Klima UND Landschaft schützen!

Das Ver­dikt der Gemein­de­ver­samm­lung liess an Deut­lich­keit nichts zu wün­schen übrig: Die Stimm­be­rech­tig­ten der Gemeinde Sur­ses im Grau­bün­den waren am 29. Januar 2024 beson­ders zahl­reich erschie­nen, um über ein hoch­al­pi­nes Solar­pro­jekt im Val Nan­dro ober­halb von Savo­gnin zu befinden.

Die Ener­gie­ab­tei­lung ewz der Indu­stri­el­len Betriebe der Stadt Zürich wollte 66,5 Hektaren Natur­land­schaft mit einer Pho­to­vol­ta­ik­an­lage für die Pro­duk­tion von «sau­be­rem Strom» zubauen – auf einer Flä­che, die 95 Fuss­ball­fel­dern entspricht.

Der Hin­ter­grund: Im Sep­tem­ber 2022 bewil­ligte das eid­ge­nös­si­sche Par­la­ment für die För­de­rung hoch­al­pi­nes Solar­pro­jekte Sub­ven­tio­nen in Mil­li­ar­den­höhe (unter dem Titel «Solar­ex­press»): Für Anla­gen, die bis zum 31. Dezem­ber 2025 ans Netz gehen, wer­den bis zu 60 Pro­zent der Inve­sti­ti­ons­ko­sten vom Bund über­nom­men und mit Steu­er­gel­dern bezahlt!

Wäh­rend sich für Pri­vate die Inve­sti­tio­nen in Solar­pa­nels auf bestehen­den Gebäu­den oft nicht rech­nen, eröff­net der in Bun­des­bern geschickt ein­ge­fä­delte «Solar­ex­press» den Gros­sen im Strom­busi­ness wie ewz, BKW oder Axpo ein veri­ta­bles Eldo­rado. Kein Wun­der, grei­fen sie gie­rig zu. In den letz­ten Mona­ten sind Dut­zende von hoch­al­pi­nen Solar­pro­jek­ten auf­ge­gleist wor­den, nach dem Motto: Gross­flä­chig ist beau­tiful und ren­tiert bei soviel Sub­ven­tio­nen. Nun müs­sen sie nur noch der Flä­chen hab­haft wer­den. Die gehö­ren ihnen im hoch­al­pi­nen Raum aber nicht flä­chen­deckend. Zudem lässt sich der unge­zü­gelte Ener­gie­hun­ger dort nur auf Kosten von Land­schaft und Natur stillen.

Zum Glück scheint es nun aber doch nicht so ein­fach zu gehen, wie sich das die Solar­ba­rone aus dem Unter­land vor­ge­stellt haben: Im Wal­lis stellte sich eine Mehr­heit der Bevöl­ke­rung gegen die über­stürzte Ertei­lung von Bewil­li­gun­gen, im Kan­ton Bern erteilte die Gemeinde Saa­nen dem 67 Fuss­ball­fel­der gros­sen Pro­jekt Solsarine bereits im Dezem­ber 2023 eine Absage. 

Und nun also auch Sur­ses, die Stand­ort­ge­meinde des Mar­morera-Stau­sees: Genau 70 Jahre ist es her, dass das alte Dorf Mar­morera der Strom­pro­duk­tion geop­fert wurde. Damals hatte der Unter­händ­ler der Indu­stri­el­len Betriebe Zürich ein leich­tes Spiel: Er han­delte mit den weni­gen Haus- und Land­be­sit­zern indi­vi­du­elle Kauf­ver­träge aus und ver­pflich­tete sie zum Stillschweigen.

So kam es, wie es kom­men musste: Nach­dem die stimm­be­rech­tig­ten Män­ner von Mar­morera mit 24 Ja- zu 2 Nein­stim­men der Kon­zes­sion für die Aus­nüt­zung der Was­ser­kräfte durch die Stadt Zürich zuge­stimmt hat­ten, wurde 1954 das gesamte Dorf zer­stört und geflutet. 

Eine bit­tere Erfah­rung, aus der man in der Region mög­li­cher­weise seine Leh­ren gezo­gen hat. Dies­mal lehn­ten die Stimm­be­rech­tig­ten das Ange­bot aus dem Unter­land mit 378 zu 177 Stim­men ent­schie­den ab. Dies, obschon der Gemeinde jähr­lich Ein­nah­men in der Höhe von CHF 450’000 bis 600’000 Fran­ken aus dem Solar­strom­deal winkten.

