Ruchama Marton: Eine Stimme aus Israel gegen Hass und Rache

20 Jahre ist es her, seit wir für unse­ren Doku­men­tar­film «1000 Frauen und ein Traum»* die mobile Poli­kli­nik der «Ärzt:innen für Men­schen­rechte Israel» bei einem Ein­satz im West­jor­dan­land und im Negev beglei­ten konn­ten. Wir por­trä­tier­ten damals die israe­li­sche Psych­ia­te­rin Ruch­ama Mar­ton, die sich seit ihrem Mili­tär­dienst in den 1950er Jah­ren bis heute gegen die israe­li­schen Herr­schafts­an­sprü­che und für ein gleich­be­rech­tig­tes Zusam­men­le­ben aller Men­schen zwi­schen Jor­dan und Mit­tel­meer enga­giert. Ange­sichts der man­gel­haf­ten Gesund­heits­ver­sor­gung in den besetz­ten Gebie­ten grün­dete sie 1988 die Orga­ni­sa­tion Phy­si­ci­ans for Human Rights Israel (PHR‑I).

Gemischte Teams von jüdi­schen und ara­bi­schen Gesund­heits­fach­leu­ten set­zen sich seit­her mit regel­mäs­si­gen Sprech­stun­den vor Ort dafür ein, dass kranke Men­schen unab­hän­gig von Reli­gion und Her­kunft medi­zi­ni­sche Hilfe erhal­ten. PHR‑I wur­den für ihr Enga­ge­ment wie­der­holt aus­ge­zeich­net, 2010 unter ande­rem mit dem alter­na­ti­ven Nobel­preis für ihren «unbeug­sa­men Ein­satz für das Recht auf Gesund­heit für alle Men­schen in Israel und Palästina».

Schon 2004, anläss­lich unse­rer Dreh­ar­bei­ten, übte Dr. Ruch­ama Mar­ton scharfe Kri­tik an der israe­li­schen Sepa­rie­rungs-Poli­tik, die durch den Mau­er­bau damals im wahr­sten Sinn des Wor­tes beto­niert wurde: «Gegen diese Tren­nung gibt es nur eines: Man muss die Grenze immer wie­der über­schrei­ten, man muss den Men­schen jen­seits der Grenze begeg­nen, auf per­sön­li­cher, pro­fes­sio­nel­ler und auf poli­ti­scher Ebene.»

An die­sem Credo hält die mitt­ler­weile 86-jäh­rige Ärz­tin immer noch fest. Sie gehört in Israel zu einer ver­schwin­dend klei­nen Min­der­heit, die sich wei­ter­hin für Gleich­be­rech­ti­gung und Men­schen­rechte in Israel und Palä­stina ein­setzt. Ihre Ana­lyse der aktu­el­len Situa­tion anläss­lich unse­res Tele­fon-Inter­views vom 7. Februar 2024 will sie als Auf­ruf an die Welt und spe­zi­ell an uns Men­schen in Europa und in den USA ver­stan­den wissen.

«Ja, ich will ein ande­res Israel. 
Mich des­we­gen
des Anti­se­mi­tis­mus
zu bezich­ti­gen, ist absurd.»


Original-Interview mit Ruchama Marton 
(übersetzt aus dem Englischen – English version HERE)

Vor 20 Jah­ren haben wir Sie mit der mobi­len PHR-Kli­nik ins West­jor­dan­land beglei­tet. Schon damals lit­ten die Men­schen dort enorm unter dem israe­li­schen Besat­zungs­re­gime. Wie erle­ben Sie die Situa­tion heute? 

Es ist so schlimm, wie es nur sein kann. Man kann die Situa­tion vor 20 Jah­ren nicht mit dem ver­glei­chen, was jetzt inner­halb der israe­li­schen Gesell­schaft sowie zwi­schen Israe­lis und Palästinenser:innen geschieht. In prak­tisch allen Berei­chen in Israel hat der rechte Flü­gel gewon­nen: Im öffent­li­chen Leben wie in der Regie­rung. Das gilt auch für das reli­giöse Den­ken, das sich auf einer fast pri­mi­ti­ven Stufe bewegt. Es ist von Hass und Ver­gel­tungs­stre­ben geprägt. Seit dem 7. Okto­ber 2023 ist der Wunsch nach Rache das vor­herr­schende Gefühl in der israe­lisch-zio­ni­sti­schen Öffent­lich­keit und Regierung.

Sind sich denn Bevöl­ke­rung und Regie­rung in die­ser Sache so einig? Letz­tes Jahr pro­te­stier­ten Tau­sende in Israel gegen die Rechts­aus­sen-Regie­rung und deren geplante Justiz­re­form. Was ist aus die­ser Bewe­gung geworden? 

Ich bin zu kei­ner die­ser Demon­stra­tio­nen gegen die Regie­rung gegan­gen, weil bei die­sen Pro­te­sten weder die Beset­zung noch die Apart­heids­po­li­tik oder die schreck­li­chen Dinge, die Israel den Men­schen im Gaza­strei­fen und in der West­bank antut, ein Thema waren. Ich habe die­ser Bewe­gung nicht getraut – und behielt lei­der recht: Nach dem 7. Okto­ber mel­de­ten sich viele Leute, die zuvor auf die Strasse gegan­gen sind, bei der Armee und woll­ten Palä­sti­nen­ser töten. Rache ist seit­her das Haupt­thema. Dies zeigt, wie tief die anti-palä­sti­nen­si­schen Gefühle in unse­rer Gesell­schaft ver­an­kert sind.

Trotz­dem zeigt eine Umfrage des Israel Demo­cracy Insti­tute, dass eine Mehr­heit der Bevöl­ke­rung inzwi­schen als wich­tig­stes Ziel des Krie­ges nicht die Ver­nich­tung der Palästinenser:innen, son­dern die Ret­tung der Gei­seln bezeichnet.

