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Wer Terror sät, wird Terror ernten

16 Tote und über 40 Verletzte – dies die aktuelle, traurige Bilanz des Anschlags von gestern Sonntag am weltbe­rühmten Bondi-Beach in Australien. Noch bevor Klarheit herrschte über die Täter, ging in Windeseile die Schlagzeile um die Welt, es handle sich um einen islami­stisch motivierten, antise­mi­ti­schen Terrorangriff.

Dies aufgrund des Umstands, dass es die Angreifer ganz offen­sichtlich auf die Besucher:innen einer Strandparty abgesehen hatten, an der Hunderte von Menschen den Auftakt zum jüdischen Lichterfest Chanukka feierten.

Ein Steilpass für den israe­li­schen Präsidenten und Kriegsverbrecher Netanyahu, der keine Sekunde zögerte, den Anschlag für seine Zwecke zu nutzen: Mit scharfen Worten beklagte er den wachsenden Antisemitismus und bezich­tigte die austra­lische Regierung der Mitschuld, weil diese seit dem Sommer 2025 zu jenen Ländern gehört, die Palästina als Staat anerkennen. Ein Vorwurf, den der austra­lische Regierungspräsident Anthony Albanese umgehend und zu Recht von sich gewiesen hat.

Bald folgte das übliche Prozedere in solchen Fällen: Regierungschefs aus aller Welt kondo­lierten und verur­teilten, was das Zeug hielt. Sogar die Schweizer Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter tauchte aus ihrer wochen­langen Versenkung auf und liess über ihren X‑Kanal verlauten, die Schweiz bekunde Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen und wende sich «entschieden gegen jede Form von Gewalt, Antisemitismus und Hass.»

Worte, die nie falsch, und doch völlig daneben sind. Insbesondere angesichts des hartnäckigen Schweigens der Schweiz, wenn es um den von Israel verübten Terror an palästi­nen­si­schen Menschen in Gaza oder im Westjordanland geht. Und auch gegen das selektive Säen von Hass scheint man hierzu­lande nichts einzu­wenden zu haben: Es muss einfach von Israel-Lobby:istinnen kommen, die mit wüsten Worten und Kampagnen jedwelchen kriti­schen Stimmen, die das israe­lische Unrechtsregime anprangern, Hassparolen und Etikettierungen entge­gen­schleudern – zum Teil wortwörtlich, wie wir sie aus Nazideutschland kennen.

Der Anschlag im fernen Australien dominierte schon den ganzen Sonntag sämtliche News-Kanäle, die laufend über die neusten Erkenntnisse und Opferzahlen berich­teten. Am Montag dann die Fortsetzung auch in den gedruckten Zeitungen, wo das Attentat und Mutmassungen über die Hintergründe sowie der weltweit kolpor­tierte «zuneh­mende Antisemitismus» seiten­weise abgear­beitet und multi­pli­ziert wurden. 

In der SRF-Tagesschau vom Sonntagabend gab es, nach der Zusammenfassung der Ereignisse, eine Direktschaltung zum langjäh­rigen Australien-Korrespondenten Urs Wälterlin. Dieser schil­derte kennt­nis­reich, dass der Anschlag am Bondi-Beach die Aussies tief ins Mark getroffen habe – in Australien sei der Ort «eine Ikone, er verkörpert austra­lische Kultur, Lebensfreude, Unbeschwertheit – aber auch Multikulturalität». Besonders veräng­stigt sei jetzt wohl die jüdische Bevölkerung, die in und um Bondi lebe, so Wälterlin weiter. Er fürchte aber, dass die Tat «auch antimus­li­mi­schen Kräften Auftrieb geben wird, die in den letzten Jahren deutlich lauter und aggres­siver geworden sind.»

Ein Aspekt, der sonst nirgends zu lesen oder zu hören war – im Gegenteil: Einmal mehr war und ist in unseren Medien praktisch nur von Antisemitismus die Rede, der die Jüdinnen und Juden weltweit immer stärker bedrohe. In die gleiche Kerbe hieb – im Anschluss an Wälterlins diffe­ren­zierte Einschätzung – auch Daniel Glaus, der sogenannte «Fachexperte Extremismus» von SRF. Hemdsärmlig wie gewohnt, stellte er einmal mehr jegliche Israel- und Zionismus-Kritik unbesehen in die Antisemitismus-Ecke. Keine Spur von journa­li­stisch recher­chierter Evidenz oder Fachexpertise.

