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Von Schlagzeilen, offenen Briefen und einer Gegendarstellung

Welche Wahrheiten aus dem Nahen Osten schaffen es in unsere Medien? Ist Wahrheit immer sowohl als auch? Was wird berichtet, was unter­schlagen, was gleichgeschaltet? 

Fakt ist: Es braucht bei uns drin­gend Gegenstimmen, gegen die noto­risch fal­sche Gleichsetzung von Kritik am rechts­extremen Regime in Israel mit Antisemitismus. Und auch, weil die Medien hier­zu­lande immer wieder das schweiz­weite Engagement für Freiheit und Rechte der Palästinenser:innen kur­zer­hand als Hamas- und Gewalt-Verherrlichung etikettieren.

Dazu drei Beispiele:

«Allfällige Gewalttäter haben bei uns keinen Platz» – mit diesem Zitat bewirbt Radio SRF das Interview mit der Grünen Lisa Mazzone in der Samstagsrundschau vom letzten Samstag. Meine erste Reaktion auf diese Schlagzeile: Ich kann es langsam nicht mehr hören! Statt das andau­ernde uner­träg­liche Schweigen der Schweiz zum israe­li­schen Völkermorden anzu­pran­gern, ist sich auch die Grünen-Präsidentin nicht zu schade, die Demo vom 11. Oktober nach Strich und Faden zu verurteilen…

Zum Glück habe ich dann trotzdem noch in die Sendung hin­ein­ge­zappt – und siehe da: Was Lisa Mazzone in diesem halb­stün­digen Interview in Bezug auf den Nahen Osten und das Versagen der Schweizer Politik sagt, tönt ganz anders!

Mit stoi­scher Ruhe und unmiss­ver­ständ­li­cher Klarheit erin­nert sie an die uner­träg­liche Situation der Menschen in Gaza und ver­ur­teilt den Bundesrat, und dass sich die Schweiz absicht­lich auf der inter­na­tio­nalen Bühne hinter dem Vorhang ver­steckt halte. Sie erklärt nicht nur, wes­halb sie gemeinsam mit anderen die Volksinitiative für die Anerkennung des Staates Palästina lan­ciert hat, son­dern auch, wes­halb sie die Sumud Flotilla unterstützt.

«Die Grünen – wei­terhin an der Seite der Menschen in Gaza» hätte dem­nach genauso gut als Titel über dem Interview stehen können. Doch solche Aussagen und dif­fe­ren­zierte Erklärungen inter­es­sierten SRF-Bundeshausredaktorin Nathalie Christen nicht. Ihre Fragen drehten sich pene­trant – in lupen­reinem Thesenjournalismus – um den ewig­glei­chen Vorwurf, die Grünen und ihre Präsidentin würden sich nicht genü­gend von Gewalt und Antisemitismus distanzieren.

Die ten­den­ziöse Befragung hatte nichts zu tun mit einem pro­fes­sio­nellen jour­na­li­stisch geführten Interview, bei dem kri­ti­sches Nachhaken selbst­ver­ständ­lich seinen Platz hat. Christen ver­suchte viel­mehr, in einer Art Kreuzverhör das Gespräch auf die Gewalt- und Antisemitismusvorwürfe zu redu­zieren. Lisa Mazzone wusste dies gekonnt zu ver­hin­dern – bleibt die Frage, ob und wie dies bei der Zuhörerschaft ankommt, ange­sichts des fehl­lei­tenden Titels.

Tagtäglich erleben wir (ins­be­son­dere im deut­schen Sprachraum), wie mani­pu­lativ unsere Medien über den Nahen Osten berichten. Die Demo vom 11. Oktober in Bern ist dafür ein Paradebeispiel: Von NZZ bis WOZ bliesen alle ins gleiche Horn. Sie rückten die «Debatte» über eine angeb­liche Radikalisierung der soge­nannten Antifa und «noch nie dage­we­sene Gewalteskalationen» tage­lang ins Zentrum, und heizten die Volksempörung auf. Als die Sache end­lich gegessen schien, tischte der Blick noch eine Abschrift von Christoph Blochers wöchent­li­cher Predigt auf Blocher TV auf, und TA-Media pran­gerte, gestützt auf anonymen Aussagen eines ehe­ma­ligen Mitglieds der «links­al­ter­na­tiven Szene», den dort angeb­lich gras­sie­renden Antisemitismus an.

