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Ist das Schweizer Boot schon wieder voll?

«Entspannt und bequem von Zürich nach Beirut fliegen», lautet der flotte Werbespruch, mit dem die Swiss auf ihrer Website für Direktflüge in den Libanon wirbt. Ein mehr als zynisches Angebot: Angesichts der tagtäg­lichen Kriegsverbrechen, Morde und Zerstörungen durch Israel im Süden des Landes und in der Hauptstadt Beirut, dürfte die Entspannung im Flugzeug eher begrenzt sein.

Zwei Klicks weiter dann die schlechte Nachricht: Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines und Brussels Airlines haben ihre Flüge nach Beirut wegen des Krieges (vorläufig) bis zum 24. Oktober 2026 einge­stellt. Und auf der Website des EDA ist zu lesen: «Aufgrund der laufenden militä­ri­schen Aktivitäten kann sich die Sicherheitslage vor allem im Süden aber auch in den restlichen Landesteilen weiter verschlechtern», weshalb der Bund dringend von Reisen in den Libanon abrate.

Dies hindert die Schweizer Behörden jedoch nicht daran, gleich­zeitig Menschen genau dorthin zurück­zu­schicken. Dabei handelt es sich weder um Hisbollah-Milizionäre noch um krimi­nelle Libanesen. Sondern, man lese und staune: Die 88jährige Mutter von zwei Söhnen, die seit Jahren mit ihren Familien in der Schweiz leben und hier auch längst einge­bürgert sind, wird zur Ausreise gezwungen.

Die schwer gehbe­hin­derte Frau und ihre 62jährige Tochter waren im Dezember 2025 mit einem auf drei Monate begrenzten Schengen-Visum in die Schweiz einge­reist. Allerdings war schon die Ausstellung der notwen­digen Visa ein Spiessrutenlauf und erst im zweiten Anlauf erfolg­reich. Obschon die Familien in der Schweiz die beiden Frauen beher­bergt und wie verlangt auch finan­ziell für sie bürgten.

Als es dann schliesslich doch klappte, war die Freude über das Wiedersehen und die Aussicht auf ein paar Wochen des Zusammenseins und der Entspannung gross.

Natürlich blieb der Krieg in der libane­si­schen Heimat auch in der Schweiz präsent. Über Social-Media und Chat-Kanäle verfolgte die Familiengemeinschaft die Nachrichten über Angriffe und Zerstörungen durch die israe­li­schen Truppen. Immer neue, kurz angesetzte Evakuierungs-Befehle durch die IDF blinkten auch auf Schweizer Handys auf. Trotzdem: Hier waren Mutter und Tochter in Sicherheit und aufge­hoben, im Kreis ihrer Familie.

Als Folge des US-israe­li­schen Angriffskriegs auf den Iran Ende Februar und der damit verbun­denen weiteren Eskalation auch im Libanon, konnten die beiden Frauen verständ­li­cher­weise nicht, wie ursprünglich geplant, Ende März wieder zurück­reisen. Ihre Schengen Visa liefen aber Ende März 26 aus, der Antrag auf Verlängerung wurde abgelehnt, die Ausreisefrist jedoch viermal um total zwei Monate verlängert – danach war endgültig Schluss.

Als letzt­mög­liches Ausreisedatum wurde der 31. Mai festge­setzt, mit der behörd­lichen Begründung: «Der Libanon befindet sich aktuell in einer volatilen Sicherheitslage, was infolge der militä­ri­schen Eskalation in der Region zu weiteren Einschränkungen im Reiseverkehr führen kann. Zum gegen­wär­tigen Zeitpunkt sind der Luftraum sowie der Flughafen in Beirut jedoch nicht geschlossen und somit intakt, weshalb eine Rückkehr in den Libanon grund­sätzlich weiterhin möglich ist.»

Zudem herrsche zwischen Israel und dem Libanon eine Waffenruhe, so ein weiteres Argument der zustän­digen Ämter. Allerdings muss man den Hinweis auf die angeb­liche Waffenruhe als blanken Hohn bezeichnen, da selbst den Behörden in Bern bekannt sein dürfte, dass diese nicht einge­halten wird.

Israel bombar­diert, zerstört und mordet im Libanon täglich und ungebremst weiter. Für jeden vernünf­tigen Menschen ist es deshalb unvor­stellbar, dass schutz­su­chende Menschen aus der «humani­tären», reichen Schweiz hinaus in eine solche Hölle zurück­ge­schickt werden sollen.

Genau das ist aber geschehen. «Nun sind sie wieder als ‘Binnenflüchtlinge’ bei Verwandten unter­ge­kommen», berichtet Schwiegertochter Sara* Anfang Juni. Da ihre Wohnung in Beirut seit dem 24. November 2024 zerstört ist und das Heimatdorf, wo sie üblicher­weise Frühling und Sommer verbringen, südlich des Litani Flusses und somit mitten in der in der Kampfzone liegt, mussten die beiden Frauen wieder bei Verwandten in den Bergen unter­kommen. «Das ist für uns alle sehr schwierig, und meine 88jährige Schwiegermutter hat sehr mit dieser Situation zu kämpfen», fasst Sara den aktuellen Stand der Dinge zusammen.

