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Friedensfrauen in unfriedlichen Zeiten

Frieden ist ein arg strapa­zierter Begriff. Aktuell dominiert das Credo, Frieden sei das Resultat von Powerplay und Deals. Am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, hat die venezue­la­nische Trump-Freundin María Corina Machado den diesjäh­rigen Friedensnobelpreis erhalten. – Mit dem Projekt «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005» sollten ganz andere Ansätze von Friedensarbeit geehrt und sichtbar gemacht werden. – 20 Jahre danach erzählen vier Friedensaktivistinnen aus dem Sudan, den USA, Israel und Burundi, erzählen, wie sie heute für ihre Vision einer gerech­teren Welt, frei von Gewalt und Unterdrückung, einstehen.

Im Sudan gehört Krieg seit Jahren zum Alltag. Die aktuelle Gewalteskalation gilt mittler­weile als die weltweit «grösste humanitäre Krise der Welt» – mit Hunderttausenden von Toten und Millionen auf der Flucht. Die Lage scheint aussichtslos; von der UNO initi­ierte Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen sind bisher alle gescheitert. Kein Zufall, sagt die Sudanesin Asha El-Karib, die sich seit Jahrzehnten für eine demokra­tische, gerechte Gesellschaft in ihrem Land engagiert: «Die gängigen Verhandlungsmuster bei den Friedensprozessen stellen stets die Teilung von Macht und Reichtum ins Zentrum.»

Dies habe zur Folge, dass jedem Friedensabkommen schon der Keim für den nächsten Krieg innewohne. Sie stellt dem Feilschen um Macht, Land und Bodenschätze, das im Sudan wie anderswo sogenannte «Friedensverhandlungen» dominiert, eine ganz andere Vorstellung von Frieden gegenüber: «Frauen definieren Frieden kurz und bündig als Abwesenheit von Angst. Sie wollen beim Schlafengehen den Kopf aufs Kissen legen, ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, ob die Kinder am nächsten Tag zur Schule gehen können oder ob es genügend Essen auf dem Tisch haben wird…»

Wenn die Kriegsherren das Bärenfell unter sich verteilen und anschliessend mit viel Brimborium einen Friedensvertrag unter­zeichnen, spielen die grund­le­genden Bedürfnisse der kriegs­ver­sehrten Menschen in aller Regel keine Rolle. Asha und ihre Mitstreiterinnen fordern deshalb seit Jahren, dass Frauen bei Friedensprozessen mitbe­stimmen. Solange weiterhin Unterdrückung, Ausbeutung und Armut herrschen, werde es keinen Frieden geben: «Aus femini­sti­scher Sicht heisst Frieden soziale Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, keine Diskriminierung und keine Gewalt.»

Vor 20 Jahren wollte ein Projekt aus der Schweiz mit der Kandidatur von «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005» diesem Ansatz von Friedensarbeit mehr Sichtbarkeit und Gewicht verleihen. Asha war damals Mitglied des inter­na­tio­nalen Koordinationsteams, wir beglei­teten das Projekt mit der Kamera und porträ­tierten für unseren Dokumentarfilm Friedensaktivistinnen im Sudan, in den USA, in Burundi, Israel und Palästina. «1000 Frauen und ein Traum»* ist ein Film, der bis heute Gültigkeit hat und immer noch Mut und Hoffnung macht, obschon die Frauen den Friedensnobelpreis damals nicht erhalten haben.

Die Welt sieht heute nicht weniger düster aus als 2005 – im Gegenteil. Angesichts der eskalierten Entwicklungen im Sudan und in Palästina wollte ich wissen, wie es den Frauen heute geht, die wir im Film damals inter­viewt und porträ­tiert hatten.

Das erste Gespräch führte ich mit Margo Okazawa Rey in den USA, die ihre reichen Erfahrungen aus der femini­sti­schen Friedensbewegung bei der Nominierung der 1000 Friedensfrauen ins Koordinationsteam einge­bracht hatte. Heute stellt sie ernüchtert fest, dass von der Utopie, die das Projekt vor 20 Jahren beflügelt hat, nicht viel übrig geblieben ist. «Ich verstehe das Ausmass an Grausamkeit nicht, das man auf dieser Welt einfach hinnimmt – nicht nur in Palästina, auch an unzäh­ligen anderen Orten, und auf so viele unter­schied­liche Arten», fasst die mittler­weile emeri­tierte Professorin für Soziologie zusammen.

Rückschläge und Abhängigkeiten

Selbstkritisch stellt sie fest, dass es weder der Frauen- noch der Friedensbewegung in den letzten 40 Jahren gelungen ist, ihren Visionen und Überzeugungen zum Durchbruch zu verhelfen. Stattdessen ist der Spielraum für Frauen und friedens­po­li­tische Bewegungen überall enger geworden. Der gegen­wärtig dominie­rende politische Rechtsdrall schwächt opposi­tio­nelle Organisationen weltweit.

