Muttersein – weder Gütesiegel noch politisches Programm!

Die SP wur­de mit dem Rücktritt von Bundesrätin Simonetta Sommaruga vor einem Monat sicht­lich auf dem fal­schen Fuss erwischt. Trotzdem reagier­te die Parteileitung schnell und prä­gnant: Sofort gab sie die Order durch, für die Nachfolge kom­me nur eine Frau infra­ge. Dabei liess sie nichts ver­lau­ten über deren poli­ti­sche Positionierung, Erfahrung und Zukunftsvision: im Moment unwich­tig, zweit­ran­gig. Das Profil der Wunschkandidatin lau­te­te schlicht und ein­fach: eine jun­ge Mutter.

Damit woll­te die SP-Spitze wohl zei­gen, wie auf­ge­schlos­sen und à jour sie ist. Und merk­te nicht, dass sie aus­ge­rech­net mit die­ser Fokussierung ein­mal mehr alte Clichés bedient und sich in die trü­ben Fahrwasser der Gender-Diskriminierung ver­irrt hat.

Die meis­ten Menschen hier­zu­lan­de wür­den den Vorwurf, Frauen auf ihre Kleidung, Frisur oder das Muttersein zu redu­zie­ren weit von sich wei­sen. Zu recht. Gleichzeitig ist es aber eine Tatsache, dass die­se Attribute je nach Gender-Status einer Person unter­schied­lich gewich­tet werden.

Oder kann sich jemand erin­nern, dass je ein männ­li­cher Politiker zum Bundesratskandidaten gekürt wur­de, weil er «ein jun­ger Vater» war? – Was wis­sen wir über­haupt über das Vatersein unse­rer Bundesräte? Müssen wir dar­über etwas wis­sen? Und: Welche Rolle darf – oder soll – der Familienstatus eines Politikers, einer Politikerin spielen?

Bei der Suche nach einer «jun­gen Mutter» für den Bundesrat durf­te natür­lich der Hinweis auf Vorbilder im Ausland nicht feh­len. Dazu gehört etwa die Premierministerin von Neuseeland, Jacinda Ardern. Die pro­fi­lier­te Politikerin, die sich ins­be­son­de­re für sozia­le Gerechtigkeit und Umweltschutz enga­giert, wur­de 2017 zur Premierministerin gewählt – wegen ihres Parteiprogramms. Dieses dürf­te sich mit der Geburt ihrer Tochter 2018 kaum ver­än­dert haben. Zumindest nicht, wegen dem Kind.

Obschon uns die SP und die Medien in den letz­ten Wochen das Gegenteil weis­ma­chen woll­ten: Muttersein ist weder ein Gütesiegel noch ein Programm. Aber sehr wohl ein Unique Selling Point im heu­ti­gen Politikgeschäft. Nachdem eine Mutterpolitikerin nach der ande­ren abge­wun­ken hat­te, blieb schliess­lich Evi Allemann als ein­zi­ge «jun­ge Mutter» übrig.

Die Berner Regierungsrätin ist 44 Jahre alt und hat zwei schul­pflich­ti­ge Kinder im Alter von 7 und 11 Jahren. Eine jun­ge Mutter? Echt jetzt? — Ob die­se Etikette ein Etikettenschwindel war, spielt aber letzt­end­lich kei­ne Rolle. Fakt ist: Evi Allemann wur­de wäh­rend der gesam­ten Kandidatinnenkür auf ihr Muttersein redu­ziert. Das hat sie nicht ver­dient – auch wenn sie am rech­ten Rand der SP poli­ti­siert und für mich nie und nim­mer eine Wunschkandidatin gewe­sen wäre. Kinder hin oder her.

 

Forschen statt handeln

Fast zehn Jahre sind es, dass wir für die Wissenschaftssendungen auf 3sat und im Schweizer Fernsehen einen Filmbeitrag über das Leiden von Legehennen dreh­ten. Damals stell­ten Wissenschaftler:innen am Geflügelforschungszentrum Aviforum in Zollikofen fest, dass rund die Hälfte aller unter­such­ten Hühner unter Brustbeinbrüchen litten.