Das küm­mert die israe­li­sche Regie­rung kei­nen Deut. Wir ken­nen das aus der Ver­gan­gen­heit. Vor 20 Jah­ren schon schrieb ich der dama­li­gen israe­li­schen Regie­rung im Zusam­men­hang mit einem Gefan­ge­nen­aus­tausch einen Brief, in dem ich vor­ge­schla­gen habe: Bitte lasst alle palä­sti­nen­si­schen Gefan­ge­nen in Israel frei. Lasst sie eine heisse Dusche neh­men, gebt ihnen neue Klei­der und ein Päck­chen mit Süs­sig­kei­ten und Kin­der­spiel­zeug mit auf den Weg. Setzt sie in die besten Busse, die wir haben und bringt sie auf respekt­volle Weise zurück in den Gaza­strei­fen und in die West­bank. Ohne For­de­rung nach Gegen­lei­stun­gen. – Ein sol­cher uner­war­te­ter Schach­zug wäre ein ‘Game Chan­ger’ und könnte die Bezie­hun­gen zwi­schen Israel und den Palästinenser:innen ent­schei­dend ver­än­dern, davon bin ich auch heute über­zeugt. Aber es wird nicht gesche­hen. Die aktu­elle israe­li­sche Regie­rung ist bereit, das Leben aller Gefan­ge­nen zu opfern und schert sich einen Dreck um deren Schicksal.

Ver­sa­gen der Menschenrechtsorganisationen 

Sie enga­gie­ren sich seit Jah­ren für das Ende der Besat­zung und ein gleich­be­rech­tig­tes Zusam­men­le­ben. Was bedeu­tet die aktu­elle Stim­mung im Land für ihren Lebensalltag?

Viele soge­nannte Freunde aus der Ver­gan­gen­heit… – wir reden nicht mehr mit­ein­an­der. Für sie bin ich eine Ver­rä­te­rin. In ihren Augen bin ich fast so schlimm wie die Palä­sti­nen­ser in Gaza. Das ist bit­ter und trau­rig. In Israel gibt es noch ein paar wenige Freunde und Freun­din­nen, die so den­ken wie ich. Wir sind aber keine Gruppe – ein paar Indi­vi­duen hier und dort. Wie zum Bei­spiel Nurit Peled-Elhanan**. Sie ist ein der ganz Weni­gen. Eine mutige Frau, die klar denkt und vor nie­man­dem Angst hat. 

Wie geht die von Ihnen gegrün­dete und wäh­rend lan­gen Jah­ren gelei­tete Orga­ni­sa­tion PHR‑I mit die­ser Situa­tion um? 

Sie arbei­ten sehr hart, aber – wenn Sie mich fra­gen – nicht in die rich­tige Rich­tung. Sie lei­sten wun­der­bare phil­an­thro­pi­sche Arbeit, küm­mern sich um Ver­wun­dete und Kranke. Sie ver­su­chen, das Beste zu tun, um gut zu sein. Aber auf der poli­ti­schen Ebene sind sie prak­tisch nicht mehr aktiv. Ich hätte gerne gese­hen, dass PHR‑I und auch die ande­ren Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen in Israel sich laut und deut­lich für den Pro­zess vor dem Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof in Den Haag aus­ge­spro­chen hät­ten. Das ist aber nicht geschehen.

Was sind die Gründe? Hat man Angst vor Repres­sio­nen, oder wer­den ihre Stim­men ein­fach unterdrückt?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, Angst ist der Haupt­grund. Sie wol­len nicht von der soge­nann­ten Mitte der Gesell­schaft abge­schnit­ten wer­den. Ganz aus­ser­halb zu funk­tio­nie­ren, ist schwie­rig. Aber auch die Mitte ist heute extre­mi­sti­scher gewor­den. Die Rechte domi­niert die öffent­li­che Stimmung.

In den ersten 10 Jah­ren stellte sich PHR‑I kämp­fe­risch und laut­stark gegen alles, was in unse­ren Augen unge­recht war. Diese Stim­men wur­den zum Schwei­gen gebracht. Heute übt keine Orga­ni­sa­tion mehr öffent­lich Kri­tik. Viel­leicht den­ken deren Vertreter:innen im Stil­len dar­über nach – sie sind aber nicht dazu bereit, Dinge offen, mutig und klar zu for­mu­lie­ren. Genau das wäre aber die Auf­gabe der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen. Weil das nicht geschieht, habe ich keine poli­ti­sche Hei­mat mehr. Ich sehe im Moment keine Mög­lich­kei­ten, den Geist des Wider­stands von damals in die Tat umzusetzen.

Ruf nach Boy­kott und Sanktionen

Trotz­dem: Je län­ger der Krieg dau­ert, desto mehr lei­det auch die Bevöl­ke­rung in Israel unter der Situa­tion. Führt das über kurz oder lang nicht zu einem Umdenken?

Nein, ich glaube nicht, dass es in naher Zukunft dazu kom­men wird. Es sei denn, wir bekom­men Hilfe von Grup­pen aus­ser­halb Isra­els, oder der Pro­zess in Den Haag geht wei­ter und die israe­li­sche Füh­rung kas­siert eine harte Strafe. Ohne eine sol­che Sank­tion sehe ich keine Per­spek­tive für eine andere Zukunft.

Ein mög­li­cher Aus­weg wäre eine wirt­schaft­li­che Strafe, wie in den Tagen, als die Welt sich mit einem Boy­kott gegen die Apart­heid in Süd­afrika stellte. Wenn das Glei­che im Fall von Israel mög­lich wäre, ja – dann, und nur dann wäre eine Ver­än­de­rung möglich.

Sie sind seit 2017 Mit­glied der inter­na­tio­na­len Kam­pa­gne «Boy­kott, Des­in­ve­sti­tio­nen und Sank­tio­nen» BDS, die genau dies zum Ziel hat. West­li­che Politiker:innen und Medien bezich­ti­gen BDS jedoch des Antisemitismus… 

«Anti­se­mi­tis­mus» ist ein Slo­gan, mit dem man gerne um sich schlägt, statt nach­zu­den­ken und hin­zu­se­hen, was wirk­lich geschieht. Ein Boy­kott ist der Weg, um Israel vor sich selbst zu ret­ten. Das hat mit Anti­se­mi­tis­mus nichts zu tun. Sonst wäre auch ich anti­se­mi­tisch. Ja, ich will ein ande­res Israel. Mich des­we­gen des Anti­se­mi­tis­mus zu bezich­ti­gen, ist absurd.

Der Westen unter­stützt die israe­li­sche Poli­tik und hält sich mit Kri­tik stark zurück – was hal­ten Sie davon und was sind ihre For­de­run­gen diesbezüglich?

