icons» aus sei­ner über 60jährigen Kar­rie­re für die Aus­stel­lung zusam­men­ge­stellt. Schu­he aus Hun­de­per­spek­ti­ve gesel­len sich zu Moment­auf­nah­men von Vogel und Flug­zeug, Gän­sen und Mäd­chen, Mari­lyn in pri­va­ter Pose und Nixon im Streit­ge­spräch mit Chruscht­schow… Ein Ein­blick in die Kul­tur- und Poli­tik­ge­schich­te neben Wer­be- und Rei­se­fo­to­gra­fie. Immer mit dem schalk­haft-kri­ti­schen Blick des gros­sen Meis­ters.

Dazu Inter­view­se­quen­zen und Zita­te muse­ums­ge­recht auf­be­rei­tet – eine Rei­se wert! Inspi­riert durch die Bil­der sind wir neu­gie­rig auch auf das Film­schaf­fen des Meis­ters. Davon wer­den in einem abge­schlos­se­nen Raum zwei Kost­pro­ben ange­bo­ten. Den Film­sound hört man in der gan­zen Aus­stel­lung – also las­sen wir uns ver­füh­ren.

Zwei Fil­me: «Beau­ty knows no pain» von 1973 – eine Doku über Majo­ret­ten in einem Col­le­ge in den USA, die ande­re über ein kolo­nia­les Polo­spiel auf Ele­fan­ten in Nepal. Die­ser läuft gera­de, als wir ein­tre­ten: Die Kopie sicht­bar älte­ren Datums, aus­ge­wa­sche­ne Far­ben, man­gel­haf­te Schär­fe. Das alles nimmt man in Kauf, das gehört irgend­wie zur Pati­na alter Pro­duk­tio­nen. Was uns aber wirk­lich wütend macht: Das For­mat ist völ­lig falsch: Da ren­nen ver­zerr­te, dün­ne Ele­fan­ten über ein ver­zerr­tes Spiel­feld. Ein qua­dra­ti­sches Bild an die Wand pro­ji­ziert – statt des Ori­gi­nal­for­mats 4:3

Und dies in einer Foto­aus­stel­lung, wo die Qua­li­tät der Bild­ge­stal­tung und Repro­duk­ti­on im Zen­trum steht! Elli­ot Erwitt, der Per­fek­tio­nist, hat für ein­mal die Kon­trol­le aus der Hand gege­ben. Ver­nünf­ti­ger­wei­se kann er ja nicht alle zwei Wochen zu sei­nen Aus­stel­lun­gen jet­ten, um zu über­prü­fen, ob alles so aus­ge­stellt ist, wie es sein muss.

Beim Ver­las­sen der Aus­stel­lung wei­sen wir auf das Mal­heur hin. Freund­li­ches Schul­ter­zu­cken. Lo sap­pia­mo sì, sagt man uns. Aber die Aus­stel­lung sei bald zu Ende, da kön­ne man nichts mehr machen. Ent­täusch­tes Schul­ter­zu­cken unse­rer­seits.

Die Moral von der Geschicht: Man könn­te jetzt zum  Ita­li­en-Bashing aus­ho­len. Weit gefehlt! Im Zeit­al­ter von Video­in­stal­la­tio­nen im Sti­le des anything goes, wagen die Rezi­pi­en­tIn­nen gar nicht mehr zu fra­gen, ob die Pro­jek­ti­on «rich­tig» oder «gewollt falsch» ist.  

Immer wie­der machen wir die­se Erfah­rung: Das beweg­te Bild (Film und Video) ist das Stief­kind vie­ler Aus­stel­lun­gen. Haupt­sa­che, es bewegt sich was und flim­mert und tönt. Fal­sche For­ma­te, Ver­zer­run­gen, asyn­chro­ne Pro­jek­tio­nen.… immer wie­der. Auf Film/Video ver­zich­ten mögen die Kura­to­rIn­nen aber immer weni­ger. Dann sol­len sie dem Medi­um und damit auch den Aus­stel­lungs­be­su­che­rIn­nen bit­te­schön Sor­ge tra­gen.

Wel­ten

Rio Dul­ce in Gua­te­ma­la. Hier endet die Bus­fahrt für uns Tou­ris­tIn­nen mit den schwe­ren Back­pa­cker-Ruck­sä­cken. Dank­bar erben die beim letz­ten Halt in Mora­les neu Zuge­stie­ge­nen die frei gewor­de­nen Sitz­plät­ze: Eine Grup­pe von 15 Leu­ten, mit leich­tem Gepäck. Jun­ge Män­ner, Frau­en und Kin­der. Für sie geht die Rei­se wei­ter, Rich­tung Nor­den.
«Wir sind im Bus nach San­ta Ele­na», sagt einer der Män­ner in sein Han­dy. «Drei aus El Sal­va­dor und zehn aus Hon­du­ras.» Migran­tIn­nen unter­wegs in die USA? Auf der Suche nach Arbeit und einem bes­se­ren Leben?

