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Bitterer Abschied des UNRWA-Direktors

Bereits im August 2025 hatte UNRWA-Direktor Philippe Lazzarini angekündigt, dass er auf Ende März 2026 von seinem schwie­rigen Amt zurück­treten werde. Nun ist es soweit. In den letzten Wochen hat der unermüd­liche Fürsprecher für das UNO-Hilfswerk noch einmal alle Argumente in die Waagschale gelegt, um vor dem drohenden endgül­tigen Todesstoss für die UNRWA zu warnen.

«Während die Welt um einen Ausweg aus der Gaza-Krise ringt und der US-israe­lische Krieg gegen den Iran sich auf die gesamte Region auszu­breiten droht, bin ich zutiefst besorgt über die Zukunft der Palästinaflüchtlinge sowie unsers etablierten multi­la­te­ralen Systems», schreibt der engagierte Schweizer Diplomat in seiner Abschiedsbotschaft.

In eindrück­lichen Worten weist er darauf hin, dass die UNRWA schon bald Geschichte sein könnte – «mit verhee­renden Folgen für Millionen von Flüchtlingen und für Frieden und Stabilität in der Region». Es brauche jetzt eine breite, entschlossene Koalition, die nicht nur für das Palästinenserhilfswerk, sondern ganz allgemein für das Völkerrecht und multi­la­terale Zusammenarbeit einstehe und diese verteidige, schliesst er seinen Aufruf, der unter anderem als Gastbeitrag auch in den Zeitungen von TX-Media abgedruckt wurde.

Viel mehr war in den Deutschschweizer Medien dieser Tage über Lazzarinis Engagement als Schweizer Direktor des UNO-Hilfswerk nicht zu hören und zu lesen. Sie verzich­teten mehrheitlich auf eine Würdigung oder Einordnung seiner Arbeit. Wie bei der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese lautet ihre Devise auch in Bezug auf die UNRWA und Lazzarini: Skandalisieren oder totschweigen.

Mit Ausnahme der SRG, die den UNRWA-Direktor aus Anlass seines Rücktritts dieser Tage zum Interview lud: Das Westschweizer Fernsehen RTS strahlte bereits am 23. März prominent in der Hauptausgabe des Téléjournal vom 23. März ein Gespräch mit Philippe Lazzarini aus, und am 30. März folgte ein Beitrag im Echo der Zeit.

In beiden Sendungen nimmt der abtre­tende UNRWA-Direktor kein Blatt vor den Mund und spricht von Wut, Trauer und Bitterkeit in Bezug auf die Entwicklungen – insbe­sondere seit dem Oktober 2023. In Gaza seien in den letzten zweieinhalb Jahren fast 400 seiner Kolleg:innen getötet sowie 80 Prozent der UNRWA-Infrastruktur zerstört worden, fasste Lazzarini zusammen. Als Beispiel für die neuen Hürden, die dem Hilfswerk auferlegt wurden, nannte er die von Israel beschlos­senen UNRWA-behin­dernden Gesetze und deren Verbannung aus Ostjerusalem, obschon der von Israel besetzte Stadtteil unter inter­na­tio­nalem Recht steht.

Beschämende Rolle der Schweiz 
Hinzu komme die prekäre finan­zielle Situation, führte Lazzarini weiter aus: Die UNRWA musste ihre Engagements in den letzten Wochen um weitere 20 Prozent zurück­fahren, weil ihr das Geld auszu­gehen droht. Dies mit drasti­schen Folgen für Millionen von palästi­nen­si­schen Geflüchteten im Libanon, in Jordanien, Syrien, Gaza und dem Westjordanland. Die UNRWA springt überall dort ein, wo Israels Vertreibungs- und Aushungerungspolitik Menschen an den Rand drängt und leistet unent­behr­liche, überle­bens­wichtige Arbeit sowohl bei der Nahrungsmittelversorgung, wie auch in Gesundheitszentren oder in Schulen und Berufsbildungsstätten.

