
Israel begeht Tag für Tag Kriegsverbrechen an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza und im Westjordanland. Die Tatsachen sind bekannt – es mangelt nicht an Belegen, Berichten und Bildern über den Genozid an palästinensischen Menschen durch Israels ungehemmte Kriegs‑, Besatzungs-und Vertreibungsstrategie.
Während die westliche Welt Gedenkfeiern zum 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und dem Ende des 2. Weltkriegs organisiert, nützt Israel den Moment, um ungehindert mit seiner Vernichtungskampagne fortzufahren und noch einmal einen Gang zuzulegen. Zwar mehren sich langsam, langsam einzelne Stimmen aus der westlichen Hemisphäre, die vor Israels Kriegsverbrechen nicht länger die Augen verschliessen und dem mörderischen Treiben Einhalt gebieten wollen, doch das kümmert Netanjahu und seine Schergen keinen Deut.
Mittlerweile hat sogar Deutschland seine bisher – aus bekannten Gründen – ungebrochene Rückendeckung für die israelische Regierung relativiert. Bundeskanzler Friedrich Merz stellte Anfang Woche fest: «Die Zivilbevölkerung derart in Mitleidenschaft zu nehmen, wie das in den letzten Tagen immer mehr der Fall gewesen ist, lässt sich nicht mehr mit einem Kampf gegen den Terrorismus der Hamas begründen» – und zog daraus den Schluss, dass wenn «das humanitäre Völkerrecht jetzt wirklich verletzt wird, dann muss auch der deutsche Bundeskanzler dazu etwas sagen.»
Den Worten müssten jetzt allerdings auch Taten folgen. Immerhin fordert etwa Rolf Mützenich, der frühere Fraktionsvorsitzende der SPD, einen Stopp von deutschen Waffenlieferungen nach Israel. Auch von Seiten israelischer Intellektueller und Friedensaktivist:innen mehren sich die Rufe nach Sanktionen gegenüber Israel. So lancieren israelische Expats zum Beispiel heute in 13 europäischen Städten den Aufruf «NO BUSINESS AS USUAL WITH ISRAEL».
«Das Fehlen von echtem internationalem Druck, die Fortsetzung der Waffenlieferungen an Israel, die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Partnerschaften sowie die wissenschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit lassen die meisten Israelis glauben, dass die israelische Politik internationale Unterstützung geniesst», zitiert die israelische Zeitung Haaretz aus dem Schreiben, das heute in Brüssel europäischen Politiker:innen überreicht wird.
Der Brief hält weiter fest, dass jüdische Gemeinschaften nicht monolithisch seien und wie alle menschlichen Gruppen eine Vielfalt von Meinungen umfassen. Tatsache sei aber, dass überall auf der Welt, angefangen bei den Vereinigten Staaten, wo die grössten jüdischen Gemeinschaften ausserhalb Israels daheim seien, immer mehr Jüdinnen und Juden erklärten: «Nicht in unserem Namen.»
Wichtige Stimmen, die in der Schweiz aber nach wie vor wenig Gehör finden oder unterschlagen werden. Berichte aus Gaza etwa, so sie denn überhaupt Eingang finden in unsere Medien, stützen sich nach wie vor mehrheitlich auf staatliche israelische Quellen. So widmete etwa CH-Media in seiner Auslandberichterstattung vom Montag, 26. Mai dem Krieg in der Ukraine eine Dreiviertel Seite: Unter dem Titel «Putins Bombenterror» wurde über die «bisher schwersten Luftangriffe gegen ukrainische Städte seit Kriegsbeginn» berichtet – bei den Angriffen seien laut ukrainischen Behörden mindestens zwölf Menschen gestorben.
Das Gleiche oder noch Schlimmeres richten die israelischen Truppen seit Monaten jeden Tag im Gazastreifen und im Westjordanland an. Dieser israelische Terror hingegen, wo zudem immer mehr Menschen als Folge von Israels gnadenloser Blockadepolitik verhungern, war den CH-Media-Blättern keine Zeile wert.