Was zudem in unseren Medien kaum thema­ti­siert wird: Die Party am Bondi-Beach war vom austra­li­schen Zweig der Chabad-Mission veran­staltet worden – eine orthodoxe jüdische Sekte, die weltweit aktiv ist – auch in der Schweiz. Und die Israels Genozidpolitik aktiv unterstützt.

Eli Schlanger, der Organisator des Strand-Events vom letzten Sonntag und bekannt als der «Bondi Rabbi», hatte Israel und den IDF-Soldaten vor zwei Jahren zusammen mit anderen inter­na­tional aktiven Rabbinern einen Besuch abgestattet. Schon bald nach Bekanntwerden seines Todes, kursierten im Internet Bilder, die ihn beim Essen und Feiern mit israe­li­schen Soldaten zeigen…

Eine spannende Analyse zu möglichen Hintergründen für den Anschlag und die Reaktionen (insbe­sondere jene von Netanyahu) liefert auch die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost:

«Seit dem 7. Oktober ist Australien ein Einwanderungsziel für viele Israelis, und das ist auch aus Sicht der israe­li­schen Behörden nicht erwünscht, vor allem nicht, wenn sie gegen Israels Politik sprechen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese von Chabad organi­sierte Feier auch dazu diente, deren Bindung an das Judentum und Israel zu stärken…»

Unter den Verletzten gab es ein weiteres Opfer, das enge Beziehungen zu Israel pflegt: Der israe­lische «Menschenrechtsanwalt» Arsen Ostrowsky postete umgehend ein Bild von sich mit blutver­schmiertem Gesicht. Nur wenige Tage vor dem Attentat hatte er auf seiner Linkedin-Seite mit viel Pathos über seine Mission, die er als Neuzuzüger in Australien zu erfüllen habe, berichtet: «Ich sehe es als meine Aufgabe, mich für Israel einzu­setzen und für die Wahrheit zu kämpfen – das habe ich schon immer getan, und jetzt ist es an der Zeit, diesen Kampf an einer neuen Front fortzusetzen.»

Was, wenn die Täter von Sydney nicht einfach wahllos umher­ge­schossen, sondern gezielt Verfechter und Unterstützer des israe­li­schen Genozids ins Visier genommen haben? Nach gängigem israe­li­schem Muster: Auge um Auge – Zielpersonen elimi­nieren, ohne Rücksicht auf «Kollateralschäden»… Dies ist keine Entschuldigung für die Horrortat. Für Gewalt, Mord und Terror gibt es keine Entschuldigung – niemals und unter keinen Umständen.

Wer aber den israe­li­schen Völkermord aktiv unter­stützt und gar noch propa­giert, muss mit Vergeltung rechnen. Gewalt erzeugt Gegengewalt – wer Terror sät, wird auch Terror ernten. Oder, wie es die Vertreter:innen der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost auf den Punkt gebracht haben: «Israel hat es nicht nur geschafft, der unsicherste Ort der Welt für Juden und Jüdinnen zu sein, es gefährdet Juden auf der ganzen Welt.»

Die Israel-Lobbyist:innen und Antisemitismus-Keulen-Schwinger:innen hierzu­lande täten gut daran, sich diese Worte zu Herzen zu nehmen. Der Weg zu mehr Sicherheit für uns alle – egal welcher Religion oder Couleur – führt einzig allein über die Einhaltung der Menschenrechte, gegen­sei­tigen Respekt und Toleranz. Das schliesst jedoch die Ausübung von Hetze und eigener Gewalttaten ebenso aus wie die billige Rechtfertigung von Israels Genozid und Terroratacken als «Selbstverteidigung».



