Zer­ti­fi­zier­te Ima­me und vega­ne Kas­per­lis

Der Ruf nach einer «Zer­ti­fi­zie­rung» von Ima­men, die hier­zu­lan­de in Mosche­en pre­di­gen, ist nicht neu. Jüngst hat ihn Saki Hali­l­o­vic, sel­ber Imam und Vor­stands­mit­glied der Ver­ei­ni­gung der Isla­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen Zürich, in der Radio­sen­dung Echo der Zeit wie­der ins Gespräch gebracht.

Er schlägt vor, dass Gemein­den und isla­mi­sche Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen gemein­sam einen Kata­log mit Kri­te­ri­en erstel­len, die als Grund­la­ge für die Zer­ti­fi­zie­rung die­nen. Nur wer die­se Kri­te­ri­en erfüllt, darf künf­tig in Schwei­zer Mosche­en pre­di­gen. Damit hät­te man ein Label zur Ver­hin­de­rung isla­mis­ti­scher Radi­ka­li­sie­run­gen – dies die Hoff­nung.

Ohne Fra­ge: In der heu­ti­gen Zeit sind stan­dar­di­sier­te Kon­trol­len, Güte­sie­gel und Zer­ti­fi­ka­te uner­läss­lich. Es braucht Ori­en­tie­rungs­hil­fen und ver­bind­li­che Mass­stä­be. Der ein­zel­ne Mensch hat längst kei­nen Über­blick mehr. In einer glo­ba­li­sier­ten Welt ist es unmög­lich, alles sel­ber zu kon­trol­lie­ren, zurück­zu­ver­fol­gen, zu beur­tei­len. Statt­des­sen ver­trau­en wir in Excel-Tabel­len, Dekla­ra­tio­nen und Labels.  

Das hat Vor­tei­le: Genorm­te Ver­fah­ren und Zer­ti­fi­ka­te geben Sicher­heit. Aller­dings trügt die­se all­zu oft. Bekann­tes­tes Bei­spiel dafür ist der Skan­dal um die gefälsch­ten Abgas­wer­te bei den Die­sel­mo­to­ren. Doch das ist bloss die klei­ne Spit­ze eines rie­si­gen Eis­bergs.

Beim Die­sel­skan­dal han­delt es sich um einen plum­pen und gro­ben Betrug von Sei­ten der Pro­du­zen­ten. Der aller­dings auch nur mög­lich war, weil an ent­schei­den­der Stel­le nicht nach­ge­fragt und nach­ge­prüft wur­de. Es ist ein­fa­cher, einer Dekla­ra­ti­on zu ver­trau­en, als stän­dig zu hin­ter­fra­gen.

All­zu oft ist des­halb gera­de der Homo Con­su­mens ein ein­fa­ches und wil­li­ges Opfer, das sich noch so ger­ne betrü­gen lässt. Oder sich sel­ber betrügt. Ein Bei­spiel dafür sind die fairtra­de-zer­ti­fi­zier­ten Nes­pres­so-Kap­seln, die erst noch rezik­lier­bar sind…

Und schon unter­liegt man einem Trug­schluss: Je mehr Nes­pres­so-Kap­seln rezik­liert wer­den, des­to bes­ser für die Umwelt. Oder: Je mehr gela­bel­ter Kaf­fee, Bio-Qui­noa oder zer­ti­fi­zier­te Rosen hier­zu­lan­de kon­su­miert wer­den, des­to bes­ser für die Pro­du­zen­tIn­nen im fer­nen Süden. Ohne zu hin­ter­fra­gen, ob dem wirk­lich so sei. Schliess­lich zahlt man ja für das zer­ti­fi­zier­te Pro­dukt mehr als für das unge­la­bel­te – das reicht den meis­ten schon, für ein gutes Gewis­sen.

Natür­lich kau­fen auch wir nur fair gehan­del­te Bio­ba­na­nen, Fisch mit dem MSC-Güte­sie­gel, unse­re Holz­mö­bel sind FSC-zer­ti­fi­zert. Und als Weih­nachts­ge­schenk für die Kleins­ten gibt es die­ses Jahr Hand­pup­pen von Kal­lis­to: Die her­zi­gen Ele­fan­ten-, Zie­gen- oder Eulen­kas­per­lis sind näm­lich nicht bloss aus Bio-Baum­wol­le her­ge­stellt, son­dern – laut Auf­schrift – sogar VEGAN

Sol­che Dekla­ra­tio­nen, Labels und Zer­ti­fi­ka­te beru­hi­gen nicht nur, sie ver­mit­teln ein­fach ein gutes Gefühl. Offen bleibt jedoch, wie­viel sie – aus­ser den Zer­ti­fi­zie­re­rungs­agen­tu­ren und uns sel­ber – nüt­zen. Eine nicht ganz zu ver­nach­läs­si­gen­de Fra­ge, auch wenn es um die Zer­ti­fi­zie­rung von Ima­men geht.

