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Der lange Arm der Genozid-Leugner

Der Westschweizer Sportjournalist Stefan Renna hatte sich auf seinen Einsatz als Kommentator des Olympia-Zweierbob-Wettkampfs gut vorbe­reitet. Als der israe­lische Bob-Pilot Adam Edelman seinen Schlitten den Eiskanal hinunter steuerte, zitierte er aus dessen Posts in den sozialen Medien.

Aus dessen Post wurde schnell klar: Der Athlet ist ein militanter Zionist, der Israels Morden in Palästina ohne mit der Wimper zu zucken als «den moralisch gerech­testen Krieg der Geschichte» verherr­licht. Der 34jährige Edelman, der sich von den israe­li­schen Medien gerne als «erster ortho­doxer Teilnehmer der olympi­schen Winterspiele» feiern lässt, nutzt die sport­liche Bühne unver­hohlen für seine und Israels Propaganda.

Der RTS-Journalist Renna erwähnte in seinem aufschluss­reichen Kommentar auch, dass Edelmans Anschieber 2023 als Soldat der israe­li­schen Armee in Gaza im Einsatz war – und stellte dazu die berech­tigte Frage, weshalb dieses Team überhaupt zu den Olympischen Spielen zugelassen wurde.

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Damit missachtet das Olympische Komitee nämlich seine eigene Order, wonach Sportler:innen, die «aktiv an einem Krieg teilge­nommen oder an den Vorbereitungen zu kriege­ri­schen Ereignissen oder durch ihre Aktivitäten in den sozialen Medien dazu beigetragen haben, von einer Teilnahme ausge­schlossen sind.»

Auch diese Info packte Renna in seinen Kommentar, und während Edelmann durch die letzte Kurve des Eiskanals raste, erinnerte der Sportjournalist daran, dass aufgrund der genannten Vorgaben russische Athlet:innen, wenn überhaupt, nur unter neutraler Flagge starten durften, und ein ukrai­ni­scher Skeleton-Athlet vom IOC disqua­li­fi­ziert wurde, weil er mit einem Helm antreten wollte, auf dem Bilder von im Krieg gegen Russland getöteten Kameraden abgebildet waren.

Politik lasse sich nicht trennen, von den Olympischen Spielen – Beispiele dafür gebe es zuhauf, resümierte Stefan Renna, als Edelmans Schlitten das Ziel erreichte. Ein ebenso kennt­nis­reicher wie mutiger Kommentar: Während der 57 Sekunden dauernden Fahrt des israe­li­schen Zweierbobs hat der RTS-Journalist die unerträg­liche Sport-Heuchelei von wegen «unpoli­ti­schen, völker­ver­bin­denden Wettkämpfen» fakten­ba­siert entlarvt.

Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Während Rennas Kommentar in den Netzwerken der Palästina-Fraktion weltweit viral ging, griff die Israel-Lobby nach altbe­währtem Muster nach der Antisemitismus-Keule und setzte erst mal die SRG unter Druck. Leider einmal mehr mit Erfolg: RTS gab dem Shitstorm nach und nahm das Video vom Netz. Mit der Begründung, die Recherchen und Schlussfolgerungen ihres Mitarbeiters seien zwar korrekt, hätten aber den Rahmen der Bob-Berichterstattung gesprengt…

Damit haben die Genozid-Leugner:innen einmal mehr ihr Ziel erreicht: Die von Renna recher­chierten Hintergründe und Zusammenhänge werden unter den Tisch gekehrt. Statt dass man den eigent­lichen Skandal – die Verleugnung des Genozids im Namen der Brot-und-Spiele-Olympiade – benennt, wird der Journalist, der gute Arbeit geleistet hat, als Antisemit diffamiert.

Nach dem gleichen Muster haben die Israel-Wächter bei ihrer Schmutzkampagne gegen die UNO-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese in den vergan­genen Wochen noch einmal einen Gang zugeschaltet. Mit dem erklärten Ziel, die unbestech­liche Kämpferin für Gerechtigkeit und Freiheit der Palästinenser:innen ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen.

Der franzö­sische Aussenminister Jean-Noël Barrot war der erste, der aufgrund eines Videos, das ihm zugespielt worden war, lautstark Albaneses Rücktritt forderte. Schnell stimmten die Aussenminister:innen von Deutschland, Österreich, Italien und Tschechien in den Chor ein.

Der Grund für die Rücktrittsforderung: Francesca Albanese hatte sich anlässlich eines Forums in Doha einmal mehr, basierend auf ihren Recherchen und Erkenntnissen, kritisch über die inter­na­tionale Unterstützung für Israel geäussert. Ein Video von der Veranstaltung, das von der israe­li­schen Botschaft in Paris in Umlauf gesetzt wurde, sugge­rierte, Albanese habe Israel als «Feind der Menschheit» bezeichnet.

Francesca Albanese demen­tierte umgehend, wies die Rücktrittsforderungen vehement zurück und veröf­fent­lichte auf X den tatsäch­lichen Wortlaut ihres Statements: «Der gemeinsame Feind der Menschheit ist das System, das den Genozid in Palästina ermög­licht. Dazu gehören das Finanzkapital, das diesen finan­ziert, die Algorithmen, die ihn verdunkeln und die Waffen, die ihn ermöglichen.»

Bald wurde auch bekannt, dass das Video, auf das die Aussenminister:innen ihre Rücktrittsforderung stützten, eine plumpe Fälschung war – KI-manipu­liert, um Albanese in die antise­mi­tische Ecke zu stellen. Was letzt­endlich nicht gelungen ist.