Bericht zu Eli Schlanger und sein Engagement in Gaza – Bericht von Times of India, 14.12.2025:

Keine Schlagzeilen mehr wert

Gaza steht unter Wasser. Bilder von Regenböen, die der Wind über den zerbombten Küstenstreifen peitscht, überflutete und einge­stürzte Zelte – verzwei­felte Menschen, bis zu den Hüften im Wasser… Einmal mehr: Wer seine Informationen über den Nahen Osten über unsere sogenannten Mainstream-Medien bezieht, bekommt davon wenig davon mit.

Die erschüt­ternden Bilder erreichen uns praktisch nur über die sozialen Medien und inter­na­tionale News-Kanäle wie Al Jazeera oder die palästi­nen­sische Nachrichtenagentur WAFA. Ausnahme: Auf Radio SRF berichtete am Donnerstag, 11. Dezember die Leiterin der Auslandredaktion und langjährige Nahost-Korrespondentin Susanne Brunner kompetent und mit Informationen aus erster Hand über die horrenden Zustände in Gaza.

Allerdings schaffte es der sechs­mi­nütige Beitrag weder in die Flaggschiffsendung «Echo der Zeit» noch ins «Rendez-vous am Mittag» auf SRF 1 – ausge­strahlt wurde er einzig auf dem wenig gehörten Kanal von SRF 4 News – wer’s verpasst hat, kann den Beitrag auf SRF-Online nachlesen und ‑hören. Es lohnt sich!

Eine mögliche Antwort auf die Frage, weshalb Susanne Brunner mit diesen wichtigen und gut recher­chierten Informationen kein Zeitfenster auf SRF 1 erhalten hat, liefert ein anderer Radio-Beitrag – ausge­strahlt im «Echo der Zeit» vom 10. Dezember. Dieser nahm die heftige Diffamierungskampagne gegen die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann, an der auch die NZZ mitmischte, zum Anlass für ein Gespräch mit der Kommunikationswissenschaftlerin und Medienkritikerin Nadia Zaboura. Diese sagte zur Kampagne gegen die Journalistin, die für die ARD aus Tel Aviv berichtet: «Das Beispiel steht für eine Vielzahl von Angriffen und Attacken auf die Meinungsfreiheit und massgeblich auch auf die Pressefreiheit, die es nicht nur in Deutschland zu beobachten gilt, sondern auch weit darüber hinaus.»

Die Vehemenz, mit der Sophie von der Tann, deren Arbeit sich durch Integrität und journa­li­stische Professionalität auszeichnet, attackiert werde, so Nadia Zaboura weiter, sei ein neues Momentum einer Entwicklung, die sich schon seit langen Jahren abzeichne.

Verschiedene Untersuchungen und Befragungen zeigten, dass speziell zum Thema Nahost «die Meinungskorridore enger geworden sind» – nicht nur innerhalb von Redaktionen, sondern insbe­sondere durch regel­mässige Tiraden in Zeitungsspalten und Shitstorms gegen Journalist:innen und ihre Arbeit. Eine Feststellung, die auch auf die Schweiz zutrifft, wie wir seit Monaten immer wieder beobachten.

So war Anfang dieser Woche auch die illegale Enterung des UNRWA-Hauptquartiers in Ostjerusalem durch die israe­lische Polizei kein Thema in den Schweizer Medien. Weder die Infiltration des Geländes durch bewaffnete Agenten noch das Herunterreissen der UNO-Flagge vom Dach des Gebäudes und deren Ersetzen durch den Davidstern. Dies, obschon (oder weil?) es sich hierbei um eine weitere drastische Verletzung inter­na­tio­nalen Rechts durch Israel handelt.

Das Powerplay jener Lobbyist:innen und Politiker:innen, die Israels Genozid-Politik nach wie vor durch alle Böden vertei­digen, ist so erfolg­reich, dass selbst nüchterne Berichte über die fakti­schen Zustände in Gaza in unseren Medien keinen oder nur noch am Rande Platz finden. Eine gefähr­liche Entwicklung, wie Nadia Zaboura ausführt, die zur Folge habe, dass der Journalismus seine Kernaufgaben, «den Transport von geprüften und journa­li­stisch verifi­zierten Informationen und zeitgleich die Kontrolle von Macht», nicht mehr wahrnehmen könne.

