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Die Strasse dem «Schwarzen Block» überlassen?

Was dieser Tage im Nahen Osten und auch hierzu­lande abgeht, macht sprachlos und wütend. Der «Diktatfriede», den Trump der Hamas und Israel aufge­drückt hat, ist nichts anderes als ein weiteres kolonia­li­sti­sches Machwerk, welches das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser:innen mit Füssen tritt – und die Position von Netanjahu und seinem rechts­extremen Regime weiter festigt.

Unfassbar, wie die (westliche) Welt gestern den «Deal» feierte, wie die Freilassung der 20 überle­benden Geiseln in Israel propa­gan­di­stisch zelebriert wurde, wie sich Trump als strah­lender Friedensfürst zuerst in der Knesset und dann von all den in krieche­ri­scher Unterwerfung herbei­ge­eilten Staatschefs in Sharm-el-Sheik feiern und hofieren liess.

Spärlich waren in unseren Medien jedoch die Berichte und Bilder über die 1900 Palästinenser:innen, die im Rahmen des Deals aus israe­li­schen Gefängnissen und Konzentrationslagern freige­lassen wurden. Viele in sehr schlechter Verfassung – abgemagert, trauma­ti­siert… Ein Teil von ihnen wurde nach Ramallah, ins Westjordanland entlassen, der Grossteil ins zerstörte Gaza. Über 150 der Freigelassenen können jedoch nicht in ihr Haus (sofern es überhaupt noch steht) und zu ihren Angehörigen zurück­kehren, weil sie aus der israe­li­schen Gefangenschaft direkt ins Ausland depor­tiert werden.

Kommt hinzu: Nach wie vor hält Israel Tausende Palästinenser:innen gefangen. Über die Hälfte des Gazastreifens wird weiterhin von israe­li­schen Soldat:innen, Panzern und Drohnen besetzt gehalten, im illegal annek­tierten Westjordanland warnte die israe­lische Armee vor Freudenfesten und drohte mit erneuten Festnahmen – in Gaza liegen nach wie vor Tausende von Toten unter Trümmern begraben, und schon fallen wieder Schüsse…

Diese Tatsachen sollen jetzt dank dem vorläu­figen Waffenstillstand unter den Teppich gekehrt werden, wie auch die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Netanjahu und Galant, die immer noch in Kraft sind. Israel muss aber für seine Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen werden und umgehend die von ihm besetzten Gebiete zurück­geben, wie dies die Vereinten Nationen seit bald 60 Jahren fordern. Die letzte diesbe­züg­liche UNO-Resolution ist 2024 ergangen und wird, mit freund­licher Unterstützung durch die USA, von Israel weiterhin in den Wind geschlagen.

Solange sich das nicht ändert und die Vertreibung der Palästinenser:innen namentlich auch im Westjordanland weiter geht, muss der Druck auf die israe­lische Regierung aufrecht­erhalten, verstärkt werden. Genau dafür gingen in den letzten Wochen und Monaten in ganz Europa Hunderttausende von Menschen auf die Strassen. Um von ihren Regierungen einzu­fordern, dass sie sich für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten engagieren und keinen Handel mehr mit dem Unrechtstaat Israel betreiben und ihn nicht länger mit Waffen beliefern.

Während etwa in Berlin, London, Paris, Oslo und in ganz Italien immer wieder Grossdemonstrationen für Schlagzeilen sorgten, begnügte man sich in der Schweiz einmal mehr mit dem eigenen Gärtli.: Seit der Nationalen Demo vom 21. Juni mit über 20’000 Teilnehmer:innen kam es nur zu punktu­ellen Einzelaktionen. Diese waren und sind zwar wichtig, erreichen aber trotzdem niemals die Kraft von grossen Manifestationen.

Als dann Mitte September in den sozialen Medien endlich ein Demoaufruf für den 11. Oktober kursierte, habe ich mir das Datum dick in die Agenda eingetragen.

Die Misstöne im Vorfeld der angekün­digten Demonstration unter dem Titel «2 Jahre Genozid – 100 Jahre Widerstand» führten dann aber auch in meinem Freundinnenkreis zu Verunsicherung: Nachdem der Berner Sicherheitsdirektor Alec von Graffenried via Medien von einer Teilnahme an der Demo abgeraten hatte, da kein Gesuch um eine Bewilligung einge­gangen sei, befürch­teten einige von uns (leider zu Recht), dass damit Krawall vorpro­gram­miert sei und zogen es vor, zuhause zu bleiben.

Parteien und Gewerkschaften, sonst als eifrige Demonstrationsveranstalter bekannt, wagten es offenbar nicht, um den berüch­tigten 7. Oktober herum eine Kundgebung zu veran­stalten. Feige haben sie das Feld den Antifa-Leuten überlassen. 

