Klima UND Landschaft schützen!

Das Ver­dikt der Gemein­de­ver­samm­lung liess an Deut­lich­keit nichts zu wün­schen übrig: Die Stimm­be­rech­tig­ten der Gemeinde Sur­ses im Grau­bün­den waren am 29. Januar 2024 beson­ders zahl­reich erschie­nen, um über ein hoch­al­pi­nes Solar­pro­jekt im Val Nan­dro ober­halb von Savo­gnin zu befinden.

Die Ener­gie­ab­tei­lung ewz der Indu­stri­el­len Betriebe der Stadt Zürich wollte 66,5 Hektaren Natur­land­schaft mit einer Pho­to­vol­ta­ik­an­lage für die Pro­duk­tion von «sau­be­rem Strom» zubauen – auf einer Flä­che, die 95 Fuss­ball­fel­dern entspricht.

Der Hin­ter­grund: Im Sep­tem­ber 2022 bewil­ligte das eid­ge­nös­si­sche Par­la­ment für die För­de­rung hoch­al­pi­nes Solar­pro­jekte Sub­ven­tio­nen in Mil­li­ar­den­höhe (unter dem Titel «Solar­ex­press»): Für Anla­gen, die bis zum 31. Dezem­ber 2025 ans Netz gehen, wer­den bis zu 60 Pro­zent der Inve­sti­ti­ons­ko­sten vom Bund über­nom­men und mit Steu­er­gel­dern bezahlt!

Wäh­rend sich für Pri­vate die Inve­sti­tio­nen in Solar­pa­nels auf bestehen­den Gebäu­den oft nicht rech­nen, eröff­net der in Bun­des­bern geschickt ein­ge­fä­delte «Solar­ex­press» den Gros­sen im Strom­busi­ness wie ewz, BKW oder Axpo ein veri­ta­bles Eldo­rado. Kein Wun­der, grei­fen sie gie­rig zu. In den letz­ten Mona­ten sind Dut­zende von hoch­al­pi­nen Solar­pro­jek­ten auf­ge­gleist wor­den, nach dem Motto: Gross­flä­chig ist beau­tiful und ren­tiert bei soviel Sub­ven­tio­nen. Nun müs­sen sie nur noch der Flä­chen hab­haft wer­den. Die gehö­ren ihnen im hoch­al­pi­nen Raum aber nicht flä­chen­deckend. Zudem lässt sich der unge­zü­gelte Ener­gie­hun­ger dort nur auf Kosten von Land­schaft und Natur stillen.

Zum Glück scheint es nun aber doch nicht so ein­fach zu gehen, wie sich das die Solar­ba­rone aus dem Unter­land vor­ge­stellt haben: Im Wal­lis stellte sich eine Mehr­heit der Bevöl­ke­rung gegen die über­stürzte Ertei­lung von Bewil­li­gun­gen, im Kan­ton Bern erteilte die Gemeinde Saa­nen dem 67 Fuss­ball­fel­der gros­sen Pro­jekt Solsarine bereits im Dezem­ber 2023 eine Absage. 

Und nun also auch Sur­ses, die Stand­ort­ge­meinde des Mar­morera-Stau­sees: Genau 70 Jahre ist es her, dass das alte Dorf Mar­morera der Strom­pro­duk­tion geop­fert wurde. Damals hatte der Unter­händ­ler der Indu­stri­el­len Betriebe Zürich ein leich­tes Spiel: Er han­delte mit den weni­gen Haus- und Land­be­sit­zern indi­vi­du­elle Kauf­ver­träge aus und ver­pflich­tete sie zum Stillschweigen.

So kam es, wie es kom­men musste: Nach­dem die stimm­be­rech­tig­ten Män­ner von Mar­morera mit 24 Ja- zu 2 Nein­stim­men der Kon­zes­sion für die Aus­nüt­zung der Was­ser­kräfte durch die Stadt Zürich zuge­stimmt hat­ten, wurde 1954 das gesamte Dorf zer­stört und geflutet. 

