Stopp dem Wachstumswahn!

Wachsen, wach­sen und ver­dich­ten. – In der Stadt Zürich scheint der Bauwahn kei­ne Grenzen zu ken­nen. Fast uni­so­no wer­ben sonst ver­nünf­ti­ge ZeitgenossInnen aktu­ell für eine Abstimmungs-Vorlage, die in dia­me­tra­lem Widerspruch steht zu den Anforderungen an eine lebens­wer­te und men­schen­freund­li­che Stadt. Und des­halb drin­gend abge­lehnt wer­den müsste.

Leider wird es anders kom­men. Dies nicht zuletzt, weil die Stadtregierung fürs Abstimmungswochenende vom 28. November ein hin­ter­lis­ti­ges Päckli geschnürt hat: Sie legt der stimm­be­rech­tig­ten Bevölkerung der Stadt Zürich gleich zwei Richtpläne zur Abstimmung vor – zwei Vorlagen mit unter­schied­li­cher Stossrichtung, die sie und (prak­tisch alle) Parteien als ein­ei­iges Zwillingspaar promoten.

Beim einen Richtplan geht es um die Revision der heu­te gül­ti­gen Planungsgrundlage für den Verkehr. Sie stammt aus dem Jahr 2004 und muss drin­gend den Bedürfnissen der heu­ti­gen Zeit ange­passt wer­den. Das heisst etwa: Konsequente Fokussierung und Förderung von nach­hal­ti­gen Mobilitätsformen wie Fuss- und Veloverkehr, Reduktion des moto­ri­sier­ten Individualverkehrs.

Die Vorlage trägt den Anforderungen an eine zeit­ge­mäs­se Verkehrs- und Mobilitätsplanung weit­ge­hend Rechnung. So soll etwa der moto­ri­sier­te Individualverkehr künf­tig auf soge­nann­ten Sammelstrassen gebün­delt wer­den. Auf kom­mu­na­len Strassen gilt grund­sätz­lich Tempo 30, Strassenparkplätze sol­len dras­tisch redu­ziert wer­den, um «zusätz­li­chen Raum für Fuss‑, Velo- und öffent­li­chen Verkehr sowie hit­ze­min­dern­de Massnahmen zu schaffen.»

Das sind wich­ti­ge Voraussetzungen für eine Mobilitätsentwicklung, die auf die Herausforderungen von Klimawandel und schwin­den­den Ressourcen reagiert. Deshalb wer­de ich für die­se Vorlage – ohne Wenn und Aber – ein JA in die Urne legen.

Dies, obschon auch die­se Vorlage auf längst über­hol­ten Wachstumsfantasien basiert und zum Beispiel eine star­ke Zunahme des Wirtschafts- und Güterverkehrs in Aussicht stellt. Offensichtlich sind die Eltern der Richtplan-Zwillinge – sprich die rot-grü­ne Zürcher Stadtregierung – noch nicht im 21. Jahrhundert ange­kom­men. Sie träu­men wei­ter­hin vom unauf­hör­li­chem Wachstum, oder gehen zumin­dest davon aus, dass die­ses sowohl natur­ge­ge­ben wie erstre­bens­wert sei und nur von Gutem für die Menschheit. 

Der Charakter des zwei­ten Richtplan-Zwillings mit dem schö­nen Namen «Kommunaler Richtplan Siedlung, Landschaft, öffent­li­che Bauten und Anlagen» ist durch und durch von die­ser Wachstumseuphorie geprägt.

In der Stadt Zürich leben heu­te 75’000 EinwohnerInnen mehr als noch vor 20 Jahren. Gemäss den in den Abstimmungsunterlagen zitier­ten Prognosen könn­te sich die Bevölkerungszahl von heu­te 435’000 in den kom­men­den 20 Jahren um wei­te­re 80’000 auf  515’000 erhö­hen. Die Folgen die­ses Wachstums wer­den wie folgt umschrie­ben: «Der Bedarf an Wohnungen, öffent­li­chen Bauten und Freiräumen wür­de stei­gen. Auch die Anzahl Arbeitsplätze könn­te zuneh­men. Dafür wird inner­halb der Stadtgrenzen Raum benötigt.»

