Falsche Weichenstellung:
NEIN zum neuen Stromgesetz!

Die Ener­gie­stif­tung Schweiz SES hat Anfang März eine äus­serst span­nende Stu­die publi­ziert. Basie­rend auf einer Ana­lyse der gel­ten­den Bun­des­ge­setze zeigt sie auf, wie der Ener­gie­kon­sum in der Schweiz durch Fehl­an­reize ange­heizt wird: Auf­ge­führt wer­den 112 soge­nannte «Mass­nah­men mit ener­ge­ti­schem Fehl­an­reiz» – die Liste, so die Autor:innen der Stu­die, sei nicht abschlies­send, die Zahl der Fehl­an­reize eher unterschätzt.

Die Expert:innen iden­ti­fi­zier­ten Fehl­an­reize in zahl­rei­chen Sek­to­ren – dazu gehö­ren ins­be­son­dere die Berei­che Ener­gie, Ver­kehr, Land­wirt­schaft, Tou­ris­mus, Industrie/​Unternehmen – aber auch Regu­lie­run­gen im Steu­er­we­sen sowie bei Bau und Raum­pla­nung beför­dern den Ener­gie­ver­schleiss. Und zwar durch ver­schie­dene For­men von Mass­nah­men wie Sub­ven­tio­nen, Steu­ern, Vor­schrif­ten – aber auch Män­gel im Voll­zug oder bei der Kon­trolle ver­hin­dern bis­lang einen effi­zi­en­ten Umgang mit Energie.

Bei­spiele für Fehl­an­reize sind etwa Tarife, die bei hohem Strom­ver­brauch sin­ken. Oder das Feh­len einer CO2-Abgabe auf Treib­stof­fen im Stras­sen­ver­kehr. Und die Befrei­ung des Flug­ver­kehrs von der Mineralölsteuer.

Allein die Kor­rek­tur von sie­ben in der Stu­die näher unter­such­ten Fehl­an­rei­zen beinhal­tet ein Ener­gie­spar­po­ten­zial von 9 bis 10 Ter­ra­watt­stun­den (TWh) pro Jahr, was knapp 5 Pro­zent des heu­ti­gen Schwei­zer Gesamt­ener­gie­ver­brauchs ent­spricht. – Mit ande­ren Wor­ten: Durch die Abschaf­fung oder Revi­sion der Geset­zes­ar­ti­kel, die zum Mehr­ver­brauch an Ener­gie ani­mie­ren, könnte der Ener­gie­be­darf in der Schweiz mas­siv redu­ziert werden.

Dass nun aus­ge­rech­net die SES das Ja-Lager der Umwelt­ver­bände zum neuen Strom­ge­setz, über das wir am 9. Juni 2024 abstim­men wer­den, anführt, ist abso­lut unver­ständ­lich. Han­delt es sich doch bei der Vor­lage («Man­tel­erlass») um ein Mach­werk, das gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht zusätz­li­che Fehl­an­reize in der Schwei­zer Ener­gie­po­li­tik produziert.

Wer das Fei­len an den neuen Geset­zes­ar­ti­keln mit­ver­folgt hat und sich die Mühe nimmt, die neuen Bestim­mun­gen im Detail zu lesen, stellt mit gros­ser Ver­wun­de­rung fest: Die Slo­gans für die Ja-Parole der Umwelt­ver­bände klin­gen wie ein Hohn und ent­sprin­gen eher einem Wunsch­den­ken als der Realität.

So wird etwa in Bezug auf Solar­an­la­gen behaup­tet: «Über 80 Pro­zent der Anla­gen ent­ste­hen auf Gebäu­den und bestehen­der Infra­struk­tur.» – Stimmt nicht. Fakt ist: Die ange­dachte Solar-Pflicht für Fas­sa­den und Dächer hatte im Par­la­ment keine Chance. Was davon übrig blieb ist ein­zig die Vor­schrift, dass beim «Bau neuer Gebäude mit einer anre­chen­ba­ren Gebäu­de­flä­che von mehr als 300m²» eine Pho­to­vol­taik oder Solar­ther­mie­an­lage zu erstel­len sei. Und noch da ermög­licht das Gesetz die Gewäh­rung von Ausnahmen.