Eine bit­tere Erfah­rung, aus der man in der Region mög­li­cher­weise seine Leh­ren gezo­gen hat. Dies­mal lehn­ten die Stimm­be­rech­tig­ten das Ange­bot aus dem Unter­land mit 378 zu 177 Stim­men ent­schie­den ab. Dies, obschon der Gemeinde jähr­lich Ein­nah­men in der Höhe von CHF 450’000 bis 600’000 Fran­ken aus dem Solar­strom­deal winkten.

Nun muss die im Novem­ber 2023 instal­lierte Test­an­lage für das Solar­pro­jekt wie­der demon­tiert wer­den. Genauso wie jene auf dem Horn­berg im Ber­ner Ober­land, wo der Gold­grä­ber­stim­mung der Strom­kon­zerne eben­falls der Rie­gel gescho­ben wurde. Die Mes­sage ist klar: Die Bevöl­ke­rung in den bei­den Tou­ris­mus­ge­bie­ten will keine Land­schafts­ver­schan­de­lung durch Solarpanels.

Das ist kon­se­quent und rich­tig. Nun braucht es aber zwin­gend näch­ste Schritte: Die Ableh­nung von pro­ble­ma­ti­schen Solar- und Wind­ener­gie­an­la­gen allein genügt nicht. Wol­len wir sowohl das Klima wie die Land­schaft ernst­haft schüt­zen, braucht es drin­gend ein Umden­ken. Das brach­lie­gende Solar-Poten­tial an geeig­ne­ten bestehen­den und neuen Gebäu­den muss in der Schweiz end­lich an die Steck­dose gebracht werden.

Zudem ist es an der Zeit, statt ein­zig über zusätz­li­che Ener­gie­quel­len zu debat­tie­ren, ernst­haft Reduk­ti­ons- und Spar­mass­nah­men bei der Nut­zung ins Auge zu fas­sen. Bis­lang sind The­men wie «Ver­zicht» oder «Begren­zung» tabu. Dies, obschon ange­sichts der momen­tan herr­schen­den Ener­gie­ver­schwen­dung Ein­spa­run­gen in beacht­li­chem Stil mög­lich wären – ohne dass dies für die Wirt­schaft oder die Bevöl­ke­rung in der Schweiz schmerz­hafte Ein­schrän­kun­gen zur Folge hätte.

Mehr Flughafen – nein danke!

In die­sen Tagen ist am Flug­ha­fen Zürich wie­der der Teu­fel los: Laut Anga­ben der Flug­ha­fen Zürich AG, wer­den Jahr für Jahr in den Tagen vor, wäh­rend und nach dem WEF rund 1000 zusätz­li­che Flug­be­we­gun­gen abgefertigt.

Eine Auf­gabe, die zusätz­lich zu den 750 Flug­zeu­gen, die täg­lich in Zürich star­ten und lan­den, offen­bar pro­blem­los zu bewäl­ti­gen ist. Umso erstaun­li­cher, dass der Flug­ha­fen Sicher­heits-Argu­mente ins Zen­trum stellt, um die geplante Ver­län­ge­rung von zwei der drei Start- und Lan­de­pi­sten zu begründen.

Das Pro­jekt wurde im Som­mer 2023 im Zür­cher Kan­tons­rat mit 87 zu 83 Stim­men nur knapp durch­ge­winkt. In der Folge ergrif­fen die unter­le­ge­nen Parlamentarier:innen das Behör­den­re­fe­ren­dum. Dar­über hin­aus sam­melte der Ver­ein «Fair in Air» 5000 Unter­schrif­ten für ein Refe­ren­dum gegen das Bauvorhaben.

Am 3. März 2024 stimmt nun die Zür­cher Stimm­be­völ­ke­rung über die Frage der Pisten­ver­län­ge­rung ab. Seit Anfang Jahr brin­gen sich Befür­wor­ter und Geg­ner­schaft laut­stark in Stel­lung. Laut Medi­en­be­rich­ten sol­len beide Sei­ten rund 400’000 Fran­ken in den Abstim­mungs­kampf investieren.

