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Schweigen, beschö­nigen und vertuschen

Die offi­zi­elle Schweiz hält wei­terhin an ihrer Vogelstrauss-Politik in Bezug auf Israels Völkermord fest. Das EDA ver­schickte einzig ein laues Protestschreiben im Nachgang des jüng­sten durch Israel ver­übten Doppel-Anschlags auf das Spital in Chan Yunis, bei dem die israe­li­sche Armee erneut gezielt Helfer:innen und Journalist:innen tötete. Ein wei­teres Kriegsverbrechen, das aber weder unsere Politiker:innen noch die Medien beim Namen nennen.

In pein­li­chem Kontrast zu den Bildern aus Gaza steht ein Foto aus der heilen Schweizer Welt, das SP-Nationalrat Fabian Molina in den Sozialen Medien postete. Es wurde dieser Tage anläss­lich einer zwei­tä­gigen Retraite der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats (APK) im Schloss Chillon an den Gestaden des Genfersees geschossen.

Umrahmt von den mit­tel­al­ter­li­chen Mauern posieren selbst­zu­frie­dene Poliltiker:innen mit fröh­li­chem Lächeln für das Gruppenbild – in ihrer Mitte mit geschwellter Brust und in Lachpose auch Aussenminister Ignazio Cassis, der mit von der Partie war.

Während in anderen Ländern immer mehr Politiker:innen wirk­same Massnahmen und Sanktionen gegen Israels Menschen-Vernichtungsmaschinerie for­dern und immer öfter auch durch­setzen, scheint dies in der Schweiz wei­terhin kein Thema zu sein. Den hin­ter­häl­tigen Doppelangriff auf das Spital im Süden von Gaza vom 25. August, bei dem Israel wie­derum fünf Medienschaffende getötet und so zum Schweigen gebracht hat, quit­tierte das EDA bloss mit der immer­gleich abge­spulten «Verurteilung».

Offensichtlich hat auch der Betriebsausflug der Aussenpolitiker:innen an den Genfersee keine Änderung der im Bundeshaus betrie­benen Leisetreterpolitik gegen­über Israel bewirkt. Was auch nicht weiter erstaun­lich ist, ange­sichts der Tatsache, dass 10 (!) der ins­ge­samt 25 Mitglieder der APK gleich­zeitig Mitglieder der «Freundschaftsgruppe Schweiz-Israel» sind – der von Israel gesteu­erten Lobbyorganisation, wel­cher ins­ge­samt nicht weniger als 47 Parlamentarier:innen angehören.

Bis heute werden hier­zu­lande denn auch weder die Handels- noch die Militärbeziehungen zwi­schen der Schweiz und Israel infrage gestellt. Stattdessen begnügen sich unsere Aussenpolitiker:innen – milde gesagt – mit der Rolle des besorgten Publikums. Und machen sich damit zu Mitschuldigen: Gegen offen­sicht­li­chen Völkermord keine Massnahmen ergreifen, heisst letzt­lich, den Völkermord gutheissen.

Genauso wie die Politiker:innen, halten auch unsere Medien nach wie vor am alten Narrativ vom unan­tast­baren Staat Israel fest, der sich gegen den Terror der Palästinenser:innen schützen müsse. Dies, obschon Recherchen und Berichte inter­na­tio­naler Organisationen und Medien längst auf­ge­deckt haben und immer wieder von neuem auf­zeigen, welch üble Propaganda und Desinformationspolitik Israel betreibt, um seine Gräueltaten gegen­über der Weltöffentlichkeit zu ver­tu­schen und zu beschö­nigen. Tatsachen, die von Journalist:innen hier­zu­lande gerne unter den Tisch gewischt werden.

So wies etwa der «Guardian», in Zusammenarbeit mit dem israe­lisch-palä­sti­nen­si­schen Online-Magazin +972, vor einer Woche in einem gut recher­chierten Hintergrundbericht nach, dass 83 Prozent der in Gaza getö­teten Menschen Zivilist:innen waren, und gerade mal 17 Prozent «Hamas-Terroristen». Diese Zahlen stammen nota­bene aus einer internen israe­li­schen Quelle und beziehen sich auf die israe­li­schen Angriffe auf Gaza vom 7. Oktober 2023 bis Mai 2025.

Der Bericht sorgte inter­na­tional für Schlagzeilen. In der Schweiz dau­erte es aller­dings fast eine Woche, bis sich SRF News dem Thema ange­nommen und am 27. August einen län­geren Online-Text dazu ver­öf­fent­licht hat. Allerdings traute man bei der SRG offenbar den Rechercheur:innen des bri­ti­schen Weltblatts sowie der Zuverlässigkeit des mutigen und bestens ver­netzten israe­li­schen Investigativ-Journalisten Yuval Abraham nicht. SRF-Online titelt näm­lich: «Sind 83 Prozent der Getöteten im Gazastreifen Zivilisten?»