Nun muss die im Novem­ber 2023 instal­lierte Test­an­lage für das Solar­pro­jekt wie­der demon­tiert wer­den. Genauso wie jene auf dem Horn­berg im Ber­ner Ober­land, wo der Gold­grä­ber­stim­mung der Strom­kon­zerne eben­falls der Rie­gel gescho­ben wurde. Die Mes­sage ist klar: Die Bevöl­ke­rung in den bei­den Tou­ris­mus­ge­bie­ten will keine Land­schafts­ver­schan­de­lung durch Solarpanels.

Das ist kon­se­quent und rich­tig. Nun braucht es aber zwin­gend näch­ste Schritte: Die Ableh­nung von pro­ble­ma­ti­schen Solar- und Wind­ener­gie­an­la­gen allein genügt nicht. Wol­len wir sowohl das Klima wie die Land­schaft ernst­haft schüt­zen, braucht es drin­gend ein Umden­ken. Das brach­lie­gende Solar-Poten­tial an geeig­ne­ten bestehen­den und neuen Gebäu­den muss in der Schweiz end­lich an die Steck­dose gebracht werden.

Zudem ist es an der Zeit, statt ein­zig über zusätz­li­che Ener­gie­quel­len zu debat­tie­ren, ernst­haft Reduk­ti­ons- und Spar­mass­nah­men bei der Nut­zung ins Auge zu fas­sen. Bis­lang sind The­men wie «Ver­zicht» oder «Begren­zung» tabu. Dies, obschon ange­sichts der momen­tan herr­schen­den Ener­gie­ver­schwen­dung Ein­spa­run­gen in beacht­li­chem Stil mög­lich wären – ohne dass dies für die Wirt­schaft oder die Bevöl­ke­rung in der Schweiz schmerz­hafte Ein­schrän­kun­gen zur Folge hätte.

Austern im Kunsthaus

Es war mein erster Besuch im Chip­per­fieldbau. Nach mei­nem ver­geb­li­chen Nein bei der Abstim­mung über den Inve­sti­ti­ons­kre­dit anno 2012 habe ich das prot­zige Gebäude am Zür­cher Heim­platz boy­kot­tiert. Als mein pri­va­ter, stil­ler Pro­test gegen den hoch­ge­ju­bel­ten Muse­ums­klotz mit sei­nem ver­gif­te­ten Inhalt.

Nach­dem die neu designte Aus­stel­lung der Bührle-Samm­lung wie­derum für Schlag­zei­len gesorgt hatte, obsiegte in mir jedoch die Histo­ri­ke­rin­nen-Neu­gier: Wie prä­sen­tiert das Kunst­haus nun, nach der mas­si­ven Kri­tik der letz­ten Jahre, die vom Waf­fen­händ­ler Emil G. Bührle mit Gewin­nen aus sei­nen Kriegs­ge­schäf­ten zusam­men­ge­kaufte Kunst­samm­lung und deren Geschichte?

So kam es, dass ich mich an einem Don­ners­tag­nach­mit­tag Mitte Dezem­ber mit mei­ner Freun­din aus Zei­ten des gemein­sa­men Geschichts­stu­di­ums vor dem Kunst­haus verabredete:

Gespannt betre­ten wir das Haus der Kunst­an­be­tung durch die hohe, schwere Tür, die sich wie von Gei­ster­hand öffnet.

Nach Ticket­kauf und Gar­de­robe Depo­nie­rung unse­rer Taschen schrei­ten wir ziel­stre­big zur gros­sen Treppe. Eine nette Dame kon­trol­liert mit Adler­au­gen unsere Zutritts­kle­ber und weist uns dar­auf hin, dass es im zwei­ten Ober­ge­schoss, gleich gegen­über der Bührle-Samm­lung, ein neu aus­ge­stell­tes Kunst­werk zu bewun­dern gebe – dies soll­ten wir kei­nes­falls verpassen.

Doch zuerst die Bührle-Samm­lung und deren Geschichte. Wir tau­chen ein, ver­tie­fen uns in Texte und Video-State­ments rund um die Pro­ve­ni­enz der gezeig­ten Kunst­pre­zio­sen und dem dar­aus ent­stan­de­nen Zwist. Über­all abruf­bar auch die Infor­ma­tio­nen, wann Bührle was von wem und zu wel­chem Preis gekauft hat.

