Ein toxisches Plakat

Lan­des­thea­ter Tübin­gen (LTT) im Dezem­ber 2023. Eine grosse PVC-Plane hängt auf der Aus­sen­wand des Theaters. 

Wir rei­ben uns die Augen. Pla­ka­tive Soli­da­ri­tät als Visi­ten­karte einer kul­tu­rel­len Insti­tu­tion, warum nicht? Hier steht aber aus­drück­lich und aus­schliess­lich «Soli­da­ri­tät mit allen Men­schen in Israel und allen Juden und Jüdin­nen auf der Welt». Kein Wort der Empa­thie oder Soli­da­ri­tät mit nicht­jü­di­schen Opfern in all den aktu­el­len Krie­gen rund um den Erd­ball – ist das Absicht?

Was auf­fällt: Der untere Teil des Trans­par­ents fehlt. Offen­sicht­lich wurde er abge­schnit­ten. Wes­halb? – Viel­leicht, weil dort auch der Opfer auf der palä­sti­nen­si­schen Seite gedacht oder gar ein Waf­fen­still­stand gefor­dert wurde? Oder andere Ver­mu­tung: Neo­na­zis haben ihre Paro­len unten hin­ge­sprayt. Wir wis­sen es nicht.

Was bleibt ist der Slo­gan auf dem Rest­pla­kat. Die­ser ver­kün­det ein­mal mehr die hun­dert­fach repro­du­zierte Bot­schaft, die seit Wochen land­auf landab in Medien und Poli­tik hirn­los nach­ge­be­tet wird. Ein ein­fäl­ti­ges, aber pro­ba­tes Mit­tel gegen dif­fe­ren­zie­rende Stim­men und die For­de­rung nach einem sofor­ti­gen Waf­fen­still­stand: Die Anti­se­mi­tis­mus­keule ver­bun­den mit dem Denk­ver­bot, Hin­ter­gründe und Ursa­chen des gegen­wär­ti­gen Men­schen­ab­schlach­tens zu benennen.

Kri­tik an der men­schen­ver­ach­ten­den Poli­tik der israe­li­schen Regie­rung ist daher uner­wünscht, Kriegs­ver­bre­chen auf israe­li­scher Seite beim Namen zu nen­nen ein No-Go. In Deutsch­land haben die Regie­ren­den die bedin­gungs­lose Unter­stüt­zung Isra­els gar zur Staats­rä­son erho­ben. Blind dafür, dass gerade damit die Saat für stets neue Gräu­el­ta­ten gelegt wird.

Es gibt sie trotz­dem, die ande­ren Stim­men. Nach­dem wir das Pla­kat foto­gra­fiert haben, bleibt vor der Thea­ter­vor­stel­lung noch Zeit für einen Spa­zier­gang durch die Stadt. Auf dem Holz­markt vor der Stifts­kir­che ist eine Kund­ge­bung im Gang. Seite an Seite ste­hen Men­schen unter­schied­li­chen Alters und Her­kunft, mit Ker­zen in der Hand und Trans­pa­ren­ten, die einen sofor­ti­gen Waf­fen­still­stand in Israel und Palä­stina fordern.

Etwa 300 Men­schen haben sich ver­sam­melt, um fried­lich gegen die offi­zi­elle Poli­tik zu pro­te­stie­ren. Die Red­ner: innen erin­nern mit ein­drück­li­chen Wor­ten an das Lei­den und Ster­ben der Men­schen im Krieg. Und zei­gen auf, wie sich die deut­sche Poli­tik immer stär­ker in der Sack­gasse ihrer ein­sei­tig auf Israel fokus­sier­ten «Staats­rä­son» ver­rennt. Ein­dring­lich for­dern die Demon­strie­ren­den auf dem Holz­markt das Ende der Gewalt im Nahen Osten und die Befrei­ung von Palästina.

Zurück im Lan­des­thea­ter erle­ben wir eine span­nende Auf­füh­rung von Elfriede Jelin­eks «Licht im Kasten». Ein Stück, das inspi­riert, pro­vo­ziert und zum Nach­den­ken anregt. Thea­ter im LTT, das voll und ganz erfüllt, was wir uns von Kul­tur­schaf­fen­den wünschen.