Es braucht eine dra­sti­sche Umkehr in der Poli­tik des Westens. Als erstes soll­ten die USA und auch die Län­der Euro­pas auf­hö­ren, Mil­lio­nen von Dol­lars und Waf­fen nach Israel zu schicken. Sie sind der Treib­stoff, der diese Maschi­ne­rie des Has­ses und der Rache antreibt. Wenn die­ser Hahn zuge­dreht wird, funk­tio­niert die Maschine nicht mehr.

Kon­takt zu Palästinenser:innen

Pfle­gen Sie noch Kon­takte zu ihren Partner:innen und Freund:innen in den besetz­ten Gebie­ten? Was hören Sie von ihnen? Wie geht es ihnen?

Viele mei­ner Freun­din­nen und Freunde in Gaza gibt es nicht mehr. Sie und ihre Fami­lien wur­den durch die israe­li­schen Bom­ben­an­griffe im Gaza­strei­fen getö­tet. Mit den Leu­ten in der West­bank bin ich per Tele­fon in Kon­takt. Wäh­rend die IDF jüdi­schen Ärz­tin­nen und Ärz­ten seit 2007 ver­bie­ten, nach Gaza zu fah­ren, habe ich die West­bank min­de­stens ein­mal pro Woche besucht. Jetzt fehlt mir die Ener­gie dazu. Ich schäme mich für das, was meine Regie­rung und meine Armee den Men­schen dort antut. Was soll ich ihnen sagen? Die Situa­tion ist sehr schmerz­haft – und ich kann ihnen keine Unter­stüt­zung bieten.

Gleich­zei­tig hat kei­ner mei­ner palä­sti­nen­si­schen Freun­din­nen und Freunde, die noch am Leben sind, die Bezie­hung abge­bro­chen. Ich finde das unglaub­lich. Sie spre­chen immer noch mit mir und heis­sen mich will­kom­men, wenn ich sie besu­che. Sie sind in tief­ster Ver­zweif­lung und glau­ben nicht mehr daran, dass irgend­wel­che orga­ni­sier­ten Aktio­nen ihre Situa­tion ver­bes­sern können.

Was mich im Moment beson­ders beschäf­tigt, sind die Bestre­bun­gen zur Ver­nich­tung der UNRWA. Wenn man ver­sucht, die­ses Vor­ha­ben zu ana­ly­sie­ren und her­aus­zu­fin­den, wel­cher Gedanke dahin­ter­steckt, kommt man zu einem kla­ren Ergeb­nis: Das Ziel unse­res Pre­mier­mi­ni­sters und sei­ner Regie­rung ist, mit der UNRWA auch die Erin­ne­rung an die Nabka aus­zu­lö­schen und so den Palästinenser:innen ihre Exi­stenz­be­rech­ti­gung abzu­spre­chen. Sie sagen ja auch laut und deut­lich, dass sie die Palä­sti­nen­ser töten und den Gaza-Strei­fen aus­ra­die­ren wollen.

Für mich ist und bleibt unver­ständ­lich, wie ein Volk, des­sen Geschichte von Ver­trei­bung und Geno­zid geprägt ist, sich so ver­hal­ten kann…

Das ist sehr trau­rig, aber ein­fach zu ver­ste­hen: Sie sind gute Schü­ler von her­vor­ra­gen­den Leh­rern. Statt zu wider­spre­chen, kopie­ren sie. Sie ken­nen keine innere Scham, die sie davon abhal­ten würde, so zu den­ken und zu han­deln. Sie ahmen das Den­ken und Han­deln der Natio­nal­so­zia­li­sten in Deutsch­land nach. Ich zögere nicht, die Taten des schreck­li­chen Nazi­re­gimes mit dem zu ver­glei­chen, was die israe­li­sche Regie­rung und Öffent­lich­keit heute fühlt und tut.

Sie erzäh­len mir das jetzt hier am Tele­fon. Wenn Sie das in Israel aus­spre­chen wür­den, wäre das nicht gefähr­lich für Sie?

Ja, das ist es. Trotz­dem sage ich es. Ich spre­che zur Welt. Ich will, dass die Welt diese Worte hört und zu ver­ste­hen ver­sucht, wie gefähr­lich und häss­lich diese Art des Den­kens und des Han­delns ist.

Die Men­schen im Gaza­strei­fen ster­ben an Hun­ger, Trink­was­ser­man­gel und feh­len­der medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung. Sie haben keine Häu­ser mehr. Wie lange kön­nen sie so wei­ter lei­den? Die Men­schen im Westen, vor allem in Europa und hof­fent­lich auch in den USA, müs­sen begrei­fen, was für eine Kata­stro­phe hier vor sich geht. Und sie stop­pen. Sofort! Indem der israe­li­schen Regie­rung der Hahn zuge­dreht wird, und man das israe­li­sche Ver­hal­ten mit Boy­kot­ten jeg­li­cher Art sanktioniert.

Auch wenn man mich des­halb des Ver­rats bezich­tigt: Es ist der ein­zige mora­li­sche Weg, der heute noch offen ist, um den Teu­fels­kreis der Gewalt zu brechen.

Viel­leicht wer­den die heu­ti­gen Ver­rä­ter der­einst zu Hel­den und Hel­din­nen – aber erst in einer ande­ren Zukunft, von der ich nicht glaube, dass ich sie noch erle­ben werde.

©Gabriela Neu­haus, 2024

* «1000 Frauen und ein Traum», Off­road Reports GmbH (2005)

** Die Frie­dens­ak­ti­vi­stin und Erzie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin Nurit Peled-Elhanan enga­giert sich seit Jah­ren gegen die israe­li­sche Unter­drückungs­po­li­tik. Im Novem­ber 2023 wurde sie wegen eines Zitats im Grup­pen-Chat des Hoch­schul­kol­le­gi­ums von der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät in Jeru­sa­lem entlassen.

*** IDF – Israeli Defence Forces


© Off­road Reports GmbH

Ruch­ama Mar­ton, 2004 mit der mobi­len PHR-Kli­nik in der Westbank. 

…und wieder gehen alle hin?