Elend ohne Ende?

Anfang Woche eine kur­ze Notiz aus dem Süd­su­dan: Der süd­afri­ka­ni­sche Mobil­funk­kon­zern MTN schliesst in der Regi­on Nort­hern Bahr el Ghazal 22 sei­ner ins­ge­samt 23 Sen­de­sta­tio­nen. Tau­sen­de von Men­schen ver­lie­ren damit die Mög­lich­keit, übers Tele­fon zu kom­mu­ni­zie­ren, sowie den Zugang zum Inter­net.

MTN begrün­det die Still­le­gung der Mobil­funk­sta­tio­nen mit Ener­gie­man­gel. Wegen der wach­sen­den Unsi­cher­heit auf der Stras­se von der Haupt­stadt Juba nach Aweil sei es kaum mehr mög­lich, den Nor­den des Lan­des mit Treib­stoff zu ver­sor­gen, liess der loka­le Ver­kaufs­ma­na­ger des Mobil­funk­kon­zerns ver­lau­ten. Die schwie­ri­ge Ver­sor­gungs­la­ge wirkt sich auf alle Lebens­be­rei­che der Men­schen in Aweil aus: Güter des täg­li­chen Bedarfs sind für vie­le uner­schwing­lich gewor­den.

Die Ver­sor­gung mit Mobil­funk hat in vie­len armen Regio­nen Afri­kas dazu geführt, dass Men­schen, die frü­her kei­nen Zugang zu irgend­ei­ner Form von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on hat­ten, nun von Tele­fon und Inter­net pro­fi­tie­ren kön­nen. Des­halb ist der Still­le­gungs­ent­scheid von MTN ein schwe­rer Schlag, ins­be­son­de­re auch für das loka­le Wirt­schafts­le­ben.

Obwohl die Gegend rund um den Haupt­ort Aweil bis­her von den aktu­el­len krie­ge­ri­schen Hand­lun­gen und eth­ni­schen Säu­be­run­gen im Süd­su­dan ver­schont geblie­ben ist, zeigt sich jetzt, wie sehr der Krieg auch hier das Leben beein­träch­tigt: Die Men­schen lei­den enorm, es fehlt an allem. 

Immer­hin ist die­ses Jahr die Hir­se- und Erd­nuss­ern­te in Aweil gut aus­ge­fal­len. Das bedeu­tet: Wer sei­ne Lebens­mit­tel sel­ber pro­du­ziert, muss in den kom­men­den Mona­ten nicht hun­gern. In den umlie­gen­den Dör­fern sieht die Situa­ti­on aller­dings anders aus: Infol­ge von Hoch­was­ser sind die Erträ­ge dort dürf­tig aus­ge­fal­len.

Gegen­wär­tig wür­den Händ­ler den erfolg­rei­chen Pro­du­zen­ten in Aweil einen Teil ihrer Ern­te abkau­fen, schreibt eine afri­ka­ni­sche Freun­din, die vor Ort lebt. Dies sei ein Zei­chen dafür, dass auch die Prei­se für lokal pro­du­zier­te Lebens­mit­tel bald stei­gen dürf­ten. Ohne Inter­ven­tio­nen des World Food Pro­gramms WFO, befürch­tet sie, dro­he ab Febru­ar in der Regi­on eine Hun­ger­kri­se.

Hun­ger und Man­gel­er­näh­rung sind nichts Neu­es, in Nort­hern Bahr el Ghazal. Es gab in den letz­ten Jah­ren denn auch eine Anzahl von Pro­jek­ten und Initia­ti­ven für die Ver­bes­se­rung der loka­len Pro­duk­ti­on. Vie­ler­orts wur­den Gär­ten und Fel­der ange­legt, wo trotz schwie­ri­ger kli­ma­ti­scher Bedin­gun­gen, dank Bewäs­se­rung auch in der Tro­cken­zeit Gemü­se und Toma­ten wach­sen.

