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Aufrüstung zerstört Umwelt und Klima

Mörderische, zerstö­re­rische Kriege im Nahen Osten, in der Ukraine, im Sudan.… Doch damit nicht genug: Aufrüstung steht auch in unseren Breitengraden zuoberst auf der Agenda der Staaten. Angeblich, um unser Leben, die Freiheit, den Wohlstand zu schützen. Fakten zeigen jedoch: Militarisierung und Aufrüstung haben horrende Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Statt die zentralen Grundlagen unserer Existenz tatsächlich zu schützen, beschleu­nigen sie deren Zerstörung.

Längst haben Kriegsrhetorik und «Sicherheitsstrategien», die einzig auf militä­ri­sches Imponiergehabe bauen, die wahrhaft existen­zi­ellen Bedrohungen wie Klimaerhitzung und Umweltzerstörung aus den Schlagzeilen verdrängt. Auch in der Schweiz disku­tiert man nicht mehr darüber, ob wir immer mehr Geld für die Armee verpulvern wollen, zur Debatte steht bloss noch das wie und wieviel mehr.

Letztendlich spielt es jedoch keine Rolle, ob die Finanzierung über neue Schulden, zusätz­liche Steuern oder eine rigorose Sparpolitik erfolgt: Jeder Rappen, der für Rüstungsgüter ausge­geben wird, fehlt anderswo. Was dabei völlig ausge­blendet wird: Die aktuelle Aufrüstung verstärkt Klimawandel und Ressourcenverschleiss zusätzlich und befeuert letztlich, wovor sie uns zu schützen vorgibt.

Bereits 2022 warnte das Stockholmer Friedensinstitut Sipri vor einer neuen Ära komplexer und gefähr­licher Risiken, hervor­ge­rufen durch eine Zunahme militä­ri­scher Konflikte, bei gleich­zei­tigem Fortschreiten von Umweltzerstörung und Klimaerhitzung. Diese beiden Krisen müssten zwingend gemeinsam angegangen werden, was eine neue Sichtweise auf die Themen Frieden und Sicherheit erfordere: «Da die Umweltzerstörung Teil des Sicherheitsproblems ist, muss die Wiederherstellung der Umweltintegrität Teil der Sicherheitslösung sein», so die Sipri-Experten.

In welche Richtung dies gehen könnte, zeigt die Initiative der italie­ni­schen Physiker Carlo Rovelli und Matteo Smerlak, die u.a. von über 50 Nobelpreisträger:innen mitge­tragen wurde. Sie haben den histo­ri­schen Begriff der «Friedensdividende» für das 21. Jahrhundert neu inter­pre­tiert und 2021 die «Global Peace Dividend Initiative» lanciert. Die Idee dahinter: Sämtliche Mitglied-Länder der UNO einigen sich darauf, ihre Militärausgaben um je 2 Prozent zu kürzen. Das frei gewordene Geld soll zur Hälfte in einen Fonds fliessen, um gemeinsame Probleme wie Klimaerhitzung, Bekämpfung von Pandemien oder extremer Armut auf globaler Ebene anzugehen.

Die andere Hälfte verbliebe in den einzelnen Ländern, die mit den aus dem Militärbudget umgelei­teten Mitteln in die dringend notwendige, bislang jedoch wenig geför­derte Erforschung fried­licher Lösungsansätze investieren könnten. Ein utopi­scher Vorschlag. Umso wichtiger, daran festzu­halten, zumal die Aufrüstungspropaganda alles daran setzt, die «Friedensdividende» zum verächt­lichen Schimpfwort zu degradieren.

Auch die aktuellen Bestrebungen, schwere Verbrechen gegen die Umwelt beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag einklagen zu können, gründen in einem ganzheit­lichen Verständnis von Sicherheit und Frieden. Sie haben zum Ziel, dass künftig zusätzlich zu den im inter­na­tio­nalen Recht veran­kerten Straftatbeständen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Genozid auch das Verbrechen «Ökozid» einge­klagt und geahndet werden kann. Angesichts der aktuellen Situation unseres Planeten sei es wichtig, so der britische Völkerrechtsexperte Philippe Sands, dass der recht­liche Schutz der Menschen auf Ökosysteme und das Wohlergehen des Planeten ausge­weitet werde.