Deshalb will die Stadtregierung noch stär­ker, als dies bereits heu­te der Fall ist, mit dem neu­en Richtplan ver­dich­ten und zudem die Möglichkeit schaf­fen, zusätz­li­che (Grün-)Flächen zu über­bau­en. Zwar ent­hält die aktu­el­le Bauzonenordnung Reserven zur Schaffung von Wohnraum für sage und schrei­be wei­te­re 260’000 Personen. Doch damit nicht genug! Mit dem neu­en Richtplan sol­len die­se Reserven noch­mals mar­kant ver­grös­sert werden.

Das ist nichts ande­res als ein Freipass für die wei­te­re Verbetonierung der Stadt, die heu­te schon viel von ihrem eins­ti­gen Charme ver­lo­ren hat. Überhitzte Immobilienpreise und unstill­ba­rer Profithunger haben bereits in der Vergangenheit zu unsen­si­blen Verdichtungen und Zerstörung von Lebensqualität in vie­len Quartieren geführt. Mit dem neu­en Richtplan wür­de die­se Politik nicht nur fort­ge­setzt, son­dern wei­ter verstärkt. 

Darauf gibt es nur eine Antwort: NEIN!

Leider haben das jedoch die meis­ten rot-grü­nen PolitikerInnen bis­her über­se­hen. Sogar der kli­ma­be­weg­te Jungpolitiker Dominik Waser, der als Stadtrat für die Grünen kan­di­diert, wie auch ansons­ten pro­gres­si­ve Organisationen wie umverkehR, wer­ben fleis­sig für ein dop­pel­tes Richtplan-JA – und win­ken den Beton-Zwilling ein­fach durch.

Ganz anders die klei­ne Parlamentsgruppe der EVP. Sie scheint als ein­zi­ge Partei erkannt zu haben, um was es geht. Ihr Argument ist über­zeu­gend: «Nein zu einer mass­lo­sen und grün ver­schlei­er­ten Verdichtung. Beton bleibt Beton, auch wenn er grün gestri­chen wird.»

Vom Erdboden verschwunden

Der Weg ver­läuft par­al­lel zum wil­den Bach. Abschüssige Hänge über dem tief unten lie­gen­den Bett, vom Wasser wäh­rend Jahrtausenden in den Fels gefres­sen. Das ste­te Rauschen und Tosen beglei­tet uns. Sonst Ruhe, aus­ser uns kei­ne Menschenseele.

Wir sind in Küblis gestar­tet, mit einem Abstecher zur Kirche. Ein refor­mier­tes Gotteshaus mit einer wech­sel­vol­len Geschichte und einem fili­gra­nen Kirchturm. Die mor­gend­li­chen Sonnen-strah­len bre­chen durchs Fenster. Die kräf­ti­gen Farben der Glasmalereien – ein Werk von Augusto Giacometti aus den 1920er Jahren  – wer­fen ver­spiel­te bun­te Farbmuster auf die weis­se Mauer.

Über den Bach und dem Waldrand ent­lang geht es auf­wärts wei­ter. Bald schon errei­chen wir den Weiler Strahlegg, dort bie­gen wir ab Richtung Berg und las­sen die Zivilisation hin­ter uns. Wald und wuchern­de Natur, soweit das Auge blickt.

Nach einer knap­pen Stunde wird das Bachbett plötz­lich breit und seicht. Eine Holzbrücke führt über den Fluss. Auf der ande­ren Seite eine ein­sa­me Feuerstelle und eine klei­ne Holzhütte, über deren Eingang in alten grü­nen Lettern die Aufschrift BAD FIDERIS prangt.

Dies und eine Informationstafel sind alles, was dar­an erin­nert, dass hier einst eines der mon­däns­ten Kurbäder der Schweiz stand. Gäste aus ganz Europa, dar­un­ter sowohl illus­tre wie zwie­lich­ti­ge Politiker und Adlige stie­gen in Bad Fideris ab, tra­fen sich hier zu Konferenzen und Heiratskuppeleien, so die Überlieferung.