Es ist wie­der soweit. Hört die Kriegs­trom­pe­ten! Sie rufen zum Schlach­ten und Geschlach­tet­wer­den. Krieg, lau­tet die Parole, sei der Preis für unsere Sicher­heit. Wer heute noch für Frie­den ohne Waf­fen, für Ver­hand­lun­gen, Abrü­stung und gewalt­freie Kom­mu­ni­ka­tion ein­tritt, wird aus­ge­grenzt. Politiker:innen von links bis rechts for­dern uni­sono Mil­li­ar­den, um die Armeen Euro­pas auf­zu­stocken und aufzurüsten.

Seit Beginn des Ukrai­ne­kriegs haben sich auch hier­zu­lande Grüne- und SP-Politiker:innen für eine Locke­rung des Waf­fen­aus­fuhr­ver­bots stark machen. Mehr noch: Sogar der Schwei­zer Frie­dens­rat hat sich zum Kriegs­un­ter­stüt­zer gewan­delt und wirbt aktu­ell unter dem Motto «Ukraine – the shield of Europe!» mit einem rake­ten­be­stück­ten Kriegs­po­ster für eine Soli­da­ri­täts-Demo am 24. Februar. Anlass ist der 2. Jah­res­tags des rus­si­schen Angriffs auf die Ukraine. Von «Frie­den schaf­fen ohne Waf­fen» keine Spur mehr. 

Im Gegen­teil, die Spi­rale dreht sich immer schnel­ler – die Kriegs­pro­pa­ganda wird immer dra­sti­scher, die Beträge für den Kauf von neuen Waf­fen­sy­ste­men immer astronomischer.

In der NZZ for­dert der Mili­tär­jour­na­list Georg Häs­ler – zusätz­lich zum bereits auf­ge­stock­ten Mili­tär­bud­get – eine «zeit­lich begrenzte Wehr­ab­gabe», um die Schwei­zer Armee auf Vor­der­mann zu brin­gen. «Es geht jetzt um einen Kraft­akt des Lan­des und auch der Bevöl­ke­rung für eine glaub­wür­dige Lan­des­ver­tei­di­gung», stellt Häs­ler in Aus­sicht und macht unmiss­ver­ständ­lich klar, dass nun Schluss sei mit «Frie­dens­di­vi­den­den» und gedros­sel­ten Mili­tär­aus­ga­ben. Jetzt müsse eben nach­ge­holt wer­den, was jah­re­lang ver­nach­läs­sigt wor­den sei, weil man aufs fal­sche Ross gesetzt habe, näm­lich auf Wirt­schafts­wachs­tum und soziale Sicher­heit – statt auf die Armee.

Einen wei­te­ren Akzent setz­ten die Kriegs­tromm­ler mit der laut­star­ken For­de­rung nach Atom­waf­fen für die EU. Dabei kamen Trumps Dro­hun­gen, die USA würde nur noch schüt­zen, wer bezahle, gerade recht: Das neue Nar­ra­tiv heisst, Europa müsse soweit auf­rü­sten, dass es sich selbst, auch ohne die USA, ver­tei­di­gen könne… Dazu gehöre auch die «ato­mare Abschreckung».

Mir kommt dies alles wie ein Alb­traum vor. Ein Rück­fall in längst über­wun­den geglaubte Zei­ten des Kal­ten Kriegs. Aller­dings war es kein ver­grei­ster Ex-Gene­ral, der die EU-Atom­bom­ben-Debatte ange­scho­ben hat. Nein, es war die deut­sche EU-Sozi­al­de­mo­kra­tin Kata­rina Bar­ley, die das Thema lan­ciert hat – und damit auf erschreckend viele offene Ohren gestos­sen ist. Was hätte ihr Par­tei­kol­lege Willy Brandt, der grosse Kämp­fer für Frie­den und Völ­ker­ver­stän­di­gung, wohl dazu gesagt?

Wäh­rend heute rundum soziale Errun­gen­schaf­ten wie faire Löhne, men­schen­wür­dige Arbeits­zei­ten oder eine sichere Alters­rente als blosse Kosten­trei­ber gebrand­markt wer­den, pro­sten sich die Militarist:innen zu. Seit Mona­ten klet­tern die Aktien der Rüstungs­kon­zerne in schwin­del­erre­gende Höhen. Der Rubel rollt, ihr Geschäfts­mo­dell hat Hochkonjunktur.

Und alle mar­schie­ren mit. «Die Welt­lage ist zu ernst, um als Euro­päer wei­ter in der Rolle der Halb­star­ken zu ver­har­ren», schreibt etwa der deut­sche Publi­zist Jac­ques Schu­ster in der Zei­tung «Die Welt». Und im «Echo der Zeit» malt Jens Oli­ver Schmitt, Pro­fes­sor für ost­eu­ro­päi­sche Geschichte an der Uni­ver­si­tät Wien, buch­stäb­lich den Teu­fel an die Wand: «Wir erle­ben im Moment nicht einen Krieg Russ­land gegen die Ukraine, son­dern das ist der erste Schritt zur Her­stel­lung einer rus­si­schen Hege­mo­nie über den gan­zen Kon­ti­nent.» Der Histo­ri­ker mit Bas­ler Wur­zeln ver­knüpft seine Behaup­tung mit dem Ruf nach rascher Auf­rü­stung, um «die Armeen wie­der kriegs­fä­hig zu machen».

Sätze, die wir von der Kriegs­pro­pa­ganda des 1. Welt­kriegs ken­nen. Damals spra­chen die Kriegs­trei­ber vom «rei­ni­gen­den Gewit­ter des Krie­ges» – heute ver­tickt man uns, dass ein sol­cher­art rei­ni­gen­des Stahl­ge­wit­ter Putin, den Popanz, und mit ihm halb Russ­land aus­ra­die­ren muss. Oder die Hamas, um den Ter­ro­ris­mus ein für alle­mal zu bodi­gen. Die Men­schen, die die­sen «Gewit­tern» zum Opfer fal­len, die getö­tet, ver­stüm­melt und ver­trie­ben wer­den: Kol­la­te­ral­scha­den, das gehört zum Krieg.

