Verrat oder Kompromiss?

Wenn es um die Ren­ten­re­form 2020 geht, über die bald abge­stimmt wird, lie­gen die Ner­ven blank. Ins­be­son­de­re bei jenen, die sich für einen funk­tio­nie­ren­den Sozi­al­staat ein­set­zen. So über­bie­ten sich SP- und Grü­nen-Poli­ti­ke­rIn­nen mit Welt­un­ter­gangs- und Droh­sze­na­ri­en für den Fall einer Ableh­nung der Abstimmungsvorlage.

Bei einem Nein wür­de das Ren­ten­al­ter für alle auf 67 stei­gen, heisst es. Die AHV und das Pen­si­ons­kas­sen­sys­tem wür­den zuguns­ten der Rei­chen umstruk­tu­riert. Die rechts­bür­ger­li­che star­ke Ver­tre­tung im Par­la­ment war­te nur dar­auf, unser Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem aus­zu­he­beln. Die Zei­ten sei­en schlecht, für die Durch­set­zung sozia­ler Anlie­gen, sagt etwa die His­to­ri­ke­rin und Femi­nis­tin Hei­di Wit­zig in der WOZ. Des­halb müs­se man sich mit dem vor­lie­gen­den Kom­pro­miss begnü­gen, dies das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Mantra.

Von AHV an die Wand fah­ren ist die Rede, und davon, dass der AHV-Fonds in 10 bis 12 Jah­ren leer sei, wenn die Ren­ten­re­form abge­lehnt würde.

Droh­sze­na­ri­en im Abstim­mungs­kampf sind nicht neu. Angst­ma­che­rei und Welt­un­ter­gangs-Sze­na­ri­en haben sich an der Urne seit jeher bes­tens bewährt:  Pla­ka­te war­nen ewig­gleich vor dro­hen­der Kri­mi­na­li­sie­rung durch Über­frem­dung, vor Wohl­stands­ver­lust und vor dem Abbau von Arbeits­plät­zen, mit dem man in der Ver­gan­gen­heit prak­tisch jede Abstim­mung gebo­digt hat.

Neu ist aller­dings, dass sol­che Sze­na­ri­en von jenen her­auf­be­schwo­ren wer­den, die eigent­lich für sozia­le Wer­te, Idea­le und Visio­nen ein­ste­hen soll­ten. Dazu gehö­ren auch eine Rei­he ehe­ma­li­ger Kämp­fe­rIn­nen für die Rech­te der Frau­en in der Schweiz.

Letz­te Woche in Zürich: Das Sozi­al­ar­chiv lud zu einer Ver­an­stal­tung über die Frau­en­be­we­gung in der Schweiz. Nost­al­gie kam auf, als Frau­en wie Judith Stamm, Zita Küng, Chris­ti­ne Sie­ber und Ani­ta Fetz von ihren Kämp­fen in den 1970er Jah­ren erzähl­ten. Wie sie für ihre Anlie­gen auf die Stras­se gin­gen, Podi­ums enter­ten und sich Gehör ver­schaff­ten. Heu­te feh­le die­ser Druck, bedau­er­ten die alten Kämp­fe­rin­nen, obschon längst nicht alle Zie­le erreicht seien.

In Bezug auf die Gleich­stel­lung von Mann und Frau habe sie kei­ne Kom­pro­mis­se gedul­det, beton­te etwa Ani­ta Fetz. Und for­der­te dezi­diert einen neu­en Frau­en­streik. Kein Wort hin­ge­gen zur aktu­el­len Ren­ten­re­form. Der angeb­lich feh­len­de Druck ist näm­lich durch­aus da, z. B. von lin­ken, kämp­fe­ri­schen Frau­en wie Tama­ra Funi­ci­el­lo oder Manue­la Hon­eg­ger, die an der alten Devi­se der Femi­nis­tin­nen fest­hal­ten: Kei­ne Erhö­hung des Ren­ten­al­ters für Frau­en, bevor die Lohn­gleich­heit durch­ge­setzt ist!

Sol­che Stim­men wer­den von den «Real­po­li­ti­ke­rIn­nen» mar­gi­na­li­siert, an den Rand gedrückt. Ani­ta Fetz etwa, eine kla­re Befür­wor­te­rin der aktu­el­len Reform, reagier­te am Ran­de der Ver­an­stal­tung in Zürich offen­bar genervt und abwei­send, als sie von einer enga­gier­ten Poli­tak­ti­vis­tin auf die AHV-Revi­si­on ange­spro­chen wurde.