Ein wei­teres Beispiel für die Unterdrückung Israel-kri­ti­scher Stimmen ist die Diffamierung des Schweizer Regisseurs und aktu­ellen Direktors der Wiener Festwochen Milo Rau. Anfang Oktober publi­zierte er unter dem Titel «Widerstand jetzt – Brief an meine Freund:innen» einen Text, mit wel­chem er seine Kolleg:innen im Kulturbetrieb dazu auf­ruft, zum Morden im Nahen Osten nicht länger zu schweigen.

Er ern­tete damit einen veri­ta­blen Shitstorm – man unter­stellte ihm Geltungsdrang und Antisemitismus im Doppelpack. Orchestriert wurde der Protest von bekannten Israel-Lobbyst:innen und Kulturschaffenden, die sich durch seinen Aufruf, die Aufmerksamkeit auch auf der Bühne auf das zu lenken «was draussen in der Welt geschieht», offenbar her­aus­ge­for­dert fühlten. Unter ihnen die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die sich – aus wel­chen Gründen auch immer – als Prominente vor den Karren der Rau-Gegner:innen spannte.

Wer sich näm­lich die Mühe nimmt und den Brief von Rau in der Originalfassung liest, kann sich ob der hyste­ri­schen Polemik nur wun­dern. Auch hier, einmal mehr, wird ver­sucht, mit Wortklaubereien und aus der Luft gegrif­fenen Vorwürfen einen unbe­quemen Kulturschaffenden zu dif­fa­mieren – und am lieb­sten aus Wien (und besser noch der gesamten Theaterwelt) zu verbannen.

Die Zahl der Mutigen, die trotz des Gegenwinds aus Medien und Politik hin­stehen und sich für Menschenrechte und gegen Völkermord enga­gieren, ist über­schaubar. Milo Rau wird gefeiert, solange er sich in seinen Inszenierungen darauf beschränkt, mul­ti­na­tio­nale Konzerne und Unrechtsregimes in Afrika anzu­pran­gern – mit seinem Einsatz für Menschenrechte und eine huma­ni­sti­sche Haltung der Kunst, auch vor dem Hintergrund der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten hin­gegen, erntet er Ablehnung und Kritik.

Last but not least ist der Lausanner Geschichtsprofessor Bernhard C. Schär zu nennen: Er ist einer der wenigen Historiker hier­zu­lande, die zur Geschichte und aktu­ellen Politik in Bezug auf den Nahen Osten klar Stellung beziehen und wagen, die Schweizer Politiker:innen und Medien in die Verantwortung zu nehmen.

Auch für Historiker Schär blieb dies nicht ohne Folgen: Mitte September ver­suchte die NZZ, den unbot­mäs­sigen Professor zu demon­tieren, indem sie in einem ganz­sei­tigen Artikel dessen Forschungskompetenz glattweg infrage stellte. Das ist ihr miss­raten, nicht zuletzt dank einer breiten Unterstützung durch seine Kolleg:innen. Schliesslich musste die NZZ ihre halt­losen Unterstellungen zurück­nehmen und dies in einer Gegendarstellung publizieren.

Bernhard C. Schär war übri­gens Anfang Juli der ein­zige Universitätsvertreter, der nament­lich hin­stand und die Ausladung der UN-Berichterstatterin Francesca Albanese durch die Uni Bern kri­ti­sierte. Im Nachgang zur Demo vom 11. Oktober kom­men­tierte er in den Sozialen Medien:

«Der Widerspruch zwi­schen unserer Aussenpolitik und unseren Idealen kann nicht auf der Strasse auf­ge­löst werden. In der Hauptverantwortung stehen Politik und Medien. Sie haben eine wich­tige Ventilfunktion in der Gesellschaft. (…) Vor dieser Verantwortung sind Politik und Medien in letzter Zeit jedoch zu stark zurück­ge­scheut. Zu hoffen ist also, dass sie künftig ihren Verfassungspatriotismus neu ent­decken. Und auch dass sie ihre allzu arg erlahmte Leidenschaft für demo­kra­ti­sche Politik und Debatte neu ent­fa­chen. Denn wozu, wenn nicht hierzu, sind sie da?»