Die Gesin­nung ist die glei­che geblie­ben wie vor über hun­dert Jah­ren. Trotz zweier schreck­li­cher Welt­kriege und dem Auf­schrei «NIE WIEDER!» anno 1945… Schlim­mer noch: Die heu­tige Kriegs­ma­schi­ne­rie ist töd­li­cher und zer­stö­re­ri­scher denn je.

Und trotz­dem hält sich das ver­hee­rende Nar­ra­tiv hart­näckig, dass es zum Schutz von Frie­den und Frei­heit eine starke, gut aus­ge­rü­stete Armee brau­che. Gleich­zei­tig füh­ren uns die Bil­der aus Kriegs­ge­bie­ten wie Gaza oder der Ukraine vor Augen, wie­viel Leid und Zer­stö­rung, wel­ches Elend diese Kriegs­ma­schi­ne­rie bewirkt.

Für mich steht nach wie vor fest: Waf­fen sind und blei­ben in jedem Fall der fal­sche Weg. Sie wer­den nie Frie­den und Sicher­heit brin­gen, im Gegen­teil. Eine Armee, die trai­niert und aus­ge­rü­stet ist, wird frü­her oder spä­ter auch in den Krieg geschickt. Wenn die Erzäh­lung von der Abschreckung durch Auf­rü­stung tat­säch­lich funk­tio­nie­ren würde, wie man uns glau­ben machen will, warum wer­den dann trotz­dem so viele Kriege geführt?

Die Leid­tra­gen­den sind die Tau­sen­den von Men­schen, die als «Kol­la­te­ral­scha­den» der Welt­ge­schichte ihre Exi­stenz ver­lie­ren, die Soldat:innen, die in den Tod geschickt wer­den, die Umwelt, das Klima – wir alle… Weil die Kriegs­ma­schi­ne­rie mit Mil­li­ar­den-Inve­sti­tio­nen wei­ter geölt wird. Denn Waf­fen schaf­fen erst mal Pro­fit für jene, die fern vom Bom­ben­ha­gel in ihren Vil­len hocken..

Es ist an der Zeit, die lau­ten Kriegstrommler:innen zu über­tö­nen. Und jenen Men­schen Gehör zu ver­schaf­fen, die für andere Wege ein­ste­hen. Weil sie gelernt haben, dass durch Waf­fen­ge­walt erzwun­ge­ner Friede immer den Keim für den näch­sten Krieg ent­hält. – Die­ser Teu­fels­kreis kann durch­bro­chen wer­den, wenn wir Men­schen uns ohne Wenn und Aber für Frie­den ohne Waf­fen ent­schei­den – und uns gemein­sam, ernst­haft und mit Ent­schlos­sen­heit auf allen Ebe­nen dafür einsetzen. 

Marktgespräch

Sams­tag­mor­gen, Märit­mor­gen. Vor dem Coop ver­tei­len zwei Män­ner Abstim­mungs­ma­te­rial. Der eine mit Hut und Schnauz. Unter der brau­nen Jacke ein zer­schlis­se­ner hell­blauer Roll­kra­gen­pull­over, freund­li­ches Lachen. Der andere wohl­ge­nährt, Leder­jacke und eben­falls gut­ge­launt, aufgestellt.

Zwei Gewerk­schaf­ter, im End­spurt um die AHV-Initia­ti­ven, denke ich. Und schon streckt mir der Schnauz­bär­tige einen Flyer ent­ge­gen. Um auch bei mir noch ein­mal für ein JA zur 13. AHV-Rente zu werben.

«Danke», meine Ant­wort. «Ich habe bereits abge­stimmt – und bin zuver­sicht­lich: Das kommt schon gut!» – Er scheint nicht ganz so über­zeugt und meint: «Ja, das wol­len wir doch hof­fen – es könnte aber knapp wer­den. Wegen der Finan­zie­rung… Aber da gibt es ja ver­schie­dene Mög­lich­kei­ten, nicht nur die Lohn­pro­zente.… man könnte auch die Natio­nal­bank­ge­winne nutzen…»

Ich spinne den Faden wei­ter: «Warum nicht eine Ver­mö­gens­steuer? – Geld gibt es auf alle Fälle genug, in der rei­chen Schweiz.»

Ein Wort ergibt das andere. Und schon sind wir beim Bun­des­haus­halt. Laut Ver­laut­ba­rung unse­rer amtie­ren­den Bundesrät:innen soll sich die Schweiz weder eine 13. AHV-Rente noch son­stige wei­tere Bil­dungs- oder Sozi­al­aus­ga­ben lei­sten kön­nen, zusätz­li­che Mil­li­ar­den­aus­ga­ben für die Auf­stockung der Armee aber schon…

Keine gute Idee, auch da schei­nen wir uns einig zu sein. Und mer­ken an, dass es momen­tan chan­cen­los sei, für Spar­mass­nah­men bei der Armee zu plädieren.

Ja, seit dem Krieg in der Ukraine habe die Stim­mung gedreht, stellt mein Gesprächs­part­ner fest. Frie­den sei zu einem Unwort gewor­den. Und fährt – fast trot­zig – fort: «Ich for­dere trotz­dem Frie­den. Das ist wich­tig, gerade jetzt. Es kann nicht sein, dass immer noch mehr Men­schen ster­ben und die Grä­ben immer tie­fer wer­den, der Hass immer grösser.»

Um den Krieg in der Ukraine zu been­den, bräuchte es zwei Dinge, fährt er fort: Das Land müsste sich zur Neu­tra­li­tät ver­pflich­ten, und im Osten der Ukraine, wo viele Men­schen rus­si­scher Mut­ter­spra­che seien, müsste Rus­sisch als Amts­spra­che zuge­las­sen wer­den. So wie wir in der Schweiz ja auch vier ver­schie­dene Lan­des­spra­chen hätten.

Mit einer sol­chen Poli­tik, so sein Fazit, hätte Putin wohl nicht ange­grif­fen. Obschon der Herr im Kreml alles andere als ver­trau­ens­wür­dig sei… Unter einem sol­chen Régime, auch da sind wir uns einig, möch­ten wir kei­nes­falls leben.

Die­sen letz­ten Satz hat der Kol­lege mit Leder­jacke auf­ge­schnappt, der sich bis­lang aus unse­rem Gespräch raus­ge­hal­ten und fleis­sig wei­ter Flyer ver­teilt hat. «Des­halb brau­chen wir eine starke Armee, damit wir uns ver­tei­di­gen kön­nen, wenn einer wie Putin angreift!», ruft er in die Runde.

