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Die Sumud Flotilla, Randnotiz in Schweizer Medien

Donnerstagabend, 30. April 2026 in Turin: Hunderte, Tausende von Menschen ziehen singend und fahnen­schwenkend durch die histo­ri­schen Gassen im Zentrum. Dazwischen immer wieder der Ruf: «Free, free, Palestine!»

An der Spitze des eindrück­lichen Demonstrationszugs tragen Teilnehmer:innen ein breites Transparent mit der Aufschrift «SIAMO TUTTE LA FLOTILLABLOCCHIAMO TUTTO – Palestina libera, contro ogni guerra». 

Wir reihen uns ein, gehen ein Stück weit mit. Wie gut das tut, sich mit engagierten, singenden Gleichgesinnten durch diese schöne Stadt zu bewegen. Ohne ständige Bedrohung durch Aufpasser in Vollmontur, wie anlässlich der letzten Palästina-Demos in Bern erlebt.

Hier hält sich die Polizei diskret im Hintergrund – einzig vor dem Stadthaus sichten wir ein paar Einsatzwagen. Doch der grosse, fried­liche Menschenstrom zieht unbehelligt daran vorbei.

Der Auslöser für die Demo: In der Nacht vom 29. auf den 30. April hatten israe­lische Militärpiraten 22 Schiffe der Global Sumud Flotilla auf Hoher See im Mittelmeer geentert und rund 180 Menschenrechtsaktivist:innen nach Kreta verschleppt, wo sie an die griechi­schen Behörden übergeben und in ihre Heimatländer abgeschoben wurden. 

Bis auf den Spanier Saif Abu Keshek und den Brasilianer Thiago Ávila, die von der israe­li­schen Armee entführt, unterwegs misshandelt und schliesslich in Israel in Isolationshaft gesetzt worden sind. Mit der Begründung, sie hätten «dem Feind in Kriegszeiten geholfen» und würden «einer terro­ri­sti­schen Organisation angehören». 

Ein altbe­kanntes Muster des israe­li­schen Terrorstaates, gegen das der spanische Premierminister Pedro Sánchez umgehend Protest eingelegt und die Freilassung des spani­schen Staatsbürgers Saif Abu Keshek verlangt hat. Bislang ohne Erfolg. Die beiden Menschenrechtsaktivisten sitzen noch immer in Israel im Gefängnis – laut jüngsten Berichten hat Israel deren illegale Haft nach ersten Anhörungen bis zum 10. Mai verlängert. 

Israels Überfall auf die inter­na­tionale Solidaritätsflotte, die sich mit Dutzenden von Schiffen auf dem Weg nach Gaza befindet, erfolgte rund 1000 Kilometer von der Küste Gazas entfernt, in inter­na­tio­nalen Gewässern, wo israe­lische Kriegsschiffe wohl passiv kreuzen, aber nicht andere Schiffe und deren Besatzung angreifen dürfen. Ein weiterer grober Verstoss gegen inter­na­tio­nales Recht. Für den Terrorstaat Israel gehört dies längst zur Tagesordnung.

Während die westlichen Regierungen mehrheitlich schweigen und selbst die UNO kaum reagiert, prote­stiert vielerorts wenig­stens die Bevölkerung. So auch in Italien, wo die Menschen am 30. April nicht nur in Turin, sondern auch in vielen anderen Städten auf die Strasse gingen, um die Aktivist:innen der Sumud Flotilla zu unter­stützen und gegen das Terrorregime Israel zu demon­strieren. Und die italie­ni­schen Medien berich­teten darüber.

Szenenwechsel: Samstagnachmittag in Biel. Ich sitze mit einer Freundin beim Apéro und erzähle von meinen Turin-Erlebnissen. Als ich auf die Demo zu sprechen komme, unter­bricht sie mich und fragt erstaunt: «Was war mit der Flotilla?» – Worauf ich sie ungläubig anschaue… Es kann ja nicht sein, dass man hierzu­lande nicht weiss…?

Oder doch?

Eine kurze Nachrecherche erklärt alles: Zwar hat die schwei­ze­rische Newsagentur Keystone sda sowohl über den Start der Sumud-Flotte Artikel an ihre Kunden verschickt wie auch über Israels Enterung von 22 Schiffen und den aktuellen Zwischenhalt der noch intakt geblie­benen Flotilla-Boote in der Bucht von Ierapetra im Südosten von Kreta. Von den Medien aufge­nommen wurde davon aber kaum etwas. 

Und wenn, dann mit Fokus auf die ebenfalls durch die sda verbreitete israe­lische «Rechtfertigung», «aufgrund der Anzahl an Schiffen und des Eskalationsrisikos sei ein frühzei­tiges Eingreifen im Einklang mit dem Völkerrecht erfor­derlich gewesen», wie etwa in den TX-Medien vom 1. Mai unkom­men­tiert nachzu­lesen ist.