Dies, obschon in der Schweiz die Käfighaltung von Hühnern seit Jahren ver­bo­ten ist und Volièren eigent­lich als tier­ge­rech­ter gel­ten. Aufgrund von ers­ten Tests ver­mu­te­ten die Forschenden damals, dass sich die Tiere mög­li­cher­wei­se an den har­ten Eisenstangen ver­letz­ten und mit dem Einsatz von wei­che­ren Materialien das Problem ent­schärft wer­den könnte.

Allerdings stell­te Forschungsleiter Hanno Würbel, der ein­zi­ge Professor für Tierschutz hier­zu­lan­de, schon damals klar: «Möglicherweise liegt es nicht am Haltungssystem, son­dern an der Leistungszucht, die uns Vögel beschert hat, bei wel­chen auf­grund ihrer hohen Legeleistung die Knochen der­art aus­ge­zehrt wer­den, dass es zu Osteoporose kommt und das Problem gar nicht zu ver­hin­dern ist, mit den Legehybriden, mit wel­chen wir heu­te arbeiten.»

Neuste Zahlen zei­gen noch erschre­cken­de­re Resultate: Im Rahmen eines wei­te­ren Forschungsprojekts der Uni Bern wur­den 150 Legehennen wäh­rend zehn Monaten regel­mäs­sig geröntgt. Dabei zeig­te sich, dass nicht nur die Hälfte, son­dern 97% der Tiere ein gebro­che­nes Brustbein hat­ten – bei vie­len gab es gar mehr­fa­che Frakturen.

«Brüche ver­ur­sa­chen Schmerzen – auch das Tier emp­fin­det Schmerzen, es gibt kei­ne Hinweise dar­auf, dass Vögel in die­ser Hinsicht anders reagie­ren als Menschen», kom­men­tier­te die Biologin Sabine Gebhardt bereits anno 2013. «Sie sind dar­auf gezüch­tet, Eier zu legen, und die legen sie halt, egal ob sie Schmerzen haben oder nicht, inso­fern ist die Legerate kein Mass dafür, wie gut es den Tieren geht.»

Die Wissenschaft hat auch dies­be­züg­lich wei­ter geforscht – Michael Toscano, Leiter des Zentrums für tier­ge­rech­te Haltung an der Universität Bern, bestä­tig­te gegen­über dem K‑Tipp die Feststellungen von Sabine Gebhardt auf­grund neu­er Forschungsresultate: «Hennen mit gebro­che­nen Knochen bewe­gen sich weni­ger. Sie brau­chen län­ger beim Absteigen von ihren Sitzstangen. Und sie wäh­len zum Trinken häu­fi­ger Wasser, das Schmerzmittel enthält.»

Das Problem ist längst erkannt. Mittlerweile bestä­ti­gen auch Forschende in Deutschland und Dänemark, dass die welt­weit enorm häu­fi­gen Brustbeinbrüche bei Hühnern Folgen einer glo­ba­len auf Hochleistung getrimm­ten Zucht sind – unab­hän­gig von Bio‑, Freiland‑, Boden‑, Käfig–  oder Volièrenhaltung.

Eine Henne legt in den heu­te gän­gi­gen Produktionsbetrieben pro Jahr im Schnitt 323 Eier – also fast täg­lich ein Ei. Dafür braucht sie enor­me Mengen an Kalzium, das dann in den Knochen fehlt. Meist ist das Brustbein an der Spitze gebro­chen – dies könn­te laut einer däni­schen Studie auf den Druck beim Eierlegen zurück­zu­füh­ren sein. Lars Schrader vom Deutschen Institut für Tierschutz und Tierhaltung ITT spricht in die­sem Zusammenhang von einer «Sollbruchstelle» – sein Fazit: «Wir sind an der Grenze der Leistungsfähigkeit der Tiere angelangt.»

