Krankes Gesundheitswesen oder: Selbstbedienungsladen für Ärzt:innen

In den Schweizer Spitälern herr­sche aku­ter Personalmangel, wird immer wie­der ver­lau­tet. Notfallbetten wer­den redu­ziert, gan­ze Stationen müs­sen schlies­sen, an man­chen Orten wer­den wie­der Operationen auf­ge­scho­ben. Wegen Corona, heisst es. Aber vor allem auch, weil zuwe­nig Fachpersonal zur Verfügung stehe.

Ganz ande­re Erfahrungen kann man in gewis­sen spe­zia­li­sier­ten Praxen in Zürich machen. Dort scheint es nicht an Personal, son­dern an Patient:innen zu man­geln. Wie anders ist zu erklä­ren, dass man ganz allein in gross­zü­gig ein­ge­rich­te­ten Wartezimmern sitzt, wäh­rend sich unter­be­schäf­tig­te Mitarbeitende über Ferienpläne und Freizeiterlebnisse austauschen?

Natürlich war ich froh, innert kür­zes­ter Zeit einen Termin für eine Schmerzspritze zu erhal­ten. Die Behandlung war gut und zeig­te auch Wirkung. Stutzig wur­de ich dann aber, als aus der einen Spritze plötz­lich zwei wur­den – und mir der Arzt par­tout noch eine drit­te Injektion ver­kau­fen wollte.

Mehr noch: Als ich sei­ne Frage, ob ich mit der ers­ten Behandlung zufrie­den gewe­sen sei, mit ja beant­wor­te­te, bat er um Werbung für sei­ne Praxis: «Empfehlen Sie mich doch in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis» bet­tel­te er. Offenbar ist sein mit teu­ren Geräten und Personal bes­tens aus­ge­rüs­te­tes Etablissement nicht aus­ge­las­tet. Und es scheint nicht das ein­zi­ge zu sein…

Nachdem das Blutdruckmessgerät bei einer ärzt­li­chen Kontrolle mal wie­der besorg­nis­er­re­gen­de Werte gezeigt hat­te, schick­te mich die Hausärztin zum Spezialisten. Eine 24-Stunden-Messung soll­te zei­gen, wie es wirk­lich um mei­nen Blutdruck steht.

In der Herzpraxis wur­de ich als ers­tes zum EKG beor­dert. Dies, obschon ich die Praxishilfe dar­auf auf­merk­sam mach­te, dass ein sol­ches bereits vor einem Monat gezeigt habe, dass alles in Ordnung sei. «Wir machen rou­ti­ne­mäs­sig immer ein EKG», lau­te­te ihre Antwort.

Nach dem EKG schnall­te sie mir das 24-Stunden-Messgerät an und stell­te mir in Aussicht, dass bei der Konsultation am Folgetag eine Ultraschalluntersuchung des Herzens und mög­li­cher­wei­se auch ein Belastungstest anste­hen wür­den. Ich nahm das zur Kenntnis und mach­te mich auf den Heimweg.

Am nächs­ten Tag dann zuerst wie­der war­ten im lee­ren Wartzimmer. In der gross­zü­gi­gen Praxis – eine Attikawohnung mit min­des­tens acht Räumen – sind Stimmen zu hören. Freundliches Personal. Nach der Auswertung der Messung teilt mir der Arzt mit, alles sei im grü­nen Bereich. Und bit­tet mich in den Nebenraum zum Ultraschall. Immerhin: Auf den Belastungstest wird ver­zich­tet, ver­mut­lich, weil sonst alles ok ist…

Eine Woche spä­ter dann der schrift­li­che Bericht aus der Praxis: In unglaub­lich vie­len Worten wird hier erklärt, dass mit mei­nem Herzen (zum Glück) alles in Ordnung sei und sich der Bluthochdruck im «hoch­nor­ma­len Bereich» bewege.

Ein Blick auf die Rechnung zeigt: Die Untersuchung hat sich für die Praxis gelohnt. Fein säu­ber­lich ist auf­ge­führt, für wel­che Untersuchung wie­viel ver­rech­net wur­de, resp. ver­rech­net wer­den darf. Während die eigent­li­che 24-Stunden Blutdruckmessung mit beschei­de­nen CHF 95.73 zu Buche schlägt, kos­te­te der Ultraschall CHF 309.98.