Erstmals wur­de das Bad mit den natri­um- und eisen­hal­ti­ge Quellen 1464 erwähnt. In abge­le­ge­nem, schwie­ri­gem Gelände gele­gen, wur­de es mehr­mals von Hochwasser zer­stört und wie­der auf­ge­baut. Seine Blütezeit erleb­te Bad Fideris in der zwei­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Der abge­le­ge­ne Kurort ver­füg­te schon früh über eine eige­ne Bäckerei und Metzgerei sowie eine Kapelle. Der Chronist erwähnt zudem bereits 1611 über 60 höl­zer­ne Badewannen für die Kurgäste. Später kam eine Trinkhalle dazu, zahl­rei­che Wirtschafts- und Hotelgebäude.

Während der Blütezeit Ende des 19. Jahrhunderts konn­ten hier bis zu 250 Gäste beher­bergt wer­den. Bad Fideris hat­te ein eige­nes Kurorchester und bereits ab 1896 elek­tri­schen Strom.

Dieser Epoche des flo­rie­ren­den Tourismusgeschäfts mit den Reichen die­ser Welt setz­te der ers­te Weltkrieg ein jähes Ende. Zwar ver­such­ten die Betreiber in der Zwischenkriegszeit an die ver­gan­ge­nen Erfolge anzu­knüp­fen – aller­dings mit wenig Erfolg.

1939 muss­te die ohne­hin schlech­te Saison wegen des zwei­ten Weltkriegs abge­bro­chen wer­den – das war das end­gül­ti­ge Ende. Nach dem Krieg wur­den die Liegenschaften ver­hö­kert – und 1967 mach­te ein Hochwasser die noch übrig geblie­be­nen Ruinen end­gül­tig platt.

Heute hat die Natur auch die letz­ten Spuren die­ses eins­ti­gen Tourismus-Hotspots getilgt. Einzig die rot gefärb­ten Felsbrocken im Bachbett erin­nern dar­an, dass es hier eisen­hal­ti­ge Quellen gibt.

Wir gehen wei­ter, dem eins­ti­gen Kurweg ent­lang, wo zahl­rei­che Pavillons und Unterhaltungseinrichtungen die Gäste lock­ten. Der schma­le Waldpfad führt wei­ter, ins Dorf Fideris. Unsere Gedanken krei­sen um die dama­li­ge noble Kundschaft, auf die­sem Weg fla­nie­rend, intri­gie­rend und karisierend.

Auch die drei gros­sen Hotelanlagen ein­gangs Fideris, die wäh­rend der Blütezeit der Bäderepoche gebaut wur­den, sind wie vom Erdboden ver­schwun­den. Sie wur­den man­gels  Zukunftaussichten von ihren Besitzern ange­zün­det, ver­kauft oder gesprengt. Auch hier: Ohne his­to­ri­sche Informationstafeln käme nie­mand auf die Idee, dass es sie je gege­ben hat…

Vergangen, ver­ges­sen vor­bei. Selten sind mir die Vergänglichkeit unse­rer «Zivilisation» und die Kraft von Zeit und Natur so unmit­tel­bar begegnet.

Wir gehen wei­ter, stei­gen wie­der ins Tal hin­un­ter, wo die Autobahn dröhnt und die Gasthäuser an der alten Landstrasse durchs Dorf leer stehen.

 

 

 

Palazzo Protzi und Chilbikunst

Leider kam der gros­se Aufschrei zu spät. Viel zu lan­ge wur­den Fakten und Fragen zur unschö­nen Komplizenschaft der Zürcher Kunstgesellschaft mit dem Waffenhändler Bührle und des­sen Erben unter den Teppich gekehrt.

Angefangen hat es mit dem Plan, geschmie­det von den Erben Bührles und der Kunstgesellschaft, wonach die kost­spie­li­ge und gesi­cher­te Aufbewahrung der Kunstsammlung von Emil Bührle der öffent­li­chen Hand über­tra­gen wer­den soll­te. Die Promotoren des Zürcher Kunsthauses, das inter­na­tio­nal gese­hen in die drit­te Klasse abzu­sa­cken droh­te, nah­men das «Geschenk» erfreut ent­ge­gen, um damit das Projekt eines Erweiterungsbaus zu pro­pa­gie­ren. Mit tat­kräf­ti­ger Unterstützung der rot-grü­nen Stadtregierung.

