Vollmond in Mürren

Ein ver­län­ger­tes Wochen­ende in Mür­ren. Ver­schneite Stras­sen, glas­klare Luft – wohl­tu­ende Ruhe. Weit weg und schnell ver­ges­sen sind das hek­ti­sche Trei­ben der Stadt und die zer­mür­ben­den News zum aktu­el­len Stand der Poli­tik. Wie immer, hier oben, das Gefühl, die Zeit sei ste­hen geblie­ben – und die Welt sei in Ordnung.

Der Voll­mond taucht die impo­sante Kulisse von Eiger, Mönch und Jung­frau in lieb­li­ches Weiss. Der erste Abend im unver­wüst­li­chen Stä­ger­st­übli hat uns eupho­risch gestimmt: Liebe Freunde getrof­fen – in guter Gesell­schaft fein geges­sen, gut getrun­ken. Die Nacht ist hell, als wir uns auf den Heim­weg machen. Obschon nur aus weni­gen Häu­sern ein Licht­strahl nach aus­sen dringt. Weil die mei­sten Woh­nun­gen leer ste­hen, wie fast immer, hier oben.

Am näch­sten Mor­gen an der Schilt­horn­bahn uner­war­te­tes Gedränge. Anste­hen, fast wie frü­her. Das Infer­norennen steht vor der Tür – laut Eigen­wer­bung das «älte­ste Ski­ren­nen der Welt». Rei­che Bri­ten hat­ten Anfang des 20. Jahr­hun­derts den Win­ter­sport nach Mür­ren gebracht. Damals stie­gen die Wage­mu­ti­gen noch mit eige­ner Kraft zum Gip­fel hoch und kämpf­ten sich auf Holz­lat­ten durch wil­des Gelände talwärts.

Ihre Nach­kom­men gon­deln heute, behelmt und im Renn­an­zug, bequem per Bahn aufs Schilt­horn, von wo sie sich auf wohl­prä­pa­rier­ten Pisten in die Tiefe stür­zen. Noch immer sind viele Bri­tin­nen und Bri­ten beim Infer­norennen mit von der Par­tie. Beim Anste­hen unter­hal­ten sich neben uns zwei jün­gere Mit­glie­der des noblen Kan­da­har-Ski­clubs über ihren Kriegs­ein­satz in Afgha­ni­stan und was die­ser gebracht habe – für ihre Karriere.

Heile Welt ade! Zumal schon am Vor­abend, ange­sichts der dunk­len Häu­ser, ein etwas bös­ar­ti­ger Gei­stes­blitz durch mei­nen Kopf zuckte: Warum eigent­lich brin­gen wir Flücht­linge in unter­ir­di­schen Zivil­schutz­an­la­gen und in hur­tig hin­ge­zim­mer­ten Bret­ter­ver­schlä­gen unter? Wo es hier oben (und nicht nur in Mür­ren…) so viel leer­ste­hen­den Wohn­raum gibt?

Unser Bun­des­prä­si­dent erklärt der­weil der Welt, die Schweiz sei, was die Auf­nahme von Flücht­lin­gen anbe­lange, an ihrer «Kapa­zi­täts­grenze» ange­langt. Die hohe Netto-Zuwan­de­rungs­rate von jähr­lich rund 80’000 Per­so­nen in den «sta­bi­len und inno­va­ti­ven Wirt­schafts­stand­ort Schweiz» mache den Men­schen Angst, so Schneider-Ammann.