Obschon sich sogar Amnesty International mit billigen Ausreden von der Kundgebung distan­zierte, haben sich letzten Samstag mehrere Tausend Menschen dazu entschieden, ihren Protest gegen den israe­li­schen Genozid in Bern auf die Strasse zu tragen. Die meisten von ihnen keine Sympathisant:innen von Antifa und «Schwarzem Block».

Bereits bei der Ankunft in Bern das erste mulmige Gefühl: Dutzende von Polizisten in Vollmontur säumen unseren Weg aus dem Bahnhof hinaus. Bilder, die wir von früheren Demos kennen – und von den sich wöchentlich wieder­ho­lenden Prügeleien zwischen Polizei und Hooligans.

Umso erfreu­licher dann der Anblick, der sich uns auf dem Bahnhofplatz präsen­tierte: Vor der Heiliggeistkirche ein fried­liches Menschenmeer – mit rot-grün-schwarz gehissten Palästina-Fahnen und Transparenten. Trotz der Warnungen und dem Versuch, die Demo in die Extremisten-Ecke zu befördern, sind so viele gekommen! Junge und Alte, Menschen wie du und ich – sie haben Transparente mitge­bracht, auf welchen die Haltung der offizi­ellen Schweiz gegenüber Israel und die Ermordung von Kindern und Journalist:innen durch die israe­lische Armee angeprangert werden.

Am Rand des Platzes aufge­reiht die Einsatzwagen der Polizei, die mit einem Grossaufgebot, verstärkt von Corps aus anderen Kantonen, vor Ort war. Dazwischen Medienschaffende, die das Geschehen aus einiger Distanz beobach­teten – und der Berner Sicherheitsdirektor Alec von Graffenried, der einem Journalisten nach dem anderen Red’ und Antwort stand. Im Revers ein blau-gelber Button mit der Aufschrift «Stop Putin», sprach er vom Frieden, der sich nun im Nahen Osten anbahne und gab seinem Unverständnis über diese Kundgebung in seiner Stadt Ausdruck.

Immer wieder waren die bekannten Slogans zu hören – Sprechchöre, von Hunderten mitge­tragen. Laut offizi­ellen Angaben waren rund 5000 Menschen anwesend. Irgendwann setzte sich die fried­liche Menge Richtung Spitalgasse in Bewegung. Ein Demozug mitten durch die Hauptgasse! Das ist der Vorteil, wenn man keine Bewilligung einholt, war mein erster Gedanke. Genauso machen es ja auch die Fussballchaoten aus Basel…

Wie oft schon hatte ich mich darüber geärgert, dass bewil­ligte Kundgebungen in Bern stets hintenrum, durch die Speichergasse auf den Bundesplatz geführt werden, auf dass ja keine Konsument:innen und Tourist:innen bei ihren Samstagseinkäufen durch eine Politveranstaltung gestört werden…

Diesmal also mitten durch Bern – durch die Spitalgasse, über den Bärenplatz. Dort staut sich die Menge – vom Bundesplatz her eine Polizeidurchsage – was man uns genau sagen will, verstehen wir nicht, zu laut das Geschehen rund um uns. Wir kehren um, wie viele andere auch. Weil es uns um die Sache geht, und nicht um Tränengas, Gummigeschosse und Gewalt. Die grosse Mehrheit der Demonstrierenden hat es uns gleichgetan.

Was danach geschehen ist, wurde in den sozialen wie anderen Medien genüsslich ausge­weidet. Die einsei­tigen Schuldzuweisungen hingegen, und die Beleidigungen von Seiten all derer, die den fried­lichen Demonstrierenden Dummheit oder Naivität vorhalten, weil sie – wie es der Berner Sicherheitsdirektor Alec von Graffenried ausdrückte – hinter einem «Sauhaufen» herge­laufen seien, sind jedoch völlig daneben.

Fakt ist: Die überwie­gende Mehrheit der Demonstrierenden war friedlich und mit einer wichtigen Botschaft unterwegs. Diese ging jedoch in der Berichterstattung völlig unter, weil praktisch nur von jener Gruppe zu hören und zu lesen war, die zum Kampf aufge­rufen und sich diesen schliesslich mit der Polizei – nach altbe­kannten Mustern – auch geliefert hat.

Das ist mehr als bedau­ernswert, weil dies den Israel-Unterstützern und Rechtspopulisten einmal mehr Gelegenheit gab, das Engagement für Palästina und die Kritik am rechts­extremen Regime in Israel als antise­mi­tisch zu diffa­mieren. – Dabei hätte es auch anders kommen können, wie die erfolg­reiche Demo vom 21. Juni 2025 gezeigt hat: Damals wurden die Versuche des «Schwarzen Blocks», die fried­liche Kundgebung zu sprengen, aus den eigenen Reihen gestoppt.