Die­se Ent­wick­lun­gen sind nach­hal­ti­ger, als Not­hil­fe in Form von Kraft­nah­rung für Klein­kin­der oder vom Him­mel fal­len­de Lebens­mit­tel­pa­ke­te des WFO. Lei­der setzt die inter­na­tio­na­le Unter­stüt­zung im Süd­su­dan momen­tan den Fokus – begrün­det durch die pre­kä­re Lage – aus­schliess­lich auf sol­che kurz­fris­ti­gen Not­hil­fe­ak­tio­nen. Was punk­tu­ell Erleich­te­rung brin­gen kann, aber auch neue Kon­flik­te ent­facht und den Betrof­fe­nen kei­ne Per­spek­ti­ven eröff­net. Auch die Schweiz folgt die­sem Trend: Anfang Jahr hat sich die DEZA, nach jah­re­lan­ger Auf­bau­ar­beit, aus Aweil zurück­ge­zo­gen.

Ange­führt durch die USA, wür­den die inter­na­tio­na­len Akteu­re das gegen­wär­ti­ge Regime im Süd­su­dan wei­ter­hin stär­ken, kri­ti­siert der Jour­na­list Alan Bos­well in einem Arti­kel auf IRIN News. Dies, weil von inter­na­tio­na­ler Sei­te nach wie vor eine Macht­tei­lung zwi­schen Prä­si­dent Sal­va Kiir und sei­nem Oppo­nen­ten Riek Machar gefor­dert wird. Eine Poli­tik, die das Stop­pen der Gewalt­spi­ra­le und die Sta­bi­li­sie­rung des Lan­des ver­hin­dert, wie Bos­well wei­ter schreibt: «Inter­na­tio­na­le Aktio­nen seit 2013 haben deut­lich gezeigt, dass die Sta­bi­li­tät in der Haupt­stadt für den Rest der Welt weit­aus wich­ti­ger ist, als die eth­ni­sche Säu­be­rung im gan­zen Land.»

Die Auf­merk­sam­keit der Welt – gelenkt und gefüt­tert von den Pro­du­zen­ten des inter­na­tio­na­len Nach­rich­ten-Ein­heits­breis, rich­tet sich auf «Sto­ries», die ihr medi­al vor­ge­setzt wer­den: Jede Gri­mas­se des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten, jeder Klaps auf ein Frau­en­füd­li ist offen­bar inter­es­san­ter als die schreck­li­chen Berich­te aus dem Süd­su­dan, die uns in abso­lu­ter Hilf­lo­sig­keit zurück­las­sen.

Umso berüh­ren­der der Bericht eines süd­su­da­ne­si­schen Com­mu­ni­ty Workers, der momen­tan an der Bug­ema Uni­ver­si­ty in Ugan­da stu­diert: Mit­te Novem­ber 2017 fei­er­ten 57 Absol­ven­ten aus dem Süd­su­dan ihren Uni­ver­si­täts-Abschluss. Zur Zere­mo­nie reis­ten Lands­leu­te aus ganz Ugan­da an, man habe gemein­sam gefei­ert: «Es waren vie­le gute Wor­te zu hören, wel­che die Ein­tracht unter den Süd­su­da­ne­sen an der Bug­ema Uni­ver­si­ty unter­stri­chen, den Frie­den unter ihnen und ihre Lie­be für Har­mo­nie», schreibt der Stu­dent.

Die Red­ner hät­ten die frisch­ge­ba­cke­nen Aka­de­mi­ker auf­ge­for­dert, ihr Wis­sen und ihre Fähig­kei­ten für die Ver­bes­se­run­gen der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on im Süd­su­dan ein­zu­set­zen. Nebst dem Krieg wür­den auch Fak­to­ren wie Unwis­sen­heit, Analpha­be­tis­mus sowie Alko­ho­lis­mus zum Elend der Bevöl­ke­rung bei­tra­gen. 

Der Süd­su­dan brau­che muti­ge Alter­na­ti­ven, for­dert Alan Bos­well. Scharf kri­ti­siert der Jour­na­list, der seit Jah­ren aus der Regi­on berich­tet, die Art und Wei­se, wie der Rest der Welt mit der Situa­ti­on im Süd­su­dan umgeht: «Der Haupt­bei­trag der Aus­sen­welt in Bezug auf den süd­su­da­ne­si­schen Krieg war bis anhin, dass sie die Bedin­gun­gen für des­sen Dau­er­haf­tig­keit zemen­tiert hat.»