Die Gesamtrechnung der Herzpraxis beläuft sich auf sage und schrei­be CHF 673.80. – Genau die glei­chen Abklärungen bei einem ähn­lich gela­ger­ten Fall kos­te­ten in einer ande­ren Praxis gera­de mal ein Drittel! Unter ande­rem, weil man dort aufs EKG und die Ultraschalluntersuchung ver­zich­tet hatte.

Was wohl auch in mei­nem Fall ver­tret­bar gewe­sen wäre, ange­sichts der Tatsache, dass ja schon ein EKG vor­lag, sich die gemes­se­nen Werte im grü­nen Bereich beweg­ten und die «Patientin» null Beschwerden hatte.

Der Schluss liegt nahe, dass die Herzpraxis den Zusatzaufwand betrie­ben hat, um sich sel­ber gesund­zu­stos­sen: Je län­ger der Facharzt mit der Patientin spricht, je mehr Apparate invol­viert sind, je län­ger die Diagnosetexte aus­fal­len, des­to mehr kann man dem Untersuchungsobjekt verrechnen…

Fakt ist: Abzocke im Gesundheitswesen ist genau­so an der Tagesordnung, wie der unmensch­li­che Druck auf das Personal dort, wo es um Grundversorgung und Spitalalltag geht.

Zynische «Helfer»

«Wir sam­meln für die ukrai­ni­schen Flüchtlinge!» steht auf dem gelb-blau umran­de­ten Flyer, den wir auf unse­rem Sonntagsspaziergang im Quartier ent­deckt haben. Eine der zahl­rei­chen Sammelaktionen, mit denen vie­le Menschen ver­su­chen, wenigs­tens ein klein biss­chen zu hel­fen ange­sichts eines Krieges, des­sen Bilder- und Expertenflut uns zu über­schwem­men droht.

Wir lesen wei­ter und rei­ben uns die Augen: «Die Unternehmen Optimo Logistik und Rheinmetall star­ten ab heu­te gemein­sam eine Sammelaktion von drin­gend benö­tig­ten Hilfsgütern und orga­ni­sie­ren deren Transport in das Krisengebiet», heisst es auf dem Flyer weiter.

Ausgerechnet Rheinmetall! Das Kerngeschäft des Waffenkonzerns, der ein wich­ti­ges Standbein in Oerlikon, in der ehe­ma­li­gen Waffenfabrik von Bührle hat, ist ja nicht die Produktion von Hilfsgütern wie Medizinisches Material, Lebensmittelkonserven oder Schlafsäcken, son­dern Waffen, die den Bedarf an Hilfsgütern auslösen.

Mit der Invasion der rus­si­schen Truppen in die Ukraine hat Putin eine Gewaltspirale los­ge­tre­ten, die wenig Raum für Hoffnung lässt. Es sind nicht nur die ver­stö­ren­den Bilder von Tod und Zerstörung. Bilder, wie wir sie in Europa, in der sat­ten Schweiz so ger­ne aus­blen­den. Denn die Welt war ja nie ein fried­li­cher Ort, auch nicht in den letz­ten Jahren: Syrien, Afghanistan, Jemen… Doch all die­se Tragödien gin­gen uns schein­bar nichts an, waren und sind zu weit weg.

Was aber jetzt in der Ukraine abgeht, lässt nie­man­den kalt. Zu nah geschieht das Entsetzliche. Zu bedroh­lich ist die Situation, der wir weit­ge­hend macht- und hilf­los gegen­über­ste­hen. Auch ich habe kei­ne Antwort und weiss nicht, wie die­ser Horror zu stop­pen ist. Was mich wütend und fas­sungs­los macht ist die Unverfrorenheit und Menschenverachtung eines Diktators wie Putin und sei­ner Entourage. Brutal und falsch ist in mei­nen Augen aber auch, dass ukrai­ni­sche Männer dazu gezwun­gen wer­den, in den Krieg zu zie­hen. Weil man glaubt, die viel­be­schwo­re­ne Freiheit und Demokratie nur mit Waffengewalt ret­ten zu können.

Angesichts der bru­ta­len Gewalt, die aktu­ell von Seiten der Aggressoren auf­ge­fah­ren wird, fällt es in der Tat schwer, auf die Durchsetzungskraft ande­rer Widerstandsformen zu set­zen. Trotzdem sei and Gandhi erin­nert. Und dar­an, dass ein mit Waffen errun­ge­ner Sieg kaum zu einem dau­er­haf­ten, ech­ten Frieden füh­ren kann.