Tatsache ist: Die Grenze ist längst über­schrit­ten. Oder, wie es der Forscher Hanno Würbel for­mu­liert: «Mit der heu­ti­gen Haltung und der Zucht von Hühnern sind Schmerz und Leiden für vie­le Tiere unver­meid­bar. Und das ist ein­fach nicht haltbar.»

Und was tut der Mensch?

Während täg­lich Milliarden gene­tisch ver­krüp­pel­ter Legehennen wei­ter unter Schmerzen für uns Eier legen, wird ein­mal mehr geforscht. Statt solch tier­feind­li­chen Produktionsmethoden ein für alle­mal zu ver­bie­ten und dem Leiden end­lich ein Ende zu set­zen, but­tert z.B. die ame­ri­ka­ni­sche Wohltätigkeitsstiftung Open Philanthropy 2,7 Millionen US-Dollar in ein Forschungsprojekt für die Zucht von Hühnern «mit gesün­de­rer Genetik» – bei gleich­blei­ben­der Produktivität. 

Dabei arbei­ten die Forschenden aus­ge­rech­net mit jenen zusam­men, wel­che die Hauptverantwortung für das Leiden der Tiere tra­gen: Zusammen mit den bei­den Weltmarktführern für Zuchthennen, der deut­schen EW Group und der hol­län­di­schen Hendrix Genetics, soll die Basis gelegt wer­den, um mit geziel­ter gene­ti­scher Selektion neue Hochleistungshybriden zu züch­ten, die weni­ger anfäl­lig sind für Knochenbrüche. 

Ob das über­haupt gelin­gen kann, und zu wel­chem Preis für die Tiere, weiss man erst in fünf Jahren. Mindestens bis dahin müs­sen wir beim unbe­dach­ten Eierkonsum das Leiden der Hennen ver­drän­gen und den Gedanken dar­an halt schnell herunterschlucken.

 

PS:

Ein klei­ne Auswahl wei­ter­füh­ren­der Links zum Thema Agrobusiness und indus­tri­el­le Hühnerzucht:

https://kritischer-agrarbericht.de/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2015/KAB2015_227_231_Gura.pdf

https://en.aviagen.com/news-room/videos/good-welfare-is-good-business/

 

Für immer verstummt

Mitte November. In den Läden türmt sich Advents- und Weihnachtskrimskrams ohne Ende, als ob die Welt in Ordnung wäre und es weder Krieg noch Klimawandel gäbe. Gleich neben dem Eingang Lindt-Pralinenpackungen in allen Grössen und Formen. Der Anblick der roten Adventskalender, wo hin­ter jedem Türchen eine ver­füh­re­ri­sche Schoggi-Überraschung steckt, weckt Erinnerungen…

Genau ein Jahr ist es her, dass wir einen sol­chen Kalender gekauft und mit einer Weihnachtskarte ver­se­hen auf die Reise nach Berlin geschickt haben. Damit er recht­zei­tig ankommt und die Empfängerin nicht noch Gebühren bezah­len muss, bevor sie das Geschenk in Empfang neh­men darf, haben wir das Paket über die Landesgrenze gebracht und in Jestetten der Deutschen Post übergeben.

Weil wir sicher waren, dass unse­re über 90jährige Freundin, Frau Oellrich, die Tür nur noch öff­ne­te, wenn sie genau wuss­te, wer klin­gelt, rief ich sie am fol­gen­den Tag an, um ihr unse­re Postsendung anzu­kün­di­gen. Oder bes­ser gesagt: Ich ver­such­te, sie anzu­ru­fen. Das Telefon klin­gel­te, aber nie­mand ging ran.