Bei einem Treffen Mitte Mai, als die Angehörigen noch Tag für Tag hofften, dass sich vielleicht doch noch ein Weg finden lasse, um die alte Frau weiterhin bei ihren Kindern und Enkeln in der sicheren Schweiz zu beher­bergen, zeigte mir Sara Bilder vom aktuellen Zustand der Wohnung in Beirut, die sie 2001 gekauft hatten, um für Mutter und Schwägerin ein sicheres Dach über dem Kopf bereitzuhalten:

Die Wohnung im 5. Stock eines Wohnhauses mitten in Beirut ist von einer israe­li­schen Rakete, die das Nachbarhaus in Schutt und Asche gelegt hatte, mitge­troffen und ebenfalls völlig zerstört worden. Mutter und Schwägerin waren damals zum Glück schon vor dem Angriff zu einer Cousine in die Berge geflüchtet.

Nachdem sie von der Zerstörung erfahren hatten, seien sie mit Verwandten während Wochen immer wieder hinge­reist und hätten versucht, in Kampfpausen noch Dinge aus den Trümmern zu retten. «Meine Schwägerin hatte die Uhr ihres verstor­benen Mannes in den Ruinen gefunden. Sie wollte sie als Andenken für ihren Sohn mitnehmen – und hat sie in der Panik liegen­ge­lassen…», erzählt Sara.

Auch das liebevoll renovierte Elternhaus im Heimatort der Familie ist aktuell unerreichbar, weil Israel die ganze Region südlich des Litani-Flusses analog zu Gaza dem Erdboden gleich­macht. In ihrer Mail von Anfang Juni schreibt Sara:

«Diese Woche scheint unser Dorf ein Schauplatz zu sein, gestern sind vier Zivilschützer gleich­zeitig gestorben. Zwei wurden bei einem Angriff verletzt, die anderen zwei haben sie in die Ambulanz einge­laden und wollten sie nach Tyros ins Spital trans­por­tieren, als der Krankenwagen angegriffen wurde und alle vier gestorben sind. Der jüngste von ihnen hatte Jahrgang 2006. Die Fotografie der Ambulanz sowie des Feuerwehrwagens sende ich dir in der Anlage, diese Bilder stammen direkt aus dem Chat-Kanal des Zivilschutzes unseres Dorfes. Zudem wurde unser Dorf diese Woche mehrfach angegriffen, vorge­stern wollte der Bagger die Strasse freiräumen, als plötzlich wieder geschossen wurde.»

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Solche Meldungen aus dem Libanon erhalten Sara und ihre Familie tagtäglich. Unseren Qualitätsmedien sind aber die Fussballweltmeisterschaft, die 10-Millionenschweiz und jeder Trump-Post wichtiger. Die Schweizer Regierung und die Migrationsbeamt:innen scheint das Massaker und die Zerstörungen im Libanon nicht zu kümmern.

Unbegreiflich nicht nur das anhal­tende Schweigen zu Israels fortdau­ernden Kriegsverbrechen – empörend auch die Tatsache, dass die Schweiz ohne Not Menschen in diese Hölle zurückschickt.

*Name geändert

Bestimmungen für Schengen Visum gemäss EU-Visakodex:

Höhere Gewalt im Sinne von Art. 33 Abs.1 Visakodex bezieht sich auf Umstände, welche die Ausreise aus der Schweiz bzw. dem Schengenraum oder die Rückkehr in den Herkunftsstaat verhindern.

Dieser Grund bezweckt hingegen nicht den Schutz vor kriege­ri­schen Ereignissen, staat­lichen Übergriffen oder vergleich­baren Situationen, welche den Vollzug einer Wegweisung als unzulässig, unzumutbar oder unmöglich erscheinen lassen könnten und gegebe­nen­falls eine Prüfung der vorläu­figen Aufnahme erfordern würden.

Ebenso liegt darin kein schwer­wie­gender persön­licher Härtefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AIG. Ein solcher setzt voraus, dass sich die betroffene Person in einer indivi­du­ellen Notlage befindet und ihre Lebens- und Daseinsbedingungen im Vergleich zu anderen Personen im Heimatland in gestei­gertem Mass beein­trächtigt sind.


2 Antworten auf „Ist das Schweizer Boot schon wieder voll?“

  1. Danke für diesen wichtigen Beitrag, der die unfassbare Ignoranz der Schweiz gegenüber Israels Kriegsverbrechen nicht deutlicher aufzeigen könnte! Warum wurde kein Asyl in der Schweiz beantragt? Die Behörden hätten den Fall zumindest einge­hender prüfen müssen und die Familienmitglieder hätten Zeit gewonnen. Ich wünsche der Familie viel Kraft!

  2. Unglaublich !
    Wir sind offen­sichtlich wieder zurück in der schlechten alten Zeit, als die Schweizer Behörden dafür sorgten, dass jüdische Flüchtlinge wieder über den rettenden Rhein zurück­ge­schafft wurden.
    Einverstanden, die beiden alten Frauen sind nicht wie damals direkt mit ihrem Leben – und die Schweiz heute auch nicht vom Nachbarstaat bedroht.
    Aber da sie in ihrer – von Israel zerstörten – Heimat kein Zuhause mehr haben, wäre zumindest eine länger­fri­stige vorläufige Aufnahme das mindeste was unsere Eidgenossenschaft leisten müsste – wenn es nicht bei leeren humani­tären Phrasen bleiben soll.

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