Noch bevor ich fra­gen kann, wie genau er sich das Resul­tat einer solch mili­tä­ri­schen Ver­tei­di­gung vor­stelle, wirft sein Genosse schnell ein: «Natür­lich bin ich für eine starke Armee. Zur Ver­tei­di­gung. Unsere Armee greift ja nicht an, sie ver­tei­digt nur.» Und ver­tei­di­gen, das stehe fest, müsse sein.

Das habe man ja nun wie­der gese­hen mit Gaza. Oder Berg Kara­bach: Die armen Arme­nier seien ein­fach ver­trie­ben wor­den. Aber nie­mand sei für sie ein­ge­stan­den, nie­mand inter­es­siere sich für deren Schick­sal. Dabei müsste man auch gegen die Tür­kei und Aser­bai­dschan kla­gen, wegen Völ­ker­mords. «Ist das Leben der Chri­sten dort etwa weni­ger wert als jenes der Mus­lime in Gaza?», fragt der Schnauz­bär­tige. Wor­auf ich, schon fast ver­zwei­felt: «Jedes Leben ist gleich viel wert!»

Spä­te­stens jetzt wird es mir unheim­lich. Das Gespräch hatte gut ange­fan­gen und droht zu ent­glei­sen. Ich ver­su­che noch ein­mal anzu­knüp­fen: «Waf­fen­ge­walt kann nie die Ant­wort sein», sage ich. Gewalt erzeuge nur Gegen­ge­walt, Zer­stö­rung, Leid…

«Krieg ist nicht schön», räumt der Sil­ber­rücken mit der Leder­jacke ein. «Auch mir tun die jun­gen Sol­da­ten leid, die ins Gras beis­sen müs­sen.» Trotz­dem: Ver­tei­di­gung müsse sein. Wir ver­ab­schie­den uns, einig mit den bei­den Her­ren, was das wünsch­bare Ergeb­nis der AHV-Abstim­mung sein soll. Aber ansonsten?

Auf dem Heim­weg fra­gen wir uns, wie das nun war, mit dem Weg zum Frie­den. Und ob die bei­den gmö­gi­gen älte­ren Her­ren nun wirk­lich Gewerk­schaf­ter seien – oder eher der SVP nahe­ste­hende Dem­nächst­rent­ner. Wer weiss? Gewisse Fra­gen kom­men einem oft zu spät in den Sinn.

Dass die Bei­den das eine wie das andere in Per­so­nal­union sein könn­ten, erscheint uns so exo­tisch, wie einen Eis­bä­ren auf den Male­di­ven zu tref­fen. Immer­hin haben wir uns trotz der teil­weise unter­schied­li­chen Stand­punkte zivi­li­siert unter­hal­ten und dis­ku­tiert. Und das ist, in Zei­ten wie die­sen, ja schon mal fast etwas Aus­ser­or­dent­li­ches. Oder?

Paris macht’s vor

Die Inter­na­tio­nale Ener­gie­agen­tur IEA for­dert drin­gend Mass­nah­men gegen die wach­sende Ver­brei­tung der Sport Uti­lity Vehic­les, abge­kürzt SUV. Auf deutsch nennt man sie etwas pro­fa­ner Gelän­de­wa­gen. Man braucht sie zum Bei­spiel, um Kin­der von der Schule abzu­ho­len und ins Eis­hockey-Trai­ning zu fah­ren. Oft als Zweit­wa­gen für Gut­be­tuchte in Vor­or­ten. Lon­don nennt sie Chel­sea Trac­tors und in Zürich heis­sen sie Züriberg-Panzer.

Trotz aller Nach­hal­tig­keits­dis­kus­sio­nen im Auto­mo­bil­sek­tor ist mitt­ler­weile jeder zweite in Europa ver­kaufte Neu­wa­gen ein SUV. Auch in der Schweiz lei­sten sich Käu­fe­rin­nen und Käu­fer immer öfter ein Sta­tus­sym­bol mit Vier­rad­an­trieb. Lie­ber ein biss­chen zu gross als zu klein. Man weiss ja nie. Wenn es knallt, kann etwas mehr Knautsch­zone nicht schaden.

Der ZAHW-For­scher für nach­hal­tige Ener­gie­sy­steme Jochen Mar­kard stellt im Zusam­men­hang mit die­ser SUV-Mode ein «poli­ti­sches Ver­sa­gen» fest. Bedau­er­li­cher­weise sei die­ser Trend nicht zu brem­sen, wie er in einer kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Stu­die ausführt.

Wirk­lich nicht? – Allen Wider­stän­den und Pro­te­sten zum Trotz, macht die Bür­ger­mei­ste­rin von Paris einen ersten Schritt um die SUVs aus der Agglo fern­zu­hal­ten: Künf­tig müs­sen dort aus­wär­tige Gelän­de­wa­gen fürs Par­kie­ren den drei­fa­chen Preis bezah­len. Statt 6 kostet ein Park­platz neu 18 Euro die Stunde. Für sechs Stun­den Par­ken im Zen­trum zahlt man dem­nach statt wie bis­her 75 Euro deren 225.—.

Die schwe­ren Karos­sen ver­ur­sa­chen mehr Umwelt­ver­schmut­zung und bean­spru­chen zuviel Platz – dies die Begrün­dung für die höhe­ren Kosten. Das ist nichts ande­res als Preis­be­rech­nung nach dem Ver­ur­sa­cher­prin­zip, in einer Stadt, wo 60 Pro­zent der Bewohner:innen gar kein Auto haben. Das wird betuchte Unver­bes­ser­li­che nicht davon abhal­ten in der Stadt zu par­ken. Aber ein Gut­teil der SUV-Fans aus der Agglo­me­ra­tion wird sich wohl über­le­gen, ob sich die ner­vende Suche nach weni­gen, sack­teu­ren Park­plät­zen lohnt.