Dies im Gegen­satz zum toxi­schen Pla­kat, das uns nicht aus dem Kopf geht. Des­sen Inhalt müsste, sind wir über­zeugt, gerade in einer Insti­tu­tion wie dem LTT zwin­gend hin­ter­fragt, dis­ku­tiert und neu über­dacht werden.

Als Anre­gung kre­ieren wir einen kur­zen Text mit Vor­schlä­gen, was aus unse­rer Sicht auch noch auf das Pla­kat gehört hätte. Die­sen schicken wir per Mail ans Lan­des­thea­ter Tübin­gen und geben der Hoff­nung Aus­druck, dass unser Ein­spruch «als Rück­mel­dung aus dem Zuschau­er­raum über ein Anschlag­brett den Weg ins Innere des Thea­ters fin­den und als Dis­kus­si­ons­stand­punkt Berück­sich­ti­gung in der lau­fen­den Debatte fin­den möge.»

Die Reak­tion kommt prompt und hef­tig, von ganz oben: Unsere Mail wird von der Thea­ter­päd­ago­gin, an die wir sie adres­siert haben, umge­hend an den Inten­dan­ten Thor­sten Weck­her­lin wei­ter­ge­lei­tet. Seine Ant­wort, die knapp drei Stun­den spä­ter bei uns ein­trifft, macht klar: Debatte nicht erwünscht! Ein­füh­rend lässt er uns wissen:

«Nach dem 7. Okto­ber stehe ich ganz klar ohne Wenn und Aber hin­ter Israel. Und wer das nicht akzep­tie­ren möchte (sein gutes Recht), dem sage ich: ’Das ist mir egal!’»

Dar­auf folgt ein Schwall von Beleh­run­gen in einem Ton­fall, der kei­nen Wider­spruch dul­det. Er beschwört den «Anti­se­mi­tis­mus in den mus­li­mi­schen, lin­ken und rech­ten Com­mu­ni­ties (und selbst­re­dend in der Mitte der deut­schen Gesell­schaft), die er «schlimm und zum Kot­zen» finde.

Zwar räumt Weck­her­lin ein, dass nicht alle so den­ken wie er – «nicht in Deutsch­land, nicht in Tübin­gen, nicht im LTT.» Das hin­dert ihn aber nicht daran, das ein­sei­tige, ein­äu­gige Pla­kat am Lan­des­thea­ter auf­hän­gen zu las­sen. Mit der Begrün­dung: «Wir haben alle das Recht auf freie Rede sowie freie Äus­se­rung und (öffent­li­che) Ver­brei­tung einer Mei­nung. (…) Auch unsere Aus­hänge an der Werk­statt­wand gehö­ren dazu.»

Als Illu­stra­tion schickt uns der Inten­dant ein Foto des voll­stän­di­gen Trans­par­ents. Auf dem unte­ren, weg­ge­schnit­te­nen Teil stand kein Wort von Soli­da­ri­tät mit Opfern der israe­li­schen Kriegs­ma­schi­ne­rie, son­dern: «Der Anti­se­mi­tis­mus und der Israel-Hass müs­sen auf­hö­ren in den mus­li­mi­schen, lin­ken und rech­ten Communitys!»

Da wird sie also wie­der geschwun­gen, die Anti­se­mi­tis­mus­keule. Gott­sei­dank nicht auf der Bühne – und gut, ist diese untere Hälfte schon mal weg… Trotz­dem: Das Pla­kat an der Fas­sade des LTT, das Nicht-Juden und Nicht-Jüdin­nen aus­grenzt, die unter Krieg und Gewalt lei­den und ster­ben, ist und bleibt ein kul­tu­rel­les Armutszeugnis.

Wie es auch anders gehen könnte, zeigt in die­sen Tagen die Mai­län­der Scala. Dort roll­ten am Sams­tag vor Weih­nach­ten Aktivist:innen zum Abschluss einer öffent­li­chen Probe Ban­ner aus und gedach­ten der Men­schen, die unter Bom­bar­die­run­gen und Mas­sa­kern lei­den. Dafür ern­te­ten sie vom Publi­kum und den Künstler:innen auf der Bühne Beifall.

