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Schweigen als Teil von Desinformation

Rund 600 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik haben Mitte Mai 2026 einen Appell an den Bundesrat gerichtet, unter ihnen auch die ehema­ligen Bundesrätinnen Ruth Dreifuss und Micheline Calmy-Rey, zusammen mit Ex-Bundesrat Joseph Deiss. Darin verlangen sie von der amtie­renden Schweizer Regierung eine klare Verurteilung der von Israel began­genen Verstösse gegen das Völkerrecht und die Durchsetzung von Sanktionen, falls Israel seine menschen­ver­ach­tende Politik nicht ändert. Die Schweiz soll zudem für schwer verletzte Menschen aus den von Israel bombar­dierten Gebieten medizi­nische Behandlung in Schweizer Kliniken ermöglichen.

Weil man im Bundeshaus bis heute nicht auf das Schreiben reagiert hat, haben die Initiant:innen des Aufrufs um den Tessiner Arzt Pietro Majno-Hurst beschlossen, ihre Anliegen anlässlich einer Medienkonferenz* in Bern einer breiten Öffentlichkeit publik zu machen. Fünf Referent:innen sind dafür aus Zürich, Genf und Brissago angereist.

Unter ihnen die junge Ärztin Zoe Sangalli, Vorstandsmitglied des Vereins Swiss Healthcare Workers Against Genocide SHWAG. In ihrer Präsentation hat sie auf die prekäre Situation des Gesundheitswesens hinge­wiesen, wo die Hälfte der einst 36 Krankenhäuser von Israel dem Erdboden gleich­ge­macht wurden. Von den restlichen, die noch einen Betrieb aufrecht zu erhalten versuchen, ist keines mehr voll funkti­ons­fähig, weil Israel die Einfuhr von Medikamenten und Hilfsgütern bis heute andauernd verzögert und verhindert. Dies nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland.

«Medizinische Evakuationen allein lösen die Probleme nicht, sind aber dringend», fasste Zoe Sangalli zusammen: «Über 18’500 Patientinnen und Patienten müssten wegen fehlender Möglichkeiten vor Ort ausserhalb von Gaza behandelt werden, darunter 4000 Kinder.»

Die Genfer Medizin-Professorin Johanna Sommer erinnerte daran, dass die Verweigerung und Behinderung von Humanitärer Hilfe niemals als Druckmittel einge­setzt werden darf und kriti­sierte die «übertriebene Zurückhaltung der Schweiz angesichts der Missachtung von grund­le­genden Regeln in Bezug auf Gesundheit und Schutz von Menschenleben» durch Israel, was die Grundsätze und Glaubwürdigkeit unseres Landes unter­graben würde.

Auch Völkerrechts-Professor Marco Sassòli stellte in seinem Statement klar, dass die Forderungen des Appells auf inter­na­tio­nalem Recht basierten, dem sowohl Israel wie auch die Schweiz verpflichtet sind. Es gebe keinen Zweifel daran, führte er weiter aus, dass Israel humani­täres Völkerrecht verletze – und die Schweiz deshalb alles in ihrer Macht stehende unter­nehmen müsse, um diese Verletzungen zu beenden.

Zum Schluss richtete sich Ex-Bundesrätin Ruth Dreifuss an die Handvoll Journalist:innen, die zur Medienkonferenz erschienen waren. Sie erläu­terte, weshalb sie von den Schweizer Behörden verlangt, auf die Regierung des langjäh­rigen Partnerlandes Israel spürbaren politi­schen Druck auszuüben. Israel habe zwar, wie jeder andere Staat, das Recht, sich selber zu vertei­digen, «aber kein Staat hat das Recht, unver­hält­nis­mässige Vergeltungsmassnahmen zu ergreifen, geschweige denn, sich wahllos an der gesamten Bevölkerung zu rächen. Leider ist genau das derzeit zu beobachten. Nicht nur in Gaza, sondern auch in den besetzten Gebieten des Westjordanlands.»

Deutliche Worte der Ex-Bundesrätin, die sie – wie bereits ihre Vorredner:innen an der Medienkonferenz – nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Deutsch vorge­tragen hat. Mit dem Ziel, dass die Medien im ganzen Land möglichst breit über die erschüt­ternde Lage der Menschen in Gaza, im Westjordanland und im Libanon berichten und dem Appell Nachdruck und Öffentlichkeit verschaffen.

