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Israel hält Awdah Hathaleens Leichnam zurück. Sein Mörder bewegt sich frei in seinem Dorf.

Die Frauen von Umm Al-Khair befinden sich im Hungerstreik, um seine Rückgabe zu fordern. Sie können nicht einmal ungestört schlafen, da die israe­lische Armee die Männer des Dorfes in nächt­lichen Razzien festnimmt.

© +972 Magazine

Von Sahar Vardi und Basel Adra, 5. August 2025 

Nur eine Woche nach der Erschiessung des palästi­nen­si­schen Aktivisten Awdah Hathaleen, ist der israe­lische Siedler Yinon Levi an den Tatort zurück­ge­kehrt, in das palästi­nen­sische Dorf Umm Al-Khair im besetzten Westjordanland. Levi leitete in aller Ruhe seine Abbruch- Crew auf demselben privaten palästi­nen­si­schen Grundstück an, auf dem er vor einer Woche den Abzug betätigt hatte. So, als wäre nichts geschehen.

Am Montag war Levi nach der Tat kurzzeitig in Gewahrsam genommen und anschliessend unter Hausarrest gestellt worden. Am darauf folgende Freitag wurde er jedoch wieder freige­lassen: In der Gerichtsverhandlung zu seiner Festnahme entschied Richterin Chavi Toker vom Amtsgericht Jerusalem, dass Levi «einen Vorfall verhindert hat, mit Dutzenden [Palästinenser], die Steine geworfen hätten», während die Polizei behauptete, die Kugel, die Hathaleens Lunge durch­schlagen hatte, sei nie gefunden worden. Das reichte dem Gericht, um Levis sofortige Freilassung anzuordnen.

«Der Mörder kam und stellte sich direkt neben unsere Häuser, um die Fortsetzung der Arbeiten zu überwachen [die statt­fanden, als er Awdah erschoss]», sagte Tariq Hathaleen, Awdahs Cousin. «Das macht mich krank. Das ist der Gipfel der Unterdrückung – etwas, das wir noch nie zuvor erlebt haben.» – «Hätte Yinon einen Hund getötet, hätte er mit härteren Konsequenzen rechnen müssen», fügte er hinzu.

Einen Tag nach der Schiesserei errichtete die Familie vor dem Gemeindezentrum, in dem Hathaleen getötet wurde, ein Trauerzelt. Doch Soldaten stürmten das Zelt, vertrieben Trauernde, Aktivist:innen und Journalist:innen und verhaf­teten zwei der Aktivisten:innen. In der vergan­genen Woche wurden 20 palästi­nen­sische Dorfbewohner festge­nommen – darunter auch Hathaleens Bruder Aziz, der unmit­telbar nach der Schiesserei verhaftet wurde, auf Hinweis von Yinon Levi an die Soldaten. Drei der Festgenommenen befinden sich noch immer in Haft.

Als ob der Mord, die Schikanen und Verhaftungen sowie Levis Rückkehr ins Dorf nicht schon genug wären, haben die israe­li­schen Behörden sich geweigert, Hathaleens Leiche zur Beerdigung freizu­geben. Diese Entscheidung hat das gesamte Dorf in einen surrealen Zustand andau­ernder Trauer gestürzt.

Am 31. Juli kündigten etwa 60 Frauen des Dorfes – im Alter von 13 bis 81 Jahren – einen Hungerstreik an, um die israe­li­schen Behörden zur Rückgabe von Hathaleens Leichnam zu zwingen; der Oberste Gerichtshof Israels verhandelt diese Woche zudem über eine Petition der Familie. «Sie stellen demüti­gende Bedingungen für die Freigabe des Leichnams: Dass nur 15 Personen an der Beerdigung teilnehmen dürfen und dass er in der Stadt Yatta statt in seinem Heimatdorf Umm Al-Khair beigesetzt wird», erklärte eine der Frauen.

«Seit der Tötung ist unser Schmerz nur noch grösser geworden», sagte Hanady Hathaleen, Hathaleens Frau. «Wir werden unseren Streik nicht beenden, bis der Leichnam freige­geben wird und wir für Awdah eine würdige Beerdigung abhalten können.»