Eine völ­lig zer­strit­te­ne euro­päi­sche Union wird nun, so will man uns weis­ma­chen, durch den Krieg zu einem einig Volk von Schwestern und Brüdern. Eine gefähr­li­che, brü­chi­ge Einigkeit, getra­gen von einem gemein­sa­men Schlachtruf.

Auch der Ruf nach mehr Waffen und Aufrüstung zielt in die ver­kehr­te Richtung. Wie ver­nünf­tig war doch die Haltung Deutschlands noch Anfang Jahr, kei­ne Waffen in die Ukraine zu lie­fern. Leider ist dies nach dem bru­ta­len Einmarsch von Putins Truppen sehr schnell gekippt. Mittlerweile schickt sogar Schweden Kriegsgerät ins Kriegsgebiet… Waffen töten. Die ein­zi­gen, die davon pro­fi­tie­ren, sind – wie immer – die Waffenhändler…

Sie haben aktu­ell Hochkonjunktur. Während die Mehrheit der Aktien an den Börsen kräf­tig tau­chen und sogar China sei­ne Wirtschaftsprognosen nach unten kor­ri­giert, ist der Börsenwert von Rheinmetall seit Kriegsbeginn um über 50 Prozent in die Höhe geschnellt. Und die Hausse dürf­te noch eine Weile anhal­ten. So schüt­tel­te etwa der deut­sche Kanzler Olaf Scholz, unter­stützt von den grü­nen Mitgliedern sei­ner Regierung, kurz­um 100 Milliarden für die Aufrüstung sei­ner Armee aus dem Ärmel. Und auch in der Schweiz for­dern nicht nur bür­ger­li­che Politiker: innen mehr Geld für Aufrüstung und Ausstattung der Armee – und eine zügi­ge Beschaffung der umstrit­te­nen Kampfflugzeuge.

Das alles ver­heisst nichts Gutes. Ausser für die Aktionäre und Angestellten von Waffenschmieden hier­zu­lan­de und rund um den Erdball. Das Geschäft läuft wie geschmiert. Dass aus­ge­rech­net ein Rüstungskonzern wie Rheinmetall – zwecks Linderung von Kollateralschäden – Hilfstransporte für die Opfer des Einsatzes von Kriegsgerät aller Art orga­ni­siert, ist an Zynismus nicht zu über­tref­fen. Und nach dem Hilfstransport ist bekannt­lich vor dem nächs­ten Waffentransport.

Ein fal­sches Narrativ sagt, dass unter einem Krieg alle zu lei­den haben. Auch die Kriegsgewinnler?

Gleiche Ellen

Es ist noch nicht lan­ge her, da konn­te man sich nicht vor­stel­len, dass es in Europa je wie­der Krieg gibt. Nach dem 2. Weltkrieg, so glaub­ten wir, wür­de in Europa so etwas nie wie­der geschehen.

Genauso wenig hät­ten wir uns hier­zu­lan­de vor­stel­len kön­nen, dass die Medien plötz­lich ein­hel­lig auf geis­ti­ge Landesverteidigung umstel­len. Und dass sogar der Infosperber in den Mainstream ein­schwenkt und knall­fall einen Journalisten ent­lässt, der nicht in die­ses Schema passt.

Auch wenn sei­ne Artikel oft zu Diskussionen führ­ten und vie­le ärger­ten – oder gera­de des­halb – waren sie ein wich­ti­ges Element, das den Infosperber aus­zeich­ne­te, sei­ne Sonderstellung aus­mach­te. So, wie es Punkt 4 der publi­zis­ti­schen Ausrichtung tref­fend beschreibt: «Infosperber will es inter­es­sier­ten Bürgerinnen und Bürgern erleich­tern, sich dank ande­ren Perspektiven eine eige­ne Meinung zu bilden.» 

Pikanterweise trifft Rainer Stadler mit sei­ner heu­te auf Infosperber publi­zier­ten Kritik den Nagel auf den Kopf: «Die EU miss­traut der eige­nen Bevölkerung, sonst hät­te sie die rus­si­schen Sender Russia Today und Sputnik nicht ver­bie­ten müs­sen», schreibt er in sei­nem Artikel. – Genauso scheint Infosperber sei­nem Publikum zu miss­trau­en – sonst hät­te die Online-Zeitung den Journalisten Christian Müller nicht ent­las­sen müssen:

click and read

Die kontaminierte Wohnung

Seit eini­ger Zeit spie­len wir mit dem Gedanken, an den Jurasüdfuss zu zie­hen. Und sur­fen des­halb regel­mäs­sig im Internet auf der Suche nach einer pas­sen­den Bleibe, zum Beispiel in der Stadt Biel.