Dieses Vorhaben ist gescheitert: Während die Medien im Tessin und in der Westschweiz prominent und teilweise umfassend über das Thema berich­teten, begnügte man sich diesseits des Röstigrabens mit einer SDA-Meldung, die auf einer Zusammenfassung der an die Redaktionen verschickten Medienmitteilung beruhte. Auszüge davon wurden einzig auf den drei Online-Portalen refor​miert​.ch, watson und nau publi­ziert, sowie auf Papier gedruckt vom unabhän­gigen Blatt «Der Rheintaler».

Das war’s. Darüber hinaus keine Zeile, kein Wort in den Deutschschweizer Medien über den breit abgestützten Aufruf zum Handeln für Gaza, noch über dessen Hintergründe oder die Argumente der Fachpersonen, die ihn mitun­ter­schrieben haben. Als einzige Ausnahme brachte das Echo der Zeit auf Radio SRF am Samstag, 20. Juni dann doch noch einen Beitrag mit dem Appell als Aufhänger.

Doch während Ruth Dreifuss noch am Abend der Medienkonferenz in der Sendung Forum auf RTS während 7 Minuten über die Situation in Gaza und die Dringlichkeit des Appells fundiert Auskunft geben konnte und auch das Tessiner Fernsehen gleichentags ausführlich im Telegiornale berichtete, begnügte man sich bei Radio SRF mit einem einzigen Zitat von Ruth Dreifuss. Gefolgt von einer Stellungnahme des EDA und einem Gespräch mit dessen ehema­ligem Chefplaner Politik und heutigen Direktor des ETH-Think Tanks «Center for Security Studies» Daniel Möckli, der das Schweigen des Bundesrats relati­vierte und rechtfertigte.

Das grosse Schweigen der Deutschschweizer Medien zum aktuellen Gaza-Appell zeigt einmal mehr, dass der vielzi­tierte Rösti-Graben langsam aber sicher zu einem Gaza-Spalt mutiert, wenn es um die Themensetzung und Berichterstattung aus dem Nahen Osten geht. Darauf angesprochen, mutmasste Ruth Dreifuss in der Sendung Forum auf RTS, dass die histo­risch bedingten deutschen Schuldgefühle gegenüber Israel und die dortige Angst vor notwen­diger und berech­tigter Kritik an Israels Kriegsverbrechen mögli­cher­weise auf die Haltung in der Deutschschweiz abfärbe.

Das hartnäckige Nicht-Berichten der deutsch­schweizer Leitmedien zu Israels fortdau­ernden Völkerrechtsverletzungen und deren Israelhofierung könnte aber auch ganz einfach mit der Angst vor der Antisemitismuskeule zu tun haben, die in Deutschschweizer Landen von der Israel-Lobby gegen missliebige Presseartikel gar kräftig geschwungen wird…

* Die Autorin hat die erwähnte Medienkonferenz als Moderatorin geleitet

7 Antworten auf „Schweigen als Teil von Desinformation“

  1. Dieses Schweigen ist schon lange. Auch zum Krieg in Vietnam wurde geschrieben und gelogen!
    Auch der Schweizer ist halt in grossen Teilen ein Zionist.
    Zionismus lähmt ausser­or­dentlich viele Lebensbereiche, hier und anderswo. Das ist Teil der zioni­sti­schen Landschaft, durch­tränkt von einer Politik des Mordens, wenn es um die anderen geht die anders sind als wir, Muslime halt. Der sogenannte Westen ist in grossen Teilen meist völlig unbewusst zionistisch.
    Eine Lösung wird nie und nimmer von dieser Seite kommen.
    Ich habe große Hochachtung vor der Opferbereitschaft der islami­schen Republik Iran, welche nicht bereit ist, das Massenmorden und die dahinter stehende Gesinnung hinzunehmen.
    NUR DIE KRAFT DES ISLAM IST NOCH IN DER LAGE DER VÖLLIGEN ENTMENSCHLICHUNG EINEN RIEGEL VORZUSCHIEBEN. DENN WENN HEUTE IN GAZA UNGESÜHNT GEMORDET WIRD, IST MORGEN GAZA ÜBERALL.

