
Ein Film sagt manchmal mehr als 1000 Worte in der Zeitung: «Die Stimme von Hind Rajab» ist so ein erschütternder Doku-Spielfilm, der die Ermordung eines fünfjährigen Mädchens im Norden von Gaza durch israelische Soldat:innen faktentreu dokumentiert.
Eineinhalb Stunden lang erleben wir hautnah mit, wie die Frauen und Männer in der Notrufzentrale des Roten Halbmonds in Ramallah alles in ihrer Macht Stehende daransetzen, um Menschenleben in Gaza zu retten.
Konkret geht es um die kleine Hind, die am 29. Januar 2024 nach einem Evakuationsbefehl der IDF in einem Fluchtauto zusammen mit der Familie ihres Onkels von einem israelischen Panzer beschossen wurde. Die beiden Erwachsenen sowie drei ihrer Kinder kamen sofort ums Leben, während Hind und ihre Cousine Layan die Beschiessung vorerst überlebten. Per Handy setzte die 15jährige Layan dann einen Hilferuf ab, wurde aber noch während des Telefongesprächs mit der Notrufzentrale ebenfalls erschossen.
Dann brach der Kontakt ab. Die Verantwortlichen aus der Zentrale versuchten einen Rückruf – den die kleine Hind, die als einzige noch am Leben war, beantwortete. In der Folge stand das fünfjährige Kind während drei Stunden in telefonischem Kontakt mit der Notrufzentrale. Alle Telefongespräche sind aufgezeichnet worden und im Film zum Teil im Original zu hören.
Die Menschen in der Zentrale des Roten Halbmonds versuchten, das Kind mit Worten zu beruhigen – und vor allem, eine Ambulanz zu dessen Rettung loszuschicken. Was in der durch Israel kontrollierten und unter Feuerbeschuss liegenden Zone fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Nach stundenlangem zähem Ringen und Hin und Her gab es aber schliesslich doch grünes Licht für eine «sichere» Durchfahrt der Ambulanz. Diese erreichte ihr Ziel jedoch nie – die beiden Fahrer und ihr Auto wurden gezielt von einer israelischen Rakete getroffen: Die Sanitäter ermordet, ihr Fahrzeug zerstört.
Auch Hind hatte schliesslich keine Chance. Noch während sie mit der Zentrale in telefonischem Kontakt stand, berichtete sie laufend über Schüsse, einen anrückenden Panzer – und klagte schliesslich auch über Verletzungen. Bevor ihre Stimme schliesslich für immer verstummte.
Erst als sich die israelische Armee 12 Tage nach dem Mordanaschlag auf das Fluchtauto aus besagter Zone zurückzog, konnten Helfer:innen das völlig zerschossene Fahrzeug und die getöteten Familienmitglieder bergen. Berichte über das Schicksal der kleinen Hind Rajab, deren qualvolle letzte Stunden durch die Aufzeichnungen der Notrufzentrale dokumentiert sind, sorgten in der Folge weltweit für Schlagzeilen.
Die tunesische Filmemacherin Kaouther Ben Hania rekonstruierte für ihren Film die Ereignisse vom 29. Januar 2024. Er ist geprägt von der verzweifelten Mädchenstimme, verängstigt und tapfer – flehend und klar – zwischen Todesangst und Hoffnung. Ein Kind, das leben will und auf Rettung hofft – vergebens.
Ein Film, der erschüttert und auch wütend macht. Weil er aufzeigt, mit welcher Menschenverachtung und Kaltblütigkeit die Kriegstreiber in Israel und Gaza selbst Kinder ermorden und jene, die helfen wollen dazu. Ein Fakt, der hierzulande noch immer unter den Tisch gekehrt wird, nicht zuletzt, weil unsere Medien Israels Genozid nach wie vor weitgehend verleugnen.
Wer die Stimme von Hind Rajab hören und etwas Authentisches über Israels Vorgehen in Gaza hören will, kann dies in diesen Tagen in Schweizer Kinos tun. Die Nomination für den Oscar in der Kategorie Bester Internationaler Film bestätigt die Qualität des Films.
Eigentlich müsste «Die Stimme von Hind Rajab» hierzulande nicht nur sämtlichen Politiker:innen vorgeführt, sondern auch an den Schulen gesehen und gehört werden – er ist für ein Publikum ab 12 Jahren freigegeben. Und eignet sich somit bestens als Dokumention und Darstellung von Kriegswirklichkeit – jenseits von Heldengeschichten und Propaganda.
Krieg als der reine Wahnsinn, der er ist.



Dieses Schweigen ist unerträglich: Ein Kind wird in einem Auto zerschossen, ihre Verwandten sterben vor ihren Augen – und die Verantwortlichen verstecken sich hinter Phrasen und „Sicherheitslogik“.
Hinds letzte panische Worte und die verzweifelten Versuche der Rettungsleitstelle werden für immer nachhallen. Niemand kann so tun, als wäre das ein „Kollateralschaden“ in einem abstrakten Krieg. Hier wurde ein konkretes Kind getötet, von konkreten Soldaten, in einem Umfeld, das diesen Horror nicht nur möglich gemacht sondern ihn auch normalisiert hat.
Und der sogenannte Westen, der sich so gern als Hüter der Menschenrechte inszeniert, schaut weg, relativiert, schweigt und liefert weiter Waffen und politische Rückendeckung.
Hinds Ermordung ist kein „bedauerlicher Einzelfall”. Und was ist das bitte für ein moralischer Bankrott, wenn das Leben eines palästinensischen Kindes offensichtlich weniger zählt als politische Bündnisse und geopolitische Interessen?
Heute habe ich im Kino den Film Die Stimme von Hind Rajab gesehen. Ich bin nicht mit Antworten hinausgegangen, sondern mit einer Stille und Schwere.
Mit der Realität eines Kindes, das stundenlang in einem Auto festsitzt, umgeben von getöteten Verwandten, und verzweifelt um Hilfe bittet, die zugesagt wird und doch nie eintrifft.
Der Text von Gabriela Neuhaus, Jenseits von Heldengeschichten und Propaganda, ordnet genau das ein. Er verweigert die einfache Erzählung und zeigt dorthin, wo es weh tut.
Der Film steht heute für eine Oscar Nominierung, für Aufmerksamkeit und Debatten. Doch diese Aufmerksamkeit vergeht schneller, als das Leid endet.
Denn hier geht es nicht um Symbolik. Es geht um über 18.000 getötete Kinder. Und um die Frage, was aus Menschen wird, wenn Grenzen fallen, Verantwortung verschwindet und Menschlichkeit keinen Halt mehr hat.
Was bleibt, ist eine Ohnmacht, bei der das Atmen schwerfällt und man spürt, wie hilflos wir sind.