Iman Hathaleen, eine Nachbarin und ehemalige Klassenkameradin von Hathaleen, sprach ebenfalls mit +972 über den Hungerstreik: «Awdah war derjenige, der der Welt die Geschichten von Umm Al-Khair und die Verstösse, denen wir ausge­setzt sind, erzählt hat. Jetzt ist er selbst zur Geschichte geworden.»

«Die Besatzungstruppen verhaften lokale Aktivist:innenen, vertreiben Journalist:innen und solida­rische Unterstützer:innen aus dem Dorf, um ihre Unterdrückung fortzu­setzen», fügte sie hinzu. «Deshalb haben wir beschlossen, unsere Rolle als Frauen hervor­zu­heben und gegen diese Unterdrückung zu prote­stieren, in der Hoffnung, dass jemand unsere Stimme hört, seien es Journalisten oder inter­na­tionale Organisationen. Wir fühlen uns auch gegenüber Awdahs Kindern verant­wortlich: Ihr Vater war unsere Stimme im Dorf. Jetzt sind wir an der Reihe, ihnen beizu­stehen und sie zu unterstützen.»

Wer diese Frauen in den letzten Tagen gesehen hat weiss, dass die meisten schon vor Beginn des Streiks aufgehört hatten zu essen. Sie können einfach nicht essen – aus Trauer, aus Angst, aus der wider­lichen Erkenntnis heraus, dass der Mann, der Hathaleen erschossen hat, frei herum­läuft. Und sie sind gelähmt vor Sorge um ihre Söhne, Brüder und Ehemänner, die in israe­li­scher Haft sitzen.

Gleichzeitig wird ihre Trauer durch das ständige, quälende Geräusch der Bagger der Siedler gestört, die Ursache dieses neuesten Albtraums. Die Dorfbewohner:innen haben erfahren, dass israe­lische Siedler beabsich­tigen, neben dem Gemeindezentrum Umm al-Khair, wo Hathaleen getötet wurde, einen neuen Aussenposten zu errichten.

Unerträgliche Nächte

Tagsüber sitzen die Frauen des Dorfes auf Matratzen, die zu einem Rechteck angeordnet sind, und rezitieren leise die Namen Allahs. Unerbittliche Trauer liegt in der Luft. Sie sprechen von Seinem Willen und versuchen, sich gegen­seitig zu trösten. Aber jeder Tag bringt die immer gleichen unbeant­wor­teten Fragen: Was geschieht vor Gericht? Wann können wir die Beerdigung abhalten? Wann werden die Inhaftierten zurückkehren?

Verwandte, Nachbarn und Freunde kommen in stetigen Wellen, ihre Umarmungen und Beileidsbekundungen sind fast unerträglich. Hanady, Hathaleens Mutter Umm Salem und seine Schwestern ziehen sich immer wieder in ihre Betten zurück, verzweifelt auf der Suche nach einem Moment, in dem sie allein sein und weinen können. Seine Nichte sitzt auf der Couch und schaut sich alte Videos von ihm an, die sie immer wieder abspielt. Er lächelt, lacht, spricht – und sie weint vor dem Bildschirm. Hanady umklammert seine Hemden, die noch immer seinen Geruch tragen.

Aber es sind die Nächte, die wirklich unerträglich sind. Jeden Abend wieder­holen sich die gleichen gefürch­teten Diskussionen: Soll man mit Kleidung und Kopftuch schlafen, für den Fall, dass israe­lische Soldaten und Siedler das Dorf erneut ohne Vorwarnung überfallen?

Es war Dienstagabend, nur einen Tag, nachdem Hanady ihren Mann, den Vater ihrer drei kleinen Kinder verloren hatte, als bewaffnete Soldaten zum ersten Mal in ihr Haus eindrangen. Nach tradi­tio­neller Sitte dürfen in den ersten vier Monaten der Trauer nur männliche Verwandte ersten Grades eine Witwe sehen. Aber das kümmerte die Soldaten nicht.