Austern im Kunsthaus

Es war mein erster Besuch im Chip­per­fieldbau. Nach mei­nem ver­geb­li­chen Nein bei der Abstim­mung über den Inve­sti­ti­ons­kre­dit anno 2012 habe ich das prot­zige Gebäude am Zür­cher Heim­platz boy­kot­tiert. Als mein pri­va­ter, stil­ler Pro­test gegen den hoch­ge­ju­bel­ten Muse­ums­klotz mit sei­nem ver­gif­te­ten Inhalt.

Nach­dem die neu designte Aus­stel­lung der Bührle-Samm­lung wie­derum für Schlag­zei­len gesorgt hatte, obsiegte in mir jedoch die Histo­ri­ke­rin­nen-Neu­gier: Wie prä­sen­tiert das Kunst­haus nun, nach der mas­si­ven Kri­tik der letz­ten Jahre, die vom Waf­fen­händ­ler Emil G. Bührle mit Gewin­nen aus sei­nen Kriegs­ge­schäf­ten zusam­men­ge­kaufte Kunst­samm­lung und deren Geschichte?

So kam es, dass ich mich an einem Don­ners­tag­nach­mit­tag Mitte Dezem­ber mit mei­ner Freun­din aus Zei­ten des gemein­sa­men Geschichts­stu­di­ums vor dem Kunst­haus verabredete:

Gespannt betre­ten wir das Haus der Kunst­an­be­tung durch die hohe, schwere Tür, die sich wie von Gei­ster­hand öffnet.

Nach Ticket­kauf und Gar­de­robe Depo­nie­rung unse­rer Taschen schrei­ten wir ziel­stre­big zur gros­sen Treppe. Eine nette Dame kon­trol­liert mit Adler­au­gen unsere Zutritts­kle­ber und weist uns dar­auf hin, dass es im zwei­ten Ober­ge­schoss, gleich gegen­über der Bührle-Samm­lung, ein neu aus­ge­stell­tes Kunst­werk zu bewun­dern gebe – dies soll­ten wir kei­nes­falls verpassen.

Doch zuerst die Bührle-Samm­lung und deren Geschichte. Wir tau­chen ein, ver­tie­fen uns in Texte und Video-State­ments rund um die Pro­ve­ni­enz der gezeig­ten Kunst­pre­zio­sen und dem dar­aus ent­stan­de­nen Zwist. Über­all abruf­bar auch die Infor­ma­tio­nen, wann Bührle was von wem und zu wel­chem Preis gekauft hat.

Dürre Fak­ten, die wei­tere Fra­gen wecken. Ant­wor­ten suchen wir ver­geb­lich. Wie kam es etwa, dass Bührle in den 1950er Jah­ren eine Reihe von Bil­dern, die als Raub­gut ein­ge­stuft wor­den waren und die er des­halb den Erben der vor­ma­li­gen Besitzer:innen resti­tu­ie­ren musste, wie­der zurück­kau­fen konnte?

Von Inter­esse wäre auch, mehr zu erfah­ren über die Rolle der ver­schie­de­nen Mit­tels­män­ner und Kunst­händ­ler, sowie über die mit der Bührle-Samm­lung ver­knüpfte Poli­tik der Zür­cher Stadt- und der Schwei­zer Lan­des­re­gie­rung. Letz­tere hat in den 1950er Jah­ren durch Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen eine erfolg­rei­che Fort­set­zung von Bühr­les inter­na­tio­na­len Waf­fen­ge­schäf­ten über­haupt erst ermöglicht..

Von Aus­stel­lungs­raum zu Aus­stel­lungs­raum wird immer deut­li­cher: Emil G. Bührle war ein skru­pel­lo­ser, kalt berech­nen­der Geschäfts­mann. Ab den 1930er Jah­ren hat er sein «Mäze­na­ten­tum» im Kunst­be­reich gezielt dafür ein­ge­setzt, sich einen Platz in der Zür­cher Gesell­schaft zu erkau­fen. Mit Erfolg.

