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Medien, Afghanistan und die Politik

Der Tatort-Krimi vom letzten Sonntag hallt nach. Nicht, weil er beson­ders gut oder schlecht gewesen wäre. Vielmehr geht es um das Thema, das die Drehbuchautoren gewählt haben: Afghanistan.

Schon im Vorspann der erste Mord. Ein gut ange­zo­gener Mann, Handy am Ohr, kommt aus der U‑Bahnstation Friedrichstrasse in Berlin. Er schä­kert am Telefon – da fällt ein Schuss. Tauben auf­ge­scheucht, fliegen zu Hunderten gen Himmel, die Kamera schwenkt mit. Schnitt.

Der Mann liegt tot in einer Blutlache. Schon sind die Ermittelnden vor Ort und wissen: Es han­delt sich um einen Politiker mit nicht ganz reiner Weste. Die Frage: Woher kam der Schuss? Schwenk über die Skyline von Berlin in zau­ber­haftem Morgenlicht – in Grossbuchstaben Titeleinblendung: «Vier Leben.»

Schwarzblende, und in weissen Lettern der Hinweis: «Dieser Tatort ist ange­lehnt an wahre Begebenheiten. Die Personen und Handlungen sind frei erfunden.» Das gibt es selten, in diesem Sendeformat…

Schnell wird klar: Der Mord steht in Zusammenhang mit dem Siegeszug der Taliban und dem über­stürzten Rückzug der west­li­chen Truppen und Hilfsorganisationen aus Afghanistan. Die Menschen, die in den Jahren des west­li­chen Engagements am Hindukusch Hoffnung geschöpft hatten, auf die Durchsetzung von Menschenrechten und ein bes­seres Leben, blieben schutzlos den wütenden und mor­denden Taliban ausgeliefert.

Besonders gefährdet: Tausende von soge­nannten Ortskräften, die als Dolmetscher:innen, Fahrer oder Mechaniker – im Justizministerium, in Spitälern und auf Redaktionen – die west­li­chen Streitkräfte und NGOs bei ihrem Einsatz am Hindukusch unter­stützt hatten.

Die Bundesregierung ver­sprach damals, diese Menschen zu schützen und in Deutschland auf­zu­nehmen. Ein Versprechen, das aller­dings nicht gehalten wurde. Bei der über­stürzten und chao­ti­schen Evakuierung im Sommer/​Herbst 2021 hat man Tausende gefähr­deter Ortskräfte zurück­ge­lassen. Viele von ihnen wurden in der Folge von den Taliban ver­folgt, ermordet – wenn sie es nicht schafften, auf eigene Faust dem Terrorregime in Afghanistan zu entkommen.

Darum dreht sich der Plot des Tatorts. Spannend, erschüt­ternd – und nah an der Wirklichkeit. In einer Schlüsselszene schil­dert eine geflüch­tete afgha­ni­sche Richterin ihr Schicksal und den Tod ihrer beiden Kinder durch die Taliban: «Die Taliban sind die Mörder, aber der Westen hat ihnen die Opfer aus­ge­lie­fert. Ich will, dass die deut­sche Bevölkerung weiss, dass die eigene Regierung diese Menschen ihrem Tod über­lassen hat. Menschen, die an eure Werte glauben.»

Die Antwort der auf­ge­wühlten Kommissarin: «Oh Gott – ich fürchte, dass es bei diesem Einsatz nicht um Werte ging. – Eher um Interessen.» – Ein Satz, der so banal wie wahr ist. Und nicht nur für den Einsatz in Afghanistan und dessen Folgen für die Menschen dort gilt…

Angesichts der grau­en­vollen Entwicklungen in Afghanistan, zeigte die deut­sche Regierung für kurze Zeit immerhin so etwas wie Einsicht. Ab Oktober 2022 sollten im Rahmen des soge­nannten Bundesaufnahme-pro­gramms gefähr­dete Menschen aus Afghanistan in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis erhalten – ein Hoffnungsschimmer für viele enga­gierte Frauen, Menschenrechtsaktivist:innen, Journalist:innen…

«Wir han­deln und erfüllen unsere huma­ni­täre Verantwortung», sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zum Auftakt des Programms. Bis zu 1000 Menschen sollten pro Monat nach Deutschland aus­reisen können. Obschon bis im November 2024 – also im Zeitraum von zwei Jahren – nur gerade 860 Personen tat­säch­lich eine Aufnahmebewilligung erhielten, soll das Programm nun gänz­lich ein­ge­stellt werden. Tausenden hatte man bereits eine Einreisebewilligung ver­spro­chen – wieder bricht Deutschland sein Versprechen…

Statt als Schutzbedürftige, betrachtet man Menschen aus Afghanistan im aktu­ellen poli­ti­schen Diskurs (nicht nur) in Deutschland gene­rell als poten­zi­elle Mörder und Sicherheitsrisiko. Dies ins­be­son­dere seit den Attacken in Aschaffenburg und München, wo junge Geflüchtete aus Afghanistan durch Amokläufe ahnungs­lose Menschen ermordet haben.

Seither schreien nicht nur Rechtsaussen-Politiker:innen nach Ausschaffung und Sühne. Auch Noch-Bundeskanzler Scholz wird nicht müde zu betonen, dass solche Täter das Aufenthaltsrecht in Deutschland ver­wirkt hätten und bald­mög­lichst aus­ge­schafft werden müssen.