Die Debatte rund um die neuen Pari­ser Park­ge­büh­ren hat in den Medien ein gros­ses Echo gefun­den: Wie immer, wenn Autofahrer:innen ihre Frei­heit bedroht sehen, gin­gen die Emo­tio­nen hoch. Dabei ist es mehr als recht, dass die Wohn­be­völ­ke­rung der Stadt sich gegen die Inva­sion von Gelän­de­fahr­zeu­gen aus dem Umland stemmt. Und weil SUVs nicht ein­fach per Gesetz vom Stadt­ge­biet ver­bannt wer­den kön­nen, steu­ert man eben übers Portemonnaie.

Dies ist ein wei­te­rer cle­ve­rer Schritt der Pari­ser Stadt­re­gie­rung auf dem Weg zur Rück­erobe­rung des Stras­sen­raums als Lebens­raum. Seit über zehn Jah­ren enga­giert sich Bür­ger­mei­ste­rin Anne Hidalgo mit Erfolg für ihre Vision: Ent­lang der Seine wur­den mitt­ler­weile kilo­me­ter­lange Schnell­stras­sen­ab­schnitte auf­ge­ho­ben und zu attrak­ti­ven Fla­nier­mei­len umge­stal­tet. Das schafft Platz für neue Ent­wick­lun­gen, Begeg­nun­gen und andere For­men der Mobi­li­tät. Bereits 2019 konn­ten wir uns, anläss­lich unse­res letz­ten Besuchs in Paris 2019, sel­ber davon über­zeu­gen, dass die Bevöl­ke­rung die neue Frei­heit zu Fuss und per Velo geniesst. Ein Rück­bau zu Auto­bahn­schneise ist kein Thema mehr.

Wie in ande­ren Städ­ten, gab es wäh­rend Corona auch in Paris zahl­rei­che Pop-Up Velo­wege – mitt­ler­weile wur­den diese in über 50 Kilo­me­ter neue dau­er­hafte Rad­spu­ren umge­wan­delt. Bis 2026 sol­len zudem 70’000 Park­plätze neuen Grün­flä­chen und Velo­we­gen Platz machen. Im Som­mer 2021 setzte Anne Hidalgo zudem ein wei­te­res Wahl­ver­spre­chen um: Prak­tisch in der gan­zen Stadt gilt ein Tem­po­li­mit von 30 km/​h.

Hand in Hand mit die­sen Mass­nah­men braucht es natür­lich auch einen Aus­bau des öffent­li­chen Ver­kehrs. Ziel ist, dass durch die bes­sere Ver­net­zung der Innen­stadt mit der Ban­lieue der­einst Autos gar nicht mehr in die Stadt fah­ren müssen.

Schaut man sich die Ent­wick­lun­gen in Paris an, stellt sich unver­mit­telt die Frage: Warum geht das nicht auch bei uns? Längst ist die fran­zö­si­sche Metro­pole nicht mehr das ein­zige Vor­bild, von dem sich die Schwei­zer Politiker:innen und Planer:innen inspi­rie­ren las­sen soll­ten. Ver­kehrs­be­freite Quar­tiere und Fluss­ufer erobern in Europa Stadt um Stadt. Und Stadtbewohner:innen besit­zen immer öfter gar kein Auto mehr. Weil sie’s nicht brauchen.

In ihrem anschau­li­chen Arti­kel «So viel Platz» vom 26. Januar 2024 zeigt die taz auf, wel­ches Poten­zial etwa in Ham­burg frei­ge­legt wird, wenn der Trend zu weni­ger Indi­vi­du­al­ver­kehr wei­ter­hin anhält. Sie kommt auf die stolze Zahl von 2’746’237 Qua­drat­me­tern öffent­li­chem Frei­raum. Ihr Fazit: «Es wird viel neuen Platz geben in den Städ­ten, wenn die Autos etwas von dem Raum abge­ben, den sie bean­spru­chen, wenn sie ste­hen, fah­ren oder tanken.»

Propaganda-Pädagogik

Bil­dung ver­bes­sert die Welt. Ein weit­ver­brei­te­tes Credo. Die UN-Agenda 2030 für nach­hal­tige Ent­wick­lung for­dert denn auch für alle Kin­der, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen – ins­be­son­dere für die Ärm­sten und am mei­sten Benach­tei­lig­ten – Zugang zu einer hoch­wer­ti­gen Grund- und Berufsausbildung. 

Das dekla­rierte Ziel: Bil­dung soll einen Bei­trag zu einer «siche­ren, nach­hal­ti­gen und inter­de­pen­den­ten Welt lei­sten.» Schöne Worte – und die schu­li­sche Realität?

Im nahen Osten – genauer, «from the river to the sea» – ist Bedenk­li­ches fest­zu­stel­len. Im Zusam­men­hang mit der For­de­rung, dem Palä­sti­nen­ser-Hilfs­werk UNRWA den Geld­hahn abzu­dre­hen, wird immer wie­der der Vor­wurf laut, die­ses finan­ziere mit west­li­cher Unter­stüt­zung Schul­ma­te­rial, das die Ver­nich­tung Isra­els propagiere.

Israel-nahe Orga­ni­sa­tio­nen wer­den, mit tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung des west­li­chen Medi­en­chors nicht müde, palä­sti­nen­si­sche Schu­len in den besetz­ten Gebie­ten der Hetze gegen Israel zu bezich­ti­gen. Sie schaff­ten es sogar, eine von der EU in Auf­trag gege­bene Stu­die des Leib­nitz-Insti­tuts für Bil­dungs­me­dien zu skan­da­li­sie­ren, weil die Ana­lyse von palä­sti­nen­si­schen Lehr­mit­teln ein dif­fe­ren­zier­tes Bild ergab – von inak­zep­ta­blem Lehr­ma­te­rial bis zu Schul­bü­chern, die voll und ganz den UNESCO-Emp­feh­lun­gen entsprechen.

Was hin­ge­gen an israe­li­schen Schu­len gelehrt wird, scheint im ver­ei­nig­ten, von Holo­caust-Ver­ant­wort­lich­keit gezeich­ne­ten Europa und den USA kein Thema zu sein. Die Rol­len von Gut und Böse sind von vorn­her­ein ver­ge­ben. Dabei bringt ein Blick in israe­li­sches Schul­ma­te­rial Ver­gleich­ba­res zutage, wie auf der ande­ren (palä­sti­nen­si­schen) Seite: Ansätze, die aus Men­schen­rechts­per­spek­tive tadel­los sind, aber auch die gesamte Palette von offen­sicht­li­cher Hetze bis zur sub­ti­len Ver­mitt­lung dis­kri­mi­nie­ren­der Ste­reo­ty­pen und Vorurteile.