Tatsachen, die als Folge von Israels Verleumdungspropaganda auch in der Schweiz oft nicht wahrge­nommen werden. «Was mich am meisten schmerzte war die Abwesenheit der Schweiz, als es darum ging, das inter­na­tionale Recht zu vertei­digen», antwortete Lazzarini dem RTS-Journalisten auf die Frage, wie er als Schweizer mit der negativen Haltung der Schweizer Politik ihm und der UNRWA gegenüber umgehe. So hätte die Schweiz zum Beispiel die die Möglichkeit gehabt, so der Diplomat weiter, eine Konferenz über die Genfer Konvention zu organi­sieren, was sie nicht getan habe.

Den Grund für die «äusserste Zurückhaltung» der Schweiz im israe­lisch-palästi­nen­si­schen Konflikt, trotz der gravie­renden Völkerrechtsverletzungen, führt Lazzarini auf die parla­men­ta­rische Freundschaftsgruppe Schweiz-Israel zurück, die als grösste Organisation dieser Art starken Einfluss auf die Positionsbezüge der Schweizer Regierung ausübe.

Zusätzlich gestärkt wurde der Einfluss dieser Lobbygruppe für Israel, als ihr promi­nentes Mitglied Ignazio Cassis 2017 in den Bundesrat gewählt wurde: Auch nach seinem Rücktritt aus der Parlamentariergruppe hat der frisch gekürte Aussenminister nie einen Hehl aus seiner pro-israe­li­schen Haltung gemacht. Kaum im neuen Amt, leitete der Israelfreund umgehend eine Kehrtwende in der Schweizer Aussenpolitik in Bezug auf die Nahost-Politik und Palästina ein.

Israel-Freund Cassis diffa­miert UNRWA
Für Schlagzeilen sorgte Cassis erstmals nach seinem bundes­rät­lichen Antrittsbesuch in Jordanien, wo er 2018 in Begleitung des damaligen UNRWA-Direktors Pierre Krähenbühl ein palästi­nen­si­sches Flüchtlingslager besucht hatte. Seine Feststellung gegenüber den Medien, die UNRWA sei «Teil des Problems» im Israel-Palästina-Konflikt, sorgte damals inter­na­tional für heftige Kritik (ausser in Israel). Der Gesamtbundesrat sah sich damals bemüssigt, die Wogen zu glätten und zu versi­chern, dass die Schweiz nach wie vor hinter der UNRWA und einer Zweistaatenlösung stehe.

Das hinderte Cassis jedoch nicht daran, sich weiterhin wann immer möglich auf die Seite Israels zu stellen und die UNRWA zu diffa­mieren. Als der Schweizer UNRWA-Direktor Pierre Krähenbühl 2019 einem Verleumdungskomplott ausge­setzt war und deshalb von seinem Posten als UNRWA-Direktor zurück­treten musste, erhielt er von Aussenminister Cassis und der Schweiz keinerlei Unterstützung. Im Gegenteil: Das EDA stellte damals umgehend die Zahlungen an die UNRWA ein und nahm sie erst wieder auf, als Krähenbühl weg war.

Im April 2020 wurde mit Philippe Lazzarini erneut ein Schweizer zum UNRWA-Direktor ernannt. Er startete seinen neuen Job während der Corona-Krise und während der ersten Amtszeit von Trump, der 2019 seine Drohung wahrmachte und die Zahlungen der USA an die UNRWA einge­stellt hatte.

Seither hat sich die Situation für die UNRWA und die Millionen Menschen im Nahen Osten, die von deren Dienstleistungen und Unterstützung abhängig sind, immer weiter verschlimmert. Zum einen, weil Israels inten­si­vierte Terror- und Kriegspolitik seit dem Oktober 2023 dazu geführt hat, dass die Menschen infolge der laufenden Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen mehr denn je von Hilfe abhängig gemacht wurden. Vor allem aber auch, weil die UNRWA durch Israel und ihre Verbündeten syste­ma­tisch verleumdet und angegriffen wird. Mit dem erklärten Ziel, sie zu zerstören.

