Locarno, 8. August 2026. Im sommerlich-heissen Tessin ist das traditionelle Treffen der Filmbranche und der Amateur:innen der Kinowelt in vollem Gang. Auf der Seepromenade, in den Gassen der Stadt – überall sind Menschen unterwegs, mit gelb-schwarz gemusterten Festivalbadges um den Hals und gattopardischen Umhängetaschen. Sie geben sich locker, vergnügt – heile Welt, unbeschwerte, ungestörte Festivalstimmung.
Zweieinhalb Stunden vor dem täglichen Höhepunkt, dem abendlichen Film auf der Piazza Grande, versammelt sich bei den Containerbuden vor dem Festival-Eingang eine bunte Menschenmenge. Vor den schwarzen Stelen der Sponsoren schwingt eine Frau eine Palästina-Fahne und hält den Vorbeiflanierenden ein Transparent entgegen.

Ein paar Schritte weiter entrollen Aktivist:innen am Boden ein 60 Meter langes, weisses Transparent. Darauf aufgedruckt in schwarzer Schrift die Namen von Menschen, die seit dem Oktober 2023 in Gaza von der israelischen Armee getötet worden sind.
Meter für Meter immer neue Namen – pro Meter jeweils rund 10’000 Namen – Buchstaben in gedrängter Schrift, vierspaltig. Insgesamt über 60’000 Namen von Menschen, jeder einzelne steht für ein unfreiwillig beendetes, für ein gestohlenes Leben.
Die Initiant:innen der Aktion sprechen von einem symbolischen Leichentuch, mit dessen Präsentation in Locarno sie das unerträgliche Schweigen zu den mörderischen Operationen in Gaza brechen und ein weiteres Zeichen setzen wollen «gegen die Untätigkeit und die Missachtung des Rechts».

Zur Kundgebung aufgerufen haben die Gruppo 24 Maggio, die Swiss Healthcare Workers Against Genocide sowie die Volontari‑e Ticinesi per la Palestina, die damit ihren bereits im Frühjahr an den Bundesrat gerichteten Appell erneuerten, der bis heute ohne Antwort geblieben ist.
Das Engagement der Tessiner:innen löst ein stiess beeindruckendes Echo aus: Als das Leichentuch vollends ausgerollt ist, heben es Hunderte von Händen gemeinsam in die Höhe, während eine Gruppe Sänger:innen das palästinensische Freiheits- und Wiegenlied «Yumma Mweil il Hawa» anstimmt, dessen Refrain bald vielstimmig über den Platz erklingt.
Zuvorderst stehen einmal mehr Tessiner Ärzt:innen: Pietro Majno-Hurst koordiniert die Zeremonie per Megafon, während Franco Cavalli, Ex-Nationalrat und bis heute unermüdlicher Kämpfer für Palästina und die Menschenrechte, Flugblätter verteilt und das Gespräch mit Passant:innen sucht.

Die Reaktionen sind fast durchwegs positiv. Viele bleiben stehen, betrachten die Szenerie oder reihen sich sogar in die Menschenreihe entlang des Transparents ein. «Grazie», sagt eine ältere Dame, nachdem sie das Flugblatt gelesen und wir uns kurz unterhalten haben. «Es ist höchste Zeit, dass etwas geschieht…»
Während wir das Leichentuch in die Höhe halten, schweift mein Blick über die Namen. Ich will mir wenigstens den einen oder anderen merken. Später suche ich daheim per Internet nach weiteren Informationen. Zahlreiche Namen finde ich Genozid-Archiv, das Auskunft gibt über Alter und Geschlecht der Ermordeten.

Da ist etwa Amira Fawzi Mohammed Al-Ghafri, die gerade mal 28 Jahre alt wurde. Walaa Yousef Ahmed Abu und Farouk Sami Atiya Abu Khattab waren beide 27jährig, als Israel ihrem Leben ein Ende setzte. Für Laila Salim-Mustafa Al-Naffar finde ich keine Altersangabe. Dafür weitere Informationen über ihren Tod und ihre Identität: Sie war die Tochter des bekannten palästinensischen Dichters und Autors Saleem Al-Naffar, dessen Familie am 7. Dezember 2023 durch eine israelische Bombe zerfetzt wurde…
Die würdevolle, ruhige Kundgebung in Locarno dauerte etwa eine Stunde – danach wurde das Leichentuch wieder eingerollt. Die Tessiner Medien haben ausführlich darüber berichtet – das Tessiner Fernsehen hat am Samstag sogar seine tägliche Festival-Berichterstattung damit eröffnet, und die Tagesschau sendete um 20 Uhr einen Bericht mit eindrücklichen Bildern.

In den sozialen Medien gab es viel Zuspruch, und sogar Variety, das Branchenblatt Nr. 1 der Film- und Unterhaltungsindustrie sowie Medien bis nach Pakistan berichteten über die Aktion. – Man hat den Eindruck: Alle, ausser in der Deutschschweiz: Die Redaktionen ennet dem Gotthard haben, trotz breit verschickter Vorankündigung, die Kundgebung zu Gaza als uninteressant und nicht erwähnenswert eingestuft. Die SDA begnügte sich mit einer kurzen Berichterstattung auf französisch, die immerhin von einigen Plattformen aufgenommen wurde.

Einmal mehr stellt sich deshalb die Frage: Wie können wir die deutsche Schweiz aufwecken, wenn die Medien zwischen Birs und Rheintal ihr Publikum derart bevormunden? Gibt es in diesem Landesteil eigentlich keine Ärzt:innen, die gemeinsam Aktionen ergreifen und für ein menschenwürdiges Leben in Gaza auf die Strasse gehen, wie im Tessin?
Oder andere Berufsgruppen? Wie etwa die Journalist:innen? Deren Verbände und Gewerkschaften sich bislang ebenfalls in Zurückhaltung üben, sogar wenn Israel unsere Kolleg:innen im Nahen Osten mit Bomben und Drohnen exekutiert.

