
Im Rahmen seiner diesjährigen OSZE-Präsidentschaft hat Bundesrat Ignazio Cassis für den 9. und 10. Februar zu einer «Konferenz zur Bekämpfung von Antisemitismus» nach St. Gallen eingeladen. Was davon zu erwarten ist, machte schon der Trailer deutlich, den das EDA im Vorfeld des Treffens über die sozialen Medien verbreitet hat.
«Antisemitism is back», verkündet EDA-Sprecher Nicolas Bideau mit Grabesstimme und Bedrohung signalisierender Miene. Unterlegt mit dramatischer Musik, spricht «his Master’s Voice» von einer rasanten Zunahme antisemitischer Vorfälle in Deutschland, Frankreich, dem UK und auch in der Schweiz. Dies gefährde nicht nur die direkt Betroffenen, sondern untergrabe unser aller Sicherheit, so Bideau weiter. Deshalb habe sich die Schweiz im Rahmen ihres OSZE-Engagements vorgenommen, auf konkrete Massnahmen im Kampf gegen Antisemitismus zu fokussieren.
Zur Verstärkung seiner Message ist das Video mit Szenen aus dem Holocaust sowie vom 7. Oktober 2023 in Israel illustriert und zeigt das Leiden jüdischer Menschen. Quasi als Schluss und Höhepunkt weht israelisches Fahnentuch vor besonntem Hintergrund im Wind…

Das ist ein nicht zu übersehender Hinweis darauf, um was es bei dieser Veranstaltung wirklich geht: Die Konferenz in St. Gallen dient in erster Linie dazu, Israel-Kritik einmal mehr mit Antisemitismus gleichzusetzen und damit zu disqualifizieren. Dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da Israel seine völkerrechtswidrige Aggressions- und Expansionspolitik im Nahen Osten weiter auf die Spitze treibt. Ein Fakt, zu dem die offizielle Schweiz und israeltreue Leitmedien weiterhin beharrlich schweigen.
Damit bewegt sich Cassis mit seiner OSZE-Antisemitismuskonferenz letztendlich im gleichen Fahrwasser wie die Antisemitismus-Konferenz «Generation Truth» in Jerusalem, zu welcher Ende Januar 2026 Rechtspopulisten und rechtsextreme Politiker aus aller Welt nach Israel gereist waren. Unter den Teilnehmenden figurierten unter anderen der österreichische Ex-Kanzler Sebastian Kurz, der holländische Rechtsextremist Geert Wilders, die britische Rechtsanwältin und Präsidentin der UK Lawyers for Israel Natasha Hausdorff sowie Flávio Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Staatspräsidenten von Brasilien.
Letzterer wurde in Jerusalem regelrecht als Stargast gefeiert. So postete etwa der Champel Capital-CEO Amir Weitmann in den Sozialen Medien ein Bild, das ihn an besagter Konferenz beim Händeschütteln zeigt – mit «dem Oppositionsführer in Brasilien, und, so Gott will, dem nächsten Präsidenten Brasiliens», wie der Likud-Politiker mit Schweizer Pass dazu schreibt.

