
Alle Jahre wieder: Anlässlich des 1. August hielten unsere Politiker:innen landauf landab patriotische und bodenständige Reden. Zu hören und zu lesen waren endlose Floskeln über den Sonderfall Schweiz, die «Willensnation», die Neutralität und unsere Werte, die es zu verteidigen gelte.
Oft, allzu oft, mit einer selbstgefälligen Schlagseite, viel Geschichtsklitterung sowie Wahl- und Politpropaganda, allen voran bei SVP-Bundesrat Albert Rösti, der seine fünf Auftritte schamlos als Werbeplattform für seine Politik der Atomenergie-Förderung und die SVP-Neutralitätsinitiative nutzte, die vom Gesamtbundesrat bekanntlich abgelehnt wird. Hundertprozentige SVP-Bundesräte kennen kein Kollegialitätsprinzip…

In der rot-grün regierten Stadt Zürich hat das Komitee zur Bundesfeier unter Vorsitz von Stadtpräsident Raphael Golta (SP) dieses Jahr den neuen Armeechef Benedikt (Bänz) Roos als Ehrengast und Redner eingeladen, sein Vorgänger Thomas Süssli war ebenfalls am Zürichsee im Einsatz und hielt die Festansprache in Horgen.

Auch das gehört zur Tradition des 1. August: Man zelebriert die kriegerischen Mythen der alten Eidgenossen und beschwört gleichzeitig die aktuelle Bedeutung der militärischen Verteidigungsfähigkeit.
Dabei könnten am Schweizer Nationalfeiertag, wenn er schon gefeiert werden soll, auch ganz andere wichtige Themen ins Zentrum gerückt werden, die für die Zukunft unseres Landes eine entscheidende Rolle spielen. Die Frage etwa nach dem Engagement von Bürger:innen und Politiker:innen in der reichen, privilegierten Schweiz für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte – nicht nur innerhalb der Landesgrenzen, sondern auch weltweit.
Statt selbstgerechte Predigten hätte ich mir eine Rede gewünscht vom Kaliber, wie sie der deutsch-iranische Schriftsteller und Publizist Navid Kermani am 20. Juli in Berlin gehalten hat, anlässlich des alljährlich stattfindenden Gedenktags zur Erinnerung an das Stauffenberg-Attentat von 1944 – einem von verschiedenen fehlgeschlagenen Putschversuchen gegen Hitler, mit dem die Verschwörer hofften, die Naziherrschaft zu stürzen und den 2. Weltkrieg zu beenden.
Kermani war im Rahmen der Vereidigung von 230 jungen Rekrut:innen der Bundeswehr eingeladen worden, um als renommierter Schriftsteller zu den jungen Soldatinnen und Soldaten zu sprechen.
In seiner Rede stellte er die Bedeutung des historischen Datums ins Zentrum und wies gleich zu Beginn darauf hin, dass der 20. Juli nicht für den Gehorsam stehe, der in allen Armeen der Welt jeden Tag eingeübt wird – sondern vielmehr dafür, «dass man Widerstand leisten muss, wenn Diensterfüllung ein Verbrechen ist.»
Dieser Tag lehre sie, so Kermani weiter zu den Rekrut:innen, «dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet.» Als Massstab gelte dabei das Grundgesetz und die darin verankerten Grundrechte, die durch keine Mehrheitsentscheidungen geändert werden dürfen: «Diese Grundrechte stehen über jedem Befehl Ihres Vorgesetzten, gleich unter welchen Umständen.»
Die Verbrechen des zweiten Weltkriegs hätten gezeigt, dass es allgemeinverbindliches Recht und solide Gesetze brauche, um ein friedliches Zusammenleben sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene zu ermöglichen. «Die Anerkennung des Völkerrechts, die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Einrichtung des Internationalen Gerichtshofs und des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, die Gründung der Vereinten Nationen sind Meilensteine der Zivilisationsgeschichte, und Deutschland hat sein Ansehen in der Welt nicht zuletzt dadurch wieder gewonnen, dass es die regelbasierte Weltordnung stets verteidigt und vorangebracht hat.»
Mit scharfen Worten verurteilt Kermani die weltweit aktuellen Tendenzen und auch «die Stimmen in Deutschland, die sagen, dass die regelbasierte Ordnung nur noch etwas fürs Feuilleton sei. Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstösse schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint.»

Als Beispiel nannte Kermani den völkerrechtswidrigen Krieg der USA und Israels gegen den Iran, bei dem Merz als einziger westlicher Staatsführer die Drohung des amerikanischen Präsidenten, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, verteidigt habe.
Trumps Drohung, die iranische Zivilisation auszulöschen, sei ein klarer Verstoss gegen das Völkerrecht, genauso wie Angriffe auf die zivile Infrastruktur eines Landes – bei diesen Verbrechen handle es sich um «ein so offenkundiges Unrecht, dass man weder Jurist sein noch das eigene Gewissen befragen muss, um es zu erkennen», so Kermani weiter.

Seine dringliche Aufforderung in diesem Zusammenhang an die strammstehenden Rekrutinnen und Rekruten: «Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.»
Deutliche Worte von Navid Kermani, bei welchen der ebenfalls an der Zeremonie anwesende deutsche Kriegsminister Boris Pistorius schmerzhaft das Gesicht verzog. Er war wohl nicht der einzige, dem die brillante Rede sauer aufstiess.
Auffallend war und ist auch das Schweigen sämtlicher Leitmedien zu diesen eindrücklichen, mahnenden Worte anlässlich der Rekruten-Vereidigung vom 20. Juli. Eine Ausnahme bildete die FAZ, wo Kermanis Rede am 22. Juli kommentarlos im Feuilleton abgedruckt wurde.
Ansonsten von Tagesschau bis taz kein Wort, nichts. Auch die NZZ, die sich sonst so sehr um deutsche Themen bemüht: Schweigen. Der Grund liegt auf der Hand: Man kann nicht gleichzeitig Kermani zitieren und alltäglich kriegsverharmlosende und aufrüstungstolle Publizistik betreiben.
Weitere Kernsätze aus Navid Kermanis 20minütiger Rede an die Rekrut:innen anlässlich ihres Gelöbnisses im Berliner Bendlerblock vom 20. Juli 2026:
| «Die Relativierung des Völkerrechts von höchster Stelle ist auch ein fatales Signal für unsere Demokratie. Denn wenn die Herrschaft des Rechts in unseren Aussenbeziehungen erodiert, wird es nicht lange dauern, dass sie auch im Innern verächtlich gemacht wird.» |
| «Egal wie bösartig der Feind sich aus Ihrer Sicht verhält, er ist immer noch ein Mensch wie Sie. Denn wenn Sie den Feind als Tier, als blossen Strich auf dem Monitor oder als Monster ansehen, um ihn leichter töten zu können, dann werden Sie sich selbst in ein Tier, eine KI oder ein Monster verwandeln.» |
| «Es gibt keinen Krieg, gestern nicht, heute nicht, morgen nicht, in dem der Kampf nicht unversehens in Mordlust, Sadismus und sexuelle Gewalt umschlagen kann.» |


Danke, Gabi, für diesen Bericht.
Wir brauchen mehr von diesen klardenkenden Menschen!
Und alle können sich am Mut von Navid Kermani ein Beispiel nehmen: in direkter Anwesenheit von Regierungsmitgliedern sagt er, was zu sagen nötig ist.
Wo bleiben die Schriftstellerinnen und Schriftsteller in der Schweiz, wenn es um die Verteidigung von Frieden und Gerechtigkeit geht?