Bos­well betont, dass nach­hal­ti­ge Ver­bes­se­run­gen im Süd­su­dan nur mög­lich sei­en, wenn die­se von der Bevöl­ke­rung getra­gen wür­den. Nur: Solan­ge die inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen und Akteu­rIn­nen die Men­schen vor Ort als blos­se Emp­fän­ge­rIn­nen von Not­hil­fe­pro­gram­men wahr­neh­men und der Süd­su­dan nach wie vor von den Indus­trie­län­dern pri­mär als Erd­öl­lie­fe­rant und bedeu­ten­der Abneh­mer von Waf­fen gilt, wird sich kaum etwas ver­bes­sern.

 

Selbst­ein­schät­zung als wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge?

«Fast drei Vier­tel aller SRG-Jour­na­lis­ten sind links», lau­te­te die Schlag­zei­le in der Sonn­tags­zei­tung vom 12. Novem­ber 2017. Damit bedient sie ein­mal mehr das ewi­ge Kli­schee der «lin­ken SRG». Weil die Geschich­te aber zu gut in den auf­ge­heiz­ten No-Bil­lag-Dis­kurs passt, haben die Tame­dia-Blatt­ma­cher ihre Sto­ry mit «neu­en Erkennt­nis­sen» auf­ge­peppt. Der Unter­ti­tel des Arti­kels: «Erst­mals lie­gen detail­lier­te Zah­len zur poli­ti­schen Ein­stel­lung von Medi­en­schaf­fen­den vor.» (Die NZZ berich­te­te übri­gens bereits 2016 dar­über…)

Gelie­fert wur­den die­se «wis­sen­schaft­li­chen» Zah­len von den Medi­en­wis­sen­schaft­lern Vin­zenz Wyss und Filip Din­ger­kus von der Zür­cher Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten ZHAW. Sie stam­men aus einer «inter­na­tio­na­len Jour­na­lis­mus­stu­die», die u.a. vom Natio­nal­fonds mit­fi­nan­ziert wur­de.

Im Rah­men die­ser Stu­die wur­den Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten unter ande­rem zu ihrer poli­ti­schen Hal­tung befragt: Die Fra­ge lau­te­te, wo sie sich im poli­ti­schen Spek­trum zwi­schen Links und Rechts ein­ord­nen wür­den – auf einer Ska­la von 0 (links) bis 10 (rechts).

Was taugt eine sol­che Selbst­ein­schät­zung als wis­sen­schaft­li­che Basis? Ist dies eine val­ab­le Grund­la­ge für eine objek­ti­vier­ba­re Aus­sa­ge?

Wenn Jour­na­lis­tin A und Jour­na­list Z sich auf der Ska­la mit einer 2 ein­rei­hen, sagen sie dann a) die Wahr­heit und falls ja, wel­che? Und b) bezie­hen sich A und Z auf iden­ti­sche und scharf abge­grenz­te Defi­ni­tio­nen der Begrif­fe «links» und «rechts»?

Die hier ange­wand­te Metho­de ist schlicht unbrauch­bar und völ­lig irrele­vant. Sie lässt näm­lich defi­ni­tiv kei­ne ver­nünf­ti­gen und objek­tiv mess­ba­ren Rück­schlüs­se über die poli­ti­sche Aus­rich­tung oder Wir­kung der öffent­lich recht­li­chen oder pri­va­ten Medi­en zu.

Zur Ver­an­schau­li­chung ein aktu­el­les Bei­spiel mit einer Ska­la zur Ein­tei­lung von grü­ner Poli­tik:

Die grü­ne Bau­di­rek­to­rin der Stadt Biel wür­de sich auf einer sol­chen Polit­ska­la wohl als Grü­ne ver­or­ten, auf der Ska­la irgend­wo zwi­schen 0–3. – Bewer­tet man aber ihre Poli­tik anhand der glei­chen Ska­la, zeigt sich, dass sie den Bau der umstrit­te­nen Stadt­au­to­bahn unter­stützt. Dies ent­spricht auf einer grü­nen Ska­la einem Platz zwi­schen 8–10. Das mag mit Real­po­li­tik zu erklä­ren sein: Als Mit­glied einer Exe­ku­ti­ve, die das Bau­pro­jekt unter­stützt, hält sie sich brav ans Kol­le­gia­li­täts­prin­zip.

