Wieviel grün braucht es, in der Stadt?

Wir woh­nen in einem Quartier, des­sen Gesicht sich in den letz­ten zehn Jahren radi­kal ver­än­dert hat. Kaum eine Liegenschaft ist älter als 20 Jahre. Früher stan­den hier, bewohnt von den Eigentümern, Chaletbauten mit gross­zü­gi­gen Gartenflächen. Dann erla­gen die Besitzer und ihre Erben dem Lockruf des gros­sen Geldes. Rendite, Rendite und noch­mals Rendite war angesagt.

Die Folge: Weil Investoren und Bauherrschaften das Maximum aus ihren inzwi­schen teu­er gewor­de­nen Grundstücken her­aus­ho­len woll­ten, wur­de und wird die Ausnützungsziffer jeweils bis zum äus­sers­ten Rand ausgereizt.

Das Resultat: Die Gärten und ins­be­son­de­re der Baumbestand sind auf kärg­li­che Grünränder geschrumpft. Bei jeder Baustelle wird erst ein­mal Tabula rasa gemacht. Alles Bisherige muss weg: Liegenschaften wer­den zu Bauschutt, Gärten zu Baugruben, Bäume zu Altholz.

Nach Fertigstellung von Neubauten sind die Bauherrschaften zwar gesetz­lich ver­pflich­tet, die ver­blie­be­nen Aussenräume zu begrü­nen. Diese Neubepflanzungen von meist beschei­de­ner öko­lo­gi­scher Qualität sind jedoch kein Ersatz. Nie mehr wer­den die Restbäumchen und Sträucher die frü­he­re Höhe errei­chen, nie mehr wer­den ihre aus­la­den­den Äste nur annä­hernd soviel Schatten spenden.

Mit den Gärten ver­schwin­den nicht nur wich­ti­ge Lebensräume für Tiere und Pflanzen aus dem Quartier. Die zuneh­men­de Versiegelung der Oberflächen und der dras­ti­sche Rückgang der grü­nen Zwischenräume ist auch genau das Gegenteil von dem, was die Klimaforscherinnen und ‑for­scher ange­sichts der künf­ti­gen heis­sen Sommermonate empfehlen.

Die Bedeutung von Grünräumen und Biodiversität in der Stadt ist heu­te in aller Munde. Grün Stadt Zürich pflanzt denn auch fleis­sig Bäume ent­lang von ver­sie­gel­ten Strassen und Plätzen. In den klei­nen Parkanlagen, wel­che bei allen Grossüberbauungen (z.B. dort, wo Schrebergärten wei­chen muss­ten) ein­ge­fügt wer­den, bemü­hen sich die Landschaftsgärtnerinnen und ‑gärt­ner dem Trend fol­gend um Biodiversität und öko­lo­gi­sche Gestaltung der öffent­li­chen Räume. Die Stadt Zürich ver­fügt sogar über ein Baumkataster. Ausschliesslich für Bäume auf öffent­li­chem Grund.

Für schüt­zens­wer­te Bäume auf Privatgrund besteht weder ein Kataster noch ein Inventar. Grün Stadt Zürich kann jedoch, wenn aus ihrer Sicht mar­kan­te oder quar­tier­prä­gen­de Bäume für ein Bauvorhaben abge­holzt wer­den sol­len, eine Schutzabklärung ein­lei­ten. Laut Auskunft der städ­ti­schen Behörde kön­ne in einem sol­chen Fall mit dem Eigentümer ein Vertrag aus­ge­han­delt und der Baum unter Schutz gestellt wer­den, wenn dies «die Ausnützung des Grundstückes nicht mass­geb­lich beeinträchtigt.»

Im Klartext: Das Bauvorhaben hat immer Vorrang. Auch wenn es bei objek­ti­ver Betrachtung in völ­li­gem Widerspruch steht zu den Anforderungen an eine nach­hal­ti­ge Entwicklung, wie sie von der Stadt Zürich mit schö­nen Worten pro­pa­giert wird.

Beispiel: In unse­rem Quartier hat der letz­te noch ver­blie­be­ne «Altbau» aus dem Jahr 1927 einem fünf­stö­cki­gen Neubau mit 14 Kleinstwohnungen zu wei­chen, der in den letz­ten zwei Jahren von einer Studenten-WG zwi­schen­ge­nutzt wurde.


