Gute Nacht, Grin­del­wald

Nun also der Spa­ten­stich. In Grin­del­wald wird ab sofort an der neu­en V-Bahn gebaut. Ein 470-Mil­lio­nen­pro­jekt zur schnel­le­ren Erschlies­sung des Jung­frau­jochs. Mit der neu­en Gon­del­bahn soll die Stun­den­ka­pa­zi­tät auf den «Top of Euro­pe» im Som­mer von heu­te 888 Per­so­nen auf 1’160 erhöht wer­den. Die Fahr­zeit ab Grin­del­wald Grund beträgt dann nur noch 45 Minu­ten – etwa halb so lan­ge wie heu­te.

Ange­strebt wer­den auch mas­si­ve Kapa­zi­täts­er­hö­hun­gen für den Win­ter­tou­ris­mus. Hier will man die Stun­den­ka­pa­zi­tät von Grin­del­wald bis Eiger­glet­scher von heu­te 1900 Per­so­nen auf 3480 hoch­schrau­ben. Das wird ein wun­der­ba­res Gewim­mel auf den Pis­ten!

Seit Mona­ten hat sich abge­zeich­net, dass die­ser Wahn­sinn wohl Wirk­lich­keit wird: Ende Febru­ar zogen die letz­ten ver­blie­be­nen Kämp­fer ihre Ein­spra­chen gegen das Mons­ter­pro­jekt zurück. Dies laut Medi­en­be­rich­ten auch, um den Neu­bau der Gon­del­bahn auf den Männ­li­chen, deren Kon­zes­si­on die­ses Jahr abläuft, nicht zu gefähr­den.

Die Jung­frau­bah­nen hat­ten die bei­den Pro­jek­te geschickt mit­ein­an­der ver­knüpft. Trotz­dem gab es lan­ge Wider­stand. Um die ange­streb­te Kapa­zi­täts­er­wei­te­rung für den Mas­sen­tou­ris­mus aufs Jung­frau­joch durch­zu­bo­xen, haben die Jung­frau­bah­nen des­halb in den letz­ten Jah­ren wie­der­holt auch zu bra­chia­len Metho­den gegrif­fen.

Schliess­lich ist die Geg­ner­schaft – inklu­si­ve Umwelt­ver­bän­de – dem star­ken Druck wei­chen. Das Power­play der Jung­frau­bahn Hol­ding AG, die zu den wich­tigs­ten Arbeit­ge­bern in der Regi­on gehört, hat gesiegt.

Was als tou­ris­ti­scher Mei­len­stein für Grin­del­wald und die Jung­frau­re­gi­on ver­kauft wird, könn­te sich aller­dings schon bald ins Gegen­teil ver­keh­ren: Der «Fahr­zeit­ge­winn» von über 40 Minu­ten aufs Joch bedeu­tet, dass eili­ge Tou­ris­tIn­nen aus Asi­en und anders­wo bald nicht mehr in der Regi­on über­nach­ten wer­den.

Geplant ist unter ande­rem auch ein «Ter­mi­nal mit Geschäf­ten» in Grin­del­wald Grund. So muss gar nie­mand mehr ins Dorf hin­auf zum Shop­ping. Zudem ent­steht ein neu­es Park­haus mit 1000 Par­k­lät­zen und «direk­tem Zugang zum Ter­mi­nal».

Ob der ange­peil­te Mas­sen­tou­ris­mus je die erwar­te­ten Früch­te tra­gen wird, ist mehr als frag­lich. Tat­sa­che ist, dass er ande­re Gäs­te ver­trei­ben wird. Bereits heu­te ist das Jung­frau­joch zu einem «Event­zen­trum» ver­kom­men, wo die fas­zi­nie­ren­de Berg­welt höchs­tens noch eine Neben­rol­le spie­len darf.

Frag­lich ist zudem, ob es die ange­peil­ten Kapa­zi­täts­er­wei­te­run­gen für den Win­ter­tou­ris­mus künf­tig über­haupt noch braucht: Auch die Jung­frau­re­gi­on lei­det unter dem Kli­ma­wan­del.   Wenn die Win­ter­mo­na­te immer wär­mer wer­den, ist auch das aggres­sivs­te Auf­rüs­ten mit Schnee­ka­no­nen letzt­end­lich für die Katz’.

