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Worte statt Taten

Aktuell tobt in der Schweiz der Abstimmungskampf um die soge­nannte «Neutralitätsinitiative». Politiker:innen von links bis rechts legen sich ins Zeug, um das Stimmvolk mit allzu oft allzu bil­ligen Parolen auf ihre Seite zu ziehen. Dabei sug­ge­rieren sowohl Befürworter:innen wie die Gegnerschaft der Initiative gerne, dass der Ausgang dieser Abstimmung einen ent­schei­denden Einfluss auf die Zukunft der Schweiz und vor allem auf die Schweizer Aussenpolitik habe.

Mit blu­migen Worten wird die Frage nach einem zeit­ge­mässen Umgang mit der histo­risch immer wieder neu inter­pre­tierten und miss­brauchten «Schweizer Neutralität» ins Feld geführt, um die Schweiz künftig vor Kriegen zu schützen und dar­über hinaus ihre Rolle als Brokerin des Friedens auf inter­na­tio­nalem Parkett zu festigen.

In einem sei­ten­langen Interview schwa­dro­niert unser Aussenminister Ignazio Cassis in der NZZ über die angeb­lich immer noch sehr gefragten «guten Dienste der Schweiz» und wirbt für ein NEIN zur Initiative, mit der Begründung: «Wenn wir das Völkerrecht berück­sich­tigen, glaub­würdig bleiben und ver­läss­lich sind, gewinnt die Schweiz im Ausland Respekt und Vertrauen. Das beschert uns Sicherheit, nicht ein Verfassungstext.»

Genau umge­kehrt argu­men­tiert der Jurist und Politologe Wolf Linder: Er wirbt für ein JA zur Verankerung der Neutralität in der Verfassung, um deren Auslegung dem «kurz­fri­stigen Denken von Politikern und ein­zelnen Bundesräten» zu ent­ziehen. Ein wich­tiges Argument, gerade ange­sichts der von Cassis pro­pa­gierten und prak­ti­zierten «fle­xi­blen Neutralität» – mit der letzt­end­lich der Begriff Neutralität ad absurdum geführt wird.

Fakt ist, dass sich die Schweiz mit ihrer Übernahme der EU-Sanktionen gegen Russland und der ver­un­glückten «Ukraine-Friedenskonferenz» im Sommer 2024 auf dem Bürgenstock in diesem Konflikt klar als Partei posi­tio­niert und sich damit eine Rolle als Mediatorin ver­spielt hat. 

Genauso ist die Schweiz aber auch im Nahen Osten Partei: Bis heute hat die Schweizer Regierung weder ihre mili­tä­ri­sche noch wirt­schaft­liche Zusammenarbeit mit Israel ein­ge­stellt, trotz dessen mas­siver und viel­fach belegter Verstösse gegen das Völkerrecht. Stattdessen ver­wei­gert Bern die wei­tere Aufnahme von Kranken und Verletzten aus Gaza, und tut nichts, um den Palästinenser:innen zu ihren völ­ker­recht­lich ver­an­kerten Rechten zu verhelfen.

Mehr noch: Während sich Gegner und Befürworter um Begriffe wie Neutralität und Solidarität fetzen, ist das Wegschauen und Schweigen zu den kon­kreten Auswirkungen aktu­eller Schweizer Aussenpolitik nicht bloss ein Ärgernis, son­dern letzt­end­lich ein unhalt­barer Verstoss gegen das Völkerrecht.

So haben zum Beispiel diese Woche die Regierungen von Italien, Grossbritannien, Frankreich, Kanada, Norwegen, Holland und sogar Deutschland Israel dazu auf­ge­for­dert, die Pläne für das Landnahme-Projekt E1 im Westjordanland (Bau von 3’400 neuen Wohnungen auf illegal besetztem Boden) zu stoppen, weil dies gegen das Völkerrecht ver­stösst. Ein Protestschreiben auch aus der Schweiz? – Totenstille im Bundeshaus, folg­lich auch kein Thema für unsere Medien.

Kaum Beachtung fand auch der Brief an Bundespräsident Guy Parmelin, mit dem rund 20 israe­li­sche Persönlichkeiten die Schweiz dazu auf­for­dern, ihre Handelsbeziehungen mit den israe­li­schen Siedlungen in den besetzten Gebieten ein­zu­stellen. Dieser Brief sei «ein Schrei um Aufmerksamkeit», sagte der ehe­ma­lige israe­li­sche Diplomat und Hochschuldozent Alon Liel im Echo der Zeit, das als prak­tisch ein­ziges Medium über den Aufruf berich­tete. Es brauche diese Sanktionen gegen die ille­galen Siedlungen, um Israel wieder auf den Weg des Friedens zu zwingen: «Das ist nicht gegen, son­dern für Israel, nur so kann es vor dem Niedergang bewahrt werden.»

Während ver­schie­dene euro­päi­sche Länder wie Spanien, Irland, Belgien oder Holland längst in dieser Hinsicht aktiv sind, ver­zichtet die Schweiz bis­lang sogar darauf, eine Herkunftsdeklaration von Produkten aus den besetzten Gebieten durch­zu­setzen. Auch hier bleibt es beim Schweigen und Weiterwursteln à la Cassis gegen­über dem Unrechtsstaat Israel.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass für Cassis «Neutralität» in Bezug auf den Nahen Osten nie ein Thema war – und es wohl bis heute nicht ist. Seine ein­sei­tige Parteinahme für Israel findet in der aktu­ellen Zusammensetzung des Parlaments ihr Abbild. Und oppo­si­tio­nelle Stimmen ziehen es vor zu schweigen, weil sie sich davor fürchten, andern­falls den Vorwurf des Antisemitismus einzuhandeln.

Ob die Diskussionen um die Neutralitäts-Initiative dies­be­züg­lich Abhilfe schaffen? – Das Gegenteil ist aktuell zu beob­achten: Die realen Auswirkungen der Schweizer (Neutralitäts)-Politik etwa für die Menschen in Gaza oder im Westjordanland werden tun­lichst aus­ge­klam­mert. Noch fle­xi­bler als die Argumente, sind die kon­kreten Taten: Im Zweifelsfall zurecht­ge­bogen und gerecht­fer­tigt, für Schweizer Geschäftemacherei.


Eine Antwort auf „Worte statt Taten“

  1. Mit oder ohne Neutralität machen die Schweizer Kapitalisten Geschäfte, das ist eben ihr Geschäft. Sie haben freie Hand. Laut Cassis kann oder darf die Regierung nicht in die Handelsfreiheit ein­greifen, um zum Beispiel den Handel mit den völ­ker­rechts­wid­rigen Siedlungen – die Kolonisierung besetzter Gebiete ist gemäss Vierter Genfer Konvention (im Landesrecht ver­an­kert) ein Kriegsverbrechen – zu unter­binden. Sei es in Palästina oder in der Westsahara. Das Völkerrecht gebietet, dass die Siedlungskolonisation nicht aner­kannt und unter­stützt werden darf. Ein Handelsverbot mit völ­ker­rechts­wid­rigen Siedlungen ist bloss eine Anwendung gel­tenden Rechts und hat weder mit wirt­schaft­li­chen Zwangsmassnahmen (Sanktionen) noch mit Neutralität gegen­über einem andern Staat etwas zu tun. Zu Unrecht beruft sich Cassis auf das Embargogesetz. Keine Parlamentsfraktion hält ihm entgegen.

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