Dafür am nächsten Tag eine grosse Geschichte über somalische Piraten, die aktuell am Horn von Afrika wieder Frachter angreifen würden. Unter dem Titel «Piraten wittern wieder Beute» blickt uns aus der Ostschweizer Zeitung «Der Rheintaler» ein in eine Kufiya verhüllter angeb­licher Pirat mit einer alten Knarre unter dem Arm entgegen. Das Foto stammt laut Bildlegende aus dem Jahr 2012… 

Die aktuelle Piraterie der hochmodern ausge­rü­steten israe­li­schen Armee gegen die Friedensschiffe der Flotilla wird auf der gleichen Seite – ohne Bild – zum «Zwischenfall» degra­diert, wonach die israe­lische Marine «20 Schiffe der Global Sumud Flotilla abgefangen und nach eigenen Angaben 175 Menschen festge­nommen» habe.

Während die Regierungen in Berlin und Rom laut Medienberichten sich besorgt gezeigt hätten, weil der Stopp der Flotilla in inter­na­tio­nalen Gewässern «mögli­cher­weise nicht mit dem Völkerrecht vereinbar ist», hat man es in Bern einmal mehr vorge­zogen, zu schweigen. Dies, nachdem das EDA anlässlich eines Treffens mit den Organisator:innen der Schweizer Delegation der Global Sumud Flottilla am 28. April bereits in Aussicht gestellt hatte, man werde die Schweizer:innen weder im Falle eines Angriffs auf See noch bei einer willkür­lichen Festnahme und Inhaftierung unterstützen.

Zur Erinnerung: Bereits die im Herbst 2025 festge­nom­menen und nach Israel verschleppten Schweizer Mitglieder der damaligen Flotilla wurden im Nachhinein vom EDA für dessen «Dienstleistungen» zur Kasse gebeten.

In seiner Mitteilung vom 5. Mai – fast eine Woche nach dem israe­li­schen Überfall auf die Friedensflotte – lässt das EDA verlauten, man stehe mit der israe­li­schen Botschaft in der Schweiz und den zustän­digen Behörden in Israel in Kontakt und habe sie «zur Achtung der Grundrechte der Teilnehmenden der Flotilla wie auch zur Einhaltung des Völkerrechts und des Seerechts aufgefordert.» 

Ein frommer Wunsch, der nichts nützt – wie ja auch nicht anders zu erwarten war. 

Während die offizielle Schweiz weiterhin auf Tauchstation bleibt und auch die Medien sich kaum für die Flotilla inter­es­sieren, bleiben die Aktivist:innen dran und machen weiter. Unter ihnen Anne, Mitglied der Schweizer Delegation, die sich auf Instagram per Videobotschaft aus Ierapetra gemeldet hat und in ihrem Statement auf den Punkt bringt, um was es geht:

click und schau

«Unsere Regierung ist feige und schaut weg, und beteiligt sich immer noch aktiv an diesem laufenden Völkermord. Unsere Schweizer Medien äussern sich nicht und erfüllen ihre Pflichten nicht, die Bevölkerung objektiv über die schlimme Situation zu informieren…»

Deshalb würden die noch intakten Boote ihre Aktion fortsetzen, so Anne weiter, mit der Bitte an uns Menschen in der Schweiz, dass wir unsere Privilegien nutzen, auf die Strasse gehen und nach unseren Möglichkeiten aktiv unter­stützen – und dem Aufruf an die Medien, ihren Pflichten endlich nachzukommen…

2 Antworten auf „Die Sumud Flotilla, Randnotiz in Schweizer Medien“

  1. Danke Gabriela für diesen neuen Beitrag.
    Ich habe nun wieder etwas mehr Zeit und muss deine älteren Artikel noch nachlesen und habe mich als Strafe selbst dazu verdonnert, die gesamte SNB-GV anzuhören. Ich weiss wieviel Arbeit in diesem Artikel steckt…
    Betr. die Global Sumud Flotilla 2.0 und die Entführung, Folterungen und illegale Einzelhaft durch die IOF von Thiago Ávila und Saif Abukeshek (auch Dr. Abu Safiya, Marwan Bargouthi) und damit einher­gehend auch poten­zi­eller Schutz von Schweizer Teilnehmenden an der Flotilla (40 Personen) kann man bei CAMPAX einen vorge­fassten Brief an Bundesrat Cassis und an alle EDA-Niederlassungen im gesamten europäi­schen und MENA-Raum, die in irgend­einer Weise mit der Route der Global Sumud Flotilla 2.0 zu tun haben, senden.
    Ob’s etwas nützt, weiss ich nicht. Bei Cassis persönlich sicher nicht. Bei den anderen kann man es wenig­stens versuchen, denn Schweigen ist keine Option meiner Meinung nach. Free Palestine.

  2. Danke für diesen Beitrag Gabriela! Die Feigheit unserer PolitikerInnen und Medien ist einfach nur peinlich! Jeder hunds­komune Mensch weiss mittler­weilen mehr, als was die von sich geben und verschweigen. Und die Flotilla AktivistInnen haben mehr Mumm als sie alle zusammen!

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