Das Ganze läuft unter dem Markenzeichen «Verdichtung». Was hier ver­dich­tet wird, ist aber ein­zig und allein die Rendite, die aus dem Grundstück gepresst wer­den soll: Laut dem Investor sei­en Ein- und Zweizimmerwohnungen am Markt nach wie vor gefragt. Seine Zielgruppe: Flughafenangestellte und allein­ste­hen­de RentnerInnen. Mit ande­ren Worten: Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass die­se Wohnungen, wenn über­haupt, mehr­heit­lich als Pied-à-terre genutzt wer­den, von Leuten, die ihren Lebensmittelpunkt weder in Zürich noch im Quartier haben. Die Folge: Kalte Betten und zuneh­men­de sozia­le Verarmung.

Auf dem Grundstück leb­ten in der Vergangenheit im Schnitt zwi­schen fünf und zwölf Menschen, bei einem wesent­lich beschei­de­ne­ren Bauvolumen. Dafür gab es rund­her­um einen gros­sen Garten: aus gan­zeit­li­cher Quartiersicht eigent­lich eine schüt­zens­wer­ter Rest-Grünfläche. Denn ver­nich­te­tes Grün kehr auf Stadtgebiet nicht mehr zurück.

Der geplan­te Bau von 14 Kleinwohnungen bedeu­tet auch: Auf der 617 Quadratmeter klei­nen Parzelle wer­den 14 sepa­ra­te Kücheneinrichtungen erstellt, mit 14 Kochherden, 14 Backöfen, 14 Geschirrspülern – zusätz­lich 14 sepa­ra­te WCs, 14 Duschen… Da freu­en sich eigent­lich nur die Firmen Geberit und V‑Zug.

Würde man die Herausforderungen an die Zukunft unse­re Städte ernst neh­men, wären sol­che Bauvorhaben nicht mehr bewil­li­gungs­fä­hig. Trotzdem gibt die Stadt auch bei die­sem Projekt grü­nes Licht. Weil sie von Gesetzes wegen muss. Vorläufig.

In der Stadt Zürich sam­mel­te der Verein Stadtgrün innert kür­zes­ter Zeit über 4’300 Unterschriften für sei­ne Initiative, die mehr Grün für die Stadt ver­langt. Ein bit­ter nöti­ger Schritt, gewis­ser­mas­sen eine Erziehungsmassnahme für mass­loss geld­gie­ri­ge Investoren. Wer nicht mass­hält, muss an die Leine genom­men wer­den. Auch wenn dann wie­der das Gejammer los­geht, über «mass­lo­se» Eingriffe ins Privateigentum.

Selber schuld.

Bio Suisse, die Supermärkte und der grosse Schwindel

Nirgends ist das Einkaufen so bequem wie im Supermarkt. Hier fin­den Kundinnen und Kunden in einem ein­zi­gen Laden alles, was sie brau­chen – und noch viel mehr.

©Migros

Egal ob arm oder reich, bio oder vegan – jede und jeder kann das Einkaufsverhalten nach eige­nem Gusto gestal­ten. In der nicht mehr über­blick­ba­ren Produktschwemme «hel­fen» uns die Marketingabteilungen der Supermarktketten mit Myriaden von Logos und Labels, die uns Orientierungshilfe im Wirrwarr des Überflusses bie­ten sol­len, bevor wir nach den für uns rich­ti­gen Produkten zu grei­fen. Glauben wir.

So gilt in unse­rem Haushalt die Grundregel: Bio und regio­nal. Aber unter­stüt­zen wir damit wirk­lich immer die Richtigen? Diese Frage stellt sich umso dring­li­cher, seit die Delegierten von Bio Suisse am 14. April die Nein-Parole zur Trinkwasserinitiative beschlos­sen haben.

Wir wis­sen: Es gibt vie­le Bio-ProduzentInnen, die mit dem Entscheid von BioSuisse über­haupt nicht ein­ver­stan­den sind. Bio-PionierInnen wie etwa Martin Ott von der Landwirtschaftlichen Schule Rheinau ZH oder Bernhard Hänni aus Noflen BE enga­gie­ren sich mit Vehemenz und über­zeu­gen­den Argumenten sowohl für die Trinkwasser- wie für die Initiative gegen syn­the­ti­sche Pestizide – und haben sich vom Bio Suisse-Entscheid distanziert.