Für uns und ande­re liegt in Rio Dul­ce das gute Leben gleich um die Ecke: An der Bar bei Bruno’s trin­ken drei braun­ge­brann­te älte­re Semes­ter Bier und unter­hal­ten sich auf Deutsch. Sonst ist nicht viel los, am frü­hen Nach­mit­tag.

Am Ufer des Rio Dul­ce, der hier mehr See als Fluss ist, lie­gen zahl­rei­che Hotels und Hos­tels. Der Natio­nal­park hie­si­ge gilt als Tou­ris­mus-Hot­spot – seit eini­gen Jah­ren pro­mo­tet der Staat den «Turis­mo Comu­ni­ta­rio», zusam­men mit zahl­rei­chen Klein­un­ter­neh­me­rIn­nen aus aller Welt: Wie vie­ler­orts, soll auch in die­ser Regi­on der Tou­ris­mus hel­fen, die Lebens­be­din­gun­gen der Ein­hei­mi­schen zu ver­bes­sern. Gewor­ben wird mit den ursprüng­li­chen tro­pi­schen Natur­land­schaf­ten rund um den Lago de Izabal und am Rio Dul­ce.

Wei­ter fluss­ab­wärts an der Lagu­ne locken wei­te­re idyl­lisch gele­ge­ne Resorts, die nur per Boot zu errei­chen sind. Dank wen­di­ger Glas­fa­ser­schif­fe mit leis­tungs­star­ken Moto­ren sind die Rei­sen­den rasch am Ziel. In luf­ti­gen Bun­ga­lows genies­sen sie dort ihren Traum des Dol­ce far nien­te. Chil­lend tan­ken sie beim Blick in die Natur. Beob­ach­ten, wie die weis­sen Rei­her sanft in den Man­gro­ven am gegen­über lie­gen­den Ufer lan­den, wie sich Peli­ka­ne fischend ins Was­ser stür­zen.

Wenn sie hung­rig sind, bestel­len sie exo­ti­sche Früch­te mit Joghurt und Mües­li oder ande­re lecke­re Gerich­te. Wenn sie durs­tig sind, holen sie sich ein Bier aus dem Kühl­schrank. Alles kein Pro­blem, die Ver­sor­gung der Tou­ris­tIn­nen per Motor­boot funk­tio­niert ein­wand­frei – genau­so wie deren Betreu­ung durch eine inter­na­tio­na­le Trup­pe von Tou­ris­mus-Hilfs­per­so­nal.

Obschon die man­gro­ven­be­wach­se­ne Fluss­ge­gend recht dicht besie­delt ist, kom­men die wenigs­ten Ange­stell­ten und Vol­un­te­ers in den Resorts aus der unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft.

Über­all am Ufer sehen wir ein­fach Holz­häu­ser, vie­le mit Satel­li­ten­schüs­seln. Klei­ne Gemü­se­gär­ten, Hüh­ner und Enten. Frau­en waschen Wäsche im Fluss – Fischer sind mit ihren Boo­ten unter­wegs. Gekonnt ste­chen sie mit ihren Pad­deln ins Was­ser und glei­ten über die glat­te Ober­flä­che. Man­che sogar noch in tra­di­tio­nel­len Ein­bäu­men aus Tro­pen­holz, wie man sie hier wohl schon seit Jahr­hun­der­ten ver­wen­det hat.

Zwei klei­ne Buben pad­deln in ihrem Mini-Ein­baum über den Fluss. Von hin­ten braust eine Tou­ris­ten­lan­cha her­an und zieht eine Spur übers Was­ser. Das schma­le Schiff­len schau­kelt in den Wel­len – die zwei Jungs win­ken fröh­lich – die Tou­ris­tIn­nen win­ken zurück. Im nächs­ten Moment sind sie hin­ter der Fluss­bie­gung ver­schwun­den.

Wenn sie in eini­gen Jah­ren wie­der kom­men, dürf­ten sie ver­geb­lich nach dem klei­nen Ein­baum Aus­schau hal­ten. Der­weil zwei jun­ge Män­ner im Bus nach San­ta Ele­na zustei­gen.