Aller­dings hat dies nur funk­tio­niert, weil die Begün­stig­ten – in die­sem Fall die Zür­cher Kunst­ge­sell­schaft – dem geschenk­ten Gaul des Herrn Bührle nicht ins Maul schauen woll­ten und freu­dig zugrif­fen. Geld und Pre­stige war alles, was zählte. Das gilt bis heute, in die­sem Haus. Dar­über kön­nen auch die aktu­el­len Bemü­hun­gen um Scha­dens­be­gren­zung in Bezug auf die umstrit­tene Samm­lung nicht hinwegtäuschen.

Nach drei inten­si­ven Stun­den in histo­risch auf­ge­heiz­tem impres­sio­ni­sti­schem Umfeld im zwei­ten Ober­ge­schoss schweift unser Blick hin­un­ter ins Foyer. Dort wird offen­bar eine Instal­la­tion vor­be­rei­tet: In der Mitte eine Rie­sen­ta­fel mit gecrash­tem Eis, auf wel­cher ein stäm­mi­ger jun­ger Mann Auster um Auster dra­piert. Links davon ein zwei­ter Tisch mit grü­nen Fla­schen und Dut­zen­den von Glä­sern, schliess­lich rechts davon ein drit­ter mit But­ter­tür­men und Bro­ten. Joseph Beuys 4.0.zh?

Wir eilen hin­un­ter, wol­len wis­sen, um was es da geht. «Für Raphi», lau­tet die ein­sil­bige Ant­wort des Man­nes vom Austern-Tisch. Aus der Nähe kön­nen wir uns ver­ge­wis­sern: Sie sind tat­säch­lich echt! Wie auch die But­ter, das Brot, die Crémant-Flaschen.

Was wir hier gerade mit­er­le­ben ist die Vor­be­rei­tung einer Ver­nis­sage der Zür­cher Kunst­ge­sell­schaft. Genauer gesagt, eine eph­emere Kuli­na­rik-Instal­la­tion. But­ter­fett statt Beu­ys­fett. Anlass ist der Ankauf eines Werks des Schwei­zer Künst­lers Raphael Hefti. Es ist jenes, des­sen Betrach­tung man uns heute Nach­mit­tag ans Herz gelegt hat. Benom­men vor lau­ter Bührle hat­ten wir das ganz vergessen…

Also noch ein­mal hin­auf, in den zwei­ten Stock zu Raphael Hef­tis pro­ve­niez­for­schungs­freier Leucht-Kunst. Schliess­lich wol­len wir uns den Samm­lungs-Neu­zu­gang am Tag sei­ner Ver­nis­sage nicht ent­ge­hen las­sen, wo wir nun schon mal da sind!

Weit kom­men wir aller­dings nicht: Vor dem Ein­gang des Aus­stel­lungs­saals ste­hen vier Auf­se­he­rin­nen. Kein Ein­tritt! – Zutritt nur noch für gela­dene Gäste. – Dies, obschon es gerade erst 18 Uhr ist, und das Museum an die­sem Don­ners­tag bis 20 Uhr fürs Publi­kum offen ist.

Der­weil strö­men die Ein­ge­la­de­nen, die really very important Peo­ple, ins Foyer. Gestylt, par­fü­miert, kon­trol­liert extra­va­gant. Man kennt sich, man grüsst sich – und dann beginnt die Spei­sung der Ver­nis­sa­ge­ge­sell­schaft. Es hat, solange es hat: Ein Glas Cré­mant in der Hand, wer­den die ersten Austern geschlürft, Kom­pli­mente aus­ge­tauscht, scheele Blicke gewor­fen, nach Neu­zu­gän­gen an der Seite der Lokalmatador:innen…

Wie schon zu Bühr­les Zei­ten, gibt sich die Zür­cher Society im Kunst­haus ein vor­der­grün­dig harm­lo­ses Stell­dich­ein. Under­state­ment, mit einem Hauch Deka­denz, tarnt auch heute hand­fe­ste Inter­es­sens­po­li­tik und skru­pel­lose Geschäfte.

Mit ent­schlos­se­nem Schritt ver­las­sen wir den Chip­per­field­tem­pel. Raus, an die fri­sche Luft.

