I need protection

Sonn­tag­abend, Ende Novem­ber. Glück­lich und zufrie­den sit­zen wir auf unse­ren gebuch­ten Plät­zen im Euro­city von Milano nach Zürich. Unser Zug von Kala­brien her­kom­mend war auf die Minute pünkt­lich, genauso geht es nun wei­ter nord­wärts. Eine rei­bungs­lose Heim­fahrt nach erfüll­ten Ferien. Jetzt die Vor­freude auf unsere warme Stube, das eigene Bett…

Draus­sen ist Nacht, Voll­mond. Zwi­schen­halt in Como, dann Chi­asso. Einige Pas­sa­giere stei­gen zu, der Zug füllt sich. Ein Mann mitt­le­ren Alters fragt scheu, ob er sich zu uns set­zen dürfe. Er ist fast zu warm ange­zo­gen: Stirn­band über den Ohren, dar­über ein Hut, ein­ge­hüllt in einen Man­tel mit Fisch­grat­mu­ster, die Hände in dicken Hand­schu­hen. Als Gepäck eine ver­schlis­sene Schul­ter­ta­sche und ein pink­far­be­ner Kinderrucksack.

Der Mann, ein Schwarz­afri­ka­ner, zuge­stie­gen mit einer Gruppe ande­rer Schwar­zer. Ist er einer von den vie­len die übers Mit­tel­meer gekom­men sind? Er wirkt ängst­lich, ver­un­si­chert. Und beginnt zu erzäh­len: Man habe ihm sein Handy gestoh­len und sein gan­zes Geld – 75 Euro, sagt er. Nun wisse er nicht, wie er nach Ger­many komme. Ob das der rich­tige Weg sei, will er wis­sen und streckt uns einige Doku­mente ent­ge­gen. Zuoberst ein gel­ber Zet­tel. Es ist ein von den SBB aus­ge­stell­tes Doku­ment für eine «Reise ohne gül­ti­gen Fahr­aus­weis» – von Chi­asso nach Basel – kurz vor der Zug­ab­fahrt aus­ge­stellt. Gül­tig bis Mit­ter­nacht. Es ist jetzt kurz vor 20 Uhr.

Wir kön­nen ihn erst­mal beru­hi­gen. «Alles ok», sage ich. Für die Fahrt bis nach Basel brau­che er weder Geld noch Handy… Warum er denn nach Ger­many wolle? Hat er dort Bekannte, Fami­li­en­an­ge­hö­rige? Er schüt­telt den Kopf. Nein, sagt er. Er sei allein, kenne nie­man­den in Europa. Er sei übers Meer geflüch­tet, weil er in sei­nem Hei­mat­land um sein Leben fürch­ten musste.

Mit lei­ser Stimme erzählt er wei­ter: Seine Eltern seien tot, seine Schwe­ster und ihre Fami­lie umge­bracht, auch seine Kin­der… Er komme aus Sierra Leone, wo er als Chauf­feur gear­bei­tet habe. Er sei ein guter Chauf­feur. Wie zum Beweis klaubt er sei­nen Füh­rer­schein aus der Tasche und zeigt ihn mir. Nun ken­nen wir auch sei­nen Namen und sein Geburts­da­tum – er ist 46 Jahre alt.

Dann fasst er in ein paar kur­zen, stocken­den Sät­zen die Geschichte sei­ner Flucht zusam­men. Zuerst nach Bamako in Mali, wo es für ihn auch gefähr­lich gewe­sen sei. Von da durch Wüsten­ge­biete wei­ter nach Tune­sien, wo er wie­derum nicht blei­ben konnte. Des­halb habe er mit 36 ande­ren ein Boot bestie­gen, man habe ihm auch eine Schwimm­we­ste gege­ben. Das Boot sei geken­tert und gesun­ken. Neben ihm seien zwei Män­ner und eine Frau mit ihrer Toch­ter ertrunken.

Unbe­kannte Ret­ter hät­ten ihn aus dem Meer gezo­gen und nach Lam­pe­dusa gebracht. Trotz­dem wäre er fast gestor­ben: Man habe ihm eine Infu­sion gesteckt, ihn in ein ita­lie­ni­sches Spi­tal gebracht, wo er vier Tage im Koma lag. Schliess­lich kam er wie­der auf die Beine und konnte sei­nen Weg fort­set­zen. Warum denn aus­ge­rech­net Ger­many, fra­gen wir noch ein­mal. «I need pro­tec­tion», lau­tet seine Antwort.