Zum Glück gibt es aber immer noch Medienschaffende, die sich trotz allem Gegenwind nicht einschüchtern lassen. Dazu gehört auch die eindrück­liche Reportage von Temps présent (RTS) aus dem «Herzen von Gaza», für welche die Journalist:innen auf beiden Seiten der Trennungsmauer recher­chiert und gedreht haben. Der Film zeigt die eklatanten Unterschiede zwischen den Welten der Israelis und jener der Palästinenser:innen in Gaza, wo es nach wie vor an allem mangelt. Dies nicht zuletzt, weil die Besatzungsmacht Israel immer noch kaum Lieferungen von Hilfsgütern zulässt, wie die Reporter:innen vor Ort aufzeigten.

Dies bestätigt auch UNRWA-Direktor Philippe Lazzarini anlässlich eines ausführ­lichen Interviews am Doha-Forum in Katar. Seit Mitte November hätten keine UNO-Konvois mehr Gaza erreichen können, sagt Lazzarini: «Das ist äusserst besorg­nis­er­regend, weil schon im September über eine Million Menschen ohne ausrei­chende Lebensmittelversorgung waren, im Oktober waren es 1,4 Millionen, im November 1,7 – was zeigt: Der Hunger breitet sich aus…»

Im Gespräch prangert der Schweizer Diplomat mit deutlichen Worten die Hass-Kampagnen gegen sein UNO-Hilfswerk an, bei der auch Schweizer Medien und Politiker:innen an vorderster Front mitmi­schen. Er setze alles daran, das UNRWA-Mandat zu schützen und zu erhalten, weil das Ende der Hilfsorganisation katastrophal wäre: «Jeder zweite Mensch in Gaza ist unter 18 – darunter 600’000 Mädchen und Buben im Grundschul- und Sekundarschulalter. Sie alle leben in Trümmern und sind zutiefst trauma­ti­siert. – Wenn wir keine Institution wie die UNRWA mehr haben, die diese Kinder nach dem Waffenstillstand zurück ins Schulsystem bringt, säen wir in der Zukunft nur neuen Extremismus.»

Philippe Lazzarinis wichtige Stimme, seine Analysen und Appelle finden in den Schweizer Medien ebenso selten Echo wie die Berichte über die akutelle Situation in Gaza. Wie Sophie von der Tann, werden auch Lazzarini und die UNRWA von den Schweizer Israel-Sprachrohren seit Jahren plump des Antisemitismus bezichtigt – bis heute, obschon viele Fakten auf oder unter dem Tisch liegen, wenn man sie nur sehen und hören wollte. Das ist gleicher­massen gefährlich wie beschämend.


Auszüge aus dem Gespräch mit Philippe Lazzarini anlässlich des Doha-Forums vom 6./7. Dezember 2025 – hörenswert!

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Friedensfrauen in unfriedlichen Zeiten

Frieden ist ein arg strapa­zierter Begriff. Aktuell dominiert das Credo, Frieden sei das Resultat von Powerplay und Deals. Am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, hat die venezue­la­nische Trump-Freundin María Corina Machado den diesjäh­rigen Friedensnobelpreis erhalten. – Mit dem Projekt «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005» sollten ganz andere Ansätze von Friedensarbeit geehrt und sichtbar gemacht werden. – 20 Jahre danach erzählen vier Friedensaktivistinnen aus dem Sudan, den USA, Israel und Burundi, erzählen, wie sie heute für ihre Vision einer gerech­teren Welt, frei von Gewalt und Unterdrückung, einstehen.

Im Sudan gehört Krieg seit Jahren zum Alltag. Die aktuelle Gewalteskalation gilt mittler­weile als die weltweit «grösste humanitäre Krise der Welt» – mit Hunderttausenden von Toten und Millionen auf der Flucht. Die Lage scheint aussichtslos; von der UNO initi­ierte Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen sind bisher alle gescheitert. Kein Zufall, sagt die Sudanesin Asha El-Karib, die sich seit Jahrzehnten für eine demokra­tische, gerechte Gesellschaft in ihrem Land engagiert: «Die gängigen Verhandlungsmuster bei den Friedensprozessen stellen stets die Teilung von Macht und Reichtum ins Zentrum.»

