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Es ist an der Zeit, nicht mehr zu schweigen

Ein wichtiger Punkt von Präsident Trumps sogenanntem «Friedensplan» im Nahen Osten war die Wiedereröffnung des Grenzübergans Rafah, der einzigen Verbindung von Gaza, die nicht nach Israel, sondern ins Nachbarland Ägypten führt. Nach wochen­langer Verzögerungstaktik durch das israe­lische Regime, ist es nun soweit.

Von einer Öffnung kann aller­dings keine Rede sein, das Tor ist nur einen Fussbreit offen – und auch das nur, wenn es den Israelis passt. Täglich gerade mal 50 Palästinenser:innen sollen in den Gazastreifen heimkehren, und maximal 150 ausreisen dürfen. Die EU hilft gross­zü­gi­ger­weise mit Grenzwächter:innen, die von Israel diktierten Bedingungen durchzusetzen.

Die Nachrichten und Bilder, die uns seit der offizi­ellen «Öffnung» des Grenzübergangs vor ein paar Tagen erreichen, sind erschüt­ternd. Schon bevor es endlich soweit war, standen Dutzende Ambulanzen bereit, um Patient:innen, die dringend medizi­ni­scher Hilfe bedürfen, ins rettende Ausland zu bringen.

Israel erlaubt die Ausreise nur kranken Menschen und einer beschränkten Anzahl von Begleitpersonen. Nicht Ärzt:innen entscheiden, wer eine Erlaubnis erhält, sondern Bürokraten – wie einst vor 90 Jahren…

Doch sogar dies ist und bleibt unsicher: Bereits am dritten Tag nach der «Öffnung» des Grenzübergangs sagte Israel die für diesen Tag geplanten Evakuationen ab. Die verzwei­felten Menschen, die in einem Spital in von Khan Yunis auf die verspro­chene Reiseerlaubnis gewartet hatten, wurden wieder weggeschickt.

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Auch der Entscheid, wer nach Gaza einreisen darf, liegt einzig und allein bei den israe­li­schen Besatzungsbehörden. Die wenigen Menschen, die eine Bewilligung erhalten, müssen sich an krasse Restriktionen halten:

  • «Jede Person darf eine persön­liche Tasche, ausschliesslich mit Kleidung und persön­lichen Dokumenten mitbringen. 
  • Jede Person darf maximal 2000 NIS in bar (rund 600 USD) mitbringen, sofern sie dies 24 Stunden im Voraus anmeldet.
  • Flüssigkeiten (einschliesslich Wasser, Deodorant, Cremes und ähnliche Artikel) sind nicht erlaubt.
  • Es ist nur ein persön­liches Mobiltelefon erlaubt; andere elektro­nische Geräte sind nicht gestattet.
  • Zigaretten sind nicht erlaubt.

Unverhofft tauchen bei der Lektüre dieser Direktiven vor meinem inneren Auge Bilder auf, aus längst vergangen geglaubten Zeiten. Von Menschen, die wie meine Urgrossmutter Berta Neuhaus ihre Koffer mit den wenigen erlaubten Habseligkeiten schleppten, auf ihrem letzten Weg nach Theresienstadt oder Auschwitz…

Ich weiss nicht, wie es damals wirklich war, wieviel die Menschen in der Schweiz, in Deutschland von den Nazi-Verbrechen wussten. Vermutlich mehr, als sie im Nachhinein wahrhaben wollten. Was ich mit Sicherheit weiss: Heute kann sich niemand mehr hinter angeb­lichem «Nicht-Wissen verstecken. Gerade die Gräueltaten im Nahen Osten sind vielfach dokumen­tiert und nicht zu übersehen.

So erreichen uns auch vom Grenzübergang Rafah weitere erschüt­ternde Nachrichten darüber, wie Einreisende zusätzlich zu den Grenzkontrollen durch ägyptische und EU-Grenzwächter:innen schliesslich auch noch von israe­li­schen Besatzungsbeamt:innen gefilzt, schika­niert und ins Kreuzverhör genommen oder sogar wieder zurück­ge­schickt werden. – Darüber ist in unseren Medien wie üblich nichts zu erfahren, obschon inter­na­tionale Medien wie Reuters oder die BBC ausführlich darüber berichten.

