
Der israelische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir sorgte mit seinem gezielten Video-Post letzte Woche weltweit für Schlagzeilen. Sogar die Medien in der Deutschschweiz berichteten endlich über die Global Sumud Flotilla – oder präziser: Über deren gewaltsames Ende und die Entführung der Aktivist:innen nach Israel.
Nachdem zahlreiche europäische Länder Israel wegen der Misshandlung ihrer Staatsbürger:innen scharf kritisiert hatten, rang sich auch das EDA zu einer zaghaften Verurteilung der israelischen Menschenrechtsverletzungen an Flotilla-Teilnehmer:innen durch und bestellte am letzten Freitag den israelischen Botschafter in Bern ein.
Immerhin, werden sich einige gesagt haben. Doch der empörte Aufschrei, den das kurze Video in unseren Breitengraden bewirkte, ist schon wieder verhallt. Zwar folgte Frankreich dem Beispiel Spaniens und hat ein Einreiseverbot für Ben-Gvir verhängt (endlich!), und in der EU diskutiert man erneut über Sanktionen gegen Israel, während die Schweizer Regierung im Nichtstun verharrt.
Der erneute völkerrechtswidrige Überfall der israelischen Marine in internationalen Gewässern (!) auf die 50 Segelschiffe der Global Sumud Flotilla, die den ersten Angriff Ende April überstanden hatten, wurde weder international noch hierzulande als Piraterie verurteilt. Im Gegenteil: Die Schweizer Medien, sofern sie überhaupt berichteten, zitierten einmal mehr und kommentarlos das israelische Aussenministerium mit seiner unhaltbaren Behauptung, die Aktion «sei im Einklang mit dem Völkerrecht» erfolgt.
Ausgerechnet Israel, das in Gaza, im Westjordanland und im Libanon Völkerrecht und Menschenrechte mit Füssen tritt, beruft sich zynischerweise und mit dümmlicher Begründung auf internationales Recht.
Ein Hohn, angesichts der Tatsache, dass die Friedensflotte zum Zeitpunkt des israelischen Angriffs in internationalen Gewässern unterwegs war, noch weit entfernt von Israels oder Gazas Küsten und ohne irgendwelches Kriegsgerät an Bord. Bilder zeigen das absurde Kräfteverhältnis bei der Enterung der zivilen Boote: Israelische Soldat:innen in Vollmontur gegen über 400 Friedensaktivist:innen, die sie in ihre Gewalt brachten und auf einem Kriegsschiff nach Israel verfrachteten.
Während weder die Mission der Flotilla noch Israels Völkerrechtsbruch Journalist:innen und Politiker:innen hierzulande hinter dem warmen Ofen hervorzulocken vermochten, landete Ben-Gvir mit seinem Video einen medialen Volltreffer. Doch auch die politischen Proteste aus Teilen Europas auf das Video, werden an Israels faktischer Unantastbarkeit nichts ändern.
Sie zeigen einzig beispielhaft, wie rassistisch und menschenverachtend die westliche Welt die tagtäglichen Kriegsverbrechen Israels im Nahen Osten zur Kenntnis nimmt und wertet:
Die Bilder von europäischen Flotilla-Aktivist:innen, die nach ihrer Ankunft in Ashdod geschlagen und gedemütigt werden, während der rechtsextreme Polizeiminister die Szene sichtlich geniesst und triumphierend eine israelische Fahne schwingt, zeigen nämlich nichts Neues. Szenen wie diese postet Ben-Gvir mit zuverlässiger Regelmässigkeit. Nur, dass die Opfer in aller Regel keine Europäer:innen sind, sondern palästinensische Gefangene.



Die systematischen Menschenrechtsverletzungen in israelischen Gefängnissen sind vielfach belegt und dokumentiert. Doch weder die erschütternden Berichte der israelischen Menschenrechtsorganisationen Physicians for Human Rights und B’tselem, noch der im März publizierte Bericht der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese über Israels systematische Folterungen in seinen Gefängnissen, hatten Sanktionen gegen Israel zur Folge.
Die Medien in der Deutschschweiz verzichteten sogar auf eine Berichterstattung über den UNO-Folterbericht, und auch der anderorts vielbeachtete Artikel des Pulitzer Preisträgers Nicholas Kristof in der NewYorkTimes über sexualisierte Gewalt in Israels Gefängnissen, fand bei uns kaum Wiederhall. Und wenn, dann – wie im Fall der NZZ – in Form von Verunglimpfung des Autors als Antisemit.
Über die eigentliche Mission der Global Sumud Flotilla, die mit ihrer friedensaktivistischen Aktion die Welt aufrütteln will, damit die mörderischen Zustände in Gaza endlich ein Ende finden, berichtete die NZZ mit keinem Wort. Stattdessen nahm sie Ben-Gvirs Video zum Anlass für ein Porträt über «Israels Minister fürs Grobe und Unappetitliche».