Mit ande­ren Wor­ten: Weil schon so viele kom­men, um unsere Wirt­schaft und unse­ren Wohl­stand wei­ter anzu­hei­zen und zu ver­meh­ren, hat es kei­nen Platz für jene, die aus Not und Ver­zweif­lung Asyl bean­tra­gen. Wun­der­bar inno­va­tiv, die­ser Wirt­schafts­stand­ort Schweiz! Und wie es sich heute gehört: Wirt­schaft geht vor Menschenrecht…

Wirk­lich inno­va­tiv wäre die Suche nach Wegen, die Asyl­recht und erfolg­rei­ches Wirt­schaf­ten in Ein­klang brin­gen. Nie­mand sagt, dass das ein­fach sei. Und wer ehr­lich ist, gibt zu, dass ein Wachs­tum ohne Ende nicht mög­lich ist und der Glaube daran in die Sack­gasse führt.

Dazu – bloss als Gedan­ken­an­stoss – eine Geschichte aus Mür­ren: Nach­dem die ersten tou­ri­sti­schen Hoff­nungs­jahre der Belle Epo­que mit dem ersten Welt­krieg ein jähes Ende gefun­den hat­ten, plat­zierte das Rote Kreuz ver­letzte und kranke bri­ti­sche Sol­da­ten in den lee­ren Hotel­bet­ten und auch bei Pri­va­ten. Genau 100 Jahre sind es her, dass das Berg­bau­ern­dorf mit damals rund 300 Ein­woh­ne­rin­nen und Ein­woh­nern 800 Kriegs­ver­letzte und Rekon­va­les­zente aus Gross­bri­tan­nien auf­ge­nom­men hat! Wäh­rend zwei Jah­ren leb­ten fast drei­mal soviele Fremde in Mür­ren, wie Ein­hei­mi­sche. Im 2. Welt­krieg fan­den sogar 1000 Flücht­linge, die mei­sten aus Ita­lien, auf der Son­nen­ter­rasse hoch über dem Lau­ter­brun­nen­tal Zuflucht.

Dazu schreibt der Mür­re­ner Chro­nist Max Amstutz: «Die Inter­nier­ten waren ein gros­ses Glück für Mür­ren, nicht nur für die Zeit des Krie­ges. Sie tru­gen den Namen Mür­rens hin­aus in die Welt und kehr­ten nach dem Krieg zurück in die Berg­welt Mür­rens, die sie in der Kriegs­zeit als «love­liest place in Europe» ken­nen und lie­ben gelernt hat­ten, wur­den Gäste, die dem klei­nen Kur­ort seit­her die Treue gehal­ten haben und nun Som­mer wie Win­ter quasi seine Exi­stenz garantieren.

Erschreckende Parallelen

Schnell ein­mal zei­gen wir mit Fin­gern auf Ungarn und Polen, wo Rechts­po­pu­li­sten die Demo­kra­tie unter­lau­fen. Distan­zie­ren uns von den Fran­zo­sen, die dem Front Natio­nal zu Mehr­hei­ten ver­hel­fen und ent­set­zen uns über die Pegida-Demon­stra­tio­nen in Deutschland.

Gleich­zei­tig üben wir uns in selbst­ge­fäl­li­ger Gelas­sen­heit, wenn es um ähn­li­che Ent­wick­lun­gen in der Schweiz geht. Der Rechts­rutsch bei den letz­ten Wah­len führte ebenso wenig zu einem Auf­schrei wie die Machen­schaf­ten der SVP, wel­che die Schwei­zer Demo­kra­tie für ihre Zwecke instru­men­ta­li­sie­ren und den Rechts­staat genauso aus den Angeln zu heben ver­su­chen, wie ihre Gei­stes­brü­der und ‑schwe­stern in Polen.

Die soge­nannte Flücht­lings­krise wie auch die Sil­ve­ster­nacht in Köln seien halt Was­ser auf die Müh­len der Rech­ten, heisst es schnell ein­mal. Man tut so, als wäre dies natur­ge­ge­ben und völ­lig normal.

Natür­lich sind sol­che Ereig­nisse «Was­ser auf die Müh­len der Asyl­geg­ner» – vor allem, wenn sie von den Medien ent­spre­chend auf­be­rei­tet wer­den. Wie anders ist sonst zu ver­ste­hen, dass der BLICK den SVP-Imam Blo­cher zu Köln befragt? Ein Steil­pass für seine Hetze.