Sehn­sucht

Ende Juli. Som­mer­hit­ze, Tro­cken­heit im Mit­tel­land. In den Nach­rich­ten nur noch Hiobs­bot­schaf­ten. Wohin treibt Euro­pa, die Welt? Die­ser Rechts­drall über­all. Ego­is­mus und Macht statt Soli­da­ri­tät, Ethik und Ver­nunft. Das Gefühl, gegen Wind­müh­len zu kämp­fen. Die Gewiss­heit, dass da gera­de etwas her­an­wächst von dem man glaub­te, es sei für immer vor­bei. Ohn­macht, Wut und Trau­er.

Mit dem Mor­gen­zug in die Ber­ge. Gleis­sen­des Licht, strah­len­des Wet­ter. Das letz­te Stück mit dem Post­au­to. Im Dorf­la­den von Sufers noch Pro­vi­ant ein­ge­kauft – freund­li­che Wor­te aus­ge­tauscht und gelacht, dann geht es los. Der Wald­weg glit­zert, über­all ist alles tau­nass. Es ist ange­nehm warm und feucht. Die Natur spriesst üppig, das Atmen tut gut.

Vom gegen­über­lie­gen­den Ufer des Sees aller­dings, dringt ohren­be­täu­ben­der Lärm. Stei­ne wer­den gebro­chen, Repa­ra­tur­ar­bei­ten an der Pass­stras­se. Dazwi­schen auf­heu­len­de Motor­rä­der, Autos, Last­wa­gen. Der Weg biegt in ein Sei­ten­tal, folgt einem spru­deln­den Bach. Noch immer häm­mert und rat­tert es von unten. Frem­de Geräu­sche domi­nie­ren im wil­den Berg­wald.

Es geht steil hin­auf. Auch hier, Grä­ser und Blü­ten vol­ler Was­ser­per­len. Die Stei­ne unter den Füs­sen sind mit­un­ter glit­schig. Das Gelän­de for­dert sei­nen Tri­but. Dem All­tag zu ent­kom­men, hat sei­nen Preis. Der anspruchs­vol­le Weg leert den Kopf und füllt das Herz.

Am spä­te­ren Nach­mit­tag Abstieg ins Avers-Tal. Über­nach­tung in Inner-Fer­re­ra. Ein klei­nes Dorf umge­ben von stei­len Fels­wän­den. Die Schu­le ist längst geschlos­sen, die Bevöl­ke­rungs­kur­ve zeigt steil nach unten. Ein Bota­ni­ker­paar sowie ein paar Feri­en­gäs­te im ein­zi­gen Hotel des Orts. Vor ein paar Jah­ren wur­de es, mit Unter­stüt­zung der Gemein­de, wie­der in Betrieb genom­men. Das unga­ri­sche Wir­te­paar scheint gut inte­griert und orga­ni­siert für den 1. August ein Boc­cia-Tour­nier.

Nach einem reich­hal­ti­gen Früh­stück auf der alten Aver­s­er­stras­se zu Fuss wei­ter das Tal hin­auf. Grün­lich schim­mern­der Ande­er­gra­nit säumt ihren Rand – Stein um Stein wur­de von Hand gehau­en und gesetzt. Vier Mil­lio­nen habe die Restau­ra­ti­on und Siche­rung der alten schon Stras­se gekos­tet. Inves­ti­tio­nen in einen sanf­ten Tou­ris­mus. – Der roman­ti­sche Weg führt durch den Wald, der steil abfal­len­den Berg­flan­ke ent­lang – tief unten in der Schlucht der Rhein.

Dann öff­net sich das Tal. Wo der Fluss durch die Wie­sen mäan­dert, haben sich vor Jahr­hun­der­ten schon Men­schen nie­der­ge­las­sen. Ober­halb von Camp­sut recht ein Mann das gemäh­te Gras zusam­men. Ein Gruss – und die Fra­ge nach der Ern­te. Im Unter­land fehlt es wegen der Tro­cken­heit an Tier­fut­ter. Der Bau­er kommt ein paar Schrit­te näher, lässt die Arbeit ruhen und lacht: «Die­ses Jahr haben wir gar nichts zu kla­gen – ein Som­mer, wie man ihn nur wün­schen kann. Alles ist per­fekt!»

Ein Wort ergibt das ande­re. Er hat sei­nen Betrieb an einen Jün­ge­ren ver­pach­tet und sei jetzt Hilfs­ar­bei­ter auf sei­nem eige­nen Land. Nun arbei­te er ohne Sor­gen, aus Lust. Noch 12 Bau­ern­be­trie­be gebe es im Tal. Im Übri­gen mang­le es an Arbeits­plät­zen. Die Säge­rei wur­de vor eini­gen Jah­ren still­ge­legt, obschon die Holz­wirt­schaft eigent­lich flo­rie­ren könn­te. Kürz­lich habe jemand für einen Bau im Tal Arven­holz gesucht. Schliess­lich fand man das Gewünsch­te in Bivio, zu einem stol­zen Preis. Das Holz stamm­te aus Avers – und wur­de schliess­lich reimpor­tiert.