Einziger Hinweis auf das Sterben in Gaza war ein magerer Zweispalter, der darüber berichtete, dass die israelische Armee die tödliche Attacke auf die Familie einer Ärztin in Gaza «untersuchen» wolle. Fakt ist: Während die Mutter arbeitete, waren letzte Woche neun ihrer zehn Kinder durch das israelische Militär getötet worden. Ihr Mann und ein einziges Kind überlebten den Angriff schwer verletzt…
Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Täglich finden sich in den sozialen Medien sowie bei Haaretz, der BBC, dem Guardian oder bei Al Jazeera Berichte über den Genozid im Heimatland der palästinensischen Bevölkerung. Doch in der Schweiz steckt man weiterhin den Kopf in den Sand.
Statt einer umfassenden Berichterstattung über die israelische Kriegspolitik und den wachsenden Widerstand gegen Israels Verbrechen – gerade auch von jüdischer Seite – programmierte das Schweizer Fernsehen aus Anlass des 80. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz einen Dokumentarfilm mit dem Titel «Antisemitismus – Judenhass in der Schweiz». Ein Dokfilm, in dem sich 50 Minuten lang alles einzig und allein um die Befindlichkeit der israeltreuen Jüdinnen und Juden in der Schweiz dreht.
Ein einseitiges Abfragen von Befindlichkeiten, in welchem Extremisten wie David Klein unwidersprochen jüdische Menschen, die Israels Politik kritisieren als «jüdische nützliche Idioten» bezeichnen dürfen, und Kritik an Israel und am Zionismus glattweg mit Antisemitismus gleichgesetzt wird. Zu Wort kommen in diesem Film einzig Jüdinnen und Juden, die Israels Kriegsverbrechen rechtfertigen und gutheissen. Dies allerdings nur indirekt: Als Zuschauerin wird man den Verdacht nicht los, dass der Autor es den Protagonist:innen nicht zumuten wollte (oder durfte?), direkte Fragen zu Israels Politik zu stellen – und zu den Opfern in Gaza schon gar nicht.
Keine Frage: Diese Doku wird die hiesige Israellobby, die jede kritische Aussage gegenüber Israel mit einem Bombardement von Beschwerden quittiert und als antisemitisch taxiert, nicht beanstanden müssen… *
Auch in der Politik geht es weiter wie bisher: Aussenminister Ignazio Cassis protestiert nach wie vor mit keinem Wort gegen die israelischen Kriegsverbrechen. Dies, obschon auf der Seite des EDA zum Thema «Engagement der Schweiz als Vertragspartei der Genfer Konventionen» unmissverständlich festgehalten ist: «Die Einhaltung, Stärkung und Förderung des humanitären Völkerrechts gehören zu den aussenpolitischen Prioritäten der Schweiz.» – Als Depositarstaat der Genfer Konventionen stünde es der Schweiz gut an, bei Verletzungen ebendieser Konventionen auf deren Einhaltung zu pochen. Stattdessen bleibt es hierzulande dabei: Die Schweiz schweigt und verschliesst die Augen…
Langsam, langsam bewegt sich nun aber auch in der Schweiz etwas:

Endlich! Am 27. Mai 2025 geht ein dringender Appell in Form eines offenen Briefes an den Bundesrat. Mit der zentralen Forderung, die Schweiz müsse ihre Verantwortung für den Schutz des Völkerrecchts in Gaza wahrnehmen. Unterzeichnet von zahlreichen Organisationen sowie den beiden Alt-Bundesrätinnen Ruth Dreifuss und Micheline Calmy-Rey.
* Viele engagierte Jüdinnen und Juden in der Schweiz haben den SRF-Dokfilm scharf kritisiert. So zum Beispiel die Organisation Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina JVJP, die der SRG einen offenen Brief schickte, oder das antizionistische jüdische Kollektiv Doykait, das sein ebenfalls an die SRG gerichtetes Schreiben auf der Plattform baba news publiziert hat.
Zionismus statt Vielfalt: Wie eine SRF-Doku jüdische Menschen pauschalisiert