So hat­te das Referendum gegen den 88-Millionenkredit, den die Allgemeinheit an den Erweiterungsbau des Kunsthauses zu leis­ten hat­te, kei­ne Chance. Im November 2012 wur­de der Kredit mit knapp 54 Prozent Ja-Stimmen ange­nom­men, womit dem Bauvorhaben nichts mehr im Wege stand.

Verblendet und in zür­che­ri­schem Grössenwahn rühr­ten Stadtmarketing und Politik unent­wegt die Werbetrommel. Mit der – auf 20 Jahre befris­te­ten – Ausleihe der Bildersammlung des Waffenhändlers im neu­en Museumsbau, so das Narrativ der Stadtoberen, wer­de sich die Stadt Zürich künf­tig in der ers­ten Kategorie der Kunstmetropolen bewe­gen: ein Kunstmagnet son­der­glei­chen für Touristen und Touristinnen aus aller Welt.

Guido Magnaguagno, ehe­ma­li­ger Vizedirektor des Kunsthauses Zürich und pro­fun­der Kenner der Materie, ver­merk­te dazu bereits 2012: «Das Kunsthaus Zürich mag mit der Dauerleihgabe der Bührle-«Impressionisten» zwar nach Paris dann die zweit­gröss­te Sammlung die­ser belieb­ten Kunstrichtung beher­ber­gen, aber bei wei­tem nicht die zweitbeste.»

Um in einem nächs­ten Satz gleich klar­zu­stel­len: «Museen soll­ten ohne­hin kei­ne Vehikel für die Tourismusförderung oder das Stadtmarketing sein: Museen sind Orte der Pflege des kul­tu­rel­len Erbes und sei­ner zeit­ge­mäs­sen Vermittlung.»

Als Magnaguagno die­sen Artikel vor fast 10 Jahren geschrie­ben hat, bestand noch die Hoffnung, dass die Sammlung der Bührle-Stiftung vor dem Einzug ins öffent­li­che Museum zumin­dest einer unab­hän­gi­gen Provenienzforschung unter­zo­gen wür­de. Das haben die Stadt Zürich, die Kunstgesellschaft und die Nachkommen Bührles jedoch erfolg­reich zu ver­hin­dern gewusst.

Fest steht: Ich wer­de in nächs­ter Zeit kei­nen Fuss in die­ses Museum set­zen, das scham­los die Gräuel des Holocaust ver­schweigt und sich mit den Federn des berühm­tes­ten und reichs­ten Schweizer Waffenhändlers schmückt.

Doch man muss den von Stararchitekt David Chipperfield errich­te­ten Tempel mit dem pseu­do­gol­de­nen Eingangstor gar nicht betre­ten. Mit sei­ner schie­ren Grösse domi­niert er prot­zig und klot­zig den Heimplatz und des­sen  gewach­se­nen Bausubstanz. Die abwei­sen­de Schiessschartenfassade hat eine zusätz­li­che unbe­dach­te oder in Kauf genom­me­ne Auswirkung: Sie ver­sperrt wie ein mas­si­ger Elefant den Blick vom Heimplatz auf das his­to­ri­sche Ensemble im Hochschulquartier.

Erinnerungen an die alten Turnhallen, die hier einst stan­den und dem Neubau wei­chen muss­ten, wer­den wach. Über sie hat­te Jürg Sulzer, eme­ri­tier­ter Professor für Stadtumbau und Stadtforschung im Vorfeld der Abstimmung von 2012 geschrie­ben: «Beide Giebelfassaden der Turnhallen tra­gen im Ensemble mit dem alten Kunsthaus zu einer äus­serst star­ken städ­te­bau­li­chen Identität des Heimplatzes bei (…). Das respekt­vol­le Einbinden des Alten in etwas Neues könn­te den beson­de­ren Charme am Heimplatz ausmachen.»