Dann kommt das Gespräch auf die Gren­ze: Schmug­gel war einst die Lebens­ader im Tal. «Mein Vater war der Schmugg­ler­kö­nig» erzählt der Mann mit einem schel­mi­schen Lachen. Wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs habe man im Aver­ser­tal mehr Reis gege­ges­sen, als je zuvor oder danach. Alle hät­ten mit­ge­macht, auch der Gemein­de­prä­si­dent. So konn­te man sicher gehen, dass einem nie­mand ver­pfeift.

Wei­ter geht es, an der still­ge­leg­ten Säge­rei vor­bei, den Hang hin­auf und wie­der über die alte Aver­s­er­stras­se, nach Avers Cres­ta. Eine alte Walser­sied­lung – ein grös­se­res Hotel, ein Dorf­la­den – Bau­ern­hö­fe. Hin­ter der Kir­che öff­net sich das Tal. Streu­sied­lun­gen, eine wei­te Land­schaft. Kühe und Scha­fe auf den Wei­den. Bäu­me wer­den rar.

Ein­la­den­de wei­te Sei­ten­tä­ler locken gen Süden. Es ist zu spät, und ein Gewit­ter zieht sich zusam­men. Das Hoch­tal bleibt ein Ver­spre­chen für ein nächs­tes Mal!

Der Weg nach Juf zeigt in die ande­re Rich­tung. Don­ner­grol­len in der Fer­ne, ein paar Regen­trop­fen – bald klart es wie­der auf. Die laut Sta­tis­tik höchst­ge­le­ge­ne ganz­jäh­rig bewohn­te Sied­lung der Schweiz – mit­ten in einer kah­len, aber lieb­li­chen Land­schaft. Der Blick schweift über die umlie­gen­den Mat­ten, wo Kühe wei­den. Eine Kin­der­schar spielt auf der Stras­se. Im Dorf­la­den gibt’s Gla­cé und Sou­ve­nirs.

Die Kin­der holen Stö­cke im Stall – es ist Zeit, die Kühe von der Wei­de zu trei­ben. Glo­cken­ge­läut und fröh­li­che Auf­re­gung. Dann legt sich wie­der Stil­le übers Dorf.

Beschau­lich­keit, Ruhe. Wie es wohl wäre, hier zu blei­ben. Nicht bloss ein paar Momen­te oder eine Nacht. Lan­ge, län­ger – für immer? Was für ein Lebens­ge­fühl hat man, hier oben? Hier, wo sich das Auge in der Wei­te ver­liert und gleich­zei­tig Klein­räu­mig­keit domi­niert? In die­sem Tal, wo jeder jede kennt?

Los- und zurück­las­sen, was einem in der Stadt umtreibt. Ein­fach ein­mal aus­pro­bie­ren, was die­se Ber­ge, die Natur mit einem machen. Teil­ha­ben, an die­ser klei­nen, zusam­men­ge­wür­fel­ten Gemein­schaft hier oben, über der Baum­gren­ze…

Gedan­ken­spie­le. Träu­me­rei­en, Sehn­sucht. – Kurz vor Sechs fährt das letz­te Post­au­to des Tages. Durch den Regen kurvt es zurück. Drei­ein­halb Stun­den spä­ter, Ankunft in Zürich.  

SRG-Spit­ze auf dem Holz­weg

Der SRG-Ver­wal­tungs­rat hat ent­schie­den. Das öffent­lich-recht­li­che  Radio und Fern­se­hen (SRF) wird sei­ne Infor­ma­ti­ons-Pro­duk­ti­on künf­tig am Leut­schen­bach in Zürich kon­zen­trie­ren, in einer zen­tral gesteu­er­ten News- und Infor­ma­ti­ons­fa­brik mit Aus­sen­stel­len in den Regio­nen.

Dies ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich im Vor­feld der No-Bil­lag-Initia­ti­ve für eine föde­ra­le SRG und einen Ser­vice Public, der die­sen Namen ver­dient, ein­ge­setzt haben.

