Skip to content

Israel – Demokratie und Tyrannei

Erstaunlich und erschreckend, mit welcher Unverfrorenheit hiesige Israelversteher:innen immer noch behaupten, der Zionistenstaat sei «die einzige Demokratie im Nahen Osten», ja sogar «ein Leuchtturm des Pluralismus und des Fortschritts in einer Region, die sonst in Tyrannei versinkt». Dies, obschon Bilder und Berichte aus Israel und den von ihm völker­rechts­widrig besetzt gehal­tenen Gebieten uns tagtäglich aufs Neue vorführen, in welchem Ausmass Israel selber Tyrannei produ­ziert und verschuldet.

Ein Hort abscheu­lichster Misshandlungen und Menschenrechtsverletzungen sind die israe­li­schen Gefängnisse. Israels Praxis, palästi­nen­sische Menschen auch ohne Prozess und recht­mässige Verurteilung für Jahre oder gar Jahrzehnte wegzu­sperren, ist nicht neu. Im Nachgang des 7. Oktober 2023 hat das israe­lische Regime diesbe­züglich aber noch einen Gang zugelegt.

Folter wurde schon zuvor in israe­li­schen Gefängnissen prakti­ziert, so der israe­lische Anwalt Ben Marmareli, der in einem aufwüh­lenden Gespräch schildert, wie sein palästi­nen­si­scher Mandant in israe­li­scher Haft festge­halten und dort regel­mässig erniedrigt, gefoltert und verge­waltigt wird.

Die Bilder von schwer misshan­delten, halb verhun­gerten und für immer körperlich wie seelisch geschä­digten Gefangenen, die im Verlauf des Geiseltausch-Deals aus israe­li­scher Gefangenschaft freige­lassen wurden, gehen unter die Haut. Ihre Berichte lassen keine Zweifel offen: Israel schreckt sowohl bei der Festnahme wie bei der Behandlung von Palästinenser:innen in Gefangenschaft vor nichts zurück und kennt weder Humanität noch Menschenrechte. Die Liste der Klagen und die Variationen von Torturen und Grausamkeiten gegenüber Gefangenen scheinen schier end- und grenzenlos. Folgerichtig weigert sich Israel hartnäckig, UN-Resolutionen gegen Folter zu unterzeichnen.

Kein Wunder auch, lässt sich die israe­lische Regierung bei ihren Praktiken in den Gefängnissen nicht gerne auf die Finger schauen! Israel hat nach dem 7. Oktober nicht nur ein Kontaktverbot für alle palästi­nen­si­schen Gefangenen mit ihren Angehörigen verhängt, sondern auch dem IKRK jeglichen Zugang zu ihnen verwehrt. Ein weiterer Bruch des Völkerrechts von Seiten Israels, das aufgrund der Genfer Konventionen dem IKRK als neutraler, unabhän­giger Instanz erlauben müsste, die Behandlung seiner Gefangenen vor Ort zu überprüfen.

Das war noch nie eine einfache Aufgabe, gehört aber in allen Konfliktregionen weltweit zu den Kernaufgaben des IKRK. Dies war auch in Israel der Fall – bis zum 7. Oktober 2023. Seither verwehrt das israe­lische Regime den Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes den Zugang zu seinen Gefängnissen und deren Insass:innen. Man versuche, dies zu ändern – bislang aber ohne Erfolg, erklärte IKRK-Generaldirektor Pierre Krähenbühl in einem TV-Interview anlässlich des Doha-Forums 2025, zu welchem am letzten Wochenende Hunderte von Diplomat:innen, Politiker:innen und Delegierte nach Katar gereist waren.

Trotz aller Bemühungen des IKRK und weiterer inter­na­tio­naler Menschenrechtsorganisationen, hat der israe­lische Verteidigungsminister Israel Katz Ende Oktober jedoch erneut eine Verordnung unter­schrieben, die dem IKRK den Besuch von Tausenden palästi­nen­si­scher Gefangener weiterhin untersagt, die von Israel als «unrecht­mässige Kombattanten» festge­halten werden.

Wie dringend nötig die Überwachung und ein Einwirken auf Israel zur Verbesserung der Verhältnisse in seinen Gefängnissen wären, zeigt auch der jüngste Bericht, für den das dem israe­li­schen Justizministerium unter­stellte Büro für Public Defence 43 Gefängnisse und Polizeistationen in Israel besucht hat. Insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 übersteige die Belegung die Kapazitäten des Systems – die meisten Gefangenen seien in zu kleinen Zellen mit ungenü­genden sanitären Einrichtungen einge­sperrt, so die Beamten des Büro für Public Defence. Insbesondere die sogenannten «Sicherheitsgefangenen» würden in zunehmend prekären Konditionen gehalten, vom Gefängnispersonal oft misshandelt – viele von ihnen seien zudem abgemagert und würden Zeichen von Mangelernährung aufweisen.

Wohlgemerkt: Dieser Bericht, der unter anderem auch in der israe­li­schen Tageszeitung Times of Israel für Schlagzeilen sorgte, wurde weder von Amnesty International noch von Medico International oder Physicians of Human Rights Israel verfasst, die alle in der Vergangenheit ebenfalls mehrfach auf die unmensch­lichen Zustände in den israe­li­schen Gefängnissen hinge­wiesen haben.

Vergeblich. Mehr noch: Wiederholt insze­nierte sich der rechts­extreme israe­lische Minister für nationale Sicherheit Ben-Gvir bei Gefängnisbesuchen, die er dazu nutzte, palästi­nen­sische Gefangene vor laufender Kamera zu verhöhnen und zu ernied­rigen. Ob die massive Rüge der israe­li­schen Staatsanwaltschaft daran etwas ändern wird? In der «einzigen Demokratie im Nahen Osten»? Wohl kaum…

Es braucht inter­na­tio­nalen Druck und entschlossene Unterstützung für das IKRK. Es ist einfach nur heuch­le­risch und genügt nicht, wenn sich Schweizer Minister:innen stolz damit brüsten, unser Land sei Heimatstaat der Genfer Konventionen und des IKRK. während sie gleich­zeitig leise­tre­te­risch die unver­schämte Behinderung des IKRK durch Israel totschweigen.

Es kann nicht sein, dass die israe­lische Regierung das IKRK benutzt, um die toten und lebenden Geiseln aus Gaza zurück­zu­be­kommen, gleich­zeitig aber der Genfer Menschenrechtsorganisation den ungehin­derten Zugang zu israe­li­schen Gefängnissen verbieten.


Aktuelle Recherche von Yuval Abraham auf +972 über die Palästinenser:innen, die seit dem 7. Oktober 2023 in israe­li­schen Gefängnissen umgekommen sind:

click and read

video
play-sharp-fill

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zeichenzahl: 0/1000
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.