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Geraubtes Land – gestoh­lenes Leben

Was eigent­lich meint der Begriff «Vertreibung» genau?

Sind Menschen, die vor Zerstörung und Krieg fliehen, Vertriebene? Jene, die sich als Folge von Armut zur Migration ent­schliessen? Ist eine Vertreibung end­gültig? Können Vertriebene, wenn sich die Rahmenbedingungen ver­än­dern, auch wieder zurück?

Fragen, auf­ge­taucht bei der Lektüre der aktu­ellen Kriegspolitik Israels, die zum Ziel hat, die ein­hei­mi­sche Bevölkerung aus Palästina zu ver­treiben… Eine Antwort finde ich auf Wikipedia, dem Brockhaus des 21. Jahrhunderts:

«Der Begriff der Vertreibung ist weder juri­stisch noch histo­risch klar und unmiss­ver­ständ­lich definiert.»

(…)

«Vertreibung ist eine mit Gewalt oder deren Androhung erzwun­gene Migration zumeist reli­giöser oder eth­ni­scher Minderheiten, die genö­tigt werden, ihre ange­stammte Herkunftsregion zu ver­lassen. Darunter fallen erzwun­gene, dau­er­hafte Flucht, Ausweisung und erzwun­gene Umsiedlung aus einem Staat.»

Zur Illustration führt Wikipedia zahl­reiche Beispiele auf, von der Antike bis zur Neuzeit. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte. Beim Runterscrollen, schon fast am Ende der Seite: «Chagos-Archipel. Zwangsumsiedlung der gesamten ein­hei­mi­schen Bevölkerung, der Chagossianer, im Jahr 1971.» 

Dazu der Hinweis, dass die Vertreibung der Einheimischen erfolgte, weil Grossbritannien die Hauptinsel Diego Garcia an die US-Armee ver­pachtet habe.

Chagos-Archipel? Noch nie gehört! Meine Neugier ist geweckt.

500 Jahre nach den por­tu­gie­si­schen Seefahrern ent­decke auch ich – Google Maps sei’s gedankt – die Chagos-Inseln, mitten im Indischen Ozean. Ein tro­pi­sches Paradies mit atem­be­rau­bend weissen Stränden, üppig grünen Kokospalmen, exo­ti­schen Vögeln, magi­schen Korallenriffs, mit Meeresschildkröten und bunten Fischen…

In krassem Kontrast dazu die Luftaufnahme einer vom Meer umspülten Flugpiste. Im Hintergrund erkennbar rund ein Dutzend Kampfbomber, Geländefahrzeuge, ein Tanklager, Militärbaracken.

Von hier führt mich meine Internet-Reise rasant in die höl­li­schen Abgründe des zer­stö­re­ri­schen glo­balen Powerplays unserer Zeit. Dessen Wurzeln rei­chen weit in die Vergangenheit zurück, pro­du­zieren aber bis heute ihre gif­tigen, töd­li­chen Früchte.

Angefangen hat alles Ende des 18. Jahrhunderts, als euro­päi­sche Plantagenbetreiber einige der Inseln besie­delten. Darunter das Eiland Diego Garcia, mit einer Fläche von rund 27 km2 die grösste Insel des Archipels. Als Arbeitskräfte impor­tieren die Kolonialherren Sklaven vom afri­ka­ni­schen Festland. Später sie­delten sich auch Inder auf den damals von den Franzosen bean­spruchten Inseln an, die sie von ihrer Kolonie Mauritius aus verwalteten.

Nach der Niederlage Napoleons 1815 musste Frankreich grosse Teile seiner Kolonien an die Siegermächte abgeben. Mauritius und die Chagos-Inseln wurden dem British Empire zuge­schlagen. Inbegriffen die ein­hei­mi­sche Bevölkerung, die fortan der bri­ti­schen Krone unterstand.

Die Îlnois oder Chagossianer, wie sie sich selber nannten, spra­chen kreo­lisch und lebten ein beschei­denes, ruhiges Leben in ihrem abge­le­genen Inselparadies, das wäh­rend Jahrzehnten für die bri­ti­sche Kolonialmacht weder von wirt­schaft­li­cher Bedeutung noch sonst von Interesse war.

Dies änderte sich Mitte der 1960er Jahre grund­le­gend: Kurz bevor Mauritius die Unabhängigkeit erlangte, ent­schied Grossbritannien den Chagos-Archipel als letzte Kolonie im Indischen Ozealn zu behalten. Ausschlaggebend durfte die Chance gewesen sein, die Hauptinsel für Jahrzehnte an die USA für den Aufbau und Betrieb einer Militärbasis zu verpachten.