Ganz anders die Basis der grü­nen Par­tei: Die­se ver­ab­schie­de­te im Juni eine Reso­lu­ti­on «Für eine Ver­kehrs­po­li­tik ohne A5-West­ast». Die Begrün­dung folg­te den Grund­prin­zi­pi­en grü­ner Poli­tik: «Das Pro­jekt will Ver­kehrs­pro­ble­me mit neu­en Stras­sen lösen. Ein Ansatz, der ins 20., nicht ins 21. Jahr­hun­dert gehört, denn unter­des­sen hat sich gezeigt: Wer Stras­sen sät, ern­tet Ver­kehr.»

Die Par­tei-Stra­te­gen wür­den die­se Aus­sa­ge wohl bis heu­te unter­schrei­ben und sich auf der Polit­ska­la per­sön­lich eben­so klar als Grü­ne ver­or­ten. Was sie jedoch nicht dar­an hin­der­te, nun ihrer­seits den Neu­bau eines Auto­bahn­tun­nels zu pro­mo­ten. Klei­ner zwar als das offi­zi­el­le Pro­jekt, aber nie und nim­mer kom­pa­ti­bel mit den «grü­nen Visio­nen», für die sie sich vor kur­zem noch stark gemacht haben.

Selbst­ein­schät­zung ist immer sub­jek­tiv. Ins­be­son­de­re, wenn sich die Befra­ger auf eine plum­pe Ska­len­ta­bel­le beschrän­ken. Es braucht zwin­gend das Kor­rek­tiv eines Fak­ten-Checks, oder einen Fra­gen­ka­ta­log, wie ihn etwa Smart­vo­te Kan­di­die­ren­den vor­legt: Die Posi­ti­on der Befrag­ten wird so auf­grund kon­kre­ter Ant­wor­ten zu Sach­fra­gen aus ver­schie­de­nen Polit­be­rei­chen eru­iert.

Die Fra­ge nach der poli­ti­schen Selbst­ein­schät­zung zielt bei den Jour­na­lis­tIn­nen zudem in eine fal­sche Rich­tung, weil per se kein Zusam­men­hang besteht, zwi­schen der Qua­li­tät von Medi­en­ar­beit und der poli­ti­schen Posi­ti­on der Medi­en­schaf­fen­den.

Will man die Medi­en in ein Links-Rechts-Sche­ma drü­cken, wären empi­ri­sche Nach­for­schun­gen über die The­men­set­zung in den ein­zel­nen Redak­tio­nen, die inter­ne Qua­li­täts­kon­trol­le oder das Aus­wer­ten von Kom­men­ta­ren wesent­lich aus­sa­ge­kräf­ti­ger.

Scha­de, dass die Pole­mik über «lin­ke» und «rech­te» Medi­en mit sol­chen pseu­do-wis­sen­schaft­li­chen Spie­le­rei­en befeu­ert wird. Das ist nicht nur unnö­tig son­dern kon­tra­pro­duk­tiv und dürf­te schon gar nicht vom Natio­nal­fonds finan­ziert wer­den.

 

Instru­men­te, die nicht «grund­sätz­lich schlecht» sind

Die Para­di­se Papers zei­gen ein­mal mehr: Rei­che und Mäch­ti­ge wis­sen die glo­ba­len Ver­net­zun­gen für sich zu nut­zen. Dadurch wer­den sie immer rei­cher und mäch­ti­ger. Was ihnen wie­der­um erlaubt, das Sys­tem wei­ter zu ihren Guns­ten zu opti­mie­ren und aus­zu­rei­zen. Sie tun dies scham­los. Und scham­los rich­ten sie Stif­tun­gen ein, aus einem Bruch­teil ihres Ver­mö­gens, und plus­tern sich als Wohl­tä­ter für die Armen die­ser Welt auf.   

Vie­le der aktu­ell ans Licht gezerr­ten Geschäf­te sind zwar nicht ille­gal, aber ethisch frag­wür­dig. Das wird welt­weit so kom­men­tiert, aus­ser im Neu­en Zür­cher Zen­tral­or­gan des Neo­li­be­ra­lis­mus. Wirt­schafts­re­dak­tor Peter A. Fischer im Ori­gi­nal­ton: «Ob des gan­zen Medi­en­rum­mels soll­te aber nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten, dass fast jedes noch so sinn­vol­le Instru­ment miss­braucht wer­den kann. Das heisst in den sel­tens­ten Fäl­len, dass die­ses Instru­ment des­we­gen grund­sätz­lich schlecht ist.»