Schlim­mer noch: Natio­nal­rat und Chef­re­dak­tor Köp­pel erhält (ein­mal mehr) bei Scha­win­ski im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen eine Platt­form. Obschon – oder etwa weil? – er sich mit sei­nem Edi­to­rial in der Welt­wo­che als heim­li­cher Bewun­de­rer des Nazi-Ver­bre­chers Göring geoutet hat.

Nie hätte ich gedacht, dass sol­ches hier­zu­lande über­haupt mög­lich und salon­fä­hig ist.

Mein Vater, der als 13-Jäh­ri­ger in Deutsch­land von der Schule flog, weil er jüdi­scher Her­kunft ist, sieht erschreckende Par­al­le­len. Er sagt, den Mus­li­min­nen und Mus­li­men in der Schweiz und in Europa drohe heute, was sie damals erlebt hät­ten: Ver­fol­gung und Dif­fa­mie­rung wegen ihrer Herkunft.

Inte­gra­tion, so mein Vater, sei keine ein­sei­tige Ange­le­gen­heit: In Deutsch­land seien damals die gut inte­grier­ten, teil­weise seit Jahr­hun­der­ten dort leben­den Juden ver­folgt wor­den, weil der Dik­ta­tor und seine Hel­fers­hel­fer Sün­den­böcke brauch­ten. Heute wür­den Mus­li­min­nen und Mus­li­men ähn­li­ches erle­ben… Noch fin­det er, die Situa­tion sei unter Kon­trolle, weil unsere Gesetze Sicher­heit böten, vor men­schen­ver­ach­ten­den Exzes­sen. Die Ent­wick­lung, die sich aber abzeich­net, erfüllt nicht nur mei­nen Vater mit Sorge.

Jüng­stes Bei­spiel: Die Gen­fer Poli­zei hatte im Dezem­ber die Bad­ges von einer Reihe von Flug­ha­fen-Mit­ar­bei­tern gesperrt. Aus Sicher­heits­grün­den, lau­tete die Begrün­dung, wei­tere Erklä­run­gen wur­den ver­wei­gert. Der Anwalt der Aus­ge­sperr­ten gab gegen­über Radio SRF bekannt: Der ein­zige gemein­same Nen­ner sei, dass sie alle mus­li­mi­scher Her­kunft seien…

Und im Februar droht mit der SVP-Durch­set­zungs­in­itia­tive ein wei­te­rer Schritt in eine gefähr­li­che Rich­tung: Wird sie ange­nom­men, ist man der Abschaf­fung der Gewal­ten­tei­lung ein gros­ses Stück näher. Die Frage ist nur, wer hat’s erfun­den: die Ungarn, die Polen, die SVP oder die Natio­nal­so­zia­li­sten? Fehlt nur noch die Wie­der­ein­füh­rung der Todes­strafe. Man kann sich durch­aus vor­stel­len, dass Schrift­lei­ter Dr. Köp­pel eines Tages auch diese Idee edi­to­rial pro­mo­ten könnte.

Von den Schwei­zer Intel­lek­tu­el­len ist bis­her kaum Pro­test zu ver­neh­men. Lange schien es, als ob auch die dritte Gewalt – die Justiz – wie das Kanin­chen vor der Schlange erstarrt sei. In den letz­ten Wochen wag­ten bloss ver­ein­zelte ehe­ma­lige und amtie­ren­den Bun­des­rich­ter den Klar­text. Umso wich­ti­ger die heu­tige Ver­öf­fent­li­chung des von 120 Rechts­pro­fes­so­rIn­nen unter­zeich­ne­ten Mani­fests, in dem Punkt für Punkt auf­ge­zeigt wird, wie die Durch­set­zungs­in­itia­tive die schwei­ze­ri­sche Rechts­ord­nung «mehr­fach und in schwer­wie­gen­der Weise» gefährdet.

