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Tech-Giganten als Weltenretter

Genf ist diese Woche Schauplatz eines Grossanlasses zum Thema künst­liche Intelligenz: Unter dem Label «AI for Good» prä­sen­tieren Forschende, Unternehmen sowie Vertreter:innen aus Kunst und Kultur ihre Projekte und Visionen, wie künst­liche Intelligenz «zum Wohle der Menschheit» ein­ge­setzt werden kann.

Der Anlass, der 2017 von der International Telecommunication Union ITU ins Leben gerufen wurde, findet dieses Jahr bereits zum 7. Mal in Genf statt. Vor Ort anwe­send ist alles, was in diesem Business Rang und Namen hat. Nebst füh­renden Wissenschaftler:innen sind vor allem auch sämt­liche Tech-Giganten ver­treten, die — in eigener Sache ange­reist — wenig über­ra­schend zu den Hauptsponsoren des Anlasses gehören.

So star­tete etwa der 8. Juli mit einem «Google Cloud Networking Breakfast», exklusiv für hand­ver­le­sene, gela­dene Gäste. Gefolgt von einer Reihe von Workshops mit gross­kot­zigen Titeln wie «Ausbau des Einsatzes von KI zur Bewältigung huma­ni­tärer Krisen und zum Wiederaufbau» oder «Eine KI-gestützte Plattform zum Austausch von Menschenrechtsdaten für alle, überall».

Noch vor der offi­zi­ellen Eröffnungs-Keynote, vor­ge­tragen von Bundesrat Albert Rösti, beglückte Microsoft-Präsident Brad Smith sein Publikum auf der Hauptbühne mit einer «super-opti­mi­sti­schen Rede», wie Le Temps berichtet. Wenn die künst­liche Intelligenz welt­weit gerecht ver­teilt sei, so der Grundtenor von Smith’ Rede, könne sie zur Lösung zahl­rei­cher Probleme beitragen.

Ausgerechnet ein Vertreter von Microsoft stellt die Illusion einer «gerechten Verteilung» in die Welt, wäh­rend sein Konzern immer wieder neue Wege und Geschäftsmodelle findet, um den Leuten das Geld und vor allem ihre Daten aus der Tasche zu ziehen…

Im Interview mit der Westschweizer Zeitung betonte der Big-Shot der Tech-Branche, dass pro­fit­ori­en­tierte Unternehmen wie Microsoft genauso dem Allgemeinwohl ver­pflichtet seien, wie NGOs oder Regierungen: «Wir wollen die künst­liche Intelligenz nutzen, um eine bes­sere Welt zu schaffen. Beurteilen Sie uns nach unseren Taten.» 

Man muss ihn also beim Wort nehmen – genauso wie alle anderen, die dieser Tage nach Genf gereist sind, um ihren Beitrag zum Wohl der Menschheit zu prä­sen­tieren oder zu ver­markten. Doch schon der Blick auf die Liste der Redner:innen an besagtem 8. Juli, lässt böse Ahnungen in Bezug auf die Hidden Agenda dieser Veranstaltung aufkommen.

So figu­riert zum Beispiel unter den Staatsmännern, die am 8. Juli zur offi­zi­ellen Begrüssung der Teilnehmenden ange­treten sind, neben SVP-Rösti als Vertreter der mit­ver­an­stal­tenden Eidgenossenschaft unter anderen auch der ruan­di­sche Präsident Paul Kagame, dessen Regime die im Ostkongo wütenden Rebellenmilizen unter­stützt und für mas­sivst Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen in der Region mit­ver­ant­wort­lich ist.

In seiner Rede prä­sen­tiert er sich als Vertreter eines fort­schritt­li­chen Afrikas, das die Chancen von KI für seine Entwicklung nutzen will. Ruanda gilt als leuch­tendes Modellbeispiel in Sachen KI-gestützter Digitalisierung des Gesundheitssystems mit einer breiten Datenerfassung der gesamten Bevölkerung.

Der vom Westen geför­derte und pro­te­gierte Kagame amtet auch als Vorsitzender des «Smart Africa Board», einem Zusammenschluss von 42 Staaten und inter­na­tio­nalen Konzernen zur Förderung der Digitalisierung Afrikas. Im Vorfeld der aktu­ellen Konferenz in Genf wurde der umtrie­bige Präsident Ruandas zudem zum Co-Vorsitzenden einer neu lan­cierten 40köpfigen «AI for Good Global Commission» ernannt, in wel­cher nebst inter­na­tio­nalen Organisationen und wei­teren Staatsoberhäuptern selbst­re­dend die mäch­tig­sten Player der KI-Branche ver­treten sind.