Während die Kundgebung vom 11. Oktober in der Schweizer Polit- und Medienlandschaft zwecks LinksGrün-Bashing, ver­bunden, mit dem Ruf nach Einschränkungen der Meinungsfreiheit, miss­braucht wurde, beschränkte sich die Berichterstattung aus dem Nahen Osten auf Trumps grosse Show und die Geiselrückkehr in Israel.

Das Hoffen und Leiden der Menschen in Gaza und im Westjordanland hin­gegen, wo Siedler und die israe­li­sche Armee die palä­sti­nen­si­sche Bevölkerung wei­terhin ter­ro­ri­sieren, waren unseren Medien kaum eine Erwähnung wert. Und die Tatsache, dass in Gaza alles andere als Frieden herrscht – nicht in erster Linie wegen der Hamas, son­dern weil Israel wei­terhin Hilfslieferungen behin­dert und trotz Waffenstillstand bereits wieder mehr­fach Bomben abge­worfen und Dutzende von Zivilist:innen ermordet hat, wird unter den Tisch gekehrt.

4 Antworten auf „Von Schlagzeilen, offenen Briefen und einer Gegendarstellung“

  1. Jetzt ist die Justiz gefor­dert, sonst ver­liert am Schluss auch noch die Demokratie”
    200 gewalt­be­reite Demonstrierende bringen die Schweiz an den Abgrund, der Weiterbestand der Demokratie ist gefährdet.
    Dieses Fazit publi­zierte Marcello Odermatt – Chefredaktor des Tamedia-Lokalblatts “Der Bund” – bereits am Montag nach der Demo vom 11. Oktober. Wie ernst die Lage sei, erfuhr die Leserschaft in einem Stakkato wei­terer alar­mi­sti­scher Artikel, welche im Verlauf der Woche nach­ge­reicht wurden.
    Die gute Nachricht: Auch in Bern ist die Demokratie noch nicht unter­ge­gangen. Die schlechte Nachricht: Für den rechten Mob wurde auf den Kommentarseiten ein unli­mi­tierter Echoraum geschaffen. Dieser wurde eifrig genutzt, das Niveau der Beiträge sank auf ein Allzeittief. Dass alle Unterstützung für Palästina durch die Hamas koor­di­niert und finan­ziert werde: geschenkt. Wer das möchte, kann jetzt auch zur Bildung bewaff­neter Bürgerwehren auf­rufen. Wer das keine gute Idee findet wird zensuriert.
    Auch zur Perpetuierung des israe­li­schen Opfernarrativs gibt es krea­tive neue Ideen. Der Ha’aretz-Kolumnist Daniel Levy zitiert gerne den bis­he­rigen Rekord: “Israel ist die erste Besatzungsmacht der Geschichte, die sich als Opfer der Besatzung betrachtet.” Dieser Rekord wurde auf der Kommentarseite des “Bund” übertroffen:
    Israel hatte keine andere Wahl. Zum Schutz seines Existenzrechts musste ein Genozid durch­ge­führt werden. Die IDF ging dabei mög­lichst human vor.
    Diese Aussagen führen uns zu zwei wohl­be­kannten Einsichten: Israel musste den Genozid aus Gründen des Selbstschutzes durch­führen. Diese “Rechtfertigung” ist die argu­men­ta­tive Basis aller GenozidversteherInnen. Auch Nazis wie Eichmann wurden nicht müde, darauf hin­zu­weisen, dass die Shoah “mög­lichst human” voll­zogen wurde. Kurz: Die “mora­lischste Armee der Welt” musste einen Genozid ver­üben. Es gab dazu keine Alternative. Die IDF setzte diesen maximal human um. Israel ist das Opfer.
    In welche gesell­schaft­li­chen Abgründe blicken wir da? Was können wir dagegen tun?