Das Nachsehen hatten die Inselbewohner:innen. Für sie gab es plötz­lich auf den Chagos-Inseln keinen Platz mehr, sie wurden expor­tiert. 1972 wurden die letzten der damals rund 2000 Îlnois per Schiff über tau­sende von Kilometern in die Fremde vertrieben.

Die Berichte über die ent­wur­zelten Menschen, die im Internet zu finden sind, gehen ans Herz. Viele haben die Vertreibung nicht ver­kraftet, haben sich das Leben genommen oder sind in den Alkohol geflüchtet. Andere kämpfen bis heute für die Rückkehr in ihre ver­lo­rene Heimat und die Rückgabe ihres Territoriums.

Sie spre­chen immer noch kreo­lisch, leben in Port Louis auf Mauritius und im UK, wo sie sich zusam­men­ge­schlossen und ihren Kampf bis vor die UNO getragen haben.

Mauritius unter­stützt ihr Begehren und beschul­digt Grossbritannien der «unvoll­stän­digen Entkolonialisierung». Mit einigem Erfolg: 2019 ver­ab­schie­dete die UN-Vollversammlung mit grosser Mehrheit eine Resolution, welche von Grossbritannien die Übergabe der Kontrolle über die Inseln an Mauritius verlangt.

Das küm­mert die geschrumpfte Kolonialmacht einen Deut. Eine Rückkehr der ein­hei­mi­schen Bevölkerung, so die bri­ti­sche Regierung, würde erst mög­lich, wenn die USA die Insel nicht mehr mili­tä­risch nutzen wollten. Der Pachtvertrag wurde 2016 um wei­tere 20 Jahre bis 2036. Zudem berichten Artikel, dass seit 2010 auf Diego Garcia massiv aus­ge­baut und auf­ge­rü­stet werde…

Über 50 Jahre nach der Vertreibung der Chagossianer:innen wird die Wahrscheinlichkeit immer kleiner, dass Überlebende dieser Tragödie je wieder in ihrer Heimat leben können. Grossmachtpolitik geht vor. Die USA (und ihre Verbündeten) brau­chen diese kriegs­stra­te­gisch ideal gele­gene Insel. Punkt. Schluss.

Was meine Entdeckungsreise dar­über hinaus noch zutage geför­dert hat:

2010 ist der Chagos-Archipel Teil zum grössten Meeresschutzgebiet der Welt erklärt worden. Zum Schutz der rei­chen Biodiversität des dor­tigen Unterwasserökosystem wurde die Fischerei unter­sagt. Aber die Korallen sterben trotzdem, weil die Meerestemperatur steigt.

Auf Diego Garcia wurde in den letzten Jahren die Flugzeuglandebahn immer öfter über­flutet. Möglicherweise wird der gesamte Archipel schon bald als Folge der Klimaerhitzung vom Meer verschluckt.

Vorläufig betreiben die USA aber nach wie vor ihre Militärbasis. Tausende von Menschen, ein­ge­flogen aus den ärm­sten Ländern der Welt, arbeiten hier im Dienste der Interessen der USA. Das United Kingdom kas­siert noch min­de­stens bis 2036 Pachtzinsen für das von ihm wei­terhin besetzte Archipel.

Im Oktober 2021 stran­dete ein in Seenot gera­tenes Fischerboot auf Diego Garcia mit Menschen auf der Flucht von Sri Lanka nach Kanada. Seither sitzen die Tamilinnen und Tamilen auf der kleinen Insel fest. Ihre an Grossbritannien gestellten Anträge auf Asyl wurden in einer ersten Runde pau­schal abge­lehnt. Dank juri­sti­scher Interventionen von Menschenrechtsanwält:innen muss die Regierung nun aber noch einmal über die Bücher. 

Das ewige Rad der Vertreibung steht nie still. Das von der Weltöffentlichkeit kaum wahr­ge­nom­mene Schicksal der Chagossianer:innen steht exem­pla­risch für die sich ewig wie­der­ho­lende Tragödie durch Vertreibung: In vor­christ­li­cher Zeit etwa die Jüdinnen und Jude, ver­trieben nach Babylon und Ägypten. In den letzten 500 Jahren in vielen Gegenden welt­weit Ureinwohner:innen, ver­trieben und ver­drängt durch Kolonialmächte.

Und das Rad dreht weiter. Aktuell trifft es die Armenier:innen von Bergkarabach und die Bevölkerung von Gaza…

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