Die Naturaplan-Kartoffeln, die wir bei unse­rem letz­ten Einkauf bei Coop erstan­den haben, stam­men vom Bio Suisse-zer­ti­fi­zer­ten Hof von Martin Lussi in Tägerwilen. Was sei­ne Haltung betref­fend Boden- und Gewässerschutz ist, wis­sen wir nicht. Er ver­mark­tet sei­ne Produkte über den Lieferanten Rathgeb BioLog AG in Unterstammheim, wie der Produkteinformation auf der Verpackung zu ent­neh­men ist.

Beim Blick auf die Website die­ses Betriebs ver­geht uns aller­dings die Lust auf die soeben erstan­de­nen Kartoffeln. «Auch wir sagen NEIN zu den bei­den Agrarinitiativen», steht dort in gros­sen Lettern. Die Begründung: Die wei­te­re Ausdehnung des Biolandbaus sol­le über das Konsumverhalten gesche­hen und nicht «vom Staat ver­ord­net» werden.

Vermutlich gehört auch der Grossbetrieb Bio Rathgeb, der nebst einer aus­ge­dehn­ten eige­nen Produktion (unter ande­rem auch für Biotta) vor allem als Biogrosslieferant für Migros, Coop, etc.  figu­riert, zu den Profiteuren der aktu­el­len Situation. Genauso wie die Grossverteiler, die mit über­ris­se­nen Margen auf Bio-zer­ti­fi­zier­ten Produkten ihr übri­ges Sortiment quersubventionieren.

So wirbt die Migros aktu­ell zum Beispiel mit gros­sen Plakaten für «Feelgood auch für die Natur. Mehr Bio-Früchte und ‑Gemüse denn je.» Um im Rahmen der glei­chen Kampagne «Feelgood für einen Franken. Frische Früchte und Gemüse zum unschlag­ba­ren Preis» anzu­prei­sen. Die gross­in­dus­tri­el­le Gemüse- und Früchteproduktion aus Holland, Spanien, Marokko und aus dem Senegal  las­sen grüs­sen, und die Natur fühlt sich hier­bei nach migro­lo­gi­scher Ansicht natür­lich good.

Die Grossverteiler brüs­ten sich ger­ne mit ihrem grü­nen Mäntelchen. Für sie wie für vie­le Produzenten ist Bio jedoch bloss ein Marktsegment von vie­len, das gewinn­brin­gend bear­bei­tet wird. So gehört etwa der Biofruchtsaftpionier Biotta heu­te dem Food-Konzern Orior. Dessen brei­tes Portfolio ent­hält unzäh­li­ge Produkte – von Fleischspezialitäten über Meeresfrüchte bis zu Trendfoods – die mit Nachhaltigkeit oder Bio nun aber wirk­lich nichts am Hut haben.

Die stän­di­ge Behauptung, dass wir Konsumentinnen und Konsumenten es in der Hand hät­ten, der bio­lo­gi­schen Landwirtschaft und dem nach­hal­ti­gen Umgang mit unse­ren Böden und Gewässern zum Durchbruch zu ver­hel­fen, ist ein rie­si­ger Schwindel. Leider ist unser Handlungsspielraum genau­so beschränkt wie jener der Bioproduzierenden, die es wirk­lich ernst mei­nen und die seit Jahren für fai­re Bedingungen und eine zukunfts­fä­hi­ge Landwirtschaftspolitik kämpfen.

Natürlich ver­su­chen wir trotz­dem, im Rahmen unse­rer Möglichkeiten, einen Beitrag zu leis­ten. Fest steht: Kartoffeln von Rathgeb und von Landwirtschaftsbetrieben, die Nein-Transparente zu den genann­ten Initiativen an Ihre Scheunentür nageln, kom­men bei uns nicht mehr auf den Tisch. Und auf dem Wochenmarkt kann am Biostand die Gretchenfrage gestellt wer­den: Wie hältst Du’s mit der Trinkwasserinitiative?

Auch wenn das Einkaufen etwas kom­pli­zier­ter wird: Wir müs­sen kon­se­quen­ter all jene Kräfte unter­stüt­zen, die nicht nur ans eige­ne Portemonnaie den­ken, son­dern sich für Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und beim Konsumverhalten engagieren.

Erst wenn der letzte Fluss…

Um es gleich vor­weg zu neh­men: Meine JA-Stimme, sowohl für die Pestizid- wie für die Trinkwasserinitiative, ist gesetzt. Was mich aller­dings total ver­un­si­chert ist die Frage, wo ich künf­tig ein­kau­fen, wel­chen Produkten und Labels ich noch ver­trau­en kann.

