Skip to content

Grosses Theater in Salzburg

Anlässlich der Eröffnungsfeier für die 105. Ausgabe der Salzburger Festspiele, haben Aktivist:innen der Organisation «Plattform Palästina Solidarität Österreich» mit Zwischenrufen und Transparenten das ausge­suchte Publikum von Politiker:innen und anderen Prominenzen für ein paar Augenblicke gestört. Ihre Kritik: «Während in Gaza ein ganzes Volk verhungert, herrscht in Salzburg Feststimmung», heisst es in ihrer Erklärung zur Protestaktion.

Die Aktivist:innen hatten ihren Auftritt offen­sichtlich minutiös und clever geplant. Eine Reihe von ihnen konnte sich mit Mitarbeiterausweisen Zutritt zum Backstage-Bereich der Veranstaltung verschaffen, von wo sie auf die Galerie gelangten und dort publi­kums­wirksam ihre Transparente ausrollten. So zumindest wird der «Tathergang» in der öster­rei­chi­schen Presse beschrieben. Mit dem Hinweis darauf, dass die Sicherheitsmassnahmen nach diesem Vorfall selbst­ver­ständlich verschärft würden.

Anfänglich nimmt die Veranstaltung ihren gewohnten Lauf. Erste Zwischenrufe gibt es dann nach rund 40 Minuten, während der Ansprache von Vizekanzler und Bundesminister für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport Andreas Babler, der mit seinem Hinweis, dass die Festspiele dieses Jahr mit vielen düsteren Stücken den Nerv der Zeit treffen würden, das Stichwort liefert. Es kommt zum Theater im Theater.

Rufe von allen Seiten aus dem Publikum (unklar, ob Statist:innen oder nicht), als Babler darauf hinweist, dass sich angesichts der wachsenden Perspektivenlosigkeit viele junge Menschen wie Kassandra fühlen müssen: «Sie warnen, sie mahnen, doch kaum jemand hört zu…»

Weiter kommt er nicht, seine Worte werden von zahlreichen Zwischenrufen aus dem Saal übertönt. Der Kommentator der TV-Direktübertragung spricht von einer Störaktion, von seiner Kabine aus sehe er, wie zwei Aktivist:innen festge­nommen würden…

Der Unterbruch dauert gerade mal eine Minute, darauf nimmt Babler seine Rede wieder auf und wiederholt: «Sie warnen, sie mahnen, doch kaum jemand hört zu.» Er kommt mit seiner vorbe­rei­teten Rede noch drei Sätze weiter, dann folgen erneut Zwischenrufe, und auf der Galerie werden drei Transparente ausgerollt.

Erneut reagiert der Security-Dienst schnell und effizient: Die Transparente sind im Nu weg, einer skandiert noch «Blut, Blut klebt an euren Händen», dann ergreift Andreas Babler erneut das Wort und macht ein Angebot: Er könne nicht für alle sprechen, aber er sei bereit und inter­es­siert daran, die Festspiele als Ort für echte, gesell­schafts­po­li­tische Debatten zu nutzen und mit den Aktivist:innen in einen Dialog zu treten. Das Publikum quittiert diese Worte des SPÖ-Politikers mit viel Applaus – vielleicht auch, weil man froh ist, dass die Störaktion nun wohl ein Ende hat…

Babler scheint es aber ernst zu meinen. Zumindest hat er anschliessend in einer Medienmitteilung noch einmal nachge­doppelt. «Ich habe grosses Verständnis für den Protest», lässt er kurz nach der Veranstaltung über den Pressedienst der SPÖ verlauten. «Friedlicher Protest ist wichtig und wird ernst genommen. Ich lade die Menschen, die heute Protest erhoben haben daher ein, in einem angemes­senen Rahmen Gespräche zu führen und in den Dialog zu treten.»

Ein mutiges Statement für einen westlichen Spitzenpolitiker. So etwas haben wir von unseren Bundesrät:innen in den letzten Wochen und Monaten nie vernommen… Im Gegenteil: Zivilgesellschaftliche Aktionen, Veranstaltungen und Proteste gegen Israels Krieg in Gaza werden von Politiker:innen hierzu­lande unter­drückt, ja sogar verboten. Vizekanzler Babler hat mit seiner mensch­lichen Reaktion auf den gewalt­freien, fried­lichen Protest anlässlich der Festspiel-Eröffnungsfeier in Salzburg gezeigt, dass es auch anders geht.

Doch nicht nur der öster­rei­chische Vizekanzler hat an diesem Samstagvormittag Haltung gezeigt. Deutlich waren auch die Worte der Festrednerin Anne Applebaum. Die ameri­ka­nisch-jüdische Historikerin, die sich sonst gerne pointiert für die Aufrüstung des Westens im Kampf gegen Putin äussert, nicht aber zu Israel, sagte unter dem Eindruck der kurzen Aktion im Salzburger Festspielsaal: «Sie erlebten gerade, dass wir in Zeiten von Konflikten leben. Auch ich leide unter den Bildern der in Gaza verhun­gernden… Israel muss das humanitäre Völkerrecht einhalten und dafür sorgen, dass das Leid in Gaza beendet wird!»

Auch wenn die Aktion von Seiten der Sicherheitskräfte in Windeseile beendet worden ist und die Medien kaum ein Wort verloren haben über die Hintergründe und die Forderungen der Aktivist:innen, war die Intervention, die das Programm der Festspiele für weniger als fünf Minuten «gestört» hat, ein voller Erfolg. Israel kommt langsam aber sicher in die Bredouille. Der israe­lische Parlamentsabgeordnete Ram Ben-Barak, von der Yesh Atid Partei spricht es laut aus: «Wir wollen nicht vor der ganzen Welt zu einem Paria-Staat werden, aber wir bewegen uns in diese Richtung, wenn wir so weiter­machen.» (Haaretz, 27.07.2025)

Fazit: Wir brauchen mehr solche Aktionen – Widerstand ist wichtig, auf allen Ebenen.

Kunst ist immer Widerstand, Widerspruch, das Gegenhalten,
und in dem Moment, in dem das nicht mehr stattfindet,
versiegt die Kunst.

Claus Peymann

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.