Das Gleiche wie­der­hol­te sich am nächs­ten und über­nächs­ten Tag. Langsam wur­de ich unru­hig, was war los? Das Telefon klin­gel­te ganz nor­mal – also muss­te der Anschluss noch in Betrieb sein, fol­ger­te ich. Vielleicht war unse­re Berliner Bekanntschaft im Krankenhaus? Oder muss­te kürz­lich in ein Heim ein­ge­wie­sen wer­den? Schliesslich war sie in einem Alter, wo das Alleinleben immer beschwer­li­cher wur­de. Davon hat­te sie mir auch bei mei­nem letz­ten Anruf erzählt. Ohne jedoch zu kla­gen, wie es eben ihre Art war.

Unser letz­tes Gespräch lag nun aller­dings auch schon ein paar Monate zurück. Ich glau­be, es war im Frühjahr 2021, als wir uns das letz­te Mal am Telefon aus­ge­tauscht hat­ten. Damals klin­gel­te es bei ihr nur drei- oder vier­mal, und schon mel­de­te sich ihre war­me, auf­ge­stell­te Stimme. Wie immer hat­te sie auf dem Display gese­hen, dass der Anruf aus der Schweiz kam. So muss­te ich nicht ein­mal mei­nen Namen nen­nen, schon frag­te sie mich nach unse­rem Wohlergehen und woll­te alles wis­sen, über unse­re Gesundheit und was wir so trieben.

Dabei blieb es jedoch nie. Frau Oellrich ver­liess zwar kaum mehr ihre Wohnung, hat­te wenig Besuch und leb­te ein ein­sa­mes, zurück­ge­zo­ge­nes Leben. Gleichzeitig nahm sie inner­lich teil am aktu­el­len Weltgeschehen. Wir spra­chen damals über Corona, den Klimawandel, die poli­ti­schen Verwerfungen. Sie war bes­tens infor­miert, schau­te in ihren oft schlaf­lo­sen Nächten Dokumentarfilme und brann­te dar­auf, mei­ne Einschätzungen zu den Dingen zu hören. In der Regel dau­er­ten unse­re Telefongespräche eine Stunde und mehr.

Und nun? Etwas stimm­te nicht, auch wenn ich es mir nicht ein­ge­ste­hen woll­te. Nach unzäh­li­gen wei­te­ren erfolg­lo­sen Anrufversuchen such­te ich in mei­nem Archiv nach der Mailadresse ihrer ehe­ma­li­gen Nachbarin. Wir hat­ten die bei­den vor 14 Jahren anläss­lich der Dreharbeiten zu unse­rem Dokumentarfilm «Denk mal Berlin» ken­nen­ge­lernt. Sie kämpf­ten damals gemein­sam mit ande­ren Mieter:innen für den Erhalt ihrer Wohnsiedlung am Lützowplatz. Vergeblich.

Alle Mieter:innen wur­den damals aus ihren schö­nen, preis­güns­ti­gen Wohnungen ver­trie­ben, die Nachbarschaft aus­ein­an­der­ge­ris­sen, die Häuser ent­mie­tet, wie man auf Immobiliendeutsch sagt. Trotzdem blie­ben die ehe­ma­li­gen Nachbarinnen wei­ter­hin in Kontakt. Die jün­ge­re der bei­den, Frau Ackermann, schau­te regel­mäs­sig bei Frau Oellrich vor­bei – meist nach einem Termin bei ihrem Friseur, der sein Geschäft ganz in der Nähe hatte.

Meine besorg­te Mailanfrage erreicht die ehe­ma­li­ge Nachbarin jedoch kurz nach deren Rückkehr von einer aus­ge­dehn­ten Italienreise, wes­halb auch sie län­ge­re Zeit nichts von Frau Oellrich gehört hat­te. Sie weiss ein­zig, dass das Telefon defekt gewe­sen sei und stellt in Aussicht, bald­mög­lichst bei der alten Dame vorbeizuschauen.