Bis anhin war für mich klar: Gemüse, Salat, Früchte, Fisch und Fleisch sind am bes­ten frisch vom Markt, gekauft bei den Bäuerinnen und Produzierenden mei­nes Vertrauens. Bei den Grossverteilern ach­te ich auf das Bio-Label und natür­lich immer auch dar­auf, woher das Produkt kommt.

Nachdenklich stimm­te mich bereits ein vor­ös­ter­li­cher Spaziergang über Land: Von zahl­rei­chen Bauernhäusern prang­ten uns Plakate ent­ge­gen, die aggres­siv für ein dop­pel­tes Nein gegen die «extre­men Agrar-Initiativen» war­ben. Als ob die Forderung nach einem wirk­sa­men und nach­hal­ti­gen Schutz unse­rer Böden und unse­res Trinkwassers ein Verbrechen wäre…

Nachdem die Agrar-Lobbyisten zusam­men mit den Exponenten des Bauernverbands im Parlament bereits die drin­gend not­wen­di­ge Agrarreform ver­senkt haben, schal­ten Bauernpräsident Ritter + Co nun selbst­be­wusst noch einen Gang höher und zie­hen alle Register. Nichts las­sen sie aus, von Untergangsdrohungen über bäu­er­li­ches Selbstmitleid bis zu Beschönigungen betref­fend Trinkwasserqualität in der Schweiz. Das war nicht anders zu erwar­ten: Die aktu­el­le Führung des Bauernverbands hat wie­der­holt gezeigt, dass sie mit har­ten Bandagen und allen Mitteln für den Erhalt alt­be­währ­ter Privilegien und spru­deln­der Geldquellen kämpft.

Um das eige­ne Portemonnaie geht es auch bei Bio Suisse: Deren Delegiertenversammlung hat am 14. April mit gros­sem Mehr die NEIN-Parole zur Trinkwasser-Initiative beschlos­sen. Mit der Begründung, die­se wür­de zu einer (von BioSuisse!) uner­wünsch­ten Zunahme von Bio-Betrieben füh­ren und in der Folge  zu einem Preiszerfall bei Bioprodukten aus Schweizer Anbau.

Dies ist nun wirk­lich die defi­ni­ti­ve Bankrotterklärung von Bio Suisse: Ursprünglich zum Schutz von Natur und Gesundheit ins Leben geru­fen, ver­kommt die Bio-Knospe so zu einer blos­sen Etikette, hin­ter der kurz­fris­ti­ger Profit höher gewich­tet wird als Umwelt und Nachhaltigkeit.

Tatsache ist: In der Schweiz sind laut dem Präsidenten von Bio Suisse aktu­ell gera­de mal 16 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe bio­zer­ti­fi­ziert. Befremdend, dass sich da aus­ge­rech­net jener Verein, der sich der Förderung der Biolandwirtschaft ver­schrie­ben hat, vor wei­te­ren Biobetrieben fürch­tet. Zumal sich der Konsum von Bioprodukten hier­zu­lan­de ste­ti­ger Zunahme erfreut.

Tatsache ist aber auch: Nur ein Bruchteil des Mehrpreises, den Konsumentinnen und Konsumenten für Bioprodukte bezah­len, kommt den Produzentinnen und Produzenten zugu­te. Insbesondere die Grossverteiler schla­gen hohe Margen auf Bioprodukte, um ihre Billig-Angebote aus kon­ven­tio­nel­lem Anbau und indus­tri­el­ler Landwirtschaft noch güns­ti­ger zu vermarkten.

Ein dop­pel­ter Schlag ins Gesicht der BioproduzentInnen. Umso wich­ti­ger wäre es, fai­re und nach­hal­ti­ge Produktions- und Absatzbedingungen für alle zu schaf­fen. Ein Prozess, der auch von Biobetrieben nicht Halt machen darf, denn auch dort gibt es vie­ler­orts Verbesserungspotenzial: So ist etwa weder der Import von (bio-zer­ti­fi­zier­ten) Futtermitteln aus Übersee nach­hal­tig, noch der län­ger­fris­ti­ge Einsatz von Kupfer-Spritzmitteln. Probleme, die  durch ange­pass­te Produktion sowie wei­te­re Entwicklung und Forschung ent­schärft und gelöst wer­den können.

