Besonnenheit statt Diffamierung

Ein Jugend­li­cher sticht mit­ten in Zürich einen Mann der ortho­do­xen jüdi­schen Gemein­schaft nie­der. Er ver­letzt ihn lebens­ge­fähr­lich. Laut Medi­en­be­rich­ten ver­stand sich der 15jährige Schü­ler als isla­mi­sti­scher Kämp­fer. Er wollte «Juden ermor­den», wie dies in extre­mi­sti­schen isla­mi­sti­schen Netz­wer­ken zele­briert wird.

Der Junge soll sich in einem Beken­ner­vi­deo als Sol­dat des IS bezeich­net und ange­kün­digt haben, er wolle mög­lichst viele Juden töten. Zum Glück ist es ihm nicht gelun­gen. Der 15jährige wurde noch am Tat­ort sei­nes ersten Über­falls über­wäl­tigt und fest­ge­nom­men, sein Opfer ist mitt­ler­weile aus­ser Lebensgefahr.

Die Tat hat Ent­set­zen und Angst aus­ge­löst. Auch bei mir. In der Schweiz sind wir uns gott­sei­dank solch bru­tale Gewalt auf offe­ner Strasse nicht gewohnt. Was vie­ler­orts auf die­ser Welt heute nicht mehr mög­lich ist, neh­men wir allzu gerne als Selbst­ver­ständ­lich­keit: Bei uns ist die Sicher­heit im öffent­li­chen Raum weit­ge­hend gewähr­lei­stet, wir kön­nen uns frei und ohne Angst bewe­gen. Ein kost­ba­res Gut, dem wir Sorge tra­gen müssen.

Gleich­zei­tig wis­sen wir alle, dass Mord und Tot­schlag nicht nur im Fern­se­hen – am Sonn­tag­abend im Tat­ort – gesche­hen. Der Angriff des 15jährigen Schü­lers in Zürich erin­nert an ähn­lich gela­gerte Gewalt­ver­bre­chen, die in der Ver­gan­gen­heit hier­zu­lande für Schlag­zei­len gesorgt und die Gemü­ter bewegt haben. Wie etwa 2012 die Serie von Mes­ser­at­tacken auf Frauen – eine davon endete töd­lich. Oder der Vier­fach­mord von Rup­pers­wil, der 2015 eine ganze Region in Angst und Schrecken versetzte.

Die Täter der drei Fälle haben eines gemein­sam: Es han­delt sich dabei um psy­chisch kranke Men­schen. Ob ein Mord aus Rach­sucht oder Frau­en­hass geschieht, ob anti­se­mi­tisch oder wie auch immer moti­viert, spielt in die­sem Zusam­men­hang letzt­lich keine Rolle: Sol­che Täter:innen sind krank und ja – gefährlich. 

Wie jede Gesell­schaft, müs­sen auch wir einen Umgang mit sol­chen Men­schen fin­den. Uns steht dafür eine breite Palette von Instru­men­ten zur Ver­fü­gung – von der The­ra­pie bis zur Verwahrung.

Für den jugend­li­chen Täter von Zürich for­derte Mario Fehr, Zür­cher Regie­rungs­rat und Sicher­heits­di­rek­tor, in der NZZ nun gar den Ent­zug des Schwei­zer Bür­ger­rechts. Seine lapi­dare Begrün­dung: «Für Ter­ro­ri­sten hat es kei­nen Platz in der Schweiz.»

Da macht sich’s der Magi­strat, der nicht zum ersten Mal mit sei­ner popu­li­sti­schen, frem­den­feind­li­chen Poli­tik Schlag­zei­len pro­du­ziert, aller­dings allzu ein­fach: Der 15-jäh­rige Teen­ager — laut Medi­en­be­rich­ten wurde seine aus Tune­sien stam­mende Fami­lie vor 11 Jah­ren ein­ge­bür­gert — ist in der Schweiz gebo­ren. Er ist ein Schwei­zer — hier auf­ge­wach­sen und sozia­li­siert. Hier zum «Ter­ro­ri­sten» geworden?