Der Charme ist dahin. Definitiv und unwie­der­bring­lich. Daran ändert auch die merk­wür­di­ge Säule nichts, die an einen Rummelplatz erin­nert und so ver­lo­ren dasteht, als hät­te sie ein Schausteller hier ver­ges­sen. «Tastende Lichter» heisst das von Pipilotti Rist im Auftrag des Kunsthauses erstell­te Objekt, eine far­ben­kleck­si­ge Stange, die in der Nacht bun­te Spots auf die umlie­gen­den Fassaden wirft.

Ach, «Weltstadt» Zürich.

 

Denk mal Berlin – und fahr nach Paris

In den letz­ten 14 Jahren hat sich Berlin mäch­tig ver­än­dert. Als die Architektin Regula Lüscher im März 2007 ihre Stelle als Senatsbaudirektorin antrat, waren die Flughäfen Tempelhof und Tegel noch in Betrieb. Im Zentrum der Stadt, wo man Mitte Juli 2021 das Humboldt Forum, eine frag­wür­di­ge Vintagekopie des eins­ti­gen Berliner Schlosses, ein­ge­weiht hat, wur­den gera­de die letz­ten Gerippe des Palasts der Republik abgetragen.

Und hin­ter dem Hauptbahnhof, wo heu­te ein Panorama von archi­tek­to­ni­schem Einerlei aus Glas und Beton den Horizont beschränkt (die Investoren-getrie­be­ne «Europa-City»), lag eine wun­der­ba­re wei­te Brache. Als wir dort mit der frisch gewähl­ten Senatsbaudirektorin die ers­ten Sequenzen unse­res Films über Stadtplanung in Berlin dreh­ten, konn­te der Blick noch in die Weite schwei­fen und Regula Lüscher schwärm­te von der Möglichkeit, angren­zend an den Bahnhof der deut­schen Hauptstadt einen neu­en Stadtteil zu ent­wi­ckeln – öko­lo­gisch, zukunfts­wei­send, visionär.

«Wenn ich eine Aussage machen soll­te, wohin sich Berlin ent­wi­ckeln soll, als Ganzes, als Gesamtes, dann wür­de ich mal sagen, Berlin könn­te sich in eine Stadt wei­ter­ent­wi­ckeln, deren Label Freiräume, Grünräume, Spielräume sind», sag­te sie uns damals ins Mikrofon.

Leider ging die Entwicklung wäh­rend ihrer 14jährigen Amtszeit dann genau in die ent­ge­gen­ge­setz­te Richtung: Brache um Brache wur­de an Investoren ver­kli­ckert und zuge­baut. Ältere Bauten muss­ten ren­ta­ble­ren Liegenschaften wei­chen, für wel­che die Bauparzellen bis zum letz­ten gesetz­lich erlaub­ten Quadratzentimeter aus­ge­nutzt wur­den. Grünräume in Hinterhöfen und Quartieren opfer­te man all­zu bereit­wil­lig der «Verdichtung» – Bodenpreise und Mieten schos­sen in die Höhe, was die Bauwut nur noch wei­ter befeuerte.

Eine fata­le Entwicklung, in Zeiten des Klimawandels. In Berlin, so scheint es, ist die Dringlichkeit einer öko­lo­gi­schen Wende noch nicht ins Bewusstsein von PolitikerInnen und PlanerInnen vor­ge­drun­gen. Wie anders ist zu erklä­ren, dass das für das Stadtklima so wich­ti­ge Tempelhofer Feld nur dank einer Bürgerinitiative bis­her vor einer teil­wei­sen Überbauung ver­schont geblie­ben ist?

Was man in Berlin wäh­rend der Amtszeit von Senatsbaudirektorin Lüscher nicht geschafft hat, ist in einer ande­ren euro­päi­schen Hauptstadt voll im Gang: In Paris hat man die Zeichen der Zeit erkannt und arbei­tet dar­an, die Stadt für eine men­schen- und kli­ma­freund­li­che Zukunft fit zu machen.