    1. Ich stimme mit diesem Kommentar nur teilweise überein: Die islamische Republik hat angesichts ihres repres­siven und mörde­ri­schen Umgangs mit der eigenen Bevölkerung KEINE Hochachtung verdient, im Gegenteil: Auch hier ist scharfe und auch inter­na­tionale Kritik angebracht, aller­dings nicht in Form von B omben und Krieg, wie dies Israel und die USA praktizier(t)en. Es gibt eben selten nur schwarz und weiss. Auch in Bezug auf den Islam, der genauso menschen­ver­ach­tende, mörde­rische Strömungen kennt wie jede andere Religion.

  2. Danke Gabriela für diesen Artikel.
    Die deutsch­schwei­ze­rische, die deutsche und die öster­rei­chische Mainstreampresse sind alle eine einzige Katastrophe. Ich lese und höre sie nicht mehr und mag mich gar nicht mehr dazu äussern. Das ist schlecht für meine Nerven und für meinen Schlaf.
    Ich habe jedoch noch eine positive Meldung zu machen. Zwischen dem 26. – 28. Juni 2026 findet in Dublin der 2. jüdische Anti-ZionistInnen Kongress statt; siehe unter jazic​.org.
    Die ReferentInnen und deren Referate können zeitgleich oder auch später über Youtube auf englisch gesehen und gehört werden.
    (Für Interessierte – man muss nicht jüdisch sein, um daran teilnehmen zu können – der nächste Kongress 2027 findet wahrscheinlich in Sizilien (Spanien) statt.)

  3. Ich frage mich auch, ob Deutschschweizer Medien sich überhaupt noch als 4. Gewalt im demokra­ti­schen Rechtsstaat definieren. Falls doch, müssten sie angesichts der beschrie­benen Fehlleistung auch verklagt werden dürfen, weil sie ihre Verantwortung nicht wahrnehmen.
    In deutschen opposi­tio­nellen Kreisen lese ich immer wieder: wie wird später einmal die deutsche Israel-Politik beurteilt werden? Wieso haben die Parteien und Personen an der Macht nicht sehen wollen, was da an Rechtsverletzung passiert, mit deutschen Waffen und Support in Internationalen Gremien?
    Diesen Fragen zur Verantwortung angesichts des Völkermords wird sich auch die Presse stellen müssen; die deutsche wie die deutschschweizerische.

  4. Ich bin einmal mehr erschüttert über die Deutschschweizer Medien. Zudem frage ich mich, wie es sein kann, dass PolitikerInnen und ihre Parteiblätter genauso wenig auf die Pressekonferenz reagieren?Und was ist mit den dezidiert linken Bewegungen und der Friedensbewegung? Weshalb gab es keine breite zivil­ge­sell­schaft­liche, von Exponenten aller Parteien gestützte Bewegung gegen die verfehlte Politik gegenüber Israel?? Wir sind Zeugen eines politi­schen und zivil­ge­sell­schaft­lichen Versagens von erschreckendem Ausmass. Ich persönlich nehme die Tatsache, dass Ruth Dreifuss sich trotz aller Enttäuschungen immer noch engagiert und allen, die etwas lernen wollen, geduldig die Zusammenhänge erklärt, als Aufruf, ebenfalls nicht zu resignieren und in meinem Engagement weiterzufahren.

  5. Ich will nicht, dass ich später sagen muss, dass ich nichts wusste.
    Unverständlich warum ich eine mindest Menge an Zeichen schreiben muss. Das erschwert meiner Meinung nach dass sich noch mehr Menschen mit dem Thema auseinandersetzen.

    1. Danke für Ihren Beitrag, Herr Wigger. Die erfor­der­liche Mindestanzahl an Zeichen für einen Kommentar hat zwei Gründe. Zum einen müssen wir uns vor SPAM-Attacken schützen, die oft nur mit einem einzelnen Worteintrag in die Kommentarspalte gestartet werden. Zweitens hat diese Vorsichtsmassnahme den erwünschten Zweck, banale Kurzreaktionen wie WOW, SUPER, f*** und Emojis fernzu­halten. Um sie aber als Kommentator an Bord zu halten, haben wir mit heutigem Datum die Zeichenbarriere deutlich gesenkt.

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