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Der Kolonialismus lebt, sein Name heisst Trump

Die Briten sind zurück in Palästina: Keine 80 Jahre sind es her, dass die britische Regierung kurz nach dem zweiten Weltkrieg ihre Kolonialherrschaft im Nahen Osten aufgeben musste, nun sitzt der britische Ex-Premier Tony Blair im Exekutivrat des von Donald Trump erfun­denen «Friedensrats für Gaza».

Neben Blair hat Trump sechs weitere ihm Genehme in das Komitee berufen, das die Zukunft von Gaza und dessen Wiederaufbau steuern soll – notabene alles US-Amerikaner, darunter US-Aussenminister Marco Rubio, der US Sondergesandte und Immobilieninvestor Steve Witkoff, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, Trump-Berater Robert Gabriel, der für seine pro-israe­lische Haltung bekannte US-ameri­ka­nische Geschäftsmann Marc Rowan, sowie der US-ameri­ka­nische Weltbank-Präsident Ajay Banga.

Für die Besetzung des eigent­lichen «Friedensrats» verschickte die Trump-Administration Einladungen an rund 60 Regierungschefs, unter ihnen der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und der argen­ti­nische Präsident Javier Milei, aber auch die Präsidenten von Australien, Kanada, Grossbritannien, Frankreich, Deutschland sowie EU-Präsidentin Ursula von der Leyen… 

Trumps wie immer gross­mäulige Ankündigung des von ihm imple­men­tierten und präsi­dierten «Friedensrats», in dem wenig überra­schend die Palästinenser:innen nicht vertreten sein sollen, erfolgte zynischer­weise fast zeitgleich mit dem Jubiläumsanlass zum 80. Jahrestag der ersten UNO-Vollversammlung in der Methodist Central Hall in London.

Im Januar 1946, vier Monate nach dem Ende des 2. Weltkriegs, waren damals Delegationen aus 51 Ländern ins kriegs­ver­ehrte London gereist, um mit der Gründung der UNO die Grundlage für eine gerechtere, fried­li­chere Welt zu legen. Die Schweiz wollte aus Neutralitätsgründen mit dieser Initiative damals nichts zu tun haben.

Unter dem Dach der UNO entwickelte sich in der Folge ein breit gefächertes multi­la­te­rales System, dessen Tätigkeitsbereiche sämtliche Lebensbereiche unseres Planeten umfassen. UNO-Institutionen wie etwa die Weltgesundheitsorganisation WHO, die UNO-Flüchtlingshilfe oder der UNO-Klimarat sind aus der heutigen globa­li­sierten Welt kaum mehr wegzu­denken. Im Gegenteil: Eigentlich müssten sie gestärkt und dahin­gehend refor­miert werden, dass sie wirkungs­kräftig das Selbstbestimmungsrecht der Menschen weltweit unter­stützen und das inter­na­tionale Zusammenleben gestalten könnten.

Dieses auf Frieden, Diplomatie und Nichtkrieg basie­rende inter­na­tionale Organ liegt nun auf der Intensivstation. Sein Überleben hängt an einem seidenen Faden. 

Nicht nur, dass sich Kriegstreiber wie Putin, Netanyahu oder Trump keinen Deut um Resolutionen der UNO-Vollversammlung oder Entscheide des Internationalen Strafgerichtshof scheren – das gesamte UNO-System steht angesichts der aktuellen globalen Verwerfungen unter Dauerbeschuss. Zu Recht wies der aktuelle UNO-Generalsekretär António Guterres am 17. Januar 2026 bei seiner Ansprache in der geschichts­träch­tigen Methodist Central Hall darauf hin, dass die «Werte des Multilateralismus» zunehmend ausge­höhlt würden.

Ohne Namen zu nennen, sprach Guterres auch Klartext in Bezug auf die aktuellen Verstösse gegen inter­na­tio­nales Recht und warnte: «Wenn Staats- und Regierungschefs das Völkerrecht mit Füssen treten und sich aussuchen, welche Regeln sie befolgen wollen, unter­graben sie nicht nur die globale Ordnung, sondern schaffen auch einen gefähr­lichen Präzedenzfall.»

Genau dies dürfte jedoch das Ziel von Trumps aktueller Politik sein. Die Entführung des venezo­la­ni­schen Präsidenten Nicolas Maduro, die illegale angestrebte Besitznahme von Grönland durch die USA sowie das Entern zahlreicher Tanker auf den Weltmeeren durch US-ameri­ka­nische Streitkräfte machen deutlich: Trump missachtet sämtliche inter­na­tio­nalen Abmachungen, die ihm nicht in den Kram passen. Oder, wie er es jüngst gegenüber der New York Times formu­lierte: Seine globale Macht kennt keine Grenzen ausser seiner «eigenen Moral».

Und nun also der sogenannte «Friedensrat» für Gaza – eine Aufgabe, die einzig und allein der UNO zustehen würde – die dafür eigentlich auch präde­sti­niert ist. Stattdessen befiehlt und lenkt US-Präsident Donald Trump nach alter kolonia­li­sti­scher Manier die künftige Entwicklung von Gaza.

Damit rückt die von Trump vor einem Jahr lancierte Vision einer «Gaza-Riviera» ihrer Umsetzung einen gewal­tigen Schritt näher. Alles ausge­heckt unter Mithilfe seines Schwiegersohns und Mitgliedern von Tony Blairs «Institute for Global Change TBI» . Mehr noch: Der Entwurf der Charta für den sogenannten «Friedensrat» sieht vor, dass sich Staaten eine perma­nente Mitgliedschaft für eine Milliarde USD erkaufen können – there is no free lunch im Trump Universum…

Doch die Absicht hinter Trumps jüngstem Schachzug weist weit über Gaza hinaus, wie die Zeitung Haaretz bereits kurz nach Bekanntgabe der künftigen Aufstellung des «Friedensrats» feststellte. Die israe­lische Journalistin Liza Rozovsky, die Einblick in das Dokument hatte, berichtet, dass im Entwurf zur Charta Gaza mit keinem Wort erwähnt sei. Diese beginne vielmehr mit der Feststellung, es brauche eine «flexi­blere und effek­tivere inter­na­tionale Friedensorganisation», die sich für «die Wiederherstellung einer verläss­lichen und rechts­staat­lichen Regierungsführung und Sicherung von dauer­haftem Frieden in Gebieten, die von Konflikten betroffen oder bedroht sind, einsetzt.»

Damit greift Trump die UNO frontal an. Mit «seiner» Organisation, die er nicht nur präsi­diert, sondern in der er sich auch ein Vetorecht vorbehält, schafft Trump ein neues Instrument der kolonialen Herrschaft unter seiner Ägide. Und was tut der Rest der Welt?

Vorläufig reagiert sie einmal mehr mit Staunen, leerem Schlucken und sich Einreihen, ins ameri­ka­nische Regiment. Die ersten Zusagen der einge­la­denen Regierungschefs scheinen bereits erfolgt zu sein. – Bislang gibt es keine Hinweise auf eine koordi­nierte und wirksame Protestaktion, die Trump endlich in seine Schranken verweisen. Die Fürsprecher:innen für eine starke UNO sind verstummt.


Eine sehr lesens­werte Analyse zum aktuellen Zustand des Völkerrechts von Andreas Zumach auf Infosperber:

Das Völkerrecht steht vor dem Zusammenbruch

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