Umso stossender ist die Tatsache, dass die grossen Parteien und Organisationen – allen voran die SP, die Grünen und Amnesty International – sich diesmal hinter faden­schei­nigen Entschuldigungen versteckt und damit den Steinewerfern das Ruder überlassen haben.


Während die Schweizer Mainstream-Medien – von NZZ bis WOZ – alle ins gleiche Horn bliesen und einzig auf Gewalt und Antisemitismusvorwürfe zielten, wurden im Nachgang zur Demo vom 11. Oktober online zwei Artikel publi­ziert, die journa­li­stisch sauber recher­chiert ein andreres, reali­sti­scheres Bild zu den Geschehnissen in Bern liefern:

Repression statt Gehör – eine Bilanz der Palästina-Demonstration in Bern


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2 Antworten auf „Die Strasse dem «Schwarzen Block» überlassen?“

  1. Besten Dank für diesen Kommentar. Ich nerve mich täglich über die verzerrte Schwerpunktsetzung in den Schweizer Medien betreffend die Informationen über den Verlauf des Konflikts generell, wie auch über den Umgang der Schweiz damit.
    1. Überall wird von einem Friedensplan gesprochen. Trump hat keinen “Friedensplan” entworfen, sondern einen Waffenstillstand durch­ge­setzt, was an sich positiv ist. Das weitere ist ein schwam­miges Kolonialprojekt, bei dem ausge­rechnet er selbst und Tony Blair eine wesent­liche Rolle spielen sollen. Was hat das mit Frieden zu tun? Anerkennung der Gleichberechtigung und der Mitsprache der Bevölkerung Palestinas geht anders.
    2. Die Medien sprechen von der Entwaffnung der Hamas. Und wie ist es mit der Zügelung des Okkupanten? Die Bedrohungslage für die Bevölkerung Palästinas ist riesig, für jene Israels ist sie relativ gering.
    3. Es gibt Gaza und das Westjordanland. Die Medien blenden das Westjordanland meistens aus, obwohl dort die Kolonisierung weiter voran­ge­trieben wird.
    4. Die ausführ­liche Schilderung der Aussagen von freige­las­senen israe­li­schen Geiseln grenzt an Zynismus, wenn gleich­zeitig keine palästi­nen­si­schen Geiseln und Gefangene zu Wort kommen. Da wird vermittelt , dass ein israe­li­sches Menschenleben wertvoller sei als ein palästinensisches.
    5. Israel hat in der Vergangenheit immer wieder die palästi­nen­si­schen politi­schen Anführer physisch elimi­niert oder verhaftet. Marwan Barghouti ist einer von ihnen. Er befindet sich seit Jahren in israe­li­scher Haft. Barghouti wird von verschie­denen Nahostexperten als ein möglicher “Mandela Palästinas” bezeichnet. Falls sich dies bewahr­heiten würde, wäre dies eine riesige Chance. Er gehört nicht zu den freige­las­senen Gefangenen. Warum? Wer schreibt darüber?
    6. Ich finde es auch nicht in Ordnung, dass es im Rahmen der Demo in Bern zu Verwüstungen gekommen ist. Es ist aber bedenklich, wie sich die Medien auf diese unschönen Auswüchse stürzen und auf eine kontex­tua­li­sierte Information verzichten. 

    Noch etwas anderes. Soeben ist das Buch “La mort est en train de changer” der libane­si­schen Schriftstellerin Dominique Eddé erschienen. Es enthält Essais zur aktuellen Weltlage auf dem Hintergrund der politi­schen Situation im Nahen Osten. Es ist ein zutiefst humani­sti­sches Buch. Bouleversant. Sehr lesenswert!

  2. Grundsätzlich meine ich, für eine Demo muss jemand die Verantwortung übernehmen. Sie darf nicht einer anonymen, manipu­la­tiven Führung anheim­fallen. Die Schilderung des Ablaufs scheint mir reali­stisch. Auch die Einschätzung des Verhaltens progres­siver und humani­tärer Organisationen halte ich für zutreffend. Typisch für sie ist, wie sie sich vor dem schwarzen Block fürchten und ihn gleich­zeitig in Schutz nehmen. Hinterher beklagen sie den unver­hält­nis­mäs­sigen Polizeieinsatz. Aber politisch sind sie eben die Versager, indem sie das Feld den maskierten “Helden” überlassen. Richtig: Die Demo in Bern steht völlig quer in der europäi­schen Landschaft. In Amsterdam kamen 250′ 000 “normale” Menschen, fast alle rot gekleidet, symbo­lisch die “rote Linie” ziehend. Den schwarzen Block habe ich nicht gesehen und die Polizei blieb im Hintergrund.

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