
«Unsere Gruppe hatte Glück. Wir konnten alle Ägypten erreichen – aus verschiedenen Gründen: Einige von uns hatten Verwandte, die in Ägypten lebten oder die Staatsbürgerschaft hatten. Andere arbeiteten für ausländische Firmen. Manche hatten die notwendigen finanziellen Mittel und konnten das Nötige bezahlen – und einige gingen mit einem einfachen Plan und hatten einfach Glück…»
Jawdat Khoudary, aus Gaza geflüchtet, berichtet im berührenden Dokumentarfilm «Qui vit encore» (Wer noch lebt) über sein einstiges Leben im Gazastreifen und über die Flucht. Er ist einer von neun Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit verschiedenen gesellschaftlichen Hintergründen und Berufen, die im Film ihre Geschichte erzählen. Was sie verbindet: Sie alle sind den mörderischen israelischen Attacken in Gaza nach dem 7. Oktober 2023 entkommen. Und sie sind bereit, darüber vor der Kamera zu sprechen, obschon es ihnen nicht leicht fällt.
«Wir haben sehr Schwieriges durchgemacht, Tränen werden dem nicht gerecht», sagt etwa der Schriftsteller Mahmoud Jawad im Film. Als Überlebender sehe er es als seine Pflicht, die Erinnerung an das nun zerstörte Gaza und dessen Geschichte wachzuhalten.
Das jüngste Werk des Genfer Filmemachers Nicolas Wadimoff feierte im September 2025 am Filmfestival von Venedig Weltpremière und wurde mit dem Preis «Cinema and Arts» ausgezeichnet. In seinem Film verzichtet Wadimoff auf aktuelle Realbilder aus Gaza – er vertraut ganz und gar auf die Wirkung von Worten, Erzählungen und Gesten.
In einem sorgfältig inszenierten Reenactment lassen die fünf Frauen und vier Männer die von ihnen durchgemachten Horror-Realitäten des Genozids in Gaza wieder aufleben. Sie bewegen sich in einem abgedunkelten Raum. Am Boden ein symbolisch skizzierter Gazastreifen, mit weisser Farbe aufgemalt.
In diesem Setting erinnern die Geflüchteten an ihr früheres Leben, tauschen sich über die Bedeutung von Nachbarschaften und Heimat aus. Eine Einführung für den zentralen, stärksten Teil des Films, in dem die Protagonist:innen allein durch ihre Erzählungen die Ängste, Hoffnungen und den Schrecken des Durchlebten heraufbeschwören.
Den Auftakt macht Jawdat Khoudary. Der einstige Bauunternehmer war ein passionierter Sammler archäologischer Kulturschätze aus Gaza, für die er ein eigenes Museum aufgebaut hatte – der Ort galt als Oase der Kultur und Hoffnung im Norden von Gaza. Bereits kurz nach dem 7. Oktober wurde Jawdats Lebenswerk von der israelischen Armee abgebrannt und niedergerissen. «Sie kamen mit einer Caterpillar-Planierraupe, völlige Zerstörung. Ohne Grund. Die Geschichte ist verloren, all die Schönheit, die Hoffnung.» Wenn er heute von Hoffnung spreche, so Jawdat, dann wisse er tief drinnen, dass er ein Lügner sei – und fragt: «Wieviel kann ein Herz aushalten?»
Die Ärztin Eman Shannan, eine prominente Kämpferin gegen Brustkrebs und dessen Stigmatisierung in Palästina, hatte eigentlich davon geträumt, als Rentnerin dereinst ein Restaurant zu führen… Auch dieser Traum liegt unter Trümmern.
Im Film schildert sie detailgenau, wie sie zusammen mit ihrem Sohn den Alltag im Krieg erlebt und die Flucht vorbereitet hat. Im Zusammenhang mit dem Krieg würden immer nur die Bomben erwähnt, kritisiert sie, dabei seien diese nicht einmal das Schlimmste: «Das Schwierigste am Krieg ist der Gestank des Todes.» Beim Zusammenpacken hätten sie sich auf das Allernotwendigste beschränken müssen: «Das Wichtigste zum Mitnehmen war mein Laptop. 15 Jahre Arbeit – ich wollte die medizinischen Angaben meiner Krebspatienten wenigstens dabeihaben.» Ständig habe man vom Tod von Freund:innen gehört – und in der Nacht des Waffenstillstand hätten sie an ihrem Fluchtort via Internet ein Bild von ihrem zerstörten Zuhause erhalten…
Der junge Künstler Adel Ataweel lebte bei Kriegsausbruch im Oktober 2023 in Ägypten, wo er nach Meinung seiner Familie aus Sicherheitsgründen auch weiterhin hätte bleiben sollen. Weil er aber in dieser schwierigen Zeit seiner Familie beistehen wollte, reiste er zurück nach Gaza. Mit warmer Stimme schildert Adel im Film die Begegnungen mit seinem Vater, die Freude der Mutter beim Wiedersehen, den Austausch mit den Geschwistern, was sie in den Tagen nach seiner Rückkehr gemeinsam unternommen haben…
Das Haus seiner Familie sei in der ganzen Gegend das einzige gewesen, das noch bewohnbar war. Aber nur für ein paar Tage. Am fünften Tag nach seiner Ankunft schlug die israelische Armee erneut zu. Als Adel aus dem Koma erwachte, lag er im Krankenhaus. Seine ganze Familie war ausgelöscht, er der einzige Überlebende…
Filmregisseur Nicolas Wadimoff schafft es mit seinem Setting, den Geflüchteten Vertrauen und Sicherheit zu geben und den notwendigen Raum zu schaffen, damit sie ihre Geschichten erzählen können. Geschichten, denen man sich nicht entziehen kann. Von Menschen, die auch vor ihrer Flucht aus Gaza schon ein Leben mit zahlreichen Einschränkungen führen mussten. Trotzdem war es ein halbwegs «normales» Leben – ein Leben, mit Berufs- oder Schulalltag, einem Daheim, Familie, Freund:innen… Ein Leben, wie wir es uns vorstellen.