Schon am nächs­ten Tag folgt eine wei­te­re Mail: «Nun war ich da, und nach Aussage der Nachbarn im   1. Stock, soll sie ver­stor­ben sein.» Die Nachbarin vom 5. Stock jedoch, deren Mann kürz­lich gestor­ben sei, und die mit Frau Oellrich ab und zu ein paar Worte wech­sel­te, habe von nichts gewusst. Der Briefkasten sei noch ange­schrie­ben, und bei mei­nen erneu­ten Telefonversuchen klin­gel­te es in der Leitung wie eh und je. Es könn­te dem­nach genau­so gut sein, dass sich der eine Nachbar getäuscht hat, und Frau Oellrich in einem Krankenhaus liegt, mach­ten wir uns gegen­sei­tig Hoffnung.

Drei Tage spä­ter dann die trau­ri­ge Gewissheit: «Frau Oellrich ist tot! Sie wur­de auf­ge­fun­den Ende Oktober von ihrer Haushalthilfe Jana», so die Nachricht aus Berlin. Wie lan­ge sie im Wohnzimmer lag, und wie sie gestor­ben ist, wis­se man nicht.

Man habe die Angelegenheit an das Nachlassgericht wei­ter­ge­lei­tet, hiess es bei der Hausverwaltung. Mehr war nicht zu erfah­ren. Schluss, fer­tig. Frau Oellrich wird sich nie mehr mit ihrer mun­te­ren Stimme am Telefon mel­den, wir wer­den uns nie mehr über den Lauf der Welt unter­hal­ten – ihre Gedanken und Geschichten, die mich immer so berührt haben – für immer vor­bei. Ich bedau­re, dass ich sie den gan­zen Sommer über nie ange­ru­fen hat­te. Jetzt ist sie gestor­ben, ein­sam und allein, wie sie in den letz­ten Jahren gelebt hat…

Anfang Januar 2022 dann noch ein­mal eine Nachricht aus Berlin: «Am Mittwoch war ich beim Friseur – das hat­te ich immer mit einem Besuch bei Frau Oellrich ver­bun­den – ist dies­mal natür­lich aus­ge­fal­len. Konnte es jedoch nicht las­sen, an ihrem Haus vor­bei zu schau­en. Wie es aus­schaut sind neue Mieter ein­ge­zo­gen, die Gardinen kamen mir fremd vor.

Habe dann mit ihrer Freundin in Essen, die wir auch vom Lützowplatz kann­ten, gespro­chen. Sie hat lei­der auch nichts gehört. Man muss es wohl so hin­neh­men, obwohl ich es sehr trau­rig fin­de, dass von der Verwandtschaft sich nie­mand mal mel­det… Auch vom Nachlassgericht und der Hausverwaltung nichts.…»

Was bleibt? Die Erinnerung an eine leb­haf­te, her­zens­gu­te Frau. Und Freundschaften, die andau­ern, wie ihre ehe­ma­li­ge Nachbarin vom Lützowplatz zum Schluss noch fest­hält: «Es ist der Verdienst von Frau Oellrich, dass die Nachbarn immer noch Kontakt haben, denn sie war eine Institution, behaup­te ich mal!»

Hauert Dünger – zurück zu den Wurzeln!

Ob in Gärten, auf Sportplätzen oder auf dem Feld: Die Zugabe von Dünger aller Art zur Förderung von Pflanzenwachstum und Ernteertrag ist all­ge­gen­wär­tig. Das Geschäft mit den Granulaten und Flüssigkeiten für bun­te­re Blumen, robus­te­re Rasen und ertrag­rei­che­re Ernten flo­riert, auch in Zeiten von Bioboom und Trinkwasserinitiative…

Trotzdem ste­hen beim gröss­ten Schweizer Düngerhersteller momen­tan die Zeichen auf Sturm: Lieferengpässe und Preissteigerungen bei Energie und Rohstoffen machen der Hauert HBG Dünger AG im Berner Seeland zu schaf­fen. Wiederholt hat sie in den letz­ten Monaten die Preise für ihre Produkte erhöht, um die Herstellungskosten decken zu können.