Mit ihrem Ein­ste­hen, ja Wei­beln für einen fau­len Kom­pro­miss, hin­ter dem eigent­lich nie­mand wirk­lich ste­hen mag, bege­ben sich Sozi­al­po­li­ti­ke­rIn­nen aller­dings auf ein gefähr­li­ches Feld: Bei einer all­fäl­li­gen Ableh­nung des Reform­vor­schlags über­las­sen sie die Deu­tungs­ho­heit den rechts­bür­ger­li­chen Nein-Sagern. Das ist fatal.

Für eine nach­hal­ti­ge Siche­rung unse­res Sozi­al­sys­tems brau­chen wir Visio­nen und lin­ke Posi­tio­nen. Scha­de, dass die­se in der aktu­el­len Vor­la­ge nur von einer Min­der­heit pos­tu­liert und kon­se­quent ver­tre­ten wer­den! Eine Min­der­heit nota­be­ne, die von ihren eigent­li­chen Gesin­nungs- und Par­tei­ge­fähr­ten zusätz­lich mar­gi­na­li­siert wird. Die lau­ten Ja-Sager von SP und Grü­nen wer­den es schwie­rig haben, bei einer all­fäl­li­gen Ableh­nung der Reform das Steu­er her­um­zu­reis­sen. So gese­hen ist das Her­auf­be­schwö­ren von Droh­sze­na­ri­en und Angst min­des­tens so gefähr­lich, wie ein Nein an der Urne.

Im Zen­trum steht die Fra­ge: Wie­viel Kom­pro­miss ver­trägt es – wann beginnt der Ver­rat an unse­ren Wer­ten? Was zudem unver­ständ­lich ist: Wes­halb ver­brei­ten Genos­sin­nen und Genos­sen das Mär­chen, dass sich in der Schweiz eine Mehr­heit erge­ben könn­te, die für eine Zer­stö­rung des Jahr­hun­dert-Sozi­al­werks AHV votiert? Wür­den etwa die Bau­ern für die Abschaf­fung der AHV stimmen?

Mit einem Nein wird der Weg frei für eine bes­se­re Alters­vor­sor­ge – eine Alters­vor­sor­ge, wie sie in der Ver­fas­sung steht. Das will die Mehr­heit, das muss unser Ziel sein. Wir dür­fen unse­re Zukunft nicht ses­sel­kle­ben­den Angst­ha­sen-Poli­ti­ke­rIn­nen über­las­sen. Wir brau­chen eine Poli­tik, die wie­der kon­se­quent und mit Herz­blut sozia­le Wer­te vertritt!

Bittersüsse Enttäuschung

Pfingst­sonn­tag, Bahn­hof Oer­li­kon. Wir haben noch eine Vier­tel­stun­de Zeit, bis der Zug fährt. Genau rich­tig, um ein klei­nes Über­ra­schungs­ge­schenk zu besor­gen. Etwas Süs­ses aus der Bäcke­rei ist immer willkommen!

Ziel­si­cher durch­que­ren wir die neue Bahn­hofs-Unter­füh­rung. Die zahl­rei­chen Able­ger von ver­schie­de­nen Food-Ket­ten, die sich hier ein­ge­mie­tet haben, inter­es­sie­ren uns nicht. Was sie ver­kau­fen, gibt es über­all. Sol­che Mas­sen­pro­duk­te eig­nen sich nicht als Mit­bring­sel, sie sind nichts Besonderes.

Des­halb hal­ten wir uns ans loka­le Gewer­be: Kaum zwei Mona­te sind es, seit wir in der Filia­le der Bäcke­rei Früh, gleich gegen­über dem Bahn­hof Oer­li­kon, das letz­te Geschenk ein­ge­kauft haben. Damals waren es hand­ver­le­se­ne Pra­li­nés, alle mit Alko­hol­fül­lung. Unse­ren Wün­schen fol­gend, fisch­te die Ver­käu­fe­rin sorg­fäl­tig Stück um Stück aus der Aus­la­ge: Truf­fes au Cham­pa­gne, mit Rum, Cognac, Bai­leys… Und schliess­lich oben­drauf noch zwei Praliné-Herzen.