«I need protection»

Sonn­tag­abend, Ende Novem­ber. Glück­lich und zufrie­den sit­zen wir auf unse­ren gebuch­ten Plät­zen im Euro­city von Milano nach Zürich. Unser Zug von Kala­brien her­kom­mend war auf die Minute pünkt­lich, genauso geht es nun wei­ter nord­wärts. Eine rei­bungs­lose Heim­fahrt nach erfüll­ten Ferien. Jetzt die Vor­freude auf unsere warme Stube, das eigene Bett…

Draus­sen ist Nacht, Voll­mond. Zwi­schen­halt in Como, dann Chi­asso. Einige Pas­sa­giere stei­gen zu, der Zug füllt sich. Ein Mann mitt­le­ren Alters fragt scheu, ob er sich zu uns set­zen dürfe. Er ist fast zu warm ange­zo­gen: Stirn­band über den Ohren, dar­über ein Hut, ein­ge­hüllt in einen Man­tel mit Fisch­grat­mu­ster, die Hände in dicken Hand­schu­hen. Als Gepäck eine ver­schlis­sene Schul­ter­ta­sche und ein pink­far­be­ner Kinderrucksack.

Der Mann, ein Schwarz­afri­ka­ner, zuge­stie­gen mit einer Gruppe ande­rer Schwar­zer. Ist er einer von den vie­len die übers Mit­tel­meer gekom­men sind? Er wirkt ängst­lich, ver­un­si­chert. Und beginnt zu erzäh­len: Man habe ihm sein Handy gestoh­len und sein gan­zes Geld – 75 Euro, sagt er. Nun wisse er nicht, wie er nach Ger­many komme. Ob das der rich­tige Weg sei, will er wis­sen und streckt uns einige Doku­mente ent­ge­gen. Zuoberst ein gel­ber Zet­tel. Es ist ein von den SBB aus­ge­stell­tes Doku­ment für eine «Reise ohne gül­ti­gen Fahr­aus­weis» – von Chi­asso nach Basel – kurz vor der Zug­ab­fahrt aus­ge­stellt. Gül­tig bis Mit­ter­nacht. Es ist jetzt kurz vor 20 Uhr.

Wir kön­nen ihn erst­mal beru­hi­gen. «Alles ok», sage ich. Für die Fahrt bis nach Basel brau­che er weder Geld noch Handy… Warum er denn nach Ger­many wolle? Hat er dort Bekannte, Fami­li­en­an­ge­hö­rige? Er schüt­telt den Kopf. Nein, sagt er. Er sei allein, kenne nie­man­den in Europa. Er sei übers Meer geflüch­tet, weil er in sei­nem Hei­mat­land um sein Leben fürch­ten musste.

Mit lei­ser Stimme erzählt er wei­ter: Seine Eltern seien tot, seine Schwe­ster und ihre Fami­lie umge­bracht, auch seine Kin­der… Er komme aus Sierra Leone, wo er als Chauf­feur gear­bei­tet habe. Er sei ein guter Chauf­feur. Wie zum Beweis klaubt er sei­nen Füh­rer­schein aus der Tasche und zeigt ihn mir. Nun ken­nen wir auch sei­nen Namen und sein Geburts­da­tum – er ist 46 Jahre alt.

Dann fasst er in ein paar kur­zen, stocken­den Sät­zen die Geschichte sei­ner Flucht zusam­men. Zuerst nach Bamako in Mali, wo es für ihn auch gefähr­lich gewe­sen sei. Von da durch Wüsten­ge­biete wei­ter nach Tune­sien, wo er wie­derum nicht blei­ben konnte. Des­halb habe er mit 36 ande­ren ein Boot bestie­gen, man habe ihm auch eine Schwimm­we­ste gege­ben. Das Boot sei geken­tert und gesun­ken. Neben ihm seien zwei Män­ner und eine Frau mit ihrer Toch­ter ertrunken.

Unbe­kannte Ret­ter hät­ten ihn aus dem Meer gezo­gen und nach Lam­pe­dusa gebracht. Trotz­dem wäre er fast gestor­ben: Man habe ihm eine Infu­sion gesteckt, ihn in ein ita­lie­ni­sches Spi­tal gebracht, wo er vier Tage im Koma lag. Schliess­lich kam er wie­der auf die Beine und konnte sei­nen Weg fort­set­zen. Warum denn aus­ge­rech­net Ger­many, fra­gen wir noch ein­mal. «I need pro­tec­tion», lau­tet seine Antwort.