Bereits letzte Woche begrüsste uns etwa am Bahn­hof Win­ter­thur eine ganze Armada von digi­ta­len Wer­be­pla­ka­ten, die mit Schlag­wor­ten wie «Mehr Sicher­heit», «Mehr Pünkt­lich­keit» – aber auch «Weni­ger CO2» oder «Ohne Steu­er­geld» für ein «JA zur Pisten­ver­län­ge­rung» werben.

In Win­ter­thur kämpft das Pro-Komi­tee mit sei­ner Offen­sive gegen die Stadt­re­gie­rung, die sich offi­zi­ell im Kampf gegen die Pisten­ver­län­ge­rung enga­giert. Win­ter­thur ist eine von rund 50 Gemein­den im Kan­ton, die sich gegen das Pro­jekt aus­spre­chen. Aus guten Gründen:

Die Bevöl­ke­rung in Win­ter­thur wäre, wie zahl­rei­che wei­tere Gemein­den im wei­te­ren Umkreis des Flug­ha­fens, vom Pisten­aus­bau durch zusätz­li­che Lärm- und andere Emis­sio­nen beson­ders betrof­fen. Des­halb das klare NEIN der Stadtregierung.

Soviel Weit­sicht würde man sich auch von ande­ren Volksvertreter:innen und der öffent­li­chen Hand über­haupt wün­schen. Doch weit gefehlt: Die Ein­sicht, dass man bes­ser bald als erst mit­tel­fri­stig beim Flug­ver­kehr zurück­schrau­ben statt aus­bauen sollte, ist bei den Ver­ant­wort­li­chen lei­der (noch) nicht angekommen.

Obschon die bör­sen­ko­tierte Zürich Flug­ha­fen AG zu einem Drit­tel dem Kan­ton gehört und die rot-grün regierte Stadt Zürich 10 Pro­zent der Aktien hält, agiert das Unter­neh­men wei­ter­hin unge­bremst Rich­tung Wachs­tum und Gewinnoptimierung.

Umso zyni­scher klin­gen des­sen Abstim­mungs­pa­ro­len – als ob der Flug­ha­fen­wolf Kreide gefres­sen hätte. Dies hält man wohl für nötig, in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels und der – aller­dings längst wie­der abklin­gen­den – Flug­scham. Fakt ist, dass die Flie­ge­rei in der Schweiz heute mit 27 Pro­zent für den gröss­ten Anteil am Kli­ma­wan­del ver­ant­wort­lich ist.

Ganz im Sinne des Zeit­geists wird man von Sei­ten der Pisten­aus­bau-Lobby nicht müde zu ver­spre­chen, dass die geplan­ten Ver­län­ge­run­gen kei­nen Kapa­zi­täts­aus­bau zur Folge hät­ten. Dies, obschon ein etwas genaue­res Stu­dium des Pro­jekts durch­aus andere Schlüsse zulässt… Cle­ver weist man statt­des­sen dar­auf hin, dass die 250 Mil­lio­nen Fran­ken für den Pisten­aus­bau vom Unter­neh­men sel­ber gestemmt wür­den und keine Steu­ern invol­viert seien. Auch hier wären Fra­gen ange­bracht, ins­be­son­dere hin­sicht­lich der durch den Flug­ver­kehr ver­ur­sach­ten indi­rek­ten Kosten.

Was die wei­te­ren Ver­spre­chun­gen der Zürich Flug­ha­fen AG und ihrer Unter­stüt­zer bezüg­lich Sicher­heit, Pünkt­lich­keit oder Umwelt­schutz anbe­langt, bewe­gen sie sich alle inner­halb der alten Logik von Wachs­tum und end­lo­ser Optimierung.

Erhel­lend ist auch ein wei­te­rer Blick auf die Web­site der Flug­ha­fen Zürich AG: Die Pisten­ver­län­ge­rung, über die wir am 3. März abstim­men, ist nur eines von zahl­rei­chen Mil­lio­nen­pro­jek­ten, die aktu­ell auf dem Flug­ha­fen­areal getä­tigt wer­den, oder noch in der Pipe­line sind. Sie alle zei­gen in die glei­che Rich­tung: Wachstum!