In seinem Post stellt er auch gleich noch klar, weshalb Bolsonaro für ihn und seinesgleichen ein Hoffnungsträger ist: «Die Entwicklungen in Südamerika sind seit dem Sieg von Milei bei den Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren faszinierend. Es ist wichtig, daraus Lehren zu ziehen, damit wir verstehen, wer unsere Freunde und wer unsere Feinde sind: Jedem, der auch nur ein wenig Verstand hat, sollte klar sein, dass unsere Freunde auf der rechten Seite und unsere Feinde auf der linken Seite der Weltpolitik stehen.»
Dies ist ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie sehr die vordergründige «Bekämpfung von Antisemitismus» von Rechtsaussen usurpiert worden ist. Dies hat nicht zuletzt mit der problematischen Definition der «International Holocaust Remembrance Alliance» IHRA zu tun, die der Schweizer Politik seit 2021 als Leitfaden dient und somit natürlich auch Cassis, dem OSZE-Vorsitzenden mit israel-lobbyierender Vergangenheit.
Demnach werden kritische Voten zum Staat Israel a priori als antisemitisch abgestempelt, genauso wie der Aufruf zum Boykott von israelischen Produkten oder der (durchaus passende) Vergleich der aktuellen israelischen Politik mit jener der Nationalsozialisten. Dass die Gleichung jüdisch = israelisch erwiesenermassen schlicht falsch ist, wird dabei gefliessentlich ausgeblendet.
Dies geht soweit, dass etwa die Berner Stadtregierung in einem durch die Medien publik gemachte Antwort auf einen offenen Protestbrief der Gesellschaft Schweiz-Israel über «israelische Gemeinschaften» schrieb, die besonders gefährdet seien. Erst auf die Nachfrage eines Lesers wurde der Fehler erkannt: Gemeint seien selbstverständlich, so Stadtpräsidentin Marieke Kruit (SP) in ihrem Entschuldigungsschreiben, nicht israelische, sondern jüdische Gemeinschaften…
Die allgegenwärtige Dominanz der von einer geschäftigen Israel-Lobby orchestrierten Antisemitismus-Klagen führt dazu, dass andere Minderheiten, die mindestens ebenso gefährdet und bedroht sind, nicht gesehen und nicht gehört werden.
Dies gilt allen voran für muslimische Menschen, die im Namen der Antisemitismus-Bekämpfung in Sippenhaft genommen werden für alles, was die Hamaskämpfer gegen den Staat Israel unternommen haben. Angelehnt an das von Israel verbreitete Narrativ, dass im Gazastreifen sowieso alle (auch Kkinder und sogar die Ungeborenen) Hamassupporter seien. – Die Gleichung lautet in diesem Fall: Muslim = Hamas und ist natürlich ebenso falsch, wie die vorher erwähnte.
Ein eklatantes Beispiel dafür ist der versuchte Angriff auf einen orthodoxen jüdischen Mann in Zürich von letzter Woche. Die Tat eines vorbestraften Kriminellen wurde von den Israel-Propagandist:innen zum antisemitischen Attentat eines «gläubigen Muslims» hochstilisiert. Auch Consigliere Cassis nahm in seiner OSZE-Eröffnungsrede in St. Gallen darauf Bezug. Als wäre Antisemitismus in der Schweiz mit Abstand das grassierendste Rassismusproblem.

Die Eidgenössische Fachstelle für Rassismusbekämpfung korrigiert die «gefühlte» Wahrnehmung mit Fakten. Auf einer Skala von 1 (wenig) bis 4 (massiv) finden sich folgende Richtigstellung (2024):
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- Schwarzen Personen bei 1,86
- jüdischen Personen bei 1,94
- muslimischen Personen bei 1,99
- ausländischen Personen bei 2,3
Anti-Islamismus, Ausländerhass und Diskriminierung wegen der Hautfarbe waren unserem nicht neutralen Aussenminister jedoch kein Wort wert. Dies, obschon ausländische Personen am meisten Rassismus erleben, und Juden gemäss dieser Studie sogar ein Quäntchen besser dran sind als Muslime.
Weshalb also diese unverhältnismässige Medienaufregung wenn es um jüdische Betroffene geht, nicht aber, wenn Schwarze, Muslime oder Ausländer betroffen sind?
Bei jedem noch so kleinen Vorfall feuern die pro-israelischen Lobbyorganisationen Statements ab, die umgehend Eingang in die Medien finden. Wesentlich seltener werden hingegen zum Beispiel die genauso regelmässig verschickten Stellungnahmen der «Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich» VIOZ abgedruckt.
Eine wohlorganisierte Realitätsverzerrung, medial dankbar aufgenommen und weiterverbreitet.

Ignazio Cassis» Konferenz in St. Gallen war reine Show. Holocaust Bilder, Hamas Aufnahmen, israelische Flagge im Wind. Da geht es um Israel, nicht um Juden.„Antisemitismus“ wird missbraucht. Jede Kritik an Israels Politik wird als Judenhass abgestempelt. Das schadet Juden mehr, als es hilft. Am schlimmsten: Es trifft sogar Juden selbst. Gruppen wie „Jüdische Stimme“ oder ultraorthodoxe Neturei Karta, die Netanjahu ablehnen, werden als „antisemitisch“ gejagt. Selbst Politiker geraten in die Mangel, wenn sie das teilen. Absurd. Rechtspopulisten wie Wilders oder Bolsonaro feiern in Jerusalem als Helden. Zuhause hetzen sie gegen Muslime. Cassis tanzt mit. Fakten ignorieren sie. Die Fachstelle zeigt: Muslime und Ausländer leiden stärker unter Hass als Juden. Aber das passt nicht ins Narrativ. Folge: Echter Antisemitismus wird unsichtbar. Weil alles Israelkritische darunter fällt. Das ist keine Bekämpfung. Das ist Betrug. Genug jetzt.