Dies, obschon etwa ein vom Bun­des­amt für Ener­gie publi­zier­ter Solar­ka­ta­ster auf­zeigt, dass allein geeig­nete Haus­dä­cher und Fas­sa­den 67 TWh Strom lie­fern könn­ten. Mit einer zusätz­li­chen Bestückung von Infra­struk­tu­ren wie Lärm­schutz­wän­den, Ver­kehrs­flä­chen oder Stau­mau­ern mit Pho­to­vol­taik-Anla­gen könn­ten jähr­lich sogar 90 TWh Ener­gie pro­du­ziert wer­den. Das ist mehr als dop­pelt soviel Strom wie sämt­li­che Was­ser­kraft­werke der Schweiz liefern.*

Statt die­ses enorme Poten­zial mit einer kon­se­quen­ten För­de­rung von Solar­an­la­gen auf bestehen­den Bau­ten zu nut­zen, ermög­licht das neue Gesetz für Ener­gie­infra­struk­tu­ren «von natio­na­lem Inter­esse», dass bis­he­rige Bestim­mun­gen des Natur- und Hei­mat­schutz­ge­set­zes zugun­sten der Ener­gie­ge­win­nung aus­ge­he­belt wer­den. Und finan­zi­elle Anreize für die gros­sen Ener­gie­kon­zerne ver­hin­dern eine schlan­kere, dezen­trale Ener­gie­pro­duk­tion. Denn der Bund soll bis zu 40 Pro­zent an die Pro­jek­tie­rungs­ko­sten neuer gros­ser Wasserkraft‑, Wind­ener­gie- oder Geo­ther­mie­an­la­gen zah­len, was den Elek­tro­kon­zer­nen bei ihren Plä­nen entgegenkommt.

Dies sind nur zwei einer gan­zen Reihe von Bei­spie­len, die zei­gen, wie das neue Strom­ge­setz das ver­al­tete Den­ken und die Ener­gie­ver­schwen­dung wei­ter zemen­tiert. Keine Frage: Wir brau­chen drin­gend neue Regeln und Vor­schrif­ten, um den Ener­gie­ver­brauch in unse­rem Land nach­hal­tig zu gestal­ten – das heisst aber vor allem auch, ihn zu senken.

Dass dies mög­lich wäre, zeigt nicht nur die ein­gangs erwähnte SES-Stu­die. Laut einer ande­ren Stu­die der Schwei­ze­ri­schen Agen­tur für Ener­gie­ef­fi­zi­enz S.A.F.E. liegt das Spar­po­ten­zial beim Strom – allein gestützt auf den tech­ni­schen Fort­schritt – bei rund 26 TWh. Laut dem Ver­ein bräuchte die Schweiz 2035 – bei gleich­blei­ben­dem Wachs­tum – pro Jahr nur 46 TWh Strom, also 23 Pro­zent weni­ger als heute, wenn sie das tech­ni­sche Spar­po­ten­zial aus­schöp­fen würde.

Das neue Strom­ge­setz macht in Bezug auf Ener­gie­spar­mass­nah­men bloss sehr all­ge­meine Anga­ben. Trotz har­tem Rin­gen muss der erfeilschte Kom­pro­miss als grot­ten­schlecht bezeich­net wer­den – allzu viel von dem, was die Vertreter:innen der JA-Parole nun aus dem Man­tel­erlass her­aus­le­sen, steht dort mit kei­nem Wort. Im Gegen­teil: Die Vor­lage ist eine Mogel­packung, gefüllt mit Gummiparagraphen.

Mit der Kate­go­rie Ener­gie­an­la­gen «von natio­na­lem Inter­esse» schafft das Gesetz gar die Basis für einen unge­brem­sten Aus­bau von Ener­gie-Infra­struk­tur­bau­ten auf Kosten von Natur und Umwelt: Eine von den Strom­ba­ro­nen zu defi­nie­rende «Ener­gie­si­cher­heit» erhält expli­zit das Pri­mat über Land­schafts- und Hei­mat­schutz. Mit- und Ein­spra­che­rechte wer­den beschnit­ten, Bewil­li­gungs­ver­fah­ren beschleu­nigt und «ver­schlankt».