Dürre Fak­ten, die wei­tere Fra­gen wecken. Ant­wor­ten suchen wir ver­geb­lich. Wie kam es etwa, dass Bührle in den 1950er Jah­ren eine Reihe von Bil­dern, die als Raub­gut ein­ge­stuft wor­den waren und die er des­halb den Erben der vor­ma­li­gen Besitzer:innen resti­tu­ie­ren musste, wie­der zurück­kau­fen konnte?

Von Inter­esse wäre auch, mehr zu erfah­ren über die Rolle der ver­schie­de­nen Mit­tels­män­ner und Kunst­händ­ler, sowie über die mit der Bührle-Samm­lung ver­knüpfte Poli­tik der Zür­cher Stadt- und der Schwei­zer Lan­des­re­gie­rung. Letz­tere hat in den 1950er Jah­ren durch Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen eine erfolg­rei­che Fort­set­zung von Bühr­les inter­na­tio­na­len Waf­fen­ge­schäf­ten über­haupt erst ermöglicht..

Von Aus­stel­lungs­raum zu Aus­stel­lungs­raum wird immer deut­li­cher: Emil G. Bührle war ein skru­pel­lo­ser, kalt berech­nen­der Geschäfts­mann. Ab den 1930er Jah­ren hat er sein «Mäze­na­ten­tum» im Kunst­be­reich gezielt dafür ein­ge­setzt, sich einen Platz in der Zür­cher Gesell­schaft zu erkau­fen. Mit Erfolg.

Aller­dings hat dies nur funk­tio­niert, weil die Begün­stig­ten – in die­sem Fall die Zür­cher Kunst­ge­sell­schaft – dem geschenk­ten Gaul des Herrn Bührle nicht ins Maul schauen woll­ten und freu­dig zugrif­fen. Geld und Pre­stige war alles, was zählte. Das gilt bis heute, in die­sem Haus. Dar­über kön­nen auch die aktu­el­len Bemü­hun­gen um Scha­dens­be­gren­zung in Bezug auf die umstrit­tene Samm­lung nicht hinwegtäuschen.

Nach drei inten­si­ven Stun­den in histo­risch auf­ge­heiz­tem impres­sio­ni­sti­schem Umfeld im zwei­ten Ober­ge­schoss schweift unser Blick hin­un­ter ins Foyer. Dort wird offen­bar eine Instal­la­tion vor­be­rei­tet: In der Mitte eine Rie­sen­ta­fel mit gecrash­tem Eis, auf wel­cher ein stäm­mi­ger jun­ger Mann Auster um Auster dra­piert. Links davon ein zwei­ter Tisch mit grü­nen Fla­schen und Dut­zen­den von Glä­sern, schliess­lich rechts davon ein drit­ter mit But­ter­tür­men und Bro­ten. Joseph Beuys 4.0.zh?

Wir eilen hin­un­ter, wol­len wis­sen, um was es da geht. «Für Raphi», lau­tet die ein­sil­bige Ant­wort des Man­nes vom Austern-Tisch. Aus der Nähe kön­nen wir uns ver­ge­wis­sern: Sie sind tat­säch­lich echt! Wie auch die But­ter, das Brot, die Crémant-Flaschen.

Was wir hier gerade mit­er­le­ben ist die Vor­be­rei­tung einer Ver­nis­sage der Zür­cher Kunst­ge­sell­schaft. Genauer gesagt, eine eph­emere Kuli­na­rik-Instal­la­tion. But­ter­fett statt Beu­ys­fett. Anlass ist der Ankauf eines Werks des Schwei­zer Künst­lers Raphael Hefti. Es ist jenes, des­sen Betrach­tung man uns heute Nach­mit­tag ans Herz gelegt hat. Benom­men vor lau­ter Bührle hat­ten wir das ganz vergessen…

Also noch ein­mal hin­auf, in den zwei­ten Stock zu Raphael Hef­tis pro­ve­niez­for­schungs­freier Leucht-Kunst. Schliess­lich wol­len wir uns den Samm­lungs-Neu­zu­gang am Tag sei­ner Ver­nis­sage nicht ent­ge­hen las­sen, wo wir nun schon mal da sind!

Weit kom­men wir aller­dings nicht: Vor dem Ein­gang des Aus­stel­lungs­saals ste­hen vier Auf­se­he­rin­nen. Kein Ein­tritt! – Zutritt nur noch für gela­dene Gäste. – Dies, obschon es gerade erst 18 Uhr ist, und das Museum an die­sem Don­ners­tag bis 20 Uhr fürs Publi­kum offen ist.