Damit nicht genug: In einer Kon­di­to­rei, die etwas auf sich hält, zählt nicht nur der Inhalt, son­dern auch die Ver­pa­ckung! Das brauch­te aller­dings etwas Zeit. Zwei-, drei­mal setz­te die enga­gier­te Ver­käu­fe­rin an, bis sie mit der Schlei­fe zufrie­den war. Ent­schul­di­gend erklär­te sie uns, wäh­rend ihre Hän­de mit dem far­bi­gen Band kämpf­ten, dass sie neu sei und es ihr noch an Übung feh­le. Sie wer­de aber das Ein­pa­cken von Geschen­ken sicher noch in den Griff bekommen.

Wir hat­ten Zeit, genos­sen die Begeg­nung und die klei­ne Plau­de­rei. Schliess­lich ver­lies­sen wir das Geschäft mit einem Uni­kat in Hän­den: Kei­ne vor­ge­fer­tig­te, seri­en­mäs­sig ein­ge­pack­te Pra­li­nen­pa­ckung, son­dern ein spe­zi­ell zusam­men­ge­stell­tes, klei­nes, ein­ma­li­ges Geschenk aus dem Quar­tier, in dem wir wohnen.

Genau das schwebt uns auch am Pfingst­sonn­tag vor. Unse­re lei­se Befürch­tung, dass die Bäcke­rei geschlos­sen sein könn­te, ist rasch zer­streut: Schon von Wei­tem sehen wir, dass sich im Laden etwas bewegt. Also steu­ern wir freu­dig auf den Ein­gang zu. Um plötz­lich abrupt ste­hen zu bleiben.

Etwas stimmt nicht. Ungläu­big, ver­wirrt schau­en wir durchs Schau­fens­ter. Die alte Laden­the­ke ist ver­schwun­den – statt Brot, Pra­li­nés und Patis­se­rie reiht sich Donut an Donut. Nichts als Donuts, in allen Regen­bo­gen­far­ben. Wir rei­ben uns die Augen. Was ist geschehen?

Ein zwei­ter Blick dann schafft Klar­heit: In gros­sen Let­tern prangt neu­er­dings an der Laden­tür «Dun­kin’ Donuts». Scho­ckiert ste­hen wir vor dem Ein­gang – ein paar Sekun­den bloss. Dann nichts wie weg, auf den nächs­ten Zug Rich­tung Hauptbahnhof.

Erst unter­wegs wird uns der her­be Ver­lust rich­tig bewusst: Nie mehr Früh-Gip­feli vom Bahn­hof – die bes­ten weit und breit. Kein Abste­cher mehr nach dem Märit-Ein­kauf, um noch Ver­mic­el­les nach­hau­se zu brin­gen. Ver­mic­el­les, wie es sie nur bei Früh gibt…

Dafür eine wei­te­re Food-Ket­te. Neben dem Star­bucks, dem Bur­ger-King und wie sie alle heis­sen nun auch noch Donuts. Es ist zu ver­mu­ten, dass die Bäcke­rei sich den Miet­zins an bes­ter Lage nicht mehr leis­ten konn­te. Mög­li­cher­wei­se ist er gar in die Höhe geschnellt, nach der Eröff­nung der neu­en Bahnhofsunterführung.

Das Resul­tat: Schö­ne neue Ein­heits­brei-Welt — wohin das Auge blickt… Mit­bring­sel mit Lokal­ko­lo­rit? Das war einmal.