Warum dieses Fragezeichen, fragt sich da die kri­ti­sche Leserin, die den Originalbericht kennt. Wie in den Schweizer Medien üblich, stellt auch SRF die fak­ten­ba­sierten Recherchen von Guardian und +972 eins zu eins, gleich­wertig und unhin­ter­fragt, den Aussagen der IDF-Propagandatruppe gegen­über, die selbst­ver­ständ­lich die Existenz der im Bericht zitierten Datenbank leugnet und behauptet, die genannten Zahlen seien falsch.

Statt Israels offen­sicht­liche – und in den letzten Wochen und Monaten viel­fach ent­larvte – Kriegspropaganda und Lügenpolitik als das zu benennen, was sie ist, werden die immer glei­chen Vorwände und Scheinargumente für die Tötungsaktionen von unseren Medien auf­ge­nommen und wei­ter­ver­breitet. Dazu gehören immer wieder unbe­wie­sene Behauptungen der IDF, man habe «auf Hamas-Einrichtung gezielt» oder getö­tete Journalist:innen seien in Tat und Wahrheit Hamas-Terroristen gewesen.

Ein wei­teres krasses Beispiel für die ten­den­ziös israel-freund­liche Berichterstattung findet man in den TX-Zeitungen vom 27. August: Unter dem Titel «Damit die Welt den Horror in Gaza nicht sieht» publi­zierten sie einen Kommentar von Bernd Dörries, dem Nahostkorrespondenten der Süddeutschen Zeitung SZ, zum jüng­sten Massaker von Chan Yunis und die gezielten Tötungen von Journalist:innen durch die israe­li­sche Armee.

Vergleicht man Dörries glei­chen­tags publi­zierten Originaltext in der SZ fällt sofort auf, dass dort der Kommentar dop­pelt so lang ist. Aber nicht nur das: Schaut man sich die von TX-Media vor­ge­nom­menen «Kürzungen» an, wird sofort klar: Dieser Kommentar wurde nicht nur in der Länge beschnitten, son­dern auch zurecht­fri­siert und entschärft.

Das beginnt schon beim Titel, der in der SZ lautet: «Krieg gegen Journalisten». Wo Dörries schreibt, dass ein Journalist durch einen israe­li­schen Luftschlag «umge­bracht» wurde, steht in den TX-Blättern schlicht und ein­fach, dass er durch den Luftschlag «starb».

Weiter ver­gleicht Dörries in seinem Text das Vorgehen der israe­li­schen Armee in Chan Yunis mit dem Vorgehen von Terrorgruppen. Dies wurde für die Schweizer Leserschaft raus­ge­stri­chen, genauso wie – nebst einer Reihe wei­terer Passagen – sein letzter prä­gnanter Satz: «Israel will ver­hin­dern, dass die Welt sieht, welch ein Horror in Gaza passiert.»

Es ist nicht nur beschä­mend, son­dern vor allem erschreckend, wohin sich der Journalismus in der Schweiz ent­wickelt hat. Wo bleibt die Berufsethik, die Recherche, die Suche nach Fakten und das Abwägen von Plausibilitäten? Wo bleibt der Respekt, die Solidarität mit unseren Kolleg:innen, die vor Ort unter wid­rig­sten Umständen, unter stän­diger Lebensgefahr einen unglaub­li­chen Job machen?

Hier in der Schweiz können kom­for­tabel von unseren Desks aus Fakten prüfen, abwägen, nach­re­cher­chieren und dar­über berichten, was Sache ist. Allerdings sollten wir das ohne Schere im Kopf tun, und ohne Rücksicht auf mehr oder weniger sanfte (unpro­to­kol­lierte) Druckversuche von Vorgesetzten. 

Valerie Zink, die kana­di­sche Reuters-Reporterin, die ihren Job geschmissen hat, weil die renom­mierte Agentur für die sie jah­re­lang arbei­tete, die wahren Todesumstände von im Gazakrieg abge­schos­senen Journalist:innen und Photograph:innen feige unter dem Deckel hält, hat es präzis auf den Punkt gebracht:

«Wenn du in einem Raum sitzt und zwei Personen über das Wetter dis­ku­tieren, wobei die eine sagt, dass es regnet, und die andere sagt, dass es nicht regnet, dann ist es nicht die Aufgabe des Journalisten, diese beiden Aussagen zu drucken. Seine Aufgabe ist es, aus dem Fenster zu schauen und dann den­je­nigen zu ent­larven, der lügt.»

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