Erst wenn der letzte Fluss…

Um es gleich vor­weg zu neh­men: Meine JA-Stimme, sowohl für die Pestizid- wie für die Trinkwasserinitiative, ist gesetzt. Was mich aller­dings total ver­un­si­chert ist die Frage, wo ich künf­tig ein­kau­fen, wel­chen Produkten und Labels ich noch ver­trau­en kann.

Bis anhin war für mich klar: Gemüse, Salat, Früchte, Fisch und Fleisch sind am bes­ten frisch vom Markt, gekauft bei den Bäuerinnen und Produzierenden mei­nes Vertrauens. Bei den Grossverteilern ach­te ich auf das Bio-Label und natür­lich immer auch dar­auf, woher das Produkt kommt.

Nachdenklich stimm­te mich bereits ein vor­ös­ter­li­cher Spaziergang über Land: Von zahl­rei­chen Bauernhäusern prang­ten uns Plakate ent­ge­gen, die aggres­siv für ein dop­pel­tes Nein gegen die «extre­men Agrar-Initiativen» war­ben. Als ob die Forderung nach einem wirk­sa­men und nach­hal­ti­gen Schutz unse­rer Böden und unse­res Trinkwassers ein Verbrechen wäre…

Nachdem die Agrar-Lobbyisten zusam­men mit den Exponenten des Bauernverbands im Parlament bereits die drin­gend not­wen­di­ge Agrarreform ver­senkt haben, schal­ten Bauernpräsident Ritter + Co nun selbst­be­wusst noch einen Gang höher und zie­hen alle Register. Nichts las­sen sie aus, von Untergangsdrohungen über bäu­er­li­ches Selbstmitleid bis zu Beschönigungen betref­fend Trinkwasserqualität in der Schweiz. Das war nicht anders zu erwar­ten: Die aktu­el­le Führung des Bauernverbands hat wie­der­holt gezeigt, dass sie mit har­ten Bandagen und allen Mitteln für den Erhalt alt­be­währ­ter Privilegien und spru­deln­der Geldquellen kämpft.

Um das eige­ne Portemonnaie geht es auch bei Bio Suisse: Deren Delegiertenversammlung hat am 14. April mit gros­sem Mehr die NEIN-Parole zur Trinkwasser-Initiative beschlos­sen. Mit der Begründung, die­se wür­de zu einer (von BioSuisse!) uner­wünsch­ten Zunahme von Bio-Betrieben füh­ren und in der Folge  zu einem Preiszerfall bei Bioprodukten aus Schweizer Anbau.

Dies ist nun wirk­lich die defi­ni­ti­ve Bankrotterklärung von Bio Suisse: Ursprünglich zum Schutz von Natur und Gesundheit ins Leben geru­fen, ver­kommt die Bio-Knospe so zu einer blos­sen Etikette, hin­ter der kurz­fris­ti­ger Profit höher gewich­tet wird als Umwelt und Nachhaltigkeit.

Tatsache ist: In der Schweiz sind laut dem Präsidenten von Bio Suisse aktu­ell gera­de mal 16 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe bio­zer­ti­fi­ziert. Befremdend, dass sich da aus­ge­rech­net jener Verein, der sich der Förderung der Biolandwirtschaft ver­schrie­ben hat, vor wei­te­ren Biobetrieben fürch­tet. Zumal sich der Konsum von Bioprodukten hier­zu­lan­de ste­ti­ger Zunahme erfreut.

Tatsache ist aber auch: Nur ein Bruchteil des Mehrpreises, den Konsumentinnen und Konsumenten für Bioprodukte bezah­len, kommt den Produzentinnen und Produzenten zugu­te. Insbesondere die Grossverteiler schla­gen hohe Margen auf Bioprodukte, um ihre Billig-Angebote aus kon­ven­tio­nel­lem Anbau und indus­tri­el­ler Landwirtschaft noch güns­ti­ger zu vermarkten.

Ein dop­pel­ter Schlag ins Gesicht der BioproduzentInnen. Umso wich­ti­ger wäre es, fai­re und nach­hal­ti­ge Produktions- und Absatzbedingungen für alle zu schaf­fen. Ein Prozess, der auch von Biobetrieben nicht Halt machen darf, denn auch dort gibt es vie­ler­orts Verbesserungspotenzial: So ist etwa weder der Import von (bio-zer­ti­fi­zier­ten) Futtermitteln aus Übersee nach­hal­tig, noch der län­ger­fris­ti­ge Einsatz von Kupfer-Spritzmitteln. Probleme, die  durch ange­pass­te Produktion sowie wei­te­re Entwicklung und Forschung ent­schärft und gelöst wer­den können.