    Ich weiss leider nur, was wir nicht tun sollten. Der tief ver­an­kerte gesell­schaft­liche Konsens des Prozionismus kann nicht mit Steinwürfen und in Brand gesetzten Containern in die Defensive gedrängt werden. Schon gar nicht mit Antisemitismus. Auch nicht mit der durch Grüne und SP ange­kün­digten Volksinitiative zur Anerkennung Palästinas. Zu letz­terem Vorschlag erlaube ich mir eine gegen mein poli­ti­sches Umfeld gerich­tete ket­ze­ri­sche Prognose: Diese Initiative wird relativ ein­fach die erfor­der­liche Unterschriftenzahl errei­chen, viele Menschen sind über die israe­li­sche Kampagne gegen Gaza ent­setzt. Die Anerkennung Palästinas ist pure Symbolik. Im Abstimmungskampf wird es schwierig werden, sich vom Antisemitismus abzu­grenzen. Das Abstimmungsergebnis wird die Schwäche anti­zio­ni­sti­scher Positionen in der Schweiz bestä­tigen. Wirklich treffen könnten wir Israel nur mit der Umsetzung der eben­falls dif­fa­mierten Forderungen der BDS-Bewegung. Die Herausforderungen bei einer Volksabstimmung wären dieselben.
    Zurück auf Feld 1: Wir können die pro­zio­ni­sti­sche Grundhaltung der Politik und der Gesellschaft nicht direkt angreifen.
    Wir müssten die Basis dieser Haltung ana­ly­sieren und ver­stehen. Ein Kernelement der tiefen Verbundenheit zwi­schen der Schweiz und Israel sehe ich in ver­bin­denden geteilten Aspekten der jewei­ligen Selbstwahrnehmung:
    – Zwei Zwergstaaten mit hohem Wohlstand, viel tech­ni­schem Know-How und wenig Skrupeln bei win­digen Geschäften.
    – Beide Staaten halten sich für etwas Besonderes. In Israel lebt das “aus­er­wählte Volk”, in der Schweiz die Angehörigen einer Sonderfallnation. Suprematismus verbindet.
    – Sowohl Israel als auch die Schweiz fühlen sich von Feinden umzin­gelt. Durch die “Araber” oder die EU.
    – Beide prä­sen­tieren sich als Hochburgen huma­ni­tärer Werte und mora­li­scher Überlegenheit. Beide können gut damit leben, dass ihnen das nie­mand abnimmt.
    – In beiden Staaten leben grosse Minderheiten ohne oder mit ein­ge­schränkten poli­ti­schen Rechten.
    – Rassismus ist in Israel Staatsräson, in der Verfassung und Gesetzen ver­an­kert. In der Schweiz wird er auf admi­ni­stra­tive Ebenen ver­la­gert. Er ist eher scheu und ver­sucht sich zu ver­stecken – was nicht gelingt, wenn die SVP agiert.
    – Weder die Schweiz noch Israel halten viel von der UNO. Völkerrecht? Ist für alle anderen.

    Entlang sol­cher Achsen finden sich viele Angriffspunkte. Ich wun­dere mich seit langem, dass nie­mand die völ­ker­rechts­wid­rige mili­tä­ri­sche Zusammenarbeit der zwei Musterknaben ins Visier nimmt. Die Aufregung über den Fehltritt der Ex-Fedpol-Chefin war gross. Vielleicht ist sie nur die Spitze des Eisbergs.

  2. Man kann es nicht genug anprangern!
    Der Islamische Widerstand wurde von der Gazabevölkerung gewählt, ver­tritt also das Volk, aber es ist nur von der TERRORORGANISATION HAMAS die Rede.
    Die Selbstverdummung des Schweizer Volkes ist weit fort­ge­schritten. Nicht, dass es früher besser stand, aber die Wirkung DER jARZEHNTELANGEN ZIONISTISCHEN PROPAGANDA ist verheerend.

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