Bei der Abstim­mung über die Pisten­ver­län­ge­rung haben wir die Chance, wenig­stens ein­mal unser Veto dage­gen ein­zu­le­gen. Tun wir das: NEIN zur Pistenverlängerung!

Aller­dings dürfte das Thema damit noch nicht gänz­lich vom Tisch sein: Weil die Flie­ge­rei ein Wirt­schafts­zweig von natio­na­ler Bedeu­tung ist, hat der Bund das letzte Wort. Und die­ser sieht im Sach­plan Infra­struk­tur der Luft­fahrt (SIL) von 2017 vor, dass die Pisten 28 und 32 in Zürich ver­län­gert und die Kapa­zi­tät von heute maxi­mal 66 auf 70 Flug­be­we­gun­gen pro Stunde erhöht werden.

Also doch ein Aus­bau. Den es mit allen Mit­teln zu ver­hin­dern gilt.

Mit einem NEIN am 3. März wird die Pisten­ver­län­ge­rung wohl erst ein­mal bloss ver­zö­gert. Die Wahr­schein­lich­keit, dass sie gegen den Wil­len der Bevöl­ke­rung je umge­setzt wer­den, ist aber gering. Und dürfte mit der Zeit und dem wach­sen­den Wider­stand noch gerin­ger werden. 

Austern im Kunsthaus

Es war mein erster Besuch im Chip­per­fieldbau. Nach mei­nem ver­geb­li­chen Nein bei der Abstim­mung über den Inve­sti­ti­ons­kre­dit anno 2012 habe ich das prot­zige Gebäude am Zür­cher Heim­platz boy­kot­tiert. Als mein pri­va­ter, stil­ler Pro­test gegen den hoch­ge­ju­bel­ten Muse­ums­klotz mit sei­nem ver­gif­te­ten Inhalt.

Nach­dem die neu designte Aus­stel­lung der Bührle-Samm­lung wie­derum für Schlag­zei­len gesorgt hatte, obsiegte in mir jedoch die Histo­ri­ke­rin­nen-Neu­gier: Wie prä­sen­tiert das Kunst­haus nun, nach der mas­si­ven Kri­tik der letz­ten Jahre, die vom Waf­fen­händ­ler Emil G. Bührle mit Gewin­nen aus sei­nen Kriegs­ge­schäf­ten zusam­men­ge­kaufte Kunst­samm­lung und deren Geschichte?

So kam es, dass ich mich an einem Don­ners­tag­nach­mit­tag Mitte Dezem­ber mit mei­ner Freun­din aus Zei­ten des gemein­sa­men Geschichts­stu­di­ums vor dem Kunst­haus verabredete:

Gespannt betre­ten wir das Haus der Kunst­an­be­tung durch die hohe, schwere Tür, die sich wie von Gei­ster­hand öffnet.

Nach Ticket­kauf und Gar­de­robe Depo­nie­rung unse­rer Taschen schrei­ten wir ziel­stre­big zur gros­sen Treppe. Eine nette Dame kon­trol­liert mit Adler­au­gen unsere Zutritts­kle­ber und weist uns dar­auf hin, dass es im zwei­ten Ober­ge­schoss, gleich gegen­über der Bührle-Samm­lung, ein neu aus­ge­stell­tes Kunst­werk zu bewun­dern gebe – dies soll­ten wir kei­nes­falls verpassen.

Doch zuerst die Bührle-Samm­lung und deren Geschichte. Wir tau­chen ein, ver­tie­fen uns in Texte und Video-State­ments rund um die Pro­ve­ni­enz der gezeig­ten Kunst­pre­zio­sen und dem dar­aus ent­stan­de­nen Zwist. Über­all abruf­bar auch die Infor­ma­tio­nen, wann Bührle was von wem und zu wel­chem Preis gekauft hat.