Dies habe zur Folge, dass jedem Friedensabkommen schon der Keim für den nächsten Krieg innewohne. Sie stellt dem Feilschen um Macht, Land und Bodenschätze, das im Sudan wie anderswo sogenannte «Friedensverhandlungen» dominiert, eine ganz andere Vorstellung von Frieden gegenüber: «Frauen definieren Frieden kurz und bündig als Abwesenheit von Angst. Sie wollen beim Schlafengehen den Kopf aufs Kissen legen, ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, ob die Kinder am nächsten Tag zur Schule gehen können oder ob es genügend Essen auf dem Tisch haben wird…»

Wenn die Kriegsherren das Bärenfell unter sich verteilen und anschliessend mit viel Brimborium einen Friedensvertrag unter­zeichnen, spielen die grund­le­genden Bedürfnisse der kriegs­ver­sehrten Menschen in aller Regel keine Rolle. Asha und ihre Mitstreiterinnen fordern deshalb seit Jahren, dass Frauen bei Friedensprozessen mitbe­stimmen. Solange weiterhin Unterdrückung, Ausbeutung und Armut herrschen, werde es keinen Frieden geben: «Aus femini­sti­scher Sicht heisst Frieden soziale Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, keine Diskriminierung und keine Gewalt.»

Vor 20 Jahren wollte ein Projekt aus der Schweiz mit der Kandidatur von «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005» diesem Ansatz von Friedensarbeit mehr Sichtbarkeit und Gewicht verleihen. Asha war damals Mitglied des inter­na­tio­nalen Koordinationsteams, wir beglei­teten das Projekt mit der Kamera und porträ­tierten für unseren Dokumentarfilm Friedensaktivistinnen im Sudan, in den USA, in Burundi, Israel und Palästina. «1000 Frauen und ein Traum»* ist ein Film, der bis heute Gültigkeit hat und immer noch Mut und Hoffnung macht, obschon die Frauen den Friedensnobelpreis damals nicht erhalten haben.

Die Welt sieht heute nicht weniger düster aus als 2005 – im Gegenteil. Angesichts der eskalierten Entwicklungen im Sudan und in Palästina wollte ich wissen, wie es den Frauen heute geht, die wir im Film damals inter­viewt und porträ­tiert hatten.

Das erste Gespräch führte ich mit Margo Okazawa Rey in den USA, die ihre reichen Erfahrungen aus der femini­sti­schen Friedensbewegung bei der Nominierung der 1000 Friedensfrauen ins Koordinationsteam einge­bracht hatte. Heute stellt sie ernüchtert fest, dass von der Utopie, die das Projekt vor 20 Jahren beflügelt hat, nicht viel übrig geblieben ist. «Ich verstehe das Ausmass an Grausamkeit nicht, das man auf dieser Welt einfach hinnimmt – nicht nur in Palästina, auch an unzäh­ligen anderen Orten, und auf so viele unter­schied­liche Arten», fasst die mittler­weile emeri­tierte Professorin für Soziologie zusammen.

Rückschläge und Abhängigkeiten

Selbstkritisch stellt sie fest, dass es weder der Frauen- noch der Friedensbewegung in den letzten 40 Jahren gelungen ist, ihren Visionen und Überzeugungen zum Durchbruch zu verhelfen. Stattdessen ist der Spielraum für Frauen und friedens­po­li­tische Bewegungen überall enger geworden. Der gegen­wärtig dominie­rende politische Rechtsdrall schwächt opposi­tio­nelle Organisationen weltweit.

Geld spiele dabei eine entschei­dende Rolle, sagt Margo: In den USA, wie auch in Europa oder in der Schweiz würden aktuell die sozialen Mittel zugunsten von Milliardeninvestitionen zwecks Aufrüstung drastisch gekürzt. Fatal sei dies insbe­sondere für all jene NGOs und zivil­ge­sell­schaft­lichen Initiativen, die ihre Aktivitäten mithilfe staat­licher Subventionen auf- und ausgebaut haben. Heute zeige sich, so Margos bitteres Fazit, dass diese Organisationen ihre in der Vergangenheit erzielten Erfolge einem strate­gi­schen Fehler verdankten. 