Die Propaganda dämonisiere Palästinenser:innen oft als mordwütige Islamisten, sagte Nicolas Wadimoff in einem Interview am Filmfestival von Venedig. Seine langjährige Erfahrung in Palästina sei aber eine ganz andere: «Die Menschen in Palästina sind nicht anders als wir. Wie Italiener, Franzosen, Schweizer – es sind gute Menschen, aber eben Menschen…»
Deshalb habe er die eigentlich einfache Idee gehabt, die Stimmen dieser Menschen ertönen zu lassen – jenseits von Kriegslärm und Propaganda – damit die Zuschauer:innen mitfühlen und spüren, dass die vom Genozid bedrohten Palästinenser:innen Menschen sind. Menschen, wie du und ich.
Die Idee war nicht nur einfach, sie wurde von allen Beteiligten mit spürbar viel Engagement umgesetzt, was sich denn auch auszahlt. Entstanden ist ein tiefgründiger, aufwühlender Film über Menschlichkeit, Horror und Resilienz.
Dieser Tage findet nun anlässlich der Solothurner Filmtage die Schweizer Première des sehr sehenswerten Dokfilms statt. Damit werden diese Stimmen nun endlich auch in der Schweiz zu hören sein, nachdem die Dreharbeiten, die ursprünglich in Lausanne hätten stattfinden sollen, nach Südafrika hatten verlegt werden müssen. Weil das Staatssekretariat für Migration SEM den palästinensischen Mitwirkenden des von der SRG koproduzierten und vom Bundesamt für Kultur mitfinanzierten Films die Einreise verweigert hatte. Mit der Begründung, es bestehe die Gefahr, dass sie in der Schweiz einen Antrag auf Asyl stellen könnten…
Einmal mehr ein beschämendes Verdikt, auf das es eigentlich nur eine Reaktion gibt: Die zuständigen Behörden beim Bund müssten als obligatorische Weiterbildung zum Besuch einer Vorstellung von «Qui vit encore» verpflichtet werden – auf dass sie bei ihren Akten-Entscheiden künftig nicht mehr vergessen und verdrängen können, dass es Menschen sind – Menschen, wie sie selber – die sie mit ihren pauschalen Nichtbewilligungen wegweisen, ausschliessen und abschieben.
Qui vit encore – Who is still alive
An den Solothurner Filmtagen:
Donnerstag, 22. Januar 2026 um 20 Uhr im Landhaus
Dienstag, 27. Januar 2026 um 9.15 Uhr im Konzertsaal
… und ab Ende Januar in den Schweizer Kinos :




Danke Dir Gabriela, dass Du auf diesen erschütternden Film hinweist! Ebenfalls erschütternd finde ich die Umstände zum zustandekommen. Das SEM verweigerte die Einreise von palästinensischen Mitwirkenden des Films, lese ich da. Weil die Gefahr bestand, dass sie Asylanträge hätten einreichen können. Ein Verhalten des SEM, das nur schwer auszuhalten ist. Es zeigt einmal mehr, wo wir uns hier befinden. In einem kapitalistischen Land, das internationale humanitäre Normen selber negiert und Henkerregimes bedingungslos unterstützt und eine Kaltschnäuzigkeit sondergleichen an den Tag legt, in die Geschichte der Schweiz passt. Eine Umkehr ist dringend nötig, wenn wir am Morgen noch in den Spiegel gucken wollen.
Es ist beschämend, dass keine Stelle, kein Mensch (!) der Schweiz in der Lage war, die Einreise zu bewilligen!!
Zurzeit wird der Film im Cameo Winterthur gezeigt.