Es ist zu hof­fen, dass ihre Argu­mente brei­tes Gehör fin­den und die Stimm­bür­ge­rIn­nen in die­sem Land end­lich erwa­chen! Es ist höch­ste Zeit, dass wir Stel­lung bezie­hen und uns klar, ohne Wenn und Aber, zum Schwei­ze­ri­schen Rechts­staat beken­nen: Die SVP ver­dient am 28. Februar eine saf­tige Ohrfeige.

(K)eine alte Geschichte

«Reis für die Welt», unser erster gemein­sa­mer Dok­film, wurde vor genau 20 Jah­ren in der Sen­dung MTW (Men­schen Tech­nik Wis­sen­schaft) des Schwei­zer Fern­se­hens urauf­ge­führt. Es ging um die Frage, ob Gen­tech­no­lo­gie oder Bio­land­wirt­schaft der rich­tige Weg sei, um Hun­ger und Armut zu überwinden.

Auf­grund gründ­li­cher Recher­chen und nach den Dreh­ar­bei­ten an der ETH und auf den Phil­ip­pi­nen, war für uns klar: Statt High­tech-Metho­den in den Labors zu för­dern, über deren lang­fri­stige Aus­wir­kun­gen auf die Gesund­heit der Men­schen und die Öko­sy­steme man keine gesi­cher­ten Erkennt­nisse hat, braucht es ver­mehrt Unter­stüt­zung für Klein­bau­ern, die mit eige­nem Saat­gut, natur­nah und nach­hal­tig produzieren.

Trotz­dem sollte das Fazit unse­res Films, auf Druck des dama­li­gen Redak­ti­ons­lei­ters beim MTW, «aus­ge­wo­gen» aus­fal­len und offen las­sen, ob Bio oder High­tech der Mensch­heit den bes­se­ren Nut­zen bringe. Er sel­ber ent­schied sich für den Gen­tech-Weg – mit Erfolg: Sein Enga­ge­ment für die Bio­tech­no­lo­gie brachte ihm, nach sei­ner Zeit beim Schwei­zer Fern­se­hen, wie­der­holt lukra­tive Man­date ein.

Als unser Film aus­ge­strahlt wurde, stand die von der Agro-Indu­strie gepushte grüne Gen­tech­no­lo­gie erst in den Start­lö­chern: 1995 wurde in den USA erst­mals gen­tech­nisch ver­än­der­tes Saat­gut für den kom­mer­zi­el­len Anbau frei­ge­ge­ben. In der Folge brei­te­ten sich die Anbau­flä­chen Jahr für Jahr aus: Heute wer­den laut Sta­ti­sti­ken der Agro-Lob­byagen­tur ISAAA auf 181 Mil­lio­nen Hektaren gen­tech­nisch ver­än­derte Pflan­zen ange­baut – dies ent­spricht rund 13 Pro­zent der welt­wei­ten Ackerfläche.

Für Agro­kon­zerne wie Monsanto oder Syn­genta ist die Gen­tech­no­lo­gie ein mehr­fach lukra­ti­ves Geschäft: Bio­tech­no­lo­gisch her­ge­stellte Pflan­zen las­sen sich nicht nur paten­tie­ren – über die Hälfte der kom­mer­zi­el­len Gen­tech­pflan­zen erhiel­ten eine Resi­stenz gegen Her­bi­zide ver­passt, die von den Her­stel­lern gleich mit­ge­lie­fert wer­den. Ver­wen­dung fin­det die­ses Saat­gut in der indu­stri­el­len, von Mono­kul­tu­ren domi­nier­ten Land­wirt­schaft in Län­dern wie den USA, Kanada, Bra­si­lien, Indien oder China. Am wei­te­sten ver­brei­tet ist das soge­nannte Round-up-Ready-Saat­gut von Monsanto, das gegen Gly­pho­sat resi­stent ist.

