Es lächelt der See – die Autobahn rauscht

End­lich liegt auch im Mit­tel­land wie­der Schnee. Dazu stahl­blauer Him­mel – ein Sams­tag­nach­mit­tag, der zum Spa­zie­ren lockt. Wir stei­gen in die S‑Bahn und errei­chen in einer knap­pen Stunde Schme­ri­kon am Ober­see. Von hier führt ein Stück Jakobs­weg in die Linthebene.

Zuerst geht es am Hal­len­bad vor­bei und über eine steile Brücke auf die hell leuch­tende Son­nen­seite des Damms. Vor uns die weite Ebene, die vor über 200 Jah­ren durch den Bau des Lin­th­ka­nals ent­sumpft und urbar gemacht wor­den ist. Wir fol­gen ihm ein Stück weit. 

Quer zum kana­li­sier­ten Fluss auf Beton­pfei­lern die Auto­bahn, die recht­erhand in einen Dop­pel-Tun­nel mün­det. Auto­lärm non­stop. Ein Stör­ge­räusch, das an Inten­si­tät zunimmt, je näher wir kommen. 

Wir gehen wei­ter, unter der Auto­bahn hin­durch. Bald errei­chen wir das mit­tel­al­ter­li­che Schloss Gry­nau – auch hier wer­den wir die uner­wünschte Geräusch­be­glei­tung nicht los: Im Nacken hart­näckig der unauf­hör­li­che Sound des Samstagverkehrs. 

Statt wei­ter durch die ver­lärmte Ebene Rich­tung Tug­gen zu gehen, ent­schei­den wir uns für den Wan­der­weg nach Lachen, der sanft über den Buech­berg führt. Bald sind wir mit­ten im Win­ter­zau­ber­wald, für kurze Zeit umge­ben von der Illu­sion men­schen­lärm­freier Natur.

Die Auto­bahn führt hier tief unter unse­ren Füs­sen durch einen Tun­nel. Dafür ertönt jetzt lau­tes Rat­tern, wie von einer Ket­ten­säge. Als uns ein schwar­zer SUV auf dem schma­len Forst­weg über­holt, sprin­gen wir zur Seite.

Heute ist offen­bar Holz­ertag bei den Waldbesitzer:innen: In der fol­gen­den Stunde kreu­zen wir min­de­stens vier Paare, die mit ihren Gelän­de­fahr­zeu­gen in den Wald gefah­ren sind, um hier mit ihren die­sel­knat­tern­den Maschi­nen aus Baum­stäm­men Schei­ter zu spalten.

Bald ver­las­sen wir den Wald wie­der. Der Blick schweift in die Weite, bis zu den Flum­ser­ber­gen. Am Wald­rand über­all geparkte Autos von Spaziergänger:innen, die den son­ni­gen Win­ter­nach­mit­tag für eine Tour mit ihren Vier­bei­nern nut­zen. Kin­dern schlit­teln an einem Abhang, alle genies­sen Sonne und Schnee.

Zau­ber­haft die Land­schaft, mit gefro­re­nen Wei­hern, weiss­ver­zier­ten Bäu­men und Büschen. Bald schon kommt tief­blau leuch­tend der Ober­see in Sicht. Ein Hafen mit einer ein­drück­li­chen Indu­strie­an­lage. Ein För­der­band führt bis auf die Anhöhe hin­auf, auf der wir stehen. 

Was mag das sein? Die Maschi­nen sind mit KIBAG ange­schrie­ben – wir tip­pen auf Kies­ver­wer­tung. Und lie­gen rich­tig, wie die abend­li­che Inter­net­re­cher­che nach unse­rer Rück­kehr zeigt: Die KIBAG baut in der Bucht von Nuo­len seit den 1920er Jah­ren Kies ab. Und tut dies bis heute. Das Bun­des­ge­richt hat die Klage einer ört­li­chen Natur­schutz­gruppe gegen die Ver­län­ge­rung der Betriebs­be­wil­li­gung abgewiesen.

Die Strasse führt nun steil hin­un­ter ins Dorf. Vor uns liegt erneut eine weite weisse Ebene – das Nuo­le­ner Ried. Eine grosse grüne Tafel weist auf das Natur­schutz­ge­biet hin. Zu unse­rer Lin­ken hin­ge­gen ein Kon­trast­pro­gramm: Mit ein­ma­li­ger Aus­sicht über das Moor, die schilf­be­stan­dene Ufer­land­schaft, den See bis zum Schloss Rap­pers­wil eine Sied­lung, wie aus einer ande­ren Welt.