Der­weil strö­men die Ein­ge­la­de­nen, die really very important Peo­ple, ins Foyer. Gestylt, par­fü­miert, kon­trol­liert extra­va­gant. Man kennt sich, man grüsst sich – und dann beginnt die Spei­sung der Ver­nis­sa­ge­ge­sell­schaft. Es hat, solange es hat: Ein Glas Cré­mant in der Hand, wer­den die ersten Austern geschlürft, Kom­pli­mente aus­ge­tauscht, scheele Blicke gewor­fen, nach Neu­zu­gän­gen an der Seite der Lokalmatador:innen…

Wie schon zu Bühr­les Zei­ten, gibt sich die Zür­cher Society im Kunst­haus ein vor­der­grün­dig harm­lo­ses Stell­dich­ein. Under­state­ment, mit einem Hauch Deka­denz, tarnt auch heute hand­fe­ste Inter­es­sens­po­li­tik und skru­pel­lose Geschäfte.

Mit ent­schlos­se­nem Schritt ver­las­sen wir den Chip­per­field­tem­pel. Raus, an die fri­sche Luft.

Pazifismus – wann, wenn nicht jetzt?

Krieg bedeu­tet Mord und Tot­schlag, Hor­ror und Elend. Leid­tra­gende sind Men­schen wie du und ich. Tag­täg­lich ver­lie­ren Hun­derte, Tau­sende welt­weit ihr Leben und ihre Exi­stenz als Folge sinn­lo­ser Zer­stö­rung und Ver­nich­tung. Krieg ist eine men­schen­ge­machte Kata­stro­phe. In jedem Fall grau­sam und nie gerecht.

Wer sich jedoch in die­sen Tagen vehe­ment gegen Krieg aus­spricht oder gar zum Pazi­fis­mus bekennt, wird nie­der­ge­schrien und ern­tet Kampf­an­sa­gen. Frie­dens­ver­hand­lun­gen sind ange­sichts des aktu­el­len Kriegs in der Ukraine ein Tabu­thema – zu dem auch ich allzu oft geschwie­gen habe. Aus Angst vor Dif­fa­mie­run­gen und Streit, dem per­sön­li­chen Frie­den zuliebe.

Nicht nur in Deutsch­land sind es aus­ge­rech­net Exponent:innen der Grü­nen, der ein­sti­gen Frie­dens­par­tei sowie des «lin­ken Estab­lish­ments», die heute die Kriegs­trom­mel schla­gen und laut nach Auf­rü­stung und Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Ukraine schreien. Ver­bun­den mit einer gehäs­si­gen Dif­fa­mie­rung gegen alle, die die­sen weit­ver­brei­te­ten Gesin­nungs­um­sturz in Frage stellen.

In der Schweiz wie in Deutsch­land lie­fern die Main­stream­m­e­dien mit plum­pen Schwarz­weiss­bil­dern tat­kräf­tig Unter­stüt­zung: Hier die demo­kra­ti­schen, frei­heits­lie­ben­den Hel­den der Ukraine, dort die ver­ge­wal­ti­gen­den rus­si­schen Hor­den. David gegen Goli­ath – gut gegen böse. Mit den Fak­ten nimmt man es dabei oft nicht allzu genau – es geht um die Mes­sage, nicht um Wahrheit.

Erschreckend und beäng­sti­gend, wie geschmiert diese Kriegs­pro­pa­ganda funk­tio­niert – und wie bereit­wil­lig man mit­mar­schiert und in das Kriegs­ge­heul miteinstimmt.

Auch in der Schweiz ertönt der Ruf nach Waf­fen für die Ukraine plötz­lich aus erstaun­li­chen Ecken: Weder die Gruppe Schweiz ohne Armee GSOA noch der Schwei­zer Frie­dens­rat stel­len sich – wie man es von ihnen erwar­tet hätte – vehe­ment gegen eine Auf­wei­chung des Waf­fen­lie­fe­rungs­ver­bots zugun­sten der Ukraine. Im Gegen­teil: Ruedi Tobler, Prä­si­dent des Schwei­ze­ri­schen Frie­dens­rats bezeich­net die Lie­fe­rung von Kriegs­ma­te­rial an die Ukraine als «legi­tim». Und der lang­jäh­rige GSOA-Prä­si­dent Joe Lang refe­rierte kürz­lich an einer Demo, in die gelb-blaue Natio­nal­flagge der Ukraine gehüllt, ein­sei­tig nur über die Kriegs­ver­bre­chen der Rus­sen und war sich nicht zu schade, Sahra Wagen­knecht, die Mit­in­iti­an­tin des Mani­fests «Auf­stand für den Frie­den», aufs häss­lich­ste zu diffamieren. 