Geschenkte Tomaten — eine Geschichte aus dem Südsudan

Beim Ein­che­cken am Flug­ha­fen in Zürich schaut mich der jun­ge Mann am Desk fra­gend an: «Juba, wo ist denn das?» Auf mei­ne Ant­wort, im Süd­su­dan, hakt er erstaunt nach: «War­um will man dort­hin?» – Gute Fra­ge, ange­sichts der erschre­cken­den News, die uns von dort regel­mäs­sig erreichen.
Im Nor­den des Süd­su­dans jedoch ist es ruhig. Seit dem Frie­dens­ab­kom­men 2005 sind vie­le Flücht­lin­ge aus dem Sudan hier­her zurück­ge­kehrt und ver­su­chen, sich in ihrer alten Hei­mat ein neu­es Leben auf­zu­bau­en. Eine rie­si­ge Her­aus­for­de­rung: Die Lebens­be­din­gun­gen sind schwie­rig. Auch für jene, die nie weg waren. Das Kli­ma eine Her­aus­for­de­rung, wenig Infra­struk­tur, kei­ne Jobs, gros­se Armut.
Anläss­lich mei­ner Rei­se­vor­be­rei­tun­gen für eine Aus­wer­tungs-Mis­si­on hat­te man mir ver­schie­dent­lich erklärt, die Armut im Süd­su­dan kom­me nicht von unge­fähr. Die Leu­te sei­en durch die immer wie­der­keh­ren­den Krie­ge nicht nur trau­ma­ti­siert, son­dern auch ver­dor­ben. Sie woll­ten nicht arbei­ten, hät­ten zu lan­ge als Flücht­lin­ge gelebt und sich ange­wöhnt, für alles und jedes die hoh­le Hand hin­zu­hal­ten. Und wüss­ten nicht mehr, wie man Land­wirt­schaft betreibt.
Jetzt bin ich seit einer Woche in Aweil – ganz im Nor­den des Lan­des. Eine afri­ka­ni­sche Klein­stadt mit wenig Ver­kehr. Ben­zin und Die­sel sind teu­er – sehr teu­er. Der Preis habe sich übers Wochen­en­de ver­drei­facht, erzählt mein Gui­de. Wer es sich leis­ten kann, kauft dezi­li­ter­wei­se etwas Treib­stoff für’s Motor­rad, für den Gene­ra­tor oder die elek­tri­sche Wasserpumpe.
Auf dem Markt fin­det man prak­tisch alles, was es fürs täg­li­che Leben braucht. Die Waren wer­den aus dem Sudan impor­tiert. Sie gelan­gen ille­gal über die grü­ne Gren­ze via Dar­fur nach Aweil. Die gros­sen, schwer bela­de­nen Last­wa­gen sind tage-, manch­mal wochen­lang unter­wegs und brin­gen sogar Eier. Davon gehe unter­wegs auf den schlech­ten Stras­sen die Hälf­te kaputt, erzählt der Händ­ler. Er hat auch suda­ne­si­sche Kar­tof­feln, Äpfel, Zwie­beln und Knob­lauch im Angebot.
Für die meis­ten Men­schen hier ist das Luxus. Das weni­ge Geld, das sie haben, brau­chen sie, um Grund­nah­rungs­mit­tel wie Hir­se oder Mais zuzu­kau­fen. Deren Prei­se haben sich in den letz­ten Mona­ten ver­viel­facht, die Infla­ti­on ist enorm.
Lokal pro­du­ziert wird wenig: Etwas Hir­se und Mais, aller­dings nicht aus­rei­chend für die Selbst­ver­sor­gung. Am Stras­sen­rand im Zen­trum von Aweil ver­kau­fen Frau­en zudem Gemü­se und Toma­ten von Klein­bau­ern aus der Regi­on. Sie stam­men von dne Äckern am Stadt­rand, deren fri­sches Grün sich von der braun-tro­cke­nen Umge­bung abhebt.
Die Bau­ern bewäs­sern ihre Fel­der mit Grund­was­ser, das hier nur drei Meter unter der Erd­ober­flä­che liegt. Mit klei­nen rat­tern­den Pum­pen wird das kost­ba­re Nass aus der Tie­fe geholt. Dank der Bewäs­se­rung gedei­hen hier auch wäh­rend der Tro­cken­zeit Toma­ten, Okra und ande­re Gemü­se. Soweit das Auge reicht: Men­schen am Hacken, Gra­ben, Ernten.
Als wir auf einem schma­len Weg einem Toma­ten­feld ent­lang­ge­hen, spricht uns ein Teen­ager an. Wir kom­men ins Gespräch – der Vater stösst dazu. Der jun­ge Mann über­setzt und erklärt. Er spricht gut Eng­lisch und wir freu­en uns, eine gemein­sa­me Spra­che gefun­den zu haben.
Die frisch geern­te­ten Toma­ten lie­gen zu unse­ren Füs­sen – ein paar wun­der­schö­ne Früch­te, vie­le sind aber ange­fres­sen. Kanin­chen, erklärt der jun­ge Mann. Ande­re haben brau­ne Fle­cken. Die Toma­ten wür­den auch nicht mehr so gross, wie am Anfang, klagt der Vater. Zudem grei­fe ein klei­nes Insekt die Pflan­zen an. Nicht nur die Toma­ten, auch die Okra-Ern­te sei gefährdet.
Hier gebe es kei­ne Insek­ti­zi­de, das sei das Pro­blem, sagen die Män­ner. Der Vater simu­liert das Besprü­hen mit Insek­ti­zi­den und Mund­schutz. Das habe er im Sudan gelernt, wo er lan­ge Jah­re als Flücht­ling gelebt hat.
Wäh­rend wir uns unter­hal­ten sor­tiert ein klei­ner Bub die Ern­te. Mit siche­rer Hand trennt er die guten von den schlech­ten Toma­ten. Jemand bringt einen Sack. Unser Gesprächs­part­ner sucht die schöns­ten Toma­ten und legt sie hin­ein. Die sei­en für mich, sagt er. Ich will nach dem Geld grei­fen – er lacht und sagt: «No money!» und mein Gui­de ergänzt: «Die Toma­ten sind ein Geschenk – das ist unse­re Kultur!»