Ja, schreibt der Kriegs­re­por­ter Kurt Pelda. Er geht noch einen Schritt wei­ter als Fehr und bedient seine frem­den­feid­li­che Leser­schaft: Die kin­der­rei­che Fami­lie wohne in einem «schä­bi­gen Haus» im Glattal, wo «die an den Brief­kä­sten ange­schrie­be­nen Namen mehr­heit­lich aus­län­disch» seien, schreibt Pelda in sei­nem Arti­kel, den CH Media in ihren Blät­tern schweiz­weit publi­zierte und sug­ge­riert damit, dass der Mes­ser­ste­cher in sei­nem Umfeld isla­mi­stisch radi­ka­li­siert wor­den sei. Bei der Tat, so sein Fazit, habe es sich «nicht ein­fach um eine anti­se­mi­ti­sche Blut­tat, son­dern um ein Ter­ror­at­ten­tat» gehandelt.

Genauso, wie der Über­fall der Hamas vom 7. Okto­ber 2023 in unse­ren Medien und von unse­ren Politiker:innen uni­sono als Ter­ror­akt bezeich­net wird. Dies ist aus israe­li­scher Sicht­weise ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar. Wehe aber all jenen, die dar­auf hin­wei­sen, dass die­ser Ter­ror­akt eine Vor­ge­schichte hatte, und vor dem Hin­ter­grund der jahr­zehn­te­lan­gen israe­li­schen Demü­ti­gungs- und Besat­zungs­po­li­tik gegen­über der palä­sti­nen­si­schen Bevöl­ke­rung ganz anders gele­sen wer­den kann.

Judith But­ler, die in ihrem Buch «Am Schei­de­weg» bereits vor über zehn Jah­ren die israe­li­sche Besat­zungs­po­li­tik kri­ti­siert hat, ern­tete bereits im Okto­ber 2023 einen Shits­torm, als sie in einem Arti­kel zum Hamas-Über­fall eine «histo­ri­sche Kon­tex­tua­li­sie­rung» der Gräu­el­ta­ten, die sie expli­zit ver­ur­teilte, forderte. 

Die­ser Tage nun über­tref­fen sich Medien darin, die jüdisch-ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­so­phin erneut anzu­grei­fen und mit zum Teil aus der Luft gegrif­fe­nen Behaup­tun­gen durch den Dreck zu zie­hen. So titelte etwa die Frank­fur­ter All­ge­meine «Kin­der­mord als Form des Frei­heits­kamp­fes», die ZEIT ver­ur­teilt Judith But­ler und ihre «törich­ten neuen Aus­sa­gen zum Nah­ost­kon­flikt» und klein­re­port ver­steigt sich zur Schlag­zeile «Super­hel­din der Gen­der Stu­dies lobt den ‘bewaff­ne­ten Wider­stand’ vom 7. Oktober».

Dies alles, weil But­ler gewagt hat, in einer Ver­an­stal­tung in Paris zu sagen: «Ich bin der Mei­nung, dass der Auf­stand vom 7. Okto­ber histo­risch kor­rekt als ein «Akt des bewaff­ne­ten Wider­stands» bezeich­net wer­den müsste. Es war weder eine Ter­ror­at­tacke noch eine anti­se­mi­ti­sche Attacke – es war eine Attacke gegen Israelis.»

Wei­ter weist sie dar­auf hin, dass nach dem 7. Okto­ber ein­zig der Hor­ror, den die Israe­lis erlit­ten haben, zum Thema gemacht wurde – nicht aber jene mör­de­ri­sche Staats­ge­walt, unter der die Palä­sti­nen­se­rin­nen und Palä­sti­nen­ser seit Jah­ren lei­den. Für die Phi­lo­so­phin steht fest: «Es war ein Auf­stand, der aus einer Situa­tion der Unter­jo­chung ent­stand, und der sich gegen einen gewalt­sa­men Staats­ap­pa­rat richtete.»

Es lohnt sich, ins Ori­gi­nal von Judith But­lers ana­ly­tisch kla­rer Stel­lung­nahme hin­ein­zu­hö­ren. Sie bil­det einen wohl­tu­en­den Kon­trast und hebt sich ab vom hyper­ven­ti­lie­ren­den Schwin­gen der Ter­ror- und Anti­se­mi­tis­mus­keu­len. Sel­ber den­ken, statt mit­heu­len und nach­be­ten, lau­tet das Gebot der Stunde.

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