Geld spiele dabei eine entschei­dende Rolle, sagt Margo: In den USA, wie auch in Europa oder in der Schweiz würden aktuell die sozialen Mittel zugunsten von Milliardeninvestitionen zwecks Aufrüstung drastisch gekürzt. Fatal sei dies insbe­sondere für all jene NGOs und zivil­ge­sell­schaft­lichen Initiativen, die ihre Aktivitäten mithilfe staat­licher Subventionen auf- und ausgebaut haben. Heute zeige sich, so Margos bitteres Fazit, dass diese Organisationen ihre in der Vergangenheit erzielten Erfolge einem strate­gi­schen Fehler verdankten. 

Die finan­zielle Abhängigkeit von staat­lichen Geldgebern und Stiftungen wirken sich dort besonders negativ aus, wo die gesell­schafts­po­li­ti­schen Ziele der Akteur:innen und jene der Geldgeber ausein­an­der­klaffen. Als Beispiel nennt Margo Israels Genozid in Gaza: Aus Sorge, durch ein klares Statement für Frieden und Menschenrechte staat­liche Subventionen zu verlieren, würden sich viele westliche Organisationen darum drücken, Position zu beziehen. Eine oppor­tu­ni­stische Haltung, um zu überleben. Mit Friedensorganisationen, die zu Kriegsverbrechen schweigen, sei der angestrebte Wandel aber niemals zu erreichen, konsta­tiert Margo: «Die notwen­digen, tiefgrei­fenden Veränderungen, die es für die Schaffung einer fried­lichen und gerechten Gesellschaft braucht, werden von jenen Menschen getragen, die nicht aufgeben, wenn es schwierig wird.»

Bedroht, verfolgt und ungebrochen

Maggie Barankitse ist so eine Frau, die nie aufgibt. Sie hat in den 1990er Jahren den verhee­renden Bürgerkrieg in Burundi wie durch ein Wunder überlebt und sich seither der Versöhnungs- und Friedensarbeit verschrieben. Als wir sie im Frühjahr 2004 bei der Arbeit porträ­tierten, war ihr Projekt «Maison Shalom» eine blühende Institution. Das von Maggie gegründete Friedensdorf, wo Hutu- und Tutsi-Kinder gemeinsam aufwachsen konnten, galt als inter­na­tio­nales Vorzeigemodell. In Burundi selber hatte Maggie Barankitse als «Maman der Nation» einen Prominentenstatus. 

Mit der erneuten politi­schen Krise in Burundi änderte sich das 2015 schlag­artig: Maggie fiel in Ungnade und musste erneut um ihr Leben bangen. «Mein Verbrechen war, dass ich zum Präsidenten der Republik Burundi gesagt habe, dass ich nicht länger zu seinen Untaten schweigen könne. Das hat mich ins Exil getrieben», erzählt sie anlässlich unseres Zoom-Gesprächs im Frühjahr 2025. Bis heute sei sie stolz darauf, dass sie es gewagt habe, gegenüber dem mächtigsten Mann im Land den Mund aufzu­machen und die wirklichen Probleme zu benennen: «In diesem Moment habe ich es vorge­zogen, alles zu verlieren, als weiterhin Teil dieses Systems zu bleiben.»

Mit Unterstützung der belgi­schen Botschaft konnte sie bei Nacht und Nebel nach Europa fliehen. Dort hat sie es aber nicht lange ausge­halten: Kaum angekommen, setzte sie alles daran, zu ihren Leuten zurück­zu­kehren. Nicht nach Burundi, wo das Maison Shalom in Trümmern lag und sie bis heute als Persona non grata mit Verfolgung und Tod rechnen muss, sondern ins Nachbarland Ruanda. Dort leben seit den Unruhen 2015 über 60’000 Geflüchtete aus Burundi. Menschen mit normalen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Talenten, in einer abnor­malen Situation, wie es Maggie formuliert.

In Ruanda hat sie mit ihrer Arbeit noch einmal von vorne begonnen, unter noch schwie­ri­geren Bedingungen. «Im Lager habe ich Nähateliers initiiert, Lederbearbeitung für die Herstellung von Schuhen, die Produktion von Nahrungsmitteln – und ich habe sie in die Schule geschickt», schildert die unermüd­liche Kämpferin für Frieden und Gerechtigkeit die Anfänge ihrer Aufbauarbeit im Flüchtlingslager.

In der Hauptstadt Kigali hat sie zudem eine inter­na­tional anerkannte Schule gegründet, wo Kinder und Jugendliche aus dem Lager und aus der Stadt gemeinsam unter­richtet werden. «Jedes Kind hat das Recht auf Zugang zu einer exzel­lenten Schule, wo mensch­liche Werte wie Mitgefühl, Würde, Integrität, gutes Wissen und Solidarität vermittelt und gelebt werden», sagt Maggie und schlägt den Bogen zu ihrem Lebenswerk in Burundi: «Man hat die Häuser des Zentrums zerstört, aber das Maison Shalom lebt weiter. Seine Botschaft, dass die Welt uns allen gehört und wir als Schwestern und Brüder zusam­men­leben können, diese Botschaft kann niemand zerstören.»