«Für vie­le Rohstoffe zah­len wir im Moment etwa das Dreifache der frü­he­ren Preise», klagt Geschäftsführer Philipp Hauert im Bieler Tagblatt vom 27. Oktober. Er lei­tet das (laut Economie Suisse) ältes­te Familienunternehmen der Schweiz in 12. Generation. Wie er 2016 in einem Interview mit dem Wirtschaftsverband ver­riet, lau­tet sein Motto: «Wir pfle­gen die Tradition, Veränderungen nicht zu scheuen.»

Angefangen hat­te alles vor bald 360 Jahren – anno 1663. Als die Gerberei sei­ner Vorfahren mit der Konkurrenz in der Lederproduktion nicht mehr mit­hal­ten konn­te, spe­zia­li­sier­te man sich auf die Verwertung eines ande­ren Nebenprodukts aus der Tierschlachtung und pro­du­zier­te fort­an Pflanzendünger aus Knochenmehl. Ein klu­ger Schachzug, wie sich her­aus­stel­len sollte.

Ob Gülle, Mist, Horn‑, Feder- oder Knochenmehl – tie­ri­sche Produkte sind seit jeher wich­ti­ge Helfer im Gemüsegarten und auf dem Acker. Entsprechend erfolg­reich war das neue Businessmodell von Hauert. Irgendwann begnüg­te man sich jedoch nicht mehr mit Knochenmehl. Neue Rezepturen wur­den ent­wi­ckelt, mit neu­en, auch mine­ra­li­schen und syn­the­tisch her­ge­stell­ten Stoffen, die das Pflanzenwachstum noch stär­ker und auf kur­ze Frist sti­mu­lie­ren soll­ten. Nach dem 2. Weltkrieg kamen die ers­ten Langzeitdünger auf den Markt, das Angebot wur­de immer wei­ter aus­ge­baut: Heute umfasst das Hauert-Sortiment nicht nur mass­ge­schnei­der­te Düngemittel für jede Rasen‑, Rosen- oder Gemüsesorte, son­dern auch gezielt für jede Wachstumsphase – die­se Düngung im Frühjahr, eine ande­re im Sommer, eine drit­te im Herbst…

Längst basiert der Hauert-Erfolg nicht mehr auf Knochenmehl. Heute ver­braucht die Firma für ihre Düngerproduktion vor allem gros­se Mengen von Stickstoff, Phosphor, Kali – und sehr viel Energie. Was jah­re­lang ein flo­rie­ren­des Geschäft war, wird jetzt zum Problem: Bereits im April 2022 habe das Unternehmen mehr für Gas und Strom aus­ge­ge­ben als im gesam­ten letz­ten Jahr — die Mehrkosten wür­den pro Betriebsstunde im Moment stol­ze 500 Franken betra­gen, hat Hauert ausgerechnet.

Am stärks­ten sind die Preise beim Stickstoff gestie­gen, für des­sen Herstellung sehr viel Erdgas benö­tigt wird. Die mas­si­ve Teuerung beim Gas hat laut Hauert dazu geführt, dass die euro­päi­schen Stickstoffhersteller nicht mehr kon­kur­renz­fä­hig sind. Diese hät­ten ihre Produktion stark gedros­selt oder gar ein­ge­stellt, wes­halb Hauert neue Lieferanten suchen muss­te. Jetzt impor­tiert der Düngerproduzent sei­nen Stickstoff statt aus Belgien aus Ägypten und Nordamerika.

Auch die Beschaffung von Kali und Phosphor ist kom­pli­ziert und teu­er gewor­den: Kali wur­de bis vor kur­zem vor allem aus Russland impor­tiert, was mit der Verhängung der Sanktionen nun nicht mehr geht. Und Hauptlieferant für Phosphor ist China, das zwi­schen­zeit­lich wegen hohem Eigenbedarf den Export auch mal gestoppt hatte.