Darunter Amazon, wie Google und Microsoft ein US-ame­ri­ka­ni­scher Tech-Gigant, der mit seiner men­schen­ver­ach­tenden Geschäftspolitik immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Zuletzt mit dem mil­li­ar­den­schweren Vertrag für das Cloud- und KI-Projekt Nimbus, das die israe­li­sche Regierung 2021 mit Amazon und Google abge­schlossen hat. Israel ver­wendet diese Technologie in grossem Stil beim Genozid in Gaza wie auch bei den anhal­tenden gezielten Tötungen im Westjordanland und im Libanon.

Das hin­derte die Veranstalter von «AI for Good» selbst­ver­ständ­lich nicht daran, auch den CTO und Vizepräsidenten von Amazon, Werner Vogels, als Gastredner ein­zu­laden. Er stellte seinen Vortrag auf der zen­tralen Bühne des Palexpo unter das Motto «Vertrauen ist tot: Vertrau mir.»

Weit kommt er mit seinem Appell aller­dings an diesem Nachmittag nicht: Als er über die Notwendigkeit des Zugangs zu qua­li­tativ hoch­ste­henden, auch geschützten Datensätzen, für einen erfolg­rei­chen Einsatz von «AI for Good» refe­riert, wird er plötz­lich unterbrochen.

Ein Video, das im Internet kur­siert, zeigt, wie BDS-Aktivist:innen die Bühne stürmen. Während ein Banner mit der Aufschrift «No Tech for Apartheid» die Blicke auf sich zieht, skan­dieren Personen im Saal laut­stark: «Drop Project NIMBUS

Ein Aktivist im roten Hemd stellt sich neben den Amazon-Hünen und kon­fron­tiert ihn vor ver­sam­meltem Publikum mit unbe­quemen Fakten zum men­schen­ver­ach­tenden, mör­de­ri­schen Nimbus-Projekt:

«Amazon inve­stiert Milliarden von Dollars in ein Projekt, das Israel freien Zugang zu euren Servern ermög­licht! Euer Technologie-Projekt NIMBUS ent­wickelt das «Lavender»-Tool, die Software «Where is Daddy», die, mit­hilfe von Künstlicher Intelligenz, Menschen in Palästina aktiv trackt – und wenn sie nach­hause kommen, killt sie das Militär, zusammen mit ihren Familien…», ruft der junge Mann in den Saal.

Vogels zieht sich zusammen mit Sicherheitskräften an den Rand der Bühne zurück, wäh­rend der Aktivist fort­fährt: «Sie wissen das, Werner Vogels – und sie ver­dienen Millionen damit! – Sie stehen hier und tun so, als setzten sie sich für die guten Seiten von KI ein… »

Erstaunlicherweise kann er seine Performance minu­ten­lang durch­ziehen und erntet aus dem Publikum fre­ne­ti­schen Applaus, bevor ihn Sicherheitskräften über­wäl­tigen und abführen. 

«Ist das die Zukunft, die ihr euch wünscht?», fährt der Aktivist unbe­irrt fort, wäh­rend ihn die Bodyguards aus dem Saal zerren. «Die KI-Chefs erhalten eine Bühne, auf der sie so tun, als würden sie Gutes tun für die Menschheit, als hätten sie Antworten…»

Ein Zwischenfall, der in der Tagungs-Zusammenfassung der Organisatoren selbst­ver­ständ­lich keine Zeile wert ist. Umso wich­tiger wäre es, dass die Medien dar­über und über­haupt kri­tisch über diesen Grossanlass mit dem beschö­ni­genden Titel «AI for Good» berichten würden. Doch davon keine Spur.

Mit wenigen Ausnahmen: Das fran­zö­sisch­spra­chige Radio RTS (einmal mehr, im Gegensatz zu Radio SRF!) nahm die Konferenz unter anderem zum Anlass für ein 15minütiges, sehr auf­schluss­rei­ches und span­nendes Gespräch mit dem KI-Experten und Kritiker Yoshua Bengio, der eben­falls nach Genf ein­ge­laden war. In der Westschweizer Presse gab es dar­über hinaus eine solide Berichterstattung, auch über die Hintergründe von «AI for Good», wäh­rend man in der Presse der Deutschschweiz bis­lang ver­geb­lich nach ent­spre­chenden Berichten sucht. Vertrauen in die NZZ und den Tagesanzeiger? Tot.

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