Das Pro­jekt, des­sen Spa­ten­stich von Poli­ti­ke­rIn­nen, Inves­to­ren und Medi­en als «Mei­len­stein in der Geschich­te der Jung­frau­bah­nen» gefei­ert wird, ist das Gegen­teil des­sen, was heut­zu­ta­ge als «nach­hal­ti­ger Tou­ris­mus» age­strebt und pro­pa­giert wird.

Scha­de für Grin­del­wald. Scha­de fürs Ber­ner Ober­land. Scha­de für Eiger, Mönch und Jung­frau. – Ich wer­de euch künf­tig wohl nur noch aus der Fer­ne genies­sen…

 

Déjà-vu

In Ber­lin wird gebaut, ver­rück­ter noch als in Zürich. Die Stadt plat­ze aus allen Näh­ten heisst es bei den Stadt­ver­ant­wort­li­chen, von Woh­nungs­not ist die Rede. Des­halb müs­se nun ver­dich­tet wer­den, auf Teu­fel komm raus.

So auch am Lüt­zow­ufer, wo wäh­rend der Inter­na­tio­na­len Bau­aus­stel­lung IBA in den 1980er Jah­ren inno­va­ti­ve Ener­gie­häu­ser gebaut wur­den, die ihren heu­ti­gen Mie­te­rin­nen und Mie­tern zu (noch) ver­nünf­ti­gen Prei­sen schö­ne Woh­nun­gen bie­ten. Mit Win­ter­gär­ten gegen die viel befah­re­ne Stras­se am Land­wehr­ka­nal – und hof­sei­tig mit Blick ins Grü­ne.

Aktu­ell steht zur Dis­kus­si­on, die­se Sied­lung unter Denk­mal­schutz zu stel­len. Ob es je soweit kommt und ob das Ensem­ble dadurch in der heu­ti­gen Form erhal­ten blei­ben kann, ist aller­dings mehr als frag­lich.

Die Lie­gen­schaf­ten wur­den näm­lich 2017 an die Münch­ner Euro­bo­den GmbH ver­kauft. Samt der wun­der­ba­ren Hin­ter­hö­fe, die an ein altes Pump­werk gren­zen, das seit über 20 Jah­ren ein leben­di­ges Jugend­kul­tur­zen­trum beher­bergt. Die neu­en Eigen­tü­mer sind auf teu­re und exklu­si­ve Bau­pro­jek­te spe­zia­li­siert, die hohe Ren­di­ten ver­spre­chen.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass baye­ri­sche Inves­to­ren im Tier­gar­ten-Kiez eine hoch­wer­ti­ge IBA-Sied­lung kau­fen, um dar­aus Pro­fit zu schla­gen. Zur Erin­ne­rung: Am Lüt­zow­platz muss­te die Wohn­sied­lung des Star­ar­chi­tek­ten Mathi­as Ungers einem Ren­di­te­ob­jekt wei­chen, das dem­nächst bezugs­be­reit ist. Lan­ge hat­ten sich die Mie­te­rin­nen und Mie­ter gegen den Abbruch ihrer Häu­ser gewehrt – am Ende muss­ten sie auf­ge­ben.

Auch wenn die IBA-Häu­ser am Lüt­zow­ufer ste­hen blei­ben – das bestehen­de Ensem­ble und des­sen archi­tek­to­ni­sche Qua­li­tät sind durch die Plä­ne der Inves­to­ren akut gefähr­det. Zudem ist damit zu rech­nen, dass die Woh­nun­gen in den bestehen­den Häu­sern mit­tel­fris­tig «auf­ge­wer­tet» und dadurch mas­siv teu­rer wer­den.

Das inves­tier­te Kapi­tal muss bald gut ren­tie­ren: In Win­des­ei­le haben die neu­en Besit­zer im letz­ten Win­ter einen Archi­tek­tur­wett­be­werb durch­ge­führt und ein Bau­pro­jekt aus­ge­ar­bei­tet: Dort, wo die begrün­ten Höfe heu­te noch Luft zum Atmen bie­ten, sol­len rund 80 luxu­riö­se Eigen­tums­woh­nun­gen ent­ste­hen. Ein gutes Geschäft für die Euro­bo­den GmbH. Das Gan­ze läuft unter dem Mot­to «Nach­ver­dich­tung». Das gefällt der Senats­bau­ver­wal­tung.