Nachdem unter der Federführung der inno­va­ti­ven Bürgermeisterin Anne Hidalgo bereits wei­te Strecken der eins­ti­gen Stadtautobahn ent­lang dem Seine-Ufer in Fussgänger- und Grünzonen ver­wan­delt wur­den, soll die berühm­tes­te Strasse von Paris – die Champs-Elysées – die heu­te von Lärm und Autos domi­niert wird, bis 2030 in einen «aus­ser­ge­wöhn­li­chen Garten» ver­wan­delt werden.

Dies hat nicht in ers­ter Linie ästhe­ti­sche Gründe, son­dern ent­spricht vor allem einer drin­gen­den Notwendigkeit, wie Philippe Chiambaretta, der mit der Umgestaltung der Champs-Elysées beauf­trag­te Architekt, betont. Grund dafür ist die Erderwärmung, die er als «slow cata­stro­phy» bezeich­net, und die uns zum Handeln zwingt.

«Die Frage, wie die Welt im 21. Jahrhundert zu bebau­en, zu bewoh­nen und zu den­ken ist, drängt mehr denn je und macht ein neu­es Verständnis von Architektur erfor­der­lich», schreibt er in der jüngs­ten Ausgabe der Zeitschrift «Lettre International». 

Man kom­me nicht umhin, so Chiambaretta wei­ter, sich «von drei Jahrhunderte gel­ten­den Gewissheiten der west­li­chen Moderne frei­zu­ma­chen.» Gefordert sei­en hier­bei ins­be­son­de­re auch ArchitektInnen und PlanerInnen, als zen­tra­le AkteurInnen des urba­nen Zusammenhangs. Bei ihnen müs­se der Sinn für ein fort­schritt­li­ches und poli­ti­sches Engagement geweckt wer­den «um der zyni­schen – und teil­wei­se mut­wil­li­gen – Instrumentalisierung der Stadt durch den welt­wei­ten Kapitalismus und die Ökonomie des Spektakels Einhalt zu gebieten.»

Eine über­le­bens­wich­ti­ge Botschaft aus Paris, von glo­ba­ler Bedeutung. Leider ist sie bis­her weder in der Politik noch bei den Planenden rich­tig ange­kom­men – weder in Berlin noch in ande­ren Städten, wo wei­ter­hin auf kurz­fris­ti­ges Renditedenken und in Beton zemen­tier­tes Wachstum gesetzt wird. Wie gefähr­lich und falsch das ist, zei­gen die aktu­el­len Unwetterereignisse und ‑schä­den…

Der Anfang vom Ende

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli feg­te ein hef­ti­ger Sturm über die Stadt Zürich, dem Hunderte von Bäumen zum Opfer fie­len. Ein trau­ri­ges Bild der Zerstörung – etwa am Waldrand des Käferbergs, wo rei­hen­wei­se statt­li­che Bäume der Wucht des Windes nicht stand­hal­ten konn­ten und ein­fach umge­ris­sen wur­den. Wurzelstöcke rag­ten in die Luft, mäch­ti­ge Baumstämme und dicke Äste lagen quer über die Strassen – auch im Wald war kein Durchkommen mehr.

Die Gärtnerinnen und Gärtner von GrünStadt Zürich hat­ten in die­sen Tagen alle Hände voll zu tun, um ent­wur­zel­te Bäume zu ber­gen, geknick­te Baumstämme und abge­ris­se­ne Äste zu zer­sä­gen, Wege zu sichern und den Schaden an Menschen, Gebäuden und Fahrzeugen mög­lichst in Grenzen zu halten.

Wie durch ein Wunder blie­ben die Gärten und Häuser in unse­re Nachbarschaft in der Sturmnacht weit­ge­hend ver­schont. Auch die stol­ze Tanne am Chaletweg 3, in deren Wipfel die Amsel so ger­ne ihr Morgenlied sang, trotz­te den Kräften der Natur. Sie war denn auch früh­mor­gens wie­der zur Stelle und zwit­scher­te aus der wun­der­ba­ren Gartenoase rund um das his­to­ri­sche Chalet wie eh – und je und liess die Schrecken der Nacht ver­ges­sen. Auch das Haus, des­sen BewohnerInnen bereits vor Monaten die Kündigung erhal­ten hat­ten und aus­zie­hen muss­ten, stand am Morgen danach unbe­scha­det im Schatten von Ahorn, Weide und Tanne.