Das geht auf Kosten von Sorg­falt und Serio­si­tät. Dies nota­bene ohne Not, wie oben erwähnte Stu­dien bewei­sen: Die Schweiz ver­fügt aktu­ell nicht nur über genü­gend Ener­gie, sie hat dar­über hin­aus ein gros­ses Ener­gie­spar-Poten­zial. Dies muss erst ein­mal aus­ge­schöpft wer­den, bevor man dem Aus­bau von Ener­gie-Infra­struk­tur hem­mungs­los Tür und Tor öff­net. Es braucht ein grif­fi­ges Gesetz, das auch der Erkennt­nis Rech­nung trägt, dass Ener­gie­res­sour­cen sorg­fäl­tig und nach­hal­tig genutzt wer­den müssen.

Ein NEIN am 9. Juni wird die Politiker:innen – und auch die Umwelt­ver­bände – zwin­gen, das Ganze neu auf­zu­glei­sen. Die Umwelt­or­ga­ni­sa­tio­nen sol­len ihre Auf­ga­ben erfül­len und dür­fen nicht Hand zu fau­len Kom­pro­mis­sen mit den Elek­tro­tur­bos bie­ten. Damit die Parole «Strom im Ein­klang mit der Natur» nicht bloss eine leere Wort­hülse bleibt, son­dern tat­säch­lich umge­setzt wird.

*Quelle: Die Ener­gie­wende im War­te­saal, Rudolf Rech­stei­ner, hrsg. von der SES, Ver­lag Zocher&Peter, 2021

Klima UND Landschaft schützen!

Das Ver­dikt der Gemein­de­ver­samm­lung liess an Deut­lich­keit nichts zu wün­schen übrig: Die Stimm­be­rech­tig­ten der Gemeinde Sur­ses im Grau­bün­den waren am 29. Januar 2024 beson­ders zahl­reich erschie­nen, um über ein hoch­al­pi­nes Solar­pro­jekt im Val Nan­dro ober­halb von Savo­gnin zu befinden.

Die Ener­gie­ab­tei­lung ewz der Indu­stri­el­len Betriebe der Stadt Zürich wollte 66,5 Hektaren Natur­land­schaft mit einer Pho­to­vol­ta­ik­an­lage für die Pro­duk­tion von «sau­be­rem Strom» zubauen – auf einer Flä­che, die 95 Fuss­ball­fel­dern entspricht.

Der Hin­ter­grund: Im Sep­tem­ber 2022 bewil­ligte das eid­ge­nös­si­sche Par­la­ment für die För­de­rung hoch­al­pi­nes Solar­pro­jekte Sub­ven­tio­nen in Mil­li­ar­den­höhe (unter dem Titel «Solar­ex­press»): Für Anla­gen, die bis zum 31. Dezem­ber 2025 ans Netz gehen, wer­den bis zu 60 Pro­zent der Inve­sti­ti­ons­ko­sten vom Bund über­nom­men und mit Steu­er­gel­dern bezahlt!

Wäh­rend sich für Pri­vate die Inve­sti­tio­nen in Solar­pa­nels auf bestehen­den Gebäu­den oft nicht rech­nen, eröff­net der in Bun­des­bern geschickt ein­ge­fä­delte «Solar­ex­press» den Gros­sen im Strom­busi­ness wie ewz, BKW oder Axpo ein veri­ta­bles Eldo­rado. Kein Wun­der, grei­fen sie gie­rig zu. In den letz­ten Mona­ten sind Dut­zende von hoch­al­pi­nen Solar­pro­jek­ten auf­ge­gleist wor­den, nach dem Motto: Gross­flä­chig ist beau­tiful und ren­tiert bei soviel Sub­ven­tio­nen. Nun müs­sen sie nur noch der Flä­chen hab­haft wer­den. Die gehö­ren ihnen im hoch­al­pi­nen Raum aber nicht flä­chen­deckend. Zudem lässt sich der unge­zü­gelte Ener­gie­hun­ger dort nur auf Kosten von Land­schaft und Natur stillen.

Zum Glück scheint es nun aber doch nicht so ein­fach zu gehen, wie sich das die Solar­ba­rone aus dem Unter­land vor­ge­stellt haben: Im Wal­lis stellte sich eine Mehr­heit der Bevöl­ke­rung gegen die über­stürzte Ertei­lung von Bewil­li­gun­gen, im Kan­ton Bern erteilte die Gemeinde Saa­nen dem 67 Fuss­ball­fel­der gros­sen Pro­jekt Solsarine bereits im Dezem­ber 2023 eine Absage. 