Genau dafür bie­ten die bei­den Initiativen eine ein­ma­li­ge Chance: Die Trinkwasserinitiative ver­knüpft künf­ti­ge Subventionen in der Landwirtschaft mit der Forderung nach nach­hal­ti­ger Produktion.  Und die Initiative, die ein Verbot von syn­the­ti­schen Pestiziden will, führt dazu, dass Bio in der Schweiz zur Normalität und zum Standard wird. Zum Vorteil aller.

Wie lau­te­te doch der dem Häuptling Seattle zuge­schrie­be­ne bekann­te Slogan: «Erst wenn der letz­te Baum gero­det, der letz­te Fluss ver­gif­tet, der letz­te Fisch gefan­gen ist, wer­det ihr mer­ken, dass man Geld nicht essen kann.» 

 

 

Wo bleibt die Aufklärung? Wo die Solidarität?

«Wie steht’s bei euch mit der Impfung?» frag­te heu­te mei­ne Freundin aus London anläss­lich unse­res Zoom-Treffens. Sie durf­te sich über die Festtage weder mit Mitgliedern eines ande­ren Haushalts tref­fen noch die Stadt ver­las­sen. Dies die stren­gen Restriktionen im UK, seit der Entdeckung einer Virus-Mutation, die mög­li­cher­wei­se wesent­lich anste­cken­der sei als das bis­her bekann­te Virus.

Verständlich, dass unter sol­chen Umständen die Sehnsucht nach einer erlö­sen­den Impfung wächst – und man unge­dul­dig dar­auf war­tet, bald­mög­lichst die ver­spro­che­ne Dosis intus zu bekom­men. Obschon man noch nicht sicher weiss, ob die­se Impfung auch vor dem mutier­ten Virus schützt.

Trotzdem – auch hier­zu­lan­de ist die Impf-Frage in aller Munde. PolitikerInnen, VirologInnen und Promis rüh­ren die Werbetrommel. Auf Facebook brüs­tet man sich mit dem Bekenntnis «Impfen? Ja klar!», pos­tet weiss auf schwar­zem Hintergrund die Aufforderung «Just do it» oder gibt sei­nem Ärger mit saf­ti­gen Worten Ausdruck, weil einem die gefor­der­te sofor­ti­ge Verpassung einer Spritze ver­wei­gert wurde. 

Alte und beson­ders vul­nerable Menschen haben ers­te Priorität. So die Impf-Politik in der Schweiz. Bis im Sommer sol­len laut Ansage alle, die es wol­len, gegen Corona geimpft sein. Man rech­net mit min­des­tens zwei Dritteln der Bevölkerung. Je höher der Prozentsatz der Geimpften in einer Gesellschaft, des­to bes­ser die Perspektive für die Überwindung der «Corona-Krise», dies das Versprechen.

Ein Versprechen, das aller­dings nicht über­all ein­ge­löst wer­den kann. Bis Mitte Dezember haben sich die rei­chen Staaten mit einem Anteil von gera­de mal 13 Prozent der Weltbevölkerung über die Hälfte der im nächs­ten Jahr vor­aus­sicht­lich ver­füg­ba­ren Impfdosen reser­viert. Zahlreiche Länder wer­den vor­läu­fig leer aus­ge­hen. Hinzu kommt, dass der ers­te im Westen zuge­las­se­ne Impfstoff, der aktu­ell auch in der Schweiz gespritzt wird, bei einer Temperatur von minus 70 Grad gela­gert wer­den muss. Die dafür not­wen­di­gen Kühlanlagen sind in vie­len Ländern gar nicht verfügbar.

Bestrebungen und Forderungen für eine gerech­te­re Verteilung der Impfstoffe blie­ben bis­her ohne Wirkung, ange­sichts der Hamsterkäufe der rei­chen Länder. Die WTO schmet­ter­te einen Antrag für die Aufhebung des Patentschutzes für die zum gröss­ten Teil öffent­lich finan­zier­ten Produkte ab – weil den Industrieländern der Schutz ihrer Arzneimittelindustrie wich­ti­ger ist als die Gesundheit der Menschen in den ärme­ren Ländern, wie die WOZ berichtet.