In die gleiche Richtung weist die Friedensbotschaft von Margo Okazawa Rey, wenn sie für mensch­liche Sicherheit, basierend auf dem Selbstbestimmungsrecht der Menschen und dem Schutz unserer Ressourcen plädiert und klarstellt: «Das Militär wird unser Leben niemals sicherer machen – im Gegenteil, die Militarisierung steht sogar im Widerspruch zu unserer Definition von mensch­licher Sicherheit und beein­trächtigt sie.»

Security versus Safety

Die israe­lische Psychiaterin Ruchama Marton geht diesbe­züglich noch einen Schritt weiter, sie sagt: «Security kills safety.» Menschliche Sicherheit (safety) basiere auf Beziehungen und Vertrauen, beides werde durch den Aufbau struk­tu­reller Sicherheitsmassnahmen und Militarisierung zerstört. Das beste Beispiel dafür sei Israel: «Der israe­lische Staat investiert viel Geld, um mich zu schützen. Das alles ist aber eine grosse Lüge – der beste Beweis dafür ist der 7. Oktober 2023…»

Anlässlich unserer Dreharbeiten hatten wir die für das Nobelpreisprojekt nominierte Friedensaktivistin 2005 ins Westjordanland begleitet, wo Dörfer und Städte der Palästinenser:innen durch die damals neu erstellte Mauer nicht nur von Israel, sondern auch von ihren eigenen Landwirtschaftsflächen und Nachbarn abgetrennt worden waren. Im Interview sagte sie damals: «Wir sind gegen diese Trennung und lehnen jegliche Separierungen ab. Dafür gibt es nur ein Mittel: Man muss die Grenze immer wieder überschreiten und den Menschen auf der anderen Seite auf persön­licher, profes­sio­neller und politi­scher Ebene begegnen.»

Seit ihrem Militärdienst in den 1950er-Jahren engagiert sich die Ärztin gegen die israe­lische Besatzungspolitik und für ein gleich­be­rech­tigtes Zusammenleben aller Menschen in der Region zwischen Jordan und Mittelmeer – «From the river to the sea». Damit gehörte sie aller­dings schon immer zu einer kleinen Minderheit in Israel, deren Stimmen von den Machthabern syste­ma­tisch unter­drückt werden.

Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Situation weiter verschärft. Die mittler­weile 87jährige Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der Organisation «Ärzte für Menschenrechte Israel» lebt heute zurück­ge­zogen und sagt, sie fühle sich oft einsam. Nicht nur, weil viele ihrer Weggefährt:innen bereits verstorben sind, sondern weil die überwie­gende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in ihrem Land die Vertreibung und den Genozid an der palästi­nen­si­schen Bevölkerung gutheisst und auch, weil ihre Kontakte mit den Menschen jenseits der Mauer gezwun­ge­ner­massen praktisch unmöglich geworden sind.

«Ich sehe keinen Ausweg, es sei denn, das ganze Denken verändert sich von Grund auf», sagt sie – und weiss auch, was dafür getan werden müsste: «Man könnte das riesige Sicherheitsbudget statt fürs Militär auch ganz anders nutzen – nämlich für die Bildung der Menschen. Um eine Gesellschaft zu schaffen, in der Freundlichkeit nicht mehr als Schwäche gebrand­markt wird, und das Zusammenleben der Kulturen für alle eine Bereicherung ist.»

Es bleibt die (leider wohl) rheto­rische Frage, wer den Friedensnobelpreis 2026 eher erhalten wird: Donald Trump oder die 1000 Frauen, stell­ver­treten für all jene Frauen weltweit, die sich immer noch und immer wieder für eine Welt ohne Kriegs- und Existenzängste engagieren…

*1000 Frauen und ein Traum, Dokumentarfilm von Offroad Reports GmbH (2005)

Dieser Artikel wurde Anfang Dezember in der Zeitung der Schweizerischen Friedensbewegung «Unsere Welt» publiziert.

Eine Antwort auf „Friedensfrauen in unfriedlichen Zeiten“

  1. Vielen Dank für diesen leider nach wie vor aktuellen Beitrag. Den Dokfilm 1000 Frauen und ein Traum hab ich mit grossem Interesse geschaut, leider mit dem bitteren Beigeschmack, dass die Kriege, trotz vielfäl­tiger Initiativen insbe­sondere von Frauen, munter weiter geführt werden. Deshalb – unser Friedenssingen ist nötiger denn je!
    Gestern schauten wir einen Film der auch in die Thematik des fortwäh­renden Krieges eingefügt werden kann. Ein berührend bedrückenden Film von Cherien Dabris, All that’s left of you. Ein palästi­nen­si­sches Familienepos über 3 Generationen. Sehr empfehlenswert!

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