Und nun also auch Sur­ses, die Stand­ort­ge­meinde des Mar­morera-Stau­sees: Genau 70 Jahre ist es her, dass das alte Dorf Mar­morera der Strom­pro­duk­tion geop­fert wurde. Damals hatte der Unter­händ­ler der Indu­stri­el­len Betriebe Zürich ein leich­tes Spiel: Er han­delte mit den weni­gen Haus- und Land­be­sit­zern indi­vi­du­elle Kauf­ver­träge aus und ver­pflich­tete sie zum Stillschweigen.

So kam es, wie es kom­men musste: Nach­dem die stimm­be­rech­tig­ten Män­ner von Mar­morera mit 24 Ja- zu 2 Nein­stim­men der Kon­zes­sion für die Aus­nüt­zung der Was­ser­kräfte durch die Stadt Zürich zuge­stimmt hat­ten, wurde 1954 das gesamte Dorf zer­stört und geflutet. 

Eine bit­tere Erfah­rung, aus der man in der Region mög­li­cher­weise seine Leh­ren gezo­gen hat. Dies­mal lehn­ten die Stimm­be­rech­tig­ten das Ange­bot aus dem Unter­land mit 378 zu 177 Stim­men ent­schie­den ab. Dies, obschon der Gemeinde jähr­lich Ein­nah­men in der Höhe von CHF 450’000 bis 600’000 Fran­ken aus dem Solar­strom­deal winkten.

Nun muss die im Novem­ber 2023 instal­lierte Test­an­lage für das Solar­pro­jekt wie­der demon­tiert wer­den. Genauso wie jene auf dem Horn­berg im Ber­ner Ober­land, wo der Gold­grä­ber­stim­mung der Strom­kon­zerne eben­falls der Rie­gel gescho­ben wurde. Die Mes­sage ist klar: Die Bevöl­ke­rung in den bei­den Tou­ris­mus­ge­bie­ten will keine Land­schafts­ver­schan­de­lung durch Solarpanels.

Das ist kon­se­quent und rich­tig. Nun braucht es aber zwin­gend näch­ste Schritte: Die Ableh­nung von pro­ble­ma­ti­schen Solar- und Wind­ener­gie­an­la­gen allein genügt nicht. Wol­len wir sowohl das Klima wie die Land­schaft ernst­haft schüt­zen, braucht es drin­gend ein Umden­ken. Das brach­lie­gende Solar-Poten­tial an geeig­ne­ten bestehen­den und neuen Gebäu­den muss in der Schweiz end­lich an die Steck­dose gebracht werden.

Zudem ist es an der Zeit, statt ein­zig über zusätz­li­che Ener­gie­quel­len zu debat­tie­ren, ernst­haft Reduk­ti­ons- und Spar­mass­nah­men bei der Nut­zung ins Auge zu fas­sen. Bis­lang sind The­men wie «Ver­zicht» oder «Begren­zung» tabu. Dies, obschon ange­sichts der momen­tan herr­schen­den Ener­gie­ver­schwen­dung Ein­spa­run­gen in beacht­li­chem Stil mög­lich wären – ohne dass dies für die Wirt­schaft oder die Bevöl­ke­rung in der Schweiz schmerz­hafte Ein­schrän­kun­gen zur Folge hätte.

Hauert Dünger – zurück zu den Wurzeln!

Ob in Gär­ten, auf Sport­plät­zen oder auf dem Feld: Die Zugabe von Dün­ger aller Art zur För­de­rung von Pflan­zen­wachs­tum und Ern­te­er­trag ist all­ge­gen­wär­tig. Das Geschäft mit den Gra­nu­la­ten und Flüs­sig­kei­ten für bun­tere Blu­men, robu­stere Rasen und ertrag­rei­chere Ern­ten flo­riert, auch in Zei­ten von Bio­boom und Trinkwasserinitiative…

Trotz­dem ste­hen beim gröss­ten Schwei­zer Dün­ger­her­stel­ler momen­tan die Zei­chen auf Sturm: Lie­fer­eng­pässe und Preis­stei­ge­run­gen bei Ener­gie und Roh­stof­fen machen der Hau­ert HBG Dün­ger AG im Ber­ner See­land zu schaf­fen. Wie­der­holt hat sie in den letz­ten Mona­ten die Preise für ihre Pro­dukte erhöht, um die Her­stel­lungs­ko­sten decken zu können.

