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Wie Israel den ESC frisiert

Nein, ich bin kein Fan des Eurovison Song Contests. Mit Musik hat dieser Anlass nur noch am Rande zu tun, und die aufwändige Inszenierung mit den Bühnenshows sind auch nicht mein Ding. Langweilig bis oberpeinlich, so mein Fazit nach einer halben Stunde Halbfinale in Wien.

Doch der ESC hat unbestritten sein Publikum. Weltweit erreicht das von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) veran­staltete Spektakel laut eigenen Angaben alljährlich über 160 Millionen Menschen. Ein Riesenpotenzial, nicht nur für die teilneh­menden Sänger:innen und Gruppen. Vor allem die Veranstalter und Sponsor:innen wissen die grosse Bühne für sich zu nutzen und Profit daraus zu schlagen. Und natürlich die Politik. 

Trägerinnen des ESC sind die Rundfunkanstalten der teilneh­menden Länder, die dafür unter­schiedlich hohe Beiträge an die Organisation des Anlasses ausrichten. Am meisten zahlen die «Big Four» Deutschland, Frankreich, Italien und Grossbritannien, wodurch sich deren Kandidat:innen im Wettbewerb automa­tisch fürs Finale quali­fi­zieren. Nach dem Motto: Wer zahlt, wird belohnt. 

Zwar werden die Organisator:innen nicht müde, stets von neuem zu betonen, Ziel des ESC sei einzig und allein die völker­ver­bin­dende Kraft von Gesing, Getanz und Gekreisch zu feiern. Eine Behauptung, die so schein­heilig ist wie falsch. Dies zeigt sich schon daran, dass der Wettbewerb durch und durch natio­na­li­stisch konno­tiert ist: Es geht nicht in erster Linie um die Sänger:innen und die Songs, sondern um deren Herkunft. Sie hüllen sich in Landesflaggen und ihre Fans schwingen patrio­tische Fähnchen, sobald sie merken, dass die Kamera auf sie gerichtet ist.

Kein anderer Staat treibt die Vereinnahmung des ESC für seine Imagepflege jedoch dermassen auf die Spitze wie Israel. Dessen Teilnahme sorgte dieses Jahr schon im Vorfeld wieder für heftige Diskussionen. Nicht nur, weil Kritiker:innen forderten, Israels sei wegen seinen andau­ernden massiven Menschenrechtsverletzungen vom diesjäh­rigen ESC auszu­schliessen – analog zu Russland, dessen Teilnahme am ESC wegen des Kriegs in der Ukraine seit 2022 sistiert ist.

Ein zentraler Punkt, weshalb Vertreter:innen verschie­dener Rundfunkanstalten für einen Ausschluss Israels plädierten, war darüber hinaus dessen massives staatlich finan­ziertes und gesteu­ertes Campaigning, mit dem die Regierung Netanyahu um Votings für die israe­lische Kandidatur wirbt. Dank diesen aufwän­digen PR-Kampagnen schafften es die israe­li­schen Schlagersternchen in den letzten Jahren regel­mässig auf Spitzenränge. 

Vor zwei Jahren, als Israels Teilnahme am ESC wegen des Genozids in Gaza erstmals inter­na­tional für heftige Kritik sorgte, hat das israe­lische Regime die Kandidatur seiner Teilnehmerin Eden Golan mit sage und schreibe 800’000 USD unter­stützt, wie eine Recherche der New York Times aufge­deckt hat. Am damaligen Wettbewerb in Malmö, den Nemo gewonnen hatte, erreichte der israe­lische Song «Hurricane» – eine Anspielung auf die Attacke vom 7. Oktober 2023 – Platz 5. Schon damals auffällig: Die starke Mobilisierung von Publikumsstimmen für Eden Golan.

Beflügelt von diesem Erfolg, erhöhte Israel seinen Propaganda-Einsatz im darauf­fol­genden Jahr am ESC in Basel sogar auf 1’000’000 USD. Zu einem grossen Teil flossen die Mittel erneut in Werbung auf Social Media, mit welcher alle die abstimmen wollten, dazu aufge­fordert wurden, die ihnen zur Verfügung stehenden 20 Stimmen (oder getrickst auch mehr) an die israe­lische Sängerin Yuval Raphael zu vergeben.

Gleichzeitig lief eine medial hochge­peitschte Kampagne, die jede Kritik an der Teilnahme Israels oder am Auftritt der Künstlerin, als Antisemitismus brand­markte. Dies wurde zusätzlich noch befeuert, weil Raphael als Überlebende der Attacke auf das Supernova Festival vom 7. Oktober 2023 für Israel einen «Unique selling Value» darstellte.

Die Wette ging auf: Raphael schaffte es mit ihrem patrio­tisch gefärbten Song 2025 in Basel auf den zweiten Platz. Doch diesmal war der staatlich finan­zierte Stimmenkauf so offen­sichtlich, dass verschiedene Rundfunkanstalten forderten, der ESC müsse trans­pa­renter über die Abstimmungsresultate in den einzelnen Ländern kommu­ni­zieren. Und Israel müsse entweder ausge­schlossen werden oder dürfe zumindest den Song Contest nicht weiter als Propaganda-Plattform missbrauchen.

Keine dieser Forderungen wurde erfüllt. Zwar gab es innerhalb des ESC-Komitees offenbar heftige Diskussionen, wie der Bericht der NYT aufzeigt. Schliesslich hat man sich jedoch damit begnügt, die Regeln für den diesjäh­rigen Wettbewerb leicht anzupassen und die Anzahl der Stimmen, die vergeben werden können, von 20 auf 10 zu halbieren.

Damit war der Ausschluss Israels gebodigt, was zur Folge hatte, dass die öffentlich-recht­lichen TV-Sender von Spanien, Irland, Island, Slowenien und Holland dieses Jahr auf die Teilnahme am ESC verzich­teten und keine Kandidat:innen nach Wien schickten.

Soweit wollte die SRG nicht gehen. Obschon sich Singperson Nemo, die für die Schweiz 2024 einen glänzenden Sieg einge­fahren und damals rundum gefeiert wurde, mittler­weile mit deutlichen Worten vom ESC wegen dessen Israel-Politik distan­ziert hat.

So wieder­holte sich in Wien das Szenario vom letzten Jahr – trotz der kosme­ti­schen Reglementsänderung: Wiederum feuerte Israel weltweit mit Propagandakanonen auf Social Media für den israe­li­schen Beitrag. Und wiederum schaffte es der israe­lische Sänger – wenig überra­schend – auf Platz 2. Aus zahlreichen Ländern war er vom Publikum mit der Maximalstimmenzahl auf Platz 1 gewählt worden – auch aus der Schweiz.

Wie es dazu kam, darüber schwiegen unsere Medien mehrheitlich. Lieber zelebrieren sie weiterhin den Myhtos des völker­ver­bin­denden Show-Happenings und verbreiten immer noch die Mär von dessen politik­freien, völker­ver­bin­denden Wirkung.

Wenig ist in unseren Medien auch über den grössten Sponsor der Trällereuropiade zu erfahren. Dabei gäbe es auch darüber einiges zu berichten. Das Unternehmen, das seit 2020 als Hauptsponsor des europäi­schen Song Contests auftritt, hat auch dieses Jahr wieder damit geworben, dass es den Stars und Sternchen im Backstagebereich mit einem Team von Hairstylisten zur Seite stehe. Es handelt sich dabei um die israe­lische Kosmetikfirma Moroccanoil mit Hauptsitz in den USA

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Der europäische Gesangswettbewerb – ein von Israel frisierter Anlass.…


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