Trotzdem bleibt ein mehr als bitterer Nachgeschmack: Erschreckend ist und bleibt, wie leicht­gläubig sich Spitzenpolitiker:innen von Fake-News verführen lassen, wenn diese in ihr Israel-freund­liches Weltbild passen. Noch schlimmer ist nur ihr Schweigen, nachdem die Lüge entlarvt worden ist. Keine Richtigstellung, keine Entschuldigung – einzig die öster­rei­chische Aussenministerin Beate Meinl-Reisinger hat ihren ursprüng­lichen Post auf X still­schweigend gelöscht und ihre Anschuldigung mit dem Verweis auf «irrefüh­rende Informationen» zurückgezogen.

Amnesty-Direktorin Agnès Callamard fordert in ihrem Gastkommentar in der TAZ zu Recht, dass sich die Regierungen für ihren Fehltritt öffentlich entschul­digen und die Rücktrittsforderungen zurück­nehmen. Für das Versagen der REgierungen findet sie deutliche Worte: «Während die entspre­chenden Staaten eine UN-Expertin attackieren, bleiben sie angesichts der Vorwürfe von Völkermord, Apartheid und rechts­wid­riger Besatzung durch Israel untätig. Das ist nicht anders als Feigheit zu nennen. Die Kampagne gegen Albanese ist ein Versuch, von Israels Vorgehen in Gaza abzulenken.»

Besonders heftig dreschen Rechtspopulistinnen und Hardcore-Zionistinnen wie die Schweizer Journalistin Nicole Dreyfuss oder die «Politphilosophin» Regula Stämpfli als brave Soldatinnen der Israel-Lobby immer wieder mit wortge­wal­tiger Rhetorik auf alle ein, die es wagen, den Genozid und Israels Terrorpolitik beim Namen zu nennen. – Der Grossteil der Mainstream-Journalist:innen meint offenbar, da mithalten zu müssen und stimmt lieber ins Geschrei um angeblich täglich zuneh­mende antise­mi­tische Attacken mit ein, statt Fakten zu recher­chieren und einzuordnen.

Wie lange noch? – Zum Glück gibt es noch Sportreporter wie Stefan Renna, die für Zvivilcourage stehen und sich den Mund nicht verbieten lassen.


Nachtrag

Am Sonntag, 22. Februar sorgten die israe­li­schen Bob-Athleten noch einmal für Schlagzeilen: Das Team des 4er Bobs wurde nach dem zweiten Lauf vom eigenen olympi­schen Komitee disqua­li­fi­ziert, weil die Bobfahrer mit einer Lüge das Reglement unter­laufen und seinen Ersatzmann Ward Fawarseh für die zwei letzten Fahrten am Sonntag einsetzen wollte.

Obschon die Sachlage mehr als klar war, und sogar israe­lische Medien darüber berich­teten, schwur­belte die Frankfurter Rundschau von einer «angeb­lichen Lüge». Vorauseilende Antisemitismus-Vermeidung? Oder glauben die Redakteur:innen des Blattes tatsächlich, dass Israelis nicht lügen…

3 Antworten auf „Der lange Arm der Genozid-Leugner“

  1. Der Bob-Kommentar war absolut genial und ging um die Welt. Ich fand zwar auch, dass sowas eher in eine Hintergrundsendung gehört hätte als in die Sport-Kommentierung des Rennens, aber wahrscheinlich war das die einzige Möglichkeit. Eine mutige Leistung des RTS-Journalisten! Und dass sich das israe­lische Team dann durch eine eigene Lüge auch noch selbst disqua­li­fi­zierte, das war wirklich die Krönung. Danke an Gabriela für einen weiteren sehr guten Beitrag!

  2. Mimimi. Israel verübt einen Genozid. Und jammert, dass es von Feinden umzingelt sei. Dies, nachdem Israel die Hamas und die Hezbollah kaltblütig “liqui­diert” hat. In Syrien diente der Systemwechsel dazu, noch mehr syrisches Land zu besetzen. Im Libanon fragen sich die Menschen, wann wohl der Süden des Landes wieder besetzt werde? Im Iran wurden in Absprache und unter Mithilfe der USA “atomare Ziele” bombar­diert. Weil eine iranische Atombombe (wie bereits seit 20 Jahren) “kurz vor dem Durchbruch” stehe.
    Die “Selbstverteidigung” Israels findet in Gegenden statt, wo Israel NICHTS zu suchen hat (inkl. Gaza und Westbank). Europa sagt dazu am liebsten NICHTS. Medien und Regierungen besonders gehirn­ge­wa­schener Staaten sehen es als ihre Pflicht, israe­lische Narrative 1:1 weiter zu verbreiten. Es gibt Widerstand gegen diese Politik. Aber dagegen helfen Polizeirepression und Prozesse (wegen “Israelhass” oder “Antisemitismus”). Israels Führung gehört vor Gericht.

  3. Gut zusam­men­ge­fasst und auf den Punkt gebracht:
    «Die Neutralität des IOC spiegelt ein allge­meines Muster wider, das wir im täglichen Leben beobachten können – ein Gesetz für die wenigen und ein anderes für die vielen, wobei „politische Neutralität“ eine bequeme Maske ist, um Partei zu ergreifen und gleich­zeitig zu behaupten, dies nicht zu tun. 

    Es scheint „Neutralität“ zu sein, wenn es den richtigen Ländern zugute kommt, und „Politik“, wenn dies nicht der Fall ist.

    Bei diesen Winterspielen wird das IOC Worte der Neutralität sprechen, aber in politi­schen Kategorien denken. 

    Neutralität wird heran­ge­zogen werden, um Beschränkungen für einige Delegationen oder Athleten, wie Russland und Weißrussland, zu recht­fer­tigen, während Beschränkungen für andere, wie Israel und die USA, abgelehnt werden und die Verantwortung für die Erklärung dieses Unterschieds umgangen wird.»

    https://​thecon​ver​sation​.com/europe

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