Immerhin soll der Impfstoff des schwe­disch-bri­ti­schen Pharmakonzerns AstraZeneca, der an der Universität Oxford ent­wi­ckelt wur­de, für erschwing­li­che 2.50 USD pro Dosis zur Verfügung gestellt wer­den. Dies ent­spricht einem Bruchteil der Preise für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer oder Moderna, die zwi­schen 16 bis 37 USD pro Dosis liegen.

Über die tat­säch­li­chen Preise kann jedoch oft nur spe­ku­liert wer­den, die Abkommen der Staaten mit den Herstellern sind zum Teil geheim. Schweigen auch, wenn es um die Produktions- und vor allem um die Lagerstandorte geht. So berich­te­te etwa der Tages Anzeiger die­se Woche über die ers­te Impfstofflieferung an die Schweiz, wel­che «an einem gehei­men Übergabeort an der Landesgrenze in Empfang genom­men, kon­trol­liert und an eben­so gehei­men Orten in der Schweiz zwi­schen­zeit­lich gela­gert» werde.

Weil Impfstoff Mangelware sei, müs­se er vor Diebstahl geschützt wer­den, lau­tet die Begründung des geheim­nis­tue­ri­schen Umgangs mit den Hunderttausenden von Impfdosen, die in den kom­men­den Wochen und Monaten von der Schweizer Armee in Empfang genom­men wer­den sollen…

Ob die Impferei auf die­ser Basis tat­säch­lich eine Chance bie­ten kann, die welt­wei­te Corona-Pandemie zu über­win­den und einen Start in eine bes­se­re Zukunft zu ermög­li­chen? Zweifel sind angebracht.

Hinzu kommt die simp­le Tatsache, dass nie­mand weiss, ob und wie nach­hal­tig die­se Impfstoffe tat­säch­lich wir­ken. Der fran­zö­si­sche Pharmakonzern Sanofi muss­te die­se Woche sei­nen ange­kün­dig­ten Impfstoff wie­der zurück­zie­hen, weil er bei alten Menschen offen­bar zu wenig Wirkung zeig­te. AstraZeneca ver­spricht 70-pro­zen­ti­gen Schutz, muss aber bei Fragen der Dosierung noch ein­mal über die Bücher. Trotzdem wur­de der Impfstoff im UK soeben zugelassen.

Was mich aber am meis­ten scho­ckiert, ist die Tatsache, dass nie­mand davon spricht und nie­mand danach fragt, wie lan­ge so ein Impfschutz denn anhal­ten wird…

Da zu die­ser zen­tra­len Frage weder kla­re Aussagen noch ein­deu­ti­ge Angaben zu fin­den sind, muss ange­nom­men wer­den, dass man es schlicht und ein­fach nicht weiss.

Nur: Was nützt ein Impfstoff, von dem ich nicht weiss, wie lan­ge er mich schützt? Was, wenn die ers­ten die heu­te geimpft wer­den, in weni­gen Monaten schon wie­der eine neue Dosis benötigen?

Fragen über Fragen. Leider haben es die Medien bis­her ver­passt, die­se drän­gen­den Fragen zu stel­len. Stattdessen betä­ti­gen sie sich ein­mal mehr als blos­se Handlanger von Behörden und Industrie. Und rüh­ren die Werbetrommel der Impfpropaganda eif­rig mit.

Minestrone oder das Haar in der Suppe

Mitwochmorgen – Märit in Oerlikon! Der Nebel bricht auf, ein paar Sonnenstrahlen. Es gibt nichts schö­ne­res, als an der fri­schen Luft in Gehdistanz fri­sche Waren ein­zu­kau­fen. Um dann mor­gen oder über­mor­gen dar­aus eine fei­ne Minestrone zu kredenzen.

Ich ach­te dar­auf: Nur Gemüse aus loka­ler Produktion: Zwiebeln, Lauch, Wirz, Kartoffeln, Stangensellerie – direkt vom Bauern, aus hei­mi­schem Anbau. Ganz nach unse­rer Devise: Lokal und sai­so­nal – das ist gut und gesund für Mensch und Wirtschaft.

Dann bei Coop: Die Borlotti-Bohnen schei­nen aus­ge­gan­gen, also grei­fe ich nach einer Packung roter Kidney-Bohnen – sogar in Bioqualität! Auch das ent­spricht unse­ren Vorsätzen – sehr gut. Daheim dann aber das böse Erwachen: Ein zwei­ter Blick auf die Verpackung zeigt – in klei­ner fei­ner Schrift, auf der Rückseite, beim Verfalldatum steht: China.