Die finan­zielle Abhängigkeit von staat­lichen Geldgebern und Stiftungen wirken sich dort besonders negativ aus, wo die gesell­schafts­po­li­ti­schen Ziele der Akteur:innen und jene der Geldgeber ausein­an­der­klaffen. Als Beispiel nennt Margo Israels Genozid in Gaza: Aus Sorge, durch ein klares Statement für Frieden und Menschenrechte staat­liche Subventionen zu verlieren, würden sich viele westliche Organisationen darum drücken, Position zu beziehen. Eine oppor­tu­ni­stische Haltung, um zu überleben. Mit Friedensorganisationen, die zu Kriegsverbrechen schweigen, sei der angestrebte Wandel aber niemals zu erreichen, konsta­tiert Margo: «Die notwen­digen, tiefgrei­fenden Veränderungen, die es für die Schaffung einer fried­lichen und gerechten Gesellschaft braucht, werden von jenen Menschen getragen, die nicht aufgeben, wenn es schwierig wird.»

Bedroht, verfolgt und ungebrochen

Maggie Barankitse ist so eine Frau, die nie aufgibt. Sie hat in den 1990er Jahren den verhee­renden Bürgerkrieg in Burundi wie durch ein Wunder überlebt und sich seither der Versöhnungs- und Friedensarbeit verschrieben. Als wir sie im Frühjahr 2004 bei der Arbeit porträ­tierten, war ihr Projekt «Maison Shalom» eine blühende Institution. Das von Maggie gegründete Friedensdorf, wo Hutu- und Tutsi-Kinder gemeinsam aufwachsen konnten, galt als inter­na­tio­nales Vorzeigemodell. In Burundi selber hatte Maggie Barankitse als «Maman der Nation» einen Prominentenstatus. 

Mit der erneuten politi­schen Krise in Burundi änderte sich das 2015 schlag­artig: Maggie fiel in Ungnade und musste erneut um ihr Leben bangen. «Mein Verbrechen war, dass ich zum Präsidenten der Republik Burundi gesagt habe, dass ich nicht länger zu seinen Untaten schweigen könne. Das hat mich ins Exil getrieben», erzählt sie anlässlich unseres Zoom-Gesprächs im Frühjahr 2025. Bis heute sei sie stolz darauf, dass sie es gewagt habe, gegenüber dem mächtigsten Mann im Land den Mund aufzu­machen und die wirklichen Probleme zu benennen: «In diesem Moment habe ich es vorge­zogen, alles zu verlieren, als weiterhin Teil dieses Systems zu bleiben.»

Mit Unterstützung der belgi­schen Botschaft konnte sie bei Nacht und Nebel nach Europa fliehen. Dort hat sie es aber nicht lange ausge­halten: Kaum angekommen, setzte sie alles daran, zu ihren Leuten zurück­zu­kehren. Nicht nach Burundi, wo das Maison Shalom in Trümmern lag und sie bis heute als Persona non grata mit Verfolgung und Tod rechnen muss, sondern ins Nachbarland Ruanda. Dort leben seit den Unruhen 2015 über 60’000 Geflüchtete aus Burundi. Menschen mit normalen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Talenten, in einer abnor­malen Situation, wie es Maggie formuliert.

In Ruanda hat sie mit ihrer Arbeit noch einmal von vorne begonnen, unter noch schwie­ri­geren Bedingungen. «Im Lager habe ich Nähateliers initiiert, Lederbearbeitung für die Herstellung von Schuhen, die Produktion von Nahrungsmitteln – und ich habe sie in die Schule geschickt», schildert die unermüd­liche Kämpferin für Frieden und Gerechtigkeit die Anfänge ihrer Aufbauarbeit im Flüchtlingslager.

In der Hauptstadt Kigali hat sie zudem eine inter­na­tional anerkannte Schule gegründet, wo Kinder und Jugendliche aus dem Lager und aus der Stadt gemeinsam unter­richtet werden. «Jedes Kind hat das Recht auf Zugang zu einer exzel­lenten Schule, wo mensch­liche Werte wie Mitgefühl, Würde, Integrität, gutes Wissen und Solidarität vermittelt und gelebt werden», sagt Maggie und schlägt den Bogen zu ihrem Lebenswerk in Burundi: «Man hat die Häuser des Zentrums zerstört, aber das Maison Shalom lebt weiter. Seine Botschaft, dass die Welt uns allen gehört und wir als Schwestern und Brüder zusam­men­leben können, diese Botschaft kann niemand zerstören.»