Unter dem Druck der auf­ge­peitschten Stimmung war Bundesinnenministerin Nancy Faeser vor den letzten beiden Attentaten und kurz vor den Wahlen in Thüringen zur Tat geschritten: Ende August 2024 brachte erst­mals ein Charterflug 28 straf­fällig gewor­dene Afghanen zurück nach Kabul. Auch die Schweiz folgte ihrem Beispiel, und hat im Oktober 2024 zwei Afghanen aus­ge­schafft. Weitere Rücktransporte sollen folgen.

Der Aufwand für solche Ausschaffungen ist enorm – das Ganze äus­serst zwie­spältig. Weil es sich hierbei, nüch­tern betrachtet, um nichts anderes han­delt als um hilf­lose Symbolpolitik, ange­trieben durch die Angst vor der Stimmungsmache der Rechtspopulist:innen.

Eigentlich bäruchte es näm­lich eine dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzte Politik: Statt Steuergelder für Rückführungen und Ausweisungen zu ver­schwenden, wären Investitionen in eine bes­sere Betreuung und Unterstützung der Geflüchteten not­wendig – ins­be­son­dere in Bezug auf Traumabewältigung und Integration.

Ein Grossteil dieser Menschen, die aus Kriegs- und Hungerregionen fliehen und mit Europa die Hoffnung auf ein bes­seres Leben ver­binden, ist trau­ma­ti­siert. Sie kommen aus Verhältnissen, die wir uns hier, in der rei­chen Schweiz, in Deutschland – im (noch) wohl­ge­ord­neten Europa gar nicht vor­stellen können. Ohne Therapie, sagte kürz­lich der deut­sche Gesundheitsminister Karl Lauterbach, würden einige dieser psy­chisch Kranken zu einem Sicherheitsrisiko… Eine Tatsache, auf die Hilfsorganisationen seit Jahren immer wieder hinweisen.

Sie bleiben weit­ge­hend unge­hört. Nicht nur die Politik, auch die Medien machen sich gerne und immer öfter zum Sprachrohr der­je­nigen, welche in alt­be­währter Sündenbockmanier Migrant:innen aus Kriegsgebieten, aber auch soge­nannte Wirtschaftsflüchtlinge zum Sicherheitsrisiko und Grund all unserer Probleme stempeln.

Vergessen geht dabei, dass Deutschland und seine west­li­chen Verbündeten in Afghanistan «brutta figura» gezeigt und sich schmäh­lich aus dem Staub gemacht haben.

Der Clou dieses Berlin-Tatorts liegt darin, dass er basie­rend auf Untersuchungen des dama­ligen Geschehens in ein­drück­li­cher Form auf­zeigt, dass sich einige wenige Deutsche am Flughafen von Kabul in einem grossen halb­leeren Flugzeug abge­setzt haben, wäh­rend das akut bedrohte afgha­ni­sche Personal, für dessen Flucht der Flieger eigent­lich nach Afghanistan geschickt worden war, zurückblieb.

Die blu­tige Tatort-Geschichte, wie sich zwei deut­sche, kriegs­ge­schä­digte Ex-Soldaten an ihren Landsleuten rächen, ist Fiktion. Realität hin­gegen ist, dass Deutschland ein Problem mit kriegs­trau­ma­ti­sierten Menschen hat. Dieses ist nicht mit plumper Schlagwort- und Sündenbockpolitik in den Griff zu kriegen – und dessen Benennung wäre eigent­lich in erster Linie Sache der News- und Hintergrundmedien.

Eine Antwort auf „Medien, Afghanistan und die Politik“

  1. Ganz ganz herz­li­chen Dank für deine poin­tierte Darstellung der Situation! Leider trifft das alles zu. Für mich als Deutsche ist es zum Fremdschämen. 

    Die Organisation Medico International hat kürz­lich einen Podcast zum Thema ver­öf­fent­licht: ‚Bilanz des Scheiterns‘. Prof. Dr. Martin Sökefeld und der BAP-Koordinator von Medico schil­dern die Situation der Betroffenen in allen Facetten und ana­ly­sieren die poli­ti­schen Hintergünde. Sehr hörenswert:
    https://​www​.medico​.de/​p​o​d​c​a​s​t​/​b​i​l​a​n​z​-​d​e​s​-​scheiterns

    Die Frauenhilfsorganisation Medica Mondiale hat gerade eine Ausstellung mit Porträts von 20 afgha­ni­schen Frauenrechtsaktivistinnen ver­öf­fent­licht, die es bis nach Deutschland geschafft haben. Dazu ein Film mit der Gründerin Dr. Monika Hauser, in dem die Schweizerin die Bemühungen schil­dert, die afghan. Mitarbeiterinnen von Medica M. ausser Landes zu bringen.
    ‚Weil wir Frauen sind‘:
    https://​medi​ca​mon​diale​.org/​w​e​i​l​-​w​i​r​-​f​rauen-sind

    Diese Dokumentationen unserer Politik und der tat­säch­li­chen Lage in AFG sind in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig bekannt. Vielleicht hat der letzte Tatort ein wenig Aufklärungsarbeit geleistet.
    Die Bundestagswahl steht bevor, geht wählen und biegt nicht rechts ab!

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