Mit ande­ren Wor­ten: Die Instru­men­te, die soge­nann­te «Steu­er­op­ti­mie­run­gen» ermög­li­chen, sind nicht das Pro­blem, son­dern deren Miss­brauch. Die­ses Man­tra hat man in ganz ande­rem Zusam­men­hang kürz­lich wie­der gehört. US-Prä­si­dent Donald Trump argu­men­tiert in glei­cher Wei­se, wenn es um Waf­fen­ver­bo­te geht. Nach dem jüngs­ten Mas­sa­ker, wo 26 Men­schen in einer Kir­che in Texas erschos­sen wur­de, mein­te er lako­nisch, die USA hät­te vie­le Pro­ble­me «mit geis­ti­ger Gesund­heit», nicht aber mit Schuss­waf­fen.

Stimmt. Eine Waf­fe, die nicht gebraucht wird, rich­tet kei­nen Scha­den an. Dar­aus zu fol­gern, dass sie per se nicht schlecht sei, ist gewagt. Denn: Ziel und Zweck einer Schuss­waf­fe ist und bleibt ihre Funk­ti­ons­tüch­tig­keit. Das heisst, dass man damit töten kann. Und bei einer Schnell­feu­er­waf­fe, dass man in kur­zer Zeit mög­lichst vie­le wei­che Zie­le trifft.

Genau­so ver­hält es sich mit Off­shore-Ange­bo­ten: Sie sind dar­auf aus­ge­legt, die Lücken im glo­ba­li­sier­ten Sys­tem aus­zu­nüt­zen. Wäre das nicht ein so flo­rie­ren­des Geschäft, gäbe es kei­ne Nach­fra­ge nach ille­gi­ti­men Machen­schaf­ten. Das Geschäfts­mo­dell von Fir­men wie App­le­by oder Moss­ack Fon­se­ca wäre längst implo­diert.

Des­halb braucht es drin­gend star­ke Regu­lie­run­gen und wirk­sa­me Kon­trol­len der inter­na­tio­na­len Finanz­strö­me. Genau­so wie restrik­ti­ve Waf­fen­ge­set­ze. Dies gilt übri­gens nicht nur für die USA, son­dern auch für die Waf­fen­händ­ler in der Schweiz: Deren For­de­rung nach einer Auf­wei­chung der bestehen­den Gesetz­ge­bung, damit sie ihre mör­de­ri­schen Pro­duk­te auch in Bür­ger­kriegs­län­der expor­tie­ren dür­fen, ist an Zynis­mus kaum zu über­bie­ten.

 

Flucht­we­ge

Oli­vet­ta, ein male­ri­sches Berg­dorf, unweit des Mit­tel­meers gele­gen, inmit­ten von Oli­ven­hai­nen. Mit­tel­al­ter­li­che Häu­ser kle­ben an steil abfal­len­den Hän­gen. Die Rui­ne einer Müh­le am fel­si­gen Bach­bett, eine Fuss­gän­ger­brü­cke über glas­kla­res Was­ser. Die­se Brü­cke, den Pon­te Ron­co­ni, pas­sier­ten 1939/40 ita­lie­ni­sche Jüdin­nen und Juden auf ihrer Flucht aus dem faschis­ti­schen Ita­li­en ins damals noch freie Süd­frank­reich. Eine Gedenk­ta­fel erin­nert an die schlim­me Zeit.

Fast 80 Jah­re spä­ter sind wir auf dem schma­len Weg unter­wegs, der jen­seits der Brü­cke im Zick­zack steil den Berg­hang hin­auf kreuzt. Ziel unse­rer Wan­de­rung ist der Pas­so Treit­to­ne, von wo der Weg auf den Gram­mondo führt, den höchs­ten Berg der Regi­on. Sowie tal­wärts, ins fran­zö­si­sche Sos­pel.

Es ist August. Das Blät­ter­dach der Bäu­me schützt vor der bren­nen­den Son­ne, die Aus­sicht ist atem­be­rau­bend. Was für uns Wan­de­re­rIn­nen ein Ver­gnü­gen, war für die Men­schen damals eine Grat­wan­de­rung zwi­schen Todes­angst und Hoff­nung. Es ist anzu­neh­men, dass sie im Schutz der Dun­kel­heit hier hoch­ge­stie­gen sind. Mit orts­kun­di­gen «Pas­seurs», die sich auf den Schmugg­ler­pfa­den im Grenz­ge­bir­ge aus­kann­ten.