Die For­scher an der ETH, deren Arbeit wir doku­men­tier­ten, distan­zier­ten sich von solch kom­mer­zi­el­len Machen­schaf­ten. Sie kon­stru­ier­ten in ihren Labors gen­tech­nisch ver­bes­serte Reis­sor­ten, die der­einst den armen Bau­ern in Asien und Afrika die Über­win­dung von Armut und Hun­ger ermög­li­chen soll­ten. Die Vision des mitt­ler­weile eme­ri­tier­ten ETH-Pro­fes­sors Ingo Potry­kus: Gen­tech­nisch ver­edel­ter «Gol­den Rice» zur Bekämp­fung von Vit­amin-A-Man­gel. Ein tech­no­kra­ti­scher Ansatz, der an der Rea­li­tät vor­bei­zielt: Die Klein­bau­ern, die wir auf den Phil­ip­pi­nen besuch­ten, waren stolz auf ihr selbst­ge­züch­te­tes Saat­gut. Sie ver­zich­te­ten auf den Zukauf von gif­ti­gen Pflan­zen­schutz­mit­teln und konn­ten des­halb in den bewäs­ser­ten Reis­fel­dern Fische aus­set­zen und auf den Däm­men Gemüse pflan­zen. Damit ver­bes­ser­ten die Bio­bau­ern gleich­zei­tig die Bio­di­ver­si­tät auf den Fel­dern sowie ihre Erträge.

Sol­che Ansätze für eine nach­hal­tige Ernäh­rungs­si­che­rung wer­den gerne belä­chelt. Kri­ti­sche Stim­men, die vor den Fol­gen gen­tech­ni­scher Ver­än­de­run­gen war­nen oder den Nut­zen der Bio­tech­no­lo­gie für die Land­wirt­schaft in Frage stel­len, bekämpft die Agro-Indu­strie seit zwan­zig Jah­ren mit aller Härte. Dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, unlieb­same For­schungs­re­sul­tate unter den Tisch zu keh­ren und Wis­sen­schaft­ler, die kri­ti­sche Fra­gen stel­len, zu diffamieren.

Jüng­stes Bei­spiel dafür ist der ame­ri­ka­ni­sche Bio­loge Jona­than Lund­gren, der von sei­ner Arbeit­ge­be­rin – der US-Agrar­be­hörde USDA – dis­pen­siert wurde. Dies – so schreibt er in sei­ner Whist­le­b­lower-Klage ans US-Bun­des­ge­richt – weil er u.a. auf mög­li­che Risi­ken von RNAi-Pesti­zi­den hin­ge­wie­sen habe. Diese Neu­ent­wick­lun­gen der Grü­nen Gen­tech­no­lo­gie, die von den Agro-Kon­zer­nen vor­an­ge­trie­ben wird, zielt dar­auf, Schäd­linge durch das Aus­schal­ten bestimm­ter Gene in deren Erb­gut zu eliminieren.

Die Zulas­sung von RNAi-modi­fi­zier­tem Saat­gut soll – wie dies in den letz­ten 20 Jah­ren immer wie­der prak­ti­ziert wurde – ohne genü­gende Risi­ko­ab­klä­run­gen mög­lichst rasch durch­ge­winkt wer­den. Dies, obschon man heute sogar noch bes­ser als damals weiss, dass Gen­tech­no­lo­gie keine Ant­wort bringt, auf die drän­gen­den Fra­gen die­ser Welt.

Trotz­dem wird Risi­ko­for­schung von der Agro-Indu­strie und ihrer Lobby immer noch unter­drückt oder gar ver­hin­dert. Und Gen­tech-Pro­mo­to­ren wer­den nicht müde zu behaup­ten, die Bio­tech­no­lo­gie rette die Welt. – Unser Film «Reis für die Welt» ist heute noch genauso aktu­ell wie damals. Ob wir uns dar­über freuen sollten?