Wie bereits am Lüt­zow­platz, spielt auch hier Bau­stadt­rat Ephraim Gothe (SPD) eine ent­schei­den­de Rol­le. Er sieht in der Ver­bau­ung der Höfe kein Pro­blem, da ja die bereits bestehen­den IBA-Häu­ser ste­hen blei­ben. Dass mit der Errich­tung von Luxus­woh­nun­gen die Gen­tri­fi­zie­rung auch in den bestehen­den Häu­sern vor­pro­gram­miert ist, scheint kein The­ma zu sein. Genau­so wenig wie die Tat­sa­che, dass mit dem Bau der Eigen­tums­woh­nun­gen die Tage des Jugend­kul­tur­zen­trums Pum­pe gezählt sind.

«Am Tag, an dem die Bag­ger hier auf­fah­ren, muss ich hier weg», sagt der Päch­ter des Event­lo­kals Alte Pum­pe, das zum Zen­trum gehört. «Die Erfah­rung zeigt, dass Bewoh­ne­rIn­nen von Luxus­woh­nun­gen kein Jugend- und Event­zen­trum in ihrer Nach­bar­schaft dul­den.»

Die Mie­te­rIn­nen der IBA-Häu­ser such­ten lan­ge nach einem Ter­min, um den poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen vor Ort zu zei­gen, was auf dem Spiel steht. Ende Mai war es soweit. Bau­stadt­rat Gothe ist nicht erschie­nen – er habe kei­ne Ter­min­be­stä­ti­gung erhal­ten, sagt er. Ob es noch zu einem Tref­fen kommt, ist offen. Was es brin­gen wür­de, eben­falls. Und wie immer in Ber­lin: Die Stadt­ver­ant­wort­li­chen in Ber­lin hal­ten den Inves­to­ren Tür und Tore weit offen.

Der Hin­weis auf die Woh­nungs­not in Ber­lin ist nur ein Vor­wand. Bau­pro­jek­te wie die «Nach­ver­dich­tung» am Lüt­zow­ufer bewir­ken eher das Gegen­teil: Die geplan­ten luxu­riö­sen Eigen­tums­woh­nun­gen ver­schär­fen die Pro­ble­me auf dem Woh­nungs­markt: Sie zer­stö­ren nicht nur bestehen­den kos­ten­güns­ti­gen Wohn­raum, son­dern tra­gen dar­über hin­aus zur Gen­tri­fi­zie­rung gan­zer Quar­tie­re bei. Indem sie – wie in die­sem Fall – wich­ti­ge Kiez-Infra­struk­tu­ren wie das Jugend­kul­tur­zen­trum ver­drän­gen.

Wie oft muss sich sol­ches noch wie­der­ho­len? – Stück um Stück geht hier leben­di­ge Stadt ver­lo­ren. Zuguns­ten von Geld­gier und Geschäft.

 

Die Kun­din ist Köni­gin — das war ein­mal

Frü­her Nach­mit­tag, Bahn­hof Oer­li­kon im Unter­ge­schoss. Men­schen ste­hen und sit­zen im hell erleuch­te­ten Raum. Ihr Blick wan­dert von der digi­ta­len Anzei­ge­ta­fel zum Zet­tel in der Hand und wei­ter zur Uhr, wo der Zei­ger uner­bitt­lich vor­rückt.

Schlan­ge ste­hen am Schal­ter ist längst pas­sé. Wer heu­te bedient wer­den will, muss ein Nüm­mer­chen zie­hen und kann ent­spannt war­ten, bis er an der Rei­he ist. Kein Ell­bö­geln, kei­ne Sor­ge, ob die gewähl­te Schlan­ge die rich­ti­ge, sprich schnells­te ist, weil man davon aus­ge­hen kann, dass alles sei­ne Ord­nung hat und eine unsicht­ba­re, höhe­re Instanz für Gerech­tig­keit sorgt.

Mit der Ent­span­nung im SBB-Ser­vice-Cen­ter ist es aller­dings schnell vor­bei. Denn je nach Dienst­leis­tung, die man bean­spru­chen will, wird man in eine Kate­go­rie ein­ge­teilt. Ich bin gekom­men, weil ich mein Gepäck abho­len will, ande­re wol­len Aus­land­rei­sen buchen, Abon­ne­men­te bestel­len, sich bera­ten las­sen… Wann wer aus wel­cher Kate­go­rie auf­ge­ru­fen wird, bleibt schlei­er­haft.