Auch die Schweiz hatte ihre zugesagten finan­zi­ellen Unterstützungen an die UNRWA in der Höhe von rund 20 Millionen CHF pro Jahr im Nachgang zum Oktober 2023 erneut einge­stellt. Sie gehörte zu jenen Ländern, die besonders lange gezögert haben, ihren Verpflichtungen wieder nachzu­kommen. Und das tut sie bis heute mit faden­schei­nigen Begründungen, indem sie etwa die UNRWA weiterhin der Komplizenschaft mit der Hamas bezichtigt.

Seit 2025 unter­liegen die Schweizer Hilfsgelder an die UNRWA der Auflage, dass sie weder in Gaza noch im Westjordanland einge­setzt werden dürfen, wo sie aktuell am dringendsten gebraucht würden. Zudem hat die Schweiz ihren Beitrag an das Palästinenserhilfswerk halbiert und auf jährlich 10 Millionen CHF reduziert.

Die Verleumdungen gegen das Hilfswerk, das im Nahen Osten über 5 Millionen palästi­nen­sische Flüchtlinge unter­stützt und rund 30’000 Menschen beschäftigt, werden von Schweizer Politiker:innen und Leitmedien hartnäckig in der Welt gehalten und verbreitet. Dies, obschon keine der zahlreichen Untersuchungen die Behauptungen erhärten konnte, dass die UNRWA für das Massaker vom 7. Oktober 2023 eine Mitverantwortung trägt. Und auch der von Israel immer wieder erhobene Vorwurf, von der UNRWA einge­setzte Lehrmittel an Schulen würden antise­mi­tische Propaganda verbreiten, ist längst widerlegt.

Wegen seines Engagements und den klaren Worten, die Philippe Lazzarini zur Situation in Gaza geäussert hat, glauben westliche Regierungen und nicht zuletzt der beken­nende Lazzarini-Gegner Cassis jedoch weiterhin lieber der israe­li­schen Lobby und ihren Propaganda-Agenturen. Das wirkt sich bis heute aus.

Man kann deshalb nur hoffen, dass Lazzarinis Abgang nicht zum defini­tiven Ende der UNRWA führt. Dass trotz der langfri­stigen Ankündigung seines Rücktritts bis heute kein Nachfolger, keine Nachfolgerin ernannt wurde, verheisst nichts Gutes.

Ab dem 1. April wird der britische Diplomat Christopher Saunders interi­mi­stisch das Amt des UNRWA-Direktors übernehmen. Eine «Mission impos­sible», unabhängig von der Erfahrung oder den Kompetenzen des Amtsinhabers, wie Riccardo Bocco, der ehema­liger Professor und Nahost-Experte am Graduate-Institute in Genf, treffend formuliert.


Eine Antwort auf „Bitterer Abschied des UNRWA-Direktors“

  1. Gabriela Neuhaus deckt schonungslos auf, was die Schweiz 2023 wirklich war: ein unter­wür­figer Erfüllungsgehilfe Israels im Kampf gegen die UNRWA. Ignazio Cassis, damals Aussenminister, nutzte vage Vorwürfe als Vorwand, um die lebens­wich­tigen Zahlungen einzu­frieren – ohne abschlie­ßende Beweise, aber mit kaltem Kalkül. Unabhängige Untersuchungen entla­steten die UNRWA später in zentralen Punkten, doch die Schweiz blieb hart: Die Gelder blieben gestrichen, die humanitäre Katastrophe in Gaza verschärfte sich. Cassis’ Erbe? Eine Politik, die nicht Neutralität, sondern blinde Gefolgschaft bedeutet.
    Doch die Verantwortung endet nicht bei Cassis. Die heutige Führung setzt diese Schande fort: Statt die UNRWA zu stärken, lässt man sie fallen – und damit Millionen Palästinenser, die auf Schulen, Krankenhäuser und Nahrung angewiesen sind. Wer so handelt, macht sich mitschuldig an der Zerstörung einer der letzten Hoffnungsträger in der Region.

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