Das ist nicht ganz ein­fach, denn mit dem Alter kom­men Ansprüche: Möglichst zen­tral gele­gen, aber doch ruhig soll es sein. Hell die Wohnung, mit Balkon und mög­lichst auch Grün drum­her­um – nicht zu gross, aber auch nicht zu klein…

Diese Woche nun ent­deck­ten wir ein Objekt, das auf den ers­ten Blick ver­lo­ckend aus­sah: Eine Vierzimmerwohnung an der Ernst-Schüler-Strasse ist unter dem Titel «Zuhause im Herzen von Biel» aus­ge­schrie­ben. In der Tat: Die Lage ist «com­me il faut». Und auch die prä­sen­tier­ten Fotos der 2017 total­sa­nier­ten Wohnung wir­ken ein­la­dend: Ein son­nen­durch­flu­te­tes Wohnzimmer mit Erker und altem Parkett, eine gross­zü­gi­ge Küche, ein schön geka­chel­tes Bad…

Da ich die­ser Tage gera­de für Recherchearbeiten im Stadtarchiv war, beschloss ich, einen Augenschein zu neh­men. Und ent­deck­te, dass besag­te Liegenschaft kei­ne 100 Meter von mei­nem tem­po­rä­ren Arbeitsplatz ent­fernt liegt. Ein gutes Omen?

Auf alle Fälle wirkt das in war­mem Gelb leuch­ten­de Jugendstilhaus von aus­sen noch ein­la­den­der, als auf den Bildern. Schade, dass die unmit­tel­ba­re Nachbarschaft durch wenig inspi­rier­te Neubauten arg ver­schan­delt ist und der öffent­li­che Raum von Autos domi­niert wird. Nicht zuletzt, weil die schma­le Ernst-Schüler-Strasse beid­sei­tig mit par­kier­ten Autos ver­stellt ist.

Trotzdem: Die zum Verkauf aus­ge­schrie­be­ne Wohnung im 2. Stock hat auch Anfang März um 17 Uhr noch Abendsonne – das wäre ein Pluspunkt. Wie auch die zen­tra­le Lage, und die bestimmt leben­di­ge Nachbarschaft. Kurzum: Am Abend nach mei­ner ers­ten Reko vor Ort beschlos­sen wir, uns die Sache näher anzu­schau­en und mit dem Makler einen Besichtigungstermin zu vereinbaren.

Die Wohnung ist für CHF 680’000 Franken aus­ge­schrie­ben – und soll an den Meistbietenden gehen. Es heisst also, sich die Sache gut zu über­le­gen. Und sich auf die Besichtigung ent­spre­chend vor­zu­be­rei­ten. Also wer­fen wir einen Blick ins Grundbuch – schliess­lich will man wis­sen, wer die künf­ti­gen Miteigentümer:innen wären…

Brisant war dann aller­dings zu ent­de­cken, wer die­se Wohnung aktu­ell noch besitzt und jetzt ver­kau­fen will: Im Grundbuch sind die Schweizer Filmproduktionsleiterin Sarah Bossard und ihre deut­sche Partnerin Alice Weidel als Eigentümerinnen eingetragen.

Ausgerechnet Alice Weidel! Die Rechtsaussen-Politikerin und Spitzenkraft der AfD im deut­schen Bundestag leb­te wäh­rend kur­zer Zeit in Biel, wo sie laut Medienberichten qua­si inko­gni­to in der «links-alter­na­ti­ven Szene», zu der ins­be­son­de­re ihre Partnerin Zugang hat­te, ver­kehrt haben soll. Bis sie auf­flog und 2018 genervt aus Biel weg­ge­zo­gen ist. Weil sie, wie sie sich gegen­über den Medien beschwert hat, «auf dem Heimweg von der Kita von Eltern belei­digt wor­den sei, ja selbst von deren Kindern. Letztere sei­en ihr mit dem Velo hin­ter­her­ge­fah­ren und rie­fen: ‘Scheiss-Weidel’, ‘Scheiss-Afd’, ‘Scheiss-Nazi’.»

Ich erin­ne­re mich gut an die Schlagzeilen vor bald vier Jahren. Das Bieler Tagblatt ent­hüll­te im April 2017, dass Weidel in Biel offi­zi­ell gemel­det sei und hier mit ihrer Partnerin lebe. Das Paar mit zwei Kindern habe zuerst in der Juravorstadt gewohnt, berich­te­te das BT und wuss­te wei­ter: «Mitte August letz­ten Jahres hat es Stockwerkeigentum in der Innenstadt erworben.»

