
Griechenland. Meine ersten grossen Ferien nach der Matura und dem ersten Jahr an der Uni. Sommer 1981 – über zwei Monate lang, die grosse Freiheit. Von Biel, wo wir noch bei den Eltern wohnten, sind wir mit Rucksack und Zelt losgezogen – ohne fixe Pläne, ohne Rückkehrticket, ohne Reservationen in irgendwelchen Hotels oder Airbnbs. Einfach mal mit dem Zug nach Ancona, von dort mit dem Schiff weiter durch die Strasse von Korinth nach Piräus…
Im Sommer 2026 nun, nach Jahrzehnten wieder Griechenland. Wieder mit Zug und Schiff. Schon Wochen vor unserer Abreise haben wir diesmal die schnellste Verbindung herausgesucht und die Sitzplätze in den Zügen von Zürich bis Brindisi sowie die Schiffskabine für die Überfahrt nach Igoumenitsa gebucht.
Alles klappt wie am Schnürchen: Trotz der täglich variierenden Verspätungen der italienischen Freccia-Zugverbindung, erreichen wir den Anschluss in Bari für nach Brindisi problemlos, von wo wir uns mit einem Taxi an den Hafen und gleich zum richtigen Terminal chauffieren lassen.
«Warum nach Griechenland?» will der freundliche Fahrer von uns wissen. Die guten Zeiten seien dort längst vorbei, meint er – im Gegensatz zu seinem Heimatland: «L’Italia è sempre la stessa…»
Uns fehlt die Zeit, dieser Behauptung auf den Grund zu gehen. Es nachtet langsam, und wir müssen am Schalter unser Schiffsticket abholen. Danach geht es zu Fuss zwischen wartenden 40-Tönnern hindurch – viele mit bulgarischen Nummernschildern – Richtung Fähre.
Gegen 22 Uhr legen wir ab. Ein spätes Nachtessen mit Tsatsiki und einer freundlichen Kellnerin, die uns rät, die Uhren auf griechische Zeit, also um eine Stunde vorzustellen. Danach nisten wir uns in der bequemen Schiffskabine ein, durch das Bullauge erhaschen wir einen Blick auf den Mond, der seine hell leuchtende Spur über das bewegte Wasser ausbreitet.
Als ich erwache, zieht gerade die Küste Korfus vorbei. Zusammenpacken, ein Abstecher aufs Deck. Die Berge des griechischen Festlands sind schon zum Greifen nah, die freudige Erwartung steigt – endlich wieder einmal griechische Luft und griechisches Leben erschnuppern!

Und schon legen wir am ziemlich ausgestorben wirkenden Hafen von Igoumenitsa an. Ein Shuttlebus bringt uns zum Terminal, von dort sind es rund 10 Fussminuten bis zum Busbahnhof. Durch wenig belebte Strassen folgen wir dem Weg, den uns Google Maps weist. Einzig im Schatten eines Baumes sitzen vier ältere Semester vor einem Lokal um einen kleinen Tisch und sind in ein angeregtes Gespräch vertieft.
Eine Szene, die bei mir ein glückseliges Déjà-vu auslöst: Griechenland hat sich doch nicht grundlegend verändert, denke ich. Wie vor 45 Jahren, sitzen die alten Männer auch heute noch im Kafeníon! – Sogleich geht mir dann allerdings durch den Kopf, dass die alten Männer von damals längst tot sind. Jene Männer, die jetzt im Kafeníon sitzen und mich an längst vergangene Zeiten erinnern, sind meine Generation…
Ich muss zweimal leer schlucken, und mich wohl an diesen Gedanken gewöhnen…
Natürlich haben wir auch die Tickets für die Busreise nach Thessaloniki vor Wochen daheim per Internet gebucht. Die Fahrt mit dem modernen, mit Aircon und Bildschirmen ausgestatteten Linienbus ist äusserst komfortabel. Die einst schmale, kurvenreiche Bergstrasse präsentiert sich heute als moderne, breite Schnellstrasse, die über ein Hochplateau führt. Viele Hänge sind mit riesigen Solarkraftwerken überdeckt.

Während wir durch die jahrtausendealte Landschaft brausen, kommen weitere Erinnerungen an meine ersten Griechenlandferien hoch. Wie wir Tag für Tag spontan entschieden, in welche Richtung wir weiterreisen, welches Schiff wir besteigen, welche Insel wir noch besuchen wollten. Wie uns klapprige Busse in wilden Landschaften abstellten, wie wir als Deckpassagiere immer wieder neue Häfen ansteuerten und dort von geschäftstüchtigen Zimmer-Vermieter:innen empfangen wurden…
Auch wenn der Sommer 1981 in der Erinnerung wohl heller und unbeschwerter erscheint, als er tatsächlich war, lebten wir damals doch in einer sehr anderen, uns heute fernen Zeit.
Seither haben Smartphones, Internet und KI nicht nur unseren Alltag, sondern auch unsere Art, Ferien zu machen und zu reisen, grundlegend verändert. Als Folge der fortgeschrittenen Globalisierung, die auch vor Griechenland nicht Halt macht, gibt es heute in Thessaloniki wohl mehr Coffee-Take-away-Bars mit italienischer Kaffeemaschine und Wegwerfgeschirr als klassische Kafeníons.

Neben griechischem Gebäck drängen sich Croissants vor, der griechische Kaffee ist im Angebot weit nach hinten gerutscht und muss hinter Cappuccino und Americano um Kundschaft werben.
Was sich aber nicht verändert hat: Nach wie vor treffen sich die alten Männer im Kafeníon – oder eben, zeitgemäss, in der Espressobar. Wie eh und je tauschen sie sich aus oder schweigen vor sich hin. Ihren Kaffee trinken sie heute aus Pappbechern, das Wasser aus der PET-Flasche.



Merci, Gabi, für Deinen etwas wehmütigen Text. Ich erinnere mich mit Nostalgie an eine Sommerreise mit Interrail, die mich 1978 nach Portugal führte, damals eine junge Demokratie. Und wie damals ein ganz anderer Wind wehte: Spanien fand einen Weg, den Franquismus zu überwinden, Griechenland hatte unlängst die Militärdiktatur überwunden, in Afrika fand der letzte Akt der formellen Entkolonisierung statt – Guinea-Bissau, Mocambique und Angola wurden unabhängig. Was mir auch noch geblieben ist: Der Gegensatz zwischen dem mediterranen Klima in Südfrankreich, Spanien und Portugal und dem damals noch recht feuchten Sommer in der Schweiz…