Altjahreswoche. Ich habe mich mit einer Freundin zu einem Museumsbesuch verabredet. Ein paar Minuten zu früh am Bahnhof, gibt’s noch einen Abstecher zur Buchhandlung Orell Füssli. Wo mir von einem Gestell gleich neben dem Eingang eine kleine Metalldose ins Auge sticht. Die Aufschrift hat mich auf der Stelle verführt: «POWERBOOST für Powerfrauen».
Was für ein hübsches Geschenk! Nicht unbedingt lebensnotwendig und schon gar keine höhere Literatur, aber witzig: Die handliche Schachtel enthält zwei Dutzend Kärtchen mit Sprüchen und Zitaten für Motivation und Schwung im Alltag. Herausgegeben von einem deutschen Verlag.
Die Zeit läuft, der Zug fährt bald. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf die auf der Rückseite aufgeklebte Preisetikette – CHF 11.90. Ziemlich teuer, für eine kleine Überraschung – aber egal. Ich eile zur Kasse, zahle und stecke die Dose ein. Um sie ein paar Minuten später im Zug wieder aus meiner Tasche zu ziehen: Schliesslich handelt es sich um ein Geschenk, also muss das Preisschild weg.
Der Kleber ist schnell entfernt. Darunter befindet sich allerdings, auf die Schachtel aufgedruckt, ein weiteres Schild – mit der «unverbindlichen Preisempfehlung: 6.00 Euro». – Super, und ich habe soeben den doppelten Preis bezahlt! Ein toller Booster für die Powerfrau…
Zwei Tage später in meiner Lieblingsbuchhandlung Nievergelt in Zürich-Oerlikon: In der Hoffnung auf neue, optimistischere Impulse erstehe ich den Wälzer «Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit» von David Graeber und David Wengrow. Die deutsche Ausgabe ist im Klett-Cotta Verlag erschienen und kostet bei Nievergelt CHF 39.90
Nach dem Powerbooster-Erlebnis kann ich es nicht lassen und knüble, sobald ich zuhause auf dem Sofa sitze, und noch bevor ich das Buch überhaupt aufschlage, das Preisschild weg. Und siehe da: Der aufgedruckte Preis beträgt in diesem Fall 28 Euro. Angesichts des aktuellen Wechselkurses von 98,5 Rappen für einen Euro habe ich auch hier glatte CHF 12.30 mehr bezahlt als vom Verlag bestimmt. Aufpreis: 44 Prozent!
Dass wir in der Schweiz für viele Waren, namentlich auch für Bücher, mehr bezahlen als in Deutschland, ist teilweise ok. Schliesslich müssen die Buchhändler:innen in der Schweiz auch mehr verdienen als in den Nachbarländern, um überleben zu können. Aber trotzdem: Sind solch enorme Preisunterschiede wirklich gerechtfertigt?
Nun will ich es genau wissen und recherchiere noch ein wenig weiter: Hätte ich «Anfänge» bei Amazon bestellt (was ich NIEMALS tun würde!!!), wäre ich mit 26.82 Euro am günstigsten weggekommen. Bei Orell Füssli hingegen – der mit 46 Filialen grössten Buchhandelskette in der Schweiz – kostet das gleiche Buch sage und schreibe CHF 42.90!
Da stellt sich mir in der freien Schweizer Marktwirtschaft noch die Frage, deren Antwort wohl ein streng gehütetes Geheimnis bleibt: Wer – wie Orell Füssli – grosse Mengen einkauft und umsetzt, kriegt bei der Beschaffung günstige Grosshandelspreise. Womit die Orell Füssli Bruttomarge noch atemberaubender wäre…
Was mich in meiner bisherigen Haltung bestärkt: Ich werde meine Lektüre weiterhin in unserer Quartierbuchhandlung beziehen. Und wenn ich nach Deutschland fahre, versuche ich – egal ob in Eisenach, Berlin oder Bamberg – vor den Schaufenstern einladender, verführerischer Buchläden der Versuchung zu widerstehe, mein Köfferchen mit 40 Prozent billigeren Büchern zu füllen. Was jedoch nicht heisst, dass ich gänzlich auf das Stöbern in «fremden Buchhandlungen» und auf Reisesouvenirs in Buchform verzichte…