Genau dafür bie­ten die bei­den Initiativen eine ein­ma­li­ge Chance: Die Trinkwasserinitiative ver­knüpft künf­ti­ge Subventionen in der Landwirtschaft mit der Forderung nach nach­hal­ti­ger Produktion.  Und die Initiative, die ein Verbot von syn­the­ti­schen Pestiziden will, führt dazu, dass Bio in der Schweiz zur Normalität und zum Standard wird. Zum Vorteil aller.

Wie lau­te­te doch der dem Häuptling Seattle zuge­schrie­be­ne bekann­te Slogan: «Erst wenn der letz­te Baum gero­det, der letz­te Fluss ver­gif­tet, der letz­te Fisch gefan­gen ist, wer­det ihr mer­ken, dass man Geld nicht essen kann.» 

 

 

Wo bleibt die Aufklärung? Wo die Solidarität?

«Wie steht’s bei euch mit der Impfung?» frag­te heu­te mei­ne Freundin aus London anläss­lich unse­res Zoom-Treffens. Sie durf­te sich über die Festtage weder mit Mitgliedern eines ande­ren Haushalts tref­fen noch die Stadt ver­las­sen. Dies die stren­gen Restriktionen im UK, seit der Entdeckung einer Virus-Mutation, die mög­li­cher­wei­se wesent­lich anste­cken­der sei als das bis­her bekann­te Virus.

Verständlich, dass unter sol­chen Umständen die Sehnsucht nach einer erlö­sen­den Impfung wächst – und man unge­dul­dig dar­auf war­tet, bald­mög­lichst die ver­spro­che­ne Dosis intus zu bekom­men. Obschon man noch nicht sicher weiss, ob die­se Impfung auch vor dem mutier­ten Virus schützt.

Trotzdem – auch hier­zu­lan­de ist die Impf-Frage in aller Munde. PolitikerInnen, VirologInnen und Promis rüh­ren die Werbetrommel. Auf Facebook brüs­tet man sich mit dem Bekenntnis «Impfen? Ja klar!», pos­tet weiss auf schwar­zem Hintergrund die Aufforderung «Just do it» oder gibt sei­nem Ärger mit saf­ti­gen Worten Ausdruck, weil einem die gefor­der­te sofor­ti­ge Verpassung einer Spritze ver­wei­gert wurde. 

Alte und beson­ders vul­nerable Menschen haben ers­te Priorität. So die Impf-Politik in der Schweiz. Bis im Sommer sol­len laut Ansage alle, die es wol­len, gegen Corona geimpft sein. Man rech­net mit min­des­tens zwei Dritteln der Bevölkerung. Je höher der Prozentsatz der Geimpften in einer Gesellschaft, des­to bes­ser die Perspektive für die Überwindung der «Corona-Krise», dies das Versprechen.

Ein Versprechen, das aller­dings nicht über­all ein­ge­löst wer­den kann. Bis Mitte Dezember haben sich die rei­chen Staaten mit einem Anteil von gera­de mal 13 Prozent der Weltbevölkerung über die Hälfte der im nächs­ten Jahr vor­aus­sicht­lich ver­füg­ba­ren Impfdosen reser­viert. Zahlreiche Länder wer­den vor­läu­fig leer aus­ge­hen. Hinzu kommt, dass der ers­te im Westen zuge­las­se­ne Impfstoff, der aktu­ell auch in der Schweiz gespritzt wird, bei einer Temperatur von minus 70 Grad gela­gert wer­den muss. Die dafür not­wen­di­gen Kühlanlagen sind in vie­len Ländern gar nicht verfügbar.

Bestrebungen und Forderungen für eine gerech­te­re Verteilung der Impfstoffe blie­ben bis­her ohne Wirkung, ange­sichts der Hamsterkäufe der rei­chen Länder. Die WTO schmet­ter­te einen Antrag für die Aufhebung des Patentschutzes für die zum gröss­ten Teil öffent­lich finan­zier­ten Produkte ab – weil den Industrieländern der Schutz ihrer Arzneimittelindustrie wich­ti­ger ist als die Gesundheit der Menschen in den ärme­ren Ländern, wie die WOZ berichtet.