Deswegen treffe man besser Vorkehrungen, vor dem Schlafen, erklärten die Frauen. Jeder Lärm könnte eine weitere Razzia oder eine weitere Verhaftungswelle bedeuten. Die einzige Frage ist: Wen trifft es diesmal?

Am Mittwochabend waren nicht mehr viele junge Männer im Dorf übrig – 12 von ihnen befanden sich zu diesem Zeitpunkt in israe­li­scher Haft. Als dann kleine militä­rische Überwachungsdrohnen über dem Dorf kreisten und sich die Armee am Tor der benach­barten Siedlung versam­melte, wurden die ängst­lichen Flüstertöne der Frauen lauter.

Hanadys 19-jähriger Bruder Ijdia’a wünschte ihr eine gute Nacht, bevor sie endlich einschlafen konnte, zum ersten Mal seit Tagen. Eine Stunde später kam die Nachricht, dass er verhaftet worden war. Jene von uns, die bei der Familie wohnten, wussten nicht, ob wir sie wecken oder schlafen lassen sollten.

Am Morgen dann die Bestätigung: Die israe­lische Armee hatte in dieser Nacht drei von Hanadys Brüdern und einen Cousin festge­nommen. Die Frau von einem der Festgenommenen lief panisch im Haus auf und ab und überlegte, wie sie mitten in der Nacht an ihren Ausweis kommen könnte, der sich am anderen Ende des Dorfes, in der Nähe des Siedlungszauns befand, um die Informationen betreffend ihren Mann an dessen Anwalt schicken zu können.

«Sie fesselten uns und steckten uns in ein Militärfahrzeug»

Unter den Palästinensern, die letzte Woche verhaftet wurden, war auch Eid al-Hathaleen, Adwah Hathaleens Cousin und ein bekannter Künstler und Gemeindevorsteher in Umm Al-Khair, der am Mittwoch in den frühen Morgenstunden von israe­li­schen Soldaten aus seinem Haus geholt wurde.

«Am Mittwoch morgens um drei Uhr morgens am Mittwoch schlief ich», erzählte Eid +972. «Vier Soldaten hämmerten an die Tür und fragten: ‚Bist du Eid? Bring dein Handy und deinen Ausweis mit.‘ Als wir die Militärfahrzeuge erreichten, waren mein älterer Bruder Adel und mein Bruder Mu’tasim bereits dort. Sie fesselten uns und steckten uns in eines der Militärfahrzeuge.»

Zusammen mit vier weiteren Männern aus Umm Al-Khair wurden sie in die nahe gelegene Siedlung Otniel gebracht, bevor sie mit dem Bus weiter nach Norden zu einer Polizeistation im Siedlungsblock Gush Etzion gebracht wurden. «Wir saßen 10 Stunden lang mit verbun­denen Augen draussen. Wenn jemand ein Wort sagte, schrien die Soldaten: ‚Halt die Klappe!‘», schil­derte Eid. «Von morgens bis nachmittags sagten wir ihnen, dass wir Hunger hätten, aber sie antwor­teten: ‚Es gibt nichts zu essen.‘ Erst gegen 18:30 Uhr brachten sie uns ein wenig Brot und Joghurt und befahlen, wir sollten essen, während wir noch gefesselt waren.»

Eid erzählte weiter, dass man ihm und den anderen Männern sagte, sie würden nach dem Verhör freige­lassen, in welchem sie beschuldigt wurden, am Tag von Hathaleens Tod Siedler angegriffen und mit Steinen beworfen zu haben. Aber das Schlimmste sollte noch kommen. «Sie setzten uns in einen Bus und brachten uns zum Ofer-Gefängnis», sagte er. «Dort kamen die Wachen in den Bus, fesselten unsere Hände hinter dem Rücken mit Metallhandschellen und zwangen uns, den Kopf zu senken. Wenn wir das nicht taten, schlugen sie uns mit Stöcken und beschimpften uns: ‚Lauf, du Hund! Hurensohn! Bist du Hamas? Bist du Fatah? Bist du Hisbollah?‘»