«Für viele Roh­stoffe zah­len wir im Moment etwa das Drei­fa­che der frü­he­ren Preise», klagt Geschäfts­füh­rer Phil­ipp Hau­ert im Bie­ler Tag­blatt vom 27. Okto­ber. Er lei­tet das (laut Eco­no­mie Suisse) älte­ste Fami­li­en­un­ter­neh­men der Schweiz in 12. Gene­ra­tion. Wie er 2016 in einem Inter­view mit dem Wirt­schafts­ver­band ver­riet, lau­tet sein Motto: «Wir pfle­gen die Tra­di­tion, Ver­än­de­run­gen nicht zu scheuen.»

Ange­fan­gen hatte alles vor bald 360 Jah­ren – anno 1663. Als die Ger­be­rei sei­ner Vor­fah­ren mit der Kon­kur­renz in der Leder­pro­duk­tion nicht mehr mit­hal­ten konnte, spe­zia­li­sierte man sich auf die Ver­wer­tung eines ande­ren Neben­pro­dukts aus der Tier­schlach­tung und pro­du­zierte fortan Pflan­zen­dün­ger aus Kno­chen­mehl. Ein klu­ger Schach­zug, wie sich her­aus­stel­len sollte.

Ob Gülle, Mist, Horn‑, Feder- oder Kno­chen­mehl – tie­ri­sche Pro­dukte sind seit jeher wich­tige Hel­fer im Gemü­se­gar­ten und auf dem Acker. Ent­spre­chend erfolg­reich war das neue Busi­ness­mo­dell von Hau­ert. Irgend­wann begnügte man sich jedoch nicht mehr mit Kno­chen­mehl. Neue Rezep­tu­ren wur­den ent­wickelt, mit neuen, auch mine­ra­li­schen und syn­the­tisch her­ge­stell­ten Stof­fen, die das Pflan­zen­wachs­tum noch stär­ker und auf kurze Frist sti­mu­lie­ren soll­ten. Nach dem 2. Welt­krieg kamen die ersten Lang­zeit­dün­ger auf den Markt, das Ange­bot wurde immer wei­ter aus­ge­baut: Heute umfasst das Hau­ert-Sor­ti­ment nicht nur mass­ge­schnei­derte Dün­ge­mit­tel für jede Rasen‑, Rosen- oder Gemü­se­sorte, son­dern auch gezielt für jede Wachs­tums­phase – diese Dün­gung im Früh­jahr, eine andere im Som­mer, eine dritte im Herbst…

Längst basiert der Hau­ert-Erfolg nicht mehr auf Kno­chen­mehl. Heute ver­braucht die Firma für ihre Dün­ger­pro­duk­tion vor allem grosse Men­gen von Stick­stoff, Phos­phor, Kali – und sehr viel Ener­gie. Was jah­re­lang ein flo­rie­ren­des Geschäft war, wird jetzt zum Pro­blem: Bereits im April 2022 habe das Unter­neh­men mehr für Gas und Strom aus­ge­ge­ben als im gesam­ten letz­ten Jahr – die Mehr­ko­sten wür­den pro Betriebs­stunde im Moment stolze 500 Fran­ken betra­gen, hat Hau­ert ausgerechnet.

Am stärk­sten sind die Preise beim Stick­stoff gestie­gen, für des­sen Her­stel­lung sehr viel Erd­gas benö­tigt wird. Die mas­sive Teue­rung beim Gas hat laut Hau­ert dazu geführt, dass die euro­päi­schen Stick­stoff­her­stel­ler nicht mehr kon­kur­renz­fä­hig sind. Diese hät­ten ihre Pro­duk­tion stark gedros­selt oder gar ein­ge­stellt, wes­halb Hau­ert neue Lie­fe­ran­ten suchen musste. Jetzt impor­tiert der Dün­ger­pro­du­zent sei­nen Stick­stoff statt aus Bel­gien aus Ägyp­ten und Nordamerika.

Auch die Beschaf­fung von Kali und Phos­phor ist kom­pli­ziert und teuer gewor­den: Kali wurde bis vor kur­zem vor allem aus Russ­land impor­tiert, was mit der Ver­hän­gung der Sank­tio­nen nun nicht mehr geht. Und Haupt­lie­fe­rant für Phos­phor ist China, das zwi­schen­zeit­lich wegen hohem Eigen­be­darf den Export auch mal gestoppt hatte.