Immerhin soll der Impfstoff des schwe­disch-bri­ti­schen Pharmakonzerns AstraZeneca, der an der Universität Oxford ent­wi­ckelt wur­de, für erschwing­li­che 2.50 USD pro Dosis zur Verfügung gestellt wer­den. Dies ent­spricht einem Bruchteil der Preise für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer oder Moderna, die zwi­schen 16 bis 37 USD pro Dosis liegen.

Über die tat­säch­li­chen Preise kann jedoch oft nur spe­ku­liert wer­den, die Abkommen der Staaten mit den Herstellern sind zum Teil geheim. Schweigen auch, wenn es um die Produktions- und vor allem um die Lagerstandorte geht. So berich­te­te etwa der Tages Anzeiger die­se Woche über die ers­te Impfstofflieferung an die Schweiz, wel­che «an einem gehei­men Übergabeort an der Landesgrenze in Empfang genom­men, kon­trol­liert und an eben­so gehei­men Orten in der Schweiz zwi­schen­zeit­lich gela­gert» werde.

Weil Impfstoff Mangelware sei, müs­se er vor Diebstahl geschützt wer­den, lau­tet die Begründung des geheim­nis­tue­ri­schen Umgangs mit den Hunderttausenden von Impfdosen, die in den kom­men­den Wochen und Monaten von der Schweizer Armee in Empfang genom­men wer­den sollen…

Ob die Impferei auf die­ser Basis tat­säch­lich eine Chance bie­ten kann, die welt­wei­te Corona-Pandemie zu über­win­den und einen Start in eine bes­se­re Zukunft zu ermög­li­chen? Zweifel sind angebracht.

Hinzu kommt die simp­le Tatsache, dass nie­mand weiss, ob und wie nach­hal­tig die­se Impfstoffe tat­säch­lich wir­ken. Der fran­zö­si­sche Pharmakonzern Sanofi muss­te die­se Woche sei­nen ange­kün­dig­ten Impfstoff wie­der zurück­zie­hen, weil er bei alten Menschen offen­bar zu wenig Wirkung zeig­te. AstraZeneca ver­spricht 70-pro­zen­ti­gen Schutz, muss aber bei Fragen der Dosierung noch ein­mal über die Bücher. Trotzdem wur­de der Impfstoff im UK soeben zugelassen.

Was mich aber am meis­ten scho­ckiert, ist die Tatsache, dass nie­mand davon spricht und nie­mand danach fragt, wie lan­ge so ein Impfschutz denn anhal­ten wird…

Da zu die­ser zen­tra­len Frage weder kla­re Aussagen noch ein­deu­ti­ge Angaben zu fin­den sind, muss ange­nom­men wer­den, dass man es schlicht und ein­fach nicht weiss.

Nur: Was nützt ein Impfstoff, von dem ich nicht weiss, wie lan­ge er mich schützt? Was, wenn die ers­ten die heu­te geimpft wer­den, in weni­gen Monaten schon wie­der eine neue Dosis benötigen?

Fragen über Fragen. Leider haben es die Medien bis­her ver­passt, die­se drän­gen­den Fragen zu stel­len. Stattdessen betä­ti­gen sie sich ein­mal mehr als blos­se Handlanger von Behörden und Industrie. Und rüh­ren die Werbetrommel der Impfpropaganda eif­rig mit.

Minestrone oder das Haar in der Suppe

Mitwochmorgen – Märit in Oerlikon! Der Nebel bricht auf, ein paar Sonnenstrahlen. Es gibt nichts schö­ne­res, als an der fri­schen Luft in Gehdistanz fri­sche Waren ein­zu­kau­fen. Um dann mor­gen oder über­mor­gen dar­aus eine fei­ne Minestrone zu kredenzen.

Ich ach­te dar­auf: Nur Gemüse aus loka­ler Produktion: Zwiebeln, Lauch, Wirz, Kartoffeln, Stangensellerie – direkt vom Bauern, aus hei­mi­schem Anbau. Ganz nach unse­rer Devise: Lokal und sai­so­nal – das ist gut und gesund für Mensch und Wirtschaft.