Doch nicht nur am Grenzübergang von Rafah zeigt Israel dieser Tage der Welt einmal mehr sein menschen­ver­ach­tendes Gesicht: Trotz «Waffenstillstand» ermordet die israe­lische Armee täglich weiterhin Zivilisti:innen – allein am Mittwoch waren es minde­stens 24 Menschen, darunter fünf Kinder und ein medizi­ni­scher Nothelfer, die bei einem israe­li­schen Angriff auf ihr Zeltlager getötet wurden.

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Die Hinweise darauf, dass Israel heute sowohl in seiner Staatsideologie wie in seinen Taten mit Nazi-Deutschland zu vergleichen ist, häufen sich nicht nur, sie haben sich mittler­weile zu erdrückendem Beweismaterial verdichtet. Auf die Frage, wie es möglich ist, dass Menschen, deren Familiengeschichte von Vertreibung und Genozid gezeichnet ist, ihrer­seits Taten verüben wie jene, denen ihre Vorfahren ausge­liefert waren, hat die israe­lische Psychiaterin und Friedensaktivistin Ruchama Marton bereits vor zwei Jahren geantwortet:

«Das ist sehr traurig, aber einfach zu verstehen: Sie sind gute Schüler von hervor­ra­genden Lehrern. Statt zu wider­sprechen, kopieren sie. Sie kennen keine innere Scham, die sie davon abhalten würde, so zu denken und zu handeln. Sie ahmen das Denken und Handeln der Nationalsozialisten in Deutschland nach. Ich zögere nicht, die Taten des schreck­lichen Naziregimes mit dem zu vergleichen, was die israe­lische Regierung und Öffentlichkeit heute fühlt und tut.»

Es ist an der Zeit, dass auch wir die Dinge endlich beim Namen nennen – und entspre­chend handeln! Ein Leben lang habe ich mich gefragt, wie es in den 1930er Jahren so weit kommen konnte – und war lange überzeugt, dass dies nie wieder geschehen würde. Damit lag ich wohl falsch, sehr falsch.

Heute erleben wir, wie grosse Teile der Bevölkerung nach wie vor den rechts­extremen Verbrecherstaat Israel in Schutz nehmen und dessen Verbrechen nicht sehen wollen – weil in ihren Augen nicht sein kann, was nicht sein darf.

Hinzu kommen Gleichgültigkeit, Nicht-Wissen-Wollen und die Sorge um den Erhalt der eigenen Komfortzone, dazu führen, dass die grosse Mehrheit der Menschen hierzu­lande vielleicht ein wenig bedauert und es zwar schlimm findet – um dann doch lieber zu schweigen.

Wie vor bald 100 Jahren, als das Leben meiner Urgrossmutter durch die Nationalsozialisten gezielt zerstört wurde, schaut man auch heute wieder weg, wenn Israel Tag für Tag nicht-jüdischen Menschen das Leben in Palästina unerträglich schwer macht oder gar nimmt.

Das Morden geht ungehemmt weiter, weil nur wenige es wagen, trotz der allge­gen­wär­tigen Drohungen mit der Antisemitismuskeule für die Einhaltung von Menschenrechten einzu­stehen –überall und ohne religiös gefärbte Samthandschuhen.

Eine Antwort auf „Es ist an der Zeit, nicht mehr zu schweigen“

  1. Ich habe lange gezögert, Vergleiche zwischen den Nazis und der israe­li­schen Regierung zu machen. Wahrscheinlich hatte ich gehofft, dass das israe­lische Regime doch vor dem Schlimmsten zurück­schrecken würde. Oder dass die Analysen und Warnungen von VertreterInnen der israe­li­schen Friedensbewegung doch etwas ernster genommen würden. Heute stelle ich dasselbe fest wie Gabriela Neuhaus: Alle schauen weg, v.a. auch PolitikerInnen und NGOs – es ist extrem deprimierend.
    Umso wichtiger sind die wenigen Medienschaffenden, die alles genau dokumen­tieren und auch darauf hinweisen, wie viele jüdische und israe­lische Menschen ihrer eigenen Regierung Genozid vorwerfen. In früheren Zeiten haben die sozialen Bewegungen in Europa noch darauf geachtet, was die Friedensbewegung eines kriegs­be­tei­ligten Staates sagt. Ich persönlich bin ausser­or­dentlich beein­druckt von Ruchama Marton – lernen wir von ihr, mutig zu sein.

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