«Die Situa­tion für uns als Firma ist aktu­ell unge­müt­lich», gab denn auch Phil­ipp Hau­ert gegen­über dem Bie­ler Tag­blatt zu Pro­to­koll. Er befürch­tet, dass der Dün­ger­ver­kauf wegen der Teue­rung, von der auch seine Pro­dukte betrof­fen sind, ein­bre­chen könnte.

Für die Natur, das Klima und die Bio­di­ver­si­tät ist das eine gute Nach­richt. Die res­sour­cen-ver­schleis­sende Pro­duk­tion von Dün­ge­mit­teln aus impor­tier­ten Roh­stof­fen hat keine Zukunft. Je eher sie ein­ge­stellt wird, umso besser.

Es geht näm­lich auch anders, auch bei der Firma Hau­ert: Unter dem Label Bio­gra hat sie eine bio­lo­gi­sche Pro­dukt­e­li­nie geschaf­fen, die laut Eigen­wer­bung «wo immer mög­lich auf Basis loka­ler, nach­wach­sen­der Roh­stoffe» her­ge­stellt wird. So ent­hält der Bio­gra-Stick­stoff­dün­ger etwa «Feder­mehl, Horn­späne, Tier­hör­ner, Fleisch­kno­chen­mehl» – die Roh­stoffe also, mit denen die Hau­ert-Erfolgs­ge­schichte begon­nen hat.

Höch­ste Zeit, dass sich Phil­ipp Hau­ert auf die Anfänge des Fami­li­en­un­ter­neh­mens zurück­be­sinnt. Statt den Markt mit immer neuen und immer auf­wän­di­ger pro­du­zier­ten Pro­duk­ten zu über­schwem­men, ist jetzt der Moment, sich auf eine nach­hal­tige Pro­duk­tion von umwelt­ver­träg­li­chem, bio­lo­gisch und regio­nal pro­du­zier­tem Dün­ger zu beschränken.

Ganz nach dem Motto: «Wir pfle­gen die Tra­di­tion, Ver­än­de­run­gen nicht zu scheuen.»

Wie sauber ist «saubere Energie»?

Es ist höch­ste Zeit, die Ölhei­zung still­zu­le­gen und durch eine Wär­me­pumpe zu erset­zen. Dass man damit für das alte Haus mehr Strom braucht, ist kein Pro­blem: Eine Pho­to­vol­ta­ik­an­lage auf dem Dach und die Spei­cher­bat­te­rie im Kel­ler sor­gen künf­tig für eine aut­arke Ver­sor­gung mit erneu­er­ba­rer Ener­gie, rund um die Uhr.

«Damit wird auch das Woh­nen sau­ber», freut sich die öko­lo­gie­be­wusste Mie­te­rin. Ihre Nach­barn haben soeben eine Pel­let­hei­zung instal­liert, andere hof­fen auf einen bal­di­gen Fern­wär­me­an­schluss. Der Trend ist klar: Alle wol­len weg von Gas und Öl. Endlich!

Das ist gut so, der Schritt weg von den fos­si­len Ener­gien war längst über­fäl­lig – aber wie sau­ber ist die «sau­bere Ener­gie» wirk­lich? Sind die land­auf landab pro­pa­gier­ten Alter­na­ti­ven tat­säch­lich gut genug? Schaf­fen wir es damit aus der aktu­el­len Sackgasse?

In der all­ge­mei­nen Eupho­rie für Alter­na­ti­ven zu Öl- und Gas­kraft­wer­ken sowie fos­si­len Heiz­an­la­gen wer­den die Schat­ten­sei­ten der Ersatz-Tech­no­lo­gien unter den Tisch gewischt, mit­un­ter wird auch gelo­gen und betro­gen, was das Zeug hält.

Ein kras­ses Bei­spiel dafür ist etwa die Umstel­lung des gröss­ten Strom­kraft­werks in Eng­land von Kohle auf Pel­lets. Damit erhält die­ser Strom das Label «grün», weil er mit Holz – einem nach­wach­sen­den Roh­stoff – pro­du­ziert wird.