Perspektivenwechsel

Es ist kalt in Europa. Sogar auf der grie­chi­schen Insel Les­bos schneit es. Und immer noch und immer wie­der stran­den Schlauch­boote mit halb erfro­re­nen Men­schen. Sie wagen die gefähr­li­che Über­fahrt aus der Tür­kei nach Grie­chen­land, nach Europa trotz aller Risi­ken. Ihre Not ist gross.

Heute Mor­gen auf der erschüt­ternde Auf­ruf eines Hel­fers, der vor Ort ver­sucht, den Ankömm­lin­gen zu hel­fen. Wie er, berich­ten unzäh­lige Frei­wil­lige aus ganz Europa von den Tra­gö­dien, die sich Tag für Tag abspie­len. An den Küsten Grie­chen­lands, auf den Flücht­lings­rou­ten quer durch Europa.

Tra­gö­dien, die nicht sein müss­ten. Die nicht sein dürf­ten. Eine Schande, was sich gegen­wär­tig abspielt – und ein per­ma­nen­ter Ver­stoss gegen die Men­schen­rechte. Gegen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­tion, die auch die Schweiz unter­zeich­net hat. Gegen die huma­ni­sti­schen Tra­di­tio­nen, deren man sich in Europa so gerne rühmt.

Wo aber kann man jene ein­kla­gen, die alles daran set­zen, Flücht­lin­gen die Flucht zu ver­un­mög­li­chen oder zu erschweren?

Ganz Europa sitzt auf der Ankla­ge­bank, inklu­sive die Schweiz. Die Ver­ant­wor­tung tra­gen jene Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker, die sich für die Auf­stockung der Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex stark machen, statt Fäh­ren bereit­zu­stel­len, um den Men­schen auf der Flucht eine sichere Über­fahrt zu ermöglichen.

Auf der Ankla­ge­bank sit­zen all jene, die mit Hin­ter­ge­dan­ken Äng­ste schü­ren und den Unter­gang der euro­päi­schen Kul­tu­ren pro­gno­sti­zie­ren. All jene, die aus der Tat­sa­che, dass Men­schen flüch­ten müs­sen, eine Flücht­lings­krise machen. Die behaup­ten, wir stün­den vor unüber­wind­ba­ren Pro­ble­men, wenn noch mehr unge­be­tene Zuwan­de­re­rIn­nen kom­men. Wohl­ge­merkt: Unter der soge­nannte Flücht­lings­krise ver­ste­hen sie eine Krise, die uns bedroht – Europa, die Schweiz.

Für allzu viele ist diese «Krise» ein loh­nen­des Geschäft. Nicht nur Schlep­per und Schwimm­we­sten­ver­käu­fer ver­die­nen gutes Geld an jenen, die tat­säch­lich eine Krise erlei­den – den Flücht­lin­gen. Immer mehr «Ver­tei­di­ge­rIn­nen des Abend­lan­des» kochen ihre braune Suppe auf den Flam­men, die sie mit dem hyste­ri­schen Her­bei­re­den von Gefah­ren und Bedro­hun­gen schü­ren. Grau­sam, aber wahr: In der ersten Reihe mit dabei sind auch ehe­ma­lige Flücht­linge, die es mitt­ler­weile zur Auf­ent­halts­be­wil­li­gung in der Schweiz geschafft haben.

Dabei wäre es höch­ste Zeit, sich eines Bes­se­ren zu besin­nen: Wäh­rend Jahr­hun­der­ten haben Men­schen aus Europa den Rest der Welt als Wirt­schafts­flücht­linge heim­ge­sucht. Sind aus­ge­wan­dert, haben ganze Kon­ti­nente in Besitz genom­men, erobert. Oft mit töd­li­chen Fol­gen für die Men­schen, die sie in Über­see tra­fen und deren alt­ein­ge­ses­sene Kulturen.