Dann bei Coop: Die Borlotti-Bohnen schei­nen aus­ge­gan­gen, also grei­fe ich nach einer Packung roter Kidney-Bohnen – sogar in Bioqualität! Auch das ent­spricht unse­ren Vorsätzen – sehr gut. Daheim dann aber das böse Erwachen: Ein zwei­ter Blick auf die Verpackung zeigt – in klei­ner fei­ner Schrift, auf der Rückseite, beim Verfalldatum steht: China.

Autsch! Das gibt es doch nicht! Bohnen aus China – nein danke!

Sofort eine Internetrecherche. Bei Google «Kidney-Bohnen Schweiz» ein­ge­ben. An ers­ter Stelle die Anzeige von Coop. Abgebildet genau­so ein Pack Bohnen, wie ich sie nach­hau­se gebracht habe. Und der Hinweis: Produktionsland Schweiz – Rohstoffherkunft (sprich: Red Kidney-Bohnen) China.

Hallo?

Fest steht: Wir wol­len kei­ne aus China impor­tier­ten Bohnen – egal ob Borlotti oder Red Kidney! Also wei­ter recher­chiert: Damit ich beim nächs­ten Mal weiss, ob und woher ich ein­hei­mi­sche oder zumin­dest euro­päi­sche Bohnen bezie­hen kann.

Hier eine Zusammenfassung der Internetrecherche:

Coop führt in sei­nem Sortiment Bio-Borlotti-Bohnen mit dem Vermerk Produktionsland Schweiz. Kann man davon aus­ge­hen, dass damit auch die «Rohstoffherkunft» gemeint ist? Wie auch immer – die Borlotti-Bio-Bohnen waren in der Filiale, wo ich ein­ge­kauft habe, nicht ver­füg­bar. Die Büchsen-Borlotti-Bohnen – nicht Bio – von Coop kom­men aus Italien, jene von Migros aus China.

Aus China kom­men auch die roten Bio-Bohnen von Manor – ver­packt in Basel. Der Ayurveda-Onlineshop ver­kauft Red Kidney Bohnen der Marke Cosmoveda aus Indien – laut Label aus Fair Trade Projekten. Europäische rote Bohnen lies­sen sich auf die Schnelle kei­ne fin­den. Was hin­ge­gen auf­fällt: Sowohl bei her­kömm­li­chen wie auch bei Bio-Bohnen ist oft kei­ne Herkunftsdeklaration zu finden.

So fehlt etwa auch auf der Verpackung der Red Kidney-Bohnen des deut­schen Biounternehmens Rapunzel der Herkunftshinweis. Der «Ursprung der Hauptzutat» für die Dosen-Variante stammt aus «Nicht EU-Landwirtschaft» — was auf China deu­ten lässt. Hergestellt wird das Produkt – laut Internetinformation – in Italien.

Die Neugier ist nun defi­ni­tiv geweckt: Woher stam­men die­se nahr­haf­ten Bohnen über­haupt? Die rote Bohne – ihrer Form und Farbe wegen bekannt unter den Namen Red Kidney-Bohne – stammt laut Wikipedia aus Peru. Von wo sie in der Kolonialzeit den Weg nach Europa gefun­den habe. Für das Wachstum bevor­zu­ge sie ein feuch­tes Klima, «wes­halb die Bohne haupt­säch­lich in Amerika und Afrika ange­baut wird. Doch auch in China gibt es sie mitt­ler­wei­le häufig.»

Die Heimat der rot-weiss gespren­kel­ten Borlotti-Bohne hin­ge­gen ist Mittel- und Südamerika. 1528 wur­de sie von Papst Clemens VII in Italien ein­ge­führt, wo man sie bis heu­te als Zutat für zahl­rei­che ita­lie­ni­sche Spezialitäten ver­wen­det. Deshalb fin­det man auch hier­zu­lan­de Borlotti-Bohnen aus ita­lie­ni­scher Produktion.

Und ein­hei­mi­sche Produkte? – Sowohl Red Kidney- wie Borlotti-Bohnen könn­te man in der Schweiz pro­blem­los anbau­en. So hat der Bio-Saatgutproduzent Sativa in sei­nem Sortiment sowohl Samen für rote Bohnen – lus­ti­ger­wei­se unter dem Markennamen Canadian Wonder – sowie vier (!) unter­schied­li­che Varianten von Borlotti-Bohnen.