«Auch ich war mal Pazi­fist, aber ich habe gelernt, dass es Momente gibt, wo man die Frei­heit mit Waf­fen­ge­walt ver­tei­di­gen muss. Genau das pas­siert im Moment», kom­men­tiert etwa Domi­nik Land­wehr, ehe­ma­li­ger Jour­na­list und Kul­tur­schaf­fen­der auf Face­book. So oder ähn­lich äus­sern sich viele in den Social Media. Dar­auf ange­spro­chen, recht­fer­tigt ein ehe­ma­li­ger Gesin­nungs­ge­nosse und Abrü­stungs­ak­ti­vist: «Sel­ber bin ich anfangs 70er Jahre mit der Waf­fen­aus­fuhr­ver­bots­in­itia­tive (Bühr­le­skan­dal der Schwei­zer Kano­nen in Biafra) poli­ti­siert wor­den, bin seit­her wei­ter für ein strik­tes Waf­fen­aus­fuhr­re­gime, aber jetzt wo es um die legi­time Ver­tei­di­gung gegen einen bru­ta­len Aggres­sor geht, für eine gezielte Ausnahme.»

Der stu­dierte Histo­ri­ker ist nicht der Ein­zige, der im Zusam­men­hang mit Putins Angriff auf die Ukraine von einem «bei­spiel­lo­sen Bruch der glo­ba­len Nach­kriegs­ord­nung zur fried­li­chen Kon­flikt­lö­sung unter unab­hän­gi­gen Staa­ten» spricht und dabei die Geschichte völ­lig ausblendet.

Ja, der mili­tä­ri­sche Angriff auf die Ukraine steht in kras­sem Gegen­satz zu dem, was wir unter «fried­li­cher Kon­flikt­lö­sung» ver­ste­hen und ist mit kei­nem, gar kei­nem Argu­ment zu recht­fer­ti­gen. Lei­der ist er aber nicht so bei­spiel­los und ein­ma­lig, wie man uns weis­ma­chen will. Wie war das etwa mit den US-ame­ri­ka­ni­schen Inter­ven­tio­nen von Viet­nam über den Irak bis nach Afgha­ni­stan – um nur einige Bei­spiele zu nennen? 

Wie war es 1999, als die NATO völ­ker­rechts­wid­rig Jugo­sla­wien mili­tä­risch angriff und so mass­geb­lich zum desa­strö­sen Koso­vo­krieg bei­trug? Die­sen Bruch ver­suchte man im Nach­hin­ein als «huma­ni­tä­ren Kriegs­ein­satz» zu recht­fer­ti­gen – noch so ein Begriff, der Tat­sa­chen ver­schlei­ert: Krieg ist und kann nie­mals «huma­ni­tär» sein. Und den Men­schen in Ex-Jugo­sla­wien hat er bis heute weder wirk­li­chen Frie­den noch Sicher­heit gebracht.

Nur vier Jahre spä­ter, Anfang 2003, pro­vo­zier­ten die USA den Irak­krieg, indem sie ganz bewusst die Welt mit Faken­ews über das Waf­fen­ar­se­nal des ira­ki­schen Dik­ta­tors Sad­dam Hus­sein in die Irre führ­ten. Damals waren wir 40’000 Men­schen, die in Bern für den Frie­den demon­strier­ten. Unter dem Motto «Kein Blut für Öl» enga­gierte sich eine breite pazi­fi­sti­sche Bewe­gung gegen die­sen Krieg.

Umso erschüt­tern­der, dass dies alles ver­ges­sen scheint und heute, 20 Jahre nach der letz­ten gros­sen Frie­dens­demo in der Schweiz, Pazi­fis­mus ein Schimpf­wort ist. Dabei bräuch­ten wir die Kraft des gewalt­freien Wider­stands, das Fest­hal­ten an Abrü­stung, Ver­hand­lun­gen und Befrie­dung gerade heute – viel­leicht sogar mehr denn je.

Die­ser Krieg tötet nicht nur die Men­schen in der Ukraine und zer­stört ihre Lebens­grund­la­gen – seine Aus­wir­kun­gen sind noch viel hor­ren­der: Plötz­lich ste­hen Mili­tär­aus­ga­ben und Auf­rü­stung wie­der ganz oben auf der Agenda aller Staa­ten welt­weit. Statt die drän­gen­den Pro­bleme der wach­sen­den Klima- und Bio­di­ver­si­täts­kri­sen anzu­ge­hen, ver­schärft man sie zusätz­lich. Statt für die Men­schen welt­weit Ernäh­rungs­si­cher­heit, Gesund­heits­ver­sor­gung und Men­schen­rechte durch­zu­set­zen, ver­geu­det man Res­sour­cen und Kräfte für Tötungs­ma­schi­nen und Zerstörung.