Natürlich hat­ten wir uns damals gefragt, wo genau sie wohl woh­ne, und wie das über­haupt mög­lich sei, dass sie hier so lan­ge «under­co­ver» ver­kehrt haben soll. Fakt ist: Weidel und Bosshard haben 2016 die Wohnung an der Ernst-Schüler-Strasse 27 gekauft und eini­ges Geld in die Hand genom­men für eine Totalsanierung.

Im November 2018 – also gut ein­ein­halb Jahre, nach­dem Weidels poli­ti­sche Couleur in Biel bekannt gewor­den war, hiess es dann, das Paar zie­he mit den Kindern nach Berlin. Das wäre ja durch­aus auch sinn­voll gewe­sen, denn die AfD-Fraktionschefin hat schliess­lich dort ihren Arbeitsschwerpunkt. Nur: den offi­zi­el­len Deutschland-Wohnsitz haben Bossard und Weidel nach wie vor in Überlingen am deut­schen Ufer des Bodensees – und woh­nen gleich­zei­tig wie­der (oder immer noch) in der Schweiz – in Einsiedeln.

Und nun wol­len sie also ihre Bieler Wohnung ver­kau­fen. Ich schaue mir noch­mal die Bilder an: Die Wohnung ist wirk­lich geschmack­voll reno­viert. Bis zu unse­rer Entdeckung im Grundbuch hät­te ich mir gut vor­stel­len kön­nen, in die­sen Räumen zu leben. Und jetzt?

So nicht, nein! Dies der ers­te Gedanke. Andererseits ist es ja gut, wenn die Wohnung nun wei­ter­ver­kauft wird. Und wie­der Menschen ein­zie­hen kön­nen, die sich in Biel inte­grie­ren und für ein fried­li­ches Zusammenleben enga­gie­ren wol­len… Das Haus, die Wohnung sind ja schon viel län­ger hier – Weidel, das war eine Episode, und Einbau-Möbel haben kei­ne Seele. Es spielt über­haupt kei­ne Rolle, wer sie aus­ge­sucht hat…

Oder doch? Ich kann mir schlicht nicht vor­stel­len, in der Küche zu kochen, wo einst Frau Weidel… Unter «ihrer» Dusche zu ste­hen, das WC benüt­zen… Irgendwie wäre sie (oder gewiss ihre geis­ti­gen Schwingungen) trotz allem all­ge­gen­wär­tig. Deshalb: Diese Wohnung ist für uns kon­ta­mi­niert und steht nicht mehr zur Diskussion. Kommt hin­zu, dass man der AfD-Scharfmacherin als Kaufpreis über eine hal­be Million hin­blät­tern müss­te. Geld, das zum Teil als Parteispende und Wahlkampfhilfe Verwendung fin­den könnte…

Nein. Die Wohnung an der Ernst-Schüler-Strasse 27 kommt für uns nicht mehr in Frage. So schön sie ist. Muss nicht sein. Wir suchen weiter.

Stopp Frontex – stopp Rudolf Strahm!

Soeben habe ich dem Referendumskomitee gegen das Frontex-Gesetz einen Unterstützungsbeitrag über­wie­sen. Weil ich der Überzeugung bin, dass wir in Europa die unmensch­li­che Praxis der Frontex-Einsatzkräfte gegen Flüchtende nicht ein­fach hin­neh­men, geschwei­ge denn noch zusätz­lich mit Schweizer Steuergeldern unter­stüt­zen sollen.

Im Gegenteil: Es braucht drin­gend neue Efforts der Solidarität und Menschlichkeit. Was am Rand der soge­nann­ten Festung Europa seit Jahren abgeht, ist unwür­dig und unhalt­bar. Dazu gehö­ren, nebst den Einsätzen der Grenzschutzagentur Frontex, nament­lich auch Übergriffe der natio­na­len Grenzwacht-Einheiten in Europa. Inklusive der Schweiz.

Allerdings muss hier klar­ge­stellt wer­den: Die Grenzpolizist:innen machen eigent­lich nur die Drecksarbeit. Verantwortlich für den Tod von Tausenden von Menschen, die Schutz und Sicherheit in Europa such­ten, sind an ers­ter Stelle die Politiker:innen an den Schalthebeln der Macht. Unterstützt durch ihre wil­li­gen Helfer:innen in der Verwaltung und Rechtfertigungsprediger in den Medien.