Das Fazit des Fehlkaufs von heu­te Vormittag bei Coop: Die Sache mit dem loka­len und sai­so­na­len Einkauf wird schnell kom­pli­ziert. Entweder, wir zie­hen nächs­tes Jahr auf dem Balkon sel­ber Borlotti- und Red Kidney-Bohnen – oder wir müs­sen künf­tig auf Chili-Gerichte und Bohnen in der Minestrone verzichten.

 

Verkaufte Demokratie

Der Abstimmungskampf rund um die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) zei­tigt immer unge­heur­li­che­re Blüten. Namentlich die Gegner der Initiative zie­hen noch­mal alle Register. Ohne Rücksicht auf Fakten, schre­cken sie auch vor Diffamierungen und Verleumdung nicht zurück. Tatkräftig unter­stützt von den gros­sen Medienkonzernen hierzulande.

Das jüngs­te Machwerk prang­te heu­te auf der Frontseite ver­schie­de­ner Tamedia-Blätter (neu TX Group AG). Es befasst sich – ein­mal mehr – mit der Frage nach den Kampagnenkosten. Aufgrund von fak­ten­frei­en, aben­teu­er­li­chen Hochrechnungen und Vermutungen kommt der ehe­ma­li­ge BAZ-Journalist und heu­ti­ge TA-Wirtschaftsredaktor Dominik Feusi zum Schluss, die KVI-Befürworter hät­ten mehr als das Doppelte der GegnerInnen inves­tiert und «rund 13 Millionen für ein Ja» ausgegeben.

Und wenn dem nun tat­säch­lich so wäre? Wo wäre dann das Problem?

Ist es nicht viel­mehr ein ermu­ti­gen­des Zeugnis für unser Land und unse­re Demokratie, dass so vie­le Spenden zusam­men­ge­kom­men sind? Dass sich so vie­le Menschen für die berech­tig­ten Anliegen der Konzernverantwortungsinitiative engagieren?

Während die Kampagne der Gegner, dar­un­ter mäch­ti­ge Lobbyverbände wie eco­no­mie­su­is­se oder Swissholdings aus der Portokasse der mil­li­ar­den­schwe­ren Konzerne bezahlt wird, finan­zie­ren sich die NGOs, wel­che die KVI lan­ciert haben, mehr­heit­lich über Spendengelder von Bürgerinnen und Bürgern. 

Auch ich habe wie­der­holt einen Beitrag an die Kampagnenkosten geleis­tet. Genauso, wie ich jene NGOs mit Spenden unter­stützt habe und wei­ter­hin unter­stüt­zen wer­de, die Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen im In- und Ausland bekämpfen.

So oder so ist die Frage der Kampagnenfinanzierung ein abstru­ser Nebenschauplatz, der an Stammtischen und in den Medien hoch­ge­spielt wird. Demgegenüber gebär­den sich die gros­sen Medienkonzerne hier­zu­lan­de erstaun­lich zurück­hal­tend, wenn es um die wirk­lich wich­ti­gen, inhalt­li­chen Fragen im Zusammenhang mit der Konzernverantwortungsinitiative geht.

Der Grund dafür heisst – genau wie bei den Rohstoff‑, Nahrungsmittel- oder Agrarkonzernen – Gewinnmaximierung: Recherchen über Geschäftsmethoden inter­na­tio­nal täti­ger Konzerne, wie sie in der Konzernverantwortungsinitiative zur Debatte ste­hen, sind auf­wän­dig und teu­er. Solche Investitionen in einen guten Journalismus leis­ten sich gewinn­ori­en­tier­te Medienkonzerne wie TX Group AG heut­zu­ta­ge nur noch sel­ten. Viel lie­ber über­lässt man ent­spre­chen­de Recherchen den auf Menschenrechte und Umweltfragen spe­zia­li­sier­ten NGOs. Oder man greift auf Material zurück, das von den PR-Abteilungen der Konzerne pro­du­ziert und den Medien gra­tis zur Verfügung gestellt wird.

Hinzu kom­men wei­te­re für die Medienkonzerne kos­ten­güns­ti­ge Formate, die ins­be­son­de­re in den letz­ten Wochen ein­ge­setzt wur­den: In ganz- oder mehr­sei­ti­gen Interviews durf­ten die CEOs der gros­sen Konzerne ihre eige­nen Geschäftsgebaren loben und die Konzernverantwortungsinitiative in Grund und Boden reden. Genauso, wie der (auf wes­sen Kosten?) aus Burkina Faso ein­ge­flo­ge­ne Handelsminister. Journalistische Einordnung? Geschenkt. Genauso bei den Dutzenden von Meinungsartikeln, in wel­chen BefürworterInnen und GegnerInnen der Initiative ihre Parolen end­los wiederholen.