Prostitution

Das ehe­ma­li­ge Elek­tri­zi­täts­werk Sel­nau in Zürich – ein tol­ler Raum, um Kunst zu genies­sen! Und genau die rich­ti­ge Kulis­se für die über­wäl­ti­gen­den Por­trät­bil­der, mit denen die US-Foto­gra­fin Annie Lei­bo­vitz berühmt gewor­den ist. Ent­spre­chend gross war die Vor­freu­de auf die jüngs­te Ausstellung.

Ange­kün­digt war die Fort­set­zung der ein­drück­li­chen Por­trät-Serie, die Annie Lei­bo­vitz zusam­men mit der Essay­is­tin Susan Son­tag vor bald 20 Jah­ren lan­ciert hat­te: Unter dem Arbeits­ti­tel «Women» por­trä­tier­ten sie um die Jahr­tau­send­wen­de ein brei­tes Spek­trum unter­schied­lichs­ter Frau­en: Bäue­rin­nen, Ten­nis­stars, Film­schau­spie­le­rin­nen, eine Astro­nau­tin, Berg­ar­bei­te­rin­nen, eine First Lady…

Die Frau­en­por­träts von Annie Lei­bo­vitz haben einen unver­kenn­ba­ren Stil. Es sind Bil­der, die eine eige­ne Aura aus­strah­len, den Por­trä­tier­ten Wür­de und einen Hauch von Gla­mour ver­lei­hen. Bil­der, in die man sich ver­tie­fen kann, auf denen man immer wie­der Neu­es ent­deckt. Foto­gra­fi­en, die man sich ger­ne im Gross­for­mat ansieht und die sich bes­tens eig­nen für die Prä­sen­ta­ti­on in einem Raum wie dem ewz Unter­werk Selnau.

Ein Bild, mit dem für die Aus­stel­lung gewor­ben wird: Die Wil­liams-Schwes­tern – eng umschlun­gen, in ein­drück­li­cher Pose. Die­ses und ande­re Bil­der die­ses Kali­bers in Gross­for­mat – dar­auf freu­ten wir uns!

«Women: New Por­traits» – ver­spricht das Trans­pa­rent über dem Ein­gang zum ewz Sel­nau. Dazu das Logo einer Gross­bank… Ein freund­li­cher Secu­ri­tas-Mann öff­net uns die Tür, wir tre­ten vom gleis­sen­den Sonn­nen­licht in die Hal­le. Ein­tritt und Aus­stel­lungs­ka­ta­log sind gra­tis. Ein schö­nes Kul­tur­ge­schenk, unge­wohnt für die Stadt Zürich!

Doch das böse Erwa­chen folgt sogleich: Wo sind die über­wäl­ti­gen­den, ein­drück­li­chen Por­trät­bil­der, auf die wir uns gefreut haben? – Unse­re Augen gewöh­nen sich schnell an die Däm­mer­stim­mung – und erbli­cken eine Grup­pe von rund dreis­sig Men­schen, auf Klapp­stüh­len sit­zend und gebannt auf eine gros­se Wand star­rend, die mit­ten im Raum steht.