Nicht, dass ich der Mei­nung bin, gute Radio-Infor­ma­ti­on kön­ne nur in Bern gemacht wer­den. Es geht auch nicht dar­um, ob Jour­na­lis­tIn­nen künf­tig pen­deln müs­sen – das tun vie­le schon heu­te. Aber die beschlos­se­ne Kon­zen­tra­ti­on der Infor­ma­ti­ons­re­dak­tio­nen am Leut­schen­bach steht in dia­me­tra­lem Wider­spruch zum Auf­trag der SRG. Aber auch zu dem, was die SRG in der Ver­gan­gen­heit ver­kör­pert und was sie im Vor­feld der Abstim­mung ver­spro­chen hat.

Als Vor­wand dien­ten Spar­übun­gen. Man wol­le bei der Infra­struk­tur kür­zer tre­ten, statt bei den Löh­nen, liess Radio-Chef­re­dak­to­rin Lis Bor­ner ver­lau­ten. Aller­dings muss­ten die Initi­an­ten des Umzugs­pro­jekts die erwar­te­ten Ein­spa­run­gen in der Fol­ge rela­ti­vie­ren. Zudem hat man bis heu­te kei­nen Nach­mie­ter für die teu­ren Räum­lich­kei­ten an der Gia­co­met­ti­stras­se gefun­den. Die Gene­ral­di­rek­ti­on der SRG möch­te bekannt­lich in die Räum­lich­kei­ten des Radio­stu­di­os Bern zie­hen, des­sen Mit­ar­bei­te­rIn­nen nach Zürich ver­jagt wer­den.

Auch wenn es in Fran­ken und Rap­pen schwie­rig bezif­fer­bar ist: Ein rie­si­ger Ver­lust ist bereits gesche­hen. Das Ver­hält­nis zwi­schen den Vor­ge­setz­ten, die den Umzug vor­an­trie­ben und den Mit­ar­bei­te­rIn­nen an der Basis ist nach­hal­tig beschä­digt. Nicht nur im Radio Stu­dio Bern. Das ist kei­ne gute Vor­aus­set­zung für künf­ti­ge Qua­li­täts­ar­beit.

Fakt ist: SRG-Direk­tor Mar­chand und die Kader­leu­te um Rue­di Mat­ter und Lis Bor­ner haben sich mit dik­ta­to­ri­schen Allü­ren über alle und alles hin­weg­ge­setzt. Dro­hun­gen statt Dis­kus­sio­nen – Power­play statt Argu­men­te. Maul­kör­be wur­den ver­passt – wer nicht parier­te, muss­te mit Sank­tio­nen rech­nen.

Für die Chefs ist das Game auf­ge­gan­gen: Nun hat sich auch der neun­köp­fi­ge Ver­wal­tungs­rat taub und unsen­si­bel gezeigt, gegen­über allen berech­tig­ten Ein­wän­den und Inter­ven­tio­nen. Das Ende der bis­he­ri­gen SRG-Infor­ma­ti­ons­struk­tur am Stand­ort Bern ist beschlos­se­ne Sache. Doch damit nicht genug:

Ein ähn­li­ches Trau­er­spiel zeich­net sich in der West­schweiz ab, wo TV und Radio an einem neu­en Stand­ort in Lau­sanne kon­zen­triert wer­den sol­len. Pro­zes­se, wie wir sie in den letz­ten Jah­ren bei den pri­va­ten Medi­en­an­bie­tern noch und noch erlebt und immer wie­der kri­ti­siert haben. Der Unter­schied: Wenn ich mit dem Geschäfts­ge­ba­ren von Tame­dia oder der NZZ nicht ein­ver­stan­den bin, kann ich mein Zei­tungs­abon­ne­ment kün­di­gen. Bei der SRG geht das nicht.

Umso wüten­der macht das selbst­herr­li­che Geba­ren der SRG-Füh­rung: Mut­wil­lig zer­stört sie, wofür die SRG in der Ver­gan­gen­heit stand – und wofür der Ser­vice Public eigent­lich ste­hen müss­te.

Eine brei­te Ver­an­ke­rung der SRG in der Gesell­schaft und Qua­li­täts­ar­beit aus allen Tei­len des Lan­des sind unver­zicht­bar für das Funk­tio­nie­ren unse­rer Demo­kra­tie – so lau­te­te die Selbst­dar­stel­lung, so lau­te­te das Cre­do für den Erhalt eines star­ken Ser­vice Public.

Das ist mit dem Ent­scheid der SRG-Füh­rung mehr als in Fra­ge gestellt. Bei einer nächs­ten Abstim­mung dürf­ten die Gebüh­ren für den SRG-Kon­zern nicht län­ger geschont wer­den. Zu Recht. Denn eine SRG nach dem Gus­to von Mat­ter, Bor­ner und Co brau­chen und wol­len wir nicht.