Zahltag

Meine ers­ten jour­na­lis­ti­schen Erfahrungen sam­mel­te ich als freie Mitarbeiterin einer Tageszeitung, die sich damals eines guten Rufes erfreu­te. Allerdings galt das Blatt als bür­ger­lich-kon­ser­va­tiv, was mir von eini­gen KollegInnen viel Häme und Missbilligung eintrug.

Noch immer höre ich die Verachtung in der Stimme mei­nes lie­ben WG-Mitbewohners, als er mir am run­den Küchentisch die Leviten las und Verrat an unse­ren lin­ken Idealen vor­warf. Er sel­ber war damals Assistent am his­to­ri­schen Institut und hat­te sich büch­er­wäl­zend der Revolution ver­schrie­ben. — Heute ist er Sprecher der BKW und ver­ficht mit Eloquenz die Interessen des Energiekonzerns. Nicht zuletzt, weil er ein ganz pri­va­tes Interesse dar­an haben dürf­te, dass sei­ne Chefs mit ihm zufrie­den sind.

Als fürst­lich bezahl­ter Vasall ver­tritt er Ansichten, die ihn frü­her auf die Strasse getrie­ben hät­ten. So lässt mein eins­ti­ger Wohngefährte in Interviews ver­lau­ten, dass AKWs «ein wich­ti­ger Pfeiler für eine Zukunft mit kli­ma­freund­li­chem Strom» sei­en und weiss zu begrün­den, wes­halb Alternativenergie in der Schweiz kei­ne Zukunft hat.

Für die medi­en­ge­rech­te Aufbereitung ihrer Botschaften ste­hen solch agi­len Wirtschaftsvertretern gan­ze Heerscharen von Beratern und Konsulenten zur Seite. Nicht weni­ge von ihnen mit lang­jäh­ri­ger Erfahrung im jour­na­lis­ti­schen Tagesgeschäft. Sie ver­fü­gen sowohl über publi­zis­ti­sches Know-how wie über nütz­li­che Beziehungen, die sie als Dienstleister für zah­lungs­kräf­ti­ge Kunden in bare Münze zu ver­wan­deln wissen.

Besonders gefragt und ent­spre­chend erfolg­reich sind jene ehe­ma­li­gen Kolleginnen und Kollegen, die ihren Karrieresprung mit einem Seitenwechsel im Bundeshaus ein­zu­lei­ten wuss­ten: Mit der Berichterstattung über die Bundespolitik hol­ten sie sich die not­wen­di­ge Qualifikation, um einem Bundesrat, einer Bundesrätin in den all­täg­li­chen Medienschlachten zur Seite zu stehen.

Als gewöhn­li­che Journalisten hat­ten sie, ange­sichts der Gehälter, die es in der Bundesverwaltung zu ver­die­nen gab, noch leer geschluckt. Als sie dann als Bundesrats- und Departementssprecher hör­ten, was ihre Partner in der Privatwirtschaft ver­die­nen, schluck­ten sie schon wie­der leer. Und mach­ten sich selbst­stän­dig. LobbyistInnen, die den Ratsbetrieb wie auch die Bundesverwaltung in- und aus­wen­dig ken­nen und mit allen Macht- und WürdenträgerInnen per Du sind, kön­nen viel bewe­gen. Dafür sind poten­te Kunden bereit, poten­te Gagen zu bezahlen.

Über die Höhe sei­nes Einkommens hat mein eins­ti­ger Journalistenkollege kürz­lich beim Nachtessen nicht gespro­chen. Nur dis­kret ange­deu­tet, wie gefragt sei­ne Dienste sei­en. Er berät Top-Kunden aus der Wirtschaft, alles bör­sen­ko­tier­te Unternehmen, dar­auf legt er Wert. Mandate aus der Bundesverwaltung lehnt er ab. Diese sorg­ten höchs­tens für Ärger, weil man Gefahr lau­fe, sich poli­tisch zu expo­nie­ren. Und finan­zi­ell gebe es da nichts zu holen.

Sein Job ist die dis­kre­te Hintergrundarbeit. Der eine Kunde wünscht, dass sein Produkt über die Medien ver­brei­tet und popu­lär gemacht wird. Ein ande­rer will einen für sei­ne Geschäfte nütz­li­chen Paragraphen in der Gesetzgebung ver­an­kert wis­sen. Ist alles im Angebot. Die Auftraggeber sind bereit, für die Durchsetzung ihrer Interessen tief in die Tasche zu greifen.

Davon lebt mein eins­ti­ger Kollege jetzt gut. Sehr gut. — Mir bleibt nur ein lee­res Schlucken. Der Grund dafür ist aller­dings nicht die Höhe sei­nes Gehalts…

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