Dürre Fak­ten, die wei­tere Fra­gen wecken. Ant­wor­ten suchen wir ver­geb­lich. Wie kam es etwa, dass Bührle in den 1950er Jah­ren eine Reihe von Bil­dern, die als Raub­gut ein­ge­stuft wor­den waren und die er des­halb den Erben der vor­ma­li­gen Besitzer:innen resti­tu­ie­ren musste, wie­der zurück­kau­fen konnte?

Von Inter­esse wäre auch, mehr zu erfah­ren über die Rolle der ver­schie­de­nen Mit­tels­män­ner und Kunst­händ­ler, sowie über die mit der Bührle-Samm­lung ver­knüpfte Poli­tik der Zür­cher Stadt- und der Schwei­zer Lan­des­re­gie­rung. Letz­tere hat in den 1950er Jah­ren durch Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen eine erfolg­rei­che Fort­set­zung von Bühr­les inter­na­tio­na­len Waf­fen­ge­schäf­ten über­haupt erst ermöglicht..

Von Aus­stel­lungs­raum zu Aus­stel­lungs­raum wird immer deut­li­cher: Emil G. Bührle war ein skru­pel­lo­ser, kalt berech­nen­der Geschäfts­mann. Ab den 1930er Jah­ren hat er sein «Mäze­na­ten­tum» im Kunst­be­reich gezielt dafür ein­ge­setzt, sich einen Platz in der Zür­cher Gesell­schaft zu erkau­fen. Mit Erfolg.

Aller­dings hat dies nur funk­tio­niert, weil die Begün­stig­ten – in die­sem Fall die Zür­cher Kunst­ge­sell­schaft – dem geschenk­ten Gaul des Herrn Bührle nicht ins Maul schauen woll­ten und freu­dig zugrif­fen. Geld und Pre­stige war alles, was zählte. Das gilt bis heute, in die­sem Haus. Dar­über kön­nen auch die aktu­el­len Bemü­hun­gen um Scha­dens­be­gren­zung in Bezug auf die umstrit­tene Samm­lung nicht hinwegtäuschen.

Nach drei inten­si­ven Stun­den in histo­risch auf­ge­heiz­tem impres­sio­ni­sti­schem Umfeld im zwei­ten Ober­ge­schoss schweift unser Blick hin­un­ter ins Foyer. Dort wird offen­bar eine Instal­la­tion vor­be­rei­tet: In der Mitte eine Rie­sen­ta­fel mit gecrash­tem Eis, auf wel­cher ein stäm­mi­ger jun­ger Mann Auster um Auster dra­piert. Links davon ein zwei­ter Tisch mit grü­nen Fla­schen und Dut­zen­den von Glä­sern, schliess­lich rechts davon ein drit­ter mit But­ter­tür­men und Bro­ten. Joseph Beuys 4.0.zh?

Wir eilen hin­un­ter, wol­len wis­sen, um was es da geht. «Für Raphi», lau­tet die ein­sil­bige Ant­wort des Man­nes vom Austern-Tisch. Aus der Nähe kön­nen wir uns ver­ge­wis­sern: Sie sind tat­säch­lich echt! Wie auch die But­ter, das Brot, die Crémant-Flaschen.

Was wir hier gerade mit­er­le­ben ist die Vor­be­rei­tung einer Ver­nis­sage der Zür­cher Kunst­ge­sell­schaft. Genauer gesagt, eine eph­emere Kuli­na­rik-Instal­la­tion. But­ter­fett statt Beu­ys­fett. Anlass ist der Ankauf eines Werks des Schwei­zer Künst­lers Raphael Hefti. Es ist jenes, des­sen Betrach­tung man uns heute Nach­mit­tag ans Herz gelegt hat. Benom­men vor lau­ter Bührle hat­ten wir das ganz vergessen…

Also noch ein­mal hin­auf, in den zwei­ten Stock zu Raphael Hef­tis pro­ve­niez­for­schungs­freier Leucht-Kunst. Schliess­lich wol­len wir uns den Samm­lungs-Neu­zu­gang am Tag sei­ner Ver­nis­sage nicht ent­ge­hen las­sen, wo wir nun schon mal da sind!