Luxu­riöse Immo­bi­lien, die so gar nicht hier­her pas­sen wollen. 

Kurz nach­ge­dacht: Wir befin­den uns hier im Kan­ton Schwyz – einem Steu­er­pa­ra­dies, das Wohl­ha­bende anlockt und damit auch zu einem Para­dies für die Bau­in­du­strie und Immo­bi­li­en­händ­ler gewor­den ist. Ein wei­te­rer Blick ins Inter­net bestä­tigt unsere Ver­mu­tung: 2010 ist hier in gros­sem Stil Land­wirt­schafts­land ein­ge­zont wor­den. Damit war der Weg frei für das neue Vil­len­vier­tel «See­blick». 2014 titelte der Blick «Hier ent­steht die neue Gold­kü­ste», und auch das Schwei­zer Fern­se­hen berich­tete über die «Gold­grä­ber­stim­mung» in Nuo­len am Obersee. 

Die Geschichte geht wei­ter. Nach wie vor sind in Nuo­len die Gold­schürfer am Werk: 2019 stellte die Gemeinde die Pla­nung «Nuo­len See» vor, wonach eine Marina und in See­nähe wei­te­rer «qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger Wohn­raum» gebaut wer­den sollen…

Wir las­sen das Dorf hin­ter uns und tre­ten hin­aus in die Weite des Rieds. Eine Gruppe Schafe geniesst die Son­nen­strah­len und schaut uns Spa­zie­ren­den nach. Ihr son­nen­ver­wit­ter­ter Stall am Rand des Weges wird gerade aus­ge­mi­stet. Die elek­tri­sche Pumpe über­tönt das Rau­schen der Auto­bahn. Plötz­lich über­dröhnt vom Knat­tern eines Klein­flug­zeugs, das am See­ufer vor uns zur Lan­dung ansetzt.

Auf dem Flug­platz Wan­gen-Lachen herrscht reges Trei­ben. Wir beob­ach­ten, wie ein Flie­ger durch­star­ten muss – ein ande­res Flug­zeug ist ihm in die Quere gerollt. Es wird (durch-)gestartet und gelan­det, was das Zeug hält. Kli­ma­krise hin oder her.

«Abhe­ben zwi­schen Alpen­rand und Zürich­see!» lau­tet der Wer­be­slo­gan des Mini­flug­plat­zes, der sich sei­ner ein­ma­li­gen Lage «umge­ben von grü­ner Natur und vor den ein­drucks­vol­len Alpen» rühmt. 

Der Ort wäre in der Tat idyl­lisch, ohne den ohren­be­täu­ben­den Flug­lärm. Ein gutes Dut­zend Schwäne hat sich auf dem gefro­re­nen Ried nie­der­ge­las­sen. Ele­gant bie­gen sie ihre Hälse und las­sen sich weder vom Lärm aus der Luft noch von Zuschauer:innen auf dem Weg stö­ren. Im wenige Zen­ti­me­ter hohen Schnee gra­ben sie nach fri­schem Grün und genies­sen offen­sicht­lich ihre Mahlzeit. 

Don­nernd hebt der näch­ste Flie­ger ab, kurz dar­auf peitscht ein Schwarm von Enten aus der Bucht hoch, kreist über unsere Köpfe und lan­det eben­falls auf der weis­sen Ebene. Wie­der und wieder.

Wir spa­zie­ren wei­ter nach Lachen. Die Sei­den­strasse führt uns gera­de­wegs ins Zen­trum und über eine Bau­stelle zum Bahn­hof. Hier ist eine rie­sige Neu­über­bau­ung aus­ge­steckt, dem meh­rere ältere Lie­gen­schaf­ten wei­chen müs­sen. Gold­grä­ber­stim­mung offen­bar auch in die­ser Schwy­zer-Gemeinde. Das Orts­bild, keine Augenweide.

Mit der S2 fah­ren wir der «Pfnü­sel­kü­ste» ent­lang heim­wärts. Mit gemisch­ten Gefüh­len: Da ist zum einen die woh­lige Zufrie­den­heit nach einem erleb­nis­dich­ten, abwechs­lungs­rei­chen Sams­tag­nach­mit­tag in der Natur. Gleich­zei­tig aber auch Wut und Trauer, ange­sichts der fort­schrei­ten­den Zer­stö­rung eben die­ser Natur und unse­res Lebensraums.

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