Wie die BBC in ihrem Dok­film «The Green Energy Scan­dal Expo­sed» auf­zeigt, ist das Ver­hei­zen von Pel­lets in die­sem Mass­stab jedoch alles andere als nach­hal­tig: Der Kraft­werks­gi­gant ver­brennt jähr­lich sie­ben Mil­lio­nen Ton­nen Pel­lets – der Gross­teil davon wird aus Kanada her­an­ge­schifft. Das Holz stammt zu einem guten Teil aus Urwäl­dern im hohen Nor­den, die sehr viel CO2 bin­den und bekannt­lich viel län­ger brau­chen, um nach­zu­wach­sen als Wäl­der in wachs­tums­freund­li­che­ren Umgebungen.

Money makes the pel­lets go round – Distan­zen und Trans­port spie­len keine Rolle, wenn der Ener­gie­markt soviel bezahlt, dass das Pel­let­busi­ness Pro­fit abwirft.

Dies nota­bene mit gross­zü­gi­ger Unter­stüt­zung durch den bri­ti­schen Staat, der die Ver­feue­rung von Pel­lets anstelle von Kohle als «grüne Alter­na­tive» sub­ven­tio­niert! Wer zudem meint, Pel­lets seien immer­hin «bes­ser» als Kohle, sitzt offen­bar einem Mär­chen auf. Seit die Drax Power Sta­tion im eng­li­schen York­shire Holz­pel­lets ver­feu­ert, weist sie laut Recher­chen der BBC eine CO2-Bilanz auf, die noch schlech­ter aus­fällt als der ein­stige Kohlebetrieb.

Auch in der Schweiz wird die Umstel­lung auf Pel­let­hei­zun­gen sub­ven­tio­niert. Weil wir (noch!) genü­gend Holz haben, das sich für die Ener­gie­er­zeu­gung eig­net, so die Wer­be­sprü­che. Aller­dings stos­sen Pel­let­hei­zun­gen nach wie vor eine Menge CO2 und zusätz­lich Fein­staub aus. Kommt hinzu, dass es auch hier­zu­lande bloss eine Frage der Zeit ist, bis die hei­mi­sche Pel­let­pro­duk­tion die Nach­frage nicht mehr befrie­di­gen kann.

In der Abtei­lung «sau­bere» Ener­gie­pro­duk­tion fin­den wir sodann Solar- und Wind­kraft. Beide sind in Wahr­heit nicht ganz so sau­ber, wie es deren Pro­mo­to­ren gerne ver­kün­den: Für die Her­stel­lung von Wär­me­pum­pen und ‑son­den, Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen, Wind­tur­bi­nen und Bat­te­rien wer­den Roh­stoffe benö­tigt, deren Gewin­nung die Umwelt bela­stet und die noch weit davon ent­fernt sind, in eine Kreis­lauf­wirt­schaft ein­ge­bun­den zu sein. Unter dem Strich also Ener­gie­an­la­gen, die schon eine Menge Ener­gie geko­stet haben, bevor sie über­haupt in Betrieb gehen.

Noch wis­sen wir wenig über deren Lebens­dauer. Fest steht: Keine die­ser Anla­gen ist ein Per­pe­tuum Mobile. Bei Wind­kraft­tur­bi­nen spricht man von einer Betriebs­dauer von rund 20 Jah­ren, in der Ver­gan­gen­heit war es auch schon weni­ger. Bei Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen wer­den 25 bis 40 Jahre pro­gno­sti­ziert, bei Wär­me­pum­pen 15 bis 20 Jahre.

Klar kann man hof­fen, dass dank For­schung und Ent­wick­lung in Zukunft auch die Ener­gie­ge­win­nung immer effi­zi­en­ter und sau­be­rer wird, und dass dies die kur­zen Lebens­zy­klen der Anla­gen auf­wie­gen mag.

Trotz­dem: Sau­bere Ener­gie gibt es nicht. Man muss beim Ver­glei­chen von mehr oder weni­ger sau­be­ren Ener­gie­for­men sogar höl­lisch auf­pas­sen und genau rech­nen, bevor das Eti­kett «sau­be­rer als…» auf­ge­klebt wird.

Wohl­stand auf dem Niveau unse­rer hoch­in­du­stria­li­sier­ten Län­der mit ste­tig wach­sen­der Mobi­li­täts­sucht lässt sich nicht grün­sa­nie­ren. Ohne Erkennt­nis und Akzep­tanz, dass weni­ger mehr ist, wird das Errei­chen der Kli­ma­ziele ein from­mer Wunsch blei­ben. Dies umso mehr, wenn zuoberst auf der Trak­tan­den­li­ste der Mäch­ti­gen das Füh­ren von Krie­gen steht.

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