«Die Situation für uns als Firma ist aktu­ell unge­müt­lich», gab denn auch Philipp Hauert gegen­über dem Bieler Tagblatt zu Protokoll. Er befürch­tet, dass der Düngerverkauf wegen der Teuerung, von der auch sei­ne Produkte betrof­fen sind, ein­bre­chen könnte.

Für die Natur, das Klima und die Biodiversität ist das eine gute Nachricht. Die res­sour­cen-ver­schleis­sen­de Produktion von Düngemitteln aus impor­tier­ten Rohstoffen hat kei­ne Zukunft. Je eher sie ein­ge­stellt wird, umso besser.

Es geht näm­lich auch anders, auch bei der Firma Hauert: Unter dem Label Biogra hat sie eine bio­lo­gi­sche Produktelinie geschaf­fen, die laut Eigenwerbung «wo immer mög­lich auf Basis loka­ler, nach­wach­sen­der Rohstoffe» her­ge­stellt wird. So ent­hält der Biogra-Stickstoffdünger etwa «Federmehl, Hornspäne, Tierhörner, Fleischknochenmehl» – die Rohstoffe also, mit denen die Hauert-Erfolgsgeschichte begon­nen hat.

Höchste Zeit, dass sich Philipp Hauert auf die Anfänge des Familienunternehmens zurück­be­sinnt. Statt den Markt mit immer neu­en und immer auf­wän­di­ger pro­du­zier­ten Produkten zu über­schwem­men, ist jetzt der Moment, sich auf eine nach­hal­ti­ge Produktion von umwelt­ver­träg­li­chem, bio­lo­gisch und regio­nal pro­du­zier­tem Dünger zu beschränken.

Ganz nach dem Motto: «Wir pfle­gen die Tradition, Veränderungen nicht zu scheuen.»

Wie sauber ist «saubere Energie»?

Es ist höchs­te Zeit, die Ölheizung still­zu­le­gen und durch eine Wärmepumpe zu erset­zen. Dass man damit für das alte Haus mehr Strom braucht, ist kein Problem: Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach und die Speicherbatterie im Keller sor­gen künf­tig für eine aut­ar­ke Versorgung mit erneu­er­ba­rer Energie, rund um die Uhr.

«Damit wird auch das Wohnen sau­ber», freut sich die öko­lo­gie­be­wuss­te Mieterin. Ihre Nachbarn haben soeben eine Pelletheizung instal­liert, ande­re hof­fen auf einen bal­di­gen Fernwärmeanschluss. Der Trend ist klar: Alle wol­len weg von Gas und Öl. Endlich!

Das ist gut so, der Schritt weg von den fos­si­len Energien war längst über­fäl­lig – aber wie sau­ber ist die «sau­be­re Energie» wirk­lich? Sind die land­auf land­ab pro­pa­gier­ten Alternativen tat­säch­lich gut genug? Schaffen wir es damit aus der aktu­el­len Sackgasse?

In der all­ge­mei­nen Euphorie für Alternativen zu Öl- und Gaskraftwerken sowie fos­si­len Heizanlagen wer­den die Schattenseiten der Ersatz-Technologien unter den Tisch gewischt, mit­un­ter wird auch gelo­gen und betro­gen, was das Zeug hält.

Ein kras­ses Beispiel dafür ist etwa die Umstellung des gröss­ten Stromkraftwerks in England von Kohle auf Pellets. Damit erhält die­ser Strom das Label «grün», weil er mit Holz – einem nach­wach­sen­den Rohstoff – pro­du­ziert wird.

Wie die BBC in ihrem Dokfilm «The Green Energy Scandal Exposed» auf­zeigt, ist das Verheizen von Pellets in die­sem Massstab jedoch alles ande­re als nach­hal­tig: Der Kraftwerksgigant ver­brennt jähr­lich sie­ben Millionen Tonnen Pellets – der Grossteil davon wird aus Kanada her­an­ge­schifft. Das Holz stammt zu einem guten Teil aus Urwäldern im hohen Norden, die sehr viel CO2 bin­den und bekannt­lich viel län­ger brau­chen, um nach­zu­wach­sen als Wälder in wachs­tums­freund­li­che­ren Umgebungen.