Bei genau­em Hin­se­hen ent­puppt sich die Wand als einer von drei gross­for­ma­ti­gen Screens, die aus je sechs klei­ne­ren Bild­schir­men zusam­men­ge­setzt sind. Dar­in spie­geln sich vor allem die Ober­lich­ter der Hal­le durch, die das hel­le Tages­licht in den Raum fliesst.

Erst nach eini­gem Zir­keln fin­det man den rich­ti­gen Win­kel um die Pro­jek­tio­nen zu erken­nen: Da wer­den einem in vor­ge­ge­be­nem Rhyth­mus Por­trät­fo­tos von Frau­en prä­sen­tiert. Die Bil­der zer­schnit­ten, durch die dicken schwar­zen Rän­der der Bild­schir­me. Uner­träg­lich! Mein Beglei­ter ver­lässt die Aus­stel­lung flucht­ar­tig, sofort.

Ich mag nicht so schnell auf­ge­ben: Immer­hin gibt es noch eine Stell­wand, wo auf­ge­reiht Por­trät neben Por­trät hin­ter Ple­xi­glas der Ent­de­ckung war­ten. Das Pro­blem: Will man die­se klein­for­ma­ti­gen Bil­der betrach­tet, muss man über die Bei­ne der ande­ren Aus­stel­lungs­be­su­che­rIn­nen stei­gen. Die Kopi­en sind so klein und im Halb­dun­kel, dass die Fotos nicht zur Gel­tung kommen.

Nach einem wei­te­ren ver­zwei­fel­ten Ver­such, das eine oder ande­re Bild in Ruhe zu betrach­ten, gebe auch ich bald auf. Und ver­las­se die Hal­le eben­falls im Eil­tem­po. Ent­täuscht, verstört.

Die anschlies­sen­de Inter­net­re­cher­che bringt Auf­schluss: Die neue Women-Serie, inklu­si­ve der Wan­der­aus­stel­lung in zehn Städ­ten welt­weit, wur­de voll und ganz von der UBS finan­ziert. Sie ist Teil einer Kam­pa­gne, wel­che die Gross­bank 2015 lan­ciert hat­te, um ihr Image auf­zu­po­lie­ren. Die Bil­der der Kam­pa­gne stam­men – wen wundert’s – von Annie Lei­bo­vitz. Dies offen­bar der Deal zwi­schen der Foto­gra­fin und der Grossbank.

Und plötz­lich erschei­nen die «Women: New Por­traits» in einem ganz ande­ren Licht: Egal, wie die Bil­der aus­se­hen, egal wie sie aus­ge­stellt sind und wie sehr Frau­en­power im Aus­stel­lungs­ka­ta­log und in den Medi­en her­bei­ge­re­det und –geschrie­ben wird: Hier geht es weder um Kunst, noch um Foto­gra­fie oder das Selbst­be­wusst­sein der Frau­en. Son­dern ein­zig und allein dar­um, dass sich ein Finanz­in­sti­tut einen gros­sen Namen kauft, um sich in sei­nem Glanz zu sonnen.

Von Kunst und Foto­gra­fie haben die Ban­ker kei­ne Ahnung und begnü­gen sich mit einer Dritt­klass-Aus­stel­lung. Das pro­mi-hung­ri­ge Publi­kum wird gewiss durch das pro­mi­nen­te Name­drop­ping geblen­det sein, wer­den sie gedacht haben.

Und Frau Lei­bo­vitz, hat sie auch etwas gedacht? Oder ein­fach ihre schma­le Geld­bör­se gefüt­tert? Fest steht: Mit ihrer Pro­sti­tu­ti­on hat sich die Foto­gra­fin nicht nur sel­ber dis­kre­di­tiert. Was viel schlim­mer ist: Sie hat die Frau­en, die sie por­trä­tiert, letzt­lich miss­braucht. Und so das ursprüng­li­che Pro­jekt «Women» ad absur­dum geführt.

Vollmond über Juba

Wir sit­zen an einem lan­gen Holz­tisch unter lau­schi­gen Ästen. Vor uns trä­ge der Fluss, ein altes Schiffs­wrack ragt aus dem brau­nen Was­ser. Jugend­li­che besprit­zen sich gegen­sei­tig und genies­sen das Bad in vol­len Zügen, ein Fischer­boot tuckert vorbei.

