Skip to content

Worte statt Taten –
auch bei der Ernährung

Seit Wochen tobt der Abstimmungskampf um die Verankerung der Schweizer Neutralität in einem neuen Verfassungsartikel. Während auf Plakatwänden und Zeitungsseiten Pro- und Contra-Parolen zuhauf erscheinen, ist von der zweiten Initiative, über die wir am 27. September abstimmen werden, kaum die Rede.

Über den Vorschlag, mit klugen Weichenstellungen die Schweizer Landwirtschaft und Ernährungssicherung zukunfts­taug­lich zu machen, wie es die «Ernährungsinitiative» for­dert, findet keine ver­gleich­bare öffent­liche Debatte statt. Dabei ist sie für die Sicherheit und Zukunft der Schweiz min­de­stens ebenso wichtig wie die Initiative zur «Wahrung der schwei­ze­ri­schen Neutralität».

Der Grund dafür liegt in der Politik der Bundeshaus-Parteien, die sich bereits in der Parlamentsdebatte mit selten geeinter Front gegen das Ernährungs-Volksbegehren gestemmt hatten.

Nicht einmal die Grünen oder die Kleinbauernvereinigung unter­stützen die Vorlage, obschon sie inhalt­lich voll und ganz auf ihrer Linie liegt: Die von der enga­gierten Umwelt- und Ernährungsaktivistin Franziska Herren mit Unterstützung von Greenpeace und Pro Natura lan­cierte Initiative will näm­lich sowohl die Wasserversorgung lang­fri­stig sichern, wie auch die Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität erhalten sowie den Anbau pflanz­li­cher Lebensmittel för­dern, um unseren Selbstversorgungsgrad zu verbessern.

Mit dem Ansatz, künftig den Gewässerschutz und die Landwirtschaft nach den vor­han­denen Ressourcen aus­zu­richten und diese lang­fri­stig zu schützen, zeigt die Ernährungsinitiative einen Weg auf, wie wir in Zeiten von Klimaerhitzung und extremer Trockenheit, die nun defi­nitiv auch in unseren Breitengraden dra­sti­sche Folgen zeigen, die Ernährungssicherheit lang­fri­stig sicher­stellen können.

Als Instrumente für den drin­genden Schutz von Trinkwasserversorgung und Biodiversität sowie die dafür not­wen­dige Umgestaltung der Landwirtschaft sollen Subventionen, Forschung und Förderung, die Ausbildung in der Landwirtschaft und staat­liche Anreize gezielt so ein­ge­setzt werden, dass sie eine nach­hal­tige Lebensmittelproduktion mit einem Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent bewirken.

Ein ambi­tio­niertes Unterfangen, das bei der SVP und der Bauernlobby von vorn­herein auf erbit­terten Widerstand gestossen ist und ent­spre­chend bekämpft wird. Doch auch von den anderen grossen Parteien im Bundeshaus mochte sich nie­mand für die Vorlage stark machen. Landwirtschaftspolitik scheint in Bern mitt­ler­weile zu einem Tabu-Thema mutiert zu sein, an dem sich nie­mand die Finger ver­brennen will.

Wie sonst ist zu erklären, dass sich nicht einmal die Umweltverbände, die beim Unterschriftensammeln für die Initiative noch aktive Unterstützung lei­steten, gänz­lich auf ein Engagement vor der Abstimmung ver­zichten? Die Grünen und die Kleinbauernvereinigung konnten sich auf natio­naler Ebene gerade mal zu einer Stimmfreigabe durch­ringen, wäh­rend die SP gar die Nein-Parole propagiert.

Damit setzen sich die Genoss:innen mit dem Bauernverband und der SVP ins gleiche Boot, um gemeinsam mit dem schwach­sin­nigen Fake-Slogan «Nein zum Vegan-Zwang» gegen die Initiative ins Feld zu ziehen und sie zum Absturz zu bringen.

Das ist beson­ders bemer­kens­wert, weil die glei­chen SP-Exponent:innen, die bei ihrer Nein-Kampagne gegen die Neutralitätsinitiative nicht müde werden, diese als Blocher- und SVP-Machwerk zu dis­kre­di­tieren, bei der Ernährungsinitiative mit genau dieser von ihnen ver­teu­felten Partei ohne Wenn und Aber gemeine Sache machen.