Auf das gibt es nur eine Ant­wort: Pazi­fis­mus. Weil man mit Waf­fen weder Frie­den noch Frei­heit oder Gerech­tig­keit schaf­fen kann. Ein Sieg der Ukraine, wie heute von vie­len Sei­ten gefor­dert, bedeu­tet auch, dass es einen Ver­lie­rer gibt. Womit bereits der näch­ste Krieg vor­pro­gram­miert ist. So war es immer. Und so wird es wei­ter sein, bis sich die Mensch­heit sel­ber aus­ge­löscht hat – wenn wir es nicht schaf­fen, aus die­ser Tötungs­spi­rale auszubrechen.

Was es jetzt drin­gend braucht, ist ein Waf­fen­still­stand und anschlies­send Ver­hand­lun­gen. Der Weg zu einer «Lösung» ist lang und schwie­rig – aber er kann erst began­gen wer­den, wenn die Waf­fen schwei­gen. Pazi­fis­mus ist kein Män­tel­chen, das man gegen einen Pan­zer ver­tauscht, sobald das Wet­ter etwas rauer wird.

Oder, wie es Kurt Tuchol­sky auf den Punkt gebracht hat: «Dass nie­mand von uns Lust hat, zu ster­ben – und bestimmt kei­ner, für eine sol­che Sache zu ster­ben. Dass Sol­da­ten, diese pro­fes­sio­nel­len Mör­der, nach vorn flie­hen. Dass nie­mand gezwun­gen wer­den kann, einer Ein­be­ru­fungs­or­der zu fol­gen – dass also zunächst ein­mal die see­li­sche Zwangs­vor­stel­lung aus­zu­rot­ten ist, die den Men­schen glau­ben macht, er müsse, müsse, müsse tra­ben, wenn es bläst. Man muss gar nicht. Denn dies ist eine simple, eine pri­mi­tive, eine ein­fach-grosse Wahr­heit: Man kann näm­lich auch zu Hause bleiben.»

Auge um Auge, Zahn um Zahn…

Nun ist also auch das letzte Fün­k­lein Hoff­nung ver­löscht. Kanz­ler Scholz ist ein­ge­knickt, Deutsch­land lie­fert also Kampf­pan­zer an die Ukraine. Die Eska­la­tion erreicht damit eine neue Stufe – und schon schreit der ukrai­ni­sche Ex-Bot­schaf­ter und aktu­elle stell­ver­tre­tende Aus­sen­mi­ni­ster Andrij Mel­nyk, Scharf­ma­cher der ersten Stunde, nach Kampfjets…

Die Schraube wird mun­ter wei­ter­ge­dreht – immer schnel­ler. Auf den Kom­man­do­brücken herrscht Durch­ein­an­der. Ange­heizt mit erschrecken­der Aggres­si­vi­tät von Chef­re­dak­to­ren und Politiker:innen ein­sti­ger «Frie­dens­par­teien» wie den Grü­nen, aber auch von Sozialdemokrat:innen, rei­hen sich Viele ein in die Ein­heits­front der Waf­fen­gläu­bi­gen und mar­schie­ren gei­stig los Rich­tung «Krieg für Frieden».

Laut kla­gen sie über Putin den Aggres­sor und die durch sei­nen Angriffs­krieg ver­ur­sach­ten Gräuel und Kriegs­ver­bre­chen. Zu Recht – die­ser Krieg ist ein Hor­ror. Doch wie kann man bloss auf den Gedan­ken kom­men, dass sich in der aktu­el­len Situa­tion durch Waf­fen­lie­fe­run­gen irgend­et­was zum Bes­se­ren bewe­gen lässt?

Wer glaubt, dass mit ein paar zusätz­li­chen Kampf­pan­zern der Ukraine zum «End­sieg» ver­hol­fen und damit die «Frei­heit und Demo­kra­tie» des Westens geret­tet wer­den könne, ist sei­ner­seits ein Opfer von Kriegs­pro­pa­ganda – auf «unse­rer» Seite. Neue Waf­fen bedeu­ten im wenigst schlim­men Fall eine Zemen­tie­rung der aktu­el­len Patt­si­tua­tion im Kampf­ge­biet, sprich eine Fort­set­zung von Zer­stö­rung, Tod und Elend in der Ukraine.