Nun sitzt er hier, im Zug neben uns – müde und trau­rig. Was kön­nen wir tun? Wie ihm wenig­stens ein klein wenig hel­fen? Wir zücken unsere Han­dys und suchen im Inter­net nach einer Anlauf­stelle, einer Not­ruf­num­mer, die am Sonn­tag­abend erreich­bar ist. Ohne Erfolg. Die Hil­fe­stelle für Men­schen «Sans Papiers» steht erst am Diens­tag­nach­mit­tag und auf Vor­anmel­dung zur Ver­fü­gung. Auch Men­schen auf der Flucht müs­sen sich hier­zu­lande an Büro­zei­ten hal­ten. Für einen Platz in einer Not­schlaf­stelle in Zürich muss man 3 Monate Auf­ent­halt in der Stadt nachweisen.

Bil­let­kon­trolle. Der Fahr­aus­weis von Samuel – so heisst der Flüch­tende – ist nicht der ein­zige gelbe Zet­tel, den die Kon­duk­teu­rin an die­sem Abend vor­ge­legt erhält. Freund­lich fragt sie, ob er Eng­lisch oder Fran­zö­sisch spre­che und ver­sucht, ihm zu erklä­ren, dass er in Arth-Goldau umstei­gen müsse. Eigent­lich hätte er schon in Bel­lin­zona auf den direk­ten Zug nach Basel wech­seln sol­len, jetzt müsse er an der näch­sten Sta­tion halt eine halbe Stunde auf den Anschluss warten.

Die Kom­mu­ni­ka­tion ist schwie­rig. Samuel aus Sierra Leone kann den schnel­len Sät­zen der jun­gen Frau nicht ganz fol­gen. Sie muss aber wei­ter und bedankt sich, als wir sagen, wir wür­den ihm beim Umstei­gen in Arth-Goldau behilf­lich zu sein.

Der Zug fährt über die Gott­hard-Berg­strecke, da der Basis­tun­nel für den Per­so­nen­ver­kehr wei­ter­hin geschlos­sen bleibt. Uns bleibt noch eine gute Stunde Zeit mit unse­rem Mit­rei­sen­den. Auf einem Stück Papier notie­ren wir die Adresse der Anlauf­stelle für Sans Papiers in Basel. Dort könnte er am fol­gen­den Tag hin­ge­hen, wenn er es im ersten Anlauf nicht nach Ger­many schaf­fen sollte. Auf die Frage, ob er das Geschrie­bene lesen könne, ver­neint er: «Als meine Eltern star­ben, hatte ich den Kopf nicht frei, um zur Schule zu gehen. Ich habe immer nur gearbeitet…»

Ich schlucke leer: Ein 46jähriger Mann aus dem bit­ter­ar­men, kriegs­ge­beu­tel­ten Sierra Leone, wo Rebel­len­grup­pen jah­re­lang mit dro­gen­ver­la­de­nen, miss­brauch­ten Kin­der­sol­da­ten die Men­schen ter­ro­ri­sier­ten, sucht Schutz in Europa. Er kann weder lesen noch schrei­ben, immer­hin spricht er Eng­lisch. Des­halb unsere näch­ste Frage: Ob er seine Geschichte am Zoll in Chi­asso erzählt habe? Er nickt und zieht erneut seine Foto­ko­pien, die er an der Grenz­stelle gekriegt hat, her­vor. Man habe ihm diese Papiere gege­ben, mit dem Kom­men­tar «ever­ything ok». Denn Samuel hat offen­sicht­lich das Zau­ber­wort «Asyl» nicht aus­ge­spro­chen. Und der Grenz­be­amte hat ihn wohl­weis­lich nicht dar­auf ange­spro­chen. Alle die dies nicht tun und nach Ger­many, France oder ins UK wei­ter wol­len, soll man nicht an der Wei­ter­reise hin­dern, son­dern juri­stisch «sau­ber» schnellst­mög­lich durch die Schweiz hin­aus­spe­die­ren. Dies ist offen­bar die aktu­elle Pra­xis an den Schwei­zer Grenzstationen.