So sug­ge­rie­ren israe­li­sche Schul­bü­cher jüdi­schen Kin­dern etwa, sie seien etwas Bes­se­res als ihre palä­sti­nen­si­schen Kamerad:innen. Und dass das Land «from the river to the sea» allein den Israe­li­ten zustehe. – Palästinenser:innen wer­den als «schmut­zige Mas­sen auf­ge­putsch­ter Men­schen» bezeich­net und dar­ge­stellt. Sie seien «pri­mi­tiv, unter­wür­fig, abar­tig, kri­mi­nell und böse» und «ein Pro­blem, das gelöst wer­den muss».

Dies nur einige wenige Bei­spiele, die Nurit Peled-Elhanan in ihrem Buch «Palä­stina in israe­li­schen Schul­bü­chern» auf­führt. Die israe­li­sche Erzie­hungs­wis­sen­schaf­te­rin, die in ihrem Land zur Per­sona non grata erklärt wurde, kri­ti­sierte in ihrer Publi­ka­tion bereits vor zehn Jah­ren, dass junge Israe­lis durch die ideo­lo­gi­sche Indok­tri­nie­rung an den Schu­len zu Feind­se­lig­keit und Ver­ach­tung gegen­über Palä­sti­nen­se­rin­nen und Palä­sti­nen­sern erzo­gen würden.

Damit nicht genug: Jüdi­sche Fami­lien in Israel kön­nen wäh­len, ob sie ihre Kin­der in eine staat­li­che Schule, eine reli­giöse oder eine ortho­doxe schicken wol­len. Für die palä­sti­nen­si­schen Kin­der gibt es eigene Schu­len, deren Lehr­mit­tel vom israe­li­schen Staat zen­su­riert werden.

Die Tat­sa­che, dass jüdi­sche Kin­der sepa­rate Schu­len besu­chen, hat zudem zur Folge, dass sie kaum Begeg­nungs­mög­lich­kei­ten mit der ara­bi­schen Welt haben, wo sie posi­tive Erfah­run­gen des Zusam­men­le­bens machen könn­ten. Sie haben keine palä­sti­nen­si­schen Spielkamerad:innen, wie auch palä­sti­nen­si­sche Kin­der unter sich blei­ben. Also basiert das «Wis­sen» der Kin­der «über die Ande­ren» aus­schliess­lich auf den Zerr­bil­dern, die sie aus ihren Schul­bü­chern ken­nen. Das ist men­schen­feind­li­che Pro­pa­ganda-Päd­ago­gik. Die an israe­li­schen Schu­len ver­mit­tel­ten Nar­ra­tive sind sind somit kei­nen Deut bes­ser als die Ver­feh­lun­gen, die der Hamas vor­ge­wor­fen werden.

Wie wich­tig Schul­bü­cher zur Frie­dens­stif­tung «in den Köp­fen der Män­ner und Frauen» sind, erkann­ten schon die Gründer:innen der UNESCO. Nach den Erfah­run­gen des 2. Welt­kriegs erklär­ten sie die Ent­wick­lung von Schul­bü­chern zum zen­tra­len Schwer­punkt, «als päd­ago­gi­sches Werk­zeug zur För­de­rung des Frie­dens durch gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis, ins­be­son­dere zwi­schen ehe­ma­li­gen Gegnern».

Die dama­li­gen Richt­li­nien gel­ten bis heute: Qua­li­ta­tiv hoch­wer­tige Schul­bü­cher dür­fen keine schäd­li­chen Ste­reo­ty­pen und Vor­ur­teile ent­hal­ten. Eine Anfor­de­rung, die israe­li­sche Schul­bü­cher wie die­je­ni­gen der Hamas glei­cher­mas­sen unge­nü­gend erfül­len. Schlim­mer noch: Das gesamte Schul­sy­stem per­p­etu­iert und ver­tieft die Grä­ben in der Gesell­schaft und den Krieg.

Wenn Schule und Bil­dung zu einer bes­se­ren Welt und zum Frie­den bei­tra­gen sol­len, braucht es in Israel einen dra­sti­schen System­wech­sel hin zu einem inte­gra­ti­ven Schulsystem.

Die For­de­rung der UNESCO lau­tet dies­be­züg­lich: Alle Kin­der soll­ten soweit mög­lich zusam­men ler­nen, unge­ach­tet der Unter­schiede in Bezug auf eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit, Geschlecht, Kul­tur, wirt­schaft­li­che Situa­tion, schu­li­sche Lei­stun­gen oder Gesund­heits­zu­stand. Für Israel heisst dies zwin­gend: Keine sepa­rier­ten Schu­len mehr, die Begeg­nun­gen und das Zusam­men­le­ben von jüdi­schen und ara­bi­schen Kin­dern auf allen Ebe­nen fördern!

Das ist keine Uto­pie. Initia­ti­ven und Bei­spiele, dass gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis und Zusam­men­le­ben geht, gibt es auch in Israel. So haben etwa der palä­sti­nen­si­sche Erzie­hungs­wis­sen­schaft­ler Sami Adwan und der israe­li­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Dan Bar-On bereits vor 20 Jah­ren gemein­sam ein Schul­buch ent­wickelt, das die bei­den Sicht­wei­sen auf die Geschichte und die gesell­schaft­li­chen Pro­zesse im Nahen Osten zu ver­mit­teln ver­sucht. Lei­der wird es von bei­den Sei­ten bis heute kaum eingesetzt.

Ob zio­ni­sti­sche Extre­mi­sten in Israel oder palä­sti­nen­si­scher Extre­mis­mus in Gaza – sie glei­chen sich aufs Haar und wol­len nur eins: Ihre Welt­sicht durch­set­zen. Solange das so bleibt, gibt es keine Chance auf eine Bes­se­rung der Situa­tion, geschweige denn auf Frieden.

Nurit Peled-Enhanan prä­sen­tiert ihre Recher­chen und spricht zur aktu­el­len Situa­tion – ein­drück­li­ches Web­i­nar (auf eng­lisch) vom 8. Januar 2024

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