
Die Sonne lockt, und ein Brief muss per Einschreiben auf die Post. Ein kurzer Spaziergang zu zweit, um frische Luft zu schnappen. Doch dann…
Natürlich wissen wir, dass in den Fabrikhallen der ehemaligen Bührle-Kanonenfabrik in unserer Nachbarschaft mittlerweile wieder in grossem Stil Rüstungsgüter produziert werden: Der Schweizer Ableger des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall baut hier seinen «Verkaufsschlager» Skyranger und andere Rüstungsgüter – abgeschirmt hinter hohen Gittern und Mauern.
Das Geschäft brummt – tagein tagaus herrscht reger Lastwagenverkehr beim Fabriktor. Aber heute bleiben wir irritiert stehen. Auf dem Aussenparkplatz, wo üblicherweise nur Lastwagen, BMWs mit Kennzeichen aus Deutschland und die Velos und Roller der Angestellten parken, steht ein Flabgeschütz (Flakgeschütz im Reichswehrdeutsch). Züchtig verhüllt, nur zwei schlanke Kanonenrohre ragen in den wolkenverhangenen Himmel. Die Aufrüstung, die zugleich dem Krieg dienen und den Krieg verhindern soll, mitten im Wohnquartier.

Wir überlegen, ob ein KI-gesteuerter Angriff, wenn es dann soweit ist, die Rheinmetallwaffenschmiede punktgenau trifft – oder knapp daneben, unser Wohnhaus. Lieber nicht zu viel denken, auf dem Weg zur Post.
Ein paar Strassenzüge weiter, das nächste Unheil. Das Geschäft unseres Velomechanikers «VeloLukas» leergeräumt, wie der ganze Wohnblock: Was ist mit unserem Velogeschäft geschehen?

Erst auf den zweiten Blick entdecken wir das neu ausgesteckte Bauprojekt. VeloLukas musste einem Neubau weichen.
Und schnell ist auch klar: Das lokale Velogeschäft unseres Vertrauens ist definitiv weg aus dem Quartier.
Immerhin haben wir vorläufig aber noch eine Postfiliale in Oerlikon. Aktuell mit Warteschlange. Wir ziehen die Nummer 376, ca. 7 Minuten Wartezeit, sagt die Anzeige. Zeit genug, um sich von Werbung – publikumswirksam auf einem Grossbildschirm direkt über dem Schalter platziert – berieseln zu lassen.
Ein Werbespot ploppt auf, in postgelben Farben: Was hat uns der gelbe Riese heute anzupreisen? Erst beim Lesen des eigenartigen Texts auf dem gelben Banner wird klar: Das ist keine Eigenwerbung der Post! – Sondern:

zueri-spinnt? – Sind da etwa wir gemeint?
Wir finden heraus: Die rechtspopulistische Wahlwerbung und die dazugehörende Website wurde im Auftrag einer Vereinigung, die sich «Bund besorgter Bürgerinnen und Bürger» nennt, von der PR-Agentur Endurit gmbh kreiert. Bereits Ende September haben die gleichen Besorgten im Tagblatt der Stadt ein halbseitiges ähnliches Inserat aufgegeben. Im Frühjahr 2026 finden in der Stadt Zürich Gemeinde- und Stadtratswahlen statt – offenbar kann es manchen nicht früh genug losgehen.
Peinlich, dass keine dieser «besorgten Bürgerinnen und Bürger» auch mit Namen und Parteifähnchen zu ihrem bürgerlichen Wahlspot(t) stehen. Es gibt Indizien, die auf die Urheberschaft hinweisen: Dazu gehören SVP-Vertreter des Hauseigentümerverbands von Stadt und Kanton Zürich und die FDP mit dem Ehepaar Yasmine und Marc Bourgeois: Sie ist FDP-Gemeinderätin in der Stadt Zürich und sitzt im Vorstand des städtischen Hauseigentümerverbands, er ist FDP-Kantonsrat und als Inhaber der Endurit gmbh Produzent von Kampagnenwebsites.
Es ist schon fragwürdig, dass die Post derartige Polit-Werbung in ihren Filialen überhaupt laufen lässt. Zum einen, weil es sich um ein anonymes Machwerk handelt, aber auch, weil dieses sich im postgelben Tarnkleid präsentiert…
Auf dem Heimweg kommen wir ins Grübeln. Was nur könenn wir tun, um die Kräfte zu stoppen, die tagtäglich aus allen Himmelrichtungen unser Lebensumfeld beschädigen und bedrohen?