Die Son­ne steht bereits tief – roman­ti­sche Fei­er­abend­stim­mung am weis­sen Nil. Rund­um fül­len sich die Bän­ke, vor­wie­gend mit Weis­sen. Die Habitués grüs­sen nach links und nach rechts. Man kennt sich und kommt bei Bier und Ziga­ret­ten schnell ins Gespräch.

Ein­zig die Schil­der an den Bäu­men, die dar­auf hin­wei­sen, dass Foto­gra­fie­ren streng ver­bo­ten ist, erin­nern dar­an, dass wir uns hier in einer Hoch­si­cher­heits­zo­ne befin­den: Bevor wir Zugang zum Park­platz des Restau­rants erhiel­ten, muss­ten wir zwei Sicher­heits­schleu­sen pas­sie­ren. Unser Gelän­de­wa­gen wur­de rund­um gecheckt.

Mei­ne Tisch­nach­ba­rin arbei­tet seit bald zwei Jah­ren in Juba. Sie ist Bot­schafts­an­ge­stell­te und zustän­dig für die Hilfs­pro­jek­te ihrer Regie­rung im Süd­su­dan. Als sie hört, dass wir am Vor­abend aus dem Nor­den zurück­ge­kom­men sind, löchert sie uns mit Fra­gen. Alles will sie wis­sen und noch mehr:

Wie leben die Men­schen in Aweil? Was kann man auf dem Markt kau­fen? Wie steht es um die Gesund­heits­ver­sor­gung? Das Was­ser, die Ernäh­rungs­si­tua­ti­on – was haben die Leu­te erzählt, über ihre Reli­gi­on, die Tra­di­tio­nen – ihre Hoff­nun­gen und Ängste?

Ent­schul­di­gend fügt sie hin­zu: «Ich bin seit einem hal­ben Jahr nicht mehr «im Feld» gewe­sen und weiss eigent­lich kaum etwas über die Men­schen, denen wir mit unse­ren Pro­jek­ten hel­fen wol­len.» Des­halb sau­ge sie auf, soviel sie kön­ne, wenn sie jeman­dem begeg­ne, der aus­ser­halb der Haupt­stadt war.

Fakt ist: Nicht ein­mal in Juba kom­men die inter­na­tio­na­len Hel­fe­rin­nen und Hel­fer wirk­lich in Kon­takt mit den Ein­hei­mi­schen. Aus Sicher­heits­grün­den bewe­gen sie sich aus­ser­halb ihrer mit Sta­chel­draht gesi­cher­ten und bewach­ten Com­pounds nur im Gelän­de­wa­gen. Sie kau­fen in aus­ge­wähl­ten Super­märk­ten ein und ver­keh­ren in eini­gen weni­gen, als «sicher» klas­si­fi­zier­ten Restaurants.

Aber auch sonst beschränkt sich ihr Kon­takt zu Süd­su­da­ne­sin­nen und Süd­su­da­ne­sen auf ein Mini­mum: Die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft hat beschlos­sen, dass man mit dem Unrechts­re­gime von Prä­si­dent Sal­va Kiir May­ar­dit nichts zu tun haben will. Die meis­ten Hilfs­ein­sät­ze wer­den des­halb ohne Ein­be­zug der süd­su­da­ne­si­schen Poli­tik oder Ver­wal­tung geplant und durchgeführt.

Wie man unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen in einem Land arbei­ten kön­ne, fra­ge ich mei­ne Tisch­nach­ba­rin. Sie schüt­telt resi­gniert den Kopf und sagt: «Es ist schon eine eigen­ar­ti­ge Stim­mung – wir blei­ben unter uns, und reden mit uns selber…»

Ger­ne hät­te ich mehr erfah­ren. Doch plötz­lich heisst es Auf­bre­chen – es ist kurz vor Sie­ben. Noch ein paar Minu­ten, dann ist Aus­gangs­sper­re für die meis­ten Expats: Um sie­ben Uhr müs­sen alle hin­ter den Mau­ern des eige­nen Com­pounds «in Sicher­heit» sein.

Also eilen wir zum Auto. Sanft brei­tet sich die Däm­me­rung über die Stadt. Wäh­rend wir durch holp­ri­ge und stau­bi­ge Stras­sen fah­ren, geht über den Dächern der Voll­mond auf. Gross, ver­heis­sungs­voll – und unwirk­lich schön.