Es sind neun A4-Sei­ten, aus­ge­füllt und über­reicht von einem Zoll­be­am­ten der Abtei­lung «Dogana Mend­ri­sio». Das drei­sei­tige For­mu­lar der in ita­lie­ni­scher Spra­che ver­fass­ten Weg­wei­sungs­ver­fü­gung ver­langt, dass unser Mit­rei­sen­der die Schweiz und den gesam­ten Schen­gen­raum inner­halb von sie­ben Tagen (bis zum 3. Dezem­ber 2023) ver­las­sen müsse. Ergän­zend dazu ein wei­te­res For­mu­lar auf Eng­lisch, das in schwer ver­ständ­li­cher Juri­sten­spra­che über die Rechte auf Anhö­rung und Ein­spra­che gegen die Weg­wei­sung infor­miert und vor­der­grün­dig dem Geflüch­te­ten die Mög­lich­keit bie­tet, sich ent­spre­chend zu erklären.

Samuel erhielt auch ein Infor­ma­ti­ons­blatt in die Hand gedrückt, auf dem sämt­li­che Rechts­grund­la­gen und Ein­spra­che­mög­lich­kei­ten auf­ge­führt sind. Was aber hilft ihm das, wenn er es nicht lesen und schon gar nicht ver­ste­hen kann? – Und vor allem, wenn man ihn, der nicht lesen kann, gleich­zei­tig seine Weg­wei­sung und den fak­ti­schen Ver­zicht auf sein «Right to be heard» mit einem Krin­gel unter­schrei­ben lässt?

Ein Vor­gang, der sich Tag für Tag hun­dert­fach an den Schwei­zer Grenz­sta­tio­nen und im gan­zen Schen­gen­raum wie­der­holt. Eine Ali­bi­übung ohne­glei­chen: Wie nur soll ein Mann wie unser Sitz­nach­bar inner­halb von 7 Tagen auf eigene Faust den Schen­gen­raum wie­der ver­las­sen? Warum sollte er das tun? Nach­dem er wäh­rend Wochen und Mona­ten sein Leben ris­kiert hat, auf der Suche nach einem siche­ren, bes­se­ren Leben?

Der Zug fährt durch die Nacht, aus dem Dun­kel taucht die hell beleuch­tete Kir­che von Was­sen auf. Samuel ist ein­ge­nickt, er ist sicht­lich erschöpft. Wäh­rend er schläft, besor­gen wir ihm im Restau­rant­wa­gen etwas zu essen und zu trin­ken. Kurz vor Arth-Goldau wecken wir ihn und über­rei­chen ihm Pro­vi­ant und etwas Geld. «God bless you» mur­melt er leise und ver­schlingt einen klei­nen Panet­tone. Dann errei­chen wir Arth-Goldau.

Zusam­men gehen wir zum Aus­gang, wo ich ihm den Weg durch die Unter­füh­rung aufs andere Per­ron zeige. Dort fährt in einer hal­ben Stunde der direkte Zug nach Basel, wo er dann mit­ten in der Nacht ankom­men wird. Ob das gut kommt? Eben noch haben wir ihm gut zuge­re­det, er sei stark und werde es nach Deutsch­land schaf­fen. Immer­hin hat er sich bereits von Sierra Leone bis hier­her durchgeschlagen…

Und doch habe ich ein schlech­tes Gewis­sen. In Zürich war­tet eine grosse, warme Woh­nung auf uns, wo es auch Platz hätte für einen Gast. Warum haben wir ihn nicht zu uns ein­ge­la­den? Oder ihm unser Feri­en­häus­chen am Bie­ler­see zur Ver­fü­gung gestellt? – Gedan­ken, die uns bei­den durch den Kopf gegan­gen sind. Wir haben sie schnell ver­drängt und uns mit den klei­nen Hil­fe­lei­stun­gen begnügt.

Mit einem ungu­ten Gefühl ver­ab­schiede ich mich von Samuel und schaue ihm nach, wie er in die kalte Nacht ver­schwin­det. Ein Mensch auf der Flucht, auf der Suche nach Schutz…

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