Der ehemalige Redakteur der Bild-Zeitung und heutige NZZ-Israelkorrespondent Johannes C. Bockenheimer beschreibt in seinem Artikel den terroristischen Werdegang des kriminellen Politikers und kommt zum Schluss: «Das ist Ben-Gvirs eigentliche politische Leistung: Er hat die Grenze zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren so weit verschoben, dass sein Auftritt im Hafen von Ashdod für einen Teil der israelischen Öffentlichkeit keine Entgleisung war – sondern ein Zeichen der Stärke.»
Wie sehr diese Sichtweise und Ben-Gvirs Politik im heutigen Israel (und im Weltblatt NZZ?) verankert sind, zeigt auch die Einführung der Todesstrafe gegen Palästinenser:innen, die von Israel des Terrors beschuldigt werden: Am 11. Mai verabschiedete die Knesset ein Gesetz über die Einrichtung eines von Ben-Gvir initiierten speziellen Militärgerichts.
Die Richter in Militäruniform können nun in einem beschleunigten Verfahren, das teilweise auf öffentlichen Kanälen zu sehen sein wird, angeklagte Palästinenser:innen zum Tod durch Erhängen verurteilen.
«Zusammengefasst droht mit der Verabschiedung des Gesetzes die Beschleunigung von Schauprozessen, die zur Hinrichtung von möglicherweise Hunderten palästinensischer Angeklagter führen – auf der Grundlage von Geständnissen, die durch Folter erzwungen wurden, die in israelischen Haftanstalten weit verbreitet ist», kommentiert die israelisch-amerikanische Menschenrechtsanwältin Sari Bashi auf +972 und fordert die internationale Gemeinschaft dazu auf, endlich darauf zu beharren, dass «die israelische Regierung ihr seit langem bestehendes Moratorium für Hinrichtungen beibehält und der grassierenden Folter ein Ende setzt.»
Ein frommer Wunsch, angesichts der beharrlichen Vogel-Strauss-Politik unserer Regierungen. Und der weiterhin ungebrochenen Israel-Lobbying, als dessen Folge kaum berichtet wird, über Israels andauerndes Morden und die Zerstörung der Lebensgrundlagen und Kultur der Menschen in Gaza, im Westjordanland und in Israel.
Gut möglich, dass Ben-Gvir schon bald auch von der ersten Hinrichtung ein Video posten wird. Niemand wird ihn daran hindern. Europa wird einzig erneut Empörung markieren und mit diplomatischer Härte protestieren, während sich Ben-Gvir und seine Trittbrettfahrer ins Fäustchen lachen. Und die Schweiz wird weiterhin vor einer Einreisesperre für den rechtsextremen Israeli zurückschrecken, weil sie ihre «guten Beziehungen» zum Terrorstaat nicht gefährden will.




2. Teil:
Zweitens: Erwähnen möchte ich noch, dass in Israel jüdische israelische StaatsbürgerInnen mit 18 volljährig sind und unter normalem Zivil- und Strafrecht stehen.
Muslimische/christliche palästinensische Israelis stehen jedoch unter Militärrecht und sie gelten bereits mit 16 Jahren als volljährig.
Diese Todesstrafe wird dazu führen, dass 16-jährige palästinische Buben und Mädchen, die Steine auf die israelischen Tanker geworfen haben, öffentlich in einem Schauprozess gehängt werden…
Ergänzend: Auf Avaaz kann man eine Petition unterschreiben gegen die akut drohende vollständige Annexion der Westbank…
Danke, liebe Gabriela für diesen Artikel.
Ich habe zwei Ergänzungen.
Erstens: Auf die Sumud Flotilla AktivistInnen wurde – nebst der völkerrechtswidrigen Entführung – durch die IOF auch massiv geschossen – siehe Kanal “Freedom Flotilla” auf YouTube.
Das SRF hat diese IOF Schiessereien auf die Friedensflotilla Menschenrechtsaktivsten selbstverständlich nicht gesendet…
Danke für diesen Artikel. Offenbar orientiert sich BR Cassis an Deutschland. Die deutsche Regierung weigert sich, eine aktuelle Beurteilung der Politik Israels zu vorzunehmen.
Auch die deutschschweizer Medien orientieren sich an Deutschland bzw. an den deutschen Medien. Fabian Goldmann („Staats“räson“funk“ – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza) spricht von Journalist*innen, die sich systematisch auf Informationen aus offiziellen Quellen der Armee und der Regierung Israels beziehen und sich weigern, diese zu überprüfen. Goldmann nennt dies Arbeitsverweigerung. Grundlegende Regeln eines seriösen Journalismus werden missachtet.
Dasselbe trifft auf BR Cassis zu. Er weigert sich, seinen Job auf der Grundlage seriöser politischer Analyse zu erledigen.