Nun sitzt er hier, im Zug neben uns – müde und trau­rig. Was kön­nen wir tun? Wie ihm wenig­stens ein klein wenig hel­fen? Wir zücken unsere Han­dys und suchen im Inter­net nach einer Anlauf­stelle, einer Not­ruf­num­mer, die am Sonn­tag­abend erreich­bar ist. Ohne Erfolg. Die Hil­fe­stelle für Men­schen «Sans Papiers» steht erst am Diens­tag­nach­mit­tag und auf Vor­anmel­dung zur Ver­fü­gung. Auch Men­schen auf der Flucht müs­sen sich hier­zu­lande an Büro­zei­ten hal­ten. Für einen Platz in einer Not­schlaf­stelle in Zürich muss man 3 Monate Auf­ent­halt in der Stadt nachweisen.

Bil­let­kon­trolle. Der Fahr­aus­weis von Samuel – so heisst der Flüch­tende – ist nicht der ein­zige gelbe Zet­tel, den die Kon­duk­teu­rin an die­sem Abend vor­ge­legt erhält. Freund­lich fragt sie, ob er Eng­lisch oder Fran­zö­sisch spre­che und ver­sucht, ihm zu erklä­ren, dass er in Arth-Goldau umstei­gen müsse. Eigent­lich hätte er schon in Bel­lin­zona auf den direk­ten Zug nach Basel wech­seln sol­len, jetzt müsse er an der näch­sten Sta­tion halt eine halbe Stunde auf den Anschluss warten.

Die Kom­mu­ni­ka­tion ist schwie­rig. Samuel aus Sierra Leone kann den schnel­len Sät­zen der jun­gen Frau nicht ganz fol­gen. Sie muss aber wei­ter und bedankt sich, als wir sagen, wir wür­den ihm beim Umstei­gen in Arth-Goldau behilf­lich zu sein.

Der Zug fährt über die Gott­hard-Berg­strecke, da der Basis­tun­nel für den Per­so­nen­ver­kehr wei­ter­hin geschlos­sen bleibt. Uns bleibt noch eine gute Stunde Zeit mit unse­rem Mit­rei­sen­den. Auf einem Stück Papier notie­ren wir die Adresse der Anlauf­stelle für Sans Papiers in Basel. Dort könnte er am fol­gen­den Tag hin­ge­hen, wenn er es im ersten Anlauf nicht nach Ger­many schaf­fen sollte. Auf die Frage, ob er das Geschrie­bene lesen könne, ver­neint er: «Als meine Eltern star­ben, hatte ich den Kopf nicht frei, um zur Schule zu gehen. Ich habe immer nur gearbeitet…»

Ich schlucke leer: Ein 46jähriger Mann aus dem bit­ter­ar­men, kriegs­ge­beu­tel­ten Sierra Leone, wo Rebel­len­grup­pen jah­re­lang mit dro­gen­ver­la­de­nen, miss­brauch­ten Kin­der­sol­da­ten die Men­schen ter­ro­ri­sier­ten, sucht Schutz in Europa. Er kann weder lesen noch schrei­ben, immer­hin spricht er Eng­lisch. Des­halb unsere näch­ste Frage: Ob er seine Geschichte am Zoll in Chi­asso erzählt habe? Er nickt und zieht erneut seine Foto­ko­pien, die er an der Grenz­stelle gekriegt hat, her­vor. Man habe ihm diese Papiere gege­ben, mit dem Kom­men­tar «ever­ything ok». Denn Samuel hat offen­sicht­lich das Zau­ber­wort «Asyl» nicht aus­ge­spro­chen. Und der Grenz­be­amte hat ihn wohl­weis­lich nicht dar­auf ange­spro­chen. Alle die dies nicht tun und nach Ger­many, France oder ins UK wei­ter wol­len, soll man nicht an der Wei­ter­reise hin­dern, son­dern juri­stisch «sau­ber» schnellst­mög­lich durch die Schweiz hin­aus­spe­die­ren. Dies ist offen­bar die aktu­elle Pra­xis an den Schwei­zer Grenzstationen.