In die gleiche Richtung weist die Friedensbotschaft von Margo Okazawa Rey, wenn sie für mensch­liche Sicherheit, basierend auf dem Selbstbestimmungsrecht der Menschen und dem Schutz unserer Ressourcen plädiert und klarstellt: «Das Militär wird unser Leben niemals sicherer machen – im Gegenteil, die Militarisierung steht sogar im Widerspruch zu unserer Definition von mensch­licher Sicherheit und beein­trächtigt sie.»

Security versus Safety

Die israe­lische Psychiaterin Ruchama Marton geht diesbe­züglich noch einen Schritt weiter, sie sagt: «Security kills safety.» Menschliche Sicherheit (safety) basiere auf Beziehungen und Vertrauen, beides werde durch den Aufbau struk­tu­reller Sicherheitsmassnahmen und Militarisierung zerstört. Das beste Beispiel dafür sei Israel: «Der israe­lische Staat investiert viel Geld, um mich zu schützen. Das alles ist aber eine grosse Lüge – der beste Beweis dafür ist der 7. Oktober 2023…»

Anlässlich unserer Dreharbeiten hatten wir die für das Nobelpreisprojekt nominierte Friedensaktivistin 2005 ins Westjordanland begleitet, wo Dörfer und Städte der Palästinenser:innen durch die damals neu erstellte Mauer nicht nur von Israel, sondern auch von ihren eigenen Landwirtschaftsflächen und Nachbarn abgetrennt worden waren. Im Interview sagte sie damals: «Wir sind gegen diese Trennung und lehnen jegliche Separierungen ab. Dafür gibt es nur ein Mittel: Man muss die Grenze immer wieder überschreiten und den Menschen auf der anderen Seite auf persön­licher, profes­sio­neller und politi­scher Ebene begegnen.»

Seit ihrem Militärdienst in den 1950er-Jahren engagiert sich die Ärztin gegen die israe­lische Besatzungspolitik und für ein gleich­be­rech­tigtes Zusammenleben aller Menschen in der Region zwischen Jordan und Mittelmeer – «From the river to the sea». Damit gehörte sie aller­dings schon immer zu einer kleinen Minderheit in Israel, deren Stimmen von den Machthabern syste­ma­tisch unter­drückt werden.

Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Situation weiter verschärft. Die mittler­weile 87jährige Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der Organisation «Ärzte für Menschenrechte Israel» lebt heute zurück­ge­zogen und sagt, sie fühle sich oft einsam. Nicht nur, weil viele ihrer Weggefährt:innen bereits verstorben sind, sondern weil die überwie­gende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in ihrem Land die Vertreibung und den Genozid an der palästi­nen­si­schen Bevölkerung gutheisst und auch, weil ihre Kontakte mit den Menschen jenseits der Mauer gezwun­ge­ner­massen praktisch unmöglich geworden sind.

«Ich sehe keinen Ausweg, es sei denn, das ganze Denken verändert sich von Grund auf», sagt sie – und weiss auch, was dafür getan werden müsste: «Man könnte das riesige Sicherheitsbudget statt fürs Militär auch ganz anders nutzen – nämlich für die Bildung der Menschen. Um eine Gesellschaft zu schaffen, in der Freundlichkeit nicht mehr als Schwäche gebrand­markt wird, und das Zusammenleben der Kulturen für alle eine Bereicherung ist.»

Es bleibt die (leider wohl) rheto­rische Frage, wer den Friedensnobelpreis 2026 eher erhalten wird: Donald Trump oder die 1000 Frauen, stell­ver­treten für all jene Frauen weltweit, die sich immer noch und immer wieder für eine Welt ohne Kriegs- und Existenzängste engagieren…

*1000 Frauen und ein Traum, Dokumentarfilm von Offroad Reports GmbH (2005)

Dieser Artikel wurde Anfang Dezember in der Zeitung der Schweizerischen Friedensbewegung «Unsere Welt» publiziert.

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