Weit kom­men wir aller­dings nicht: Vor dem Ein­gang des Aus­stel­lungs­saals ste­hen vier Auf­se­he­rin­nen. Kein Ein­tritt! – Zutritt nur noch für gela­dene Gäste. – Dies, obschon es gerade erst 18 Uhr ist, und das Museum an die­sem Don­ners­tag bis 20 Uhr fürs Publi­kum offen ist.

Der­weil strö­men die Ein­ge­la­de­nen, die really very important Peo­ple, ins Foyer. Gestylt, par­fü­miert, kon­trol­liert extra­va­gant. Man kennt sich, man grüsst sich – und dann beginnt die Spei­sung der Ver­nis­sa­ge­ge­sell­schaft. Es hat, solange es hat: Ein Glas Cré­mant in der Hand, wer­den die ersten Austern geschlürft, Kom­pli­mente aus­ge­tauscht, scheele Blicke gewor­fen, nach Neu­zu­gän­gen an der Seite der Lokalmatador:innen…

Wie schon zu Bühr­les Zei­ten, gibt sich die Zür­cher Society im Kunst­haus ein vor­der­grün­dig harm­lo­ses Stell­dich­ein. Under­state­ment, mit einem Hauch Deka­denz, tarnt auch heute hand­fe­ste Inter­es­sens­po­li­tik und skru­pel­lose Geschäfte.

Mit ent­schlos­se­nem Schritt ver­las­sen wir den Chip­per­field­tem­pel. Raus, an die fri­sche Luft.

Der Anfang vom Ende

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli fegte ein hef­ti­ger Sturm über die Stadt Zürich, dem Hun­derte von Bäu­men zum Opfer fie­len. Ein trau­ri­ges Bild der Zer­stö­rung – etwa am Wald­rand des Käfer­bergs, wo rei­hen­weise statt­li­che Bäume der Wucht des Win­des nicht stand­hal­ten konn­ten und ein­fach umge­ris­sen wur­den. Wur­zel­stöcke rag­ten in die Luft, mäch­tige Baum­stämme und dicke Äste lagen quer über die Stras­sen – auch im Wald war kein Durch­kom­men mehr.

Die Gärt­ne­rin­nen und Gärt­ner von Grün­Stadt Zürich hat­ten in die­sen Tagen alle Hände voll zu tun, um ent­wur­zelte Bäume zu ber­gen, geknickte Baum­stämme und abge­ris­sene Äste zu zer­sä­gen, Wege zu sichern und den Scha­den an Men­schen, Gebäu­den und Fahr­zeu­gen mög­lichst in Gren­zen zu halten.

Wie durch ein Wun­der blie­ben die Gär­ten und Häu­ser in unsere Nach­bar­schaft in der Sturm­nacht weit­ge­hend ver­schont. Auch die stolze Tanne am Cha­let­weg 3, in deren Wip­fel die Amsel so gerne ihr Mor­gen­lied sang, trotzte den Kräf­ten der Natur. Sie war denn auch früh­mor­gens wie­der zur Stelle und zwit­scherte aus der wun­der­ba­ren Gar­ten­oase rund um das histo­ri­sche Cha­let wie eh – und je und liess die Schrecken der Nacht ver­ges­sen. Auch das Haus, des­sen Bewoh­ne­rIn­nen bereits vor Mona­ten die Kün­di­gung erhal­ten hat­ten und aus­zie­hen muss­ten, stand am Mor­gen danach unbe­scha­det im Schat­ten von Ahorn, Weide und Tanne.

Aller­dings war die Freude dar­über, dass die statt­li­chen Bäume im Nach­bar­gar­ten den Sturm über­stan­den hat­ten, von kur­zer Dauer. Wäh­rend rundum in Gär­ten und im Wald Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter ver­such­ten, zu ret­ten, was noch zu ret­ten war, fuh­ren am Cha­let­weg 3 die Holz­fäl­ler auf. In Voll­mon­tur, mit Ket­ten­säge, Kran und Transportcontainer.