Uns in Europa geht es bes­ser als den Indios, Abori­gi­nes oder Native Ame­ri­cans damals: Die Men­schen, die heute zu uns kom­men, sind keine Erobe­rer. Sie wol­len Sicher­heit, und sie möch­ten teil­ha­ben, an die­sem viel­ge­rühm­ten Europa mit sei­nem legen­dä­ren Wohlstand.

Seit Jahr­hun­der­ten wis­sen Euro­päer und Aus­wan­de­rer aus Europa den Rest der Welt für ihre Zwecke nutz­bar zu machen. Das hatte teils fatale geo­po­li­ti­sche Fol­gen, die in Kriege aus­ar­te­ten. Die Waf­fen, die wir bis heute in Kriegs­ge­biete ver­kau­fen sind nur das kras­se­ste Bei­spiel dafür, wie Europa ganz direkt dazu bei­trägt, dass Men­schen flie­hen müs­sen. Wäh­rend wir gleich­zei­tig so tun, als wären wir die Bedrohten.

Dabei könnte man die Situa­tion auch ganz anders sehen. Als Chance: Europa ist über­al­tert, bei der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung sind die Gebur­ten­ra­ten fast über­all rück­läu­fig. Europa braucht neue Impulse, einen Neuaufbruch.

Auf die Frage, ob Deutsch­land zwei Mil­lio­nen Migran­tIn­nen ver­kraf­ten könne, ant­wor­tete Yanis Varou­fa­kis kürz­lich: «Natür­lich kann es das. Die Geschichte zeigt, dass seit der Vor­stein­zeit immer jene Regio­nen pro­fi­tiert haben, die Migran­tIn­nen will­kom­men hies­sen. Schlecht weg­ge­kom­men sind jene, die Leute expor­tiert haben. Die USA wären heute keine Welt­macht, wenn sie im 19. Jahr­hun­dert Zäune gebaut hätten.»

Schadensbegrenzung

Sach­kun­dig macht sich der Experte an die Arbeit. Die Ver­si­che­rung hatte ihn auf­ge­bo­ten, um die Offerte für die Lif­t­re­pa­ra­tur zu überprüfen.

Auch der Motor der Lift­an­lage war wäh­rend Stun­den im Was­ser, die Steue­rung teil­weise. Ent­spre­chend gross ist die Anzahl der Teile, die laut Offerte der Lift­firma AS – einer Toch­ter der Schind­ler Auf­züge – ersetzt oder gründ­lich revi­diert wer­den müs­sen. Aller­dings haben die Mon­teure von AS, die den Scha­den begut­ach­tet und die Offerte erar­bei­tet haben, offen­bar nicht jeg­li­che Funk­tion dar­auf­hin über­prüft, ob sie mög­li­cher­weise das Was­ser über­stan­den hat.

Posten in der Offerte, die auf blos­sen Annah­men basie­ren, lässt der Experte nicht gel­ten. Ob der Scha­den am Motor so gross sei, wie in der Offerte behaup­tet, zeige sich erst, wenn des­sen Antrieb demon­tiert und aus­ein­an­der genom­men wor­den sei, sagt er. Und ver­ein­bart mit dem AS-Ver­tre­ter einen wei­te­ren Ter­min. Auch Netz­ge­rät und Steue­rung will er nicht unge­schaut ersetzt wis­sen. Im Siche­rungs­ka­sten steckt immer noch die kaputte Siche­rung – nach eini­gem Suchen fin­det sich ein Ersatz. Und siehe da: Die Anlage springt an…

Was nur bedingt erstaunt. Auch andere elek­tri­sche und elek­tro­ni­sche Geräte haben die Flu­tung über­lebt. Aller­dings ist die Wahr­schein­lich­keit gross, dass die feucht gewor­de­nen Teile von innen her vom Rost zer­fres­sen wer­den und in ein paar Wochen oder Mona­ten eben­falls den Geist auf­ge­ben. Endgültig.