Fest steht: Für alle dau­ert es eine Ewig­keit. Kein Wun­der: Die Hälf­te der Schal­ter ist nicht besetzt. Eine Beam­tin ist damit beschäf­tigt, die war­ten­den Leu­te zu fra­gen, was sie für ein Anlie­gen hät­ten, um sicher zu gehen, dass sie die rich­ti­ge Kate­go­ri­en­num­mer gezo­gen haben.

Die Frau neben mir blickt immer ner­vö­ser auf die Uhr, wir kom­men ins Gespräch: Sie ist in ihrer Mit­tags­pau­se extra her­ge­reist, weil es am Bahn­hof ihres Wohn- und Arbeits­orts nur noch einen Auto­ma­ten gibt. Die­ser hat ein fal­sches Ticket aus­ge­spuckt, das nur noch am Aus­ga­be­tag gül­tig ist – statt wie frü­her über län­ge­re Zeit. Des­halb muss­te sie nun nach Oer­li­kon kom­men, wo sie hofft, dass der Schal­ter­be­am­te ihr Pro­blem lösen und die Fahr­kar­te umschrei­ben kann.

Über eine hal­be Stun­de war­tet sie schon – wenn sie die nächs­te S-Bahn ver­passt, kommt sie zu spät zur Arbeit… Als die Num­mern­an­zei­ge wei­ter­hin kei­ne Anstal­ten macht sich zu bewe­gen, ver­ab­schie­det sich mei­ne Lei­dens­ge­nos­sin und eilt unver­rich­te­ter Din­ge davon. Ich gebe nicht auf und nach wei­te­rem zer­mür­ben­dem War­ten kann ich mein Gepäck in Emp­fang neh­men.

Welch ein Glück ich habe, weiss ich aller­dings erst seit die­ser Woche: Ab dem 5. Juni haben die SBB den Gepäck­trans­port von Bahn­hof zu Bahn­hof mas­siv redu­ziert. Wur­de die­ser Ser­vice bis anhin an rund 400 Bahn­hö­fen ange­bo­ten, sind es neu­er­dings nur noch deren 260. Wäh­rend man sein Gepäck etwa nicht mehr nach Schwyz, Glatt­brugg oder Cham schi­cken kann, bie­tet mein Bahn­hof die­se frü­her selbst­ver­ständ­li­che Dienst­leis­tung (vor­läu­fig?) noch an.

Aber nicht genug des Abbaus. Auch das lan­ge Zeit ange­prie­se­ne Check-in von Flug­ge­päck am Bahn­hof wur­de dras­tisch zurück­ge­fah­ren. Das direk­te Ein­che­cken am Bahn­hof wird vie­ler­orts nicht mehr ange­bo­ten und dort, wo es noch mög­lich ist, müs­sen die Bahn­kun­den deut­lich mehr bezah­len als vor­her. Gleich­zei­tig wird es immer schwie­ri­ger, in den moder­nen engen SBB-Zügen Gepäck zu trans­por­tie­ren…

Zuge­ge­ben. Hier­zu­lan­de kla­gen wir auf hohem Niveau. Gera­de, wenn es um den öffent­li­chen Ver­kehr geht. Trotz­dem ist es an der Zeit, sich laut zu fra­gen, wohin die Ent­wick­lung gehen soll. Wie­viel Abbau wir in Kauf neh­men müs­sen, wie die Prio­ri­tä­ten zu set­zen sind.

Immer­hin sind die SBB nach wie vor ein Ser­vice public, dem die Kun­dIn­nen­zu­frie­den­heit  wich­tig sein müss­te. Dies zumin­dest war im vor-dere­gu­lier­ten Zeit­al­ter unbe­strit­ten der Fall. Nicht zuletzt, um die Men­schen zum Umstei­gen vom Auto auf den öffent­li­chen Ver­kehr zu bewe­gen. Und heu­te? – Der Kun­de, die Kun­din als Bett­le­rIn von SBB-Mey­ers Gna­den?

Frau O.

Kürz­lich in Ber­lin waren wir wie­der ein­mal bei Frau O. Jah­re hat­ten wir sie nicht mehr besucht, wäh­rend eini­ger Zeit war der Kon­takt ganz abge­bro­chen. Umso mehr freu­ten wir uns. Gleich­zei­tig sahen wir dem geplan­ten Besuch mit etwas Ban­ge ent­ge­gen.

Seit über einem Jahr habe Frau O. ihre Woh­nung im zwei­ten Stock nicht mehr ver­las­sen, hat­te uns eine ehe­ma­li­ge Nach­ba­rin erzählt, die ab und zu vor­bei­schaut. Beim letz­ten Mal habe sie ihr den Müll von sechs Mona­ten in die Abfall­con­tai­ner im Hof getra­gen, weil sich Frau O. nicht mehr hin­aus getraue. Sie sei sehr ein­sam und bräuch­te eigent­lich regel­mäs­si­ge Betreu­ung…

Frau O. ist 91 Jah­re alt und nicht mehr gut zu Fuss. Sie öff­net auch nicht mehr jedem die Tür. Am Tele­fon hat sie mir erzählt, wie zwei Trick­be­trü­ge­rin­nen bei ihr geklin­gelt und um Notiz­pa­pier gebe­ten hät­ten. Wäh­rend Frau O. das Gewünsch­te hol­te, steck­ten die Die­bin­nen blitz­schnell ein, was sie packen konn­ten.

Ohne Vor­anmel­dung lässt Frau O. des­halb nie­man­den mehr ins Haus und schon gar nicht in ihre Woh­nung. Auch nimmt sie nicht alle Anru­fe ent­ge­gen. Als ich sie die­ses Früh­jahr zum ers­ten Mal nach lan­ger Zeit wie­der ein­mal anrief, muss­te ich lan­ge klin­geln las­sen. Schliess­lich mel­de­te sich am ande­ren Ende aber die alt­ge­wohn­te fröh­li­che Stim­me: «Als ich sah, dass die Num­mer mit zwei Nul­len anfängt, sag­te ich mir: Ein Anruf aus dem Aus­land! Den musst du neh­men…»

Ihre Stim­me tönt mun­ter und leben­dig, wie eh und je. Allein sie zu hören ist wohl­tu­end, ihre Hei­ter­keit anste­ckend. Schon erzählt sie die ers­te Geschich­te, die einen rein­zieht, fes­selt. Man spürt: Der Anruf ist eine will­kom­me­ne Abwechs­lung. Ihr Mann ist vor Jah­ren gestor­ben. Als wir sie ken­nen lern­ten, wohn­te sie lan­ge Jah­re in einer Sied­lung mit­ten in Ber­lin, wo sie in einer leben­di­gen Nach­bar­schaft bes­tens inte­griert war.

Dann der gros­se Schock: Die Sied­lung war an einen Inves­tor ver­kauft wor­den, der die erst 20 Jah­re vor­her neu gebau­ten Miet­woh­nun­gen platt­ma­chen und am glei­chen Ort ein gros­ses Ren­di­te­ob­jekt hoch­zie­hen woll­te. Eine Hand­voll Mie­te­rIn­nen – unter ihnen Frau O. – kämpf­te um den Erhalt der Lie­gen­schaf­ten. Ver­geb­lich. Schliess­lich muss­te Frau O. schwe­ren Her­zens eine neue Blei­be suchen. Fast ein Ding der Unmög­lich­keit für eine allein­ste­hen­de über 80jährige Frau, die nicht mit Reich­tum geseg­net ist.

Schliess­lich hat­te sie Glück im Unglück und fand eine schö­ne Woh­nung ganz in der Nähe. Dort woll­te sie zusam­men mit einer alten Freun­din ein­zie­hen, um gemein­sam zu zweit den Lebens­abend zu ver­brin­gen. Kurz vor dem Umzug aber starb die Freun­din, und Frau O. blieb allei­ne mit der gross­zü­gi­gen, aber für ihre Ver­hält­nis­se zu teu­ren Miet­woh­nung.

Ein wei­te­rer schwe­rer Schick­sals­schlag, von denen Frau O. in ihrem lan­gen Leben unglaub­lich vie­le erlebt hat. Wenn sie davon erzählt, ahnt man den Schmerz. Ein kur­zes, lei­ses Inne­hal­ten – und schon haben Frau O.‘s Opti­mis­mus und Lebens­lust wie­der Ober­hand. «Gleich nach­dem ich ein­ge­zo­gen bin, haben sie mir die Mie­te noch ein­mal erhöht», erzählt sie und fährt fort: «Ich habe mir dann gesagt: Du lebst nicht mehr so lan­ge – also legst du jeden Monat etwas aus der Abfin­dung, die du für den Aus­zug aus der alten Woh­nung erhal­ten hast hin­zu.» Das gehe aller­dings nun schon sechs Jah­re so – das Gut­ha­ben schmilzt dahin. Nie hät­te sie gedacht, dass sie noch so lan­ge leben wür­de, sagt Frau O. und lacht.

Ihre Woh­nung ist, wie die frü­he­re, aus dem Ei gepellt. Jedes Ding an sei­nem Platz, alles auf Hoch­glanz poliert und lie­be­voll ein­ge­rich­tet. Schnell sind unse­re anfäng­li­chen Beden­ken zer­streut. Doch Frau O. ist allein und ein­sam – kei­ne Fra­ge. Auch wenn von ihr kein Wort der Kla­ge kommt.

Im Wohn­zim­mer wer­den wir aufs Sofa diri­giert – die Fau­teuils sei­en so durch­ge­ses­sen, da dul­de sie kei­ne Besu­cher, meint Frau O. – und setzt sich sel­ber hin­ein. Um eine wei­te­re Geschich­te zu erzäh­len. Kaum fällt unse­rer­seits ein Stich­wort, sind wir schon bei der nächs­ten. So plau­dern wir uns einen Nach­mit­tag lang durch Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit.

Sie ist eine Kämp­fe­rin und weiss sich zu hel­fen. Ein Bei­spiel sind die Ein­käu­fe, da sie ja nicht mehr sel­ber in die Läden kann: Alle sechs bis sie­ben Wochen gibt Frau O. beim EDE­KA-Haus­lie­fer­dienst eine Bestel­lung auf. Da sie kein Inter­net hat, war das gar nicht so ein­fach. Erst nach lan­gem Her­um­te­le­fo­nie­ren und Ver­han­deln mit unzäh­li­gen Läden fand sie bei EDE­KA einen Fili­al­lei­ter, der sich fle­xi­bel zeig­te und nun für Frau O. eine Aus­nah­me macht: Sie darf ihre Ware tele­fo­nisch bestel­len und kriegt sie am nächs­ten Tag gelie­fert.

Nicht immer sei alles Bestell­te dabei, und oft erhal­te sie Din­ge, die sie gar nicht auf der Lis­te gehabt hät­te, erzählt Frau O. Aber das sei nicht so schlimm: Schliess­lich müss­ten die Ver­käu­fe­rin­nen am Tele­fon mit­schrei­ben, was sie dik­tie­re – und da kön­ne es schon ab und an zu Miss­ver­ständ­nis­sen kom­men. «Ich sage dann nichts und will die jun­gen Frau­en, die sich so Mühe geben, nicht noch anschwär­zen», sagt sie mit ihrem war­men Lachen.

Bei Pro­sec­co und selbst­ge­ba­cke­nem Kuchen ver­geht die Zeit viel zu schnell. Beim Abschied ver­spre­che ich, bald ein­mal anzu­ru­fen. Und fra­ge, wann es ihr am liebs­ten wäre. Dar­auf erwi­dert Frau O. nur mit ihrem bewähr­ten Lächeln: «Jede Zeit ist mir recht – auch mor­gens um Vier. Da sit­ze ich näm­lich auf dem Sofa, war­te auf den Schlaf – und schaue mir die span­nends­ten Doku­men­tar­fil­me an.»

Zer­stö­re­ri­scher Bau­boom

Die nega­ti­ven Schlag­zei­len aus der Bau­in­dus­trie reis­sen nicht ab. Für Schlag­zei­len sorg­ten in den letz­ten Wochen nebst Fir­men­plei­ten vor allem die Kar­tell­ge­schich­te aus Grau­bün­den sowie als jüngs­te und schlimms­te Hiobs­bot­schaft, die ange­kün­dig­te Auf­he­bung der Früh­pen­sio­nie­rungs­op­ti­on für Bau­ar­bei­ter. Man kön­ne es sich nicht mehr leis­ten, heisst es, Bau­ar­bei­tern mit 60 den gesi­cher­ten Ruhe­stand zu ermög­li­chen.

Wer auf dem Bau arbei­tet, hat einen Kno­chen­job, der an die Sub­stanz geht. Die Lebens­er­war­tung eines Bau­ar­bei­ters in der Schweiz liegt 4,4 Jah­re unter dem Durch­schnitt. Laut Sta­tis­tik sind 43% bereits vor Errei­chen des Pen­si­ons­al­ters nicht mehr arbeits­fä­hig. Die Belas­tung der Arbei­ter auf dem Bau ist enorm, und der Druck nimmt lau­fend zu: Lie­gen­schaf­ten müs­sen immer schnel­ler hoch-, Tief­bau­ar­bei­ten immer schnel­ler durch­ge­zo­gen wer­den.

Auf Zür­cher Bau­stel­len etwa gehört es heu­te wie­der zum Cou­rant nor­mal, dass auch sams­tags gear­bei­tet wird. Flut­licht sei Dank, beginnt der Arbeits­tag auf dem Bau auch im Win­ter spä­tes­tens um Sie­ben in der Früh. Obschon heu­te vie­le Maschi­nen im Ein­satz sind, bleibt viel schwe­re kör­per­li­che Arbeit zu ver­rich­ten, die der Gesund­heit scha­det.

Zwangs­pau­sen wie einst, als bei Schnee und Eis die Bau­tä­tig­keit ruh­te, gibt es kaum mehr. Zumin­dest nicht im Mit­tel­land: Beton und Asphalt wur­den che­misch soweit auf­ge­mischt, dass ihre Ver­ar­bei­tung auch bei unwirt­lichs­ten Rah­men­be­din­gun­gen noch mög­lich ist.

So brau­chen die Bau­un­ter­neh­mer die Arbeits­lo­sen­kas­se zur Über­brü­ckung der Win­ter­mo­na­te nicht mehr regel­mäs­sig anzu­zap­fen, wie das lan­ge Zeit gang und gäbe war. Ein Gewinn für die Unter­neh­mer wie für die Kas­se. Ein­zig die Arbei­ter müs­sen nun auch bei Schnee und Käl­te ihre ohne­hin schwe­re Arbeit ver­rich­ten.

Dass man nach 10 Jah­ren den Bau­ar­bei­tern die Mög­lich­keit zur Pen­sio­nie­rung mit 60 wie­der neh­men will, ist vor die­sem Hin­ter­grund blan­ker Hohn. Ein wei­te­rer Puz­zle­stein in der aktu­el­len Geschich­te des Sozi­al­ab­baus. Umso stos­sen­der, als in der Bau­bran­che seit Jah­ren ein Preis­kampf ohne­glei­chen betrie­ben wird.

Immer mehr, immer schnel­ler, immer bil­li­ger heisst der Leit­satz. Was dabei auf der Stre­cke bleibt sind die Arbei­ter – und die Qua­li­tät. Letz­te­res ist (zumin­dest für die Bau­un­ter­neh­mer) nicht so schlimm, denn Nach­bes­sern, Repa­rie­ren und Erset­zen bringt neue Auf­trä­ge.

Was aber in der rei­chen Schweiz gar nicht tole­riert wer­den darf, ist das Spa­ren auf dem Buckel der­je­ni­gen, die Tag für Tag ihre Gesund­heit aufs Spiel set­zen, um den Bau­boom am Lau­fen zu hal­ten.

Höhe­re Prei­se in der Bau­bran­che wür­den nie­man­dem scha­den – im Gegen­teil: Längst wird in der Schweiz zuviel und zu schnell gebaut. Über lan­ge Jah­re hat die Bau­wirt­schaft Über­ka­pa­zi­tä­ten geschaf­fen, mit denen sie sich und allen ande­ren scha­det. Was wir brau­chen sind weder Kar­tel­le, die sich sel­ber in die Tasche wirt­schaf­ten noch eine rui­nö­se Kon­kur­renz.

Drin­gend nötig wäre die För­de­rung von Bau­meis­tern mit gesun­dem Men­schen­ver­stand. Die auf Qua­li­tät set­zen. Das kos­tet. Des­halb führt auch hier die Poli­tik der Ver­ga­be von Auf­trä­gen an den Bil­ligs­ten in die Sack­gas­se. Geiz ist geil und blöd.

Wie wäre es, wenn Bau­herr­schaf­ten auf ande­re Kri­te­ri­en set­zen wür­den? Etwa höchs­te Qua­li­tät, Dau­er­haf­tig­keit von Bau­ten oder – und vor allem: Sozia­le Arbeits­be­din­gun­gen für jene, die unse­re Häu­ser und Stras­sen bau­en. Ohne Wenn und Aber.