Als wir uns am Mor­gen auf den Weg zum Märit mach­ten, stand die alt­ehr­wür­dige, weit­herum sicht­bare Tanne noch. Als wir eine Stunde spä­ter zurück­kehr­ten, klaffte eine grosse Lücke in der Sil­hou­ette unse­res Quartiers.

Ohren­be­täu­bend das jau­lende Krei­schen der Motor­säge, wel­che dem wäh­rend Jah­ren gewach­se­nen Stamm die Äste abtrennte und den eben noch statt­li­chen Baum in trans­por­tier­bare Holz­stücke zer­legte. Emo­ti­ons­los besei­tigte ein Arbei­ter mit dicken Lärm­schutz-Pol­stern auf den Ohren auch die üppige Hecke, die das Cha­let und seine Bewoh­ne­rIn­nen in der Ver­gan­gen­heit vor neu­gie­ri­gen Blicken geschützt hatte. Der höl­zerne Gar­ten­zaun ist umge­kippt – das passt zum trost­lo­sen Bild, das die Grün­be­sei­ti­ger bei ihrer Weg­fahrt hin­ter­las­sen haben.

Jetzt erst zeigt sich, dass sie nicht die ersten waren, die mit der defi­ni­ti­ven Zer­stö­rung des letz­ten Cha­lets am Cha­let­weg begon­nen haben: Die grü­nen Fen­ster­lä­den sind ver­schwun­den, und auch die Fen­ster­schei­ben sind abmon­tiert. Ob die frü­he­ren Besit­zer, die die Lie­gen­schaft dem ren­di­te­hung­ri­gen Inve­stor ver­kauft hat­ten, hier noch ein­mal Hand ange­legt haben? – Im Ver­kaufs­ver­trag hat­ten sie sich näm­lich aus­be­dun­gen, dass sie – bevor das Cha­let, Bau­jahr 1926, dem Erd­bo­den gleich­ge­macht wird – noch her­aus­ho­len dür­fen, was ihnen nüt­zen könnte…

Die Besit­ze­rin des Grund­stücks, eine Collofundo AG, will end­lich vor­wärts machen. Trotz wei­ter stei­gen­der Bau­ko­sten und der Tat­sa­che, dass auf­grund der aktu­el­len kli­ma­ti­schen und öko­no­mi­schen Ent­wick­lun­gen das Pro­jekt für einen Wohn­turm mit 14 Kleinst­woh­nun­gen frag­wür­dig erscheint, liess sie sich nicht von ihrem unse­li­gen Vor­ha­ben abbringen.

Dies bestä­tigte Mit­in­ha­ber und Geschäfts­füh­rer Andreas Friedli in einer Mail vom 8. Juli auf unsere Anfrage, ob er als Inve­stor mög­li­cher­weise auf die Umset­zung des Pro­jekts ver­zich­ten und das Grund­stück ver­kau­fen würde…

Die Ant­wort war kurz und bün­dig und lau­tete: «Danke für Ihre Anfrage. Das Bau­vor­ha­ben wird wie geplant aus­ge­führt. Bau­be­ginn im Sep­tem­ber 2021.»

Der Anfang vom Ende ist voll­bracht: Die Augen des Cha­lets wur­den her­aus­ge­ris­sen, der üppige Gar­ten ram­po­niert – die stolze Tanne ist nicht mehr. Die Amsel muss sich einen neuen Aus­sichts­wip­fel suchen. Aller­dings wird das immer schwie­ri­ger: Die gros­sen Bäume sind rar gewor­den, in unse­rem Quar­tier. Das Dach mit dem Abluft­rohr von 14 Küchen dürfte kaum als valabler Ersatz in Frage kommen…

Sep­tem­ber 2021: 
DAS ENDE VOM ENDE

APRIL 2023:
OMG!!😱😱

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