Für die Bevöl­ke­rung in den bereits zer­bomb­ten und zer­stör­ten Regio­nen im Osten der Ukraine und auf der Krim ver­heisst das gar nichts Gutes. Ganz zu schwei­gen von jenen, die es dank nicht enden­den Waf­fen­lie­fe­run­gen in den kom­men­den Wochen und Mona­ten zusätz­lich tref­fen wird. Und mitt­ler­wei­len sind wir alle Kriegs­par­tei gewor­den: die Mit­glie­der der Nato und jene, die auf dem NATO-Zug­tritt­brett mitfahren…

Mit sei­nen stän­dig neuen und wei­ter gehen­den Zuge­ständ­nis­sen zur «Unter­stüt­zung» des Selen­ski-Regimes zün­delt der Westen aber auch auf sei­nem eige­nen Pul­ver­fass in Rich­tung Mos­kau – in der nai­ven Hoff­nung, dass Zar Putin seine Waf­fen fal­len lässt und «sorry» sagt. Dass Politiker:innen uns alle blind­lings und befeu­ert durch die Main­stream-Medien im 21. Jahr­hun­dert der­art gezielt und sehen­den Auges ins Ver­der­ben rei­ten, ist kaum zu glau­ben – wird aber Tag für Tag wahr­schein­li­cher. Fehlt nur noch die Volks­be­fra­gung bei uns: Wollt Ihr den tota­len Krieg?

Dabei gab es schon lange vor Kriegs­be­ginn fun­dierte Ana­ly­sen und kluge Stim­men, die vor einer Ent­wick­lung, wie wir sie heute erle­ben, gewarnt haben. Und es gibt sie nach wie vor – zuhauf. Das Pro­blem ist ein­zig: Wie kön­nen wir ihnen Gehör ver­schaf­fen? Und der Ver­nunft zum Durch­bruch ver­hel­fen? Es wäre der Bevöl­ke­rung und den Soldat:innen im Kriegs­ge­biet zu wün­schen, dass die Schläch­te­reien end­lich ein Ende haben. Die Mensch­heit hat wich­ti­gere Pro­bleme auf die­sem Pla­ne­ten zu lösen, als die Kriegs­ma­schine am Lau­fen zu halten.

Der ame­ri­ka­ni­sche Öko­nom Jef­frey Sachs hat das Pro­blem in einem Inter­view letzte Woche auf den Punkt gebracht. Er for­dert Ver­hand­lun­gen anstelle von wei­te­ren Waf­fen­lie­fe­run­gen : «Wir brau­chen Diplo­ma­ten. Lei­der haben wir im Moment jedoch weder in Deutsch­land noch in den USA Diplo­ma­ten, weil die deut­sche Aus­sen­mi­ni­ste­rin und der Staats­se­kre­tär der USA sich nicht für Diplo­ma­tie ein­set­zen, son­dern für den Krieg.»

P.S.

Das Resul­tat von 3000 Jah­ren «Frie­den schaf­fen mit Waffen»:

Inner­halb von 48 Stun­den Ende Januar 2023

Vom Erdboden verschwunden

Der Weg ver­läuft par­al­lel zum wil­den Bach. Abschüs­sige Hänge über dem tief unten lie­gen­den Bett, vom Was­ser wäh­rend Jahr­tau­sen­den in den Fels gefres­sen. Das stete Rau­schen und Tosen beglei­tet uns. Sonst Ruhe, aus­ser uns keine Menschenseele.

Wir sind in Küb­lis gestar­tet, mit einem Abste­cher zur Kir­che. Ein refor­mier­tes Got­tes­haus mit einer wech­sel­vol­len Geschichte und einem fili­gra­nen Kirch­turm. Die mor­gend­li­chen Son­nen-strah­len bre­chen durchs Fen­ster. Die kräf­ti­gen Far­ben der Glas­ma­le­reien – ein Werk von Augu­sto Gia­co­metti aus den 1920er Jah­ren – wer­fen ver­spielte bunte Farb­mu­ster auf die weisse Mauer.

Über den Bach und dem Wald­rand ent­lang geht es auf­wärts wei­ter. Bald schon errei­chen wir den Wei­ler Strah­legg, dort bie­gen wir ab Rich­tung Berg und las­sen die Zivi­li­sa­tion hin­ter uns. Wald und wuchernde Natur, soweit das Auge blickt.