Schritt für Schritt stei­gen wir hoch, in Gedan­ken bei den Flücht­lin­gen. Der Wan­der­weg ist gut signa­li­siert, doch wir sind allei­ne unter­wegs. Aus­ser einer Grup­pe Pfad­fin­der, die wir beim Auf­stieg über­ho­len, scheint die Gegend heu­te men­schen­leer.

Oder täuscht der ers­te Ein­druck? Ab und an lässt uns ein Rascheln im Unter­holz auf­hor­chen. Sind wir gar nicht allein? Wer­den wir beob­ach­tet, fol­gen uns gar ängst­li­che Augen­paa­re?

In Oli­vet­ta hat­te man uns erzählt, dass auch heu­te wie­der Men­schen ver­su­chen wür­den, über die alten Flucht­we­ge der Jüdin­nen und Juden Frank­reich zu errei­chen. Spät­abends im Schutz der Dun­kel­heit sehe man sie durchs Dorf, in die Ber­ge zie­hen…

Unter­wegs meh­ren sich die Zei­chen: Am Weg­rand eine schmut­zi­ge Vlies­de­cke, etwas wei­ter die Res­te einer Kom­pres­sen-Ver­pa­ckung, kürz­lich erst weg­ge­wor­fen und noch kaum ver­wit­tert. In einem Strauch hängt ein T-Shirt, auf dem Boden Fet­zen eines zer­ris­se­nen Briefs mit ita­lie­ni­schem Absen­der, in ara­bi­scher Schrift.

Lei­se, kaum wahr­nehm­ba­re Spu­ren, die auf die Flücht­lin­ge hin­wei­sen, die heu­te wie­der die alten Flucht­we­ge nut­zen, um im Schutz der Dun­kel­heit nach Frank­reich, nach Euro­pa zu gelan­gen. Aller­dings ist es schwie­rig gewor­den: Frank­reich lässt auch sei­ne abge­le­gens­ten Gren­zen scharf bewa­chen. Im Kampf gegen die Flücht­lin­ge hat der Staat gan­ze Heer­scha­ren von Poli­zis­ten und Mili­tärs in der Regi­on sta­tio­niert.

Zudem sind die Berg­pfa­de gefähr­lich. Das wis­sen auch die ver­zwei­fel­ten Flücht­lin­ge, die es trotz­dem immer wie­der ver­su­chen. Weil sie kei­ne Wahl hät­ten, wie uns ein jun­ger Mann drei Tage spä­ter in Ven­tig­mi­lia erklärt. Wir tref­fen ihn im Cari­tas-Zen­trum, wo täg­lich Hun­der­te von Flücht­lin­gen not­dürf­tig ver­sorgt wer­den. Wie die meis­ten hier, kommt er aus Dar­fur.

Die jun­gen Män­ner erzäh­len von Bür­ger­krieg, Gewalt und Armut. In Dar­fur, aber auch unter­wegs. Liby­en sei die Höl­le, mit eige­nen Augen habe er gese­hen, wie die Leu­te dort erschos­sen wür­den, sagt unser Gesprächs­part­ner, der auf die Fra­ge nach sei­nem Namen viel­sa­gend ant­wor­tet: «Adam, Ach­med, Abdes­lam – je nach­dem…»

Er sei seit 45 Tagen in Ita­li­en und wol­le wei­ter. Sein Bru­der lebt in Frank­reich. Zehn­mal habe er bereits ver­sucht, die Gren­ze zu über­que­ren, um zu ihm zu gelan­gen. Drei­mal über den Berg – jedes­mal ist er erwischt und nach Ita­li­en zurück­ge­bracht wor­den.

Er wird es wie­der ver­su­chen und hofft, dass er von sei­nem Bru­der Unter­stüt­zung erhält, um einen Schlep­per zu bezah­len. Er sei aus Dar­fur weg, weil er ein wür­di­ges Leben woll­te. Statt der erwar­te­ten Frei­heit und der Mög­lich­keit, Geld zu ver­die­nen, sich wei­ter­zu­bil­den, müss­ten sie in Ita­li­en nun auf der Stras­se leben. Doch Rück­kehr sei kei­ne Opti­on, und irgend­wann wer­de er es nach Euro­pa schaf­fen – oder ster­ben. «We have a desi­re», sag­te er zum Abschied.