Ein lauschiger Spätsommernachmittag lädt zum geselligen Beisammensein im milden Schatten unter dem Nussbaum. Ein Wort ergibt das andere, und wie so oft in diesen Tagen, dreht sich bald einmal alles um den Hitzesommer 2026 und dessen Auswirkungen.
Im Freundeskreis ist man sich einig: Die Klimaerhitzung kann nach den Erfahrungen der letzten Wochen von niemandem mehr ignoriert werden. Handeln tut Not. Und schon entspinnt sich eine hitzige Diskussion über das Wie und Wer.
Die Rede ist von Verantwortung und Perspektiven. Im Zentrum steht die Frage nach der Klimaverträglichkeit unseres Wohlstands – und inwiefern dieser Wohlstand längerfristig unser Wohlergehen gefährdet.
Zum Beispiel, wenn Wohlstand bedeutet, dass wir mit dem Auto oder Flugzeug ständig irgendwohin flitzen, wenn unser Herz danach begehrt. Und dass wir rund ums Jahr Blaubeeren aus Polen, der Ukraine, Peru und Namibia konsumieren, Kiwis aus Neuseeland oder Fleisch und Milchprodukte soviel wir wollen.
Und schon sind wir bei der Ernährungsinitiative. Von Plakatwänden und mit drohenden Parolen will man uns weiszumachen, dass bei Annahme dieses Volksbegehrens – so die Lügen-Behauptungen der Gegnerschaft – Milch- und Fleischprodukte von unseren Tellern verschwinden und wir uns zwangsweise vegan ernähren müssten.
Ein völliger Nonsens, sagt unser Common Sense. Und auch die Begründung der Sozialdemokrat:innen für ihre Nein-Parole, die Forderung nach einer nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion hätte zur Folge, dass sich ärmere Menschen hierzulande das Essen nicht mehr leisten könnten, ist schnell von unserem Diskussionstisch, weil fadenscheinig und falsch.
Während 1950 im Durchschnitt 35 bis 40 Prozent des Haushaltseinkommens in der Schweiz für Nahrungsmittel ausgegeben wurden, sind es aktuell gerade mal 6,3 bis 7,5 Prozent. Damit ist der Kauf von Nahrungsmitteln zu einem unbedeutenden Budgetposten geworden, viel stärker ins Gewicht fallen heute Ausgaben etwa fürs Wohnen, die Krankenkasse sowie für Freizeit und Ferien.
Die politisch gewollte Verbilligung von Nahrungsmitteln hat dazu geführt, dass Bäuerinnen und Bauern ohne staatliche Direktzahlungen und Subventionen von ihrer Arbeit nicht mehr leben können.

Fakt ist, dass unsere Landwirtschaft heute über das von Bund und Bauernverband gelenkte planwirtschaftliche Subventions-System gesteuert wird. Hier zeigt sich, wie nötig die von der Ernährungs-Initiative vorgeschlagenen Korrekturen sind: Weg von der einseitigen Förderung der Fleisch und Milch produzierenden Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, hin zu einer klimaangepassten Nahrungsmittelproduktion.
Die Tatsache, dass allein die Fleischvermarktungs-Genossenschaft Proviande jährlich mit Steuergeldern in der Höhe von über 5 Millionen Franken subventioniert wird, um den Konsum von Schweizer Fleisch anzuheizen, ist unhaltbar.

Stossend ist auch die ungebrochene staatliche Unterstützung der intensiven Milchproduktion, was in der Schweiz 2025 zu einer Überproduktion von 126’000 Tonnen Milch geführt hat. Ein Problem, das möglicherweise 2026 weniger akut ausfallen wird, da infolge der grossen Trockenheit in vielen Ställen Kraftfutter zur Mangelware geworden ist.
Mit einem JA zur Ernährungsinitiative könnten diese Fehlentwicklungen unserer fehlgeleiteten Landwirtschaftspolitik mit vergleichsweise wenig Aufwand korrigiert werden: Würde nicht mehr einseitig die Produktion von tierischen Nahrungsmitteln gefördert, wäre der Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln für Landwirt:innen wieder attraktiver. Nicht zuletzt, weil mit dem Anbau von Lebensmitteln für Menschen anstelle von Tierfutter mit viel weniger Energie viel mehr Nahrung produziert werden kann.
Eine Studie der ETH zur Selbstversorgung der Schweiz, die im Dezember 2025 publiziert wurde, zeigt auf, wie eine Änderung der Subventionspraxis in der Landwirtschaft dazu führen würde, dass «automatisch auch auf Handels- und Konsumseite Anpassungen im Sinne einer gesünderen Ernährung und eines resilienteren, effizienteren Ernährungssystems (mit einem daraus resultierenden höheren Selbstversorgungsgrad) erfolgen würden».
Die Wissenschaftler:innen haben zudem berechnet, dass ein weiteres Ziel der Ernährungsinitiative, das von der Gegnerschaft hart angegriffen wird, sogar übertroffen werden kann: Bei der Umstellung der Landwirtschaft weg von der forcierten intensiven Viehzucht hin zu einer Ressourcen schonenden, ganzheitlichen Produktion, kann der mit Annahme der Initiative anzustrebende Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent problemlos erreicht, ja sogar übertroffen werden.
Die beiden entscheidenden Hebel dafür sind, so die Studienautor:innen, die Reduktion von Food Waste sowie die Produktion von pflanzlichen Nahrungsmitteln anstelle von Kraftfutter für Tiere (Futtermais und ‑getreide). Weniger Kühe würde auch bedeuten, weniger Treibhausgas- und Stickstoffemissionen sowie eine Reduktion der Stickstoffüberschüsse. Eine klare Win-win-Situation, sowohl für die Ernährungssicherheit in unserem Land wie auch für die Umwelt und unsere Bäuerinnen und Bauern, die ihre Produktion, ob sie wollen oder nicht, früher oder später den Umweltbedingungen anpassen müssen.
Am Tag nach unserem Gespräch unter dem Nussbaum ruft mich ein Freund an: Er habe soeben seine Abstimmungsunterlagen erhalten und studiert. «Glaubst du, es gibt jemanden aus unserer gestrigen Runde, der für diese Initiative nicht ein überzeugtes JA einlegen wird?» fragt er.
Ich kann es mir nicht vorstellen. Doch die Mainstream-Debatte in den Leitartikel- und Kommentarspalten unserer Medien verläuft anders. Dies zeigt die aktuelle Umfrage von TA-Media, für die Ende August 12’000 Personen Auskunft gaben zur Frage, ob sie einen erhöhten Handlungsbedarf sehen würden in Bezug auf «Klimaschutz». Das Ergebnis war eindeutig: 74 Prozent der Befragten haben sich laut den Medienberichten für Massnahmen wie Hitzefrei, die Förderung von Klimaanlagen oder Unterstützungszahlungen in der Landwirtschaft, um Ernteausfällen wegen Trockenheit abzufedern ausgesprochen.
Kein Thema bei der Umfrage waren jedoch Massnahmen, wie sie die Ernährungs-Inititative vorschlägt. Massnahmen, die über eine kurzsichtige Symptombekämpfung hinaus, dringend notwendige langfristig Lösungen für unsere Ernährung in Zeiten des Klimawandels ermöglichen.