«Als wir aus dem Bus stiegen, fesselten sie uns an den Füssen und verbanden uns erneut die Augen, bevor sie uns in einen Raum brachten und mich zwangen, mich vollständig auszu­ziehen, sogar meine Unterwäsche. Sie drohten, einen Hund zu holen, wenn ich mich nicht fügen würde», fuhr Eid fort. «Ich hörte, wie sie sich auf Hebräisch gegen­seitig auffor­derten, das Lasergerät vorzu­be­reiten. Dann zwangen sie mich, nackt in die Hocke zu gehen, während sie lachten – vielleicht haben sie das aufge­zeichnet. Sie forderten mich auf zu husten. Dann gaben sie mir Gefängniskleidung, Unterwäsche und Hausschuhe. Ich weiss nicht, ob die Kleidung sauber war.»

Eid verbrachte die Nacht in einer Zelle mit elf anderen Häftlingen. Am nächsten Tag wurden sie in einen anderen Raum gebracht, um an einer Fernverhandlung teilzu­nehmen. Der Richter ordnete ihre Freilassung gegen eine Kaution von 500 NIS pro Person an und verbot ihnen, sich der Siedlung Carmel, die an das Dorf Umm Al-Khair angrenzt, auf weniger als 100 Meter zu nähern, sowie in den kommenden 60 Tagen über den Vorfall zu sprechen.

«Was werden sie von ihrem Vater in Erinnerung behalten?»

In Umm Al-Khair war der Donnerstagabend vielleicht der schlimmste von allen. Wieder verbrei­teten sich Gerüchte über eine weitere Verhaftungswelle. Wieder gingen alle erschöpft und bekleidet zu Bett und fragten sich, wer als Nächstes dran sein würde. Aber dieses Mal war es nicht die Armee, die Hathaleens Familie weckte. Es war die Stimme des kleinen Mohammad Awdah Hathaleen.

Er ist noch keine drei Jahre alt und hat bereits miterlebt, wie sein Vater seinen letzten Atemzug tat. Papa! Papa!», klagte er immer wieder. Seine Mutter, erschüttert und schlaflos, hielt ihn fest und fragte ihn leise, was er brauche, was sie tun könne.

«Ich will meinen Papa!», schrie er. Seine Tante versuchte, ihn abzulenken, indem sie ihm etwas Saft anbot. «Nicht du!“», sagte er unter Tränen. «Mein Papa bringt mir Saft!» Er weinte 20 Minuten lang weiter, bis ihn schliesslich der Schlaf übermannte.

Am nächsten Morgen wachte er auf dieselbe Weise auf und schrie wieder nach seinem Vater. Neben ihm lag sein älterer Bruder Watan still da und beobachtete ihn mit einem Blick, der sowohl Hilflosigkeit als auch Verständnis ausdrückte – ein Blick, den kein Kind haben sollte. Obwohl er noch nicht einmal fünf Jahre alt war, wusste Watan bereits, dass sein Vater nicht zurück­kommen würde, und dass er, seiner Mutter zuliebe, nicht zusam­men­brechen und schreien durfte wie sein kleiner Bruder.

Schließlich beruhigte sich Mohammad. Bei Tageslicht sass er im Trauerzelt und spielte mit den anderen Kindern Mikado. Für einen zufäl­ligen Beobachter sah er aus wie jeder andere Junge in seinem Alter. Aber wer genau hinsah, konnte erkennen, wie die anderen Jungen ihn behan­delten: Die Älteren holten ihm Eis, wann immer er darum bat, und die Jüngeren stritten sich nie mit ihm um Spielzeug.

«Was werden sie von ihrem Vater in Erinnerung behalten?», fragte Hanady, während sie ihren sieben Monate alten Sohn Kinan im Arm hielt. Wir können nur hoffen, dass das Weinen dieser und anderer Kinder wie sie uns wach hält. Und dazu bewegt, im Gedenken an ihren Vater weiter­zu­kämpfen. Das hätte er sich von uns gewünscht.

Übersetzt aus dem Englischen – Originalartikel auf +972: https://​www​.972mag​.com/​a​w​d​a​h​-​h​a​t​h​a​l​e​e​n​-​u​m​m​-​a​l​-​k​h​a​i​r​-​h​u​n​g​er-strike/

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