Autsch! Das gibt es doch nicht! Bohnen aus China – nein danke!

Sofort eine Internetrecherche. Bei Google «Kidney-Bohnen Schweiz» ein­ge­ben. An ers­ter Stelle die Anzeige von Coop. Abgebildet genau­so ein Pack Bohnen, wie ich sie nach­hau­se gebracht habe. Und der Hinweis: Produktionsland Schweiz – Rohstoffherkunft (sprich: Red Kidney-Bohnen) China.

Hallo?

Fest steht: Wir wol­len kei­ne aus China impor­tier­ten Bohnen – egal ob Borlotti oder Red Kidney! Also wei­ter recher­chiert: Damit ich beim nächs­ten Mal weiss, ob und woher ich ein­hei­mi­sche oder zumin­dest euro­päi­sche Bohnen bezie­hen kann.

Hier eine Zusammenfassung der Internetrecherche:

Coop führt in sei­nem Sortiment Bio-Borlotti-Bohnen mit dem Vermerk Produktionsland Schweiz. Kann man davon aus­ge­hen, dass damit auch die «Rohstoffherkunft» gemeint ist? Wie auch immer – die Borlotti-Bio-Bohnen waren in der Filiale, wo ich ein­ge­kauft habe, nicht ver­füg­bar. Die Büchsen-Borlotti-Bohnen – nicht Bio – von Coop kom­men aus Italien, jene von Migros aus China.

Aus China kom­men auch die roten Bio-Bohnen von Manor – ver­packt in Basel. Der Ayurveda-Onlineshop ver­kauft Red Kidney Bohnen der Marke Cosmoveda aus Indien – laut Label aus Fair Trade Projekten. Europäische rote Bohnen lies­sen sich auf die Schnelle kei­ne fin­den. Was hin­ge­gen auf­fällt: Sowohl bei her­kömm­li­chen wie auch bei Bio-Bohnen ist oft kei­ne Herkunftsdeklaration zu finden.

So fehlt etwa auch auf der Verpackung der Red Kidney-Bohnen des deut­schen Biounternehmens Rapunzel der Herkunftshinweis. Der «Ursprung der Hauptzutat» für die Dosen-Variante stammt aus «Nicht EU-Landwirtschaft» — was auf China deu­ten lässt. Hergestellt wird das Produkt – laut Internetinformation – in Italien.

Die Neugier ist nun defi­ni­tiv geweckt: Woher stam­men die­se nahr­haf­ten Bohnen über­haupt? Die rote Bohne – ihrer Form und Farbe wegen bekannt unter den Namen Red Kidney-Bohne – stammt laut Wikipedia aus Peru. Von wo sie in der Kolonialzeit den Weg nach Europa gefun­den habe. Für das Wachstum bevor­zu­ge sie ein feuch­tes Klima, «wes­halb die Bohne haupt­säch­lich in Amerika und Afrika ange­baut wird. Doch auch in China gibt es sie mitt­ler­wei­le häufig.»

Die Heimat der rot-weiss gespren­kel­ten Borlotti-Bohne hin­ge­gen ist Mittel- und Südamerika. 1528 wur­de sie von Papst Clemens VII in Italien ein­ge­führt, wo man sie bis heu­te als Zutat für zahl­rei­che ita­lie­ni­sche Spezialitäten ver­wen­det. Deshalb fin­det man auch hier­zu­lan­de Borlotti-Bohnen aus ita­lie­ni­scher Produktion.

Und ein­hei­mi­sche Produkte? – Sowohl Red Kidney- wie Borlotti-Bohnen könn­te man in der Schweiz pro­blem­los anbau­en. So hat der Bio-Saatgutproduzent Sativa in sei­nem Sortiment sowohl Samen für rote Bohnen – lus­ti­ger­wei­se unter dem Markennamen Canadian Wonder – sowie vier (!) unter­schied­li­che Varianten von Borlotti-Bohnen.

Das Fazit des Fehlkaufs von heu­te Vormittag bei Coop: Die Sache mit dem loka­len und sai­so­na­len Einkauf wird schnell kom­pli­ziert. Entweder, wir zie­hen nächs­tes Jahr auf dem Balkon sel­ber Borlotti- und Red Kidney-Bohnen – oder wir müs­sen künf­tig auf Chili-Gerichte und Bohnen in der Minestrone verzichten.