Die prak­ti­sche Anwendung der Abschreckungspolitik gegen­über Flüchtenden fin­det in der Regel aus­ser­halb des media­len Scheinwerferlichts statt. Hie und da gibt es aber erschre­cken­de Einblicke in den grenz­po­li­ti­schen Alltag, den alle sehen kön­nen, die sehen wollen.

Eindrücklich zeigt dies etwa der Dokumentarfilm «The Game – Spiel zwi­schen Leben und Tod». Die Filmemacherin Manuela Federl aus Bayern woll­te ursprüng­lich eigent­lich bloss einen Hilfsgütertransport ihres Vereins mit der Kamera beglei­ten, um den Leuten daheim zu zei­gen, was deren Spenden bewirken.

Was die Regisseurin und ihr Partner in Bosnien jedoch antra­fen, war so erschüt­ternd und scho­ckie­rend, dass sie beschlos­sen, vor Ort eine umfas­sen­de Dokumentation zu dre­hen. Entstanden ist ein Film, der zum Pflichtstoff für alle Menschen in unse­rem Land und in ganz Europa erklärt wer­den müss­te. Insbesondere aber für jene, die Tag für Tag in ihren kom­for­ta­blen geheiz­ten Büros über Schicksale von Menschen auf der Flucht entscheiden.

Der Film doku­men­tiert unter ande­rem die bru­ta­len «Pushbacks» durch die Grenzbehörden, bei denen die Menschen – dar­un­ter vie­le Familien aus Afghanistan, Eltern, Grosseltern, Kleinkinder – immer und immer wie­der von Kroatien über die Aussengrenze nach Bosnien zurück­ver­frach­tet wer­den. Manchen wer­den die Schuhe abge­nom­men, man schickt sie in Socken und bar­fuss zurück, wie­der und wie­der. Viele wer­den miss­han­delt, geschla­gen. Auf bos­ni­scher Seite zün­det man ihre Zelte an, zer­stört ihre weni­gen Habseligkeiten und ver­sucht immer aufs Neue, sie zu vertreiben.

Doch wohin? Menschen im Niemandsland. Gestrandet, ver­su­chen sie in Ruinen und im Wald zu über­le­ben. Sie lei­den unter Kälte, Nässe und Hunger – mit­ten in Europa. Und ver­su­chen dabei, die Hoffnung nicht zu ver­lie­ren, eines Tages doch wie­der ein men­schen­wür­di­ges Leben zu leben. Träume zu ver­wirk­li­chen – oder ein­fach nur, dem Hunger und der Kälte zu entkommen.

Wie zynisch und men­schen­ver­ach­tend mutet vor die­sem Hintergrund die jüngs­te Kolumne von alt Nationalrat Rudolf Strahm an. Er behaup­tet, Frontex sei unver­zicht­bar: «Wer Frontex ablehnt, über­lässt die Migration den Schleppern und Banden. Armutsmigration ist eine glo­ba­le Tragik. Sie erfor­dert Empathie, aber auch kla­re Kontrollen.»

Mit ande­ren Worten: Frontex soll uns doch bit­te vor der glo­ba­len Tragik beschüt­zen… Damit nicht genug: Der ehe­ma­li­ge SP-Politiker ist sich nicht zu scha­de, in sei­nem Rundumschlag auch den noto­ri­schen Scharfmacher und Weltwoche-Journalisten Kurt Pelda zu bemü­hen, um die Flüchtlingshelfer:innen als Kollaborateure der Schlepper:innen zu dif­fa­mie­ren. Wenn die Welt nur so ein­fach wäre…

Doch Strahm geht noch einen Schritt wei­ter und stellt sich damit end­gül­tig in die äus­sers­te rech­te Ecke der Menschenverachter: Er ver­teu­felt die Migration, deren Folge Parallelgesellschaften sei­en, «in gross­städ­ti­schen Quartieren und Banlieues, in Ausländerquartieren, in denen selbst die Polizei macht­los ist» und sieht unse­re Gesellschaft durch die «Einwanderung aus Macho-Kulturen» in Gefahr.

Strahm schürt mit sei­nen Worten Hass und Ausgrenzung. Als ob uns das Elend und die Not von Menschen, die nicht das Glück hat­ten, in der selbst­ge­rech­ten Schweiz auf die Welt gekom­men zu sein, nichts anginge.

Das wol­len und dür­fen wir nicht zulassen!

 

© Bilder: Stills aus dem Film «The Game — Spiel zwi­schen Leben und Tod» — 2021

 

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