Allerdings war die Freude dar­über, dass die statt­li­chen Bäume im Nachbargarten den Sturm über­stan­den hat­ten, von kur­zer Dauer. Während rund­um in Gärten und im Wald Arbeiterinnen und Arbeiter ver­such­ten, zu ret­ten, was noch zu ret­ten war, fuh­ren am Chaletweg 3 die Holzfäller auf. In Vollmontur, mit Kettensäge, Kran und Transportcontainer.

Als wir uns am Morgen auf den Weg zum Märit mach­ten, stand die alt­ehr­wür­di­ge, weit­her­um sicht­ba­re Tanne noch. Als wir eine Stunde spä­ter zurück­kehr­ten, klaff­te eine gros­se Lücke in der Silhouette unse­res Quartiers.

Ohrenbetäubend das jau­len­de Kreischen der Motorsäge, wel­che dem wäh­rend Jahren gewach­se­nen Stamm die Äste abtrenn­te und den eben noch statt­li­chen Baum in trans­por­tier­ba­re Holzstücke zer­leg­te. Emotionslos besei­tig­te ein Arbeiter mit dicken Lärmschutz-Polstern auf den Ohren auch die üppi­ge Hecke, die das Chalet und sei­ne BewohnerInnen in der Vergangenheit vor neu­gie­ri­gen Blicken geschützt hat­te. Der höl­zer­ne Gartenzaun ist umge­kippt – das passt zum trost­lo­sen Bild, das die Grünbeseitiger bei ihrer Wegfahrt hin­ter­las­sen haben.

Jetzt erst zeigt sich, dass sie nicht die ers­ten waren, die mit der defi­ni­ti­ven Zerstörung des letz­ten Chalets am Chaletweg begon­nen haben: Die grü­nen Fensterläden sind ver­schwun­den, und auch die Fensterscheiben sind abmon­tiert. Ob die frü­he­ren Besitzer, die die Liegenschaft dem ren­dite­hung­ri­gen Investor ver­kauft hat­ten, hier noch ein­mal Hand ange­legt haben? – Im Verkaufsvertrag hat­ten sie sich näm­lich aus­be­dun­gen, dass sie – bevor das Chalet, Baujahr 1926, dem Erdboden gleich­ge­macht wird – noch her­aus­ho­len dür­fen, was ihnen nüt­zen könnte…

Die Besitzerin des Grundstücks, eine Collofundo AG, will end­lich vor­wärts machen. Trotz wei­ter stei­gen­der Baukosten und der Tatsache, dass auf­grund der aktu­el­len kli­ma­ti­schen und öko­no­mi­schen Entwicklungen das Projekt für einen Wohnturm mit 14 Kleinstwohnungen frag­wür­dig erscheint, liess sie sich nicht von ihrem unse­li­gen Vorhaben abbringen.

Dies bestä­tig­te Mitinhaber und Geschäftsführer Andreas Friedli in einer Mail vom 8. Juli auf unse­re Anfrage, ob er als Investor mög­li­cher­wei­se auf die Umsetzung des Projekts ver­zich­ten und das Grundstück ver­kau­fen würde…

Die Antwort war kurz und bün­dig und lau­te­te: «Danke für Ihre Anfrage. Das Bauvorhaben wird wie geplant aus­ge­führt. Baubeginn im September 2021.»

Der Anfang vom Ende ist voll­bracht: Die Augen des Chalets wur­den her­aus­ge­ris­sen, der üppi­ge Garten ram­po­niert – die stol­ze Tanne ist nicht mehr. Die Amsel muss sich einen neu­en Aussichtswipfel suchen. Allerdings wird das immer schwie­ri­ger: Die gros­sen Bäume sind rar gewor­den, in unse­rem Quartier. Das Dach mit dem Abluftrohr von 14 Küchen dürf­te kaum als val­ab­ler Ersatz in Frage kommen…

Und im September 2021: 
DAS ENDE VOM ENDE