Krieg und Ökozid 
Wie verheerend sich Kriege auf Umwelt und Klima auswirken, ist vielfach belegt. So verur­sachte etwa der Krieg in der Ukraine, laut Berechnungen der «Initiative on Greenhouse Gas Accounting of War» innerhalb von drei Jahren 237 Millionen Tonnen zusätz­lichen CO2-Ausstoss. Dies entspricht fast der doppelten Menge der im gleichen Zeitraum von der Schweiz emittierten Treibhausgase.

In die gleiche Kategorie gehören auch die immensen Schäden durch Kriegsmunition, die nicht nur töten und zerstören, sondern alles Leben in den betrof­fenen Regionen auf Jahrzehnte hinaus beein­träch­tigen. So ist etwa der Boden entlang der einstigen Frontlinie bei Verdun über hundert Jahre nach dem Ende des ersten Weltkriegs immer noch mit Schwermetallen und Chemikalien verseucht. Ungezählte gefähr­liche Blindgänger liegen weiterhin unter der Erde, und an Orten, wo einst Gasgranaten lagerten, gedeihen heute gerade mal drei Pflanzenarten.

In Vietnam leiden die Menschen wie die Natur bis heute unter den katastro­phalen Folgen des hochgif­tigen Entlaubungsmittels Agent Orange, das die US-Armee vor 60 Jahren im Vietnamkrieg einge­setzt hatte. Im Nahen Osten sind ganze Landstriche infolge der im Irakkrieg einge­setzten uranhal­tigen Munition und brennender Ölfelder dauerhaft vergiftet. Die prekäre Situation im Südirak wird heute zusätzlich durch die Klimaerhitzung und extreme Dürre verschärft. Auch das Pflanzengift Glyphosat, das Israel wiederholt als Kampfmittel im Südlibanon in hoher Konzentration über Felder und Olivenhaine versprühte, hat für die Menschen dort und ihre Umwelt jahre­lange Folgen. Kurz: Ökozid wird nicht bloss als «Kollateralschaden» in Kauf genommen, sondern immer wieder auch gezielt als Waffe eingesetzt.

Geld- und Ressourcenverschleiss 
Doch Militarisierung und Aufrüstung bedrohen unser Leben schon lange, bevor überhaupt ein Schuss fällt und es zu kriege­ri­schen Auseinandersetzungen kommt. Allein schon die Produktion von immer perfi­deren, umfas­sen­deren Rüstungssystemen hat ein enormes Zerstörungspotenzial. Am offen­sicht­lichsten ist dies bei den Atomwaffen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich nach dem 2. Weltkrieg jene Wissenschaftler, die am Bau der ersten Atombomben beteiligt waren, vehement für eine Beschränkung der nuklearen Aufrüstung einsetzten. Damals mit einigem Erfolg. Im Gegensatz zu heute, wo die warnenden Stimmen im Getöse der Grossmachtpolitik unter­gehen. Die Abkommen zur Kontrolle und Begrenzung von Atomwaffen sind ausge­laufen, auch im nuklearen Bereich wird wieder unkon­trol­liert in Aufrüstung investiert.

Entsprechend gehen die Ausgaben für Rüstungsgüter aktuell durch die Decke: Laut dem Sipri beliefen sich die weltweiten Militärausgaben 2024 auf eine Rekordhöhe von 2,7 Billionen USD, was einer Zunahme von fast 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. «Weltweit haben über 100 Länder ihre Militärausgaben erhöht», stellte Sipri-Forscher Xiao Liang für das Jahr 2024 fest – der Trend ist weiterhin steigend. Mit eklatanten Folgen: Wenn Regierungen militä­rische Sicherheit priori­sieren, geht dies auf Kosten anderer Haushaltsbereiche wie Bildung, Gesundheit und Umwelt.

Eine Tatsache, die zwar auf der Hand liegt, aber schlecht dokumen­tiert ist. Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es praktisch unmöglich, direkte Zusammenhänge zwischen dem Grad der Militarisierung einer Gesellschaft und deren wirtschaft­licher und sozialer Entwicklung zu ermitteln oder gar zu messen. Und in jenen Bereichen, wo dies durchaus machbar wäre, fehlen die entspre­chenden Daten. So spielen etwa die Auswirkungen militä­ri­scher Aktionen in der inter­na­tio­nalen Klimapolitik bislang kaum eine Rolle: Auf Druck der USA hat man die Militäremissionen bei der alljähr­lichen Berichterstattung im Rahmen des Pariser-Abkommens weitgehend ausgeklammert.