Und wenn dann doch mal hier oder dort ein Artikel mit einer jour­na­lis­tisch inter­es­san­ten Eigenleistung zu fin­den ist, wird er direkt kon­kur­ren­ziert von markt­schreie­ri­schen Werbebotschaften. Inserate – für oder gegen die Konzerninitiative – buh­len sowohl in den gedruck­ten Zeitungen wie online um die Aufmerksamkeit der LeserInnen. Damit lässt sich effi­zi­en­ter Geld ver­die­nen als mit Qualitätsjournalismus.

Die Trennung zwi­schen redak­tio­nel­len Leistungen und Werbebotschaften? – Längst Geschichte. So schal­tet etwa die TX Group AG bereits seit Anfang Jahr Anzeigen der PR-Agentur fur­r­er­hu­gi, die als jour­na­lis­ti­sche Beiträge getarnt ten­den­ziö­se Behauptungen der Initiativ-Gegner als «Fakten» verbreiten.

Der Presserat rüg­te die­se Machenschaften: Damit wür­de der Journalistenkodex ver­letzt. Das Verwischen der Grenzen zwi­schen redak­tio­nel­len Inhalten und poli­ti­scher Werbung sei demo­kra­tie­po­li­tisch bedenk­lich: «Die man­geln­de Transparenz scha­det nicht nur der Glaubwürdigkeit des Mediums, son­dern auch der demo­kra­ti­schen Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger.»

Weder die TX Group AG noch fur­r­er­hu­gi oder deren Auftraggeber (eco­no­mie­su­is­se + Co) lies­sen sich von die­ser Rüge beein­dru­cken: Laut Recherchen des Onlinemagazins Republik haben sich die Initiativ­gegnerInnen min­des­tens für die letz­ten drei Monate der Kampagne bei sämt­li­chen Titeln der TX Group AG das Exklusiv­recht gesi­chert, Popup-Inserate zu allen Online­artikeln zu schal­ten, die die Initiative betreffen.

Aus einer Korrespondenz mit den InitiantInnen, die eben­falls Inserate beim Medienkonzern TX Group AG buchen woll­ten, gehe her­vor, dass fur­r­er­hu­gi basie­rend auf einer Liste sämt­li­che Artikel defi­nie­ren kann, wel­che die PR-Agentur exklu­siv bewer­ben will. «Ihr Konkurrent», heisst es in der Korrespondenz, die der Republik vor­lie­ge, «ope­riert mit einem mas­siv höhe­ren Budget.»

Ob Wirtschaftsredaktor Feusi die­se Ausgaben der Initiativ-Gegnerschaft in sei­ne Rechnung mit­ein­be­zo­gen hat? Zumindest in die­sem Fall müss­te er ja auf Franken und Rappen genau her­aus­fin­den kön­nen, wie­viel sein Arbeitgeber für den Verkauf die­ser kost­ba­ren Werbeplätze kassiert.

Im Zusammenhang mit der Konzernverantwortungsinitiative zeigt sich ein­mal mehr, dass die Behauptung der Medienhäuser, sie sei­en für die Demokratie sys­tem­re­le­vant, völ­li­ger Nonsens ist. Wer poli­ti­sche Werbung ein­fach an den Meistbietenden ver­kauft, ver­hält sich bezüg­lich der Demokratie genau­so fahr­läs­sig, wie dies eini­ge Konzerne im Süden bezüg­lich Menschenrechte und Umwelt tun.

Zu hof­fen ist, dass die Konzernverantwortungsinitiative am 29. November trotz­dem ange­nom­men wird. Als nächs­ten Schritt müss­te man sich anschlies­send die Lancierung einer Medienkonzernverantwortungs-Initiative über­le­gen. Zum Schutz von Demokratie und Journalismus.

 

 

Zerstörerischer Verdichtungswahn

Seit einem Monat kün­di­gen erneut Bauprofile auf einem Nachbargrundstück Ungutes an. Sie ragen beson­ders hoch in den Himmel, weil das neue Baureglement der Stadt Zürich zuguns­ten von Verdichtung auch in unse­rem Quartier die maxi­ma­le Gebäudehöhe um ein Geschoss her­auf­ge­setzt hat. Zum Nachteil aller umlie­gen­den, bereits bestehen­den Liegenschaften.