Money makes the pel­lets go round – Distanzen und Transport spie­len kei­ne Rolle, wenn der Energiemarkt soviel bezahlt, dass das Pelletbusiness Profit abwirft.

Dies nota­be­ne mit gross­zü­gi­ger Unterstützung durch den bri­ti­schen Staat, der die Verfeuerung von Pellets anstel­le von Kohle als «grü­ne Alternative» sub­ven­tio­niert! Wer zudem meint, Pellets sei­en immer­hin «bes­ser» als Kohle, sitzt offen­bar einem Märchen auf. Seit die Drax Power Station im eng­li­schen Yorkshire Holzpellets ver­feu­ert, weist sie laut Recherchen der BBC eine CO2-Bilanz auf, die noch schlech­ter aus­fällt als der eins­ti­ge Kohlebetrieb.

Auch in der Schweiz wird die Umstellung auf Pelletheizungen sub­ven­tio­niert. Weil wir (noch!) genü­gend Holz haben, das sich für die Energieerzeugung eig­net, so die Werbesprüche. Allerdings stos­sen Pelletheizungen nach wie vor eine Menge CO2 und zusätz­lich Feinstaub aus. Kommt hin­zu, dass es auch hier­zu­lan­de bloss eine Frage der Zeit ist, bis die hei­mi­sche Pelletproduktion die Nachfrage nicht mehr befrie­di­gen kann.

In der Abteilung «sau­be­re» Energieproduktion fin­den wir sodann Solar- und Windkraft. Beide sind in Wahrheit nicht ganz so sau­ber, wie es deren Promotoren ger­ne ver­kün­den: Für die Herstellung von Wärmepumpen und ‑son­den, Photovoltaikanlagen, Windturbinen und Batterien wer­den Rohstoffe benö­tigt, deren Gewinnung die Umwelt belas­tet und die noch weit davon ent­fernt sind, in eine Kreislaufwirtschaft ein­ge­bun­den zu sein. Unter dem Strich also Energieanlagen, die schon eine Menge Energie gekos­tet haben, bevor sie über­haupt in Betrieb gehen.

Noch wis­sen wir wenig über deren Lebensdauer. Fest steht: Keine die­ser Anlagen ist ein Perpetuum Mobile. Bei Windkraftturbinen spricht man von einer Betriebsdauer von rund 20 Jahren, in der Vergangenheit war es auch schon weni­ger. Bei Photovoltaikanlagen wer­den 25 bis 40 Jahre pro­gnos­ti­ziert, bei Wärmepumpen 15 bis 20 Jahre.

Klar kann man hof­fen, dass dank Forschung und Entwicklung in Zukunft auch die Energiegewinnung immer effi­zi­en­ter und sau­be­rer wird, und dass dies die kur­zen Lebenszyklen der Anlagen auf­wie­gen mag.

Trotzdem: Saubere Energie gibt es nicht. Man muss beim Vergleichen von mehr oder weni­ger sau­be­ren Energieformen sogar höl­lisch auf­pas­sen und genau rech­nen, bevor das Etikett «sau­be­rer als…» auf­ge­klebt wird.

Wohlstand auf dem Niveau unse­rer hoch­in­dus­tria­li­sier­ten Länder mit ste­tig wach­sen­der Mobilitätssucht lässt sich nicht grün­sa­nie­ren. Ohne Erkenntnis und Akzeptanz, dass weni­ger mehr ist, wird das Erreichen der Klimaziele ein from­mer Wunsch blei­ben. Dies umso mehr, wenn zuoberst auf der Traktandenliste der Mächtigen das Führen von Kriegen steht.

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