Schätzungen gehen davon aus, dass rund 5,5 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen vom Militär verur­sacht werden – nicht mitein­be­rechnet sind dabei aller­dings Kriegshandlungen wie Brände, Schäden an Infrastrukturen und Ökosystemen sowie die Emissionen, die durch den Wiederaufbau und die medizi­nische Versorgung von Überlebenden anfallen. Die tatsäch­lichen Umweltfolgen von Aufrüstung und Krieg dürften deshalb ein Mehrfaches der aus Statistiken ermit­tel­baren Schäden betragen.

Umwelt, Gerechtigkeit und Frieden 
Die kurzsichtige Priorisierung von militä­ri­scher Sicherheit mit Milliardeninvestitionen in eine Verschleiss- und Zerstörungsindustrie, führt in eine gefähr­liche Sackgasse. Zum einen, weil Aufrüstung Kriege nicht verhindert, sondern befördert. Vor allem aber, weil dringend notwendige Massnahmen zum Schutz unserer Umwelt und des Klimas leicht­fertig der Kriegswirtschaft geopfert werden. Egal ob es um die Beschaffung von neuen Kampfjets, Fliegerabwehrraketen oder Hightech-Drohnen geht – der damit verbundene Rohstoffverschleiss, inklusive fossile Energieträger, die für die Herstellung und den Betrieb der Kriegsmaschinen verheizt werden, ist kein Thema.

Die ohnehin schon schlep­pende Transformation hin zu einer umwelt­ver­träg­lichen, nachhal­tigen Wirtschaft bleibt dabei auf der Strecke. Das im Pariser Abkommen festge­haltene Klimaziel einer Begrenzung der globalen Erhitzung auf 1,5 Grad ist bereits nicht mehr zu erreichen – mit drasti­schen Folgen. «Dürren führen zu Ernteausfällen und Wasserknappheit, Überschwemmungen zwingen Menschen zur Flucht aus ihren Häusern, Wälder verschwinden, natür­liche Ressourcen werden knapp, lebens­wichtige Ökosysteme sterben ab. All dies kann das Risiko von Konflikten erhöhen», fasste schon der Sipri-Bericht von 2022 zusammen.

Die alte Forderung der Umweltaktvist:innen nach einer sozial-verträg­lichen, global gerechten Energiewende ist heute aktueller denn je. Gleichzeitig steht sie in diame­tralem Widerspruch zur gegen­wär­tigen Mainstream-Politik, die auf militä­rische Sicherheit zur Wahrung natio­naler Interessen setzt. Es erstaunt deshalb nicht, dass Greta Thunberg, deren radikales Engagement für eine zukunfts­fähige Klimapolitik schon heftigen Widerspruch hervorrief, wegen ihres ebenso kompro­miss­losen Einsatzes für Gerechtigkeit im Nahen Osten erneut mit Hasstiraden überschüttet wird.

Obschon – oder vielmehr, weil – sie die Zusammenhänge zwischen Klimagerechtigkeit und Friedenspolitik klar benennt. In der Schweiz geriet die Lausanner Professorin und Umweltaktivistin Julia Steinberger aus den gleichen Gründen unter Beschuss. Die Umweltökonomin forscht und plädiert seit Jahren für eine Wirtschaft, die sich an den begrenzten Ressourcen unseres Planeten orien­tiert. Der Umstand, dass Klimawandel und Kriege beide durch Öl und Gas befeuert werden, ist für Steinberger gleicher­massen Grund zur Sorge wie für Hoffnung. Hoffnung, weil eine dezen­trale, grüne Energiewende friedens­för­dernd wirke – Sorge aber auch, weil Umwelt- und Klimaschutz in der inter­na­tio­nalen Kriegsbegeisterung völlig unter­zu­gehen drohen.


Dieser Artikel wurde Anfang März in der Zeitung der Schweizerischen Friedensbewegung «Unsere Welt» publiziert.


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