In den letz­ten zehn Jahren muss­te zuerst die statt­li­che Tanne vor unse­rem Schlafzimmerfenster einem Neubau wei­chen. Im Westen, wo ein Nachkriegs-Mehrfamilienhaus durch ein vier­stö­cki­ges Rendite-Objekt ersetzt wur­de, hat man uns die Abendsonne gestoh­len. Der Blick von unse­rer Wohnung im obers­ten Stock über eine einst leben­di­ge Dächerlandschaft ist längst Geschichte. Alte Backsteinbauten, ehe­ma­li­ge Gewerbeliegenschaften – kurz­um, die eins­ti­ge Gebäudevielfalt eines gewach­se­nen Quartiers, wur­de durch Variationen von immer­glei­chen Betonklötzen ersetzt, mit wel­chen man aus jedem Grundstück das Maximum an Profit her­aus­zu­ho­len sucht.

Das dürf­te auch das Ziel der 3A Immobilien AG sein, die das Nachbargrundstück erwor­ben hat. Hinter einer mäch­ti­gen Trauerweide ver­steckt, über­ragt von einer hohen Tanne mit aus­la­den­den Ästen steht ein zwei­stö­cki­ges Holzhaus mit 7 Zimmern mit­ten in einem wun­der­schö­nen, üppi­gen Garten – in bes­tem Zustand.

Es ist das letz­te einer Reihe von Chalets, die einst hier stan­den – bewohnt von Angestellten der gros­sen Fabriken in Oerlikon. Die Chalets ver­brei­te­ten einen Hauch von Romantik und präg­ten das Gesicht der Strasse, die nach ihnen benannt wur­de, so wie auch die nahe­ge­le­ge­ne Bushaltestelle.

Das Haus am Chaletweg 3 ist einer der letz­ten Zeugen his­to­ri­scher Architektur im Quartier. In unmit­tel­ba­rer Nähe wur­de bereits vor einem Jahr ein wun­der­schö­nes Arbeiter-Backsteinhäuschen zer­stört, um einem Beton-Verdichtungsprojekt Platz zu machen.

Die Zerstörung die­ser Zeugen der Vergangenheit tut mir per­sön­lich weh. Noch viel schwe­rer wiegt hin­ge­gen der mit der über­mäs­si­gen Verdichtung ein­her­ge­hen­de Verlust von grü­nen Oasen im Quartier. Dachbegrünungen sind kein Ersatz für die Grünräume, die ver­schwin­den, wenn Grundstücke bis an den Rand bebaut und die Gärten mini­ma­li­siert wer­den, so dass sie gera­de noch so gross sind wie der Rand einer Briefmarke.

Das üppi­ge Grün, wel­ches das letz­te Chalet umgibt, ist nicht nur eine Augenweide, es ist ein klei­nes Paradies der Biodiversität, mit­ten in einer Betonlandschaft. Elstern ver­sam­meln sich in der Trauerweide, vom Wipfel der Tanne singt die Amsel, abwech­selnd mit den Rotkehlchen, die sich etwas wei­ter unten im Geäst ein­ge­rich­tet haben… Das alles soll nun einem vier­stö­cki­gen Betonklotz mit zehn wei­te­ren Wohnungen weichen?

Das darf nicht sein! Gerade heu­te, in Zeiten des Klimawandels muss städ­ti­schen Grünräumen Sorge getra­gen wer­den. Bäume haben viel­fäl­ti­ge Funktionen – und ein leben­di­ges Quartier braucht viel­fäl­ti­ge Formen des Wohnens und des Lebens. Was am Chaletweg 3 droht, ist genau das Gegenteil: Verdichten im Namen des Profits heisst Zerstörung. Sinnvolle Verdichtung geht anders: Sie nimmt Rücksicht auf eine über Jahrzehnte gewach­se­ne Umgebung und ermög­licht inno­va­ti­ve Formen des Teilens und Zusammenlebens bei gleich­zei­ti­gem Erhalt oder sogar Ausdehnung bestehen­der Grünflächen im Quartier.

Dieses war der ers­te Streich (im Quartier), doch der nächs­te folgt sogleich:

Und gleich noch einer: