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SNB, Klima und Menschenrechte

Heute ist es genau ein Jahr, dass ich meinen Blog über die Generalversammlung der SNB 2025 publi­ziert. Letzten Freitag, am 24. April 2026 war ich wieder in Bern, an der diesjäh­rigen GV. Alle Jahre wieder – und fast wäre ich versucht gewesen, mich darauf zu beschränken, meinen Text vom letzten Jahr hier noch einmal zu verlinken, nach dem Motto: Nichts Neues aus dem Kursaal Zürich-West.

Doch es gibt von der diesjäh­rigen GV einiges zu berichten, obschon weder vom Bankrat noch vom Direktorium Neues zu erfahren war. Im Gegenteil: Die SNB hält nach wie vor strikt an ihrem einäu­gigen Fokus auf PREISSTABILITÄT! fest, und der Höhepunkt der von der Bankratspräsidentin mit eiserner Hand durch­ge­paukten Veranstaltung war wie üblich das letzte Traktandum: Der üppig aufge­tischte Stehlunch mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

Vier Stunden zuvor hatte eine Delegation von Menschenrechtsaktivist:innen die eintref­fenden Aktionär:innen darauf hinge­wiesen, dass die SNB mit ihrem Investment in den US-ameri­ka­ni­schen Hightech- und Überwachungskonzern Palantir zu groben Menschenrechtsverletzungen und zur Untergrabung der Demokratie beiträgt.

«Palantir ist eine Bedrohung für unsere Demokratie, nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt», sagte die aus Minneapolis angereiste Gewerkschafterin Janette Corcelius. In ihrem Votum erinnerte sie an die gravie­renden Menschenrechtsverletzungen durch die US-ameri­ka­nische «Einwanderungsbehörde» ICE in ihrer Heimat, welche durch Palantiranwendungen unter­stützt und perfek­tio­niert werden. Sie fordert deshalb von der SNB, ihr Aktienpaket von Palantir in der Höhe von rund 1,1 Milliarden USD abzustossen.

Eine Forderung, die von einer Reihe engagierter Aktionär:innen sowohl anlässlich der Demonstration vor dem Kursaal wie später mit verschie­denen Wortmeldungen an der Generalversammlung vehement unter­stützt wurde. Wie nicht anders zu erwarten war, ohne (erkennbare) Folgen.

Palantir ist bekanntlich nicht der einzige Titel, der nicht ins Portfolio der SNB gehört. Deren Richtlinien zur Anlagepolitik halten nämlich unter Punkt 4 deutsch und deutlich fest, dass die Schweizerische Nationalbank nicht in Unternehmen investiert, die «in die Produktion inter­na­tional geäch­teter Waffen invol­viert sind, grund­le­gende Menschenrechte massiv verletzen oder syste­ma­tisch gravie­rende Umweltschäden verursachen.»

Die Klima-Allianz kriti­siert seit Jahren, dass die SNB mit einer Reihe von Investitionen gegen ihre eigenen Vorgaben verstosse. Eine Kritik, die von zahlreichen Aktionär:innen mitge­tragen wird. Einige von ihnen melden sich alljährlich an der Generalversammlung zu diesem Thema zu Wort. Mittlerweile gehören auch diese Interventionen zum Ritual: Die Versammlungsleiterin, Bankratspräsidentin Barbara Janom Steiner bat auf die Bühne, achtete wiederum darauf, dass kein Votum länger als drei Minuten dauerte und wischte anschliessend das Gesagte mit einer launigen Bemerkung kurzerhand vom Tisch: Next please!

SNB-Direktor Martin Schlegel seiner­seits reagierte auch dieses Jahr mit einem alle Fragen mehr oder weniger zusam­men­fas­senden Schlussvotum als Antwort auf die von den Redner:innen monierten Verstösse und Versäumnisse der Nationalbank. Mit dem ewig gleichen Hinweis, die SNB sei einzig und allein der PREISSTABILITÄT! verpflichtet, für den Schutz von Klima und Menschenrechten brauche es andere Instrumente, und die SNB-Kontrollmechanismen entsprächen inter­na­tio­nalen Standards.

Die Message: Die SNB macht alles richtig, sie will und braucht sich nicht zu bewegen. Wer aller­dings genauer hinschaut stellt fest, dass im letzten Jahr doch die eine oder andere Änderung zu registrieren war – es geht zwar im Zeitlupentempo, aber es bewegt sich etwas… So hat die SNB zum Beispiel ihren Aktienbestand der umwelt-schädi­genden Konzerne Chevron und Rio Tinto abgestossen.

Weil das Direktorium sich weigert, zum Kauf und Verkauf einzelner Titel Auskunft zu geben, darf man davon ausgehen, dass die beiden Konzerne aufgrund von Punkt 4 der Anlagerichtlinien aus dem Portfolio entfernt wurden. Im vielbe­schwo­renen Index, dem die SNB behauptet folgen zu müssen, sind sie nämlich immer noch gelistet. Und man fragt sich, wann die SNB sich endlich auch von ihren ExxonMobil-Aktien trennt.

Der US-ameri­ka­nische Energieriese, der seit Jahren Kampagnen von Klimaleugner:innen finan­ziert, investiert laut Recherchen der Klima-Allianz bis heute jährlich rund 1,4 Milliarden USD in die Suche und Erschliessung neuer fossiler Lagerstätten – dies entspricht zufäl­li­ger­weise ziemlich genau dem Wert des Aktienpakets, das die SNB akutell von ExxonMobil hält.

Nebst den Klimasündern rücken auch Investments in Unternehmen immer stärker in den Fokus der Kritik, deren Produkte und Aktivitäten nachweislich zu gravie­renden Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen beitragen. Dazu gehören nebst Palantir weitere US-ameri­ka­nische Konzerne wie etwa Caterpillar oder Raytheon sowie der israe­lische Rüstungskonzern Elbit.

Würde sich die SNB an ihre eigenen Ausschlusskriterien halten, müsste sie auch diese Konzerne aus ihrem Portfolio entfernen. Was sie aber bis heute nicht getan hat. Weshalb, bleibt offen. Vom US-Tech-Konzern Palantir, dessen Überwachungstechnologie nicht nur von der ICE in den USA einge­setzt wird, sondern auch von der israe­li­schen Besatzungsarmee im Gazastreifen, im Westjordanland und im Libanon, hält die SNB nachge­wie­se­ner­massen Aktien im Wert von 1,1 Milliarden USD.

Der israe­lische Rüstungskonzern Elbit ist mit einem Aktienpaket in der Höhe von rund 65 Millionen USD im SNB-Portfolio enthalten. Auf eine Anfrage der Genfer Nationalrätin Laurence Fehlmann, ob solche Investitionen mit den gesetz­lichen Richtlinien vereinbar seien, wies der Bundesrat im September 2025 einmal mehr darauf hin, dass die SNB keine Wertschriften von Unternehmen halten dürfe, die grund­le­gende Menschenrechte massiv verletzten.

«Wenn sich die Aktien von Elbit oder der anderen nicht namentlich genannten Firmen im Anlageportfolio der SNB befinden, haben sie die Ausschlusskriterien gemäss SNB zum letzten Überprüfungszeitpunkt offenbar nicht erfüllt», lässt der Bundesrat in seinem Antwortschreiben sibyl­li­nisch verlauten. Und weist gleich­zeitig darauf hin, dass etwa die Pensionskasse des Bundes PUBLICA die beiden israe­li­schen Rüstungsunternehmen Elbit Systems und Aryt Industries aus ihrem Portfolio ausschliesst.

SNB-Direktor Schlegel wollte an der GV die Frage, ob und weshalb die SNB offenbar andere Kriterien in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen anwendet als die Pensionskasse des Bundes nicht beant­worten. Stattdessen wieder­holte er einmal mehr, die SNB-Ausschlusskriterien und deren Anwendung entsprächen inter­na­tio­nalen Standards und würden von externen Experten bestätigt.

Von trans­pa­renter Kommunikation keine Spur. Die Beteiligung unserer Nationalbank an Kriegs- und Rüstungsgeschäften ist mehr als stossend. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass während der dreistün­digen Generalversammlung mit anschlies­sendem Stehlunch das Töten und Leiden in Gaza und wo immer die Technologien und Waffen von Palantir, Elbit + Co einge­setzt werden, ungebrochen weitergingen…


LINKS zur GV 2026:

Livestream der Versammlung vom 24. April 2026:

Mein Input an der GV vom 24. April 2026 in Bern:


Nachtrag:

Wahl ohne Auswahl
Unter Traktandum 7 stand an der diesjäh­rigen Generalversammlung der SNB die Wahl eines neuen Bankrats auf dem Programm. Dies, weil der vormalige Bankrats-Vizepräsident Romeo Lacher bereits vor einem Jahr von seiner Funktion zurück­ge­treten war. Als Vermögensverwalter war Lacher bei der Bank Bär massgeblich in den Benko-Skandal invol­viert gewesen…

Bankratspräsidentin Barbara Janom Steiner stellte den Wirtschaftsvertreter Martin Hirzel als einzigen Kandidaten für die Nachfolge von Lacher zur Wahl. Dies, obschon im Vorfeld auch andere Kandidaturen einge­gangen waren, die aber vom Bankrat nicht unter­stützt wurden. Im 11köpfigen Bankrat seien zu je einem Dritten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vertreten, so Janom Steiner – und weil Lacher ein Vertreter der Wirtschaft war, habe man mit Hirzel, der zahlreiche Wirtschaftsmandate hält und seit 2021 Präsident von Swissmem ist, erneut einen Fachmann aus diesem Ressort gefunden.

Bevor die Versammlung zur Wahl schreiten konnte, wollte eine Aktionärin von Hirzel wissen, wie er sich zu Fragen des Klimas und der Biodiversität in Bezug auf die Finanzstabilität stelle. Statt einer Antwort des Kandidaten auf die mehr als berech­tigte Frage, vertrö­stete Janom Steiner die Interpellantin kurz und bündig auf den Stehlunch, wo man Hirzel ja dann solche Fragen stellen könne. Ende der Diskussion.

Keine persön­liche Präsentation, keine Stellungnahme des neuen Bankrats… «Gewählt» wurde er in der Folge trotzdem, mit 94,7 Prozent der Stimmen. Die Schweizer Rüstungsindustrie kann frohlocken: Ihr Cheflobbyist sitzt nun im Bankrat der SNB und wird sich für seine Auftraggeber einsetzen.

Als Präsident von Swissmem (dem Arbeitgeberverband der Schweizer Maschinenindustrie) verant­wortet Hirzel unter anderem das plumpe Inserat gegen das Referendum zum Kriegsmaterialgesetz, mit dem bereits letzte Woche der Abstimmungskampf von Seiten der Rüstungsindustrie eröffnet wurde.


Der Film, den SRF nicht zeigen wollte

«UNRWA – 75 Jahre einer provi­so­ri­schen Geschichte», lautet der Titel eines von der SRG kopro­du­zierten Dokfilms, der laut SRF in der Deutschschweiz nicht interessiert. 

Die UNRWA, das 1949 von der UNO geschaffene Flüchtlingshilfswerk für Palästinenser:innen, ist so unver­zichtbar wie umstritten. Unverzichtbar, weil Millionen von Menschen im Nahen Osten auf dessen Unterstützung, Dienstleistungen und Infrastruktur angewiesen sind. Umstritten, weil Israel die UNRWA bezichtigt, Hass und Terror gegen Israel zu schüren und mit allen Mitteln versucht, das verhasste Hilfswerk endgültig zu vernichten.

So erreichte Israel etwa mit seinem Vorwurf, minde­stens ein Dutzend UNRWA-Mitarbeiter hätten sich am Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 beteiligt, dass zahlreiche Länder ihre Zahlungen an das UNO-Hilfswerk stoppten. Darunter auch die Schweiz. Obschon unvor­ein­ge­nommene und unabhängige Untersuchungen zum Schluss gekommen sind, dass von einer syste­ma­ti­schen Beteiligung an den Massakern vom 7. Oktober 2023 keine Rede sein kann, hatte die israe­lische Kampagne zur Folge, dass die UNRWA bis heute von vielen Politiker:innen und Journalist:innen im Westen als Mittäterin oder gar als Terrororganisation abgestempelt wird.

Dieses weitver­breitete Vorurteil ist jedoch nicht nur falsch, es verkennt auch die Bedeutung und Rolle der UN-Organisation in einer seit Jahren von Kriegen, Gewalt und Unsicherheit dominierten Region. Was die UNRWA geleistet hat und bis heute immer noch leistet, zeigt der Dokumentarfilm «UNRWA – 75 Jahre einer provi­so­ri­schen Geschichte» mit eindrück­lichen Bildern und Interviews. Er nimmt das Publikum mit auf eine Zeitreise durch die wechsel­volle Geschichte des UNO-Hilfswerks für Palästinaflüchtlinge, vom Ende des 2. Weltkriegs bis heute.

Der Genfer Filmemacher Nicolas Wadimoff schöpft dabei aus einem reich­hal­tigen Fundus von Archivmaterial, das belegt, wie untrennbar die Gründung und Entwicklung des Staates Israel, die Vertreibung der Palästinenser:innen (Nakba) und die UNRWA mitein­ander verwoben sind. Zusätzlich kommen zahlreiche Fachleute zu Wort, welche die Bedeutung der Organisation in den verschie­denen Phasen ihres Bestehens aus unter­schied­lichen Perspektiven kommentieren.

Während zum Beispiel die israe­lische Politologin und ehemalige Knesset-Abgeordnete Einat Wilf kriti­siert, die palästi­nen­sische Identität und somit auch der palästi­nen­sische Terrorismus seien ein Produkt der UNRWA-Schulen, weist der palästi­nen­sische Historiker und ehemalige UNESCO-Botschafter Elias Sanbar auf das Grunddilemma des Konflikts hin: «Es ist klar, dass sich die Israelis wünschen, wir würden in unseren Geschichtsbüchern ihre Version unserer Geschichte erzählen» – was aber niemals geschehen könne.

«Der Film zum 75-Jahr-Bestehen war für mich eine einmalige Chance, Informationen über die Hintergründe der UNRWA zu vermitteln und die Komplexität des Themas aufzu­zeigen», sagt Irène Challand. Die langjährige Leiterin der Dok-Abteilung des Westschweizer Fernsehens RTS hat den Film als Produzentin von Anfang an begleitet und war massgeblich an dessen Umsetzung beteiligt: «Für mich ist der Nahe Osten das geopo­li­tische Labor der Welt – das hat mich schon mein ganzes Berufsleben lang bewegt.»

Als Nicolas Wadimoff 2024 im Auftrag der Sendung «Temps présent» den Schweizer UNRWA-Direktor Philippe Lazzarini auf seiner inter­na­tio­nalen Tour zur Rettung der in finan­zielle Notlage geratenen Organisation mit der Kamera begleitete, entstand die Idee für den Hintergrundfilm, der massgeblich von RTS, der SRG sowie dem Bundesamt für Kultur finan­ziert wurde. Die Erstausstrahlung erfolgte im März 2025 auf RTS, im gleichen Monat feierte er seine Kinopremière anlässlich des Human Rights Filmfestival FIFDH in Genf. Es folgten die Ausstrahlung im Tessiner Fernsehen RSI sowie eine Reihe von Kinovorführungen mit anschlies­sender Diskussion, unter anderem im Sommer 2025 am Institut du Monde Arabe in Paris und im Januar 2026 im Rahmen der Solothurner Filmtage.

Der Palästina-Röstigraben
Für die Programmierung an den Solothurner Filmtagen hatte sich Irène Challand kräftig ins Zeug gelegt. Dies, weil sie sich davon erhoffte, den Film endlich auch in die Deutschschweiz zu bringen. Ein Unterfangen, das sich als äusserst zäh erwies. Die Verantwortlichen für Dokumentarfilme in Zürich haben laut Challand einer Aufnahme des Films ins SRF-Programm schon vor einem Jahr eine definitive Absage erteilt. Zwar attestierten sie dem von der SRG und RTS kopro­du­zierten Film Ausgewogenheit und einen hohen Informationsgehalt. Trotzdem lehnten sie eine Übernahme ab, mit der Begründung, das Deutschschweizer Publikum inter­es­siere sich nicht für dieses Thema.

Die Ablehnung des Films zeige ein Muster, das sie schon länger beobachte, sagt Irène Challand: «In der Westschweiz ist man sensi­bi­li­sierter und hat einen diffe­ren­zierten Zugang zu Themen wie Völkerrecht oder den Genfer Konventionen. Man ist näher am inter­na­tio­nalen Genf, während in der Deutschschweiz die wirtschaft­lichen und politi­schen Interessen spielen.» Bereits in der Vergangenheit habe sie zudem immer wieder festge­stellt, so die in der TV- und Filmbranche bestens vernetzte Produzentin, wie gross in der Deutschschweiz die Angst davor sei, in Bezug auf Israel und Palästina einen Fauxpas zu begehen und ins Kreuzfeuer der schlag­kräf­tigen Israel-Lobbyorganisationen zu geraten.

Dies dürfte mit ein Grund sein, weshalb auch Verleiher und Kinobetreiber in der Deutschschweiz lieber die Finger vom UNRWA-Film lassen: Nach anfäng­lichen Interessensbekundungen anlässlich der in Solothurn vor vollen Rängen erfolgten Präsentation, hätten sich die meisten wieder zurück­ge­zogen, stellt Challand mit Bedauern fest. Um die Dokumentation über die Geschichte der URNWA trotzdem einem breiteren Publikum in der Deutschschweiz zugänglich zu machen, hat der Verein Swiss Humanity, der sich für die Stärkung der humani­tären Werte der Schweiz im Geiste der Genfer Konventionen einsetzt, in Basel und Zürich Kinosäle mieten müssen, um Filmvorführungen mit anschlies­sender Podiumsdiskussion zwischen Sarine und Bodensee zu ermög­lichen. Als einziges Kino, das zumindest halb zur Deutschschweiz gerechnet werden kann, hat das Filmpodium Biel den Film in sein Programm aufgenommen.


Geplante Vorführungen (Französisch, mit deutschen Untertiteln):
21. April und 28. April 2026 – 18 Uhr – Stadtkino Basel 
18. Mai 2026 – 18 Uhr – Kino RiffRaff Zürich 
28. Mai – 19 Uhr – Filmpodium Biel/​Bienne

Online: 

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Der Holocaust und Israels Genozid

Am Vorabend des 14. April zelebrierte das israe­lische Regime in Jerusalem den Auftakt zum diesjäh­rigen «Holocaust Martyrs’ and Heroes’ Remembrance Day». Der offizielle Akt des alljähr­lichen Gedenktags für «die Märtyrer und Helden des Holocaust» in der Gedenkstätte Yad Vashem fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, dafür live übertragen – etwa vom israe­li­schen News-Sender i124.

Zum Start der Sendung Grossaufnahmen, wie die israe­lische Flagge zum Gedenken an die Opfer des Holocaust auf Halbmast gesenkt wird, begleitet von salutie­renden IDF-Soldaten. Mit einer Fackel entzündete dann ein alter Mann auf der Bühne ein Gedenkfeuer, bevor Staatspräsident Isaac Herzog ans Rednerpult trat.

Schon der erste Satz liess keine Zweifel am Zweck dieser Veranstaltung aufkommen: Er widme die diesjährige Feier «unseren Soldaten an der Front», so Herzog. Den Soldaten, welchen heute die grosse Ehre zukomme, mit ihrem Einsatz die Geschichte der Holocaust-Opfer ehrenvoll fortschreiben zu dürfen. Auf dass alles gut werde, so der Staatspräsident weiter. Und es werde alles gut…

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bliess erwar­tungs­gemäss ins gleiche Horn und verkündete seiner­seits, Israel sei angetreten, um im Krieg gegen den Iran das Böse zu bekämpfen. Damit verteidige es, zusammen mit den USA, nicht nur sich selbst, sondern die ganze Welt. Insbesondere auch die Europäer, die vom rechten Weg abgekommen seien.

Mit martia­li­schen Worten schil­derte er Israels angeblich heroische Errungenschaften auf dem Schlachtfeld und schloss mit den Worten: «Es gibt kein anderes Volk, das erreichen könnte, was wir erreicht haben: Wir schafften den tiefgrei­fenden Wandel vom Holocaust zur Wiedergeburt. Einer Wiedergeburt, die mit ihren Errungenschaften die Staatengemeinschaft in Staunen versetzt…»

Die einein­halb­stündige Gedenkfeier hatte offen­sichtlich einen einzigen Zweck: Kriegspropaganda. Ein entwür­di­gender, ekeler­re­gender Missbrauch der Holocaust Opfer und ihrer Angehörigen. Während der gesamten Übertragung infor­mierte zudem ein News-Ticker am unteren Bildschirmrand über das aktuelle Weltgeschehen – aus israe­li­scher Perspektive:

Trump: Der Iran rief uns an, sie wollen unbedingt einen Deal /​Trumps Bemerkungen über Papst Leo sind inakzep­tabel, erklärte Italiens PM Meloni /​Netanyahu: Israel wird Ungarns Orban für immer als echten Freund in Erinnerung behalten /​15 US-Kriegsschiffe im Einsatz, um die Restriktionen gegen iranische Schiffsrouten zu verstärken /​Neue Details zur IDF-Operation ‘Eternal Darkness’ enthüllt: 250 Hisbollah Kämpfer und Kommandanten in Libanon getötet…

Das kennen wir zur Genüge: Israel töte in Gaza ausschliesslich Hamasterroristen und im Nachbarland Libanon nur Hisbollah-Kämpfer wird faustdick gelogen. Dass Israel mit seiner Attacke vom 8. April, kurz nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens, Hunderte von Zivilist:innen im Libanon getötet hat, davon kein Wort. Auch die anhal­tenden täglichen Morde, Vertreibungen und Misshandlungen durch israe­lische Soldaten und Siedler in Gaza und dem Westjordanland, schaffen es in Israel und in vielen westlichen Medien nicht in die Berichterstattung.

Israel treibt seinen Genozid ungerührt und ungehindert weiter voran – selbst­ver­ständlich auch am Holocaust-Gedenktag: So berichtet etwa Mosab Abu Toha, der Dichter und verläss­liche Dokumentalist des Leidens in Gaza, von einem dreijäh­rigen Kind, das am Nachmittag des 14. April von einer israe­li­schen Schrapnell-Granate getötet wurde.

Allein in der letzten Woche starben In Gaza über ein Dutzend Menschen durch israe­lische Angriffe. Unter ihnen die neunjährige Ritaj Rihan, die während des Unterrichts in einer impro­vi­sierten Schule von einem israe­li­schen Soldaten erschossen wurde, sowie der Journalist Mohammed Wisha und der WHO-Ambulanzfahrer Majdi Alsan.

Wie in Gaza, macht Israel aktuell auch im Libanon ganze Landstriche platt, terro­ri­siert, vertreibt und tötet die Zivilbevölkerung und macht gezielt Jagd auf Medienschaffende und Helfer:innen. Und täglich findet man in sozialen Medien Berichte aus dem Westjordanland und Ostjerusalem, wo immer mehr Palästinenser:innen von gewalt­tä­tigen Siedlern und israe­li­schen Soldat:innen aus ihren Dörfern und von ihrem Land vertrieben werden.

«Diese Spirale von Vertreibung, Terror und gezielten Angriffen dient einem einzigen Ziel: den Palästinenser:innen das Leben unerträglich zu machen und sie dauerhaft von ihrem Land zu vertreiben», schreiben neun UNO-Expert:innen in einer Medienmitteilung, mit der sie am 13. April auf die unhaltbare Situation aufmerksam machten.

«Es ist inakzep­tabel, dass solche Praktiken, die nach inter­na­tio­nalem Recht Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen und die indivi­duelle straf­recht­liche Verantwortung der Beteiligten nach sich ziehen, unver­mindert fortge­setzt werden», fassen sie in ihrem Schreiben zusammen. Ihre Forderung an alle UNO-Mitglieder ist unmiss­ver­ständlich: Die Staaten müssen endlich ihren recht­lichen Verpflichtungen nachkommen und Israels völker­rechts­wid­riger Besatzung ein Ende bereiten. 

Worte, die bei uns zwischen in der Ostsee gestran­detem Buckelwal und der Blockade der Schiffsstrasse von Hormuz verhallen. Was kümmert uns das Leiden von Menschen in Gaza, im Westjordanland oder im Libanon, wenn unser Benzin teurer wird und wir damit rechnen müssen, dass unsere Ferien am Golf ins Wasser fallen?

Die Inszenierung des Holocaust-Gedenktags wiederum beweist: Israel ist noch lange nicht fertig mit seinen Gräueltaten. Doch nicht alle ziehen mit. So hat sich etwa die israe­lische Journalistin und Präsidentin der Menschenrechtsorganisation B’Tselem Orly Noy dieses Jahr erstmals den landes­weiten Ritualen des Gedenktags verweigert und schreibt dazu auf +972:

«Jedes Jahr an diesem Tag ertönt im ganzen Land eine zweimi­nütige Sirene, die den Verkehr zum Stillstand bringt und die Menschen in stille Andacht versetzt. Aus Ehrfurcht vor den Opfern der schreck­lichsten Tragödie in der jüdischen Geschichte kann ich an diesen staat­lichen Ritualen nicht länger teilnehmen. Ich weigere mich, an Zeremonien teilzu­nehmen, die von einem Staat durch­ge­führt werden, der zu einem Reich des Todes geworden ist – einem Staat, dessen gesamtes Wesen das Andenken an die Opfer entweiht, die er angeblich ehrt.»


Lesenswert:
Artikel zum Holocaust Gedenktag in Israel auf +972 

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Die neunjährige Schülerin Ritaj Rihan wurde am 8. April 2026 in ihrer Schule in Gaza erschossen…

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