Alle ande­ren elek­tri­schen Anla­gen im Haus, die unter Was­ser gestan­den haben, wer­den des­halb ersetzt – anstands­los. Beim Lift hin­ge­gen, hat der Experte sein Veto ein­ge­legt – weil ein Teil der Anlage, nament­lich das Netz­ge­rät, nie unter Was­ser gestan­den sei.

Dass man der Firma AS genau auf die Fin­ger schaut, leuch­tet den Lift­be­sit­zern ein. Auch sie haben sich schon von einem Exper­ten bera­ten las­sen, nach­dem der täg­lich benutzte Lift nach einer Revi­sion plötz­lich kaputt war und eine Repa­ra­tur von meh­re­ren Tau­send Fran­ken ins Haus stand. Das Myste­rium konnte aller­dings nie geklärt wer­den und sie muss­ten bezah­len. Wie auch für den Ersatz des defek­ten Not­lichts (eine kleine Leucht­di­ode, die aber gesetz­lich vor­ge­schrie­ben ist), wofür AS das ganze Steue­rungs­pa­nel in der Lift­ka­bine aus­wech­selte. Es gehe nicht anders, hiess es von der Firma.

Das Geschäft mit den Auf­zü­gen ist hier­zu­lande ein mono­po­li­sier­tes. Umso wich­ti­ger sind die Exper­ten, die die Geschäfts­me­tho­den von Schind­ler, Ortis und Co ken­nen und durch­leuch­ten. Aller­dings han­delt es sich natür­lich auch hier nicht um „neu­trale“ Fachleute.

Der Experte, der von der Ver­si­che­rung bei­gezo­gen wird, ist dafür bezahlt, deren Inter­esse zu ver­tre­ten. Zudem ist anzu­neh­men, dass er nach Auf­wand ent­schä­digt wird: Je län­ger und genauer er sich den Scha­den anschaut, desto grös­ser sein Ver­dienst. Vor allem aber wird er ver­su­chen, den Preis der Offerte soweit als mög­lich zu drücken. Je mehr er erreicht, desto zufrie­de­ner sind seine Kunden.

Der näch­ste Posten in der Offerte für die Lif­t­re­pa­ra­tur nach der Über­schwem­mung, der der Prü­fung des Exper­ten Prü­fung nicht stand­hält, ist der Ersatz der Trag­seile. Ein kur­zer Blick genügt ihm, um fest­zu­stel­len, dass sie kei­nen Rost ange­setzt haben. Aller­dings emp­fiehlt die Her­stel­ler­firma Brugg AG drin­gend, die Stahl­seile nach einem sol­chen Scha­dens­fall zu erset­zen. Mög­li­cher­weise ste­hen auch bei die­ser Emp­feh­lung Eigen­in­ter­es­sen im Vor­der­grund: Die Seil­her­stel­ler wol­len Seile ver­kau­fen. Aller­dings ken­nen sie ihre Pro­dukte sehr genau und wol­len keine Risi­ken zulas­sen. Die Emp­feh­lung, ein unver­zink­tes Seil, das teil­weise im Was­ser stand zu erset­zen, erscheint gar der Laiin plausibel.

Als Eigen­tü­me­rin und Lift­mit­be­sit­ze­rin bleibt des­halb ein ungu­tes Gefühl: Darf der Experte sich über sol­che Emp­feh­lun­gen hin­weg set­zen? rMüsste man nun sei­ner­seits einen Exper­ten bei­zie­hen, oder die neuen Seile sel­ber bezahlen?

Womit wir beim Kern­thema wären: Das liebe Geld. Es darf davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass bereits heute die Kosten für Begut­ach­tun­gen und Streit den Betrag, den der Experte schliess­lich mit sei­nen Inter­ven­tio­nen her­un­ter­han­delt, längst übersteigen.

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