Nach einer knap­pen Stunde wird das Bach­bett plötz­lich breit und seicht. Eine Holz­brücke führt über den Fluss. Auf der ande­ren Seite eine ein­same Feu­er­stelle und eine kleine Holz­hütte, über deren Ein­gang in alten grü­nen Let­tern die Auf­schrift BAD FIDERIS prangt.

Dies und eine Infor­ma­ti­ons­ta­fel sind alles, was daran erin­nert, dass hier einst eines der mon­dän­sten Kur­bä­der der Schweiz stand. Gäste aus ganz Europa, dar­un­ter sowohl illu­stre wie zwie­lich­tige Poli­ti­ker und Adlige stie­gen in Bad Fide­ris ab, tra­fen sich hier zu Kon­fe­ren­zen und Hei­rats­kup­pe­leien, so die Überlieferung.

Erst­mals wurde das Bad mit den natrium- und eisen­hal­tige Quel­len 1464 erwähnt. In abge­le­ge­nem, schwie­ri­gem Gelände gele­gen, wurde es mehr­mals von Hoch­was­ser zer­stört und wie­der auf­ge­baut. Seine Blü­te­zeit erlebte Bad Fide­ris in der zwei­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Der abge­le­gene Kur­ort ver­fügte schon früh über eine eigene Bäcke­rei und Metz­ge­rei sowie eine Kapelle. Der Chro­nist erwähnt zudem bereits 1611 über 60 höl­zerne Bade­wan­nen für die Kur­gä­ste. Spä­ter kam eine Trink­halle dazu, zahl­rei­che Wirt­schafts- und Hotelgebäude.

Wäh­rend der Blü­te­zeit Ende des 19. Jahr­hun­derts konn­ten hier bis zu 250 Gäste beher­bergt wer­den. Bad Fide­ris hatte ein eige­nes Kur­or­che­ster und bereits ab 1896 elek­tri­schen Strom.

Die­ser Epo­che des flo­rie­ren­den Tou­ris­mus­ge­schäfts mit den Rei­chen die­ser Welt setzte der erste Welt­krieg ein jähes Ende. Zwar ver­such­ten die Betrei­ber in der Zwi­schen­kriegs­zeit an die ver­gan­ge­nen Erfolge anzu­knüp­fen – aller­dings mit wenig Erfolg.

1939 musste die ohne­hin schlechte Sai­son wegen des zwei­ten Welt­kriegs abge­bro­chen wer­den – das war das end­gül­tige Ende. Nach dem Krieg wur­den die Lie­gen­schaf­ten ver­hö­kert – und 1967 machte ein Hoch­was­ser die noch übrig geblie­be­nen Rui­nen end­gül­tig platt.

Heute hat die Natur auch die letz­ten Spu­ren die­ses ein­sti­gen Tou­ris­mus-Hot­spots getilgt. Ein­zig die rot gefärb­ten Fels­brocken im Bach­bett erin­nern daran, dass es hier eisen­hal­tige Quel­len gibt.

Wir gehen wei­ter, dem ein­sti­gen Kur­weg ent­lang, wo zahl­rei­che Pavil­lons und Unter­hal­tungs­ein­rich­tun­gen die Gäste lock­ten. Der schmale Wald­pfad führt wei­ter, ins Dorf Fide­ris. Unsere Gedan­ken krei­sen um die dama­lige noble Kund­schaft, auf die­sem Weg fla­nie­rend, intri­gie­rend und karisierend.

Auch die drei gros­sen Hotel­an­la­gen ein­gangs Fide­ris, die wäh­rend der Blü­te­zeit der Bäder­epo­che gebaut wur­den, sind wie vom Erd­bo­den ver­schwun­den. Sie wur­den man­gels Zukunft­aus­sich­ten von ihren Besit­zern ange­zün­det, ver­kauft oder gesprengt. Auch hier: Ohne histo­ri­sche Infor­ma­ti­ons­ta­feln käme nie­mand auf die Idee, dass es sie je gege­ben hat…

Ver­gan­gen, ver­ges­sen vor­bei. Sel­ten sind mir die Ver­gäng­lich­keit unse­rer «Zivi­li­sa­tion» und die Kraft von Zeit und Natur so unmit­tel­bar begegnet.

Wir gehen wei­ter, stei­gen wie­der ins Tal hin­un­ter, wo die Auto­bahn dröhnt und die Gast­häu­ser an der alten Land­strasse durchs Dorf leer stehen.

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