Es sind neun A4-Sei­ten, aus­ge­füllt und über­reicht von einem Zoll­be­am­ten der Abtei­lung «Dogana Mend­ri­sio». Das drei­sei­tige For­mu­lar der in ita­lie­ni­scher Spra­che ver­fass­ten Weg­wei­sungs­ver­fü­gung ver­langt, dass unser Mit­rei­sen­der die Schweiz und den gesam­ten Schen­gen­raum inner­halb von sie­ben Tagen (bis zum 3. Dezem­ber 2023) ver­las­sen müsse. Ergän­zend dazu ein wei­te­res For­mu­lar auf Eng­lisch, das in schwer ver­ständ­li­cher Juri­sten­spra­che über die Rechte auf Anhö­rung und Ein­spra­che gegen die Weg­wei­sung infor­miert und vor­der­grün­dig dem Geflüch­te­ten die Mög­lich­keit bie­tet, sich ent­spre­chend zu erklären.

Samuel erhielt auch ein Infor­ma­ti­ons­blatt in die Hand gedrückt, auf dem sämt­li­che Rechts­grund­la­gen und Ein­spra­che­mög­lich­kei­ten auf­ge­führt sind. Was aber hilft ihm das, wenn er es nicht lesen und schon gar nicht ver­ste­hen kann? – Und vor allem, wenn man ihn, der nicht lesen kann, gleich­zei­tig seine Weg­wei­sung und den fak­ti­schen Ver­zicht auf sein «Right to be heard» mit einem Krin­gel unter­schrei­ben lässt?

Ein Vor­gang, der sich Tag für Tag hun­dert­fach an den Schwei­zer Grenz­sta­tio­nen und im gan­zen Schen­gen­raum wie­der­holt. Eine Ali­bi­übung ohne­glei­chen: Wie nur soll ein Mann wie unser Sitz­nach­bar inner­halb von 7 Tagen auf eigene Faust den Schen­gen­raum wie­der ver­las­sen? Warum sollte er das tun? Nach­dem er wäh­rend Wochen und Mona­ten sein Leben ris­kiert hat, auf der Suche nach einem siche­ren, bes­se­ren Leben?

Der Zug fährt durch die Nacht, aus dem Dun­kel taucht die hell beleuch­tete Kir­che von Was­sen auf. Samuel ist ein­ge­nickt, er ist sicht­lich erschöpft. Wäh­rend er schläft, besor­gen wir ihm im Restau­rant­wa­gen etwas zu essen und zu trin­ken. Kurz vor Arth-Goldau wecken wir ihn und über­rei­chen ihm Pro­vi­ant und etwas Geld. «God bless you» mur­melt er leise und ver­schlingt einen klei­nen Panet­tone. Dann errei­chen wir Arth-Goldau.

Zusam­men gehen wir zum Aus­gang, wo ich ihm den Weg durch die Unter­füh­rung aufs andere Per­ron zeige. Dort fährt in einer hal­ben Stunde der direkte Zug nach Basel, wo er dann mit­ten in der Nacht ankom­men wird. Ob das gut kommt? Eben noch haben wir ihm gut zuge­re­det, er sei stark und werde es nach Deutsch­land schaf­fen. Immer­hin hat er sich bereits von Sierra Leone bis hier­her durchgeschlagen…

Und doch habe ich ein schlech­tes Gewis­sen. In Zürich war­tet eine grosse, warme Woh­nung auf uns, wo es auch Platz hätte für einen Gast. Warum haben wir ihn nicht zu uns ein­ge­la­den? Oder ihm unser Feri­en­häus­chen am Bie­ler­see zur Ver­fü­gung gestellt? – Gedan­ken, die uns bei­den durch den Kopf gegan­gen sind. Wir haben sie schnell ver­drängt und uns mit den klei­nen Hil­fe­lei­stun­gen begnügt.

Mit einem ungu­ten Gefühl ver­ab­schiede ich mich von Samuel und schaue ihm nach, wie er in die kalte Nacht ver­schwin­det. Ein Mensch auf der Flucht, auf der Suche nach Schutz…

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