Die Ernährungsinitiative ver­folge zwar viele gute Ziele wie den Schutz von Trinkwasser, Umwelt und Biodiversität – sie tue das aber mit Mitteln, die sie nicht wolle, begrün­dete die Solothurner SP-Ständerätin Franziska Roth ihre Ablehnung, mit der sie als Fachreferentin an der Delegiertenversammlung die SP-Nein-Parole durchboxte.

Sie ist Co-Präsidentin des breit auf­ge­stellten «Komitees gegen die Ernährungsinitiative», auf dessen Website eben­falls der Slogan «Nein zum Vegan-Zwang!» prangt. Das Komitee ver­breitet unhalt­bare Behauptungen, wie etwa, dass die Annahme der Initiative das Ende der Konsumfreiheit im Lebensmittelbereich bedeuten würde.

Angesichts der durch schäd­liche Subventionen ange­heizten Überproduktion von Fleisch und Milchprodukten ist das völ­liger Unsinn. Und kurz­sichtig, wie uns die aktu­elle Situation zeigt: Hitze und Trockenheit zwingen Bauern und Bäuerinnen dazu, ihre Tiere zu schlachten, weil infolge Wassermangels nicht genü­gend Futter vor­handen ist.

Dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie drin­gend eine fun­da­men­tale Kursänderung in der Agrarpolitik ist. Es gibt genü­gend Fachleute, die gute Gründe dafür ins Feld führen.

Der ganz­heit­liche Ansatz der Ernährungsinitiative wird zum Beispiel vom ehe­ma­ligen Leiter der Sektion Grundwasserschutz beim BAFU, Daniel Hartmann, unter­stützt, von der bekannten Biologin Florianne Koechlin, von der grünen Politikerin und Biobäuerin Gertrud Häseli aus dem Fricktal oder der Berner SP-Grossrätin Susanne Claus.

Dies zeigt: Der mas­siven Nein-Front der Bundespolitiker:innen steht eine gescheite Ladung von Know-how und Engagement ent­gegen. Aufhorchen lässt auch die aktu­elle SRG- Umfrage zur Abstimmung vom 27. September: Obschon die Ernährungsinitiative in der Debatte bis­lang negativ dar­ge­stellt wurde, haben 47 Prozent der Befragten für ein JA votiert.

Bei Personen, die den Grünen nahe­stehen, stimmten gar 84 Prozent dem Volksbegehren zu, bei der SP eben­falls eiine Mehrheit, näm­lich 64 Prozent. Manchmal ist die Parteibasis eben klüger als deren Lautsprecher:innen.

Es gibt des­halb einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass sich in Bezug auf die Ernährungsinitiative am 27. September doch noch Klugheit und Vernunft durch­setzen – obschon sie es im Schweizer Politbetrieb bekannt­lich schwer haben, und auch an Abstimmungssonntagen allzu oft die Verhinderer:innen aus Eigeninteresse den Sieg davontragen.


Weiterführende Links zum Thema

Argumentarium der Initiant:innen:

click and read

Stellungnahme des Vereins Vision Landwirtschaft

click and read

Eine Antwort auf „Worte statt Taten –
auch bei der Ernährung“

  1. Selbst wenn sich jemand aus der grünen Politik eine andere Zusammenarbeit mit Franziska Herren gewünscht hätte: Dies ist ein­fach kein Grund, die Initiative nicht zu unter­stützen. In der Sache würde eine Annahme der Ernährungsinitiative sehr viel bewirken – und das unter den markt­wirt­schaft­li­chen Vorzeichen und einer Landwirtschaftspolitik, die mit bis­he­riger Politik kom­pa­tibel ist. Es stimmt ein­fach nicht, dass es Vorschriften zum Konsum geben wird! Dieses Argument ist genauso schlecht wie das­je­nige von Trump und wei­teren Republikanern, die bei der Forderung nach einer ver­tret­baren Gesundheitspolitik gleich vom dro­henden Kommunismus reden. Fallen wir nicht auf solche Propaganda rein, stimmen wir beherzt JA für die Ernährungsinitiative!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zeichenzahl: 0/1000
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.