
Ein Wochenende in Mainz. Am Samstagabend auf der kleinsten Bühne im Untergeschoss des Staatstheaters das Drama «Der blinde Passagier». Das Stück handelt von einer dänischen Schiffersfamilie und einem jüdischen Arzt auf der Flucht vor den Nazis. Geschrieben 1938 – im Sommer 2025 in Düsseldorf und Mainz erstmals aufgeführt…
Die aus Wien stammende Autorin Maria Lazar hatte bereits seit den 1920er Jahren in ihren Werken die gesellschaftlichen Entwicklungen und das Aufkommen des Faschismus in Deutschland und Österreich angeprangert. Mit prägnanten Sätzen und in kurzen Worten verstand sie es, die damalige Atmosphäre in ihren Texten heraufzubeschwören, die menschlichen Triebe und Träume zu benennen.
1933 emigrierte Maria Lazar, zusammen mit Helene Weigel und Bertold Brecht, nach Dänemark, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Dort schrieb sie unter anderem auch das Theaterstück «Der blinde Passagier», das zu ihren Lebzeiten nie aufgeführt wurde und – wie ihr gesamtes Werk – nach dem Krieg lange Jahre in Vergessenheit geriet.
Erst in jüngster Zeit feiern ihre Romane und vor allem die Theaterstücke ein Revival. Zu Recht, denn ihre Themen sind von beklemmender Aktualität – und ihre messerscharfen Analysen gehen unter die Haut. Nachdem uns vor ein paar Monaten schon ihre scharfsinnige Komödie «Die Hölle auf Erden» begeistert hatte, machten wir uns also auf den Weg nach Mainz…
Dies, nach einer Woche heftiger Debatten in Politik und Medien über die vom Bundesrat unterstützte medizinische Hilfe für 20 schwerverletzte Kinder aus Gaza in Schweizer Spitälern. Nach langem Hin und Her sind die ersten sieben kleinen Kriegsverletzten endlich in der Schweiz eingetroffen. Die Reaktionen auf diese bescheidene «humanitäre Aktion» sind jedoch alles andere als ein Zeichen von Menschlichkeit und Mitgefühl. Sie sind vielmehr schlichtweg entsetzlich.
Zwar lösten die kantonale SVP-Gesundheitsdirektorin aus Zürich und ihre Kollegen aus Bern und Aarau Empörung aus, als sie sich hartnäckig weigerten, auch nur einem einzigen Kind aus Palästina dringend benötigte Nothilfe zu gewähren: In allen drei Kantonen wurden umgehend Petitionen lanciert, die verlangen, dass die humanitäre Verweigerungshaltung der SVP-Regierenden zurückgenommen und korrigiert wird.
Allerdings wurde diese Kritik schnell von lautstärkerem Heulen gegen die bundesrätliche Initiative übertönt. Haarsträubend, welch ungehemmter Rassismus und blanker Egoismus sich in den Online-Kommentaren Blick-auf, Tamedia-ab manifestierte. Aber auch die Artikel und Journalisten-Kommentare von NZZ bis SRF warnten aus hyperventilierender Sorge um das Schweizerland vor importierter «Terrorismusgefahr» durch die Begleitenden der Kinder und vor einer drohenden Überlastung des Asylsystems.



Besonders zahlreich waren die Voten in den Kommentarspalten, welche die Kosten für die Hilfe an die Kriegsopfer monierten und forderten, «die das organisiert haben, sollen es auch bezahlen», es gebe in der Schweiz genügend bedürftige Menschen, um die man sich erst einmal kümmern müsse. Die kranken palästinensischen Kinder sollten bleiben, wo sie sind und (wenn überhaupt) dort behandelt werden…


Im Zug von Zürich nach Mainz hatten wir viel Zeit, uns in die Lektüre der Hassspalten zu vertiefen. Unfassbar – erschreckend, wie ungeschminkt sich hier die hässliche Fratze von übersatten und wohlstandsgeniessenden Angsthasen präsentiert. Empathie? Humanität? Das vielzitierte Erbe von Henri Dunant? – Vergiss es. Die Palette der Abscheulichkeiten reicht von «das Fass ist schon lange überloffen» bis «wir müssen auch auf uns schauen und nicht noch mehr auf andere, sorry.»
Ein paar Stunden später in Mainz auf der Theaterbühne, ruft der dänische Kapitän Petersen, auf dessen Boot im norddeutschen Hafen sich ein jüdischer Flüchtling vor der Gestapo gerettet hat: «Ich will Musik. Was Lustiges. Und zwar am liebsten von zuhause. Kinder, wie schön ist es in unserem kleinen Land.»

Er verweigert sich allen Nachrichten im Radio, will nichts über die Taten des deutschen Regimes hören und dreht so lange am Knopf des Geräts, bis er einen Sender mit leichter Musik gefunden hat.
Seinen erwachsenen Kindern Carl und Nina steht der Sinn jedoch nicht nach Gemütlichkeit und Feiern. Ihnen lässt Maria Lazar Raum für Mitgefühl und Menschlichkeit: Sie wollen den jungen jüdischen Arzt Hartmann über die Nordsee nach Dänemark schmuggeln.
Auf die Frage, was er denn verbrochen habe, sagt Hartmann: «Ich liess mich auf die Welt setzen. Vor neunundzwanzig Jahren. – Von jüdischen Eltern. In Wien.» – Und auf die Feststellung, jeder Mensch müsse doch ein Zuhause haben, entgegnet er: «Es gibt Menschen, von denen verlangt man, dass sie nirgends sind. Und wenn sie trotzdem noch wo bleiben wollen, dann sind sie unbequem.»

«Was geht mich das an?» lautet dazu die rhetorisch gemeinte lapidare Frage des Steuermanns, der gleichzeitig Ninas Verlobter ist. Und weiter: «Ich päpple diesen Fremden nicht. Ich frag sogar, wer ist er eigentlich? Wie kommt er her? Was geht er uns an?»
Genau die Sprache, die wir seit Tagen in den überquellenden Schweizer Kommentarspalten wiederfinden. Wie überhaupt sämtliche Dialoge an diesem Abend auf der Bühne von einer mit Händen greifbaren Aktualität sind.
Jeder im Jahr 1938 geschriebene Satz passt auch im Oktober 2025. In Bezug auf Gaza, aber nicht nur… Und es läuft einem kalt den Rücken hinunter, wenn die Mutter der Schiffersfamilie bei der Ankunft in Dänemark Hartmanns Selbstmord während der Überfahrt kommentiert: «Der arme Mensch. Aber einen anderen Platz hätte er sich schon aussuchen können.»

Das Fazit am Schluss des Stücks legt Maria Lazar der Tochter Nina in den Mund: «Man muss nicht Blut an den Fingern haben, um ein Mörder zu sein.»
Der blinde Passagier von Maria Lazar – ein top-aktuelles Stück, das unter die Haut geht – und das wir gerne auch auf Schweizer Bühnen sehen würden!
Hier der Trailer der Mainzer Inszenierung:
